Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 27

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Außer Madame G... machte ich bald noch die Bekanntschaft ihrer hübschen Cousine, der Frau Doktor M., bei einer Kaffeegesellschaft im Bullenwinkel. Die Kolberger Damen veranstalteten nämlich sehr häufig solche Kaffeeklatsche, im Winter in ihren Häusern, im Sommer aber auf einem nahegelegenen ländlichen Ort, wobei außer Kaffee und Kuchen noch reichlich süße Weine, Spickgans und andere Leckerbissen serviert wurden. Diejenigen Damen, welche intimere Bekanntschaft mit Offizieren hatten, ließen diese wissen, wenn eine solche Zusammenkunft auf dem Land, wozu man fast immer den Bullenwinkel wählte, stattfinden sollte, und sie stellten sich bei denselben wie auf einem zufälligen Spaziergang ein; man lud sie dann höflichst, eine Tasse Kaffee anzunehmen, und brachte so den Nachmittag recht vergnügt mit ländlichen Spielen: Schaut euch nicht um, der Fuchs geht herum; Gut Bier feil, und besonders Versteckens und so weiter zu. Der romantische Bullenwinkel bestand aus einigen Wirtschafts- und Ökonomiegebäuden, die an den Ufern eines mit Erlen, Eschen und Weiden besetzten Baches lagen. Die Gesellschaften waren immer einige zwanzig bis dreißig Personen und mehr stark, und die Blüte der Kolberger Frauen und Mädchen kam da zusammen, um Kaffee oder auch Buttermilch zu schlürfen und neue Bekanntschaften zu machen, während die Männer und Väter dieser Damen ganz ruhig auf ihren düsteren Schreibstuben bis zum Untergang der Sonne arbeiteten und in Kaffee, Zucker, Weinen und so weiter spekulierten. Mit einem anderen jungen Offizier, dem Leutnant Willmann, hatte ich nähere Freundschaft geschlossen, so daß wir uns unsere Abenteuer und Verbindungen gegenseitig mitteilten und einander behilflich waren. Seine Auserkorene war eine junge Witwe, die Kriegsrätin W., eine ziemlich türkische, das heißt korpulente Schönheit, denen ich nie einen Geschmack abgewinnen konnte; dagegen hatten Madame G... und ihre Cousine beide Sylphidengestalten, erstere war aber von einem so zarten Nervenbau, daß sie vor lauter Entzücken oder auch aus Ärger und Gemütsbewegung leicht in einen völlig bewußtlosen Zustand versank und bis zur Beängstigung in demselben verblieb. Bald merkte sie, daß ich mit der Frau Doktor M. auf einem freundschaftlicheren Fuß stand, als ihr lieb war, was zu Neckereien und unangenehmen Szenen Veranlassung gab. Als eines Nachmittags im Bullenwinkel wieder Verstecken gespielt wurde, hatte mir ihre Cousine leise zugeflüstert: »Ich verstecke mich in das hohe Federbett der Wirtin, dort findet mich gewiß niemand.« -- »Außer mir,« erwiderte ich. -- »Das dürfen Sie nicht, weil ich es Ihnen gesagt habe.« -- »Nun, wir werden sehen.« -- Als alle versteckt waren, schlich auch ich mich in die Schlafkammer der Wirtin, wo ich richtig die Frau Doktorin fand, die ihr allerliebstes Köpfchen aus den berghohen Federbetten der Wirtin streckte. -- »Beste Frau Doktorin,« ließ ich mich vernehmen, »ich kann Ihnen nicht helfen, aber ich weiß keinen anderen Platz zum Verstecken zu finden, als bei Ihnen im Bett.« -- »Ja unterstehen Sie sich!« -- »Und warum nicht?« Ich unterstand mich und war mit einem Hui in den Federmassen, unter der Decke und mit der liebenswürdigen Frau vereint. -- »Aber mein Gott, wenn man uns hier zusammen findet!« -- »Man wird uns nicht finden, ich habe es mit der Wirtin abgemacht, lassen Sie uns also den günstigen Augenblick benützen.