Part 13
Da während unseres Aufenthaltes zu Pallea Castrazzi das Sankt Spiridionsfest in Korfu gefeiert wurde, so redete mir Herr von Brüge zu, da ich dasselbe noch nicht gesehen hatte, mich während dieser Zeit in die Stadt zu begeben, um demselben beizuwohnen, was mir ganz recht war, da ich bei diesem den Aberglauben und die Pracht der Korfioten und ihrer Frauen in ihrem ganzen Glanze erblicken sollte. Ich nahm Urlaub auf sechs Tage, während welchen ich die feierliche Narrheit mit aller Bequemlichkeit zu beobachten Gelegenheit fand, und schloß mich sogar eine ganze Stunde lang der Prozession an, worauf ich aber genug hatte, mich weg und in das nahe venezianische Kasino schlich, in welchem ich eingeführt war, und wo ich die Bekanntschaft eines jungen Capo d'Istria, eines Neffen des in russischem Staatsdienste stehenden Ministers dieses Namens machte, der ebensowenig als ich an die Heiligkeit der Mumie glaubte und sich manche beißende und geistreiche Ironie über die Prozession und das Gefolge erlaubte. Er bot mir eine Tasse Schokolade an und lud mich ein, ihn öfters zu besuchen. Ich begab mich nun mit ihm in die reich und prächtig ausgeschmückte Sankt Spiridionskirche, wo wir die Rückkehr des Heiligen abwarteten, während griechischer Gottesdienst gehalten wurde und die Musik der verschiedenen Regimenter abwechselnd spielte. Dem Eingang zur Vorhalle der Kirche, in welcher die Musik des vierzehnten Regiments spielte, gegenüber, hörte und sah ein allerliebstes Madonnenköpfchen mit großem Vergnügen dem militärischen Spektakel zu. Capo d'Istria, den ich darum fragte, sagte mir: »Ach, dies ist die schöne Signora Enrichetta Viletta, die Braut des Advokaten Prosalenti, sie hat dreißigtausend Talari Aussteuer. Sie hatte viele Freier, unter anderen auch den jungen reichen Dandolo, aber ihr erzliederlicher Bruder, der alles verspielt, hat sie dem widerlichen Prosalenti verhandelt.« -- Hinter einem Fenster des Vestibüls der Kirche hatte ich Gelegenheit, die Reize des jungen Mädchens unbemerkt mit aller Muße bewundern und sie selbst beobachten zu können. Capo d'Istrias Mitteilungen hatten mir die schöne Braut doppelt interessant gemacht, und wie ich aus seinen Reden entnehmen konnte, schien sie ihm auch nicht gleichgültig zu sein. Er war ein junger interessanter Mann, mit einnehmenden Gesichtszügen, Mitglied der _Società filodramatica_, welche italienische Lustspiele und Dramen aus Liebhaberei aufführte, bei der er den jugendlichen Liebhaber nicht ohne Talent spielte, und von der auch ich den kommenden Winter ein tätiges Mitglied wurde und wo ich die in Neapel übersetzten deutschen Stücke, namentlich >Fiesko<, >Menschenhaß und Reue<, >Die Indianer in England< und so weiter zur Aufführung brachte. Die Recupido machte aus Gefälligkeit die erste Liebhaberin und gab die Elisabeth im >Don Carlos< und die Gurli ganz vortrefflich. »Ein Meisterstreich wäre es,« sagte ich zu Capo d'Istria, »wenn man dem Prosalenti die schmucke und reiche Braut wegfischen könnte.« -- »Ach ja,« erwiderte er seufzend, »aber es ist unmöglich.« -- »Unmöglich?« versetzte ich, »solange die Hochzeit noch nicht vollzogen, ist immer noch die Möglichkeit vorhanden. Ich gebe nichts auf als die Toten. Sie sehen das Mädchen gerne?« -- »Freilich.« -- »Und Sie wissen, daß sie den Prosalenti nicht leiden mag?« -- »Allerdings.« -- »Nun, dann müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn wir sie ihm nicht aus den Klauen reißen sollten. Wann soll die Hochzeit sein?« -- »In sechs Wochen.« -- »Noch überflüssige Zeit, die Sache rückgängig zu machen und das Opfer dem Rachen der Bestie zu entziehen.