Part 28
So kam allmählich der Winter heran. Hauptmann von Pfündöl und ich erhielten sehr freundliche Einladungen von Pogwischs in Berlin, einen sechswöchentlichen Urlaub zu nehmen und sie zu besuchen. Trotz aller Freuden, die mir jetzt in Kolberg blühten, ließ ich mich doch bereden, die gutgemeinte Einladung anzunehmen, auch hatte ich so halb und halb die Absicht, die Versetzung an den Rhein auszuwirken. Ich erbat und erhielt Urlaub und machte mich vierzehn Tage vor Weihnachten mit Pfündöl auf den Weg nach Berlin. Bis Naugarten hatten wir Extrapost genommen und uns dann in den von Danzig kommenden Postwagen gesetzt, in dem wir eine liebenswürdige Polin, die Gattin eines polnischen Ulanen-Rittmeisters, der bei der Armee in Frankreich stand, trafen, die ebenfalls nach Berlin und von da weiter nach Frankreich zu ihrem Mann reiste und gut französisch sprach, das Pfündöl, der außerdem schon ein Sechziger war, so wenig verstand wie die anderen Passagiere. Ich fand die junge Frau, die aus Königsberg kam, allerliebst und konnte mich um so ungestörter mit ihr unterhalten, als niemand verstand, was wir sprachen. Es war schon neun Uhr abends, als wir in Berlin ankamen, was ich zum Vorwand nahm, um nicht sogleich zu Pogwischs zu gehen, sondern im >Goldnen Engel<, wo ich schon früher logierte, mit der Frau Rittmeisterin abzusteigen, worauf auch Pfündöl einging, da er seine Verwandten nicht noch so spät inkommodieren wollte. Ich schlich mich nach elf Uhr auf Kathinkas nicht verschlossenes Zimmer, in dem noch Licht brannte, sie lag aber schon mit hochwallendem, zur Hälfte entblößtem Busen im Bette und schlief, oder wenigstens tat sie so. Ich weckte die Scheintote mit Küssen, die sich nun stellte, als erwache sie aus tiefem Schlaf. Es war aber schon zu spät, ihre Unschuld zu retten, aber immer noch früh genug, um im Hochgenuß mitfühlend zu schwelgen. Ihre bald weitgeöffneten schwarzen Feueraugen verrieten alle Glut hoher Lust, die Frau war so üppig und reizend gebaut, daß ich selbst in Spanien nie einen schöneren Frauenkörper kennen gelernt; erst gegen Morgen verließ ich das Zimmer der schönen Polin wieder, kleidete mich an und begab mich dann in das Pfündöls, um mit diesem zu frühstücken und hierauf zu Pogwischs zu fahren, wo wir mit großem Jubel empfangen und freudig aufgenommen wurden. Die Frau Rittmeisterin verweilte mir zu Gefallen noch acht Tage in Berlin, das sie noch nicht kannte und das sie kennen zu lehren, ich mich der Mühe unterzog. Wir führten sie bei Pogwischs ein, wo sie während ihres kurzen Aufenthaltes täglich in dem gastfreien Haus zu Tische geladen wurde. -- Minchen Pfeifer, bei der wir den anderen Tag die Aufwartung machten, war unterdessen förmlich die Braut des bei dem Armeekorps in Frankreich stehenden Regimentschirurgus geworden; dies hinderte nicht, daß wir das frühere Verhältnis wieder anknüpften, obgleich sie, als sie von Pogwischs erfuhr, daß ich wiederkommen würde, diesen gesagt hatte: »Wenn Herr Fröhlich kommt, so suchen Sie doch ja zu verhindern, daß er mich unter den jetzigen Umständen besucht.« Als sie mir bei der ersten Visite, die ich mit Pfündöl machte, zuflüsterte: »Nun, werde ich Sie recht oft bei uns sehen?« erwiderte ich ihr: »Sie haben es sich ja verbeten.« -- »Ach, das war nicht so gemeint,« versetzte sie, »aber man muß den Leuten ein wenig Sand in die Augen streuen, damit man nicht für so leichtsinnig gehalten wird; wir können indessen immer zusammen musizieren, wenn ich auch Braut bin, das tut nichts, aber versteht sich alles in Ehren.« -- »Ja, mein Fräulein, in Ehren kann man alles tun, und so wollen auch wir es machen.« -- Wir sangen nun wieder öfters miteinander und trugen die Duette, wenn wir allein waren, mit so großem Ausdruck und so handgreiflicher Aktion vor, daß auch der strengste Kritiker und Rezensent hätte bezeugen müssen, daß die vollkommenste Natur dabei herrschte. -- Auch auf dem Schloß machte ich meine untertänigste Aufwartung bei der Prinzessin Wilhelm, die mich wieder sehr freundlich empfing und mich unter anderem fragte, wie es mir in den preußischen Diensten gefalle, worauf ich ein: »Vortrefflich, Hoheit!