Part 14
Von Paxo fuhr ich nach Parga, das an der albanesischen Küste, auf einem hohen Felsen, Paxo gegenüber liegt, eine Garnison von einigen hundert Mann und einige Artillerie hatte und etwa fünftausend Einwohner zählte. Der Kommandant, dem ich mein Vorhaben mitteilte, riet mir, einen zuverlässigen landeskundigen Albanesen von der Garnison mitzunehmen, der außer dem Neugriechischen auch etwas Venezianisch sprach und den er mir mitgeben wolle. Mit Dank nahm ich dieses Anerbieten an und fuhr den folgenden Tag auf einer Fischerbarke längs der Küste bis nach Prevesa, einer Stadt mit einem Fort, die etwa sechstausend Einwohner zählt. Von da schifften wir nach Vonitza über, einer auf einem steilen Felsen liegenden Festung, von der wir unsere Reise zu Fuß, immer längs der Küste hin, fortsetzten, durch verschiedene türkische Flecken kommend, wo mir mein Albanese treffliche Dienste leistete. Denn ich wüßte nicht, wie es mir ohne ihn ergangen wäre. Endlich kamen wir an einen, Thiaki gegenüber liegenden Ort, von dem wir in einer Barke nach dem ehemaligen Reich des Odysseus, das kaum fünfzehn Stunden im Umfang hat, übersetzten. Jetzt mochten etwa neun- bis zehntausend Menschen auf der mit vielen Oliven-, Zypressen-, Orangen- und Granatbäumen besetzten Insel wohnen, deren vorzüglichstes Produkt Korinthen sind, die hier von außerordentlicher Güte reifen und von denen jährlich über hundert Zentner ausgeführt werden. Ich durchstrich die Insel mit meinem Begleiter, dem ich täglich zwei türkische Piaster gab, nach allen Richtungen, bei jedem Tritt denkend: hier mögen wohl auch Odysseus und Telemach gewandelt und gehandelt haben. Nachts brachten wir gewöhnlich im freien Feld, manchmal auch in einem griechischen Kloster zu. Der größte Ort auf der Insel heißt Vathi. Er liegt an einem Meerbusen und hat nicht übel gebaute zweistöckige Häuser, die ziemlich gut unterhalten sind. Die Frauen und Mädchen hier haben ein blühendes Aussehen, sind meist gut gewachsen und werden auch nicht so eingesperrt gehalten wie auf den übrigen Inseln. Um den Ort herum liegen Weinberge, Olivenbaumstücke und auf den Anhöhen mehrere achtflügelige Windmühlen. Vathi hat auch einen Hafen. Mitten in demselben steht ein Kloster nebst einer Kirche auf einer kleinen Insel, San Salvator genannt. Auf der rechten Seite von Vathi, der kleinen Insel gegenüber, liegen Ruinen eines alten Gebäudes, das man den Palazzo nennt und von dem noch Mauern und Gewölbe übrig sind. Auch fand man mehrere große viereckige Marmorsteine in dessen Nähe, zum Teil mit altgriechischen Inschriften. Diese Überbleibsel werden für die Trümmer von Odysseus Palast ausgegeben, sowie andere, nicht weit davon liegende Ruinen man für die Reste der ehemaligen Hauptstadt von Ithaka hält. Beides ist indessen sehr ungewiß. Homer sagt, diese Stadt liege auf einem Berg, Oneion genannt; Cicero spricht von ihr als von einem hochliegenden Vogelnest, und Plinius sagt ebenfalls, daß sie auf einem sehr steilen Felsen liege. Die Hauptstadt, die aber später, als Odysseus hier herrschte, erbaut wurde, führte den gleichen Namen wie die Insel.
Nachdem ich des Helden Odysseus Heimat gehörig untersucht, ohne daß es mir gelungen wäre, mich mit meinem Homer in der Hand gehörig orientieren zu können oder auch nur Wahrscheinlichkeiten ausfindig machen zu können, schickte ich mich den dritten Tag nach meiner Ankunft nicht sehr befriedigt -- die Insel ist sehr bergig und im allgemeinen ziemlich kahl, hat aber viele zerstreut liegende Klöster und Kirchen -- an, sie wieder zu verlassen. In einiger Entfernung von Vathi füllten wir unsere mitgebrachten Gurden mit frischem Trinkwasser, das aus dem Felsen entspringt, welchen die Gelehrten der Jonischen Inseln für den von Homer erwähnten Felsen Korax, die Quelle selbst aber für die Quelle Arthusa halten, und beides nicht ohne große Wahrscheinlichkeit.