« -- Sophie wollte protestieren, mich wieder hinaus haben, aber ich war nicht der Mann, der, einmal in einer Festung, diese so leicht wieder aufgab, da half kein Sträuben und Ach; aber plötzlich knarrte die Tür, und ich schlüpfte tief unter die schwere und breite Bettdecke, bis zum Ersticken zugedeckt. Es war Madame G..., die mich überall gesucht hatte und endlich auf den Einfall gekommen war, zu sehen, ob ich mich nicht in der Wirtin ihr und mir schon wohlbekanntem Schlafzimmer befände. Sie trat an das Bett, und ihre Cousine mit sehr erhitztem Aussehen in demselben liegen findend, sagte sie: »So, du hast dich hier verborgen, das ist so übel nicht, ich will mich mit dir zusammen verstecken.« -- »Bewahre der Himmel, das geht nicht, wo denkst du hin.« -- »Ich sehe nicht ein, warum ...« -- »Nein, das leide ich ein für allemal nicht, du gehst deiner Wege.« -- Aber Madame G... war nicht die Frau, die sich so leicht abschrecken ließ, und zog und zerrte schon an der Bettdecke, welche die Doktorin um so fester an sich hielt, wobei ich ihr unterbettischerweise so behilflich war, daß es der Madame G... nicht gelang, die Decke herabzureißen, und so entstand ein gewaltiges Hin- und Herzerren. Da beide Cousinen sehr laut wurden, so daß ich fürchtete, noch andere Personen möchten dazu kommen, entschloß ich mich, der Sache rasch ein Ende zu machen, warf die Decke von mir, sprang zum Bette heraus und stellte mich zwischen beide, fast gleich verblüffte Damen, suchte sie zu besänftigen, indem ich ihnen vorstellte, daß sie beide gleiches Interesse hätten, daß die Sache verschwiegen bliebe und der türkische Sultan ja ein paar hundert Frauen zumal habe, ich also wohl auch zwei Geliebte auf einmal besitzen dürfe, besonders da ich beide gleich heftig liebe, wie sie versichert sein könnten. Um dieser Versicherung mehr Nachdruck zu geben, küßte ich beide abwechselnd, wenn schon Madame G... sich gewaltig sträubte; die Doktorin aber, die sich besser in das Geschehene zu finden wußte, rief ihr zu: »So ziere dich doch nicht so, Minchen, es ist jetzt einmal nicht anders, und dann bleibt's ja unter der Verwandtschaft.« -- Es wurde endlich, wenigstens scheinbar, der Frieden geschlossen und besiegelt, wir begaben uns alle drei wieder zur Gesellschaft, nahmen kühlende Buttermilch zu uns und spielten dann wieder: Schaut euch nicht um, der Fuchs geht herum, bis mit der Dämmerung ich beide Cousinen am Arm heim führte. Madame G... konnte aber diesen Vorfall nicht so leicht verschmerzen, sondern spielte die Eifersüchtige fort, ließ soviel wie möglich alle meine Schritte beobachten und durch eine ihrer Mägde sogar meinen Burschen bestechen, der mir jedoch alles wieder rapportierte und, von mir gehörig instruiert, nur sagte, was ich für gut fand, ihn sagen zu lassen. Indessen ließ sie dennoch ihre Cousine so genau bewachen, daß es dieser fast unmöglich wurde, einen Schritt zu tun, ohne daß es Madame G... erfahren hätte, die es so einzurichten verstand, daß wir uns fast nie allein sprechen konnten. Um dies bewerkstelligen zu können, kam ich mit der Frau Doktorin überein, daß sie eine kleine Reise zu einer nahen Anverwandten nach dem fünf Meilen von Kolberg entfernten Köslin machen und ich für einige Tage Urlaub dahin nehmen solle, das Vorhaben aber so geheim zu halten, daß Madame G... vor unserer Abreise nichts erfahre. Dies glückte, und um sie irre zu führen, hatten wir hinterlassen, daß Sophie nach Treptow und ich nach Köslin gegangen sei, fanden uns aber schon eine halbe Meile hinter Kolberg zusammen und setzten nun den Weg nach Köslin in einem offenen Wagen fort.

