Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 10

Chapter 103,563 wordsPublic domain

Marsch von Neapel nach Tarent. -- Eine Zusammenkunft zu Caserta. -- Die caudinischen Engpässe. -- Avelino. -- Dentekane. -- Tarent. -- Einschiffung nach Korfu. -- Seegefecht auf der Höhe von Tunis. -- Ankunft zu Korfu. -- Beschreibung der Jonischen Inseln. -- Der heilige Spiridion und seine Feste. -- Das Theater und Liebhabertheater. -- Seltsame Zusammensetzung der Garnison. -- Pallea Castrizza. -- Ein Exorzismus. -- Erdbeben. -- Türkische Tabaksbeutel. -- Ein giftiger Schlangenbiß. -- Capo d'Istria. -- Die Entführung einer Braut. -- Ein Seeturnier. -- Paxo. -- Parga. -- Prevesa. -- Thiaki. -- Santa Maura. -- Der leukadische Felsen. -- Fano.

Kaum hatte ich noch soviel Zeit übrig gehabt, vor meinem Abmarsch meinen besten Freunden und Bekannten in Neapel ein Lebewohl im Vorübergehen zu sagen. Über fünf Vierteljahre hatte ich in dem schönen Parthenope ein äußerst angenehmes Leben _in dolce giubilo_ und _la fare l'amore_ zugebracht und sah die Stadt, in der es mir so wohl ergangen war, der ich jetzt den Rücken wenden mußte und noch manchen Blick schenkte, vielleicht für immer aus den Augen schwinden. Was mich mit am meisten schmerzte, war, daß ich mein Ballett, mit dem ich mir so viel Mühe gegeben, nicht einmal aufführen sehen sollte. Dies wollte mir anfänglich gar nicht aus dem Sinn. Bei ziemlich trübem Wetter, das mit meiner Stimmung harmonierte, marschierten wir ab. Unsere erste Etappe sollte Nola sein. Als wir auf dem halben Wege dahin Halt machten, kam ein zweirädriges Kabriolett in großer Hast gefahren und hielt, als es die Truppen erreicht hatte, still. Ein Mensch in Zivilkleidern sprang heraus, erkundigte sich nach mir und übergab mir ein Billett, das ich schnell erbrach und in welchem ich im Namen der Duchessa d'Atri dringend aufgefordert wurde, mich, sobald ich diese Zeilen gelesen, doch sogleich nach Caserta zu begeben, wo mich erstere noch einmal zu sprechen wünschte; sie habe jetzt nach meiner Abreise ihre Freiheit wieder erhalten. Dem Überbringer möge ich Antwort mitgeben. Ich ging zum Bataillonschef, um von diesem die Erlaubnis zu erhalten, mich auf sechs bis acht Stunden entfernen zu dürfen, indem ich jedenfalls mit der Nacht in Nola eintreffen wolle. Dieser wagte es jedoch nicht, die Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, und verstand sich nur dazu, meine Abwesenheit ignorieren zu wollen, so lange dieselbe unbemerkt bleiben und keinen Eklat machen würde. Ich schrieb nun mit Bleifeder auf ein Blättchen, daß ich in einigen Stunden zu Caserta an dem mir angegebenen Ort eintreffen würde. Das Detachement marschierte weiter, ich blieb mit einem Bedienten zurück, ritt in gestrecktem Trabe über Marigliano und Acerra nach Caserta und legte den sechs Stunden langen Weg in weniger denn zwei zurück. Die schweißtriefenden Pferde ließ ich einstellen und eilte in den Garten, wo ich niemand fand. Bereits wartete ich an dem von Neapel kommenden Weg beinahe eine Stunde, als ich endlich ein Mietsfuhrwerk von daher antraben sah. Ich stellte mich hinter ein Gemäuer, um den Wagen ungesehen vorüberfahren zu lassen, und erblickte in demselben zwei hübsche und sehr nett gekleidete Landmädchen, die ich aber bald für die Duchessa und ihre Freundin erkannte. Ich eilte ihnen nach und half den schmucken Contadinen aus dem Wagen, als er an der Lokanda hielt, wo ich mir schon ein Zimmer hatte geben lassen. Jetzt