Part 26
Da von Naugarten eine Seitenpost nach Kolberg besonders abging, so mußten wir abermals einen halben Tag auf die Weiterbeförderung warten. Wir brachten diese Zeit recht vergnügt zu, und ich bewog Johanna, nachdem wir uns ein Zimmer hatten geben lassen, ihre Jägeruniform einmal anzulegen, die sie in einem Mantelsack bei sich führte. Sie willigte lächelnd in meinen Wunsch, und ich war ihr beim Anlegen derselben möglichst behilflich. Die Uniform kleidete sie allerliebst. Wir machten nun förmlich Kameradschaft miteinander, tranken Brüderschaft auf du und du und ruhten endlich Arm in Arm erschöpft und matt aus. Ich half zuletzt meinem liebenswürdigen Kameraden seine weiblichen Kleider wieder anlegen, da die Zeit der Abfahrt herannahte. Von hier bis Kolberg aber ging nicht einmal ein bedeckter Wagen mehr, sondern wie auf allen Seitenstationen nur ein offener Korbwagen, das heißt ein gewöhnlicher Bauernwagen, in den man ein Korbgeflechte gelegt und einige Strohsitze angebracht hatte. Dies waren die Postwagen zu den Orten, die nicht an der großen Heerstraße lagen. Meine Kriegsgefährtin und ich waren die einzigen Passagiere von hier bis Kolberg; wir ruhten recht traulich Arm in Arm und fuhren die ganze Nacht durch über Greifenberg und Treptow an der Rega. Es war zwar eine Julinacht, die wir durchfuhren, und ich hatte deshalb auch nur sehr leichte Sommerbeinkleider auf dem offenen Wagen angelegt, nicht bedenkend, daß ich nicht mehr am Mittelländischen, sondern in der Nähe des Baltischen Meeres war. Wir schliefen beide, Johanna an meiner Brust, ein, je näher wir aber der Küste kamen, desto fühlbarer wurde ein sehr rauher und unfreundlicher Wind, und gegen Morgen überfiel mich ein kalter Schauer und Frost, ich fühlte mich unwohl und war froh, als wir endlich über die Zugbrücken und durch die Tore der Festung Kolberg einfuhren. Ich eilte mit meinem Kameraden, der mehr an dieses Klima gewöhnt und nicht so erfroren war, in das erste beste Gasthaus, die >Stadt London< auf dem Markt, wo ich uns jedoch anstandshalber zwei Zimmer geben ließ. Es war erst vier Uhr des Morgens, als wir ankamen, und Johanna konnte ihren Oheim so früh nicht aufsuchen, auch kannte sie dessen Wohnung nicht. Ich hatte mir eine furchtbare Erkältung zugezogen und warf mich unter den heftigsten Leibschmerzen auf das Bett. Erst gegen Mittag, nachdem ich mich ein wenig erwärmt hatte, war ich imstande, das Bett zu verlassen; ich steckte mich rasch in die Uniform und eilte nach der Kommandantur, um mich zu melden. Oberst Streit aber empfing mich mit einem Wischer, weil ich mich nicht früher gemeldet und doch mit der Morgenpost angekommen sei. Es war gerade zur Parade; er beschied mich nach derselben wieder zu sich. Ich meldete mich nun auch bei meinem Bataillons-Kommandanten, dem Major von Hackwitz, der aber das Bataillon nur interimistisch kommandierte. Dieser empfing mich sehr artig, und auf der Parade umringten mich meine neuen Kameraden, unter denen viele Westfalen und einige ältere Offiziere waren. Als ich mich nach der Parade der erhaltenen Order gemäß wieder auf die Kommandantur begab und anklopfte, da empfing mich der barsch: »Eintreten!« rufende Oberst mit den Worten: »Bettelleute klopfen an, aber nicht die Herren Offiziere.« Dieser abermalige unfreundliche Empfang machte einen äußerst unangenehmen Eindruck auf mich, und ich konnte mich nicht enthalten, zu erwidern: »Aber, Herr Oberst, ich trete eben erst in preußische Dienste und kann unmöglich schon alle Details derselben kennen.« -- »Wohl, Sie müssen sich aber bemühen, sie so schnell wie möglich kennen zu lernen.« -- »Dies wird mein Bestreben sein.