Part 15
Da die Kommunikation mit Italien jetzt immer schwieriger und auch die Fahrt nach Otranto durch die englischen Lanzen fast ganz unterbrochen wurde, so sandte man öfters kleine Detachements nach Albanien ab, wohin wir ohnehin häufig auf die Jagd gingen, um Transporte von Lebensmitteln, in Reis, Mais, Ochsen, Ziegen und so weiter bestehend, die für die Garnison von Korfu gegen gute Bezahlung ziemlich schlecht von Ali Pascha von Janina geliefert wurden, zu eskortieren. Mir wurde nach meiner Rückkehr von Pallea Castrizza zuerst ein solches Kommando zuteil. -- Als ich bei Butrinto mit meinen Leuten ans Land stieg, empfing mich ein Abgeordneter Alis, der uns bis vor Janina begleitete. In allen Orten, durch welche das Kommando passierte, wurde es von der staunenden Menge, die zum erstenmal europäische Soldaten sah, angegafft, und Greise, Weiber und Kinder drängten sich um meine Leute, befühlten und betasteten sie; und alles, was sie an sich hatten, bis auf die bleiernen Knöpfe, die sie für silberne hielten, war ein Gegenstand ihrer Bewunderung. Als wir vor Janina angekommen waren, mußte ich Halt machen, und der Albaneser, der uns bis hierher begleitet hatte, begab sich in die Stadt, um unsere Ankunft zu melden. Kaum war es daselbst ruchbar geworden, daß französische Soldaten von Korfu angekommen seien, als eine unzählige Menge Volks beiderlei Geschlechts, Griechen, Türken und Albaneser herbeiströmten, die Wundertiere zu sehen. Beim Besehen blieb es aber nicht, sondern sie mischten sich unter die Soldaten, betasteten deren Säbel, Gewehre, Patrontaschenschilder und so weiter, alles was blinkte und das sie für edles Metall hielten, da es bei ihnen Gebrauch ist, alle ihre Waffen, aus denen oft ihr ganzes Vermögen besteht, mit Silber oder Gold beschlagen und verzieren zu lassen. Manche öffneten sogar die Patrontaschen und befühlten die Kartuschen und Tornister auf eine Weise, daß ich zu tun hatte, meine Leute, die sich dies nicht gefallen lassen wollten, ruhig zu erhalten. Am neugierigsten und dreistesten waren die Frauen und Kinder. Glücklicherweise kam der Albaneser, einer von Alis Garden, mit einem Offizier des Paschas zurück, der mit einem: »_Oxo, oxo, Morée!_« das vor seinem Tyrannen zitternde Volk in einem Nu auseinander jagte. Er kündigte mir an, daß wir kein Quartier in der Stadt erhalten würden, sondern bis nach Ablieferung der Lebensmittel vor derselben unter Zelten, die man in Zeit von einer Stunde für uns aufschlagen würde, lagern müßten; es sei indessen den Leuten erlaubt, einzeln und ohne Bajonette in die Stadt zu gehen, übrigens würde man für unsere Bedürfnisse in jeder Hinsicht reichlich Sorge tragen und der Pascha uns in ein paar Stunden selbst mit seinem Besuch beehren. Dies alles wurde vermittelst eines Dolmetschers in italienischer Sprache verhandelt. Bald darauf kündigte ein unordentlich im Galopp dahersprengender, sehr reich gekleideter Trupp albanesischer und türkischer Reiter Alis Ankunft an, dem er mit einer sehr zahlreichen und glänzenden Suite bald folgte. Ich ließ die Mannschaft ins Gewehr treten, präsentieren und die Tambours _aux champs_ schlagen; sogleich ließ Ali durch den Dolmetscher fragen, was dies zu bedeuten habe, und als er vernommen, daß dies die höchste militärische Ehrenbezeigung sei, gab er sein Wohlgefallen durch beifälliges Lächeln zu erkennen. Ich ließ hierauf, nachdem ich seine Zustimmung erhalten, noch einige Handgriffe und Wendungen vornehmen, mehrmals