Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 21

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Diese Anstalt ist sehr groß und bewunderungswürdig. Man findet in derselben Wohnungen für hohe Herrschaften und Privatleute, Kasernen, Gasthäuser, in denen man alles, freilich sehr teuer, haben kann, Krankenhäuser und so weiter. Das ganze Lazarett ist in sieben Abteilungen oder Quartiere eingeteilt, die sämtlich durch hohe Mauern voneinander getrennt sind, deren Tore bei Nacht wie in Festungen geschlossen werden. Drei dieser Abteilungen sind allein für Waren bestimmt und haben geräumige Hallen zu diesem Zweck. Für wirkliche Pestkranke sind ganz besondere Räume vorhanden. Die Polizei im Lazarett wird mit großer Strenge gehandhabt, um jede Annäherung eines Quarantänärs mit dem aus einer anderen Abteilung zu verhindern; und wer etwas in dem Wirtshaus der Quarantäne kaufen will, wird von einem _garde de santé_, der mit einem zehn Schuh langen Stab oder Spieß bewaffnet ist, begleitet, so daß, wenn man einem anderen Quarantänär mit seinen Wächtern begegnet, man vermittelst dieser Stäbe immer zwanzig Schuh weit auseinandergehalten wird. Alles Geld, das man bezahlt, wirft man in eine mit Weinessig gefüllte Schüssel, welche vor dem Gitter steht, das das ebenfalls abgeschlossene Wirtshaus, eine kleine Feste, umgibt. Alle diese Einrichtungen bestehen erst seit dem Jahre 1720, wo durch Unvorsichtigkeit und Nachlässigkeit ein Schiff, das aus der Levante kam und auf dem unterwegs schon ein halbes Dutzend Menschen an der Pest gestorben waren, und das man dennoch nur eine Quarantäne von acht Tagen halten ließ, diese schreckliche Geißel nach Marseille und dem ganzen südlichen Frankreich brachte. Die große Stadt war in Zeit von sechs Wochen wie ausgestorben. Über achtzigtausend Menschen hatte die Pest hinweggerafft. Fast alle Häuser standen leer, und in den Straßen begegnete man keiner Seele mehr. Im ganzen Lande aber wurden viele Hunderttausende das Opfer dieser Plage. Ein gräßlich-schönes Gemälde im Hotel de Ville von Marseille stellt furchtbare Schauerszenen aus jener Unglückszeit dar.

Wir hatten je zwei Offiziere ein Zimmer oder vielmehr Kämmerchen, nur die Verheirateten hatten ein besonderes. Mein nächster Nachbar war der Kapitän Stahl, der seine junge Frau mit einer fast wütenden Eifersucht hütete, weshalb es schon auf dem Schiff manche Neckereien und Unannehmlichkeiten abgesetzt hatte, so daß er oft gar nicht zu Tische mit ihr kam. Die Frau aber, die, gleich allen Griechinnen, ein feuriges heftiges Temperament hatte, verdroß dies so sehr, daß sie mehr als einmal zu mir äußerte: »Gerade weil er es so macht, muß er Hörner tragen, die ich ihm bei der ersten Gelegenheit aufsetzen werde.« Diese fand sich dann auch, trotz allem Bewachen, bald genug, und zwei Tage, nachdem wir die Quarantäne verlassen hatten, wußte die verschmitzte Frau schon ihr löbliches Vorhaben auszuführen, wozu ich ihr denn auch bestens an die Hand ging. Während sie Stahl mit Madame Roy in der Kirche glaubte, wohin er beide Frauen begleitet und sich dann nach dem Hafen in Dienstangelegenheiten begab, brachte sie eine süße Stunde in meinen Armen im Hotel der Ambassadeurs zu, wo ich mich einquartiert hatte.