« erwiderte. Während meines Aufenthaltes in Berlin wiederholte ich noch einige Male meine Aufwartung. -- Nachdem acht Tage verflossen, setzte die schöne Polin ihre Reise nach Frankreich fort, und ich wurde dadurch freier in meinem Tun und Treiben. Der diesmalige Aufenthalt in Berlin war noch unterhaltender für mich als der frühere, denn wir machten viele neue Bekanntschaften, da wir Empfehlungsbriefe von in Kolberg garnisonierenden Offizieren an deren Verwandte mitgebracht hatten, wodurch wir viele Einladungen erhielten, die uns manche angenehme Stunde hinbringen halfen. Unter anderen lernte ich auch die liebenswürdige Gattin des Herrn von L..., eines Abgeordneten aus Stralsund, das eben erst preußisch geworden war und deshalb Deputierte nach Berlin gesandt hatte, kennen, sowie eine Justizrätin von M... und eine Oberstin von M... Jede dieser Damen war gleich anziehend für mich, und lange schwankte ich, welcher ich den Vorzug geben solle; die Munterkeit und das heitere Wesen der Justizrätin machte bald, daß ich mich vorzugsweise für diese entschied. Sie war eine Schwägerin der Frau von L..., und ich hatte nun freien Zutritt in all diesen Häusern, wo ich manche höchst vergnügte Stunde zubrachte. Dabei hatte ich auch einige der älteren Bekanntschaften wieder erneuert, namentlich die der reizenden Schauspielerin Demoiselle D..., die aber, wie sie mir selbst gestand, jetzt Besuche von einer hohen Person erhielt und mich deshalb nur verstohlen empfangen konnte. Mein Verhältnis mit der Justizrätin wurde indessen durch einen unangenehmen Zufall bald unterbrochen. Ich hatte eines Morgens einen Korb mit schönen Austern an dieselbe durch meinen Bedienten geschickt und ihr in einem Billettchen dazu geschrieben, daß ich mich um elf Uhr -- die Zeit, wo ich wußte, daß ihr Mann in Amtsgeschäften sei -- bei ihr einfinden würde, um die delikaten Schaltiere mit ihr zu frühstücken. Das in unser Geheimnis eingeweihte Stubenmädchen empfing den Korb, etwas später mich, und wir aßen die Austern fröhlich zusammen und ließen sie in süßem Ungarwein schwimmen. Alles ging nach Wunsch und lief ungestört ab. Vor ein Uhr entfernte ich mich, weil nach dieser Stunde der Herr Gemahl sich zum Mittagessen einzufinden pflegte. Nun hatte aber das unbesonnene Mädchen die Austernschalen auf einem Wasserstein in der Küche stehen lassen, und als Herr von M... gegen zwei Uhr kam und zufällig gegen seine Gewohnheit einen Blick in die Küche warf, um zu fragen, ob das Essen fertig sei, sah er die Austernschalen. -- »Was ist denn das?« fragte er das erschrockene Mädchen, das nach einigem Zögern stotterte: »Madame hatte plötzlich ein so großes Gelüst nach Austern, daß ich deren holen mußte.« -- »So, und wie mir scheint, eine ziemliche Quantität; da sind ja mehr als hundert Schalen.« -- Der Justizrat eilte nun in das Wohnzimmer und sagte zu seiner Frau: »Du hast heute morgen Austern gegessen?«, worauf sie erschrocken versetzte: »Ich glaube, es träumt dir, mein lieber Mann.« -- »Wie, die ganze Küche liegt voller Schalen, und das Mädchen sagte mir, du habest plötzlich eine so große Lust nach diesem Leckerbissen gehabt, daß sie deren habe holen müssen. Ich hätte nichts dagegen, wenn es ein Dutzend gewesen wäre, aber über ein Hundert, das kostet ja an zwei Friedrichsdor.« -- Die Frau sah jetzt wohl ein, daß sie die Sache auf Rechnung ihrer Genäschigkeit schieben müsse, und dankte Gott, auf diese Weise, doch mit einem wenn auch etwas derben Verweis davonzukommen, indem der Mann sagte: »Du bist ja doch nicht in der Hoffnung, soviel ich weiß, und wäre es, gleich ein Hundert zu verzehren, dergleichen Sprünge verbitte ich mir, sonst werde ich dir einen Riegel vorschieben, der dich verhindern soll, künftig so extravagante Ausgaben zu machen; ein Hundert Austern, solche Depense macht der König nicht!