abfeuern, Peloton-, Glieder- und Rottenfeuer machen, was sowohl vom Pascha als seiner Umgebung mit Beifallsbezeigungen aufgenommen wurde. Was ihn am meisten ansprach, ließ er mich durch den Dolmetscher ersuchen, zu wiederholen, erkundigte sich bis zu den kleinsten Details nach der Garnison von Korfu, und nachdem er mich seiner Zufriedenheit und seines Wohlwollens hatte versichern lassen sowie daß noch vor Abend für alle unsere Bedürfnisse gesorgt werden würde, verließ er uns nach einer Anwesenheit von beinahe zwei Stunden. In der Tat war er kaum weg, als Lebensmittel aller Art, Wein nebst mehreren türkischen Zelten, auch einige Diwans und Polster herbeigebracht wurden, denen vier Sänften, von Sklaven getragen und albanesischen Wachen umgeben, folgten; vier türkische Frauen oder Sklavinnen befanden sich in denselben, die ihre besonderen Zelte erhielten und die der besorgte Pascha zu meiner Privatunterhaltung bestimmt hatte, indem die Türken die Weiber wie ein jedes andere zu befriedigende notwendige Bedürfnis betrachten. Ich machte ihnen, nachdem ihre Zelte aufgeschlagen waren, was zuerst geschah, einen Besuch, um meine Neugierde zu befriedigen und fand vier ziemlich robuste, wohlgenährte, korpulente Schönheiten, die gerade nicht mehr in der ersten Blütezeit standen, hochrot geschminkt, schwarz bemalt waren, angestrichene Nägel und ziemlich grobe Züge hatten; genug, es waren weder zirkassische noch griechische Schönheiten. Ich verließ sie bald wieder und gestattete den Unteroffizieren und Soldaten, sie zu besuchen, denn sie zurückzuschicken würde der Pascha für eine große Beleidigung angesehen haben. Als ich aber erfuhr, daß mir Ali ein Geschenk mit diesen Schönheiten machen wolle, die ich mit nach Korfu nehmen solle, ließ ich ihn am Tage unseres Abmarsches wissen, daß ich sehr bedaure, dies nicht annehmen zu dürfen, indem es mir die französischen Gesetze verböten und ich bei meiner Rückkehr großen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sein würde, wenn ich vier Weiber mitbrächte. Diese Räson nahm er auch an. Den anderen Morgen schickte er wieder Geflügel, eine große Quantität türkischen Tabak nebst türkischen Pfeifen von roter Erde und vergoldet für das ganze Kommando; den Nachmittag kam er abermals selbst und ließ sich wieder einige Manöver vormachen. Diese Besuche wiederholte er noch einigemal und beschenkte die Leute reichlich mit Tabak. Des Morgens durchstrich ich die ungepflasterten Straßen Janinas und besah deren bunte Häuser, Moscheen und so weiter; auch hatte ich zweimal Audienz beim Pascha in dessen Palast, wo er mich mit einem Kistchen von Sandelholz, welches zwei Dutzend Fläschchen köstlichen Rosenöls enthielt, einem Päckchen von den im Serail verfertigten Pastillen und mehreren ausgezeichnet schönen türkischen Pfeifen, deren Rohre mit Kaschmir überzogen waren, und zwei kaschmirnen Schals von Wert beschenkte. Meine von Zeit zu Zeit später abgeschickten Nachfolger waren nicht so glücklich, die Sache war nichts Neues mehr, und als erst das Mißgeschick des französischen Heeres in Rußland bekannt wurde, da zog der Pascha von Janina ganz andere Saiten auf, und bald nachher traten zwischen ihm und dem Gouverneur von Korfu Mißhelligkeiten ein. -- Einige Notizen über Janina und seinen merkwürdigen und grausamen Tyrannen dürften hier wohl an ihrem Platz sein. -- Der Anblick der Hauptstadt Albaniens ist ganz orientalisch und über alle Beschreibung schön. In den See zieht sich eine Halbinsel