Part 19
Das Ballett war beendigt und hatte außerordentlichen Beifall gefunden. Nachdem der Vorhang gefallen, wurde der Autor mit großem Hallo verlangt, der sich aber in der Gitterloge verbarg, bis endlich einige Kameraden zu mir kamen und mich aufforderten, dem Publikum zu willfahren, um dem immer ärger werdenden Spektakel ein Ende zu machen. Ich mußte endlich nachgeben und wurde mit einem Donner von Applaus empfangen, Kränze flogen mir um den Kopf. Doppelt glücklich zog ich mich nach einer dreifachen Verbeugung zurück und hatte nun das Vergnügen, daß auch meine reizende Geliebte gerufen und mit einem Hagel von Blumen, Bändern, Sträußen, Gedichten und so weiter empfangen wurde. Nach beendigter Vorstellung schlich ich mich solo nach Haus, aber kein Schlaf kam diese Nacht in meine Augen. -- Das Ballett wurde den nächsten Abend und noch einige dreißig darauf mit gleichem Glück gegeben, nur nahm Peppina zur größeren Fürsorge eine Figurantin, unsere Vertraute, mit in die unterirdischen Gänge hinab, um jeden Verdacht zu vermeiden. Zwei unangenehme Episoden, die aber außer einem kleinen Schrecken wenig zu bedeuten hatten, störten auf Augenblicke unser Glück. Einmal warf der Fronknecht das mit glühenden Kohlen gefüllte Becken um, welches dazu diente, das Eisen glühend zu machen, und einige feurige Kohlen fielen durch die Kulissenrinnen in die Unterwelt hinab und beinahe auf unsere Häupter, was Peppina für eine sehr schlimme Vorbedeutung hielt, die leider auch, wie wir bald sehen werden, auf eine schreckliche Weise in Erfüllung ging. Ein andermal war die hölzerne Treppe, auf welcher Adelheide in die Oberwelt steigen sollte, so knapp an das Podium angelehnt, daß, als sich kaum Peppinens Köpfchen den Zuschauern zeigte, die Treppe abglitt und samt ihrer holden Bürde hinabstürzte. Doch -- >der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.< So ging es leider auch hier. Ein Kapitän vom zweiten italienischen Linienregiment namens Vilgano war wie noch mancher andere in diese anmutige Priesterin Terpsichorens sterblich verliebt, ohne sich jedoch der mindesten Begünstigung, ja nur eines Blickes erfreuen zu können. Dieser hatte schon seit einiger Zeit bemerkt, daß ich vor der Feuerprobe jedesmal unsichtbar wurde, war mir endlich nachgeschlichen und hatte entdeckt, daß ich durch eine kleine, unter die Bühne führende Tür verschwand. Aber auch ich hatte wahrgenommen, daß man mir gefolgt war, und Vilgano erkannt, doch achtete ich nicht darauf und hielt die Sache für einen bloßen Zufall; den folgenden Abend aber, als ich unter die Bühne kam, schien es mir, als hörte ich zuweilen in einiger Entfernung leise atmen, doch glaubte ich mich zu täuschen. Bald darauf kam Peppina mit ihrer Begleiterin, und ich empfing sie wie gewöhnlich mit einem Kuß, aber kaum war dies geschehen, als auf einmal ein heller Lichtstrahl durch die uns umgebende Finsternis -- nur ein mattes Lämpchen brannte jeden Abend in einer Ecke des Ganges -- drang und uns beleuchtete. Ich sah mich nach der Ursache dieser unerwarteten Erscheinung um und erblickte zwei Männer, von denen der eine eine Blendlaterne in der Hand hielt. Mit bloßem Degen stürzte ich auf ihn zu und schlug ihm die Laterne aus der Hand, worauf alles wieder in das vorige Dunkel gehüllt war; die beiden Männer erhoben aber ein großes Geschrei, Peppina verlor den Kopf, und mit dem Ausruf: »_Assassini, birbanti!