« -- So wäre die Sache abgemacht gewesen, wenn der Justizrat nicht zwei Tage darauf ein anonymes Billettchen erhalten hätte, in dem man ihm schrieb: »Sie sind sehr schwachköpfig, zu glauben, daß Ihre Frau die Austern -- es waren ihrer anderthalb Hundert -- allein verspeist habe. Sie hat sie bei einem _tête-à-tête_ mit einem Offizier gegessen, und beide haben Ungarwein dazu getrunken.« -- Jetzt war der Teufel los, der Mann rannte heim, stellte seine Frau zur Rede, examinierte als geübter Jurist wie in einem peinlichen Verhör die Mägde, aber alle leugneten beharrlich, schrien über schändliche Verleumdung, und seine Frau sagte: »Mein Gott, siehst du denn gar nicht ein, lieber Mann, daß dich irgendein Spaßvogel zum besten hat und den Austernschmaus zum Vorwand nimmt, um dich zu hetzen, Zwietracht unter uns zu stiften und sich dann ins Fäustchen zu lachen? Besinne dich nur, mit wem du von der Sache gesprochen, und es muß dir klar werden, wer den Wisch geschrieben.« Die Zofen stimmten so kräftig mit den Worten ihrer Herrin überein, daß es dem armen Mann ganz schwül wurde und er endlich den Gläubigen spielte; in der Tat hatte er mit einigen Freunden von der Nascherei seiner Frau gesprochen, aber dennoch traf er solche Anstalten, daß dergleichen Frühstücke oder Soupers wenigstens in seinem Hause künftig unmöglich wurden. Dagegen fand sich Gelegenheit, uns außerhalb desselben zu entschädigen. Wer den anonymen Brief geschrieben, konnten wir nicht herausbringen, aber wahrscheinlich hatte eines der Mädchen, das einen Liebhaber gehabt, geplaudert, und so war die Sache weiter gekommen und wurde dann in den Berliner Salons, mit allerlei Zusätzen ausgeschmückt, erzählt. Meine alte Liebhaberei, zu einer Garde zu kommen, erwachte auch hier wieder, als ich der Musterung der königlich preußischen Garden, die von Paris zurückgekommen waren, beiwohnte, und die nicht nur eine vortreffliche militärische Haltung, ein martialisches Aussehen hatten, sondern auch fast ausgesucht schöne und noch junge Leute und sehr elegant und geschmackvoll uniformiert waren, namentlich die Kavallerie, besonders die Ulanen und Husaren. Da ich nun in den Soireen und bei Diners mehrere Generäle, unter anderen auch den Geheimrat Schmalz kennen gelernt und außerdem an der Prinzessin Wilhelm eine einflußreiche Beschützerin hatte, so hoffte ich wohl mein Vorhaben durchsetzen zu können, aber vergeblich; man machte mir wenig Hoffnung. Es hieß, daß nicht nur alle Garderegimenter vollzählig seien, sondern auch überdies eine große Zahl aggregierte Offiziere hätten; das Haupthindernis mochte indessen wohl sein, daß ich nicht zu der Klasse derer gehörte, die man von Adel nennt, gewiß eines der albernsten und stupidesten Vorurteile, welche menschliche Dummheit je geschaffen! Ich hatte indessen Gelegenheit gehabt, bei einem großen Diner, das im Börsensaal gegeben wurde und wozu Pfündöl und ich von einem Oberst Scholten von der Artillerie, von dessen Sohn wir an ihn empfohlen worden waren, eingeladen worden, den so tapferen als hochehrwürdigen Feldmarschall Fürsten Blücher kennen zu lernen, ohne den schwerlich Deutschland von dem napoleonischen Sklavenjoch jemals befreit worden wäre, ohne den die Verbündeten noch weniger Paris erblickt haben würden und ohne den die Schlacht bei Waterloo, wo Wellington mit seinen Engländern schon vollkommen geschlagen war, -- und mit ihr die deutsche Sache, -- wieder verloren gewesen wäre. Nie hat mich ein Mann in so hohem Grade angesprochen wie Blücher. Ich hatte nur Gelegenheit, wenige Worte mit ihm zu wechseln, aber was er sagte, war voll Kraft und Wahrheit. Biederkeit leuchtete aus seinen Augen und ging aus jedem seiner Worte hervor; vor diesem greisen Helden fühlte ich mich von Ehrfurcht und Hochachtung durchdrungen, während ein Napoleon nur ein unheimliches und unangenehmes Gefühl in mir erregt hatte und ich keine Spur von Achtung empfand.