Alle Griechen und griechischen Frauen, die mit von Korfu gekommen waren, konnten sich nicht genug über die Größe, Pracht und schönen Gebäude von Marseille wundern und riefen einmal über das andere aus: »_O che palazzi!_« -- Marseille ist aber auch eine der schönsten Städte Frankreichs und ihr Hafen der prächtigste und sicherste im mittelländischen Meer. Seine Kais sind fast durchaus mit prachtvollen Häusern geziert. Linienschiffe können jedoch nicht in denselben einlaufen, weil er nicht tief genug ist. Wir hatten bei der Insel If Anker geworfen, von wo wir in Booten an das Lazarett gefahren wurden. Ihre Kathedrale ist die älteste Kirche Galliens und auf den Ruinen eines Dianentempels erbaut, von dem noch schöne Granitsäulen in der Kirche selbst angebracht sind. Das Arsenal, das große Theater, die Börse, den Gouvernementspalast, den Cours, eine der schönsten Straßen, die ich gesehen, die Straße Beauveau, den Platz Canabière als Paradeplatz der schönen Welt, darf man nicht versäumen, aufzusuchen. Es machte mir großes Vergnügen, den mitgekommenen Damen von Korfu alle Merkwürdigkeiten Marseilles zu zeigen und mich an ihrem Staunen zu ergötzen. Namentlich waren es Madame Conge und Coste, deren beständiger Begleiter ich war. Auch das Leben und Treiben in Frankreich, die Freiheit, welche alle französischen Frauen genießen, die Sitten und Gebräuche, dies alles war eine neue Welt für sie. -- Da ich das daselbst etablierte deutsche Haus Ellenberger und Imer kannte, an das ich schon früher, als wir in Toulon lagen, empfohlen war, und durch welches ich mir noch in der Quarantäne allerlei Lebensmittel und Weine hatte schicken lassen, die sie mir in bester Qualität und ganz vorzüglich besorgt hatten, so ließ ich mir von demselben ein paar hundert Franken gegen Anweisung auf Frankfurt geben und hatte so einige Mittel in Händen. Auch wurden uns, ehe wir die Quarantäne verließen, zwei Monate rückständiger Sold ausbezahlt, den die Kaufleute von Marseille vorgeschossen, um den von Korfu ankommenden Truppen Mut zu machen und sie für die Bourbonen günstig zu stimmen. Denn Marseille sowie die ganze Provence und Languedoc waren auf das äußerste gegen Napoleon erbost, da hier aller Handel und die Gewerbe während seiner Herrschaft stockten und fast auf Null herabgesunken waren. Ihre Anhänglichkeit zur zurückgekehrten Dynastie sprach sich enthusiastisch aus. Das Volk zu Marseille hatte sogar kurz vor unserer Ankunft ein Artilleriebataillon unter dem Gewehr auf dem Paradeplatz umstellt und dasselbe gezwungen, seine Adler von den Tschakos herabzunehmen. Einige Offiziere waren mißhandelt worden. Einem Obersten, der noch kaiserliche Abzeichen an sich hatte und diese auf das Geheiß des Pöbels nicht sogleich abnehmen wollte, rissen sie die Epauletten von den Schultern.

