Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 16

Chapter 161,382 wordsPublic domain

Gleich nach meiner Zurückkunft von Janina trug sich ein Vorfall in Korfu zu, der gewaltiges Aufsehen machte. Ein Kapitän, _Quartier-maître-trésorier_ vom sechsten Linienregiment, ein Elsässer und guter Bekannter von mir, war von einer schweren Nervenkrankheit heimgesucht und verfiel in eine so hartnäckige Asphyxie, daß ihn jedermann für tot hielt und die Ärzte ihn dafür erklärten. Alle Anstalten zu seinem Begräbnis (wegen der großen Hitze wurden die Leichen hier schon in den nächsten vierundzwanzig, oft zwölf Stunden nach dem Tod beerdigt) und zu den ihm zukommenden militärischen Ehrenbezeugungen waren getroffen. Obgleich Protestant, wonach niemand fragte, wurde er doch in die zu Korfu befindliche einzige katholische Kirche gebracht. Der Sarg, welcher der Kirche gehörte,[2] wurde in der Mitte derselben aufgestellt, mit allerlei Symbolen und sich auf den Tod beziehenden allegorischen Bildern, unter denen auch das Skelett der von der Natter gebissenen Kleopatra, behangen. Musik und Tambours zogen mit klingendem Spiel in die Kirche, vor deren Tür die gebräuchlichen Salven gegeben wurden, worauf zuletzt noch Mann vor Mann einzeln sein Gewehr in der Kirche abfeuerte. All dieser Lärm vermochte nicht, den Scheintoten aus seinem Starrkrampf zu erwecken, der aber -- man denke sich den entsetzlichen Zustand -- sein völliges Bewußtsein hatte und jedes leise gesprochene Wort auf das deutlichste vernahm. Doch ich will seine eigenen Worte hier anführen, mit denen er mir das schreckliche Ereignis, das ihn betroffen, mitteilte.[3] »Von dem Augenblick, als ich in den Starrkrampf verfallen war, war es mir schlechterdings unmöglich, trotz starkem Willen und aller Anstrengung, die ich deshalb machte, auch nur die geringste Bewegung an irgendeinem Teil meines Körpers hervorzubringen; es war, als wären alle meine Gliedmaßen in eiserne Bande und Fesseln geschlagen und gänzlich gelähmt; dabei vernahm ich das leiseste Wort, das in meiner Gegenwart gesprochen wurde, auf das deutlichste, konnte meine Zunge nicht rühren und hatte doch das heftigste und glühendste Verlangen, die Leute, die mich alle tot glaubten, zu enttäuschen; nun stelle man sich meinen entsetzlichen Zustand vor, als ich alle Anstalten zu meiner nahen Beerdigung wahrnehmen mußte, wie man mich wusch, dann in das Leichengewand kleidete, mich in den Sarg legte, in die Kirche trug, und nachdem alle Zeremonien und das Abfeuern der Soldaten beendigt war, in die schauerliche Gruft hinabsenkte. Alle meine Sünden fielen mir in diesem Augenblick ein und der Hölle fürchterliches Bild drängte sich mir mit Gewalt vor die Augen. Ich kam, nachdem man mich hinabgelassen, auf einen Haufen halb und ganz verwester Kadaver zu liegen und blieb noch etwa fünf bis sechs Stunden in dem starren Zustand. Dann aber erhielt ich allmählich meine Bewegungskraft wieder, wozu wohl auch der pestilenzartige Geruch, der mich umgab, das Seinige beitragen mochte. Ich richtete mich nun auf und tappte in der dichtesten Finsternis auf Haufen von Leichen und Knochen herum, kam endlich an eiskalte, von Feuchtigkeit triefende Mauern, an denen ich vergeblich einen Ausweg suchte, der mich aus diesem schrecklichsten aller Kerker befreien sollte. Um die Decke des Gewölbes zu erreichen, wozu aber meine Arme nicht auslangten, bemühte ich mich, die zum Teil halbverfaulten Körper zusammenzuschleppen und aufzutürmen, um so einen Hügel zu bilden, auf dem ich oben ankommen und mich so vielleicht hörbar machen könnte. Die Verzweiflung gab mir Kraft, und es gelang. Ich gab mir nun die unsäglichste Mühe und strengte mich über die Maßen an, einen Gewölbstein zu lüften, der in die Kirche führte, aber alle meine Bemühungen waren vergeblich, da selbst mehrere Männer mit eisernen Hebeln dazu erforderlich waren. Ganz entkräftet sank ich wieder nieder, dumpfe Verzweiflung und namenlose Trostlosigkeit bemächtigte sich meiner. Noch einmal raffte ich mich zusammen, ergriff einen der dicksten Totenknochen, mit dem ich nun, so stark ich es vermochte, wider das Gewölbe schlug, aber mehrere Stunden vergingen, ohne daß ich irgendein Resultat wahrnahm. Schon wollte ich mich hoffnungslos der Verzweiflung preisgeben, als ich plötzlich ein dumpfes Gemurmel von mehreren Männerstimmen über mir vernahm, Tritte hörte, bemerkte, daß man bemüht war, einen Stein zu heben, und endlich den Schimmer des Tageslichts gewahrte, woran die Öffnung bald völlig frei wurde. Nie hatten meine Ohren eine lieblicher klingende Harmonie vernommen, als das hierdurch verursachte Getöse, und als der erste Strahl des Lichtes in den Schreckensort drang, da war es mir, als würde ich neu geboren und träte in das Paradies ein. Als der Stein ganz gelüftet war, schwang ich mich mit Hilfe eines Strickes, den man mir reichte, in die Kirche hinauf und stand mitten unter einem Haufen Menschen, die nicht wenig über meine Erscheinung erstaunt waren.« -- Die Kirchendiener hatten, als sie des Morgens die Vorbereitungen zur Frühmesse machten, den unterirdischen Lärm vernommen, aber zuerst samt dem Geistlichen, der die Messe lesen sollte, die Flucht ergriffen, in der Meinung, die Toten seien zum jüngsten Gericht auferstanden oder der Teufel selbst habe seinen Sitz im Gewölbe aufgeschlagen. Man hatte die Sache gleich dem Platzkommandanten gemeldet, der Befehl zur Eröffnung des Gewölbes erteilte und zu diesem Behuf einen Adjutanten nebst einigen Sappeurs abschickte. Der Gerettete wurde wieder völlig hergestellt und wohnte später selbst noch mancher Leichenfeierlichkeit bei.