Nachdem ich mit Sophie den dreitägigen Aufenthalt in Köslin auf das beste benutzt hatte und bei ihren Verwandten sehr gut aufgenommen worden war, fuhr ich einen Tag früher ab, damit man in Kolberg, namentlich Madame G..., weniger argwöhnisch sein und uns nicht auf die Spur kommen möge. Aber die Dame hatte bereits Verdacht geschöpft, da ihre Cousine ihr kein Wörtchen von der Reise mitgeteilt. Bald kam sie auch durch ihre Spione hinter die Wahrheit, und es setzte Szenen in der Doktorin Wohnung, wobei die nervöse Madame G... furchtbare Krämpfe bekam und in gänzliche Bewußtlosigkeit fiel. Um der Doktorin den Streich wett zu machen, veranstaltete sie nun gleichfalls eine kleine Lustreise, wobei ich ihr schwören mußte, das Vorhaben ihrer Cousine nicht zu verraten, ein Schwur, den ich aber nicht hielt, und da ich wußte, daß Sophie weit vernünftiger als Minchen war, ihr die Sache mitteilte, worauf wir beide herzlich darüber lachten. -- Diesmal sollte die Fahrt auf das Gut eines pommerschen Landedelmannes gehen, mit dem der Mann der Madame G... einige nicht sehr bedeutende merkantilische Geschäfte machte und der der Dame einst _en passant_ hingeworfen hatte, sie möge ihn doch einmal auf seinem Gut besuchen. Madame G... arrangierte nun eine Partie dahin, wozu sie auch noch außer mir Herrn und Madame Sparschuh und ein Fräulein von Bajinsky einlud, um die Sache nicht zu auffallend zu machen. Wir fuhren eines Sonnabends nachmittags ab und langten erst gegen neun Uhr abends in dem Dorf des Edelmannes an. Je näher wir kamen, desto ängstlicher wurde Madame G..., die anfing, einzusehen, daß sie auf eine so oberflächliche Einladung hin wenigstens nicht noch vier fremde Personen hätte mitbringen sollen, und erst nahe bei dem Dorf entdeckte sie mir und den anderen ihre Bedenklichkeiten. Ich war sogleich dafür, daß wir anderen in der Schenke des Dorfes übernachten müßten, während Madame G... allein von der Einladung des Edelmannes Gebrauch machen solle, aber dies wollte sie ebensowenig, namentlich nicht, daß ich mit dem Fräulein von Bajinsky, einem niedlichen jungen Mädchen, der Tochter eines pensionierten Majors, ohne sie unter einem Dache schlafen sollte. Auch war der Krug in dem Dorf so beschaffen, daß wir alle in einer Kammer auf einer Streu hätten liegen müssen. Wir hielten indessen am Krug an, von wo sich Madame G... allein nach dem Schloß des Edelmannes begab und diesem, indem sie ihm ihren Besuch ankündigte, zu gleicher Zeit auf eine Weise mitteilte, daß sie in Gesellschaft von noch vier Personen gekommen, die im Krug geblieben, daß der gute Mann wohl nicht anders konnte, als ihr den Vorschlag zu machen, sie zu ihm zu bringen; sie kam nun triumphierend zurück, uns einladend, ihr zu folgen. Wir wurden indessen ziemlich frostig empfangen, besonders von der gnädigen Frau, die, Unwohlsein vorschützend, sich bald, nachdem sie uns gemustert, wieder entfernte, uns dann durch einen Bedienten unsere Zimmer anweisen -- zum großen Verdruß der Madame G... eines für die Damen mit drei Betten und ein anderes für die Herren -- und uns auch ein ziemlich frugales Abendessen auf denselben servieren ließ, nach welchem wir alle etwas verstimmt und kleinlaut uns zur Ruhe verfügten, da wir niemand von dem Haus mehr zu sehen bekamen. Den anderen Morgen wurde uns um acht Uhr der Kaffee gebracht, und der aufwartende