mit schroffen Felsen, auf der das alte Serail des Paschas oder sogenannte Fort und ebenfalls eine von Zypressen umgebene Moschee liegen. Eine hohe Mauer trennt sie von der Landseite. Von dieser Halbinsel kann man die ganze Stadt gut übersehen; ihr gegenüber liegt eine kleine Insel, auf der sich noch ein dem Pascha zugehöriger Palast befand. Janina hat einen sehr großen Umfang, viel offene Plätze und Moscheen. Die Basars sind mitten in der Stadt und nehmen zwölf Straßen ein; ein jeder ist für ein besonderes Gewerbe bestimmt, der eine für Juweliere, der andere für Waffenschmiede und so weiter. Hier hängen die Gebäude auch ziemlich zusammen, die Häuser der Reichen sind sehr geräumig und haben alle Galerien. Der Judenkirchhof befindet sich mitten in der Stadt, die damals an vierzigtausend Einwohner zählen mochte und außer sechzehn Moscheen auch acht griechische Kirchen hatte; sogar sah ich einige Buchläden, in denen neugriechische Bücher verkauft wurden. In den Straßen begegnete man bewaffneten Arnauten, Mohren, Tartaren, Türken und Griechen, alle zu des Paschas Scharen gehörend, dessen Palast, der große Serail genannt, um ihn von dem seiner Söhne Muktar und Veli zu unterscheiden, im südlichen Teil der Stadt auf einer Anhöhe, die dieselbe beherrscht und eine Zitadelle aus hohen Steinmassen bildet, liegt. Der obere Bau ist jedoch von Holz und ganz türkisch mit vorspringenden Dächern, langen Fensterscheiben und bemalten Außenwänden. Er ist von finsteren Straßen umgeben, die sehr enge Zugänge bilden. Durch ein hölzernes Tor kommt man auf einen breiten unregelmäßigen Platz, der von zwei Seiten durch den Serail eingeschlossen ist. Dieser Platz wimmelte von den Soldaten von Alis Leibwache, die sehr reich gekleidet war. Von da kommt man in die Galerie, die mit einer Menge Volk, als Türken, Albaneser, Mohren, Griechen, schwarzen Verschnittenen, Juden und so weiter angefüllt ist, dann gelangte man in einen langen, reich verzierten Saal, in dem ein großer seidener Vorhang herabhing, welcher, wenn Ali Audienz gab, in die Höhe gezogen wurde, wo alsdann ein prächtiges, mit vielen Säulen prangendes großes Gemach sichtbar ward, von dessen Fenstern man die Aussicht auf den Landsee und das Pindus-Gebirge hatte. Der Fußboden war kostbar ausgelegt und mit reichen Vergoldungen geschmückt, an den Säulen hingen Dolche und alle möglichen Waffen von großem Wert, dem Pascha gehörend, ringsum waren karmoisinrote Diwans, vor denen die kostbarsten Teppiche lagen. Ali selbst saß mit übers Kreuz geschlagenen Füßen unter einem karmoisin mit Gold gestickten prächtigen Thronhimmel. Er war von ziemlich hohem Wuchs, hatte ein dickes rundes Gesicht, eine offene Stirn, schlaue Züge und einen wilden, grimmigen Blick. Er trug ein blaues, rotes oder gelbes, reich mit kostbaren Pelzen besetztes Oberkleid und bisweilen statt des Turbans eine Sammetmütze. Seine Stimme war sehr rauh und hohl und sein brüllartiges Lachen hatte etwas Fürchterliches und Erschreckendes an sich. Ali war 1750 zu Tepeleni in Albanien geboren, wo sein Vater, Veli, Pascha war. Bei dessen Tod mochte er ungefähr sechzehn bis siebzehn Jahre zählen. Als einige Zeit darauf ein Albaneser namens Ghalil eine Empörung veranlaßte, mußte Ali mit vierzig Paras (ein halber Gulden) in der Tasche von Tepeleni entfliehen, und seine Mutter und Schwester gerieten in Gefangenschaft der Einwohner von Gardihi, die ihn selbst in die Luft hatten sprengen wollen; vierzig Tage blieben sie in