Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 25

Chapter 252,993 wordsPublic domain

Aus Italien hatte ich mehrere Hefte der ausgezeichnetsten und lieblichsten Melodien, Kanzonette, Kavatinen und Ensemblestücke mitgebracht, die ich in den Salons vortrug. Die Duette gaben Gelegenheit, sie mit verschiedenen liebenswürdigen Damen in den Morgenstunden _tête-à-tête_ einzustudieren, wobei ich dann nicht unterließ, mich möglichst in deren Gunst festzusetzen. In dem Haus des Herrn von Pogwisch wohnte im zweiten Stock ein Beamter namens Pfeifer mit seiner Familie, der eine sehr hübsche Tochter, Minchen genannt, hatte, die ganz artig Klavier spielte und eine sonore, glockenreine Sopranstimme besaß; diese Nachtigall war eine schlanke neunzehnjährige Blondine, welche die beliebtesten Opernarien mit viel Geschmack und Ausdruck vortrug. Sehr bald hatte ich Zutritt bei der mit Pogwischs sehr befreundeten Familie und musizierte und -- küßte nach Herzenslust. Noch ein anderes sehr niedliches Minchen (Ott) und eine hübsche Luise hatte ich unter den Zelten und bei Hofjägers kennen gelernt und fuhr nun bald die eine, bald die andere in einer Guige nach Charlottenburg, Potsdam und so weiter spazieren. Noch war ich im Besitz der Wohnung in der Mittelstraße, die, auf mehrere Monate gemietet, mir jetzt trefflich als Absteigequartier zustatten kam und wohin ich manche meiner Schönen zu einer geheimen Zusammenkunft zu persuadieren wußte. Hier war ich so ganz ungestört und veranstaltete manches _Souper fin_, namentlich mit Demoiselle D... Man konnte in dieser Hinsicht in Berlin ebenso ungestört und unbeobachtet wie in Paris leben, da sich die Leute nicht um das Treiben der anderen bekümmerten. Eines Abends aber lud ich in meinem Übermut ein halbes Dutzend meiner Freundinnen, von denen jedoch keine die andere kannte, zu einem Abendessen in diese Wohnung ein. Unter ihnen waren die beiden Minchen, eine Bertha, eine Karoline, eine Luise und Demoiselle D..., mit deren Genehmigung ich das Fest veranstaltete und die die Königin desselben sein sollte. -- Sie fand sich zuerst ein und empfing die nacheinander erscheinenden und sehr erstaunten Schönen auf das artigste und zuvorkommendste, so daß sie deren Verlegenheit bald zu beseitigen wußte. Alle waren so klug, vorerst die beste Miene zu dem bösen Spiel zu machen, keine hatte ja der anderen etwas vorzuwerfen, und ein splendides, schwelgerisches Souper mit Champagner und einem Kaiserpunsch zum Dessert tat das seinige, so daß zuletzt alle überfröhlich wurden, über die Sache scherzten und meinten, so müsse es wohl in einem Serail zugehen, und des Tändelns und Küssens war kein Ende, wir sangen fröhliche Lieder und stimmten >Es kann ja nicht immer so bleiben< und >Wenn's immer, wenn's immer so wär< an. Ich brachte endlich eine jede im Wagen nach Hause und blieb zuletzt mit Demoiselle D..., welche den Geniestreich allerliebst fand, bis gegen Morgen allein.