« -- Nun frug mich der Kommandant Verschiedenes, was auf meine früheren Dienstverhältnisse Bezug hatte, und war dann weniger mürrisch, so daß wir zuletzt ziemlich gut voneinander schieden. Ich übernahm jetzt das interimistische Kommando der ersten Kompagnie des Bataillons, deren Hauptmann, ein Herr von Pfündöl, in Bälde von Gumbinnen hierher versetzt, eintreffen sollte. Der Feldwebel brachte mir nebst dem Kompagnierapport ein Quartierbillett, vermittelst dessen ich zu einem Kaufmann namens Hackstock, unweit dem Markt in der Börsenstraße, einquartiert wurde. Johanna hatte sich indessen zu ihrem Oheim begeben, der an ihre Eltern nach Danzig geschrieben, und deren Antwort sie bei demselben abwarten wollte. Wir brachten einstweilen jeden Abend vergnügt und traulich miteinander zu. Ich trat meinen neuen Dienst an, bestrebte mich, die mir obliegenden Verrichtungen möglichst bald kennen zu lernen, was auch schnell der Fall war. Doch zog sich gleich in den ersten acht Tagen ein artiges Donnerwetter aus folgender Veranlassung über meinem Haupt zusammen. In französischen Diensten hatten wir fast nie die Degenquasten, die man im Deutschen ganz fälschlich Portepee nennt, angemacht, namentlich trug sie fast kein Offizier im Feld, und sie galten für eine sehr unwesentliche Verzierung. Ich hatte mir zwar in Berlin eine solche von Silber und schwarz, wie sie im preußischen Heer sein muß, angeschafft und an meinen Säbel gemacht, jetzt mußte ich jedoch einen preußischen Degen tragen, kaufte mir einen solchen, vergaß aber die Quaste an denselben anzulegen, und so kam ich ohne Portepee auf die Parade. Bald bemerkten dies mehrere ältere Offiziere, man zischelte sich einander zu, auf mich sehend, der Major und der Kommandant wurden endlich auch aufmerksam, und Oberst Streit fuhr mich nun mit einem schweren Donnerwetter an, so daß es ein allgemeines Aufsehen erregte und sich alle älteren Offiziere nicht genug verwundern konnten, wie ein Offizier ohne Portepee erscheinen könne, sich zum Teil auch etwas hämisch deshalb ausließen; dies alles machte mir zuletzt den Kopf so warm, daß ich ganz pikiert und laut, daß es jedermann verstehen konnte, sagte: »Der Offizier steckt doch wahrlich nicht in der Degenquaste; wenn der Mann nichts taugt, so läuft gewiß kein Feind vor dem Portepee davon, und ich habe mich lange genug ohne ein solches tüchtig geschlagen.« Diese Worte machten einen furchtbaren Rumor, der damit endigte, daß mir der Kommandant sofort einen vierundzwanzigstündigen Arrest ankündigte und noch obendrein einen Verweis gab. Diese Vorfälle machten mir gleich anfänglich den Dienst sehr zuwider und setzten böses Blut, hierzu kam noch mein langes Unwohlsein infolge der Erkältung. Die sehr öde und traurige Lage Kolbergs an der Persante, unweit der Mündung dieses Flusses in die Ostsee, wo sich nur ein einziger, kaum leidlicher Spaziergang nach der sogenannten Maikuhle, einem kleinen Gehölz, befand, war nicht geeignet, diese Mißstimmung zu mindern. Ich hatte anfangs auch nicht einen einzigen Bekannten, und den neunten Tag nach unserer Ankunft verließ auch Johanna die Stadt wieder, um sich zu ihren Eltern, die sie mit großer Sehnsucht erwarteten, zu begeben. Ich fühlte mich jetzt recht einsam und verlassen, um so mehr, da die Festung vorerst auch nicht die mindeste Zerstreuung bot; die Offiziere standen sich alle noch sehr fremd gegenüber, der Garnisondienst war sehr streng und mußte recht pedantisch kleinlich versehen werden. Nachdem ich ungefähr vierzehn Tage hier verweilt, erhielt ich plötzlich eine Einladung zur Tafel bei dem Kommandanten, der nun zuvorkommend freundlich war, allerlei Scherze machte und eine sehr liebenswürdige feingebildete Dame zur Frau hatte, die früher Hoffräulein am Dessauer Hof war und die er als Witwer heiratete; von jetzt an wurde mir der Aufenthalt etwas erträglicher. Es kamen auch immer mehr Offiziere an, von denen mehrere verheiratet waren und eine liebenswürdige Familie mitbrachten, unter ihnen auch unser wirklicher Bataillonschef, der Oberstleutnant von Witke, ein verdienstvoller Militär, der drei sehr liebenswürdige, eben aufblühende Töchter hatte.
