Part 22
Wir sahen die Gemächer, die Marie Louise bewohnt hatte, sowie die, welche Pius VII. während seines gezwungenen Aufenthalts zum Kerker gedient, endlich das Gemach, in dem Napoleon seine Abdankung unterzeichnet hatte. Nach einem ziemlich splendiden Diner setzten wir unsere Reise fort und kamen gegen Morgen in Paris an, wo wir in einem _Hôtel garni_ abstiegen und uns ermüdet niederlegten. Gegen Mittag erwachte ich, eilte zum Frühstück in das Palais Royal, ins _Café des mille colonnes_, wo ich sehr heftige politische Debatten über Napoleon, die Alliierten, die zurückgekehrten Bourbons, Ludwig XVIII. und so weiter anhörte, und man stritt, als wollte man sich eben bei den Köpfen nehmen; dann war von den Russen, den Kosaken, den Preußen, Engländern und Österreichern die Rede, man lobte den Kaiser Alexander als einen gar großmütigen Monarchen und äußerte: es gibt nur einen braven Russen, und der ist der Kaiser, alle anderen taugen nichts; auf Wellington und die Engländer schimpfte man und war gewaltig erbost; sie hatten allerdings etwas wild in der Umgegend von Paris gehaust. Nicht minder aufgebracht war man auf den braven Blücher und seine Preußen, die indessen nicht den hundertsten Teil dessen getan, was sich die Franzosen in Preußen hatten zuschulden kommen lassen; sie übten nur ein geringes Vergeltungsrecht und dies oft sehr großmütig, wie folgende Anekdote beweist. Ein Oberst der preußischen Garden war bei einer vornehmen reichen Dame im Faubourg Sankt Honoré einquartiert. Nachdem er sein Billett abgegeben, fand er die ihm eingeräumten, obgleich sehr schön und gut möblierten Zimmer viel zu schlecht, befahl, daß man ihm bessere Gemächer einräumen solle, und zwar in einem höchst arroganten und barschen Tone. Man gehorchte und gab ihm die besten im Hause, aber auch die waren ihm nicht gut genug, er warf sich mit Stiefeln und Sporen auf die kostbaren Sofas, und als man ihm das Frühstück und Mittagessen brachte, fand er alles abscheulich, kaum für Schweine gut genug, und warf mehrere Schüsseln den auftragenden Dienern vor die Füße. Seine Bedienten machten es nicht viel besser und hausten im Hotel, daß es zum Erbarmen war. Die arme Dame wußte sich gar nicht zu raten und zu helfen, faßte sich endlich ein Herz und begab sich selbst zu dem Obersten, um diesen zu bitten, er möge ihr doch nur sagen, was er wünsche und verlange, es solle ja alles geschehen, was in ihren Kräften stehe, um ihn soviel als möglich zufrieden zu stellen. Der Oberst hörte die Dame ganz ruhig an, bat sie auf das höflichste, doch Platz nehmen zu wollen, und sagte dann im besten Französisch auf das artigste: »Madame, ich habe Ihnen nur eine kleine Probe davon geben wollen, wie es Ihr Herr Sohn während drei Wochen, die er bei meinen Eltern in Berlin einquartiert war, gemacht hat, doch seien Sie ruhig, von jetzt an werden Sie sich nicht im mindesten mehr über mich oder meine Leute zu beklagen haben, und ich bitte, mir die zuerst zugedachten Zimmer wieder einräumen zu lassen, sie genügen mir vollkommen.