_« eilte sie mit dem anderen Mädchen der Türe zu, die sie aufriegelte, und dann die Korridors entlang, wo die Ankleidezimmer waren. Als ich in die Loge trat, verwandelte sich die Szene in das Gerichtszimmer, und nachdem die Ritter, Richter und Fronen mit ihren Vorbereitungen fertig waren, öffnete der Kerkermeister die Falltür, um Adelheide zu zitieren, die aber -- nicht erschien. Das Publikum begann unruhig zu werden, bis, nachdem man die Verschwundene allenthalben gesucht, Delungo vortrat und das lärmende Auditorium durch die Notlüge beruhigte, der Prima-Ballerina sei eine plötzliche Unpäßlichkeit zugestoßen. Hierauf fiel der Vorhang, und der zweite Akt der Oper begann. Jetzt eilte ich auf die Bühne, wo mir Delungo mit ganz verstörter Miene entgegenkam und zurief: »Um Gotteswillen, was haben Sie gemacht? Es ist alles entdeckt, alles verraten; man hat Sie mit Peppinen gesehen, soeben war der Kommissär-Imperial hier und wütete schrecklich; alle meine Beteuerungen und Versicherungen, daß ich unschuldig sei und von nichts wisse, fanden kein Gehör, er drohte mir mit augenblicklichem Fortjagen und verließ das Theater im heftigsten Zorn.« Ich suchte den Unglücklichen bestens zu trösten und eilte nach der Wohnung Peppinas, fand sie aber verschlossen und sah nirgends Licht, dagegen hörte ich Lärm und erblickte viele wandelnde Lichter im Palazzo des Kommissärs, der bald darauf in Begleitung mehrerer Bedienten aus dem Haus trat und zu einem zurückbleibenden sagte: »Sucht noch einmal alles durch, ich muß sie finden, und wenn sie sich in den Mittelpunkt der Erde versteckt hätte!« -- Also ist ihr Aufenthalt noch nicht entdeckt, dachte ich, etwas beruhigter, denn ich hatte gefürchtet, daß ihr eifersüchtiger Kommissär sie in der ersten Hitze mindestens arg mißhandeln würde. Aber alles Suchen war vergeblich, obgleich ich die ganze Nacht umherirrte, Kundschafter aussandte und nachforschte, ich konnte keine Spur von ihr entdecken. Nur in meinem Quartier wurde mir berichtet, daß nach elf Uhr zwei Damen ängstlich nach mir gefragt, und als sie gehört, daß ich nicht zu Hause sei, sich gleich wieder entfernt hätten. Als es Tag wurde, eilte ich, ohne nur eine Sekunde geruht zu haben, zu Delungo, den aber Lesseps schon wieder hatte kommen lassen, wartete jedoch seine Zurückkunft ab. Nach einer Viertelstunde trat Peppinas Mutter herein und rief aus, als sie mich erblickte: »_Ah, Dio sia benedetto, che finalmente vi trovo_!« -- »Und wo ist Ihre Tochter?« -- »In der Locanda di Venezia habe ich sie versteckt,« antwortete sie mir. -- Die Mutter wußte um unser Geheimnis. -- »Ach, wie unglücklich haben Sie uns gemacht!« fuhr sie fort. »Nun ist alles aus, wir sind unglückliche Leute, wie wird es uns noch ergehen!« -- »Dafür lassen Sie mich sorgen, Signora, ich werde alles wieder gut machen. Sagen Sie mir nur, wo Peppina gestern abend so schnell hinkam.« -- »Meine Tochter kam bewußtlos zu mir in ihr Ankleidekämmerchen, riß mich mit sich fort, und nachdem wir eine Zeitlang zwecklos in den Straßen umhergeirrt, suchten wir Sie in Ihrer Wohnung, aber Sie daselbst nicht findend, führte mich mein trostloses armes Kind in die Locanda di Venezia, denn nach Hause zu gehen, wo wir der ganzen Wut Lesseps' ausgesetzt waren, hielten wir nicht für ratsam.« -- Jetzt trat Delungo in das Zimmer, dessen Gesicht beim Anblick von Peppinens Mutter plötzlich erfreut strahlte. Seine erste Frage war: »Wo ist Ihre Tochter?« Und als er von allem unterrichtet war, rief auch er ein: »_Oh dio sia benedetto!