In der Weinwirtschaft von Luther und Wegner, wo ich bisweilen ein Frühstück mit gutem Rheinwein einnahm, hatte ich auch die Bekanntschaft des Schauspielers Devrient gemacht, der, da diese Wirtschaft ganz in der Nähe des Theaters war, oft während der Proben und sogar in den Zwischenakten der Vorstellung einen Sprung hierher machte, um sich durch ein paar Gläser alten Rheinwein zur Fortsetzung seiner Rolle zu stärken und noch mehr zu begeistern, denn der Wein war ihm eine unentbehrliche Requisite. -- Die Darstellung seines Franz Moor, seines Rudolfs in Körners Banditenbraut, seine Drillinge, sein Nachtwächter und so weiter werden mir ewig unvergeßlich sein. Ich besuchte ihn jetzt öfters in seiner Wohnung und fand an Madame Devrient eine äußerst liebenswürdige Frau, wenn auch keine so große Künstlerin wie Demoiselle D... Da Devrient den Bacchus zu seinem Abgott gemacht, so vernachlässigte er über diesem Dienst gerne den Hymens und folglich seine liebe Frau, die sich aber zu entschädigen wußte und mit der ich, wenn sie im Theater nichts zu tun hatte, manchen schönen Abend entzückt hinbrachte. Einige ihrer Darstellungen, wie die der Johanna d'Arc in Schillers Jungfrau, die ihr der Gemahl noch in den Flitterwochen einstudiert hatte, waren dennoch ausgezeichnete Leistungen. Eine seltsame Wirtschaft war in dieser Haushaltung eingeführt. Wenn die Gagen für Herrn und Madame Devrient gebracht wurden, so warf Madame Devrient das Geld, nachdem sie die Rollen aufgebrochen hatte, in ein auf einem Konsoltisch stehendes Körbchen, es untereinander rüttelnd, und aus diesem Korb nahm nun jedermann, der zu ihrem Haus gehörte, nach Belieben und Bedarf heraus. Herr Devrient steckte Händevoll davon ungezählt in seine Taschen, Madama zahlte alle ihre Phantasien davon, das Kammermädchen, die Köchin, der Bediente, alle holten ohne zu fragen, was sie bedurften, _ad libitum_. Die gewöhnliche Folge war, daß der Korb schon mehrere Tage leer, bevor neue Gagengelder einliefen. Wurden nun Rechnungen zum Bezahlen präsentiert, so hieß es: »Es ist kein Geld mehr im Korb, Sie müssen wiederkommen, wenn er voll ist.« -- Ein wahres Künstlerleben.

Eines Tages fuhr ich mit Frau von Pogwisch und noch einigen Damen, das Denkmal der Königin Luise zu besuchen, nach Charlottenburg, wo wir einige zwanzig außerordentlich aufgeputzte und aufgedonnerte Mädchen auf der Terrasse an einer Gartenmauer sitzen sahen. Ich fragte Madame Pogwisch, ob sie nicht wisse, wer diese Damen seien, sie schlug aber verlegen und errötend die Augen nieder, und die anderen Damen lachten, keine konnte oder wollte mir Auskunft geben. Dies reizte meine Neugierde um so mehr, und als ich kaum in Charlottenburg ausgestiegen war, fragte ich einen Mann, der mir zuerst in den Wurf kam, darnach. -- »Ei, das sind ja die Fräuleins der Madame Bernhard,« erwiderte er lachend. -- »Der Madame Bernhard? Wer ist diese Madame Bernhard?« -- »Wie, Sie kennen deren berühmtes Hotel und Institut in der Friedrichstraße nicht?« -- »Nein.« -- »Das größte und schönste Bordell in ganz Berlin.« -- »Ach so.« -- »Nun, diese hat ein Landhaus hier in Charlottenburg; wo sie jeden Nachmittag mit einem Teil ihrer Nymphen zubringt.« -- Auch die verstorbene Königin hatte einst, an diesem Landhaus vorbeifahrend und die vielen geputzten Mädchen sehend, dieselbe Frage getan, auf welche ihr ein Hofherr geantwortet: »Ein Pensionat für vermögenslose Mädchen.« -- »Ach, die armen Kinder,« versetzte die Königin, »ich werde ihnen ein Geschenk zukommen lassen; sie sind aber doch alle schon sehr herangewachsen.« -- »Sie erhalten hier ihre letzte Ausbildung,« sagte der Hofmann. -- Das beabsichtigte Geschenk wußte man jedoch der Königin auszureden.