Wir blieben nur kurze Zeit in Marseille. Schon in der dritten Woche nach unserer Ankunft daselbst erhielt unser Regiment Order, nach Avignon abzumarschieren. In Aix aber brach eine förmliche Meuterei unter unseren Leuten aus, die erklärten, nicht weiter marschieren zu wollen, bis man ihnen den sämtlichen, noch rückständigen Sold ausgezahlt habe. Die Sache drohte in eine förmliche Empörung auszuarten. Die Soldaten wollten sich an ihre Offiziere und Chefs halten, stießen unzweideutige Drohungen gegen dieselben aus, von ihnen den rückständigen Sold fordernd. Um sie im Zaum zu halten, ließ man die Nationalgarde von Aix unter die Waffen treten und in starken Abteilungen durch alle Straßen patrouillieren. Dies und die Auszahlung von noch einem Monat Sold, den die Stadt Aix vorschoß, beschwichtigte die Murrenden. Den vierten Tag marschierten wir nach Avignon ab, wo sich aber schon ein Befehl des Kriegsministers vorfand, welcher das Regiment nach Avesnes im Departement du Nord beorderte, wo die Leute ihr ganzes Guthaben, und diejenigen, die nicht länger in Frankreich dienen wollten, ihren Abschied und eine Marschroute bis an die Grenze erhalten sollten. Die meisten Leute nahmen dies an und wurden, nachdem sie ihren Abschied erhalten und ihre Waffen abgeliefert hatten, in Transporten von fünfzig bis hundert Mann bis zur deutschen Grenze geführt. Die dabei bleibenden Offiziere wurden auf halben Sold gesetzt. Man zählte damals an dreißigtausend Offiziere, die auf halben Sold gesetzt wurden, worunter alle die, welche aus russischer, preußischer, spanischer, englischer und so weiter Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Ich hatte wegen eines Fiebers, das mich überfiel, in Avignon zurückbleiben müssen. Die lange Seereise, auf der ich nie die eigentliche Seekrankheit gehabt, dagegen aber immer eine Unbehaglichkeit und Übelkeit verspürte, und sehr an hartnäckigen Obstruktionen litt, hatte mir wohl diese Krankheit zugezogen. Ich wollte nun meine Genesung, die auch bald erfolgte, in Avignon abwarten und mietete mir eine angenehme Wohnung auf dem großen Platz mitten in der Stadt bei einem ziemlich wohlhabenden Bürger namens Giraud, der sich in Ruhestand gesetzt und ein liebenswürdiges sechzehnjähriges Töchterchen, das einzige Kind, hatte. Von hier aus schrieb ich an meine Eltern und erhielt neue Empfehlungen an das Haus Aymard, das einen Sohn als Volontär in Frankfurt hatte und sich daher meiner annahm. In kurzer Zeit war ich, wie gesagt, wieder von meiner Krankheit genesen, brachte aber noch ein paar Wochen in Avignon zu, wo mich die hübsche Tochter meines Hauswirtes, Marguerite Giraud, fesselte. Die Einwohner von Avignon waren ebenso erbitterte Feinde Napoleons wie die zu Marseille und in den anderen Städten der Provence. Sie nannten den abgesetzten Kaiser nur >_le vieux Nicola_<, hatten ihn im Bilde verbrannt und einen Napoleon vorstellenden Strohmann lange in dem Straßenkot herumgeschleift. Hier würde ihm sowie in Orgon und anderen Orten übel mitgespielt worden sein, hätte man ihn bei seiner Durchreise erwischt. Auch hatte er sich schnell Hals über Kopf weiter gemacht, als er die entstandene Gärung wahrnahm. Die Weiber der niederen Klassen tanzten noch täglich die Farandole beim Schall einer Baskotrommel, sich an Taschentüchern aneinanderhaltend, wie besessen in allen Straßen und auf öffentlichen Plätzen, sangen dabei Spottlieder auf den >_père Nicola_<, wie sie ihn nannten, und waren berauscht. Eines Abends ritt ich mit dem Chirurgien-Major Colombe vom sechsten Linienregiment, das mit uns in Korfu gewesen und jetzt in Avignon garnisonierte, zum Rhonetor hinaus spazieren, in dessen Nähe am Kai ein Bataillon dieses Regiments exerzierte. Kaum waren wir vor dem Tor, als ein Troß solcher toller tanzender Weiber uns umringte und im dortigen Patois zurief, wir sollten >_Vive Louis XVIII., vive les Bourbons_< schreien. Ich erklärte ernst und kurz, daß ich auf kein Kommando schreie, aber Colombe wollte Bravaden zeigen und schrie aus vollem Halse: »_Vive Napoléon!