« -- Wir verließen nun Arm in Arm die Sankt Spiridionskirche, grüßten im Vorübergehen die holde Enrichetta ehrerbietig und erhielten einen freundlichen Dank, gingen aber nur um die Kirche herum und auf der entgegengesetzten Seite wieder in dieselbe, uns abermals hinter das bewußte Fenster der Vorhalle placierend. Zeigten uns aber von Zeit zu Zeit wieder an der Türe der Schönen gegenüber, so daß diese bald unsere Gegenwart bemerkte und lächelte; und nun wurden Blicke gewechselt. Ich sagte jetzt meinem neuen Freunde, er möge ein Briefchen schreiben, in welchem er Enrichetten seiner Liebe versichern und ihr erklären solle, daß er sie heiraten wolle. Es kostete mich aber große Mühe, ihn dazu zu bewegen. Auch fürchtete er die Rache des Bruders und Bräutigams, wenn diese unglücklicherweise dahinterkämen. -- »Pah, wenn man einem Mädchen nachstellt, muß man nichts in der Welt fürchten,« sprach ich und fuhr fort: »wenn Sie mir die Leitung der Intrige überlassen wollen, so stehe ich für alles. Schreiben Sie nur das Billett und dann sorgen Sie für eine alte Hexe, die für ein paar Zechinen selbst an den Teufel verkuppeln würde.« -- Capo d'Istria, durch mich ermutigt, verstand sich endlich zum Schreiben und an solchen alten Weibern vom Mestiero war auch in Korfu kein Mangel. Ehe vierundzwanzig Stunden vergingen, war das Geschriebene in den Händen der Braut. Die Überbringerin, eine alte Griechin, die auch das Venezianische gut sprach, brachte wenigstens eine mündliche Antwort und erzählte etwas umständlich, welche Mühe sie gehabt, die Signora allein zu sprechen, sie zur Annahme des Briefchens zu bewegen, daß es ihr aber endlich sogar gelungen sei, sie zu überreden, den Antrag des jungen Herrn anzunehmen, wenn er ihn ausführen könne, denn sie gestehe, daß ihr der bestimmte Bräutigam unausstehlich sei. -- »Was nun anfangen?« meinte Capo d'Istria. -- »Hier bleibt nichts übrig als eine Entführung,« erwiderte ich schnell. -- Vor dieser aber scheute er wieder und willigte erst ein, als ich ihm erklärte, ich wolle auch die Ausführung und die Gefahr derselben übernehmen; die Hauptsache sei vorerst, sich der Einwilligung des Mädchens zu versichern. Die alte griechische Hexe, die bereits zwei Zechinen zum Geschenk für ihre Bemühungen erhalten hatte, war auch bereit, ihr möglichstes zu tun, die Signora Enrichetta dazu zu vermögen.
Das Sankt Spiridionsfest war vorüber und ich sollte nun nach meinem einsamen Pallea Castrizza zurückkehren. Aber ein anderes, weit wichtigeres Fest war vor der Türe, das Napoleons (der 15. August) und sollte recht prächtig gefeiert werden. Namentlich durch ein Seeturnier, welches die Offiziere der Marine in der Reede von Korfu zu geben beabsichtigten. Sodann war Souper und Ball bei dem Gouverneur nebst Feuerwerk und was dazu gehört. Ich erbat mir noch einen vierzehntägigen Urlaub, mehr wegen der beabsichtigten Entführung als um dem Napoleonsfest beizuwohnen, ritt aber noch vorher nach Pallea Castrizza, wo ich mit Sehnsucht erwartet wurde. Da ich aber auch an dem Seeturnier gleich mehreren Offizieren von den Landtruppen tätigen Anteil nehmen wollte, so teilte ich dies Herrn von Brüge mit dem Bemerken mit, daß ich schon den nächsten Tag wieder in die Stadt müsse, um mich zu der bevorstehenden Feierlichkeit gehörig einzuüben, wozu aber die Damen und besonders Josephine nicht das freundlichste Gesicht machten. Von der projektierten Entführung ließ ich kein Wörtchen fallen; beides wurde indessen auf das emsigste betrieben. Ich war zwar ein guter Schwimmer; dies war aber nicht hinreichend, um Ehre bei dem Turnier einlegen zu können. Die stechenden, ganz in buntes Papier gekleideten Ritter mußten auf einem kleinen, sehr schmalen runden Brett, das an dem Hinterteile einer Barke, wenigstens einige dreißig Fuß hoch angebracht war und durch zwei schmale Balken gehalten wurde, Posto fassen, während das Schiffchen durch vierundzwanzig Ruderer pfeilschnell getrieben wurde, mit einer langen hölzernen Lanze auf den Schild des anfahrenden Gegners einen kräftigen Stoß tun und so suchen, ihn hinab in das Meer zu stürzen. Wir probierten nun mehrere Tage dieses Manöver, aber auf gewöhnlichen Barken, wo man nicht viel höher, als das Hinterteil des Schiffes war, stand, dabei waren wir ganz nackend, hatten vier Schuh hohe Schilder und zehn Schuh lange Lanzen. Bei diesen Proben lief alles ziemlich gut ab. Ich fiel nur selten einmal in das Wasser und stieß meine Gegner mehrmals hinab. Aber dies war nur eine Finte von den Marineoffizieren. Diese Seeratten hatten sich verschworen, die Landratten -- so titulierten sich gegenseitig die Marine- und Landtruppen --, die es wagten, mit ihnen in die Schranken treten zu wollen, tüchtig heimzuschicken.