schloß ich die heftig weinende und mir um den Hals fallende Atri in die Arme, die mir schluchzend sagte, wie sehr ihr diese ganz unerwartete Trennung zu Herzen gehe, daß sie untröstlich und überzeugt sei, daß der Schlag vom König selbst käme, ihn aber unsere gemeinschaftlichen Feinde herbeigeführt hätten. Ich suchte nun alle möglichen Trostgründe hervor, wie daß Tarent nicht aus der Welt liege, ich später gewiß wieder nach Neapel zurückkommen würde und Ähnliches. Aber dies alles fruchtete wenig, sie behauptete, daß wir uns jetzt zum letztenmal sähen, und hatte recht. Die beiden Damen waren, um ganz unbemerkt nach Caserta zu kommen, aus einem Kasino in der Nähe von Neapel abgefahren, in welchem sie sich als Landmädchen verkleidet und wohin sie den Mietswagen hatten kommen lassen. Wir brachten noch ein paar selige Stunden hier zu und versicherten uns beim Abschied mit tränenden Augen ewige Liebe, Nimmervergessen und was dergleichen Larifari mehr sind; meine teure Geliebte gab mir beim Abschied eine in Gold gefaßte Locke nebst einem Ring, wogegen ich ihr ein Büschelchen von meinen Haaren abschneiden mußte. Nach einem reichlichen Tränenbad von seiten der Damen stiegen diese in ihren Wagen, um nach Neapel zurückzukehren, während ich im Galopp auf dem entgegengesetzten Weg davonjagte, aber, über Maddaloni und Arienza reitend, mich verirrte und statt nach Nola in die Valla Caudina, jene berühmten Engpässe geriet, in welchen vor mehr als ein paar tausend Jahren (430 nach Erbauung der Stadt Rom) das römische Heer samt seinen Konsuln von den Samnitern so gänzlich eingeschlossen wurde, daß es schimpflicherweise die Waffen strecken mußte.

Ich ritt, in diesen Engpässen irrend, hin und her und fand sie durchaus nicht so unübersteigbar, daß sich ein Heer, besonders nach Benevento zu, wo sich das Tal sehr erweitert, nicht hätte einen Ausgang bahnen können; auch sind die Berge auf beiden Seiten an vielen Orten nicht so steil, daß sie nicht zu erklettern wären, indessen ist es wohl möglich, daß auf einem so vulkanischen Boden, wie dieser Teil von Italien, sich seit langer Zeit das Terrain verändert hat, namentlich durch die häufigen Erdbeben. Während ich mich vergeblich nach einem nach Nola führenden Weg umsah, brach die Nacht herein; nach langem Umherirren kam ich endlich in ein elendes Dorf in der Nähe von Benevento, wo ich mich entschloß, einen Teil der Nacht zuzubringen, da sowohl die Pferde wie ich zum Umfallen ermüdet waren. Zwei Stunden nach Mitternacht stand ich jedoch auf und machte mich, ohne viel geruht zu haben, wieder auf den Weg, denn ich fürchtete, daß, weil ich mich nicht in Nola eingefunden, der Bataillonschef meine Abwesenheit melden möchte, was mir bei der Stimmung Murats hinsichtlich meiner höchst nachteilig werden und die schlimmsten Folgen haben konnte. Da ich wußte, daß, da das zweite Nachtquartier in Avelino bestimmt und sicher war, das Detachement bereits von Nola abmarschiert sein müsse, so beschloß ich, gerade nach Avelino zu reiten und meine lange Abwesenheit mit meiner Verirrung zu entschuldigen. In Benevento nahm ich einen berittenen Führer mit, den ich gut bezahlte, und traf noch vor unseren Quartiermachern in Avelino ein, wo ich das Bataillon mit Sehnsucht erwartete. Es kam erst den Nachmittag an; ich meldete mich sogleich bei seinem Kommandanten, dem ich die Fatalität meiner Verirrung mitteilte. -- »Es ist die höchste Zeit, daß Sie sich einfanden,« versetzte er, »denn sonst hätte ich Sie melden müssen.