_« aus und erzählte uns, daß sich alles viel besser gestalte, als er je zu hoffen gewagt. Lesseps sei zwar über das Durchgehen seiner Geliebten noch sehr aufgebracht, aber zugleich untröstlich und habe schon geäußert, er wolle gerne verzeihen, wenn er nur wisse, was aus ihr geworden sei. Bald waren wir einig über das, was geschehen müsse. Die Mutter sollte ihre Tochter noch an diesem Morgen in ihre Wohnung zurückbringen, nachdem der Wirt der Locanda dem Kommissär-Imperial angezeigt hätte, daß sich beide seit gestern abend bei ihm befänden. Peppina sollte ihrem Argus erzählen, daß zwei Männer sie unter der Bühne überfallen hätten, glücklicherweise sei ich durch den Lärm herbeigelockt, dazu gekommen und habe sie mit dem Degen in der Hand befreit, sie aber sei, aus Furcht, ermordet zu werden, mit ihrer Mutter davongelaufen, und da sie sich nicht nach Hause getraut, indem sie geglaubt, man passe ihr dort auf, so habe sie sich in das Gasthaus geflüchtet, woselbst sie die Nacht zugebracht. Dies war ein _ben trovato_, das manches Wahrscheinliche für sich hatte, und Lesseps begnügte sich damit. Er war überglücklich, seine teure Geliebte wiedergefunden zu haben, der Friede wurde geschlossen, und alles kam wieder in den gewohnten Gang.
Bald nach den erwähnten Vorfällen war Peppinas Serata, zu der man ein neues kleines Ballett einstudiert, das am Schluß desselben und dann nicht wieder gegeben wurde. Der Erfolg war so glänzend als möglich, die Einnahme weit über tausend Zechinen, das silberne Becken war voll Goldstücke und andere Geschenke von kostbaren Bijouterien. Bei ihrem Erscheinen auf der Bühne wurde sie mit Blumen und Gedichten überschüttet. Auch ich hatte ein kleines italienisches Gedicht auf sie verfertigt und mehrere hundert Abdrücke davon auf Atlas machen lassen, die ich, mit Velinpapier kuvertiert, durch die Ventilatoren in das Parterre und die Logen werfen ließ.
Den Morgen nach dieser Vorstellung erhielt Lesseps einen Besuch vom Gouverneur, der ihm ein von Paris vom Ministerium erhaltenes Schreiben mitteilte, das sehr ungünstige Äußerungen, ja sogar Drohungen gegen Lesseps wegen der üblen Geschäftsführung seines hohen Postens enthielt. Einige dienstfertige Freunde hatten nämlich nach Paris berichtet, daß vermittelst eines kleinen Geschenkes von zwanzig bis dreißig Napoleon, welches man der schönen Tänzerin durch deren Mutter übergeben lasse, man nicht nur sehr vieles bei der Zivilverwaltung von Korfu durchsetze, sondern auch schon gesprochene Urteile der Gerichte wieder umstoßen könne. -- An dieser Sache war allerdings etwas Wahres, obgleich die Berichte sehr übertrieben gewesen sein mögen. Peppina selbst war unschuldig, ihre Mutter aber die Urheberin solcher Intrigen. Der Gouverneur wurde in jenen Briefen gefragt, was an der Sache sei, und im Falle es sich so verhalte, müsse der Kommissär augenblicklich abberufen werden. Die beiden Herren standen aber auf einem sehr freundschaftlichen Fuß miteinander und hielten Rat, was zu machen sei. Donzelot war der Meinung, das beste Mittel, die Beschuldigung zu entkräften, sei, die Tänzerin unverzüglich nach Italien zurückzuschicken, wodurch jeder Grund zu einer weiteren Klage gehoben würde. Hiervon wollte aber der verliebte Kommissär nichts hören, bis ihm der Gouverneur kategorisch erklärte: »_Eh bien, ça sera vous qu'on renverra_,« und er endlich nach großem Kampf in Peppinens Abreise willigte. -- Dem armen Mädchen kam die Eröffnung dieses Beschlusses, den ihr der Kommissär mit aller möglichen Schonung mitteilte, wie ein Donnerschlag; aber es war nun einmal nicht zu ändern, man mußte sich allerseits in