Die Stadt Kolberg selbst liegt einsam und öde in einem Winkel an der Ostsee, hat nur wenige und eben nicht sonderlich anmutige Gärten; keine Baumstücke, keine Gemüsefelder, keine bunten Blumenwiesen umgeben die ernste Festung. Ein Spaziergang um das Glacis derselben oder nach Kuhphals Wirtsgarten war die ganze Rekreation in der Nähe der Stadt, etwas weiter war die schon genannte Maikuhle, ein mit Bäumen bepflanzter und mit Blockhäusern und Schanzen versehener Sandhügel; eine gute Stunde von der Stadt befand sich ein Wald, der Busch genannt, in dem ein Jägerhaus lag, nach dem im Sommer bisweilen Partien zu dem Förster Ott gemacht wurden; der Weg dahin war aber kahl und zog sich zwischen lauter Kartoffelfeldern hin. Das Innere der Stadt war womöglich noch unfreundlicher, die Straßen hatten fast lauter uralte Giebelhäuser, andere sah man nur ausnahmsweise. In einem solchen Haus befand sich in der Regel nur eine lange schmale Stube mit einem sehr großen Fenster und einem Alkoven im Hintergrund, in welchem die Familie schlief. Diese Gebäude waren meist von Stein, aber schlecht und ohne alle Symmetrie gebaut, sehr hoch, mit einem ungeheuern Vorplatz und großen Türen; der einzigen Stube gegenüber und durch einen Gang getrennt befand sich in der Regel ein Laden, Magazin oder die Werkstätte; der übrige Raum bis zum Giebel bestand in vier bis fünf ungeheuren Böden für Frucht, Gerste, Malz und dergleichen, nebst ein paar Kammern. Diese Einrichtung schreibt sich noch aus den Zeiten her, wo in Kolberg die Niederlage des großen Kornhandels an dem Baltischen Meer war, der sich aber schon länger als ein Jahrhundert weg und meist nach Danzig gezogen hatte. Obgleich die meisten Einwohner, etwa achttausend, wohlhabende und mehrere enorm reiche Leute waren, so dachten doch nur wenige daran, sich bequemere Wohnhäuser zu bauen; sie waren einmal an diese größtenteils höhlenartigen Wohnungen von Eltern und Ureltern her gewöhnt, wußten es nicht besser und befanden sich ganz behaglich in denselben. Obgleich Mauern und Wände feucht, besonders in den Alkoven salpeterartig waren, sind ihre Bewohner dennoch gewöhnlich ein starker und gesunder Menschenschlag. Der wenige Luxus, der hier herrschte, und die geringe Gelegenheit, Geld auszugeben, während doch immer noch ansehnlich verdient wurde, machte, daß es sehr viel reiche Leute gab, die von Urgroßeltern und noch länger her schon die alten Taler in Kisten und Kasten aufgespeichert. Mädchen mit einer baren Aussteuer von fünfzig-, achtzig- und hunderttausend Talern waren gerade keine so große Seltenheit. Unter den Merkwürdigkeiten der in vieler Hinsicht sonderbaren Stadt steht die große Marienkirche oben an; es ist ein hohes, weitläufiges Gebäude, dessen ungeheurer, fast ganz leerer Raum ihm ein schauerliches Ansehen verleiht, um so mehr, da die Kirche in einem so schlechten Zustand war, daß überall Wind und Luft Zugang fanden und Eulen und andere Nachtvögel ihre Residenz in derselben aufgeschlagen hatten, ja die Sperlinge waren so unverschämt, während des Gottesdienstes die Nase des Predigers auf der Kanzel zu umschwirren. Die Kirche hat viele Seitengebäude und Anhängsel, ist uralt und von dem Ertrag der Pfennige erbaut worden, die zwei Mönche von den frommen Seelen in ganz Deutschland erbettelten. Sie war ursprünglich dem katholischen Glauben gewidmet. Eigentlich war es nur noch eine guterhaltene Ruine mit sehr dürftiger Ausschmückung; mehr als tausend Scheiben der großen Fenster waren zerbrochen; sie machte die Wirkung eines unermeßlichen Grabgewölbes auf mich. Wer sich so plötzlich aus einem Klima wie das von Korfu, wo ich noch einen Teil des vorjährigen Sommers zubrachte, hierher versetzt findet, dem scheint dies Land ein wahres Sibirien. Dabei ist die Stadt das wahrhafte und wirkliche Krähwinkel, jedoch nicht in Bezug auf ihre braven Bewohner, denn in dieser Beziehung sind es viel größere Städte, wie zum Beispiel Frankfurt, weit mehr, sondern weil sich die geflügelten wirklichen Krähen zu Hunderttausenden die Giebeldächer der alten Stadt seit undenklichen Zeiten zu ihren Sitzen ausersehen haben, deren Geschrei und graues Aussehen das Düstere noch vermehrt. Übrigens sind die Einwohner sehr biedere, wackere und brave Leute, noch von altem Schrot und Korn, und stehen ihren Mann auch vor dem grimmigsten Feind, wie sie es schon öfters zur Genüge bewiesen haben; sie sind dabei gesellig, zuvorkommend gegen Fremde und freundlich gegen die Garnison; sie selbst scheinen sich ihrer Verdienste unbewußt und erwähnten nur mit der äußersten Bescheidenheit der letzten heldenmütigen Verteidigung Kolbergs, zu der sie doch das meiste beigetragen. Der gesellschaftliche Verein der hiesigen gebildeten Welt führte den Namen >Harmonie<, und zwar mit Recht, denn diese herrschte damals ungestört in demselben.