dieser Gefangenschaft. Später hat sich Ali Pascha durch ein schreckliches Gemetzel und abscheuliche Grausamkeiten an dieser Stadt und deren Bewohnern gerächt. In seinem zwanzigsten Jahre trat er in die Dienste des Coul Pascha zu Berrat, wo er aber bald in den Verdacht kam, eine Verschwörung angezettelt zu haben und dieserhalb entfliehen mußte; doch erlangte er eine schnelle Aussöhnung mit Coul, heiratete eine von dessen Töchtern, die ihm zwei Söhne, den Muktar und Veli, gebar. Jetzt machte er einen Versuch, sich Janinas zu bemächtigen, der ihm vollkommen gelang; er verjagte den dortigen Pascha, und nun erkannte ihn die Pforte als Pascha von Janina und dessen Bezirk an. Hiermit war aber sein Ehrgeiz noch lange nicht befriedigt, sondern er bemächtigte sich nach und nach teils mit Gewalt, teils mit List fast aller Distrikte Albaniens, verstärkte sein Korps von kriegerischen Schypetaren (Albaneser oder Arnauten, die von den alten Mazedoniern abzustammen vorgeben) immer mehr, drang mit denselben durch die engen Pässe des Pindus nach Thessalien, das er sich unterwarf, und ließ sich von der Pforte zum Deveny Pascha von Rumelien ernennen. 1798 leistete er derselben gute Dienste gegen den furchtbaren Paßwan Oglu und wurde dafür zum Pascha von drei Roßschweifen ernannt. Während dieser Zeit war sein Schwiegervater Coul Pascha gestorben und Ibrahim dessen Nachfolger geworden. Ali konnte sich aber mit diesem nicht vertragen und hatte fortwährend Fehden mit demselben, denen endlich durch die Verheiratung seiner Söhne mit Ibrahims Töchtern ein Ziel gesetzt wurde. Dennoch überfiel er ihn 1811 wieder, nahm ihn gefangen, ließ ihm den Kopf abschlagen und vereinigte dessen Paschalik mit dem seinigen. Ibrahims Töchter aber, die beiden Frauen seiner Söhne, die er jetzt fürchtete, ließ der Unhold nebst noch sechs anderen Frauen aus dem Harem in Säcke nähen und in dem See bei Janina ersäufen. Gleich darauf kam die Reihe an Mahomed, Pascha von Delvino, welcher Ibrahims Verbündeter gewesen. Er nahm auch dessen Paschalik und die adriatischen Küsten in Besitz und machte der Pforte außerordentliche Geschenke, damit diese sein Tun und Treiben billigte. Mahomeds Söhne flohen nach Korfu, wo sie Schutz suchten und ihn bei dem General Donzelot fanden. Schon weit früher, 1798, hatte Ali Prevesa, Vonitza, Arkanien und Paramithia mit seinen Ebenen weggenommen. Nach fünfzehnjährigem Kampf hatte er die Sullioten, sehr tapfere Krieger, die zwischen Bergen und Felsen hausen, unterjocht, beinahe vertilgt, sich dann eines großen Teils von Mazedonien bemächtigt und war bis an die Grenzen von Attika vorgerückt. Sein Gebiet bestand nun in dem ganzen Epirus, dem südlichen Teil von Illyrien, einem großen Teil Mazedoniens, fast dem ganzen alten Thessalonien, Ätolien, Phocis und einem Teil Böotiens. Er besoldete ein Korps von mehr als dreißigtausend Albanesern oder Arnauten, das, wenn es nötig war, er mit leichter Mühe verdoppeln konnte, und dies waren die besten Truppen des osmanischen Reiches und so treffliche Schützen, daß sie selten einen Vogel im Flug fehlten, dabei die mäßigsten Männer, die keine andere Leidenschaft als das Spiel und Rauchen kannten und keine andere Liebhaberei als schöne Waffen, ihren Stolz, hatten. Alis Finanzen waren in dem blühendsten Zustand, sein Schatz an Silber, Gold, Juwelen, Perlen, Schals, Rosenöl, Kaschmir und kostbaren Vasen, seltenen Uhren und Kunstwerken war unermeßlich, jede Fehde bereicherte ihn um Millionen. Die