« -- »Also noch nicht gemeldet!« rief ich aus, und ein schwerer Stein fiel mir vom Herzen. Ich erzählte nun dem braven Mann, wie es mir ergangen, und bemerkte ihm lächelnd, daß, wenn ich gewußt, daß ich in die _forche caudine_ geraten, ich mich gar nicht entfernt haben würde, indessen sei es mir als Soldat doch lieb, diese geschichtlich so merkwürdige Position kennen gelernt zu haben. Der gute Mann wußte aber gar nicht, was ich damit sagen wollte, denn die Geschichte war ihm so fremd als das Innere der Erde; er ließ sich den Unfall der Römer von mir erzählen, hörte mir mit großem Vergnügen zu und hielt mich von jetzt an für einen grundgelehrten Mann und tüchtigen Militär, so daß er mich bei allen Kleinigkeiten auf dem ganzen Marsch um Rat fragte und ich auf dem besten Fuß mit ihm stand. Den nächsten Tag marschierten wir nach Dentecane und zwar bei einer für diese Gegend grimmigen Kälte, -- ein ganz abscheuliches Nest, das seinem Namen (Hundezahn) alle Ehre macht. Die Quartiere der Offiziere waren abschreckend, selbst für bares Geld nichts zu haben, und die Soldaten lagen wieder in den Kirchen. Den vierten Tag kamen wir nach Ariano bei fortwährend steigender Kälte und starkem Schneegestöber. Diese Stadt liegt sehr hoch, hat an zehntausend Einwohner und über zwanzig Klöster. Wir kamen halb erfroren und halb verhungert daselbst an, hatten einen Rasttag, um uns zu restaurieren, aber die Quartiere waren nicht viel besser als in Dentecane. Da ich meistens ritt, hatte ich mir beinahe die Füße erfroren und konnte nur mit aller Mühe einige Paare wollene Halbstrümpfe auftreiben, mich vor der Kälte zu schützen; solches Wetter hatte ich im südlichen Italien noch nicht erlebt, ich trug in der Regel gar keine Strümpfe in den Stiefeln. Ariano liegt auf einem dreifachen sehr hohen Hügel, der die ganze Umgegend beherrscht; man übersieht von hier aus nicht nur die großen Ebenen der Puglia, sondern man erblickt auch das Tyrrhenische und Adriatische Meer sowie eine lange Kette der Apenninen. In einem der Klöster einquartiert, machte ich die Bekanntschaft einiger nicht ganz unwissender Mönche, die aus ihrem ziemlich leichtfertigen Klosterleben kein Hehl gegen mich machten. Nach zwei Tagen brachen wir bei fortwährend sehr ungünstigem Wetter über Bovino, Ordona, Cerignola, kleinen und schmutzigen Orten, nach Barletta auf, einer nicht unbedeutenden Stadt von mehr als fünfzehntausend Einwohnern, die am Adriatischen Meer im Golf von Manfredonia liegt. Sie hat einen guten und befestigten Hafen, eine schöne Lage und ist nicht schlecht von den Ruinen des alten Cannä erbaut, das durch den Sieg Hannibals über die Römer so berühmt ward. Hier hatten wir wieder einen Rasttag. In Bovino angekommen, waren wir auf das Gebiet des alten Apulia getreten, welches jetzt die Provinzen Bari, Otranto und die Capitanata in sich begreift. Das Land ist im ganzen eben und sandig, aber dabei doch sehr fruchtbar, seine Weine sind vorzüglich und sehr beliebt, ebenso das Öl, das Schlachtvieh und die Angurien (eine Art köstlicher roter Wassermelonen). Auf dem Platz zu Barletta steht die Bildsäule des Kaisers Heraclius, den man für den mutmaßlichen Gründer dieser Stadt hält. Das Schloß derselben galt ehedem für eines der drei bedeutendsten in ganz Italien. Das alte Cannä, von dem nur noch wenig Überbleibsel vorhanden, lag mehrere Miglien seitwärts gen Westen, zwei nebeneinander liegende Hügel bezeichnen seine Stätte. Barletta