_« Nun fielen ihm die wilden Weiber gleich in die Zügel, rissen ihn vom Pferd herab, während ich mich frei machte und den Degen zog, mein Pferd sich bäumen ließ und mich so in Verteidigungsstand setzte. Sicher würde es Colombe ergangen sein wie dem armen Sänger Orpheus, diese modernen Bacchantinnen würden auch ihn in Stücke gerissen haben, wenn nicht glücklicherweise das ganz in der Nähe exerzierende Bataillon sogleich eine Patrouille abgesandt hätte, den unglücklichen Chirurgien-Major zu befreien. Das Spazierenreiten war ihm nun vergangen, und er begab sich heim, sein Roß demütig am Zügel führend. Schlimmere Folgen hätte beinahe meine Bekanntschaft mit Marguerite Giraud gehabt; ich hatte jetzt auch den Tisch bei den guten Leuten, und eine alte Tante, die so ziemlich das Hausregiment führte, hatte es auf eine Heirat zwischen mir und der sechzehnjährigen Marguerite abgesehen. Eines Morgens nahm ich mir vor, die guten Leute mit einem deutschen oder vielmehr Frankfurter Frühstück zu regalieren, das man in Frankfurt in der Regel nur in der Fastnacht genießt und das aus in Rahm und Milch zerlassener Butter und ganz heißem Weiß- oder Milchbrot besteht, warme Wecken genannt, und so heiß als möglich genossen wird; allein es gehört ein sehr guter Magen dazu, um es ohne Beschwerden verdauen zu können. Dem alten Herrn Giraud mundeten diese warmen Wecken außerordentlich, er aß deren beinahe ein halbes Dutzend hintereinander, aber gleich darauf wurde es ihm so übel, daß er glaubte, er müsse den Geist aufgeben. Dem Geistlichen des Hauses, der auch von der Partie gewesen und tüchtig mitgegessen hatte, wurde ebenfalls übel, dann kam die Reihe an die alte Tante, und selbst Marguerite befand sich nicht ganz wohl darnach. Die Tante fing nun auf einmal an, wie besessen zu schreien: »Ach, wir sind vergiftet, wir sind alle vergiftet!« Ich vermochte sie nicht zu beruhigen, obgleich ich ihr vorstellte, daß ich am meisten von dieser Speise genossen hätte; sie schickte nach einem Arzt, der auch schnell ankam und die noch übrige Butter, Milch und Brote untersuchte, während sich die Patienten bald auf dem Wege der Besserung befanden. Als ich ihm die Sache auseinandersetzte, meinte er lächelnd: »Ja, zu deutscher Kost gehört auch ein deutscher Magen.« -- Einige Gläser Likör brachten die verdorbenen Mägen wieder so ziemlich in Ordnung, doch hatten Herr Giraud und die Tante ein paar Tage zu tun, bis sie völlig wieder hergestellt waren, aber niemand spürte mehr Lust, sich noch ferner _à l'allemande_ von mir regalieren zu lassen, und man gestand, daß man nicht ganz von dem Verdacht einer absichtlichen Vergiftung frei gewesen sei. Als ich bei Aymards die Geschichte erzählte, wollte man sich halbtot lachen, doch hatte niemand Lust, die Speise zu versuchen, wie ich es auch ihnen vorgeschlagen hatte. Aber ein ganz anderes Donnerwetter zog sich über meinem Haupt zusammen, als ich eines Tages bei Tische zufällig erwähnte, daß ich ein Protestant und zwar ein Lutheraner sei. Man lachte anfänglich dazu und meinte, ich scherze, denn auch diese Leute stellten sich unter einem Lutheraner noch eine Art Ungeheuer vor, bis ich ihnen ganz ernstlich versicherte, daß ich die Wahrheit gesagt und sie auch durch Erkundigungen herausgebracht hatten, daß