den Willen des eisernen Schicksals fügen. Der Tag der Abreise war mit dem ersten günstigen Wind festgesetzt, sie schiffte sich mit ihren Verwandten und ungefähr fünfzigtausend Franken in Gold und Juwelen, die sie während der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes zu Korfu erworben hatte, auf einem für sie eigens eingerichteten kleinen Schiff ein. Nur noch einmal sprach ich sie, und zwar, als sie schon eingeschifft war, bevor sie abfuhr. Ich hatte zu dem Ende die Bekanntschaft des Schiffskapitäns gemacht, diesen durch einige Artigkeiten gewonnen, und brachte so noch ein paar selige Stunden mit ihr an Bord in ihrer Kabine zu, verließ sie endlich mit den Worten: »_Ci rivedremo in Italia!_« und sprang in das kleine Boot, das mich wieder ans Land brachte. -- »_Ci rivedremo in Italia!_« hatte auch sie wiederholt, und so schieden wir mit einem langen Abschiedskuß.
Nach Peppinas Abreise war Lesseps untröstlich, er schloß sich in sein Zimmer ein, wollte niemand Gehör geben und überließ sich einer schwarzen Melancholie. Dieser Zustand wurde mit jedem Tag ärger, so daß man anfing, für seinen Verstand zu fürchten. -- »Ich muß sie wieder haben, oder ich sterbe,« rief er ein Mal über das andere aus. Unterdessen war von Otranto Nachricht gekommen, daß das Schiff mit seinen Passagieren daselbst glücklich angekommen sei und eine neunzehntägige Quarantäne halten müsse. Der Gouverneur bot alles auf, seinen Freund zu trösten, als er aber sah, daß alle seine Bemühungen fruchtlos waren, sagte er endlich: »Wohlan, lassen Sie das Mädchen zurückkommen; Delungo mag sie abermals engagieren, aber machen Sie das Verhältnis nicht zu auffallend, und lassen Sie es nicht den mindesten Einfluß auf Ihre Dienstgeschäfte haben, meiden Sie alles Zusammentreffen mit der Mutter.« -- »Sie sind mein Retter, mein Engel!« rief der entzückte Lesseps aus, seinem Freund um den Hals fallend. -- »Alles, was Sie wollen, gehe ich unbedingt ein, wenn ich nur das Mädchen wieder habe.« -- Noch denselben Abend wurde eine Kanonierschaluppe abgefertigt, Peppina zur Rückfahrt zu beordern. Auch diese gelangte glücklich an ihre Bestimmung, und die Rückkehr sollte mit dem ersten Maestro stattfinden. Peppina schiffte sich mit den Ihrigen und ihren Schätzen ein, und als die zur Abfahrt günstigen Umstände, mondlose Nacht und starker Nordwind, eingetreten und sich das Gestirn des Tages in die Fluten des Mittelländischen Meeres gesenkt hatte, ging dieselbe mit vollen Segeln vor sich. Der Wind war sehr stark und die Nacht so finster, daß man keinen Schritt weit sehen konnte. Um ein Uhr nach Mitternacht ertönte auf einmal der Ruf: »Wir sind verloren!« und die Schaluppe befand sich unter den Batterien eines englischen Linienschiffes, von dem man schon die hohlen Töne der Sprachrohre vernahm, mit denen sie die Schiffe anrufen. Der Steuermann wollte durch eine schnelle Wendung der Gefahr des Gefangenwerdens entgehen, aber der so heftig wehende Wind, der mit aller Kraft in die Segel blies, schlug die Kanonierschaluppe um, und die ganze Mannschaft samt allen Passagieren, unter denen auch ein Familienvater von sieben Kindern und seine Gattin waren, ertranken. Den anderen Tag erhielt der Gouverneur die Nachricht dieses Unfalls durch einen englischen Parlamentär. Lesseps, der sich als die alleinige Ursache dieses traurigen Unfalls betrachtete, wollte verzweifeln, sperrte sich abermals acht Tage lang in sein Zimmer ein und -- ließ sich am neunten durch eine niedliche Grotesktänzerin trösten. Auch mir ging der schauderhafte Vorfall zu Herzen, lange konnte ich mich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß die schönen und zarten Glieder der liebenswürdigen Peppina, die ich samt dem Publikum so oft mit dem größten Entzücken auf der Bühne bewundert hatte, die Beute der Hai- und anderer Raubfische geworden seien.