ist durch ein besonderes historisches Ereignis merkwürdig geworden. Als nämlich im Jahre 1503 der tapfere spanische General Gonzalvo von Cordua hier sein Hauptquartier hatte, fand während eines kurzen Waffenstillstandes ein berühmt gewordenes seltsames Gefecht zwischen dreizehn Franzosen und dreizehn Italienern, die sich gegenseitig herausgefordert und von ihren Feldherren die Erlaubnis dazu erhalten hatten, bei dem nahegelegenen Flecken Quarato statt. Der Sieg soll nach einigen Geschichtschreibern den Italienern, nach anderen den Franzosen geblieben sein. Dieses Ereignis hat Stoff zu mehreren Gedichten gegeben, von denen eines von Vida, einem Zeitgenossen Gonzalvos, in lateinischen Versen verfaßt ist; auch in einem italienischen historischen Roman hat man diese Begebenheit eingewebt. Ich war über die vielen hier an der Küste des Adriatischen Meeres liegenden, ziemlich gut gebauten Städte, die meistens wohlhabend sind und Handel mit Landesprodukten treiben, erstaunt. Die Bewohner dieser Gegend sind ein heiteres, lebenslustiges Volk, ganz verschieden von den wilddüsteren Kalabresen. Von hier marschierten wir über Trani (das alte von Trajan restaurierte Trajanopolis), Biscaglia, das auf einem wegen seines vortrefflichen Weins berühmten Felsen liegt, Molfetta, durch seine Fabriken und seinen Schiffsbau bekannt, Giovenazzo mit einem festen Schloß, lauter bedeutenden, an dem Meeresufer liegenden Städten, nach Bari, wo wir abermals einen Tag rasteten, das die Hauptstadt der Provinz gleichen Namens ist und über zwanzigtausend Einwohner zählt. Sein guter Hafen, seine Fabriken, sein bedeutender Handel machen die eine treffliche Lage habende Stadt sehr wohlhabend. Hier wurden auch ehedem die Könige von Neapel gekrönt, und im Jahre 1098 hielt Urban II. ein Konzilium in der Kirche des heiligen Nicolas, wodurch er bezweckte, die griechische mit der lateinischen Kirche zu vereinigen, aber seinen Zweck verfehlte, wie männiglich bekannt. Es war gerade Karneval, als wir hier waren, und eine Menge Masken zogen zu Fuß und in Wagen durch die Straßen der Stadt. Von hier aus verließen wir wieder die Küste und marschierten nun durch eine fast ganz wüste Gegend und abscheuliche Nester und Wege nach Tarent. Es war Tauwetter eingetreten, der Boden beinahe grundlos, so daß man bei jedem Schritt stecken blieb und die Leute die Schuhe oft wieder mit den Händen aus der Erde graben mußten. Die erste Nacht brachten wir in einzeln stehenden Gebäuden und Höfen zu. Die Märsche wurden jetzt immer beschwerlicher, der Boden seichter, und die Entfernungen schienen endlos. Um sieben Uhr des Morgens hatten wir jenes Gehöft verlassen, und erst abends nach sechs Uhr, bei schon dunkler Nacht, kam kaum ein Dritteil der Mannschaft in Gioja, einem ärmlichen Städtchen, an. Der Rest des Bataillons hatte sich in Marode und Nachzügler aufgelöst und kam einzeln bis nach Mitternacht, viele schuhlos, angehinkt; selbst in Kalabrien entsinne ich mich keines so abscheulichen Marsches, die Pferde sanken oft bis über die Knie ein, und ich hatte fast den ganzen Weg zu Fuß gemacht. Schon war Mitternacht vorüber, und noch immer fehlte die Arrieregarde nebst dem Bagagewagen, auf dem sich auch mehrere Offiziersfrauen befanden, deren Männer jetzt in großer Angst waren, nicht wissend, was aus ihren treuen Lebensgefährtinnen geworden. Höchst besorgt rafften sie einige Leute zusammen, sie aufzusuchen. Sie fanden endlich den Wagen am Saum eines Gehölzes bis