Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 29

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Der Kommandant von Spandau war ein alter Kriegskamerad von Pfündöl, den er zu besuchen sich vornahm. Er lud mich ein, ihn zu ihm zu begleiten. Ich kannte das berüchtigte Spandau noch nicht und willigte daher mit Vergnügen in den Vorschlag; auch Pogwisch war mit von der Partie, und wir ritten eines Morgens früh nach Spandau ab. Als wir in das alte Nest kamen, hatte ich beinahe einen Schauder, und es war mir ganz unheimlich zumute; besonders machte die feste Zitadelle einen schlimmen Eindruck, und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn du hier einmal als Staatsgefangener dein Leben beschließen müßtest? -- Beim Kommandanten wurden wir aber so wohl aufgenommen und so gut bewirtet, daß ich schnell wieder andere Gedanken bekam. Als wir nach Tisch alle Spandauer Herrlichkeiten und Traurigkeiten besehen hatten und uns zur Heimkehr nach Berlin anschicken wollte, da fiel es Pogwisch ein, noch einen alten Major, einen Freund seines verstorbenen Vaters, aufzusuchen, wohin wir ihn begleiteten. Als wir bei dem braven Mann eintraten, saßen zwei Damen auf dem Sofa, die, uns bewillkommnend, sich sogleich erhoben. Aber kaum traute ich meinen Augen: in der einen derselben erkannte ich sogleich meine so lange gesuchte Luise! -- Vor freudigem Erstaunen war ich fast starr und sprachlos. Das holde Mädchen, in einem sehr einfachen weißen Kleid, sah lieblicher aus wie ein Seraph und so frischblühend, als sei es die eben den Meereswogen entstiegene Aphrodite, die unmöglich reizender gewesen sein kann als dieses sozusagen in Lieblichkeit und Anmut schwimmende Kind, ein Engel scheinend, wie sie vor Gottes Thron schweben müssen. Der invalide Major hieß uns freundlich willkommen und stellte uns den Damen vor, wovon die älteste seine Schwester, die Oberstleutnant von D..., und die jüngere deren Tochter, seine Nichte war. Nie in meinem Leben habe ich das banale: »Es freut mich außerordentlich, Ihre werte Bekanntschaft zu machen,« mit mehr Wahrheit als diesmal ausgesprochen, und noch glücklicher fühlte ich mich, als ich erfuhr, daß die Damen sich nur zur Geburtstagsgratulation ihres Bruders und Oheims hier eingefunden und diesen Abend ebenfalls nach Berlin zurückzufahren gesonnen seien, wo sie in der Kronenstraße wohnten; daß wir sie eskortieren würden, nahm ich nun als ausgemacht an. Wir verweilten noch anderthalb Stunden in ihrer Gesellschaft, während welchen ich Luisens Mutter um die Erlaubnis bat und sie erhielt, ihr in Berlin meine Aufwartung machen zu dürfen. Bei der Rückreise wich ich nicht vom Schlag der Kutsche und unterhielt mich auf das anziehendste mit dem ebenso geistreichen als schönen Mädchen, während Mama bald in Morpheus Armen ruhte. Tief in der Nacht oder vielmehr nach Mitternacht kamen wir bei der Wohnung der Damen an, die in geringer Entfernung von der unsrigen war, und erst jetzt bemerkte ich, daß ich längst meine beiden Reisegefährten verloren hatte. Was so nahe war, hatte ich so lange und so weit gesucht; so geht es aber in der Regel. Noch eine ganze Stunde mußte ich zu Hause auf die Rückkunft meiner beiden Begleiter warten, die ganz gemächlich angeritten kamen und mit dem viel rascher fahrenden Wagen nicht gleichen Schritt hatten halten wollen; als ich sie deshalb zur Rede stellte, erwiderten sie mir: »Uns spornt auch kein Gott Cupido!« -- Ich hatte jetzt fast für nichts mehr Sinn, als dem schönen Fräulein von D... emsig den Hof zu machen, wozu mir wieder die Musik den Weg bahnte und Gelegenheit gab, da Luise eine schöne Stimme hatte und gut sang. Die neue Bekanntschaft machte mich glut- und feuersprühend wie noch wenige, aber vergeblich, denn Mama ließ das schöne Töchterchen, das selbst noch ein gar schüchternes Täubchen war, auch keine Sekunde allein; ein verstohlenes Händedrücken machte sie schon am ganzen Leibe zittern. Sollte mich die innere Glut nicht verzehren, so mußte ich sie wohl von Zeit zu Zeit bei anderen Schönen löschen, was ich denn auch nicht unterließ. -- Daß ich alles mögliche versuchte, auch Luise zu verführen, gestehe