Wir fuhren in einer gemieteten Barke ab, und da ich meinem Begleiter den Wunsch geäußert hatte, womöglich auch noch Santa Maura, das alte Leukadien, zu besuchen, so redete mir dieser zu, das Wagestück zu unternehmen. Dies war es allerdings wegen der englischen Besatzung. Nach einigen Stunden landeten wir etwas oberhalb dem Kap Ducato auf Santa Maura, von wo wir uns in das Innere der Insel begaben, die etwa fünfundzwanzig Stunden im Umfang haben mag. Sie war mit ziemlich viel Gehölz bedeckt und leidlich angebaut; besonders mit Baumwolle-, Oliven-, Korinthen-, Mandel- und Feigenbäumen. Eine Nacht brachten wir in einem sehr elenden Dorf zu, wo unser ganzes Mahl aus einem halben Dutzend wilder Artischocken mit Zitronensaft bestand. Den folgenden Morgen begaben wir uns in die Hauptstadt, welche die Maurioten Amaxchi, auch Amakuki nennen, und die in einem tiefen, mehrere Stunden langen Sandfeld liegt. Als ich hier so vielen englischen Uniformen begegnete, ward mir doch etwas unheimlich. Ich wagte mich nicht in die Festung Santa Maura, die nicht unbedeutend ist. Aber weder Stadt noch Festung enthalten irgendeine Merkwürdigkeit. Woran mir mehr gelegen, war, den berühmten Felsen aufzusuchen, von dem sich die verliebten altgriechischen Narren und die Sappho herabstürzten. Aber mein Albanese wußte so wenig davon, wie alle Maurioten, die er darnach fragte. Ich wandte mich nun selbst an einen halb italienisch gekleideten Einwohner, der venezianisch sprach und von dem ich erfuhr, daß der von mir gesuchte Ort das Kap Ducato wäre, in dessen Nähe wir gelandet hatten. Wir hatten vier starke Stunden zurückzulegen, bis wir wieder dahinkamen. Dies versetzte meinen Begleiter, der gar nicht begreifen konnte, was ich an dem einsamen Felsen suchte, in ziemlich üble Laune. Ein paar Extrapiaster gaben ihm aber schnell seinen guten Humor wieder. Ich bestieg das hohe und steile Vorgebirge und den Gipfel des Felsens, von dem herab die von Phaon verlassene närrisch gewordene Dichterin in die Meeresfluten gesprungen war. Daß dies wirklich der so bekannte leukadische Felsen ist, auf dem der Tempel Apollos gestanden, dessen noch Virgil erwähnt, scheinen viele altgriechische Kritzeleien, die in demselben eingegraben sind, zu bestätigen. Beinahe wäre mir ein gleiches Los, wenn auch nicht aus verliebter Raserei, wie jenen unglücklichen Narren, sondern aus Tücke des Schicksals zuteil geworden. Mein Begleiter und ich sahen plötzlich aus noch ziemlicher Ferne vier wohlbewaffnete Männer, von einem englischen Offizier angeführt, mehr laufend als gehend gegen unseren Felsen zueilen, von denen wir nicht ohne Grund vermuteten, daß sie nicht in der besten Absicht kämen. Und so war es in der Tat. Ihnen zu entrinnen, daran war nicht mehr zu denken. Wir hätten denn den halsbrechenden leukadischen Sprung machen müssen, wozu wir beide aber keine große Lust verspürten. Uns lebendig fangen zu lassen, schien mir ebensowenig ratsam, denn wir riskierten, als ein Paar Spione ohne weiteres gehängt zu werden.