Die Weihnachten waren herangekommen. Mit ihnen wurde es auch in Berlin recht lebendig, der ganze Weihnachtsmarkt war mit grünen Pyramiden, Spiel- und anderen Waren und den schönen und eleganten Kindern Berlins, zum Teil in kostbare Pelze gehüllt, von morgens bis abends angefüllt, was mir Gelegenheit gab, diese lebendigen Christpuppen die Musterung passieren zu lassen, manchen von ihnen auch in den nahegelegenen Konditorladen Josty oder den entfernteren eleganten des Konditors Fuchs unter den Linden zu folgen, wo sich die schöne Welt versammelte, unter grünen Laubdächern flüssige und kompakte Süßigkeiten einnahm und der Harmonie einer hinter Gebüsch und Teppichen verborgenen Musik zuhörte. Fast alle Konditorläden, welche von den Berlinern und besonders den schönen Berlinerinnen fleißig besucht werden, haben um diese Zeit sogenannte Ausstellungen, das heißt, es werden ganze Szenen aus Opern oder Schauspielen, ganze Volksfeste, wie der Stralauer Fischzug und so weiter, aus Figuren und Dekorationen von Kraftmehl in einem solchen Laden ausgestellt, die manchmal so meisterhaft ausgeführt sind, daß sich selbst ein Canova ihrer nicht zu schämen hätte. So entsinne ich mich, unter anderen eine Szene aus Wallensteins Lager von Schiller, die ein vollendetes Meisterstück genannt werden konnte, in einem Konditorladen unter den Linden gesehen zu haben; nicht allein, daß die Gruppierungen und der Ausdruck in den Gesichtern und den Stellungen ganz vortrefflich waren, sondern alle Figuren und Gesichter sahen den Schauspielern, welche die verschiedenen Rollen gaben, so sprechend ähnlich, daß man sie auf den ersten Blick erkannte, namentlich war dies mit dem Komiker Wurm und mit Devrient, der den Kapuziner machte, der Fall.
Bei meinen freundlichen Wirten veranstaltete ich eine kleine Bescherung, zu der auch Minchen Pfeifer und noch einige andere Damen eingeladen wurden. Ich bestellte einen ungeheuren Baumkuchen, ein in Berlin sehr beliebtes Gebäck, bei Josty und besteckte ihn mit allerlei kleinen Gaben, deren Bestimmung durch Zettelchen angedeutet war und die meist aus kleinen Bijouterien bestanden. Der Hauswirtin aber verehrte ich noch besonders ein Teeservice von Porzellan, von dem sie eine große Freundin war und das ich in der königlichen Porzellanfabrik erstanden hatte. Auch das Neujahr ging recht vergnügt herum. Herr von Pogwisch arrangierte einen kleinen Ball, auf dem wir bis gegen Morgen tanzten. Die Karnevalszeit brachten wir ebenfalls recht fröhlich zu. Ich besuchte die prächtigen Redouten im Opernhaus, die freilich mit denen in San Carlo in Neapel unter Murat nicht verglichen werden konnten, aber trotzdem sehr glänzend waren und Freuden die Fülle gewährten, namentlich durch die Porzellanfuhren, die ich mit meinen Bekanntinnen machte und deren ich oft zwei bis drei in einer Nacht mit verschiedenen Damen veranstaltete. Für diejenigen, die Berlin nicht kennen, muß ich mit ein paar Worten erklären, was es mit diesen Fuhren für eine Bewandtnis hat. Während der Redouten halten beständig eine ziemliche Anzahl großer und bequemer Wagen vor dem Opernhaus, bereit, diejenigen aufzunehmen, die sich paarweise von dem Ball schleichen, um sich in einer solchen Karosse recht bequem längs der Linden auf- und niederfahren zu lassen. Diejenigen, die sonst keine Gelegenheiten oder nur sehr schwer zu Zusammenkünften haben können, finden sie hier am besten, denn wie leicht kann man sich nicht in einem solchen Gewühl unbemerkt auf ein halbes Stündchen entfernen und von lästigen Bewachern trennen.