Herr von Brüge wäre mit dem Beginn des Sommers (1813) gerne wieder nach dem durch fortwährende Seewinde fast immer kühl erhaltenen, herrlich gelegenen Pallea Castrizza gezogen, aber die immer bedenklicher werdenden Umstände ließen es nicht zu, und er bezog ein kleines Landhäuschen, das sich in dem kaum eine Stunde von Korfu liegenden Dorf Viro befand, wohin ich nun einigemal in der Woche ritt, um meinen Musikunterricht bei der immer schöner und blühender werdenden Josephine fortzusetzen.
Auch diesen Sommer wurde, trotz der schlimmen aber überzuckerten Nachrichten, die von dem Kontinent und der großen Armee einliefen, aber nie die Vorfälle der Wahrheit gemäß enthielten, der 15. August nochmals mit großem Pomp gefeiert.
Den Abend war wieder ein großer Ball bei dem Gouverneur, und gegen Mitternacht wurde das Feuerwerk abgebrannt, zu dem diesmal eine griechische Dame den Drachen anzündete und losließ, wobei sie sich aber ein Loch in das Kleid brannte. Einige tausend Raketen flogen in die Luft, und alles ging glücklich ab; aber ein paar Stunden darauf, als wir noch recht vergnügt tanzten, ertönte auf einmal der Ruf: »_Au feu, al fuoco, au feu!_« Wir sprangen an die Fenster und sahen längs der Esplanade ungeheure Rauchwolken und Feuersäulen gen Himmel lodern, der uns selbst bald ganz glutrot erschien. Es war jetzt, als trennte eine ungeheure hohe, an fünfhundert Schritte lange Feuerwand die alte Festung von der Stadt. Im ersten Augenblick wußte sich niemand zu erklären, was dies für ein Feuer sein könne, alles lief in Bestürzung durcheinander und die Offiziere den Palast hinab. Jetzt fand man, daß es das seit fünf bis sechs Jahren längs der Esplanade am Kanal, der sie von der Festung trennte, aufgetürmte Reserveholz der Garnison sei, wohl über tausend Klafter, welches in Brand geraten war. Durch das lange Lagern in der großen Hitze war es so ausgedörrt, daß es wie Stroh flackerte. Ob vielleicht brennende Raketenstöcke oder Bosheit dasselbe angezündet hatten, war schwer auszumitteln, doch das letzte am wahrscheinlichsten, da die Flammen in dieser großen Ausdehnung fast zu gleicher Zeit, wie auf Schwarzenbergs Ball, emporloderten. Fest und Ball waren nun natürlich schnell beendigt. Wir rannten in seidenen Strümpfen und Eskarpins zu dem Feuer, aber die Hitze war so stark, daß man sich demselben auf eine große Strecke nicht nähern konnte, und an ein Löschen mit Wasser war ohnehin nicht zu denken, da Spritzen und Feuereimer in Korfu, wo es nie brannte, ganz unbekannte Dinge und für Millionen nicht zu haben waren. Es blieb jetzt nichts anderes übrig, als so nahe wie möglich Erde und Sand aufzuwerfen, damit einen Wall gegen das Feuer zu bilden und dessen Glut allmählich zu ersticken. Gefahr für die Stadt und Festung war keine vorhanden, da das Feuer von beiden zu sehr entfernt, von der ersten durch die breite Esplanade, von der andern durch einen Kanal und hohe Wälle getrennt war; der Schaden war aber unermeßlich, weil das Holz hier ein sehr teurer Artikel ist und nach dem Gewicht zum Kochen verkauft wurde. Indessen war es gleich, indem es zehn Monate später doch in die Hände der Engländer, unserer Erzfeinde, gefallen wäre.