Nach einer kurzen Besinnung sah ich ein, daß uns nichts anderes übrig bleibe, als, da wir gut bewaffnet waren -- jeder hatte zwei Pistolen und einen langen Dolch bei sich, der Albanese außerdem noch seine Flinte -- uns unserer Haut bestens zu wehren. Ich teilte diese Ansicht meinem Begleiter mit, ihm versichernd, daß ein Strick sein unvermeidliches Los sein würde, wenn man ihn lebendig finge, und machte ihm begreiflich, daß, wenn wir auch nur zwei gegen fünf seien, wir doch den ungeheuren Vorteil der Position für uns hätten und folglich auch den des Ausgangs des Kampfes. Dies begriff mein Reisegefährte sehr wohl, versetzte aber unwillig: »Das Unheil habt ihr mit eurem verfluchten Narrenfelsen über uns gebracht. Daß wir uns so sehr darnach erkundigten, hat die Engländer aufmerksam auf uns gemacht, die uns jetzt verfolgen, und zuletzt müssen wir doch noch unterliegen, denn ewig können wir hier nicht bleiben.« Diese Logik war für einen halbwilden Albanesen so übel nicht. »Ja, wenn noch Schätze hier zu holen gewesen wären,« fuhr er fort, »dann ließe es sich noch begreifen; aber so ein kahler Stein.« -- »All dies Räsonnieren hilft jetzt zu nichts, die feindliche Patrouille ist keine fünfzig Schritte mehr entfernt und schickt sich an, heranzuklimmen,« fiel ich ihm ins Wort und rief dem sich bereits am Fuß des Felsens befindlichen Feind ein donnerndes >Halt!< zu, während mein Albanese sein Gewehr anlegte. Ehe er aber losdrückte, rief ich dem Leutnant auf englisch zu, daß, wenn er es auf uns abgesehen habe, er uns wenigstens nicht lebendig fangen würde und sein und seiner Leute Leben auf dem Spiele stehe, denn wir seien trefflich bewaffnete Schützen ... -- »Und ein Paar Spione,« antwortete der Offizier, uns noch ein »Ergebt euch!« zurufend. -- »Das sind wir nicht,« erwiderte ich, »sondern Ehrenmänner.« -- Wir parlamentierten weiter, und ich gestand ihm zwar, daß ich ein Franzose sei, sagte jedoch nicht, daß ich in Militärdiensten stehe, sondern daß ich einzig und allein gekommen sei, um dem berühmten leukadischen Felsen einen Besuch abzustatten, was ihm als einem gebildeten Englishman gewiß sehr natürlich erscheinen müsse, da er ohne Zweifel von der Geschichte desselben und namentlich der der Sappho unterrichtet wäre. Ich suchte ihn noch bei der Ehre anzugreifen, mich auf die allgemein bekannte englische Loyalität berufend, und gab ihm zu gleicher Zeit mein Ehrenwort, daß ich nicht gekommen sei, das verächtliche Handwerk eines Spions zu treiben. Nach noch einigem Hin- und Herreden gelang es mir denn auch, ihn in seiner Muttersprache, was gewiß nicht wenig dazu beitrug, von seinem ungerechten Verdacht und meiner Unschuld zu überzeugen. Er gab mir nun seinerseits das Ehrenwort, daß, wenn ich herabsteigen wolle, weder mir noch meinem Begleiter das mindeste Leid geschehen solle, und wenn wir beweisen würden, daß wir keine Spione seien, man uns ungehindert ziehen lassen werde. Ich traute dem Engländer, der gegen seine Leute äußerte, daß er uns für keine Spione halte, und stieg den Felsen hinab. Er lud mich jetzt ein, ihm zum Kommandanten zu folgen, was ich jedoch ablehnte, ihn beiseite nahm und ihm die Wahrheit und die Ursache, die mich nach Santa Maura geführt, offen gestand. Er war nun seinerseits zuvorkommend artig und teilnehmend, und als ich äußerte, ich wünschte möglichst bald wieder das feste Land zu erreichen, hatte er die Gefälligkeit, uns bis an das Lukadien gegenüber liegende Ufer zu geleiten, wo wir eine Fischerbarke in Beschlag nahmen, in der wir übersetzten, nachdem ich mich bei meinem edlen Führer bedankt und wir gegenseitig unsere Adressen ausgetauscht und Abschied genommen hatten, worauf er sich eiligst entfernte. Kaum waren wir aber zwanzig Schritte vom Ufer abgestoßen, als sich mehrere bewaffnete Insulaner an demselben zeigten und den zwei uns rudernden Schiffern in griechischer Sprache befahlen, umzukehren. Wir fanden aber für gut, denselben zu befehlen, nicht zu gehorchen, sondern schnell das Weite zu gewinnen. Als dies die auf dem Land stehenden Griechen sahen, feuerten einige auf uns, während die anderen längs dem Ufer hinabliefen, ein Fahrzeug zu suchen, das sie aber glücklicherweise