Zahl der ihm untergebenen Seelen betrug über drei Millionen und seine jährlichen Einkünfte über zwanzig Millionen Piaster. Seine Soldaten, die gut und pünktlich bezahlt wurden, waren ihm sehr zugetan, ebenso seine griechischen Untertanen, die ihn trotz seiner abscheulichen Grausamkeiten dennoch schätzten, denn in der ganzen Türkei war keine bessere Verwaltung, und es wurde keine strengere Gerechtigkeit ausgeübt, als in den Provinzen, die unter seiner Herrschaft standen; mit einem Paß von ihm oder von einem seiner Garden begleitet, konnte man sicher und ohne alle Gefahr durch sein ganzes Land und die wildesten Gebirgsgegenden reisen, so sehr hatte er seinen Namen zu fürchten und respektieren zu machen gewußt. Er war der gerechteste Mann, sobald sein eigenes Interesse nicht mit im Spiel, und der verabscheuungswürdigste Wüterich, wenn dieses der Fall war. Er durchreiste häufig seine Provinzen, untersuchte und richtete alles selbst und schlug dem Schuldigen gewöhnlich mit eigener hoher Hand den Kopf ab; er war Richter, Vollstrecker und Henker in einer Person und schlichtete Prozesse, mit denen man in Deutschland ein halbes Jahrhundert hingebracht hätte, in einer halben Stunde. -- Die Hauptzüge des Charakters dieses außerordentlichen Menschen waren schlaue List und unerhörte Grausamkeit, mit einem starken Aberglauben verbunden. Die größte Furcht und Ehrfurcht flößten ihm Derwische ein, hierzu gesellte sich noch eine unersättliche Habgierde, die eine Treulosigkeit und Wortbrüchigkeit erzeugte, von der man in der Geschichte wenige Beispiele findet. Eine wahrhaft schauderhafte Rachsucht machte diesen wilden Charakter noch gräßlicher. Nie vergaß er die geringste Beleidigung oder den kleinsten Ungehorsam gegen seinen Willen, wobei ihm sein außerordentliches Gedächtnis sehr zustatten kam. Hier einige Beispiele, die ihn am besten charakterisieren werden. Ein Albaneser hatte einen Vetter von ihm in zufälligem Streit getötet; nachdem er dessen Weib und Kinder vor seinen Augen durch seine Tiger, deren er immer mehrere sowie Löwen und andere Raubtiere in Käfigen unterhielt, hatte zerfleischen und auffressen lassen, ließ er ihn selbst langsam an einem Feuer braten. Der Bruder dieses Unglücklichen hatte sich noch beizeiten geflüchtet. Einige dreißig Jahre später erfuhr Ali Pascha, daß sich derselbe auf der nahegelegenen Insel Santa Maura aufhalte. Er schickte alsobald Abgeordnete mit sehr reichen Geschenken an ihn, die zu gleicher Zeit den Auftrag hatten, ihm die heiligsten Versicherungen zu geben, daß Ali längst alles vergessen und vergeben habe und er seine ehemalige Strenge sogar bereue; er ließ ihm dabei die glänzendsten Versprechungen und lockendsten Anerbietungen machen, wenn er nach Albanien zurückkehren wolle. Der Unglückliche war schwach und leichtgläubig genug, sich betören zu lassen, und reiste mit den Abgesandten zurück. Kaum war er in Janina angekommen, als ihn der Wüterich in Stücke hauen und seine Glieder in alle Straßen werfen ließ.
Um sich einen Begriff von seinem außerordentlichen Gedächtnis machen zu können, stelle man sich vor, daß er alle seine Offiziere, Soldaten und Angestellte bei ihrem Namen kannte. Seine Truppen waren nicht wie in anderen Staaten gleichmäßig besoldet, sondern jeder Soldat bekam monatlich etwas Gewisses, wie es Ali seinen Verdiensten angemessen bestimmt hatte, so daß fast keiner mit dem anderen gleichgestellt war, und er wußte genau im Kopf, was jeder monatlich empfing.