ich ein, ebenso, daß ich es trotz der unsäglichsten Mühe nicht dahin bringen konnte, dank der Mama und den Grundsätzen, die sie dem Mädchen eingeprägt, das durchaus nicht einmal ein Briefchen von mir annahm. Unter den vielen Manövern und Umtrieben, die ich veranstaltete, Luise zu Fall zu bringen, war auch eine glänzende Schlittenfahrt _en Costume_, die ich mit Hilfe Pogwischs veranstaltete. Der erste, für die Musik bestimmte Schlitten stellte ein altgriechisches Schiff vor, dessen Mast bunt bewimpelt war und an dessen Vorderseite eine goldene geflügelte Viktoria, die Siegesfahne in der Hand schwingend, schwebte. Vier prächtig geschmückte Rappen zogen dasselbe. Wir hatten über achtzig schöne Rennschlitten, fast alle vergoldete Tier- oder allegorische Figuren vorstellend, zusammengebracht, jeder hatte zwei Vorreiter, mehrere auch noch Nachreiter. Nun ging es, nachdem man sich rangiert hatte, mit rauschender Musik, Peitschengeknall und Schellengerassel die Linden auf und nieder, dann über den Schloßplatz durch die Königsstraße, die neue Friedrichsstraße, die Heiligegeist-Straße, wieder über den Schloßplatz, am Hausvogteiplatz vorbei, dann durch die Jerusalemerstraße, die Leipzigerstraße hinab, durch die Wilhelmsstraße und am Wilhelmsplatz vorbei, die Mohrenstraße wieder hinauf, durch die Markgrafenstraße über den Gendarmenmarkt, die Charlottenstraße entlang, dann durch die lange Friedrichstraße bis unter die Linden, diese hinab und über den Pariserplatz zum Brandenburger Tor hinaus nach Charlottenburg, wo ein splendides Mittagessen bestellt war und eingenommen wurde. Wir fuhren fast durch alle Straßen, in denen Teilnehmer an dieser Schlittenfahrt wohnten, und ich hatte es zu veranstalten gewußt, daß beinahe alle Berliner Damen, mit denen ich näher bekannt, von der Partie waren. Die Kostüme waren zum Teil sehr geschmackvoll, reich und prächtig, meistens der romantischen Theater- und Dichterwelt entnommen, so zum Beispiel die Hauptpersonen aus Ariosts Orlando, Wielands Oberon und Tassos befreitem Jerusalem. Luise, die zu fahren mir gelungen war, saß in einem einen goldenen Schwan vorstellenden Rennschlitten und war als Diana kostümiert. Nach Tisch, der bis zur sinkenden Nacht währte, wurde getanzt, und erst gegen zehn Uhr fuhren wir bei dem Schein von einigen hundert Fackeln wieder nach Berlin zurück und durch dessen Hauptstraßen jede Dame heim.

Ich war jetzt so enchantiert von Berlin, seinen Vergnügungen und der spröden Luise, die mir denn doch, wenn auch in Gegenwart der Mama das Schlittenrecht hatte gewähren müssen, daß ich mir vornahm, alles aufzubieten, den nächsten Winter ganz in Preußens Hauptstadt zubringen zu können; zu diesem Ende meldete ich mich bei dem Oberst von Witzleben mit der Bitte, mich doch für das nächste Jahr in der Kriegsschule verwenden zu wollen, wo ich Vorlesungen über Fortifikation und den Felddienst überhaupt sowie über Strategie zu halten beabsichtige. Da ich von mehreren Generälen und von der Prinzessin Wilhelm, der ich dieses Vorhaben, das sie vortrefflich fand, mitgeteilt, gute Empfehlungen hatte, so wurde mir auch eine solche Anstellung für den nächsten Winter zugesagt, wenn ich das hierzu erforderliche Examen bestünde, wofür mir nicht bange war, da ich den Felddienst und was dazu gehörte sehr praktisch kennen gelernt und außerdem noch acht Monate hatte, mich auch theoretisch mehr vorzubereiten. Aber die Vorsehung hatte mir eine andere Schule als die Kriegsschule zu Berlin reserviert, auch eine Art Prüfungsschule; doch ich will den Ereignissen nicht vorgreifen. Noch wohnte ich dem Ordensfest, das diesmal äußerst glänzend gefeiert wurde, sowie einem dieserhalb zu Ehren gegebenen großen Diner bei, an dem fast die ganze in Berlin anwesende Generalität und die meisten Stabsoffiziere teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit sah ich den König, einen Monarchen, der vollkommen die seltene Liebe und Hochachtung, die man ihm zollte, verdiente, in der Domkirche über eine Stunde ganz in der Nähe und konnte bemerken, daß seine Andacht bei der religiösen Feier gewiß keine erheuchelte war, sondern ihm von Herzen ging.