Auch die merkwürdigsten Tabagien Berlins, in denen jeden Abend getanzt wird, besuchte ich, versteht sich inkognito, und lernte in ihnen das ziemlich wilde Leben des Berliner Volks kennen; besonders war eine, die mit fast orientalischer Pracht ausgeschmückt und unterhalten war, berühmt. Der Saal bildete eine große Rotunde, aus welcher ringsherum Türen in Nebenzimmer führten; oben waren Logen auf einer Galerie angebracht. Der Haupttüre gegenüber war das Orchester auf einer erhöhten Tribüne; Türen, Fenster, Logen und Tribünen waren mit rotem Sammet drapiert. Hier fanden sich, sobald die Dämmerung eingetreten, die Berliner Grisetten und Studenten in Masse ein, sowie auch andere leichtgeschürzte Nymphen, und manches hübsche Bürgermädchen besuchte heimlich diesen Ort der Freude, nachdem sie mit einer Freundin oder Gespielin bis zur eintretenden Nacht die Linden auf und ab spaziert war. Venus, Bacchus und Ceres hatten hier zugleich ihren Thron aufgeschlagen, boten ihre Freuden zu ziemlich hohen Preisen feil und rupften die Federn der fremden Gimpel und Landjunker, welche so gemütlich in die oft plumpen Fallen gingen, die man ihnen stellte. Diese Nymphen, wenigstens die vom Handwerk, waren fast alle im Futter des Eigentümers der Tabagie, und ihr Hauptzweck ging dahin, die Gäste zu möglichst großen Depensen zu verleiten, in einen exaltierten Zustand zu versetzen und trunken zu machen, wobei sich dann auch gute Freunde einfanden, die, höchst erfreut ob der neuen Bekanntschaft, kostenfrei an den Gelagen teilnahmen und Brüderschaft bis zum Umfallen tranken, indem sie den neuen Freund hochleben, dabei vom Orchester Tusch mit Pauken und Trompeten machen ließen und »Vivat, Herr Bruder Fritz!« oder Paul und so weiter brüllten, was diesen ob der großen Ehre in Entzücken versetzte, und mit Vergnügen zahlte er den Taler Kurant, den das Orchester für einen jeden solchen Tusch erhielt und mit dem Veranlasser und dem Wirt brüderlich teilte. Man tuschierte, solange noch Taler in der Tasche der Gefeierten waren, bis sie endlich bewußtlos auf das Ruhebett eines Seitenkabinetts gebracht werden mußten, wo sie schwerlich der Knall einer Bombe wieder erweckt haben würde; daß die Dirnen dabei nach Kräften mitwirkten, versteht sich von selbst. Eines Abends machte ich mir mit noch einigen Bekannten den Spaß, ein paar Dutzend solcher Tabagien hintereinander zu besuchen, um die verschiedenen Physiognomien derselben sowie das Volksleben in allen seinen Abstufungen bis zur letzten und schmutzigsten kennen zu lernen. Für den Philosophen wie für den Psychologen ist so eine Wanderung immer von großem Interesse, sowie für den, der die menschliche Misere in ihrer ganzen Sublimität kennen lernen will.

Während wir so sorglos in Berlin in den Tag hineinlebten -- es waren damals noch sehr viele Offiziere aus dem Westfälischen und den Rheinprovinzen hier, welche Preußen übernommen hatte und die ebenfalls ihre definitive Anstellung abwarteten --, ging der Waffentanz in den Niederlanden los, und die Nachricht von der Schlacht bei Ligny am 16. Juni 1815 brachte in Berlin eine peinliche Niedergeschlagenheit hervor, so daß die Kleinmütigsten schon wieder an die Rückkehr der Franzosen glaubten, die aber niemand außer den öffentlichen Dirnen wünschte, welche ihre besten und freigebigsten Kunden mit deren Abmarsch verloren hatten. Glücklicherweise dauerte dieser Zustand kaum vierundzwanzig Stunden; die Nachricht von dem glänzenden, den 18. Juni bei Waterloo erfochtenen Sieg erfüllte ganz Berlin mit unglaublichem Jubel. -- Der Kurier, der die Nachricht von dem großen Sieg brachte, wurde mit vierundzwanzig blasenden Postillons eingeholt und durch alle Hauptstraßen Berlins unter Vivatgeschrei geführt. An demselben Tag war auch die hochverehrte Prinzessin Wilhelm mit einer Tochter niedergekommen, die zum Andenken an diesen Sieg unter vielen anderen auch den Namen >Viktoria< erhielt. Nun war Freude und Fröhlichkeit an allen Ecken und Enden, und die Liebe und Anhänglichkeit an das königliche Haus zeigte sich mitten im Taumel im schönsten Licht; besonders war es auch Blücher, den man hochleben ließ. In dem großen Opernhaus, das Friedrich der Große im Jahre 1740 hatte erbauen lassen und welches geräumiger als die damaligen Opernhäuser zu Paris und London war, wurde eine Vorstellung bei festlich erleuchtetem und geschmücktem Theater gegeben.