In Janina gab es sehr reiche griechische Kaufleute, die, ohne je die Handlung gelernt zu haben, nach Italien, Triest, Rußland und Kleinasien handelten, oft weder lesen noch schreiben konnten und dennoch die einträglichsten Spekulationen machten. Sobald nun der Pascha durch seine Spione, deren er unzählige hatte, in Erfahrung gebracht, wieviel dieser oder jener bei einer solchen Spekulation gewonnen, wovon er sich vorher auf das genaueste unterrichtet und die zuverlässigste Gewißheit verschafft hatte, schickte er einen von seinen Leuten an den Kaufmann mit der Bitte ab, er möge dem Pascha doch eine Summe von hundert bis tausend Zechinen oder mehr leihen, je nachdem der Gewinst ausgefallen war, von dem er in der Regel die Hälfte in Anspruch nahm, denn er fand es billig, gerade zu teilen. Wollte sich nun der Kaufmann mit Unvermögen und dergleichen entschuldigen, so fiel ihm der Abgesandte sogleich in die Rede und erklärte ganz lakonisch: »Mein Befehl lautet: das Geld oder den Kopf.« Da blieb wohl keine Wahl übrig, auch wäre es keinem zu raten gewesen, den hohen Schuldner an das Geliehene zu mahnen.
Der französische Brigadegeneral Detry bekam einst vom Gouverneur eine besondere Mission nach Janina und wurde vom alten Ali sehr freundlich aufgenommen, der ihm in einem Anfall von besonderer Laune sogar seinen Harem aufschließen und seine zahlreichen Weiber vorführen ließ, ebenso seine hübschen Knaben, die ihm dazu dienen mußten, seine ekelhaften unnatürlichen Lüste zu befriedigen, wenn ihn diese anwandelten. Als der General den Harem wieder verlassen hatte, fragte ihn der Pascha, welche von den Frauen ihm am besten gefallen habe. Dieser bezeichnete ihm diejenige, die am meisten Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ali bat seinen Gast, eine Mahlzeit mit ihm einzunehmen, und ehe sich nach deren Beendigung Detry entfernte, fragte ihn der Pascha, ob er seine Geliebte noch einmal zu sehen wünsche. Der General bejahte es lächelnd, Ali gab ein Zeichen, ein Vorhang rauschte in die Höhe, und ein schwarzer Verschnittener hielt das noch blutende Haupt der Unglücklichen an den Haaren! Der Wüterich lachte grimmig, Detry, über eine solche Untat erbittert, entfernte sich schnell. Dies war zur Zeit geschehen, als es schon mit der napoleonischen Herrschaft auf die Neige ging, wovon er weit besser wie wir in Korfu unterrichtet war; früher würde er so etwas nicht gewagt haben. Auch der französische Konsul in Janina, Pouqueville, ging eben nicht sehr gelinde mit dem Unmenschen um, drohte ihm mit des Kaisers Zorn, wenn er etwas bei ihm durchsetzen wollte, und betrat dessen Palast oft mit ganz beschmutzten und kotigen Stiefeln, die er an Teppichen in den Gemächern abputzte, welche viele tausend Piaster gekostet hatten, indem er zu ihm sagte: »Warum laßt Ihr Eure Straßen nicht pflastern und reinigen?« Der alte Ali, der damals große Furcht vor den Franzosen hatte, verbiß seinen Ingrimm unter hohlem Lachen. In Verlegenheit setzte es ihn, wenn der englische oder der französische Konsul zugleich bei ihm eintraten, da er beide gleich fürchtete, auch suchte er dies möglichst zu verhindern, damit keiner sich eines Vorzugs rühmen könne.
Öfters ließ sich Ali bei den angesehensten Einwohnern Janinas zu Tische ansagen, wo er dann seine ersten Beamten, Diener und ein ganzes Gefolge von Garden und Sklaven mitbrachte. Er speiste ganz allein an einem Tisch, den Wirt des Hauses lud er gewöhnlich ein, sich in seiner Nähe niederzulassen, und es wurde dabei türkische Musik gemacht. Beim Abschied sah er es gerne, wenn man ihn und sein Gefolge beschenkte, was aus guten Gründen nie unterlassen wurde; es geschah auch wohl, daß seine Diener dem gastfreien Wirt einige nicht zu verkennende Winke gaben, welche Geschenke ihrem Herrn und ihnen selbst die willkommensten sein würden. Alis Schlauheit war im ganzen Land zum Sprichwort geworden, und ohne die Diplomatie auch nur dem Namen nach zu kennen, überlistete er nicht selten die gewandtesten Diplomaten. Bekannt ist, welch ein wohlverdientes Ende es noch im hohen Alter mit ihm nahm.