Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 17

Chapter 173,648 wordsPublic domain

Eines Tages besuchte mich der _Chef d'état major_ der Garnison von Korfu, Oberst Bauduy, auf meinem Landhaus in Begleitung einer hübschen jungen Dame; beide kamen nebst einem Bedienten geritten. Die junge Dame war eine Pariserin, Bauduys Geliebte, und sehr geistreich. Sie war die Gattin eines Pariser Bankiers, die er entführt hatte und die nun mit ihm lebte. Ich begleitete gegen Abend beide in die Stadt zurück und wurde eingeladen, sie manchmal zu besuchen. Der Oberst bewohnte ein zwischen Ruinen aus der letzten Türkenbelagerung ziemlich einsam liegendes Haus hinter dem Gouvernementspalast in der alten Festung. Ich machte bald von dieser Einladung Gebrauch, und zwar mehr, als dem Herrn Oberst lieb war. Nicht sehr weit davon hatte ein Offizier von unserem Regiment, der Kapitän Stahl, sein Quartier. Diesen besuchte ich jetzt öfters und nahm so die Zeit wahr, wenn Bauduy ausging, um der hübschen Madame Guidon -- so nannte sie sich -- einen Besuch abzustatten. Sie sang recht artige Romanzen, und wir sangen und spielten öfter zusammen und mit der besten Harmonie, die aber dem _Chef d'état major_ eben nicht sehr lieblich zu klingen schien. Stahl hatte sich in eine junge, kaum vierzehnjährige Griechin aus einer wohlhabenden Familie verliebt, Gegenliebe gefunden und mir sein Geheimnis vertraut; der Hinterteil des Hauses, in dem seine Geliebte wohnte, ging in ein enges, schmales Gäßchen, wo er dieselbe nur durch ein ziemlich hohes Fensterchen sehen und sprechen konnte, aber keine andere Gelegenheit hatte, in nähere Berührung mit ihr zu kommen. Das Mädchen sprach das Venetianische geläufig, Stahl aber nur ein paar Worte schlecht italienisch, beide hatten sich bisher mehr durch Zeichen verständlich gemacht und schienen vor Liebe fast zu vergehen. -- »Da bleibt nichts anderes übrig als eine Entführung,« sagte ich zu Stahl, da er nicht aufhörte, mir seine Sehnsucht zu klagen. Dazu war er auch bald entschlossen, und es kostete uns keine große Mühe, die junge Griechin zur Einwilligung zu bringen. Wir kamen überein, sie in der nächsten Nacht, wo sie versuchen wollte, das Haus ihrer Eltern nach elf Uhr zu verlassen, zu entführen, und gingen verabredetermaßen zur bestimmten Stunde in das kleine Gäßchen, wo wir zuerst noch ein Pourparler mit dem Mädchen hatten, das uns mitteilte, daß es unmöglich zur Haustüre hinauskommen könne, die verschlossen und verriegelt und von der der Schlüssel abgezogen sei. -- »Nun, dann müssen Sie die Promenade durch das Fenster machen,« rief ich ihr zu. -- »Unmöglich, es ist zu hoch.« -- »Ich will schon Mittel finden, daß es gefahrlos geschehen kann.« Ich hieß Stahl dableiben, während ich mich nach einer Leiter umtun wolle, und eilte in die nächste Kaserne, eine solche zu suchen, aber vergeblich, es war nirgends eine aufzutreiben. Ich requirierte daher vier Grenadiere von unserem Bataillon und lieh mir eine große baumwollene Decke bei einem Sergeant-Major. Mit diesen kam ich zu Stahl zurück, dem ich sagte, daß, da ich keine Leiter gefunden, sich seine Geliebte schon zu einem kleinen Sprung bequemen müsse; es sei ja kaum zwanzig Schuh hoch, und sie könne sich unmöglich einen Schaden tun, da sie auf die von vier starken Männern gehaltene Decke falle. -- »_Ma ho troppo paura_,« lispelte die junge Griechin. -- »_Ma che paura, santa mattiamo, sakapaupoli_,« erwiderte ich halb italienisch, halb griechisch, »_saltate pure, sarete ben ricevuta_.