Über zwei Monate waren wir nun schon in Berlin und hatten um vierzehn Tage Verlängerung unseres Urlaubs gebeten und erhalten. Meine Kasse, obgleich ich für den gewöhnlichen Unterhalt nicht zu sorgen hatte und trotzdem ich die des Bankiers Mendelsohn auf Rechnung meines Vaters einigemal angesprochen, war durch die vielen außerordentlichen Ausgaben, wozu auch noch die Geburtsfeste der beiden Frauen von Pogwisch gekommen waren, denen ich nicht umhin konnte, elegante Präsente zu machen, so ziemlich erschöpft, und es war daher hohe Zeit, wieder nach unserer Garnison Kolberg abzureisen, was wir auch nach gehörigem Abschied von dem schönen Berlin und seinen anmutigen Bewohnern und besonders Bewohnerinnen taten. Wir traten die Reise im Königsberger Postwagen an, gelangten Mitte Februar ohne alle Abenteuer wieder in die treffliche Festung und wurden freundlich und fröhlich empfangen.

IX.

Frau v. Schätzel. -- Madame Schröder, der Kolberger Krösus. -- Ihre Feste und Landpartien. -- Eine Schlittenfahrt mit Folgen. -- Ein Duell. -- Eine gefährliche Fensterpassage. -- Ich belausche wider Willen eine Kaffeegesellschaft. -- Ein Kaffeebad. -- Ich führe einen Transport zu dem Okkupationsheer nach Frankreich. -- Stettin. -- Ein Konzert rettet aus Not und Tod. -- Ich werde vom Dienst suspendiert. -- Rombergs Schauspieler-Gesellschaft zu Kolberg. -- Sechsmonatlicher Festungsarrest in Weichselmünde. -- Neufahrwasser. -- Danzig und seine Vergnügungen. -- Abreise nach Marienburg.

Auch in Kolberg waren bei unserer Ankunft die Winterfreuden, wenn auch im Vergleich mit Berlin in sehr verjüngtem Maßstab, in vollem Gang. Ich knüpfte die alten Bekanntschaften wieder an, machte dazu neue, unter denen die liebenswürdige Frau von Schätzel, eine geborene Schick, die früher in der Oper zu Berlin als treffliche Sängerin glänzte und den Landrat von Schätzel, der sich sterblich in sie verliebte, geheiratet hatte. Aber kaum ein Jahr dauerte das Glück dieser Ehe ungetrübt fort, als der Landrat plötzlich verhaftet und in strengen Arrest gebracht wurde. Er hatte sich einen Unterschleif von mehr als zehntausend Talern zu schulden kommen lassen, wurde kassiert und auf zehn Jahre auf die Festung Kolberg gesetzt. Seine Frau war ihm dahin gefolgt und gab in den ersten Häusern daselbst Unterricht im Klavier und Gesang, wodurch sie sich anständig ernährte. Ihrem Mann gestattete der Kommandant, in der Stadt wohnen zu dürfen, und mit Hilfe seiner Frau gelang es ihm, einen Journalzirkel zu errichten, der ihm ein paar hundert Taler jährlich einbrachte; somit war die Familie wenigstens in leidlichen Umständen. Da Frau von Schätzel eine sehr liebenswürdige, geistreiche und talentvolle Dame war, so wurde sie zu allen Gesellschaften und Partien _de plaisir_ eingeladen. Ich hatte zuerst ihre Bekanntschaft bei einem Fest gemacht, das der Kolberger Krösus, eine Madame Schröder, gab und nicht weniger als drei Tage hintereinander währte. Den ersten Tag war großes Diner und Ball in ihrem neuerbauten Haus auf dem Markt in der Stadt, an den beiden folgenden wurden Landpartien auf die Rittergüter der Dame gemacht, die deren nicht weniger als ein halbes Dutzend der ergiebigsten in der Umgegend von Kolberg besaß, ein Einkommen von mehr als vierzigtausend Talern jährlich hatte und dabei eine Witwe von etwa achtunddreißig Jahren sein mochte. Wie sie oder vielmehr ihr seliger Mann, der bis zum Jahre 1807 nur ein ganz unbedeutender armer Krämer gewesen, der Tee, Kaffee, Zucker und so weiter lotweise verkaufte, zu diesem