Während der Zwischenzeit ritt ich indessen oft am Abend nach Pallea Castrizza und kehrte am Morgen nach Korfu zurück, wo ich mich dann mit Capo d'Istria in die Vorhalle der Sankt Spiridionskirche begab und wir uns an der Tür derselben blicken ließen, sobald wir sicher waren, daß der _Sposo in spe_ nicht anwesend war. Wir korrespondierten nun vermittelst der Finger- und Zeichensprache mit der mit uns einverstandenen holden Enrichetta, und die Entführung, zu der sie endlich, durch Briefe und Zureden der Alten bestürmt, eingewilligt, wurde auf den 15. August, den Napoleonstag selbst festgesetzt; und zwar sollte sie auf dem Ball, den der Gouverneur an diesem Tage jedesmal gab, vollführt werden, da man daselbst die Abwesenheit der Signora nicht sogleich bemerken würde. Um jedoch sicher zu sein, daß sie dem Ball beiwohnte, begab ich mich zum Chef _de l'état major_ Bauduy, um zu erfahren, ob die Vilettas mit den anderen venezianischen Familien, die man gewöhnlich zu diesem Feste heranzog, eingeladen seien, und wenn dies nicht der Fall wäre, dies zu veranlassen. Zu meiner Freude fand ich sie auf der Liste der Geladenen stehen, und daß sie kommen würden, war die Sache der Signora.
Der 15. August war endlich herangekommen und alles sowohl zu dem Turnier wie zur Entführung gehörig vorbereitet. Herr von Brüge kam nebst den Seinigen gleichfalls am frühen Morgen in die Stadt, der Parade und der Feier beizuwohnen. Nachdem alles militärische Gepränge, mit Kanonendonner und so weiter begleitet, vorüber war, schickte man sich zu dem Seeturnier an, das um vier Uhr nachmittags beginnen sollte. Der Senat von Korfu hatte auf Kosten der Stadt mehrere Preise für die Sieger ausgesetzt, von denen der erste eine Brillantnadel von ungefähr viertausend Franken an Wert war. In der Reede zwischen Korfu und Vido bildeten eine bedeutende Zahl Schiffe jeder Gattung und verschiedener Größe, alle beflaggt und bewimpelt, einen großen Halbkreis, der sich an seinen beiden Enden an das Ufer anschloß, auf dem ein bretternes Amphitheater errichtet war, auf welchem die Zuschauer Platz nahmen. Für die Generalität, Stabsoffiziere, Damen der Garnison und vornehme Korfiotinnen war eine eigene, mit Teppichen behangene Loge eingerichtet. Zwei Fregatten schlossen die Mitte des Halbkreises. Auf diesen hatten die Kampfrichter sowie die Musikchöre, die Admiralität und nichttätigen Seeoffiziere Platz genommen. Auf den anderen Schiffen waren ebenfalls viele Zuschauer placiert. Die vierundzwanzig Kampfbarken waren je zwölf auf beiden Seiten in Schlachtordnung aufgestellt. Aber es waren ganz andere, als auf denen wir die Proben gehalten hatten, und die runden Brettchen, auf welchen kaum ein Mann Platz zum Stehen hatte, waren so hoch, daß sie bei der geringsten Bewegung schwankten und man auch ohne einen Stoß schon Mühe hatte, sich auf denselben zu erhalten, wenn man nicht wie die Marine an ein solches Schwanken durch das Klettern auf den Segelstangen und Mastbäumen gewöhnt war. Die Barken rechts waren rot und weiß, und die links blau und weiß angestrichen. Auf einer jeden befanden sich