Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

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Chapter 11,906 wordsPublic domain

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten

Dritter Band

Sechste Auflage

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten

Hinterlassene Papiere eines französisch-preußischen Offiziers

In drei Bänden

Dritter Band

Egon Fleischel & Co. Berlin 1916

Inhalt des dritten Bandes.

Seite

I. Ankunft der jungen Kaiserin. -- Zivil- und religiöse 1-45 Vermählungsfeierlichkeiten Napoleons und Marie Luisens. -- Großes Volksfest. -- Demoiselle Mars. -- Pauline. -- Die Mitglieder der Familie Bonaparte. -- Feste dem kaiserlichen Ehepaar zu Ehren. -- Unglückliches Fest von dem österreichischen Gesandten gegeben. -- Lannes Leichenfeier. -- Die Errichtung der Siegessäule auf dem Platz Vendome. -- Exzesse der holländischen Garden zu Paris. -- Gerüchte über Marie Luisens Schwangerschaft. -- Ich werde zu Murats Garde zu Pferd versetzt. -- Abreise nach Neapel

II. Reise von Paris nach Neapel. -- Turin. -- Ankunft zu Neapel. 46-87 -- Murats Garden und Hofstaat. -- Fehlgeschlagene Expedition gegen Sizilien. -- Grausame Maßregeln zur endlichen Vertilgung der Briganten in Kalabrien. -- Entstehung der Carbonari. -- Murat. -- Die Königin Karoline. -- Der Karneval zu Neapel. -- Ein italienisches Liebhabertheater. -- Die Festini in San Carlo. -- Die Marchesa im Schilderhaus. -- Fastenzeit und Osterfeier. -- Ein Pistolenduell. -- Don Juan zum erstenmal in Neapel aufgeführt. -- Ein Schiff mit englischen Nachtgeschirren von der Douane weggenommen. -- Ein Abenteuer in den Gärten zu Caserta. -- Ein _Souper suspendu_. -- Ein silbernes Ei. -- Ein dreifacher Mord. -- Weihnachtsfeier. -- Verbrennung der englischen Waren. -- Ich falle in die allerhöchste Ungnade und werde nach Tarent beordert

III. Marsch von Neapel nach Tarent. -- Eine Zusammenkunft zu 87-138 Caserta. -- Die caudinischen Engpässe. -- Avelino. -- Dentekane. -- Tarent. -- Einschiffung nach Korfu. -- Seegefecht auf der Höhe von Tunis. -- Ankunft zu Korfu. -- Beschreibung der Jonischen Inseln. -- Der heilige Spiridion und seine Feste. -- Das Theater und Liebhabertheater. -- Seltsame Zusammensetzung der Garnison. -- Pallea Castrizza. -- Ein Exorzismus. -- Erdbeben. -- Türkische Tabaksbeutel. -- Ein giftiger Schlangenbiß. -- Capo d'Istria. -- Die Entführung einer Braut. -- Ein Seeturnier. -- Paxo. -- Parga. -- Prevesa. -- Thiaki. -- Santa Maura. -- Der leukadische Felsen. -- Fano

IV. Eine Mission nach Albanien. -- Janina. -- Ali Pascha, seine 138-188 furchtbaren Grausamkeiten. -- Ein lebendig Begrabener. -- Govino. -- Die Entführung einer jungen Griechin. -- Rocca Timono. -- Diversi. -- Ein Soldat erschießt einen Fregattenkapitän. -- Ein Rattenmahl. -- Die Prima Ballerina Giuseppina Panzieri. -- Großer Theaterskandal. -- Ludwig der Springer. -- Die Feuerprobe. -- Ein Duell. -- Ein Schiffbruch. -- Ein großer Brand. -- Die Räuber in Korfu. -- Parga geht an die Engländer über. -- Schlimme Neuigkeiten. -- Murats Abfall. -- Napoleons Abdankung. -- Rückkehr der Bourbons. -- Ankunft der englischen und französischen Flotten. -- Übergabe Korfus an die Engländer. -- Unanständiges Benehmen englischer Offiziere. -- Einschiffung der französischen Garnison

V. Überfahrt von Korfu nach Marseille. -- Das Schiffsleben. -- 189-210 Die Meerenge von Messina. -- Die Fata Morgana. -- Haifische. -- Napoleon auf der Insel Elba. -- Das Pestlazarett und die Quarantäne zu Marseille. -- Stimmung der Einwohner. -- Abmarsch nach Avignon. -- Meuterei in Aix. -- Die Familie Giraud. -- Die rasenden Weiber in Avignon attackieren uns. -- Ankunft Ludwig Philipps zu Avignon. -- Lyon. -- Einzug des Grafen Artois (Karl X.). -- Fontainebleau. -- Paris. -- Preußische Vergeltung. -- Die zurückgekehrten Emigranten. -- Ich lasse mich auf halben Sold setzen. -- Abreise über Reims nach Straßburg. -- Der Herzog von Berry. -- Abreise nach Frankfurt. -- Ankunft daselbst