Der alte Nettelbeck war gewiß Kolbergs bester Bürger. Er war damals schon sechsundsiebzig Jahre alt, aber immer noch ein sehr rüstiger Mann, von dem lebhaftesten Geist. In seiner Jugend war er ein Seemann, hatte mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht, und in seinem hohen Alter bildete er noch junge Leute zu Matrosen und Steuermännern aus. Bei seinen großen Verdiensten war er der einfachste und anspruchsloseste Mann, dessen große Rechtschaffenheit und Redlichkeit zum Sprichwort geworden war, und Friedrich der Große, den er noch gekannt, stand in hohem Ansehen bei ihm; sein Mut war über alles Lob erhaben. Eines Tages hatte der Blitz in den hohen Turm der Marienkirche geschlagen und dessen Spitze schon gezündet, da eilte der alte Nettelbeck ganz allein mit einer Handspritze hinauf und löschte das Feuer. Als bald nach der Schlacht bei Eylau Napoleon ein beträchtliches Korps gegen Kolberg sandte, welches, nachdem es die Verschanzungen bei Naugard genommen, sich zur Belagerung der Festung anschickte, da stellte sich der edle Greis Nettelbeck an die Spitze der wackeren Bürgerschaft und war überall bei der Hand, wo die Gefahr am größten war. Die Franzosen hatten sich bereits der Schanze auf dem hohen Berg bemächtigt, aber die Kolberger befestigten nun die Mündung der Persante und die Maikuhle und brannten die Lauenburger Vorstadt ab. Schill, der sich in die Festung geworfen hatte, machte fast jeden Tag Ausfälle und vertrieb die Belagerer wieder aus den Schanzen. Nun wurde auch noch die Geldern-Vorstadt abgebrannt, und Schill schlug mit seiner Reiterei, die eine große Tapferkeit bewies, einen Teil der Belagerer in die Flucht. Aber der Kommandant Kolbergs, ein Oberst Loucadou, von französischer Abkunft, war eine Schlafhaube, sprach von Übergabe, bis ihm Nettelbeck mit einigen Bürgern auf die Stube rückte und ihm erklärte, daß sie den, der von Übergabe spräche, für einen Hochverräter ansehen und als solchen bestrafen würden. Loucadou wurde auch bald abberufen und durch den braven Gneisenau ersetzt, der sogleich dem Feind die Schanzen am Bullenwinkel wieder abnahm. Die Franzosen beschossen jetzt die Stadt heftig und fast ununterbrochen, aber Nettelbeck und seine Bürger, die mit der Besatzung in der Verteidigung der Stadt wetteiferten, waren überall bei der Hand, wo es eine Gefahr gab; sie hatten sich in mobile Kompagnien eingeteilt, bedienten einen Teil des Geschützes, und Gneisenau tat fast nichts, ohne den Rat oder die Meinung Nettelbecks zu hören, der sein bester Adjutant und überall war. Zündete eine Haubitzgranate irgendwo, so stand gewiß Nettelbeck mit seinem Schlauch an der gefährlichsten Stelle, die er nicht verließ, bis das Feuer wieder gelöscht war, und gab es außerhalb der Stadt ein Gefecht mit dem Feind, so saß er hoch zu Pferde, die Truppen anfeuernd, versorgte sie mit Munition und brachte dem Kommandanten unter einem Kugelregen die Berichte. Er besorgte die Überschwemmungen mit einer Umsicht, welche Scharfsinn und den richtigsten Überblick verriet. Durch seinen Mut und Patriotismus versetzte er die Bürger in Enthusiasmus, und all diese Dienste tat er, ohne die mindeste Vergütung oder Besoldung zu erhalten, obgleich er durchaus ohne Vermögen war und von seinem bürgerlichen Verdienst lebte. Viermal hatten die Bomben und Granaten ein gefährliches Feuer angefacht, und viermal hatte es Nettelbeck gelöscht. Diese tapfere Verteidigung Kolbergs ist ein Lichtpunkt in dem sonst so düster-unglücklichen preußisch-französischen Krieg von 1807. Hätte sich das