« Nach noch einigem Zureden entschloß sie sich zum Sprung und lag im Nu auf der Decke, von der ich sie mit meinen Armen aufhob und denen Stahls überlieferte, der mit seiner holden Beute nach dem Fort vieux zu in seine Wohnung eilte, während ich die Grenadiere, die das Mädchen aufgefangen hatten, belohnt heimschickte. Den anderen Tag kam gegen Mittag Herr von Brüge in aller Eile nach Govino geritten und verkündigte mir, daß ich höchstwahrscheinlich noch denselben Tag abgelöst werden würde, weil ich tätige Hilfe bei der Entführung der jungen Caloyera geleistet habe; der Gouverneur sei bereits von der ganzen Geschichte unterrichtet, höchst aufgebracht, der Vater des jungen Mädchens sei bei ihm gewesen, habe Stahl, zu dem er mit Dolchen bewaffnet gelaufen, zu ermorden gedroht, und man habe den Mann nur durch das Versprechen, die Schuldigen zu bestrafen und daß der Kapitän seine Tochter heiraten solle, beruhigen können. Brüge befragte mich nun nach den näheren Umständen dieses Vorganges, und ich teilte ihm dieselben mit. Stahl hatte selbst angegeben, daß ich der Helfershelfer bei der Geschichte gewesen. Herr von Brüge verließ mich mit den Worten: »Nun, ich will wünschen, daß es gut für Sie abläuft.« Aber den anderen Morgen erhielt ich Order, mit einem Detachement von siebzig Mann nebst dreißig Albanesern nach Rocca Timono aufzubrechen, einem wüsten Felsen an der Westseite der Insel, in der Gegend von Pallea Castrizza, an dessen Fuß der Hafen Affiona lag, eine kleine Bucht, die ebenfalls bequem zu einer Landung war. Denselben Tag erschien auch noch ein Tagesbefehl des Gouverneurs, in welchem er diese Begebenheit streng rügte. Stahl erhielt scharfen Arrest, und der Oberst Benzel-Sternau drückte noch in einem besonderen Annex der Order aus, daß es sehr bedauerlich sei, daß Offiziere von unserem Regiment die Veranlassung zu einem solchen Befehl gegeben hätten, und daß, wenn sich dergleichen wiederhole, er es an den Kriegsminister berichten müsse. -- Höchst mißmutig brach ich nach Rocca Timono auf, vielleicht dem ödesten Ort der ganzen Insel. Auf einem hohen Felsen, zu dem man nur zu Fuß mit Lebensgefahr an dem steilen Rand eines tiefen Abgrundes, Mann vor Mann kletternd, gelangen konnte, war eine kleine Reiserhütte, mit Laub bedeckt, von den Soldaten erbaut, die zwei Abteilungen, eine für den Offizier, die andere für die Soldaten, hatte und in die Wind und Regen von oben und allen Seiten drang; da es gerade in der Regenzeit war, so schwamm man beständig im Wasser und hatte weder bei Tag noch bei Nacht einen trockenen Fleck am ganzen Leibe; dabei hatte ich die strengste Order erhalten, mich unter keinem Vorwand, welcher er auch immer sei, von diesem Posten zu entfernen. Dies Kommando hatte ich der Protektion meines Gönners, des _Chef d'état major_ Bauduy, zu verdanken gehabt, wie ich später erfuhr, der mich gern aus seinem Bereich und Gehege vertrieb. Stahl, der zwar im Fort vieux blieb, mußte die Caloyera heiraten, mit der er einige tausend Talari Aussteuer bekam. Einen ganzen Monat mußte ich auf