VI. Feier des 18. Oktobers zu Frankfurt am Main. -- 210-223 Verfassungswehen dieser Stadt. -- Franzosenhaß daselbst. -- Diversi. -- Ein Fest auf dem Sandhof. -- Napoleons Rückkehr von der Insel Elba. -- Ich entschließe mich in preußische Dienste zu treten. -- Abreise nach Berlin

VII. Reise von Frankfurt nach Berlin. -- Leipzig. -- Die Messe. 223-242 -- Ein Paar Harfenmädchen. -- Eine Partie nach Giebichenstein. -- Wittenberg. -- Berlin. -- Prinzessin Wilhelm. -- Die Theater. -- Iffland und Devrient. -- Potsdam. -- Graf Lusi und Friedrich der Große. -- Sanssouci. -- Ein bübischer Studentenstreich. -- Urania. -- Meine Anstellung. -- Die Familie Pogwisch. -- Anekdoten vom Kronprinz. -- Ich soupiere mit sechs Damen. -- Eine Künstlerhaushaltung. -- Das Institut Bernhard. -- Die Tabagien. -- Eindruck der Schlacht bei Waterloo. -- Das Opernhaus. -- Abreise nach Kolberg

VIII. Reise von Berlin nach Kolberg. -- Eine Amazone. -- Ankunft 243-276 in Kolberg. -- Die neuen Dienstverhältnisse. -- Kolberg und seine Umgebungen. -- Einfachheit und Wohlhabenheit der Einwohner. -- Die Marienkirche. -- Gesellschaftliche Verhältnisse. -- Nettelbeck. -- Die letzte Belagerung. -- Feier des Geburtstags des Königs. -- Madame G... und ihre Cousine. -- Das Versteckenspiel im Bullenwinkel. -- Eine Reise nach Köslin. -- Eine Lustfahrt auf einen pommerschen Edelhof. -- Die Kolberger Freuden. -- Ich gehe auf Urlaub nach Berlin. -- Ein polnischer Reiseschatz. -- Die verräterischen Austernschalen. -- Fürst Blücher. -- Die Berliner Weihnachtsfreuden. -- Die Redouten und Porzellanfuhren. -- Die schöne Luise. -- Spandau. -- Eine glänzende Schlittenfahrt. -- Rückreise nach Kolberg

IX. Frau v. Schätzel. -- Madame Schröder, der Kolberger Krösus. 277-303 -- Ihre Feste und Landpartien. -- Eine Schlittenfahrt mit Folgen. -- Ein Duell. -- Eine gefährliche Fensterpassage. -- Ich belausche wider Willen eine Kaffeegesellschaft. -- Ein Kaffeebad. -- Ich führe einen Transport zu dem Okkupationsheer nach Frankreich. -- Stettin. -- Ein Konzert rettet aus Not und Tod. -- Ich werde vom Dienst suspendiert. -- Rombergs Schauspieler-Gesellschaft zu Kolberg. -- Sechsmonatlicher Festungsarrest in Weichselmünde. -- Neufahrwasser. -- Danzig und seine Vergnügungen. -- Abreise nach Marienburg

X. Marienburg. -- Elbing. -- Königsberg. -- Posen. -- Rückkehr 303-324 nach Kolberg. -- Eine furchtbare Mordgeschichte. -- Eine Vexierreise. -- Diverse Kampagnen unter Amors Fahnen. -- Der Esel von Osten. -- Noch ein Damensouper. -- Arge Skandalosa. -- Eine pommersche Hochzeit. -- Abermaliger Festungsarrest. -- Meine Entlassung

XI. Ein Polterabend. -- Ich gebe ein paar Gastrollen. -- Reise 324-354 von Köslin nach Berlin. -- Eine Reise nach Paris ohne Paris zu sehen. -- Schicksale meiner Cousinen. -- Abreise nach Magdeburg. -- Carnot. -- Er fordert mich auf, ein Geschichtswerk herauszugeben. -- Aventuren. -- Ich gerate in große Feuersgefahr. -- Abreise nach Bremen. -- Angenehme Reisegesellschaft. -- Braunschweig. -- Vetter K... und Cousine Henriette. -- Ein Hausfreund. -- Gesinchen. -- Die Giftmischerin Gottfried. -- Signora Catalani in Bremen. -- Abreise nach Frankfurt. -- Hannover. -- Hildesheim. -- Goslar. -- Eine Partie auf den Blocksberg. -- Kassel. -- Wilhelmshöhe. -- Zopfwut des Kurfürsten. -- Ankunft zu Frankfurt