ein Paar Tambours. Die turnierenden Ritter waren meistens in spanischem Kostüm und hatten goldene oder silberne Helme mit hohen Federbüschen auf dem Kopf. Alles war aber, sowie die ganze Kleidung und sogar die Stiefeln von Papier; aber so gut und täuschend nachgemacht, daß man schon in einer Entfernung von wenigen Schritten dies nicht bemerken konnte. Es war nötig, daß die Kleider aus diesem fragilen Stoff bestanden, damit sich derselbe sogleich auflöste, wenn man ins Meer fiel, und dessen entledigt, ungehindert schwimmen konnte. Als ich auf meinem Brettchen Posto gefaßt hatte und sich die Barke in Bewegung setzte, da war es ein ganz anderes als bei den Proben, wo wir kaum drei Schuh über dem Wasser gestanden, und ich hatte die größte Mühe, nicht von dem in der Luft schwebenden Brettchen, das nicht viel mehr Raum als eine große runde Schüssel hatte, hinabzustürzen. Jetzt donnerte die Kanone los, die das Signal zum Abfahren gab, alle Tambours und die Musik fielen mit dem von mir komponierten Sturmschritt ein, alle Ruder auf einen Schlag in das Wasser, und die vierundzwanzig Barken fuhren pfeilschnell gegeneinander. Nur mit der größten Mühe gelang es mir noch, meine Lanze gehörig einzulegen. Aber bald schwindelte mir, es wurde mir ganz schwarz vor meinen Augen, Hören und Sehen verging mir, und kaum von meinem Gegner berührt, stürzte ich fast bewußtlos in die See hinab, wo mich ein zu diesem Zweck bereitstehender Nachen auffischte und in das Garderobeschiff, wo wir uns angekleidet hatten, brachte. Glücklicherweise war ich nicht der einzige, dem es so ergangen war. Alle Landoffiziere, acht an der Zahl, hatten das gleiche Schicksal gehabt, und keiner verspürte Lust, sich nochmals anzukleiden, wie es die herabgestoßenen Seeoffiziere machten, um das Spiel von vorne zu beginnen, sondern wir versteckten uns hinter den übrigen Zuschauern, nachdem wir unsere gewöhnliche Kleidung wieder angelegt, und sahen dem noch über zwei Stunden dauernden Kampf nun recht behaglich zu, bis endlich ein auf dem Admiralitätsbureau angestellter Beamter, der zuerst zwölf Gegner hinabstürzte, den ersten Preis errungen hatte. Die beiden anderen Preise erhielten zwei Marineoffiziere, welche nach ihm die meisten Ritter in das Meer warfen. Als dies Turnier beendigt und die Preise unter Vivatgeschrei und dem Schmettern der Trompeten und Pauken verteilt waren, begannen die Matrosen noch ein Wettspiel, welches darin bestand, auf einem langen Mastbaum, der horizontal von dem Hinterteil eines Schiffes etwa zwanzig Fuß lang in das Meer ging und mit Seife sehr glatt gemacht war, mit bloßen Füßen und nackt dessen äußerste Spitze zu erreichen und den daran hängenden Hut wegzunehmen, worauf eine Belohnung von fünfhundert Franken gesetzt war. Vier solcher Maste und Hüte waren ausgesteckt, aber viele hundert Matrosen purzelten ins Meer, bevor es einem gelang, den Hut zu erhaschen. Bis in die sinkende Nacht amüsierte die Soldaten, Seemänner und den Janhagel von Korfu dieser letzte Teil des Schauspiels, bei dessen Beginn sich die meisten anderen Zuschauer und Damen entfernten.