nicht fanden. Bald waren wir aus dem Bereich der Schußweite und kamen nach anderthalb Stunden, nicht ohne große Anstrengung, an der jenseitigen Küste an. Wir fuhren nun weiter nach Prevesa. Von da legten wir den Weg bis Butrinto zu Land zurück, wo ich dann ein Schiffchen mietete, das uns glücklich wieder nach Korfu brachte. Ich entließ meinen getreuen Begleiter, indem ich ihm noch ein kleines Geschenk machte, meldete meine Ankunft und begab mich dann wieder nach Pallea Castrizza, wo ich Herrn von Brüge und seinen Damen die gehabten Abenteuern mit allen Details erzählen mußte. Ich fand auch Neuigkeiten von Haus vor, nämlich einen Trauerbrief, der mir das Ableben meines Großvaters väterlicherseits meldete, und eine Anweisung von fünfzig Louisdors, welche mir das Haus Heinzelmann in Venedig auf einen Juden in Korfu namens Mesulam auf Veranlassung meines Vaters übermachte. Die Kanonierschaluppe, die während meiner Abwesenheit glücklich von Otranto angekommen war, hatte unserem Regiment auch einen Colonel _en second_ zugeführt, und zwar den Bruder des bekannten Schriftstellers und Verfassers des >Goldenen Kalbes<, Benzel-Sternau, der jetzt Finanzminister in Diensten des Großherzogs von Frankfurt war, und dessen Bruder bisher in russischen Diensten gestanden hatte, welcher nun das Kommando der beiden in Korfu stehenden Bataillone des zweiten Fremdenregiments, das bisher Herr von Brüge gehabt, übernehmen sollte. Aber der neue Oberst war ein äußerst gutmütiger und ziemlich indolenter Mensch, der sich hier auf einem ihm ganz fremden Terrain befand, und Herrn von Brüge, ohne dessen Rat er nichts tat, nach wie vor ganz gewähren ließ. So lange wir noch in Pallea Castrizza waren, kam er jede Woche einige Male, uns zu besuchen und sich Rat zu holen, da er den französischen Dienst ganz und gar nicht kannte. Überhaupt hatten wir in der letzten Zeit fast täglich Gäste aus der Stadt, die sich unsere köstlichen Seefische, Langusten, den guten Wein des Klosters und so weiter trefflich schmecken ließen. Nach der Tafel wurde musiziert. Josephine sang italienische Duette mit mir, unter denen besonders das >_Per pietà deh non lasciarmi_< aus der >_Ginevra di scozia_< Furore machte. Es wurde auch manchmal getanzt, wenn mehrere Damen unter den Gästen waren, und so ging der Rest der heißen Jahreszeit munter und vergnügt zu Ende. Bevor wir das gastfreundliche Kloster verließen, machten wir noch einen Ausflug oder besser eine Ausfahrt nach der kleinen Insel Fano, die am nördlichen Kap von Korfu liegt und, wie die Sage will, dieselbe Insel ist, welche die Göttin Kalypso bewohnte, deren Grotte man den Fremden noch zeigt, die aber weder göttliche noch selbst irdische Pracht aufweist, sondern eine gewöhnliche geräumige und feuchte Höhle mit mehreren Abteilungen ist. Diese Insel hat ungefähr fünfhundert Einwohner, Fanioten genannt, die halbwild sind. Auch wir hatten eine Besatzung von ungefähr hundert Mann auf Fano. Hier, wie zu Korfu, zu Praxo und Santa Maura, war noch allenthalben das in Stein gehauene venezianische Wappen, der geflügelte Löwe des Sankt Markus angebracht, sein aufgeschlagenes Buch in der Tatze, grimmig, aber ohnmächtig umherblickend. Ende September verließen wir endlich unseren pittoresken Sommeraufenthalt, um uns wieder unter den Schutz der Mauern der Stadt Korfu zu begeben, wo mir bald darauf eine interessante Mission nach Janina zuteil ward.
IV.
Eine Mission nach Albanien. -- Janina. -- Ali Pascha, seine furchtbaren Grausamkeiten. -- Ein lebendig Begrabener. -- Govino. -- Die Entführung einer jungen Griechin. -- Rocca Timono. -- Diversi. -- Ein Soldat erschießt einen Fregattenkapitän. -- Ein Rattenmahl. -- Die Prima Ballerina Giuseppina Panzieri. -- Großer Theaterskandal. -- Ludwig der Springer. -- Die Feuerprobe. -- Ein Duell. -- Ein Schiffbruch. -- Ein großer Brand. -- Die Räuber in Korfu. -- Parga geht an die Engländer über. -- Schlimme Neuigkeiten. -- Murats Abfall. -- Napoleons Abdankung. -- Rückkehr der Bourbons. -- Ankunft der englischen und französischen Flotten. -- Übergabe Korfus an die Engländer. -- Unanständiges Benehmen englischer Offiziere. -- Einschiffung der französischen Garnison.