« -- Von den Österreichern war wenig oder keine Sprache, sie hatten sich im ganzen sehr passiv verhalten. Es waren noch manche deutsche, russische und englische Offiziere in Paris zurück, die aber alle in Zivilkleidung einhergingen; dennoch fielen noch öfters Duelle vor. Die Russen zogen, wenigstens im Zweikampf mit der Klinge, meistens den kürzeren und wurden niedergestochen, während die Preußen manchen französischen Offizier ins Gras beißen ließen; die Engländer schossen sich fast nur auf Pistolen. Es verging fast kein Tag ohne solche Händel. Ich fand diesmal den Aufenthalt zu Paris himmelweit verschieden von dem im Jahre 1810, auch hatte sich in diesen vier Jahren sehr viel verändert. Das Ziel zu erreichen, um dessentwillen ich eigentlich hierher gereist, war unmöglich, man wußte noch gar nicht recht, wer eigentlich Koch oder Kellner war. Der Kriegsminister war nicht zu sprechen und sein Ministerium und dessen Vorzimmer den ganzen Tag von dem Troß der mit den Bourbonen zurückgekehrten Adeligen belagert, die alle ihre Anhänglichkeit an den König und dessen Familie und ihre wurmstichigen gegerbten Eselsfelle statt anderer Verdienste in Anschlag brachten und Anstellungen und Ehrenstellen verlangten. Wahr ist es, daß diese Herren nichts vergessen und nichts gelernt, es schien, als hätten sie von 1789 bis 1814 geschlafen, sie waren mit denselben Vorurteilen und Anmaßungen nach dem Frankreich von 1814 zurückgekehrt und reihten dieses Jahr ohne weiteres an die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts an; auch waren sie die lächerliche Zielscheibe des beißenden Spottes und Witzes und trugen die meiste Schuld an der fatalen Stimmung des Volkes gegen die zurückgekehrten Bourbonen und Ludwig XVIII. -- Von meinen früheren Bekannten suchte ich nur wenige auf und fand auch diese sehr verändert. Die einzige interessante neue Bekanntschaft, die ich machte, war Angelika Catalani, deren Donnerstimme damals in ihrer höchsten Kraft und Fülle war und mit der ich öfter Duette sang; ich sollte sie später in Deutschland wieder treffen, wo ich Gelegenheit fand, ihr manchen Dienst zu erweisen. -- Auch der schönen Madame Recamier, die so lange Paris hatte meiden müssen, weil es den kleinlichen Launen des korsischen Weltgebieters so gefiel, begegnete ich in einigen Salons und bewunderte zwar ihre allerdings außerordentliche Schönheit, aber ohne daß sie einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hätte, ob sie gleich durch ihre Einfachheit und Liebenswürdigkeit jedermann bezauberte; wahr ist es, daß ich in gar keine nähere Berührung mit ihr kam und kaum einige Worte gewechselt habe.
Da ich nach einem kurzen Aufenthalt von wenigen Wochen wohl einsah, daß unter den dermaligen Umständen, wo auch fast niemand an den Bestand des Bestehenden glauben wollte, nichts für mich in Paris zu machen war und ich keine Lust hatte, wieder zu dem _régiment étranger_, dessen Reste noch in Avesnes lagen, zurückzukehren, ließ ich mich auf halben Sold setzen und wählte vorerst Straßburg zu meinem provisorischen Aufenthalt, um von da nach beinahe neun Jahren meine Eltern wieder einmal besuchen und sehen zu können. Ich ging über Meaux, Chateau-Thierry und Epernay nach Reims, wo ich einen Tag verweilte, um die alte Krönungsstadt und ihre berühmte Kathedrale, eines der schönsten gotischen Denkmäler, zu sehen. Von hier reiste ich über Chalons sur Marne, Barleduc, Toul und Nancy nach Straßburg, wo ich ein Quartierbillett auf drei Tage bei einem Kaufmann Hecht im Kupferhof erhielt und sehr gut aufgenommen wurde, auch gestattete man mir, noch länger in diesem Quartier zu verbleiben, so daß ich bis zu meiner Abreise nach Frankfurt in demselben wohnte. Madame Hecht war eine hübsche junge Frau, auch musikalisch, und ihr zuliebe verschob