Bediente teilte uns mit, daß sich seine Herrschaft bestens entschuldigen lasse und bedaure, uns nicht mehr sehen zu können, sie habe aber mit Tagesanbruch auf ein benachbartes Gut fahren müssen, dessen Eigentümer sie diesen Besuch schon vor vierzehn Tagen versprochen. -- Dies war denn doch ein wenig zu arg, ich dankte für das Frühstück, befahl sogleich anzuspannen, die übrigen waren vollkommen meiner Meinung, und den Domestiken fünf Taler in Gold als Trinkgeld hinwerfend, verließen wir den gastfreien Edelhof und waren zu Mittag wieder in Kolberg zurück, samt und sonders von dieser Pläsierreise wenig erbaut und Madame G... ein wenig beschämt. -- »Der soll mir aber nach Kolberg und zu uns kommen,« sagte sie wohl hundertmal unterwegs, »ich will ihm wieder mit Ungarwein aufwarten, dem Flegel!« Niemand war über dies Resultat erfreuter als Frau Doktor M., der ich alles nebst den kleinsten Nebenumständen mitteilte und die sich darüber kindisch freute und halbtot lachen wollte. Ich hatte indessen bei dieser Gelegenheit nähere Bekanntschaft mit dem liebenswürdigen Fräulein Bajinsky gemacht, die ich nun auch bald auf mein Register setzen zu können hoffte. Ich gefiel mir immer mehr in Kolberg und hatte eben einen Wechsel von vierhundert Talern von Haus erhalten, die mir der Bankier Mendelsohn in Berlin bei dem Haus Plüddemann in Kolberg, einem der reichsten Kaufleute, anwies, und da dies schnell in der Stadt herumkam, so galt ich für sehr reich, und alle Leute waren jetzt noch dreimal so artig wie früher gegen mich. Den hübschen Töchtern meines Bataillonschefs sowie der elfjährigen Tochter des Kommandanten gab ich Unterricht in der französischen Sprache und im Singen. So war ich sehr gern gesehen und erhielt mehr Einladungen, als mir lieb war; eine junge Majorin von G... bat mich ebenfalls, ihr doch einige Stunden auf der Gitarre geben zu wollen, was ich unmöglich ausschlagen konnte, da es nicht nur eine hübsche, sondern auch sehr geistreiche Frau war. Nach vielen Bemühungen brachte ich auch ein kleines Liebhabertheater zustande und wurde sogar in der Harmonie zum _Maître des plaisirs et des cérémonies_ ernannt. Ich arrangierte nun Extrabälle, kleine Konzerte, gab alle Gesellschaftsspiele an und war in der Tat _l'enfant chéri des dames_, und auch hier mußte mir die zum Turm der Marienkirche führende Treppe bei den gefährlichsten und geheimsten Rendezvous zum verschwiegensten Gelegenheitsmacher dienen. Eine dieser Damen, die von ihrem Gatten, einer hohen Militärperson, sehr überwacht wurde und deren Gängen man nachspürte, machte den Abend, wenn wir ein Stelldichein in dem Turm verabredet hatten, drei bis vier Besuche in verschiedenen Häusern, bevor sie sich im Turm einfand, um im Notfall eine gute Ausrede zu haben und besser ein Alibi beweisen zu können. -- Auch an Heiratsanträgen, die mir so unter der Hand angegeben wurden, fehlte es nicht; es waren meist hübsche und reiche Mädchen, mit denen mich gefällige Basen und Tauten, trotzdem meine galanten Aventüren so ziemlich bekannt waren und Aufsehen erregten, beglücken wollten. Schöne und reiche Mädchen waren die Fräulein von Gundenreich, von denen man mir die älteste durchaus freien wollte. Aber kaum sechsundzwanzig Jahre zählend, hatte ich noch wenig Sinn für Hymens Freuden in der Ehe, und ebensowenig Wert hatte der Mammon für mich.