Reichtum kamen, verdient wohl angeführt zu werden. Als Napoleon die Kontinentalsperre gegen England in beinahe ganz Europa angeordnet hatte, ernannte er auch einen französischen Konsul in Kolberg, das, wie wir bereits wissen, keine Franzosen -- Gefangene ausgenommen, unter denen sogar der Marschall Victor war, den man dahin gebracht -- gesehen hatte. Das Haupt- oder alleinige Geschäft dieses Konsuls war hauptsächlich, streng darauf zu sehen, daß keine englischen Waren und von England kommende Kolonialwaren hier eingeschmuggelt würden. Der Kaffee kostete damals über einen Taler das Pfund, der Zucker ebensoviel in ganz Preußen und Deutschland; Schröder und noch ein anderes Haus namens Plüddemann verständigten sich mit dem Herrn Konsul und erhielten ungeheure Quantitäten Kolonialwaren von England, die als von Dänemark kommend eingeführt wurden. Der außerordentliche Gewinn, den dieses gewagte Unternehmen abwarf, wurde mit dem Konsul geteilt, und über vier Jahre, bis 1813 Preußen gegen Frankreich aufstand, währte dieser lukrative Schmuggelhandel, bei dem die Beteiligten so klug waren, ihre gewonnenen Reichtümer so geheim zu halten, daß niemand etwas davon ahnte. Erst als Schröder zu Anfang des Jahres 1814 starb und sein Testament eröffnet wurde, fand es sich, daß er bereits Besitzer von vier fetten pommerschen Rittergütern war, wenigstens ein halbes Dutzend Kauffahrteischiffe auf der See gehen hatte, die von den Engländern nichts zu riskieren gehabt, und an barem Geld und pommerschen Pfandbriefen fanden sich mehrere hunderttausend Taler vor. In seinem Testament hatte er unter anderem verordnet, daß seine Witwe -- er hinterließ vier Kinder --, so lange sie lebe und sich nicht wieder verheirate, über den Nießbrauch des Vermögens verfügen, ihr aber im letzteren Fall nur ein Jahresgehalt von fünfzehnhundert Talern verbleiben solle; zu Testamentsvollstreckern und Vormündern der Kinder hatte er den Kaufmann Dresow und den Apotheker Julius ernannt, und Madame Julius ward nun die Gesellschaftsdame der Madame Schröder, wobei sie und ihr Mann sich trefflich standen, da die Dame ebenso schlau und listig als ihr Gatte stupid und Madame Schröder borniert war. Letztere, die sich nun plötzlich von einer armen Krämersfrau, denn sie selbst hatte den Reichtum ihres Mannes nicht geahnt, in eine reiche Guts- und Kapitalienbesitzerin verwandelt sah, wußte sich gar nicht in ihr großes Glück zu finden und beging eine Albernheit nach der anderen, zu der sie durch ihre gute Freundin verleitet wurde, da diese ihren Vorteil bei den dummen Streichen fand. Das alte kleine Häuschen, in welchem der selige Mann so viel Geld erworben, war natürlich jetzt keine passende Wohnung mehr für die Frau Rittergutsbesitzerin. Sie mußte einen Palast auf dem Markt haben; da sich aber kein solcher auf demselben befand, so mußten einige alte Häuser erstanden und niedergerissen werden, damit er gebaut werden konnte. Madame Julius wollte ihre beste Freundin zur nächsten Nachbarin haben. Ein neben der Apotheke stehendes Haus war zu verkaufen, hatte aber nur eine sehr schmale Fassade auf dem Markt, jedoch einen langen Hof, dessen Mauer in ein enges Seitengäßchen ging. Madame Julius beredete nun ihre Freundin, dieses zu einem sehr hohen Preis -- sie erhielt von dem Eigentümer das Dritteil als Maklergeld -- zu kaufen. Das Haus wurde niedergerissen und der Palast an dessen Stelle erbaut, der nur drei Fenster in der Front auf den Markt, aber eine lange Fassade in das Gäßchen erhielt, und da doch ein Stück vom Hof bleiben