XII. Frankfurter Zustände. -- Schwierigkeiten bei einer 355-405 Verheiratung. -- Ich soll mich um eine Anstellung in Frankfurt bewerben, gebe es aber schnell wieder auf. -- Senatorenstreiche. -- Ich beabsichtige eine Zeitschrift herauszugeben. -- Die Gräfin Sürvilier und ihre Töchter. -- Napoleons beabsichtigte Befreiung. -- Hausen. -- Frau von Busch. -- Homburg. -- Ich schwinge etwas derb die Geißel der Satire in meiner Zeitschrift; diverse Histörchen und Widerwärtigkeiten. -- Signora Catalani in Frankfurt. -- Napoleons Tod. -- Fürst Y...s trauriges Ende. -- Müller-Broli. -- Der Jude Dobrusky. -- Ein Besuch von sieben Schauspielern. -- Die Sängerin Canzi. -- Verbot meiner Zeitschrift. -- Eine lustig-romantische Rheinreise. -- Die Schlangenmädchen. -- Therese Peche. -- Ich bilde sie für das Theater

XIII. Die Schlangenmädchen zuerst bei der Mainzer, dann bei der 405-436 Kölner Bühne engagiert. -- Der Bruder von ungefähr. -- Aufenthalt in Aachen. -- Ich spiele den Don Juan in der Wirklichkeit statt auf der Bühne. -- Ringelhards Gesellschaft. -- Aufenthalt in Köln. -- Polizeidirektor Struensee. -- Trennung von Peches. -- Der Schauspieler Wolthers wird im Duell erschossen. -- Agnes F...ch. -- Noch ein Rousseau. -- Ich werde demagogischer Umtriebe verdächtig gemacht. -- Ich gehe nach Mainz. -- Aufenthalt daselbst. -- Ich redigiere eine Mannheimer Zeitschrift. -- Die schwarze Kommission. -- Ich werde aus Mainz verbannt und gehe nach Mannheim. -- Eine Reise nach Stuttgart. -- Die schöne Unbekannte auf der Insel. -- Eine Saison in Baden-Baden. -- Ich nehme meinen Aufenthalt in Stuttgart. -- Buchhändler Frankh. -- Das Theater. -- Eine sehr geheime Intrige. -- Die Stadtpost und ihr Redakteur. -- Ich gebe mein erstes historisches Werk heraus. -- Ich werde Spießbürger in Frankfurt am Main

I.

Ankunft der jungen Kaiserin. -- Zivil- und religiöse Vermählungsfeierlichkeiten Napoleons und Marie Luisens. -- Großes Volksfest. -- Demoiselle Mars. -- Pauline. -- Die Mitglieder der Familie Bonaparte. -- Feste dem kaiserlichen Ehepaar zu Ehren. -- Unglückliches Fest von dem österreichischen Gesandten gegeben. -- Lannes Leichenfeier. -- Die Errichtung der Siegessäule auf dem Platz Vendome. -- Exzesse der holländischen Garden zu Paris. -- Gerüchte über Marie Luisens Schwangerschaft. -- Ich werde zu Murats Garde zu Pferd versetzt. -- Abreise nach Neapel.