ich meine Abreise um einige Wochen. In ihrer Gesellschaft besuchte ich Straßburgs Sehenswürdigkeiten, an ihrer Hand bestieg ich den Riesenturm des Münsters und besah mit ihr das schöne Monument des Marschalls von Sachsen in der protestantischen Sankt Thomaskirche. Auch die Ruprechtsau und andere Promenaden sowie das Theater, wo damals deutsche und französische Komödie gespielt wurde, besuchten wir miteinander. In Straßburg traf ich einige alte Bekannte. Talma gab gerade Gastrollen samt seinem Schüler David, der jedoch dem Meister keine große Ehre machte; sodann traf ich einen alten Schulkameraden, der zu gleicher Zeit mit mir in Breitensteins Pension zu Homburg gewesen und sich dem Kaufmannsstand gewidmet hatte. Durch diesen lernte ich den nicht verdienstlosen Schauspieler Vogel und dessen Gattin, eine hübsche und gute Sängerin, kennen, mit denen ich manchen vergnügten Abend zubrachte. Während meiner Anwesenheit fand sich auch der Herzog von Berry, auf seiner Rundreise durch Frankreich, daselbst ein, wußte sich aber wenig beliebt zu machen, und man fand seine affektierten martialischen Manieren etwas lächerlich und karikaturartig, zudem waren die Straßburger sowie das ganze Elsaß wütende Napoleonisten und haßten die Bourbonen, also gerade das Gegenteil von den Bewohnern des südlichen Frankreichs. Zu seinem Unglück war der Herzog von Berry noch obendrein die unschuldige Ursache des Todes des sehr beliebten Präfekten von Straßburg. Dieser war ihm nämlich eine große Strecke entgegengefahren, wurde mit seinem Wagen umgeworfen, wobei das Gefäß seines Degens ihm tief in die linke Seite eindrang und ihn so schwer verletzte, daß er schon vierundzwanzig Stunden darauf seinen Geist aufgab. Diesen unglücklichen Zufall schob man dem unbeliebten Herzog in die Schuhe, den man um so mehr verwünschte. Nichtsdestoweniger fanden die vorbereiteten Empfangsfeierlichkeiten statt, aber kaum daß man hier und da bei seinem Einzug zu Pferde ein halblautes schüchternes >_Vive le roi!_< hörte; doch war der Ball, der ihm zu Ehren gegeben wurde, sowie das Feuerwerk recht brillant. Was mich aber von all den Feierlichkeiten am meisten ansprach, war die imposante Illumination des Münsters, bis in die höchste Spitze seines Riesenturmes, der sich in den Sternen zu verlieren schien, ein majestätisches Nachtgemälde.
Endlich fand ich doch, daß es Zeit sei, das Vaterhaus einmal wieder zu sehen und erbat mir von dem Kommandanten, General Baron Deburaux, Urlaub zu einer Reise nach Frankfurt, der mir auch ohne Umstände bewilligt wurde. Ich nahm Abschied von der Familie Hecht und Vogel, versprach ersterer, spätestens binnen drei Monaten wieder zurückzukommen und fuhr den 12. Oktober 1814 über die Rheinbrücke nach Kehl und von da über Rastatt nach Karlsruhe und von da mit der Diligence nach Frankfurt. In dem Wagen befand sich ein allerliebstes junges Mädchen, die Tochter eines badischen Beamten aus Rastatt, das zu seinen Verwandten zum Besuch nach Frankfurt reiste und neben mir saß. Nachdem die Dämmerung eingetreten war, wurden wir bald so vertraut, daß wir die ganze Nacht Arm in Arm miteinander zubrachten. In Heidelberg kamen wir gegen Mitternacht an und ließen uns, während man umspannte und auspackte, ein Zimmer und etwas zu essen geben, worauf wir im Taumel des Vergnügens beinahe das Abfahren des Postwagens verpaßt hätten, wenn uns nicht der Hausknecht mit rauher Stimme