sollte, so waren die Gänge, welche zu den Zimmern führten, so schmal, daß kaum zwei schmächtige Personen nebeneinander gehen konnten, Madame Schröder und ihre Freundin am wenigsten, da beide sehr korpulent waren. Nicht einmal die vier Pferde, prächtige Mecklenburger, die Madame Schröder gekauft, konnten einen Stall in diesem Palast erhalten und mußten auswärts einlogiert werden. Die Ameublierung dieses Hauses war so barock wie dessen Bauart. Die Decken der Gemächer waren alle mit wunderlichen Figuren bemalt, an allen Ecken waren Amors angebracht, die ihre Pfeile abdrückten, und ein vergoldeter Cupido schwebte über dem Betthimmel der Dame und schoß seinen Pfeil gerade auf die Mitte des Bettes ab. In dem größten Salon war der ganze Olymp abkonterfeit, und zwar bei einem Göttermahl, bei dem pommersche Gänsebrüste, Hamburger Pökelfleisch, Kolberger Neunaugen, Lachs, Pasteten dampfend vor Jupiter und Frau Juno standen, und Apoll und Frau Diana tranken Gesundheiten aus Champagnergläsern; Minerva trank Schokolade, Mars Ale, und Venus hatte eine Tasse Kaffee vor sich. Dies alles hatte Madame Julius so angegeben. In den nicht sehr großen Zimmern waren so viel Mobilien, Sofas, Kommoden, Kanapees, Sessel und Quincaillerien aufgestellt, daß sie wie bei vielen Pariser Parvenües eher Warenmagazinen als Wohnzimmern glichen. Madame Schröder und ihre Freundin fuhren nicht mehr anders als in einer Staatskarosse mit den vier Mecklenburgern lang bespannt aus, und wenn sie sich nur zu einer Kaffeegesellschaft in das Nebenhaus begaben, so daß oft die Kutsche noch an der Haustür der Madame Schröder hielt und die beiden Vorderpferde schon mit ihren Köpfen fast an das Haus, wo man sich hinbegab, reichten. Zu dem Einweihungsfest dieses Hauses waren alle Honoratioren und das ganze Offizierkorps der Garnison geladen; von Mittag bis zur Nacht währte die Mahlzeit. Ich hatte schon gar mancherlei Essen in so verschiedenen Ländern beigewohnt, aber noch nie war mir eine solche An- und Aufhäufung von allen möglichen Speisen durcheinander vorgekommen. Unmittelbar nach dem Essen, von dem manche der Gäste mit beschwerten Köpfen und zum Zerplatzen gefüllten Mägen den Tisch verließen, folgte der Tanz. Während der Pausen sang ich einigemal Duette mit Frau von Schätzel aus verschiedenen Opern und tanzte dann mit der hübschen Sängerin mehr als ich sollte, wodurch ich Madame G..., die Frau Doktor M... und noch andere Damen in üble Laune versetzte. Die ganze Nacht durch wurde getanzt, gebechert und geschmaust, und mit Tagesanbruch wurden Anstalten gemacht, die Landpartie auf die Güter der Dame anzutreten. Jedermann begab sich ein paar Stunden nach Haus, um seine Landtoilette zu machen, und gegen zehn Uhr morgens fuhr die ganze Gesellschaft, über hundert Personen, in einigen zwanzig Wagen, größtenteils Korbwagen mit Bauernpferden bespannt, welche alle die freigebige Wirtin besorgt hatte, nach dem nächsten Rittergut derselben ab, wo man wieder mit Schmausen und Zechen begann, musizierte, tanzte und spielte und dann weiter nach einem anderen Gut fuhr. Am Tag sang und beschäftigte ich mich viel mit der äußerst liebenswürdigen Frau von Schätzel, und wenn die Nacht herankam, machten wir _tête-à-tête_ romantische Promenaden in die Gärten und Felder _au clair de lune_, von denen wir immer etwas ermüdet heimkehrten. Drei Tage währte dies seltsame Nomadenleben, von dem alle, die es mitgemacht, fatiguiert und abgespannt nach Kolberg zurückkamen und froh waren, wieder in das Geleise des Alltagslebens einzutreten.