Ich war ebenfalls vor dessen Beendigung weggegangen und hatte mich in meine Wohnung begeben, um mich zum Ball und zu der Entführung bereit zu machen. Da mit der Retraite alle Wasser- und Landtore geschlossen wurden, so war ich mit Capo d'Istria übereingekommen, die Entführte bis Tagesanbruch in meinem Quartier, wo man sie sicher nicht suchen würde, zu beherbergen, und wo sie griechische Mannskleidung anlegen und dann mit dem Öffnen der Tore auf einem Maultier die Stadt verlassen sollte, um sich, von Capo d'Istria und mir begleitet, nach dem Dorfe Spagus zu begeben, wo ich ein Häuschen für sie in Bereitschaft hatte setzen lassen. Wir hatten Mitternacht zur Stunde der Entführung bestimmt, damit unsere Abwesenheit nicht zu früh bemerkt werden konnte. Auf dem Ball tanzte ich mehrere Kontertänze mit ihr, und die Montfarinen tanzte sie abwechselnd mit ihren beiden Bräutigams. Als der entscheidende Moment nahte, wurde ihr doch nicht ganz wohl bei der Sache, und ich hatte alle Mühe, ihr während des Tanzes Mut einzusprechen. Gleich nach dem letzten Kontertanze, nach dem Prosalenti eine Montfarine mit einer französischen Offiziersdame tanzte und also seine Braut nicht in den Augen haben konnte, mußte der Schritt getan werden. Halb gutwillig, halb mit Gewalt zog ich Enrichetta durch einige Seitenzimmer an eine Hintertreppe des Gouvernementspalastes. Capo d'Istria folgte uns auf dem Fuße nach, und so liefen wir in meine, sich nahe bei der Porta Reale befindliche Wohnung, in der die Signora Viletta beinahe ohnmächtig auf einen Stuhl niederfiel und wir alle Mühe hatten, sie zu beruhigen. Capo d'Istria mußte jedoch schleunigst wieder auf den Ball zurückkehren, damit er selbst gesehen wurde und so kein Verdacht auf ihn fallen konnte, sobald man das Mädchen vermißte, bei der ich nun allein blieb und mein möglichstes tat, sie zu trösten und zu beruhigen, wobei ich es an den hierzu notwendigen Liebkosungen nicht fehlen ließ, die sich aber nur auf ein mitleidiges In-Arm-nehmen, ein An-mich-drücken und einige Küsse auf die Stirn und die von Tränen benetzten Wangen beschränkten, was die holde Enrichetta in ihrer Angst ruhig geschehen ließ. Die griechischen Mannskleider lagen bereit. Sie mußte sich bequemen, sie anzulegen, wobei ich ihr bestens behilflich war und dabei mußte ich natürlich in allerlei Berührungen mit ihr kommen, die mir das ohnehin schon heiße Blut noch vollends in Wallung brachten. Minutenlang fühlte ich ihr Herz an meiner Brust klopfen, und wer weiß, was weiter geschehen wäre, wenn man nicht gerade gewaltig an der Haustüre geklopft hätte. Es war Capo d'Istria, der, nachdem ich selbst geöffnet hatte, fast atemlos hereinstürzte und uns ankündigte, daß das Verschwinden der Braut bereits wahrgenommen worden sei und man allenthalben nach ihr suche. Er selbst habe noch mit Prosalenti gesprochen, um allen Verdacht von sich zu wenden. »Wenn wir nur jetzt schon glücklich zur Stadt hinaus wären,« meinte er und war dabei in einer solchen Aufregung, daß er, das Mädchen küssend, kaum bemerkte, daß es sich bereits in einen holden griechischen Knaben verwandelt hatte. Mein Bursche, den ich auf die Lauer gestellt hatte, um mir Rapport zu machen, sobald das Stadttor geöffnet würde, kam endlich gesprungen, dies zu melden. Wir verließen nun alle drei meine Wohnung, kamen unangehalten durch die Porta Reale, eilten nach Castrades, wo wir ein Maultier gesattelt fanden, auf dem sich Capo d'Istria samt seiner schönen Beute davon und auf den Weg nach Spagus machte. Ich blieb noch bis gegen Abend in der Stadt und hörte, daß diese Entführung, deren Urheber man noch nicht kannte, und bei der man den einen oder anderen Offizier von der Garnison im Verdacht hatte, da es so häufig vorkam, daß diese Mädchen und Frauen entführten, ein