Immer trüber wurde jetzt der politische Horizont, das Geld immer seltener, die frischen Lebensmittel desgleichen, man schränkte sich von allen Seiten auf das äußerste ein, selbst das Theater wurde nur wenig besucht, und das Liebhabertheater ging ganz ein. Noch einige Zeit vorher hatte ich die Aufführung eines deutschen Stückes, und zwar die Räuber von Schiller, veranstaltet, wozu mich die anmutige Gattin des bei unserem Regiment stehenden Hauptmanns von Gemmingen veranlaßte, welche die einzige Frauenrolle im Stück, die Amalie, gerne spielen wollte. Das Komische dabei war, daß kein Exemplar dieses Stückes vorhanden, sondern daß ich es, so gut es sich tun ließ, aus dem Kopf niederschrieb, was mir nicht so schwer ward, da ich die Rolle des Karl Moor mit ihren Stichwörtern noch völlig auswendig wußte.
Die Nachrichten, die uns jetzt von dem Krieg in Deutschland zukamen, waren oft so widersprechend, daß man nicht wußte, was man davon denken und glauben sollte; die Wahrheit aber wurde uns absichtlich verhehlt, auch waren sie immer schon sehr alt. Zeitungen kamen gar keine mehr, und nur über Janina und Albanien erfuhr man zuweilen etwas Neues, was die von daher kommenden Griechen, nur sehr geheim und vorsichtig, mitzuteilen wagten. Immer enger wurden wir von den Engländern eingeschlossen, deren Lanzen (lange schmale Boote mit einer Kanone und vierundzwanzig Ruderern, welche zu den Linienschiffen gehören und bei Windstille den Feind angreifen) auch selbst im Kanal von Albanien auf alle Barken Jagd machten. Das frische Brot wurde so selten und teuer, daß mich Moncenigo, Capodistria und Mesulam ersuchten, ihnen doch manchmal einen Laib Offiziersbrot für drei Piaster zukommen zu lassen. Was ich an Brot ersparen konnte, gab ich ihnen umsonst; aber bald bekamen auch wir fast nur noch Zwieback aus den Magazinen, sowie abwechselnd gesalzenen Speck oder Käse. Eines Tages, es war schon gegen das Ende des Jahres 1813, als wir aber noch nichts von der Schlacht bei Leipzig wußten, kam plötzlich die Nachricht nach Korfu, daß Ali Pascha an der Spitze von dreißigtausend Mann vor Parga stehe, dasselbe zur Übergabe auffordernd und mit gänzlicher Vertilgung drohend, wenn diese nicht in kürzester Frist stattfände; die Parganioten aber seien fest entschlossen, sich eher unter den Trümmern der Stadt zu begraben, als sich an diesen Wüterich zu ergeben. Sie ließen den Gouverneur bitten, ihnen zu erlauben, ihre Weiber, Kinder und Greise nach Korfu schicken zu dürfen, um sich dann desto besser verteidigen zu können. Dies wurde ihnen nicht nur gestattet, sondern der Gouverneur ließ in der ganzen Stadt Wohnungen in Privathäusern für die Flüchtlinge in Bereitschaft setzen, die er selbst in Begleitung des _Chef de l'état major_ besichtigte und möglichst bequem einzurichten befahl. Ein paar Tage darauf kamen über zweitausend dieser Unglücklichen auf vielen kleinen Schiffen im Hafen