mächtige Magdeburg und die anderen Festungen so gehalten, niemals wäre Preußen von den Franzosen unterjocht worden. Der König erkannte Kolbergs und Nettelbecks Verdienste wohl an, sprach das erste von aller Kriegskontribution, nahe an zweihunderttausend Taler, frei, und dem braven Nettelbeck wurde die Ehre zuteil, an die königliche Tafel gezogen zu werden, wo er den Ehrenplatz zwischen dem König und der Königin einnehmen mußte; seine Tochter, noch ein Kind, wurde auf königliche Kosten erzogen, erhielt eine bedeutende Aussteuer, und aus Kolbergs Besatzung wurde ein Regiment gebildet, das auf alle Zeiten den Namen Kolberg führen sollte.
Ich begann nun mich nach und nach heimischer zu finden, obgleich meine Dienstverhältnisse gerade nicht immer die angenehmsten waren, woran ich indessen zum Teil selbst große Schuld trug, da ich mich über manche Dinge, die mir ungewohnt waren oder ungereimt schienen, ganz unverhohlen und oft sehr schonungslos ausließ, was mir dann sowohl bei meinen Vorgesetzten als älteren Kameraden Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten verursachte, die oft nur durch die Klinge beigelegt werden konnten und mich in den Ruf eines händelsüchtigen Menschen brachten. Ich konnte zu wenig den französischen Felddienst und das französische Leben vergessen und mokierte mich gern über manches, was wohl nach Pedantismus roch, doch war damals schon der preußische Dienst fast von allen kleinlichen Erbärmlichkeiten gereinigt und in hohem Grad human, besonders auch gegen den gemeinen Mann. Das große Rechtlichkeitsgefühl und Wohlwollen des Königs war von den höchsten bis zu den untersten Klassen der militärischen Hierarchie gedrungen.
Die ersten Bekanntschaften unter den Einwohnern machte ich bei der Feier des Geburtstags des Königs, die mit großem Jubel begangen wurde. Nach der großen Parade war ein Diner und abends Ball in der Harmonie, den der Kommandant mit einer Polonäse eröffnete. Unter den anwesenden Damen bemerkte ich sogleich eine sehr zierlich und fein gebaute junge Frau, die sich mit außerordentlicher Anmut im Tanz bewegte. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß es die Gattin eines Kaufmanns namens G... war, und engagierte sie zum ersten Walzer. Auf diesem Ball waren so ziemlich alle Schönheiten der Honoratioren Kolbergs beisammen und wunderschöne und liebliche Mädchen unter denselben, wie die Fräulein von Gundenreich, drei sehr reiche Erbinnen, ein Fräulein Justke, von Bajinsky, eine Frau Doktor M. und so weiter, eine wahre Flora von Schönheiten und Liebenswürdigkeiten, daß einem die Wahl hätte schwer werden können. Doch fand ich in Madame G... ein so anmutiges, aufgewecktes und zierliches Weibchen, daß ich, von soviel Liebenswürdigkeit hingerissen, mich von diesem Tag ihrem Dienste vorzüglich zu widmen beschloß. Ein tragikomischer Vorfall machte, daß dieses Fest auf eine kurze Zeit unterbrochen würde. Der Chef der Artillerie hatte nämlich mit dem Kommandanten von Kolberg, Oberst Streit, als die Herren schon ziemlich _allegro_ bei einer Bowle Punsch saßen, um ein Dutzend Flaschen Ungarwein gewettet, daß letzterer auch nicht einen Kanonenschuß in der Festung tun lassen könne ohne sein Wissen und seine Genehmigung (die Order dazu mußte erst an den Artilleriechef gelangen und ihm gemeldet werden, da kein Artillerieoffizier ohne diese abfeuern lassen konnte). Oberst Streit aber gab dem Platzadjutanten insgeheim Befehl, ein paar Reserve-Kanonen aus dem Zeughaus, wozu die Schlüssel bei der Kommandantur waren, holen, sie so geräuschlos wie möglich in der Börsenstraße gegen die Harmonie zu auffahren und richten sowie durch Artilleristen aus dem Invaliden-Bataillon bedienen zu lassen und dann auf ein von ihm mit einem weißen Schnupftuch am Fenster gegebenes Zeichen abzufeuern. Als man dem Kommandanten berichtet hatte, daß alles nach seiner Order bereit wäre, sagte er zum Major von Gaeti, Chef der Artillerie: »Nun, Herr Major, lassen Sie uns die Gesundheit Seiner Majestät unseres hochverehrten Königs ausbringen und mit Kanonendonner akkompagnieren.