Mitten in diesem vergnügten Leben traf mich plötzlich die Order, mich sofort nach Kolberg zum siebzehnten Garnisonbataillon zu verfügen, bei dem ich vorerst angestellt sei, und zwar eine Kompagnie befehligend, ohne jedoch die Kompagnieführer-Zulage zu erhalten. Bei einem Garnisonbataillon angestellt zu sein, wollte mir wieder nicht in den Kopf, und ich verfügte mich deshalb zum Obersten Inspekteur von Witzleben, um Einsprache zu tun; dieser entgegnete mir jedoch, daß dies nur provisorisch sei und er nichts in der Sache ändern könne. Ich mußte also wohl Order parieren, dem freundlichen Berlin und meinen Wirten und Schönen Lebewohl sagen. Prinzessin Wilhelm konnte ich mich nicht persönlich empfehlen, sie war noch Wöchnerin und empfing niemand, ich schrieb ihr daher einen gehorsamsten Abschieds- und Danksagungsbrief. Noch ehe ich abreiste, war die Nachricht von Napoleons Einschiffung nach Sankt Helena angekommen. So war denn seine Rolle auf dieser Welt ausgespielt, Murat war schon früher in Pizzo erschossen und alle Brüder Napoleons von ihren Thronen herabgeworfen und fortgejagt worden. Das große Drama des ephemeren französischen Kaiserreichs war vorbei, und alle seine Akteure traten wie andere Schauspieler nach dem letzten Herabfallen des Vorhangs nach einer gewöhnlichen theatralischen Vorstellung wieder von der Bühne ab und in die Misere des bürgerlichen Alltagslebens zurück.

Ich erhielt einen freien Postpaß von Berlin nach Kolberg nebst zwei Monate rückständigen Gehalts und setzte mich, nachdem ich noch freundlichen Abschied von Demoiselle D..., meinen beiden hübschen Minchen und anderen genommen, in den federlosen Rumpelkasten, Postwagen genannt, der nach Stargard fuhr.

VIII.

Reise von Berlin nach Kolberg. -- Eine Amazone. -- Ankunft in Kolberg. -- Die neuen Dienstverhältnisse. -- Kolberg und seine Umgebungen. -- Einfachheit und Wohlhabenheit der Einwohner. -- Die Marienkirche. -- Gesellschaftliche Verhältnisse. -- Nettelbeck. -- Die letzte Belagerung. -- Feier des Geburtstags des Königs. -- Madame G... und ihre Cousine. -- Das Versteckenspiel im Bullenwinkel. -- Eine Reise nach Köslin. -- Eine Lustfahrt auf einen pommerschen Edelhof. -- Die Kolberger Freuden. -- Ich gehe auf Urlaub nach Berlin. -- Ein polnischer Reiseschatz. -- Die verräterischen Austernschalen. -- Fürst Blücher. -- Die Berliner Weihnachtsfreuden. -- Die Redouten und Porzellanfuhren. -- Die schöne Luise. -- Spandau. -- Eine glänzende Schlittenfahrt. -- Rückreise nach Kolberg.