dem rattenkahlen Felsennest, wo man kein Grashälmchen sieht, zubringen und buchstäblich im Wasser liegen. Aus Langeweile ließ ich die Soldaten gymnastische Übungen machen, Purzelbäume und Rad schlagen und um Paras spielen und balgen. Dies war mir der verdrießlichste Monat meines ganzen Lebens. Endlich, nachdem ich wohl ein Dutzend Briefe an Benzel-Sternau und Herrn von Brüge geschrieben, wurde ich erlöst und nahm mir nun fest vor, mich nicht mehr mit den Entführungen anderer zu befassen. Ich kam gerade noch zur Trauung Stahls, die, obgleich er Protestant war, doch in einer griechischen Kirche stattfand. Stahls junge Frau hatte unterdessen Bekanntschaft mit der Geliebten Bauduys gemacht, und nachdem ich erfahren, welchen Anteil dieser an meiner Versetzung genommen, beschloß ich, mich mit Hilfe von Stahls Gattin desto mehr an ihm zu rächen. Dies war um so leichter, da Amelie -- dies war ihr Taufname -- jetzt sehr oft zu Stahls kam, wo ich dann oft mit den beiden Damen allein war und die eine die Aufpasserin machte, während ich mit der anderen tändelte. Eines Tages aber hatte ich es gewagt, als Bauduy, der anfing, die Besuche seiner Geliebten bei Madame Stahl sehr ungern zu sehen, gerade zum Gouverneur gegangen war, Amelie in seiner Wohnung zu besuchen, in die ich in der Abenddämmerung durch ein Hinterfenster stieg, um von keinem Bedienten bemerkt zu werden. Aber kaum hatten wir uns herzlich bewillkommt, als der Oberst, der etwas vergessen hatte, zurückkehrte, so daß ich gerade noch Zeit hatte, mich in einen Schrank, den Degen in der Hand, eiligst zu verbergen, sowie Amelie, das Zimmer zu verlassen, welches sie abschloß. Als ich aber unten rumoren hörte und fürchtete, man möchte hinter mein Versteck kommen, verließ ich dasselbe eiligst und sprang aus einem Fenster wenigstens fünfzehn Fuß hoch in einen kleinen, noch von einer Mauer umgebenen Raum hinab, aus dem ich hinauskletterte und mich in den Ruinen alter Häuser verbarg. Aber Freund Stahl begann nun auch eifersüchtig zu werden und meine häufigen Besuche ungern zu sehen; um ihm keinen weiteren Anlaß zum Mißvergnügen zu geben, setzte ich sie vorerst aus und machte unterdessen der Madame Roy den Hof, deren Mann die erhaltene Aussteuer zum großen Mißvergnügen der Familie seiner Frau verkohlt hatte, und da ihm dieses Verkohlen nicht den fünften Teil der erwarteten Fonds einbrachte, so war auch er mißvergnügt, mit der Familie gespannt und ließ sehr unklugerweise seinen Unmut seine junge Gattin empfinden, die ich nun zu trösten unternahm. Madame Stahl sollte mir doch später werden, wenn auch erst auf französischem Boden. -- Doch ich muß die Sache deutlicher erzählen, wenn man mich verstehen soll. Die Aussteuer, welche die Töchter der wohlhabenden Familien in Korfu erhalten und von der es heißt, sie sei zehn-, zwanzig-, dreißig-, fünfzig- und mehr tausend Talari, besteht nur in sehr wenig barem Geld, einigen sehr hoch angerechneten Pretiosen und dem Rest in Land mit soundso viel Olivenbäumen, die in gewöhnlichen Zeiten eine bestimmte Rente abgeben. Jetzt aber, wo der Preis des Öls bis auf den fünften Teil seines früheren Wertes herabgesunken war, hatten natürlich auch diese Baumstücke einen weit geringeren Wert. Roy, der aber gerne bares Geld gehabt hätte und solches