ich wahr gesprochen. -- Marguerite, mit der ich auf einem sehr vertrauten Fuß gestanden hatte, doch so, daß kein Unglück daraus entstehen konnte, wie ich es mit allen Mädchen hielt, kam eines Morgens auf mein Zimmer und bat mich, in Tränen gebadet, fußfällig, ich möge doch katholisch werden, weil ich sonst dem Teufel mit Haut und Haar verfallen sei und sie mit, da sie das Unglück gehabt, einen Lutheraner zu lieben. Ich konnte das arme Kind nicht zu einer vernünftigen Ansicht bringen, und trostlos verließ sie das Zimmer; sie hatte mir gestanden, daß ihr der Beichtvater gesagt, daß ihr ihre Bekanntschaft mit mir die ewige Verdammnis zuziehen könne, wenn sie mich nicht bekehre. Das ganze Haus war in größten Alarm geraten, und die Frauen weinten unaufhörlich. Ich ging zu den Leuten und suchte sie zu beruhigen, aber ich glaube, der Teufel selbst hätte ihnen jetzt keine größere Furcht einflößen können als mein Anblick; alle bekreuzigten sich und gaben mir zu verstehen, indem sie die Gesichter abwendeten, ich möge doch das Zimmer verlassen. Es kam mir vor, als sei ich unter Wahnsinnige geraten, und da ich sah, daß nicht daran zu denken war, auch nur ein vernünftiges Wort mit diesen Menschen zu reden, nahm ich mir vor, auf die wenigen Tage noch ein anderes Logis zu mieten und sah mich sogleich darnach um; als ich aber nach Hause kam, trat mir ein Dienstmädchen mit einem offenen Papier entgegen, das sie mir übergab und auf welchem geschrieben stand, daß die Familie, aus guten Christen bestehend, auch keine Stunde länger mit einem in alle Ewigkeit verdammten Ketzer unter einem Dach zubringen könne und sich daher so lange auf das Land begeben habe, bis ich ausgezogen sei; die Miete möge ich nur an das Dienstmädchen entrichten, welches Befehl habe, den Betrag dem Beichtvater einzuhändigen, der ihn zum Frommen der Kirche verwenden werde, um die Sünde, mich so lange im Hause geduldet zu haben, einigermaßen wieder zu sühnen. -- Ich bezog nun auf die wenigen Tage, die ich noch in Avignon verweilte, ein Zimmer in einem Gasthof und habe nie wieder jemand von Girauds gesehen. Hier mußte ich gleich den ersten Tag, als ich an der Table d'hôte speiste, einen heftigen Streit zwischen einem Offizier und einem Bürger von Tarascon mit anhören. Letzterer schimpfte so wütend über Napoleon, nannte ihn ein Mal über das andere einen hergelaufenen Vagabunden, einen Spitzbuben, Schurken, infamen Betrüger, dem sein eigener Oheim, als er noch Leutnant und krank gewesen, täglich eine Armensuppe geschickt, und der später einen Wagen von einem seiner Bekannten entliehen, den er sowie gar manche andere Dinge zurückzugeben vergessen habe, wie er beweisen könne, und so weiter, so daß es allerdings kaum zum Anhören war. Aber der Offizier, der seinen ehemaligen Souverän verteidigen wollte, wurde überschrien und stand endlich vom Tisch auf, das Zimmer unwillig verlassend. Ich war in Zivilkleidern, hatte mich in die ganze Sache nicht gemischt und mußte noch eine geraume Zeit das Schimpfen und die schlechten Streiche, die sie dem Exkaiser vorwarfen, den sie einen Menschenschinder und ein nichtswürdiges Subjekt nannten, mit anhören. Am anderen Tage ließ ich mir auf dem Zimmer servieren, um solchen Dingen nicht mehr ausgesetzt zu sein. Damals war es im ganzen südlichen Frankreich höchst gefährlich, sich günstig über Napoleon zu äußern; was den Provençalen aber mit einen so großen Haß eingeflößt, war besonders die Konskription; allerdings wurden ihre Kinder sowie die aller Franzosen zu Hunderttausenden zur Schlachtbank geführt, um der Herrschsucht eines einzigen Menschen, der noch obendrein ein Korse war, zu frönen.