und Klopfen daran erinnert hätte. Wir setzten nun die Reise in der Art, wie wir sie begonnen, weiter fort und trieben das süße Spiel, während die anderen Passagiere, unter denen noch zwei Damen, schliefen, _con amore_ fort. Längs der Bergstraße sahen wir auf allen Höhen große Feuer emporlodern, und als ich fragte, was dies zu bedeuten habe, ward mir die Antwort, es sei zum Andenken an den 18. Oktober von den Alliierten bei Leipzig errungenen großen Sieg über Napoleon (18. Oktober 1813). Als es zu grauen begann, schliefen wir etwas ermüdet ein und wachten erst bei dem Anhalten in Darmstadt wieder auf. Nachdem wir endlich Neu-Isenburg passiert hatten, durch den Frankfurter Wald kamen und ich die Sachsenhäuser Warte und nun jeden Augenblick neue, mir wohlbekannte Gegenstände und Orte erblickte, welche in meiner frühen Kindheit oft das Ziel unserer Spaziergänge und der Tummelplatz unserer Spiele und Freuden gewesen, da wurde es mir doch ganz wunderlich ums Herz, das allmählich stärker zu pochen begann. Ich sah nun Frankfurt mit dem mir so wohlbekannten Taunusgebirge im Hintergrunde, das sich von der Sachsenhäuser Warte ganz besonders malerisch ausnimmt, sich vor mir ausbreiten, staunte den ehrwürdigen alten bemoosten Pfarrturm an, der mich etwas mürrisch zu bewillkommnen schien, fuhr durch das Affentor, über die Mainbrücke, am goldenen Gickel vorbei, in den Rahmhof, sprang aus dem Wagen, alles im Stich lassend, meiner hübschen Reisegefährtin kaum ein >Lebewohl, auf Wiedersehen< zurufend, rannte nach dem väterlichen Haus und lag in den Armen meiner mich erwartenden Eltern und Geschwister, nach neun langen Jahren, in denen ich so viel erlebt und mitgemacht und sich so manches verändert hatte. Staunend ward ich von meinen Lieben und sogar dem Gesinde, gleich einem halben Wundertier, umringt.
VI.
Feier des 18. Oktobers zu Frankfurt am Main. -- Verfassungswehen dieser Stadt. -- Franzosenhaß daselbst. -- Diversi. -- Ein Fest auf dem Sandhof. -- Napoleons Rückkehr von der Insel Elba. -- Ich entschließe mich in preußische Dienste zu treten. -- Abreise nach Berlin.
Es war der erste Jahrestag der Schlacht von Leipzig, als ich in den Nachmittagsstunden in meiner Vaterstadt eintraf, wo es fast schien, als wäre die ganze Stadt von der Tarantel gestochen; auf den Straßen, Plätzen und aus vielen Häusern wurde fortwährend geschossen, sogar Frauen und Mädchen drückten Pistolen ab, man schimpfte und verwünschte auf gut frankfurterisch die Franzosen, und die guten Frankfurter waren sämtlich gewaltige Franzosenfresser geworden, sobald jene weg waren. Auf dem Römerberg und dem Roßmarkt waren Altäre errichtet, an welchen die liebe Schuljugend, von ihren Monarchen angeführt, Dank- und Lobgesänge für die glückliche Befreiung von der Regierung des Fürsten Primas plärrte. Den Abend war die Stadt erleuchtet, und allenthalben waren Transparente angebracht, die zum Teil wunderliche Dinge darstellten und sehr komische Sprüche enthielten. -- So hatte unter anderen ein reicher Bäcker namens Binding einen ungeheuren Kuchen auf seinem Transparent dargestellt, den die Franzosen auf der einen Seite attackierten, während er und seine Gesellen dieselben mit Schaufeln auffingen und in den Backofen schoben. Unter diesem Transparent las man die Worte:
Ich bin ein lustiger Bäcker; Für die französischen Lecker Aber back ich keine Kuchen mehr, Sie müssen all' in meinen Backofen her.