an die Achsen im Kot steckend, die Damen aber einige hundert Schritte davon entfernt, tiefer im Wald um ein lustig brennendes Feuer, welches die Fuhrknechte angezündet hatten, sehr trübselig und zähneklappernd sitzen. Von der ganzen Arrieregarde war nur noch der Offizier, ein Sergeant und ein Tambour vorhanden, die abwechselnd bei dem Wagen und dem Feuer wachten, die übrige Mannschaft hatte sich zerstreut oder verirrt und kam erst den anderen Tag vereinzelt in Gioja an. Die Damen wurden nun auf Pferde gesetzt und kamen so gegen Morgen in das Quartier. Vier oder fünf Tage mußten wir in dem erbärmlichen Gioja bleiben, das mir deshalb merkwürdig war, weil die Erstgeborenen des Hauses Atri den Titel Grafen von Giojo führten. Die Götter mögen wissen, wer einen solchen Namen (Gioja, Freude) diesem elenden Ort gegeben, der indessen doch nicht ganz ohne Freuden für mich war, da ich ein Quartier bei einer sehr hübschen jungen schwarzäugigen Bürgersfrau hatte, deren Mann eine gute Haut war, sich gerne zu Kommissionen gebrauchen und verschicken ließ, wo ich dann seine Abwesenheit gut zu benutzen verstand. Während unseres Aufenthaltes daselbst kamen sämtliche Offiziere in einer Art Kaffeehaus jeden Morgen zusammen, wo dann bei einem Eierkaffee -- Milch gab es keine -- Konseil gehalten wurde, ob wohl an das Weitermarschieren zu denken sei. Ich widerriet es soviel als möglich, meiner liebenswürdigen Wirtin zu Gefallen, endlich mußte aber doch der Sache ein Ende gemacht werden, und den fünften Tag unseres Sejours daselbst bestimmte das Konseil und der Kommandant, daß wir den kommenden Morgen nach Tarent aufbrechen würden, wo wir nach zweimal vierundzwanzig Stunden ziemlich wohlbehalten eintrafen und zu unserem nicht geringen Erstaunen ein französisches Geschwader in der Reede vor Anker liegen sahen, das schon etwa vor acht Tagen von Toulon gekommen war. Hier fand sich auch ein Befehl zu unserer Einschiffung vor, sowie daß unsere Bestimmung, und namentlich auch die meinige, die Insel Korfu und ich dem zweiten daselbst in Garnison stehenden _Régiment étranger_ zugeteilt sei. Einen Brief von meiner geliebten Atri, in einem anderen der Marchesa eingeschlossen, fand ich _poste restante_ vor, wie wir es verabredet hatten. Derselbe enthielt nebst zärtlichen Beteuerungen ewiger Liebe die ausführliche Geschichte der Intrige, die mich so plötzlich und unerwartet aus Neapel gebracht und die niemand anders gesponnen hatte, als mein Busenfreund Laviani im Verein mit Longchamps und dem Sekretär Montfort. Er war nämlich meinem Verhältnis mit der Atri auf die Spur gekommen, und da er wußte, daß auch Murat ein Auge auf die Dame hatte, so bestach er eine Kammerfrau der Herzogin, die ihm Briefe und Billetts von mir auslieferte, welche dem König in die Hände gespielt worden waren, dem auch Longchamps steckte, daß sich meine ganze Theaterliebhaberei in der ebenfalls von Seiner Majestät gerne gesehenen _prima ballerina seria_ konzentriere. Daher die plötzliche allerhöchste Ungnade, die mich aus allen meinen Himmeln in die bodenlosen Gründe Apuliens gestürzt hatte. Jetzt war mir alles klar. »O Leviathan Laviani, hätte ich dich doch noch einmal vor der Klinge!« rief ich vergeblich zu Tarent aus. Und die Aufführung der Donaunymphe, deren in Szenesetzen über hunderttausend Franken gekostet hatte, unterblieb definitiv. Die Geschichte gab indessen der neapolitanischen schönen Welt hinlänglichen Stoff zu sehr unterhaltenden Klatschereien.