Die immer näher heranrückende Zeit der Vermählung Napoleons mit Marie Louise, zu der man alle möglichen Vorbereitungen machte, ließ schnell die Geschichte unseres Totenmahles sowie alle anderen Dinge ins Meer der Vergessenheit sinken; die erwartete neue Kaiserin nahm wenigstens auf einige Zeit alle Aufmerksamkeit der guten Pariser in Anspruch. Man hörte an allen öffentlichen Orten sowie in den Familien nur noch von dieser reden und erzählte sich die seltsamsten Dinge und Märchen, ihre Person, ihre Erziehung, ihre Talente, ihren Geist und so weiter betreffend, und es gibt fast keine Abgeschmacktheit, die man nicht zugunsten der jungen Erzherzogin erfunden und in Umlauf gebracht hätte. Bald sollte sie keine drei zählen, bald für sechse essen können, sich nur in Milch baden, nur Mehlspeise und Gebackenes zu sich nehmen; auch wollte man durchaus nicht gestatten, daß Kaiser Franz ihr wirklicher Vater sei, und war so freigebig, ihr wenigstens ein halbes Hundert verschiedener Väter anzudichten: der eine machte einen Baron Braun, der andere gar einen Daun dazu! Auch über ihre Gestalt, ihren Wuchs, ihre Züge, ihren Anzug, ihre Toilette, ihre Haltung setzte man die lächerlichsten Dinge in Umlauf, erfand Hunderte von Anekdoten, die sich an Unwahrscheinlichkeit und Absurditäten überboten, und stellte Vergleiche zwischen ihr und Josephinen an, die natürlich immer zum Vorteil der letzteren ausfielen. Endlich kamen die bei alldem von den Parisern herbeigewünschten Tage, an welchen die neue Kaiserin durch ihr Erscheinen die Neugierde des ungeduldigen Volkes befriedigen sollte. Napoleon war ihr in Murats Begleitung, der sich auch schon eingefunden hatte, bis Compiègne entgegengegangen. Nach dem bekannt gemachten Programm sollte die erste Zusammenkunft in dem mittelsten der drei Zelte, die zu diesem Zweck auf dem Weg nach Compiègne aufgeschlagen waren, stattfinden. Das Programm schrieb vor, daß beide Majestäten zu gleicher Zeit von zwei entgegengesetzten Seiten in das mittlere Zelt treten, Marie Louise aber vor ihrem Gatten niederknien, der sie jedoch sogleich aufheben und umarmen würde, worauf sich beide niedersetzen sollten. Aber Napoleons Ungeduld machte alle von ihm selbst vorgeschriebenen Zeremonien und Etikette überflüssig, indem er ganz inkognito in seinem grauen Überrock das Schloß von Compiègne durch eine kleine Pforte verließ, sich in eine unansehnliche Kalesche warf und in dem Augenblick zu Courcelles ankam, als die Kuriere der jungen Kaiserin die Pferde bestellten. Hier stellte er sich, da es heftig regnete, unter die Halle einer Kirche, und als die Wagen der Ersehnten ankamen und man die Pferde wechselte, lief er an den Schlag der Kutsche, in der Marie Louise saß, öffnete denselben, stieg schnell ein, fiel seiner jungen, höchst erstaunten Gattin um den Hals und fuhr mit ihr zusammen nach Compiègne zurück, wo er, wie man allgemein versicherte, die Nacht als Ehemann mit ihr zubrachte. Am anderen Tag ließ er um Mittag das Frühstück vor dem Bett der sehr müden Kaiserin servieren. Als dies zu Paris bekannt wurde, fand man es sehr genial. Viele Personen waren dem hohen Paar entgegengefahren, auch ich war bis an die Grenze des Departements der Seine geritten, wo dasselbe von dem Präfekten und den Autoritäten des Departements empfangen und bekomplimentiert wurde. Den Fürsten Y. hatte das Podagra wieder an das Bett gefesselt.

Den ersten April fand die Zivilvermählung des kaiserlichen Paars zu St. Cloud statt, der über zwanzig Könige, Königinnen und fürstliche Personen beiwohnten. Ich hatte mich ebenfalls dahin begeben, aber mit tausend anderen der feierlichen Handlung nicht beiwohnen können. Der ganze Hof, alle Minister, Gesandte, Kardinäle, Großoffiziere, Senatoren und so weiter hatten sich in größter Gala in den Galerien von St. Cloud versammelt, wo die Armsessel für beide kaiserliche Majestäten auf einer Erhöhung unter einem prachtvollen Thronhimmel angebracht waren. Das Gefolge des kaiserlichen Paares bestand aus Königen und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Großwürdenträgern der Kronen Frankreichs und Italiens, Palastdamen und so weiter. Man hat berechnet, daß die Hofdamen beider Kronen, unter denen auch eine Visconti, eine Montecuculi, eine Mocenigo, eine Pallavicini und andere waren, mehr als für zwanzig Millionen Schmuck an sich hatten. Der Fürst Erzkanzler des Reichs sprach die Vermählung nach den von dem _Code Napoléon_ vorgeschriebenen Gesetzen aus. Nachdem die Zeremonie vorüber war und sich das ganze Kortege entfernt hatte, gelang es mir, in die Galerie zu kommen, wo die Vermählung stattgefunden hatte und ich noch die getroffenen Vorrichtungen sehen konnte. Am Abend war der Park von St. Cloud auf das prächtigste erleuchtet, was besonders bei den Kaskaden, die in Brillantstrahlen herabfielen, eine unbeschreibliche Wirkung machte. Vor allem war es die große Kaskade, die sich feenhaft ausnahm; man wähnte sich in einem der Zaubergärten der orientalischen Märchen der Tausendundeine Nacht. Der illuminierte Park, in dem mancherlei Spiele stattfanden, war so mit Menschen überfüllt, daß es schien, als sei ganz Paris nach St. Cloud gewandert.