von Korfu an und wurden sogleich untergebracht. Unter ihnen waren auch die Frauen vieler Türken, die so wenig wie ihre Männer in Alis Hände fallen wollten; aber während die Parganioten ihr Teuerstes in Korfu wußten, und einsehend, daß sich Parga in die Länge nicht gegen die Übermacht des Pascha würde halten können, unterhandelten sie heimlich mit den Engländern, die ihnen Anträge gemacht und versichert hatten, daß es ohnehin mit der französischen Herrschaft in Korfu wie allenthalben zu Ende ginge und sie dieses nicht länger zu schützen imstande seien. Sie waren bald über die Bedingungen mit diesen einig geworden, und in einer Nacht ließen sie durch Verrat und Gewalt die Engländer in die Stadt und den Hafen, deren Kommandant samt drei- bis vierhundert Mann französischer Garnison, die aber fast nur aus Italienern bestand, nun englische Kriegsgefangene wurden. Als Ali den anderen Morgen die englische Flagge auf den Wällen der Festung wehen sah, zog er, seinen Ingrimm verbeißend oder an den Seinigen auslassend, wutentbrannt und unverrichteter Sache ab, denn mit den Engländern wagte er nicht anzubinden, während er die Franzosen nach dem russischen Feldzug und besonders nach der Schlacht bei Leipzig zu fürchten aufgehört hatte. Es kamen nun englische Parlamentäre nach Korfu, um wegen der Zurückgabe der sich hier befindenden Individuen aus Parga zu unterhandeln, die ihnen vermittelst einer bedeutenden Zahl Ochsen, Ziegen, Schafe und anderer Lebensmittel bewilligt wurde. So erhielten wir wieder auf eine Zeitlang frisches Fleisch. -- Man hatte auch den Versuch gemacht, das in französischen Diensten stehende Regiment Albaneser nach Italien einzuschiffen, um es dann als Plänkler bei der französischen Armee zu verwenden; diese aber erklärten, sie hätten sich nur für den Dienst auf der Insel verpflichtet, und als man Anstalten machte, sie zum Einschiffen zu zwingen, nahmen sie eine so drohende Stellung an, daß man eiligst alle Wachen verdoppeln mußte, ihre offenbare Empörung fürchtend, und für gut fand, sie in Korfu zu lassen; man hätte sie zwar leicht überwältigen und am Ende mit Kartätschen niederschießen können, was man eben nicht tun mochte. Der Winter ging sehr still und trübselig herum, und erst geraume Zeit nach dem Neujahr 1814 erfuhren wir das Nähere über die Leipziger Schlacht; auch der Karneval ging still genug vorüber, obgleich ein neuer Impressario namens Concetta keine üble Schauspielergesellschaft aus Italien mitgebracht hatte, bei der sich eine allerliebste _prima amorosa_ befand, mit der ich mir die jetzt so traurige Zeit bestmöglichst zu verkürzen suchte. Um diese Zeit kam uns auch die unglaublich scheinende Nachricht von Murats Abfall zu, und die zu Korfu befindlichen neapolitanischen Truppen wurden nun entwaffnet und kriegsgefangen erklärt. Jetzt erfuhren wir fast gar nichts mehr vom festen Land, da auch Otranto feindlich geworden war.