Und doch hatte der Mann sein Geld hauptsächlich durch die Franzosen gewonnen. Auch die Bürgermiliz paradierte diesen Tag unterm Gewehr neu uniformiert, aber mit dem Marschieren wollte es noch nicht recht gehen, und von der Reiterei, einigen dreißig Mann, die meistens auf erbärmlichen Lehnkleppern ritten -- mit dem Reiten sah es noch schlimmer als mit dem Marschieren aus --, fiel mehr als einer sogar von seiner Rosinante herab oder stürzte mit derselben. Dieses Militär hatte ein wahrhaft grimmig gutmütiges Ansehen, indessen las man in Frankfurter Blättern oder Korrespondenzartikeln doch viel von dem martialischen Aussehen und der militärischen Haltung und dito Geist dieser Miliz. Die Frankfurter hatten aber auch ein Bataillon Freiwillige errichtet, um den Feldzug von 1814 in Frankreich mitzumachen; sie bekamen zwar den Feind nicht zu sehen, dies war jedoch nicht ihre Schuld. Ein starker und anhaltender Regen, der sich am Abend des 18. Oktober zeitig einstellte, machte der Illumination ein schnelles Ende; Lichter und Transparente erloschen, nachdem sie kaum angezündet waren.
Als in der verwandtschaftlichen Sippschaft meine Ankunft bekannt wurde, warteten die meisten Vettern und Muhmen nicht ab, bis ich ihnen meine gehorsamste Aufwartung machte, sondern sie fanden sich beizeiten selbst ein, um das zurückgekommene Wundertier, das als noch unbärtiges Kind ausgezogen und nun als bärtiger, sonnverbrannter Mann nach so manchen überstandenen Gefahren wiedergekehrt war, in Augenschein zu nehmen, zu bewillkommnen und anzustaunen. Nicht Teilnahme, sondern Neugierde war die Triebfeder dieser überartigen Zuvorkommenheit, und des lästigen Fragens und Geschwätzes war kein Ende, sowie ich mit Einladungen zu Mittag- und Abendessen wahrhaft überschüttet wurde. Viele der älteren Bekannten waren in die ewige Heimat gegangen, unter ihnen auch meine Großeltern väterlicherseits, der alte Oberst Schulter, Goethes Oheim, und meine Tante Feierlein, die ehemalige Scholz, samt ihrem zweiten Mann, dem Doktor Feierlein. Dieser hatte sich seinen Tod bei einer Audienz, die er als guter Redner an der Spitze einer Deputation von Frankfurter Bürgern bei Kaiser Franz II. hatte, um denselben für die Wiederherstellung der freireichsstädtischen Freiheit Frankfurts zu gewinnen, geholt. Die Herren mußten nämlich in einem eiskalten Vorzimmer des Thurn- und Taxisschen Palais, in welchem der Kaiser wohnte, in dünnem Frack, kurzen Beinkleidern, seidenen Strümpfen und Schuhen ein paar Stunden antichambrieren, bevor man die Gnade hatte, sie vorzulassen, wodurch sich mein Oheim Feierlein eine so starke Erkältung zuzog, daß er kurze Zeit darauf starb und so das Opfer seines Patriotismus und Rednertalents wurde.
Die Einwohner Frankfurts hatten sich trotz der mehr als siebenjährigen Regierung des Fürsten Primas wenig oder nicht verändert, desto mehr aber die Stadt selbst, deren Festungswerke, Wälle, Bastionen und Mauern während der Zeit demoliert, die Gräben ausgefüllt und in sehr anmutige und geschmackvolle Promenaden verwandelt worden waren.