brauchte, ließ alle ihm gehörigen Olivenbäume, unter denen Tausende viele hundert Jahre alte Stämme waren, umhauen und zu Kohlen brennen, die er nach dem Gewicht auf dem Markt verkaufen ließ und so kaum zwei- bis dreitausend Talari daraus löste, die bald ausgegeben waren. Daher der Unwille seiner Schwiegereltern, der auf die Tochter überging, die sich nun fast mehr im Haus ihrer Mutter, wo ich sie täglich sah, aufhielt, als in der Wohnung ihres Gatten, und der mein Trost ganz willkommen war. Hier lernte ich auch eine andere, noch sehr junge Griechin, Marietta Vonda, ihre Jugendfreundin, kennen, die alle hellenischen Schönheiten in sich vereinigte. Mit dieser knüpfte ich bald ein Verhältnis an, und da ihre Eltern ganz ohne Vermögen waren, so willigten sie unter gewissen Bedingungen ein, daß ich das Mädchen auf eine bestimmte Zeit, drei Monate, zu mir nahm, während welchen ich, alles andere vergessend, recht vergnügt mit ihr lebte und sie dann einem Rittmeister der _Chasseurs à cheval_ abtrat, der sie ganz behielt und später auch mit sich nach Frankreich nahm und sogar heiratete. Nach ihr zerstreute ich mich auf kurze Zeit mit zwei recht artigen Israelitinnen, die in der Nähe meines Quartiers wohnten und sich Nina und Berna nannten, und dann wieder mit einer jungen Griechin, Anetta genannt. So brachte ich immer einige Abwechslung in das sonst ziemlich einförmige Leben zu Korfu. Manche meiner Kameraden machten es nicht viel besser, nur waren sie etwas beständiger. Noch immer hatte ich den Tisch bei Herrn von Brüge und gab dabei Josephinen Unterricht, jetzt auch im Deutschen und der Geschichte; einmal wurde ich jedoch in einer ziemlich zweideutigen Situation mit ihr von der Frau Mama ertappt, von der wir nun einen fast stundenlangen Sermon anhören mußten. -- »Ach, die Mama hat es auch nicht besser gemacht, wie der Papa sagt,« sprach Josephine, als wir endlich wieder einen Augenblick allein waren. Um die Frau Mutter wieder zu besänftigen, schickte ich ihr einen prächtigen, mit Oliven gemästeten Indianer in die Küche nebst einigen Pfunden Mandelkonfekt, von dem sie eine große Liebhaberin war; es war gerade um Weihnachten, welche die Griechen besonders mit diesen Leckerbissen feiern. -- Gleich nach Neujahr 1813 fiel eine tragische Begebenheit vor, die ungemeines Aufsehen in der Garnison erregte. Der Kapitän einer der im Hafen zu Korfu stationierten Fregatten hatte einen auf derselben eingeschifften Marinesoldaten wegen eines unbedeutenden Vergehens mit Stricken, eine bei den französischen Matrosen damals gebräuchliche Strafe, hauen lassen. Dieser hatte sich aber verzweifelt gewehrt und geschimpft, indem er sagte, eine solche entehrende Züchtigung gehöre keinem französischen Soldaten, und der sie verordne, sei ein infamer Büttel und so weiter, er mußte sich aber zuletzt natürlich der Gewalt ergeben und die Strafe erdulden. -- Einige Tage darauf, als er wieder eine Wache auf dem Schiff bezog, tauschte er mit einem Kameraden, dem der Posten vor des Kapitäns Kajüte geworden, um daselbst Schildwache zu stehen, und als der Offizier am Abend aus dem Theater kam und sich in sein Gemach begeben wollte, schoß ihn der Soldat mit den Worten: »_Canaille, voila pour toi!