Da der Wind nicht günstig war, so konnten wir auch nicht sogleich abfahren, sondern verweilten noch ungefähr acht Tage im Golf von Tarent.

Endlich war uns der Wind günstig, und den achten Tag nach unserer Ankunft verließen wir mit angeschwollenen Segeln den Golf von Tarent. Ich war mit der Kompagnie, die ich befehligte, auf dem >Boreas<, einem Linienschiff von achtzig Kanonen, mitsamt meinen drei Pferden, in deren Besitz ich noch war, denn ich hatte keine Zeit und Gelegenheit mehr gehabt, mich auch nur eines derselben zu entledigen, eingeschifft. Das Einschiffen dieser Tiere war komisch genug; nachdem man ihnen Gurte um den Bauch gebunden, wurden sie von einer Barke in die Höhe gewunden, so daß sie bald mit allen Vieren zwischen Himmel und Wasser schwebten, wobei es ihnen sonderbar zumute gewesen sein mag und sie mit allen Vieren festen Fuß zu fassen suchten, daß es recht jämmerlich-ergötzlich anzusehen war. Als die Anker gelichtet waren, fuhren wir mit frischem Maestro in aller Frühe davon, aber gegen Abend erhob sich ein gewaltiger Sturm, der die Nacht durch wütete und die ganze Flotte, aus vier Linienschiffen und mehreren Fregatten bestehend, trennte und zerstreute, so daß wir mit dem anbrechenden Tag nur noch eine unserer Fregatten in weiter Ferne sahen. Da der Sturm noch immer währte, so waren längst alle Segel eingezogen und das Schiff dem Spiel der hochgetürmten Wellen und den tobenden Winden preisgegeben. Zweimal vierundzwanzig Stunden hielt dieses Wetter an, und wir befanden uns, als es nachließ, im Angesicht der afrikanischen Küste auf der Höhe von Tunis. Gegen Mittag zeigten die Wachen auf den Masten an, daß sie am Horizont gegen Norden mehrere Schiffe wahrnähmen. Bald sahen wir diese auch vom Verdeck. Man hielt sie für feindlich und hatte in kurzer Zeit die Gewißheit, daß es drei englische Fregatten waren, die mit vollen Segeln auf uns zufuhren. Der Kapitän des >Boreas< war ein sehr tapferer und erfahrener Seemann, von großer Entschlossenheit. Er ließ das Schiff sogleich in den besten Angriffs- und Verteidigungszustand setzen, alle Kanonen wurden angezogen, sämtliche Mannschaft an ihren Posten aufgestellt, und die Landtruppen, welche, soweit sie befähigt waren, den Dienst mit der Marine zusammen zu versehen, wurden, was nicht seekrank (ein Dritteil der Kompagnie), gleich als schlagfertig aufgestellt. Ich stand an der Spitze derselben auf dem Verdeck. Die englischen Schiffe kamen jetzt heran, fuhren pfeilschnell an uns vorüber, eine volle Ladung gebend, die wir sogleich erwiderten. Mehrere Kugeln hatten das Schiff von verschiedenen Seiten durchbohrt und die herumfliegenden Splitter des Holzes viele Soldaten und Matrosen verwundet. Als die dritte englische Fregatte vorüberfuhr, hatte eine Kettenkugel einen Artillerie-Sergeanten nebst drei Mann, kaum vier Schritte von mir entfernt, niedergerissen und mit fortgeschleudert. Ich gestehe, daß mir bei diesem Gefecht, wo wir nur eine durchaus passive Rolle spielten, eben nicht sonderlich zumute war. Die Unbekanntschaft