Wer sich noch der damaligen Beschaffenheit der preußischen und sächsischen Postwagen erinnert, wird mir eingestehen, daß es keine geringe Marter war, mehrere Tage und Nächte fast ununterbrochen in einem solchen Behälter transportiert zu werden. Diese schlecht gebauten, auf der Achse gehenden Wagen rüttelten den Körper auf eine schmähliche Weise zusammen und machten die Knochen so mürbe, daß man sie zu brechen fürchtete, besonders wenn es in den Dörfern über die Knüppeldämme ging, denn Chausseen gab es ebenfalls nur sehr wenige und die Wege waren abscheulich, zudem hatte ich einen Seitensitz. Indessen sollte mich eine liebenswürdige Reisegefährtin für all dies Ungemach entschädigen. In der einen Ecke des Wagens saß ein wunderschönes Mädchen, ein Mädchen, wie sie der Himmel nur selten erschafft. In ihrem ganzen Wesen war etwas Heroisch-Liebliches, auf ihren Feuerwangen, in ihren blitzenden Augen, in ihren Zügen lag etwas so Edles, etwas so Mark und Bein bis ins Innerste Durchbohrendes, daß man davon durch und durch erschüttert wurde; ihr Wuchs, ihr Anstand, ihre ganze Figur war das schönste Ideal einer Amazone oder Bellonas selbst. Bald knüpfte ich ein Gespräch mit dieser Huldgöttin an, von der ich jedoch anfangs nur sehr kurze und einsilbige Antworten erhielt. Die übrige Reisegesellschaft hatte wenig Interesse für mich und schien es auch, bis auf eine ältliche Frau, deren Züge eine tiefe Schwermut ausdrückten, nicht zu verdienen. In Werneuchen, der ersten, drei Meilen von Berlin entfernten Station, wo der Postwagen nach der damaligen löblichen Gewohnheit wie auf allen Stationen mehrere Stunden, wohl auch wie in Stargard, Naugarten und so weiter halbe Tage liegen blieb, um alle Pakete, Passagiere, Koffer und so weiter gehörig zu sortieren und einzuschreiben, gelang es mir, meiner schönen Unbekannten ein paar Worte mehr zu entlocken. Gesprächiger aber wurde sie erst in Freienwalde, dem bekannten, sechs Meilen von Berlin entfernten Badeort, wo wir, während der Postwagen rastete, die artigen Anlagen und den Gesundbrunnen des Orts besuchten, der in einem anmutigen, von einer waldigen Höhe umgebenen Tal liegt und besonders von gichtbrüchigen und am Gehör leidenden Kranken besucht wird. Hier erfuhr ich, daß sich die gleich der Kriegsgöttin einherschreitende Schöne Johanna mit Vornamen nenne; den Familiennamen verschwieg sie mir aber noch. Ihr ganzes Benehmen hatte etwas Seltsames und Rätselhaftes. Beim Abfahren von Freienwalde war ich nicht weiter wie vorher, doch führte ich jetzt eine fortwährende, zusammenhängende Unterhaltung mit ihr. In Königsberg in der Neumark, wo wir des Nachts ankamen, gingen wir zusammen auf den Straßen spazieren, bis der Wagen wieder weiterfuhr, da es ihr unangenehm war, in der Gaststube unter den anderen Passagieren mehrere Stunden zu verweilen. Als ich ihr den Ort meiner Bestimmung, Kolberg, nannte, schien sie dies zu frappieren, und es entfuhren ihr die Worte: »Da will ich auch hin, meine Verwandten zu besuchen.