_« nieder, hierauf ausrufend: »_Me voila content, qu'on me fasse fusiller à mon tour._« -- Dies fand auch kurze Zeit darauf, nachdem er durch kriegsgerichtliches Erkenntnis zum Tode verurteilt worden war, statt, und er wurde auf einem eigens dazu errichteten Floß mitten in der Reede, im Angesicht der ganzen Marine und der Landtruppen erschossen. Ein seltsamer Zufall hat mich bei dieser Gelegenheit eine Delikatesse kennen lernen, von der ich mir niemals etwas hätte träumen lassen. Um die Exekution besser mit ansehen zu können, war ich mit einigen Kameraden nach der Insel Vido hinübergefahren; kaum war der Soldat erschossen, als sich ein so gewaltiger Sturm erhob, daß es schlechterdings unmöglich war, wieder nach Korfu zurückzufahren, und zu gleicher Zeit ließ sich auch ein Erdstoß verspüren, der jedoch nicht sehr bedeutend war. Desto heftiger aber stürmten die entfesselten Winde, und der Sturm wütete so arg, daß für diesen Tag an die Überfahrt nicht mehr zu denken war; auch die Barken, welche alle zwei Tage die Lebensmittel für die etwa achthundert Mann starke Besatzung nach Vido brachten und um Mittag kommen sollten -- die Exekution hatte um zehn Uhr morgens stattgefunden --, blieben aus. Mit Sehnsucht warteten alle, daß sich der Sturm legen würde, denn der geringe Vorrat einiger Marketender an Brot und sonstigen Viktualien war schnell aufgezehrt und bald kein Stückchen mehr für Geld zu haben. Die Nacht kam heran, der Sturm tobte fort, und die Wellen türmten sich mehr und mehr. Lachend soupierten wir noch bei einigen Hühnern, die der auf der Insel Vido befehligende Bataillonschef, bei dem wir uns zu Gast baten und der auch das noch aufzutreibende Kommißbrot aufgekauft hatte, zum besten gab. Aber auch die ganze Nacht, die wir in Erdhütten zubrachten, denn andere Wohnungen gab es in Vido noch nicht, währte der Sturm und wurde womöglich den kommenden Morgen noch toller, so daß man an keine Kommunikation mit der Stadt denken konnte. Jetzt ging es an ein Schlachten aller vorhandenen Katzen und Hunde, die man mit schwerem Geld bezahlte, und da auch diese bei weitem nicht ausreichten, die hungrigen leeren Mägen zu füllen, so machte man sich auf die Rattenjagd, deren es unzählige, und namentlich sehr fette Wasserratten hier gab. Bald hatten die Soldaten mehrere hundert derselben gefangen und boten sie zu drei bis fünf Franken per Stück feil. Öl fand sich auch noch etwas vor, und die getöteten Tiere wurden nun an Ladestöcken gebraten oder zu einem Ragout zugerichtet, und ich gestehe, daß ich einen solchen Rattenbraten ganz vortrefflich fand und mit dem größten Appetit verspeiste, sei es _faute de mieux_ und weil ich großen Hunger hatte, oder weil die Ratte ein wirklich sehr delikates Fleisch hatte. Hätten wir nur Brot dazu gehabt! Der Sturm und die Rattenjagd dauerten noch bis gegen Abend, wo sich beides legte und die heißersehnten Lebensmittel ankamen. Von jetzt an wurde ein kleines Magazin, auf acht Tage berechnet, von Vivres in Vido angelegt, damit man nicht wieder ähnlichem Fasten ausgesetzt war, wir aber wurden bei unserer Rückkehr in Korfu noch brav ausgelacht und geneckt, indem man uns versicherte, daß, da wir uns ohne Urlaub entfernt und auch niemand gewußt, was aus uns geworden, man im Begriff gewesen, uns als Deserteure _par contumace_ durch ein Kriegsgericht verurteilen zu lassen.