mit der Größe der Gefahr, die Löcher, die das Schiff erhielt, das wir glaubten entweder untergehen oder in die Luft springen zu sehen, das Getöse, Gepfeife, Gebrüll durch die Sprachrohre, der Lärm der Matrosen war uns alles ganz neu. Die Engländer wiederholten noch einigemal ihre Manöver, ohne daß wir ihnen einen bedeutenden Schaden hätten zufügen können, denn die abfeuernden Fregatten waren jedesmal wieder weiter, bevor wir unsere Ladung gaben, die dann in Dampf und Rauch ging, hinter denen wir die Schiffe noch vermuteten, auch wendeten sie sich wohl viermal, bevor wir uns einmal wenden konnten, und feuerten dann wieder von der anderen Seite ab. Ihre Manöver waren den unseren in allen Dingen weit überlegen. Schon hatte das Gefecht beinahe eine Stunde gedauert, ohne daß noch etwas Entscheidendes geschehen wäre, jedoch hatte es allen Anschein, daß wir unterliegen würden, als mehrere größere Schiffe mit vollen Segeln auf uns zukamen und Signale machten, in denen wir die Linienschiffe der zu uns gehörenden Flotte erkannten, welche der Sturm verschlagen hatte. Nun fanden die Engländer für gut, das Weite zu suchen, und fuhren in aller Eile davon, uns noch ein paar tüchtige Ladungen zurücklassend. Die Ankunft dieses Sukkurses war ein großes Glück für uns, denn wir würden sicher am Ende den kürzeren gezogen haben; an ein Ergeben wäre nicht zu denken gewesen, unser Kapitän hatte geschworen, das Schiff eher in die Luft zu sprengen, und er war der Mann, der imstande war, sein Wort zu halten. Schon jahrelang hatte er sich die Nägel an der linken Hand, an der er immer einen Handschuh trug, nicht abgeschnitten, da er ein Gelübde getan, dies nicht eher zu tun, als bis er ein englisches Schiff genommen oder in den Grund gebohrt haben würde. Wahrscheinlich ist er mit seinen langen Nägeln zu Grabe gegangen. Aber dies mag ein Beweis von dem Haß sein, welcher zu jener Zeit zwischen den beiden Nationen bestand. So befreit, segelten wir nun mit den bei uns angekommenen Schiffen, es waren zwei Linienschiffe und eine Fregatte, weiter, verließen die afrikanische Küste, kamen an der südlichen Spitze von Sizilien vorüber und suchten baldmöglichst unsere Bestimmung zu erreichen, was den zehnten Tag nach unserer Abfahrt von Tarent der Fall war, wo wir gegen Mittag die Festen und Türme der Stadt Korfu zu Gesicht bekamen, in deren Reede wir noch den nämlichen Abend die Anker warfen und den folgenden ausgeschifft wurden.

Was mir gleich beim Landen auffiel, war, daß ich außer dem Militär nur sehr wenige europäische und fast nur griechische, albanesische, türkische und andere orientalische Trachten zu Gesicht bekam. Besonders frappierten mich die albanesischen Soldaten, von denen ein ganzes Regiment, meistens Überläufer von der Miliz des furchtbaren Ali Pascha in Janina, in französischem Sold stand, mit ihrem Nationalkostüm, ihren kostbaren Waffen und ihren ungeheuren großen silbernen oder goldenen Schnallen in Tellerform, mit silbernen Ketten belastet, welche bei jedem Tritt klirrten und rasselten.