« Ich drang nun mehr und mehr in sie und brachte bald von ihr heraus, daß sie die Tochter eines in Danzig angestellten Kriegsrats sei, der sich L... nenne. Das Mädchen war wissenschaftlich gebildet, in der Geschichte wohl bewandert, zeigte dabei einen so glühenden Franzosenhaß und namentlich gegen Napoleon, daß, so oft die Rede auf diesen kam, ihre Wangen glutrot wurden und ihre Augen Feuer sprühten. Vor allem waren es aber die neuesten politischen Zustände und französischen Kriege, von denen sie mit großer Teilnahme und mit einem bei einem Mädchen ganz ungewöhnlichen Enthusiasmus sprach, und als ich im Laufe des Gesprächs ihr von dem fanatischen Eifer der Kalabresen und Spanier erzählte, da war sie ganz Ohr und hörte mir mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu; sie wurde nun immer zutraulicher, freundlicher und sagte endlich mit Wärme zu mir: »Aber gegen die Deutschen, gegen die Preußen haben Sie doch nie gefochten, nicht wahr?« -- Dies konnte ich mit dem besten Gewissen mit nein beantworten. -- »Wohlan, dann gebe ich Ihnen gerne die Hand.« -- Sie reichte sie mir hin, ich ergriff sie schnell, drückte und küßte sie. In Stargard, wo der Wagen wieder vier Stunden hielt, ließen wir uns ein Zimmer geben und ein Mittagessen in demselben servieren. Hier fing des Mädchens Neugierde hinsichtlich meiner an, rege zu werden, und sie gab sich viel Mühe, meine früheren Verhältnisse zu erforschen. Ich teilte ihr manches, was ich für gut fand, mit, und sie schien ganz Auge und Ohr, endlich aber ließ auch ich den Wunsch blicken, näher über ihre Verhältnisse unterrichtet zu werden. Des Mädchens Wangen überzog nun eine leichte Röte, die jedoch immer stärker und zuletzt fast hochrot wurde, dabei funkelten ihre Augen wie Feuer, sie nahm endlich meine Hand, faßte sie krampfhaft und sprach: »Sie flößen mir volles Vertrauen ein, und ich will mich Ihnen ohne Rückhalt entdecken. Ich war die Verlobte eines der Offiziere von Schills Korps, die Napoleon so feigerweise erschießen ließ. Wir liebten uns beide auf das innigste und wollten bessere Zeiten abwarten, unsere Vermählung zu feiern. Der grausame unverdiente Tod meines Geliebten machte mich beinahe rasend und fast zur Menschenfeindin, wenigstens zur eingefleischtesten Franzosenfeindin. Als nun unser edler König den Aufruf zur Befreiung und Rettung des Vaterlandes an sein treues Volk erließ, da schwoll auch mir die Brust, und das Herz bebte mir vor Ungestüm und Rachedurst im Busen. Ich legte Mannskleider an, verließ, ohne ein Wort von meinem Vorhaben zu sagen, das elterliche Haus, trat bei dem Bülowschen Korps als Freiwilliger ein und habe als solcher die Feldzüge von 1813 und 1814 mitgemacht.« -- Als ich sie verwundert und etwas zweifelhaft anblickte, da streifte sie den rechten Ärmel ihres Kleides in die Höhe und zeigte mir eine erst kurz vernarbte breite Wunde, die sie von einem französischen _Chasseur à cheval_ bei Brienne erhielt und durch die sie längere Zeit im Lazarett zurückgehalten wurde, bei welcher Gelegenheit man auch zuerst ihr Geschlecht entdeckte. Erst jetzt hatte sie an ihre bekümmerten Eltern geschrieben, was aus ihr geworden. Sie kam nun ganz genesen von Berlin, wo sie sich in der letzten Zeit aufgehalten, wollte ihren Oheim in Kolberg, der daselbst verheiratet war und eine Zivil-Anstellung bekleidete, besuchen, bevor sie in das Vaterhaus zurückkehrte, wovor sie einige Scheu hatte, und das Vergangene durch den Oheim erst zu vermitteln wünschte. Daß dies alles ganz der Wahrheit gemäß war, davon hatte ich später Gelegenheit, mich vollkommen zu überzeugen. Wir erzählten uns nun gegenseitig Begebenheiten aus unseren Feldzügen und wurden dadurch so vertraut, daß wir bald nur noch ein Herz und eine Seele waren.