Vierzehn Tage nach meiner Ankunft war ich endlich gottlob von allen Basen und Neugierigen der Reihe nach abgefüttert. Das Unangenehmste bei diesen, der Familienverhältnisse wegen nicht gut abzuschlagenden Einladungen war, daß ich die ewigen Schimpfereien auf die Franzosen und den menschenfreundlichen Fürsten Primas wiederkäuen hören mußte; auch war man einfältig genug, fast alles, was unter dessen Regierung Löbliches und Nützliches geschehen und verordnet worden, wieder abzuschaffen und statt dessen die alten Albernheiten, Spießbürgerlichkeiten und Erbärmlichkeiten wieder aus der reichsstädtischen Rumpelkammer hervorzuholen, um sie soviel als möglich dem neuen freistädtischen Kram anzupassen. Die ganze Stadt lag in den Verfassungswehen, unter deren Geburtsschmerzen sie sich krümmte und gebärdete, daß es zum Erbarmen war; es dauerte jahrelang, bis dieses Monstrum, diese Mißgeburt einer republikanischen Konstitution, endlich durch eine Art Kaiserschnitt zu Tage gefördert wurde. Gleich beim Beginn der großherzoglichen Regierung waren alle Privilegien einzelner Personen und Familien daselbst aufgehoben worden, sowie daß die sogenannten Patrizier oder adeligen Familien kein ausschließliches Recht zu Ämtern noch zu Diensten und Würden mehr haben sollten, wogegen man mehrere unter ihnen mit dem Kammerherrnschlüssel, Hoffähigkeit und ähnlichen Dingen tröstete. Diese wollten aber nun, da sie Schlüssel und Fähigkeiten eingebüßt, wieder in ihre alten Rechte oder vielmehr Vorrechte eingesetzt sein und auf eine gewisse Zahl Stellen im Rat oder Senat Anspruch machen, wozu sie jedoch eher ihre größere wissenschaftliche Bildung, Kenntnisse und Fähigkeiten, als ein angemaßtes Vorrecht berechtigt hätte; namentlich war es das Haus Limpurg, das sich gewaltig und oft burlesk genug um dieses Vorrecht stritt, und es regnete Broschüren in diesen Angelegenheiten, die es hinsichtlich des Stils, der Anmaßung, der Unbeholfenheit, Plumpheit und lächerlichen Impertinenz noch mit den Behörden, Urteilen und Verfügungen der Frankfurter Gerichte aufnehmen konnten, bei denen man eine stupide Grobheit durchaus für unzertrennlich von der amtlichen Würde hält.
Man suchte damals auch in Frankfurt seinen Patriotismus und Franzosenhaß durch altdeutsche Tracht der Welt kund zu tun, dies hielt aber nicht lange an, auch wurde diese Tracht nie allgemein, da sie zu kostspielig und also nur für Reiche war, die damit in Gesellschaften und auf Bällen prangten, namentlich die Damen mit altdeutschen Häubchen, Ketten und dergleichen. Der Franzosenhaß ging so weit, daß man jetzt jedes französische Wort oder das man dafür hielt -- denn auch lateinische und italienische Ausdrücke wurden oft dafür genommen --, aus der Unterhaltung verbannt wissen wollte und dennoch deren in aller Unschuld unzählige einmischte, sie für echt deutsch haltend. Mit französischen reisenden Kaufmannsdienern wollte man sich nicht in geschäftliche Unterredungen mehr einlassen, wenn sie nicht deutsch sprechen konnten, doch besann man sich eines Besseren, sobald man sich merkantilische Vorteile davon versprach. Einen armen französischen Tanzmeister namens Lepitre, der schon lange Jahre den Beinen und Füßen der Frankfurter Schönen Gelenkigkeit beigebracht hatte, wollte man schlechterdings aus der Stadt geschafft wissen; glücklicherweise nahmen ihn einige angesehene Familien, worunter die Bethmannsche und ihr großer Anhang, die nicht von der allgemeinen Raserei befallen waren und bei denen er Tanzunterricht gab, in Schutz, aber viele Franzosen und Französinnen, unter denen auch Gouvernanten und Bonnen, die man hatte kommen lassen, wurden fortgeschickt. Glücklicherweise verflog der Frankfurter patriotische Rausch bald wieder, die Wehen der zu schaffenden Verfassung beschäftigten allmählich die Gemüter immer mehr, und als bald darauf Napoleon von der Insel Elba landete, ging es wie 1792 nach der Ermordung der französischen Soldaten, niemand wollte mehr so berauscht gewesen sein. Ich hatte mich indessen wenig an diesen Unsinn gekehrt, doch wurde ich im Innern erbittert, als ich nach und nach die Unbilden erfuhr, welche sich die Franzosen in Deutschland und namentlich in Preußen, aller Rechtlichkeit und Menschenwürde Hohn sprechend, erlaubt hatten; auch hatte Napoleon schon durch seine Abdankung in Fontainebleau unendlich in meinen Augen verloren. Er hätte sich gleich Friedrich dem Großen bis auf den letzten Mann seiner Haut wehren müssen, denn er hatte noch weit mehr Hilfsmittel als jener zu seinen Diensten, aber freilich nicht dessen Genie. Was mich am meisten empörte, war die feige Ermordung des Buchhändlers Palm und das niederträchtige Erschießen der Offiziere von dem Korps des braven Schill, sowie daß er dessen Soldaten, die doch nur wie jeder Soldat ihrem Vorgesetzten gehorchen mußten, unter das Raub- und Mordgesindel auf die Galeeren von Toulon schickte.