« Der Major erwiderte lächelnd: »Ich bin es zufrieden,« und stieß mit dem Oberst an, der ausrief: »Hoch lebe unser edler König!« Zugleich winkte er mit dem Schnupftuch am Fenster, und in demselben Augenblick, es war gegen Mitternacht, donnerten die Kanonen zum Schrecken und Erstaunen der ganzen Harmoniegesellschaft, aber auch alle Fensterscheiben fielen klirrend in den Saal, so daß die Damen schreiend die Flucht ergreifen wollten; man sah sich betroffen gegenseitig an und wußte nicht, was man von dem Vorfall denken sollte, zumal da sich die Kanonenschüsse erneuerten und deren einige zwanzig fielen; doch klärte sich die Sache bald auf, und das unterbrochene Fest nahm wieder seinen nicht ferner gestörten Fortgang. Der Herr Oberst hatte zwar den Ungarwein gewonnen, mußte aber ein paar hundert Taler für die zerbrochenen Scheiben zahlen, denn nicht allein alle Fenster der Harmonie waren zerschmettert, sondern auch links und rechts die der Häuser in der Börsenstraße, von dem Platz, wo die Kanonen standen, bis zum Harmoniegebäude, welches Face machte. Es war demnach eine sehr teuer gewonnene Wette. -- Erst um drei Uhr endigte das Fest, auf dem ich mit Madame G... schon so weit gekommen war, daß sie mir mit vielsagendem Blick eine beste Nacht wünschte. Wenige Tage darauf sah ich sie nebst noch anderen Damen wieder in dem Harmoniegarten, wo die neue Bekanntschaft freundlichst fortgesetzt wurde. Kurz vorher war der Hauptmann von Pfündöl angekommen, dem ich nun die Kompagnie hatte übergeben müssen. Er befand sich auch bei der Gesellschaft im Garten, und als die Sprache auf Berlin kam, erzählte ich, daß ich daselbst bei meinem Wirt, einem Herrn von Pogwisch, eine so überaus freundliche Aufnahme gefunden und überhaupt die Berliner nur zu rühmen hätte. Pfündöl fragte mich hierauf mehr und sehr genau nach den näheren Umständen der Familie von Pogwisch, so daß es mir auffallen mußte. Ich konnte ihm indessen nur Gutes und Lobenswertes von jedem Mitglied derselben mitteilen. Endlich fiel er mir lächelnd mit den Worten in die Rede: »Herr Kamerad, das war Ihnen geraten; wissen Sie, daß die alte Frau von Pogwisch meine Schwester und deren Sohn folglich mein Neffe ist; die junge Frau habe ich aber noch nicht gesehen.« Von diesem Augenblick an waren wir die besten Freunde und Kameraden.
Noch denselben Tag schritt ich in der Gunst der Madame G... so weit voran, daß sie mir das Haus einer ihrer Bekannten, einer gewissen Madame Sparschuh, empfahl und zu verstehen gab, daß ich sie in demselben oft antreffen könne; ich fand auch schnell Mittel, mich bei dieser schon etwas älteren Dame, deren Gatte die meiste Zeit abwesend war, zu introduzieren, und bald brachte ich ganze Nachmittage in Gesellschaft der Madame G... daselbst zu, während Madame Sparschuh so gütig war, sich mit Haushaltungsangelegenheiten zu beschäftigen und uns manches Stündchen ganz allein zu lassen, wohl auch dafür zu sorgen, daß wir nicht unangenehm überrascht werden konnten, was wir dann bestens zu benutzen verstanden.