gewaltiges Aufsehen machte, da die Entführte eine reiche Braut war. -- In Pallea Castrizza angekommen, erzählte ich die Sache der Familie Brüge, die nicht zum Ball geblieben war, als eine große Neuigkeit, ohne zu erwähnen, welchen Anteil ich an derselben gehabt. Längere Zeit wußte niemand, was aus der Entführten geworden war, mit der sich Capo d'Istria ein paar Tage nach der Entführung in aller Stille hatte trauen lassen, und seine junge Gattin, die fortfuhr, heimlich in Spagus zu wohnen, jeden Abend heimsuchte. Nach mehreren Wochen wurde das Geheimnis jedoch entdeckt und man wußte allgemein, daß Capo d'Istria der Entführer gewesen. Dieser fand nun für gut, sich auf das feste Land nach Albanien zu flüchten, um vorerst den Dolchen der Viletta und Prosalenti zu entgehen. Als man herausgebracht, daß ich bei der Geschichte sein Helfershelfer gewesen, erhielt ich von Seiner Exzellenz dem Gouverneur General Donzelot einen Wischer. Bevor Capo d'Istria die Insel verließ, gab er seine junge Frau auf meinen Rat der Frau von Brüge zur Obhut, welche sich auf meine Verwendung dazu bequemte, die Hütung der hübschen Signora zu übernehmen. Josephine hatte nun eine angenehme Gesellschafterin und ich eine Unterhaltung mehr, denn es gelang mir bald, es da fortzusetzen, wo ich am Abend der Entführung unterbrochen worden war. Aber Josephine merkte Unrat und brachte es bei ihrer Mutter dahin, daß die junge Frau wieder aus dem Haus und zu einer nahen Anverwandten ihres Mannes gebracht wurde, wo ich indessen öfters Gelegenheit fand, sie zu besuchen.
Längst hatte ich gewünscht, von den übrigen Jonischen Inseln doch wenigstens das Vaterland des Odysseus, die Insel Thiaki, kennen zu lernen. Aber dieses schien unausführbar, da unsere Erzfeinde, die Engländer, schon längst im Besitz derselben, sowie aller anderen Inseln, Korfu und das kleine Paxo ausgenommen, waren. Der Graf Mocenigo meinte aber, daß das Projekt dennoch ausführbar sei, wenn ich die Insel inkognito und als Grieche oder Albanese verkleidet besuche. Ich teilte Herrn von Brüge mein Vorhaben mit, der meinte, es sei ein sehr gewagtes Unternehmen, indem ich leicht den Engländern in die Hände fallen könnte. Ich ließ mich dadurch jedoch nicht abhalten, erbat mir einen vierzehntägigen Urlaub vom Gouverneur, angeblich, um Paxo und Parga zu besuchen, da mir nach Thiaki natürlich keiner bewilligt werden konnte. Doch wußte der General Donzelot um mein Vorhaben, das er aber ignorierte, und meinte, die Folgen, die es haben könnte, hätte ich mir selbst zuzuschreiben. Ich fuhr nun, als ein ziemlich armer Grieche gekleidet, auf einer Barke nach Paxo, das nur wenige Miglien südlich von Korfu liegt, und brachte daselbst eine Nacht und einen halben Tag zu. Diese kleine Insel ist sehr bergig, lieferte aber das beste Öl aller Inseln und viel sogenanntes Johannisbrot. Sie zählt etwa sechstausend Einwohner, die sich erst kürzlich, von englischen Agenten verführt, gegen das französische Gouvernement empört und eine kleine englische Besatzung aufgenommen hatten. Wir eroberten aber die kaum sechs Stunden im Umfang habende Insel mit drei Kompagnien wieder, das englische Detachement, etwa achtzig Mann, gefangen nehmend. Zwölf Paxioten, welche die Rädelsführer bei der Sache gewesen, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und auf der Esplanada von Korfu erschossen, nachdem sie die Nacht vorher noch in einer der Kirchen auf diesem Platz zugebracht hatten. Die Paxioten behaupten, der Apostel Paulus habe sich längere Zeit auf ihrer Insel aufgehalten, deren er in einem seiner Briefe erwähnt. Eine kleine halbe Stunde unter Paxo liegt Antipaxo, ein Inselchen, das keine Stunde im Umfang hat und nur von einigen Schweine- und Ziegenhirten samt deren Herden bewohnt oder vielmehr besucht wird.