[Fußnote 2: In Korfu wurden alle Leichen von einiger Destinktion ohne Sarg in die unterirdischen Kirchengewölbe gesenkt, wo sie durcheinander verwesten, daher die Kirche einen allgemeinen Sarg hatte, in dem sie alle Toten abholen ließ und in welchem jeder während den Zeremonien in der Kirche ausgestellt wurde. Diese Leichen wurden nach beendigtem Gottesdienst und wenn die Kirche geschlossen war, aller Kleider beraubt und nackt in die Gruft geworfen. Nur bei Personen, die sich ein besonderes, wegen des geringen Raums der Kirche sehr teures Begräbnis erkauften, wurde eine Ausnahme gemacht. Die Soldaten wurden ohne Unterschied auf einem dazu bestimmten Platz vor der Stadt in die Erde verscharrt.]

[Fußnote 3: Wir haben allen Grund zu glauben, daß der tote Verfasser dieser Denkwürdigkeiten selbst der Lebendigbegrabene war, wie aus einigen von ihm geschriebenen Briefen ziemlich klar hervorgeht, was er aber, wenigstens bei seinen Lebzeiten, nicht gerne Wort haben wollte.]

Ende Oktober wurde ich mit meiner Kompagnie nach Govino oder Gouin detachiert oder vielmehr nach einer diesem Ort gegenüber errichteten Batterie, ebenfalls angelegt, um hier eine mögliche Landung der Engländer zu verhindern. Diese Gegend war im Sommer so ungesund, daß die daselbst liegenden Truppen wenigstens alle vier Tage abgelöst werden mußten, und dennoch erkrankten viele Leute. Ehe man aber diese Erfahrung gemacht, hat man sie teuer bezahlen müssen, denn von einer ganzen Kompagnie, die des Hauptmanns Gasqui, die man zuerst im Sommer einen ganzen Monat hatte daselbst liegen lassen, waren samt dem Kapitän, wodurch Madame Gasqui, die nicht mitgegangen, sondern in der Stadt geblieben, Witwe geworden war, alle bis auf siebzehn Mann und den Oberleutnant, hundertneunzehn Mann im ganzen gestorben. Auch die am Leben gebliebenen waren noch jahrelang kränklich. Der Kapitän Roy, den ich ablöste, hatte, wie so viele Offiziere, eine hübsche junge Griechin als Mätresse bei sich, sollte sich aber in kurzem mit der Tochter eines reichen Griechen verheiraten, nachdem ihm eine hübsche junge Französin, die Tochter des Kommandanten der Gendarmerie zu Korfu, Mademoiselle Fournier, der er den Hof gemacht und um die er geworben, einen Korb gegeben, weil er seine Mätresse nicht abgeschafft hatte. Die Griechin war nicht so empfindlich oder ignorierte die Sache und erhielt eine Aussteuer von vierundzwanzigtausend Talari, was jene nicht hatte. Als er mir den Posten übergab, bat er mich, doch auch zugleich seine Geliebte, Tonina, mit übernehmen zu wollen, da er in ein paar Tagen Hochzeit machen müsse und sie folglich nicht länger bei sich behalten könne. Ich tat ihm den Gefallen unter der Bedingung, das Mädchen nicht länger als vier Wochen zu behalten, was man einging. Tonina war hübsch, nicht ohne Geist und hatte viel Scharfsinn. Schon über ein Jahr hatte sie mit Roy gelebt, der sie dreizehnjährig von ihren Eltern weggenommen hatte. Als sie zuerst vernommen, daß sich Roy verheiraten und sie verlassen werde, war sie so wütend geworden, daß sie nach ihm biß und kratzte, sich auf die Erde warf, »_Xaphnico ogni sorte, Diavolo smesso su, gamotti bisti su!_«, abscheuliche neugriechische Flüche, ausstieß und sich dabei konvulsivisch auf dem Boden wälzte. Ich machte sie aber gleich damit bekannt, daß sie nur eine provisorische Stelle bei mir habe. Sie fügte sich zwar darein, machte aber doch Umstände, als die vier Wochen um waren, und ich bedurfte alles Ernstes, sie mir wieder vom Halse zu schaffen. »Du heiratest ja nicht,« meinte sie. Glücklicherweise fand sich nach sechs Wochen ein Bataillonschef, der sie übernahm.