Kurz vor meiner Abreise war noch der Herzog von Orleans, Ludwig Philipp, von Sizilien zurückkommend, mit seiner Gattin in Avignon, wohin beide eine Jacht gebracht, an das Ufer gestiegen, wo ich der erste Offizier war, der ihn bei seiner Ankunft begrüßte. Er wurde sehr freundlich von den Einwohnern empfangen, und ich hatte die Ehre, ihn bis an das Hotel zu begleiten. Damals fiel es wohl niemand ein, daß er dereinst Herrscher von Frankreich werden würde. Er hielt sich in Avignon nicht lange auf, sondern fuhr nach ein paar Stunden schon weiter.

Auch ich machte jetzt Anstalt zu meiner baldigen Abreise, und da ich keine Lust hatte, zu dem ohnehin bis fast auf die Offiziere und einige Unteroffiziere zusammengeschmolzenen Regiment zu gehen, so ließ ich mir eine Marschroute nach Paris geben, um daselbst bei dem Kriegsminister zu versuchen, eine für mich passende Anstellung zu erhalten. Ich reiste mit noch einigen Offizieren, -- auch einem Spanier namens Andeja, der seine Mätresse von Korfu mitgebracht, -- nachdem ich meine Pferde in Avignon verkauft hatte, in einer Patache (eine Art Landkutsche) nach Lyon ab, wo ich ungefähr acht bis zehn Tage verweilte und wo gerade der Graf Artois (später Karl X.) einzog, weshalb große Feierlichkeiten in der Stadt veranstaltet wurden, denen ich beiwohnte. Viele Knaben, _à la_ Henri IV. kostümiert, und weißgekleidete Mädchen mit Blumenkränzen und Girlanden, Nationalgarden zu Pferd und eine große Menge Volk ging Monsieur entgegen und begleitete ihn bei seinem Einzug in die Stadt mit Vivatgeschrei, das jedoch nicht sehr allgemein war. Es wurden Anreden gehalten, in denen vom Glück, die Bourbons endlich wieder auf dem französischen Thron zu sehen, gesprochen wurde. Der Graf Artois war sehr gnädig und herablassend und teilte eine Unzahl silberner Lilien mit einem weißen Bändchen, besonders an das Militär aus, von denen mir auch eine zuteil ward; später wurden sie für die Offiziere in Lilienkreuze umgewandelt. Monsieur sah indessen aus wie eine Vogelscheuche mit einem Perückenstock und machte auf das Militär, das ihn mit ziemlicher Geringschätzung behandelte, keinen guten Eindruck; selbst die bourbonisch gesinnten Bürger wußten nicht viel zu seinem Lob zu sagen. Die Stadt gab ihm zu Ehren einen großen Ball, auf dem Artois, wie ein abgelebter Schneider aussehend, von seinem Fauteuil dem Tanz mit zusah; auch ein großes Feuerwerk wurde abgebrannt, doch hatte die ganze Festlichkeit etwas Düsteres und war ohne Leben.

Einige Tage nach dem Ball reiste ich mit noch ein paar Offizieren, von denen der eine, ein Bataillonschef, zu der Garnison von Korfu gehört hatte, mit Extrapost nach Paris ab. Wir fuhren, ohne uns irgendwo aufzuhalten, Tag und Nacht bis Fontainebleau, wo wir einen halben Tag verweilten, um das dortige Schloß und die Gärten zu besehen. Ersteres ist ein weitläufiges, irreguläres Gebäude, dessen Architektur die Arbeit verschiedener Jahrhunderte nachweist. Es liegt in einem Tal und formiert fünf _Corps de Logis_, die durch Höfe und Galerien getrennt sind. Es war uns doppelt merkwürdig, weil hier erst vor wenigen Monaten Napoleons Abdankung stattgefunden hatte.