Etwas, das mir großes Vergnügen machte, war, daß man während meiner diesmaligen Anwesenheit die >Zauberflöte<, die seit vielen Jahren in Berlin nicht mehr gegeben worden war, neu einstudiert, neu dekoriert -- die herrlichen Dekorationen waren von Schinkel -- und neu kostümiert, wieder in Szene setzte. Bei einer Vorstellung dieser Oper, der ich in einer Loge des ersten Ranges beiwohnte, führte mich der Zufall in die Nähe von ein paar Damen, die in der Nebenloge saßen, von denen die eine, kaum siebzehn Jahre alt, das schönste blondgelockte Engelsköpfchen hatte, das ich in meinem Leben sah. Die andere redete sie immer mit Luise an. Sie war wirklich so auffallend schön, daß während der ganzen Darstellung die Operngläser nicht aufhörten, sie zu lorgnettieren und sie der Gegenstand einer allgemeinen Bewunderung war, denn man sah fast mehr nach ihr als auf die Bühne. Da die Damen ganz vorn saßen, ich aber in meiner Loge etwas zurück, so war es mir unmöglich, eine Unterredung mit ihnen anzuknüpfen. Mit Ungeduld erwartete ich das Ende der Oper, um womöglich ihre Wohnung ausfindig zu machen. Auch folgte ich ihnen nach Schluß an den Wagen, der aber so rasch davonfuhr, daß ich trotz allem Rennen denselben bald aus den Augen verlor; gerne wäre ich hinten aufgesprungen, wenn mich nicht der da befindliche Bediente abgehalten hätte. Ein paar Tage trug ich mich mit dem Bild dieser Luise herum; die Logenschließerin konnte mir keine Auskunft geben, und obgleich ich alle Hunde losließ, so blieb doch jede Erkundigung fruchtlos. Schon hatte ich es aufgegeben, das Mädchen je wiederzusehen, und sie mir also aus dem Sinn geschlagen, als ich eines Sonntags gerade bei Beendigung der deutschen Kirche auf dem Gendarmenmarkt über diesen Platz ritt und plötzlich unter der herausströmenden Menge die so lange gesuchte Schöne wiedererblickte, als sie aus der Tür trat. Diesmal sollst du mir nicht mehr entwischen, sagte ich zu mir selbst, indem ich mir vornahm, ihr in einiger Entfernung zu folgen und es dabei verwünschte, daß ich gerade zu Pferde sein mußte. Das Roß gehörte Herrn von Pogwisch und war ein sehr schönes aber etwas wildes Tier. Um mich meiner Schönen bemerkbar zu machen, setzte ich die Schenkel an, ließ es kurbettieren, sich hochbäumen; aber unglücklicherweise war etwas Glatteis auf dieser Stelle, die Eisen waren nicht geschärft, es glitt aus und stürzte mit mir, so daß ich unter das Tier zu liegen kam und lange brauchte, ehe ich mich hervorarbeiten konnte. Glücklicherweise war es auf die Seite gefallen, so daß ich mit einigen Quetschungen davonkam, denn hätte es sich überschlagen, so hätte ich sicher den Hals gebrochen. Ich war sogleich von einem Haufen Neugieriger umringt, von denen einige behilflich waren, mir aufzuhelfen. Meine Uniform, Beinkleider, die silberne Schärpe waren ganz beschmutzt und mein Federhut zerdrückt. Der Vorfall machte weit mehr Aufsehen, als mir lieb war, und ich hinkte, mein Pferd an der Hand führend und mich verschämt durch die Kirchenleute drängend, möglichst schnell in eine Seitengasse. Was mir bei der Geschichte das unangenehmste, war, daß ich die langgesuchte Schöne zum zweitenmal und wahrscheinlich für immer aus dem Gesicht verloren hatte, und sie mir, wie ich glaubte, nun auch für immer aus den Gedanken schlagen mußte.