In der Regel ging ich in Frankfurt in Zivilkleidern aus und steckte mich nur dann und wann bei besonderen Gelegenheiten in meine französische Uniform, was selbst die Meinigen sehr ungern sahen, weil sie fürchteten, es könne mir böse Händel zuziehen. Da ich aber die königlich französische weiße Kokarde trug, also in Diensten des von den Verbündeten selbst eingesetzten Königs stand, so glaubte ich keinen Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sein, auch widerfuhr mir, obgleich ich öfters preußischen Offizieren und Soldaten begegnete, wie zu erwarten war, nicht das mindeste. Eines Tages aber, als ich in Uniform an dem Haus vorüberging, in welchem ein österreichischer Major namens Schröer als Etappenkommandant sein Bureau hatte, kam mir ein österreichischer Korporal nachgesprungen und sagte mir, der Herr Major verlange mich zu sprechen. Ich hieß ihn einen Augenblick warten, zog meine Schreibtafel heraus und schrieb mit Bleifeder die Adresse meiner Wohnung auf ein Stückchen Papier, das ich dem Korporal zustellte und ihm sagte, er möge dies nur seinem Herrn Major bringen und ihm sagen, daß ich in der Regel jeden Morgen bis zehn Uhr zu Haus zu treffen sei. Da der Korporal, das Blättchen in der Hand haltend, noch immer zauderte, so wiederholte ich ihm nochmals, daß er dies nur seinem Major zuzustellen habe und nun gehen könne. Somit glaubte ich die Sache abgemacht, den anderen Tag erhielt ich aber ein Schreiben von dem österreichischen Vizegouverneur, dem General Grafen von Hardegg, der sich noch in Frankfurt aufhielt und in einem uns befreundeten Haus einquartiert war, mit der Aufforderung, mich zu ihm zu verfügen. Ich war unschlüssig, was ich tun sollte, indessen begab ich mich auf Zureden meiner Familie zu dem Herrn Vizegouverneur, dessen erste Frage nach den gebräuchlichen Bewillkommnungen war, ob ich den Dienst nicht kenne?
»Den französischen vollkommen, um den österreichischen habe ich mich niemals bekümmert, Herr General.«
»Warum haben Sie sich nicht bei dem Major Schröer gemeldet?«
»Ich wußte nicht einmal, daß noch ein österreichisches Kommando hier sei, und würde es dann noch für überflüssig gehalten haben, ich bin ein geborener Frankfurter.«
»Sie haben sehr gegen den Dienst gefehlt, bei uns würde so etwas streng bestraft werden.«
»Unglücklicherweise oder glücklicherweise habe ich nicht die Ehre, in österreichischen Diensten zu stehen.«
»Sie haben sich über Ihren Urlaub auszuweisen.«
»Nichts leichter als dies.«