Um diese Zeit fing man zu Korfu an, ganz insgeheim von dem unglücklichen russischen Feldzug und der schrecklichen Retirade der großen Armee zu munkeln; auch wurden wir durch die Engländer immer enger blockiert. Die Lebensmittel wurden seltener und stiegen sehr im Preis. Doch waren wir noch weit entfernt, das Mißgeschick Napoleons und seines Heeres in seinem ganzen Umfang zu kennen und dessen ungeheuren Verlust zu ahnen. Man wußte nicht, wie die Sachen eigentlich standen, und erfuhr nur, was eine in Korfu gedruckte Zeitung, welche einmal wöchentlich erschien und den Titel >_Moniteur jonien_< führte, für gut fand, uns wissen zu lassen; zudem war sie immer um einige Monate zurück und druckte meistens nur das, was der Commissair-Imperial aus den Pariser Zeitungen, die ebenfalls zwei bis drei Monate nach ihrem Erscheinen erst nach Korfu kamen, rot anstrich. -- Im Frühjahr 1813, das heißt im Januar, halfen schon die im vorigen Jahre zuerst gepflanzten Kartoffeln, welche die Griechen als nach Erde schmeckend noch verschmähten, etwas aus; man bezahlte aber das Pfund noch mit einem Piaster oder mehr, wofür man sie den Soldaten abkaufte. Da die Lebensmittel immer seltener und teurer wurden, namentlich frisches Fleisch fast gar nicht mehr aufzutreiben war, so erließ der Gouverneur eine Order, durch welche er den Offizieren und Soldaten streng verbot, sich ferner noch mit der Unterhaltung von Frauen und Mädchen zu befassen, denn dies hatte zuletzt so überhand genommen, daß fast jeder Soldat ein solches Liebchen hatte. Die Griechinnen liefen ihren Männern und Vätern, die sie beständig unter strengem Gewahrsam einsperrten, gar zu gerne davon, um mit den Franzosen, die sie überall mit herumführten, spazieren zu gehen, Schauspiele, Tanz und Weinschenken zu besuchen. Man brauchte fast nur zu winken, so hatte man schon eine solche, oft sehr schöne, aber immer sehr unwissende und lästige Plage am Hals. Diese Order und der eingetretene Mangel verhinderten zwar weitere Entführungen, aber es war schon gar zu viel altes Übel vorhanden.

Die Frechheit der Engländer ging jetzt so weit, daß sich ihre Linienschiffe und Fregatten bis auf Schußweite den Festungswerken näherten. Eines Tages kamen zwei dieser Schiffe bis fast unter die Batterien des Meerschlosses, so daß sie von den auf sie geworfenen Riesenbomben beinahe in den Grund geschossen worden wären. Sie suchten schnell das Weite. Ein anderes Mal wagte sich eine englische Brigg sogar bis in den Hafen von Govino und zündete daselbst mehrere kleine Schiffe an; unsere Kanonierschaluppen suchten ihr zwar den Rückweg abzuschneiden, aber ehe diese noch segelfertig waren und die Anker gelichtet hatten, war die Brigg schon wieder in der weiten See. Die französische Marine hatte wenigstens eine Stunde mit Pfeifen und Vorbereitungen zugebracht, so daß wir alle, die wir dem Skandal von den Wällen zusahen, höchst entrüstet über dieses lendenlahme Verfahren waren, fluchten und schimpften. Es war wirklich unverantwortlich; mehr denn zwanzig Kanonierschaluppen lagen in dem Hafen von Mandrachio, und keine brachte es dahin, flott zu werden, während die Brigg ihr Unwesen im Hafen von Govino trieb, was wir von Korfu genau beobachten konnten. Die Marineoffiziere mußten sich deshalb herben Spott von den Landoffizieren gefallen lassen, es gab Reibereien und in deren Folge Duelle. Das Duellieren hatte überhaupt zuletzt unter der Garnison von Korfu und zwar unter den Unteroffizieren und Soldaten so sehr überhand genommen, daß fast keine Woche verging, wo es nicht einen Toten, der im Zweikampf gefallen war, gab, so daß endlich der Gouverneur eine sehr strenge Order an die Korpschefs erließ, um diesem Unfug Einhalt zu tun, und die Regimenter deshalb öfters konsigniert wurden.

Trotz der immer steigenden Teuerung, die bei den ärmeren Einwohnern bald Mangel verursachte, und der schlimmen Nachrichten vom Festland, mit denen man sich herumtrug, wurde dennoch der Karneval 1813 noch sehr fröhlich nach venetianischer Weise begangen. Die große Esplanade war von drei Uhr nachmittags an mit Masken jeder Art angefüllt, die sich bis in die Nacht hinein mehrten, doch außer dem stummen Auf- und Abgehen und einigen Neckereien wenig Unfug trieben, sondern meistens, besonders die Griechen, die daran teilnahmen, sehr ernst waren. -- Oft exerzierte ein oder das andere Regiment zu gleicher Zeit auf diesem Platz und kam durch seine Schwenkungen mitten unter die Maskenhaufen, die es dann jubelnd auseinander jagte. Den Abend war das Theater sehr besucht und nach demselben zweimal in der Woche Cavalchini oder maskierte Festini.

Damals machte die Prima-Ballerina Giuseppina Panzieri allgemein Furore; sie war eine gebotene Mailänderin, noch nicht lange von Venedig gekommen, wo sie der Impressario Delungo selbst geholt, und eine von jenen Schönheiten, die da sagen können: >_Veni, vidi, vici._< Sie hatte, was in Italien selten ist, blonde Haare und blaue Augen, aber keine von jenen schmelzenden, schmachtenden, wie man sie so häufig im Norden antrifft, sondern feurig-blaue, ein niedliches Gesichtchen mit schelmischen Zügen und einen Wuchs, wie man ihn nur von einer Tänzerin verlangen kann; genug, geschaffen, um auch ein felsenhartes Herz noch zu rühren. Unter den mancherlei Köpfen, die durch ihre Kreiswendungen und Trillersprünge verwirrt wurden, war auch der eines fünfzigjährigen, sehr reichen Lieferanten namens Mastracha und der des Kommissär-Imperial Lesseps, mit dem ich gut bekannt, öfters bei ihm zu Tische war und häufig auf die Jagd an die albanesische Küste mit ihm ging; letzterer mochte einige vierzig Winter zählen. Beide Nebenbuhler pochten auf ihre außerordentlichen Verdienste, die bei dem ersten in dem Besitz von vielleicht anderthalb Millionen Piaster bestehen mochten und bei dem anderen darin, daß er die erste Zivilautorität und letzte entscheidende Instanz in allen bürgerlichen Angelegenheiten zu Korfu war und Napoleon gewissermaßen repräsentierte. Daß es dem gewichtigen Mann unter solchen Umständen auch nicht an Geld mangelte, kann man sich denken. Beide boten alles auf, um die Gunst der schönen Tänzerin zu erlangen. Mastracha scheute keine Kosten; er sandte der Angebeteten an ihrem Namenstag einen prächtigen Blumenstrauß _à la_ Murat, dessen Stengel aus einer Rolle von hundert Zechinen fabriziert war und zwischen dessen natürlichen Blumen siebzehn diamantene Sternblümchen hervorblitzten. Demungeachtet trug der Kommissär-Imperial den Sieg davon, sei es nun, daß seine hohe Würde oder sein noch kräftigeres Alter Peppina verführten. Nach wenigen Wochen bezog sie eine Wohnung, die ihr Geliebter dicht neben seinem Palazzo gemietet und auf das prächtigste für sie und ihre Mutter eingerichtet hatte. Um aber die Sache bequemer zu haben, hatte er eine Tür durch die Mauer brechen lassen, welche beide Häuser trennte. Ich hatte das schöne Mädchen früher einigemal bei dem Impressario gesehen, aber damals nicht so sehr auf sie geachtet, als ihre Reize es wohl verdient hätten, und es ging mir erst ein Licht auf, als ich sie zum erstenmal auf der Bühne tanzend bewunderte. Aber jetzt war es zu spät, und sie war bereits in Lesseps' Händen. Was ich früher mit leichter Mühe erhalten hätte, sollte mir jetzt nur durch die raffinierteste List und Anstrengung zuteil werden.