Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 8

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»Du siehst, Lieber,« fuhr Bonnier fort, »daß ich alles wohl überlegt habe, und du mußt mir dein Wort geben, heute noch mit der Cesarini über diese Angelegenheit zu sprechen, oder ich sehe dich nicht mehr als meinen Kameraden an, hoffentlich hast du noch nicht vergessen, wie manche Schildwache ich bei deinen verliebten Abenteuern schon gestanden, wie manche Runde und Patrouille ich bei solchen Gelegenheiten für dich gemacht habe, und bin ferner bereit, dir zu dienen, wo ich nur immer kann.« -- »Schon gut,« unterbrach ich den immer ungestümer werdenden Bonnier, »hier meine Hand darauf, heute abend spreche ich noch die Cesarini, und du sollst morgen früh das Resultat wissen.« »Warum morgen früh? Ich erwarte dich heute nacht wachend, und so wie du zurückkommst, und wenn es erst gegen Morgen wäre, mußt du mir Bericht von dem Erfolg abstatten.« Ich versprach alles, kleidete mich an, machte meine gewöhnlichen Touren, auf den Korso, ins Theater und so weiter, erfuhr aber zu meinem größten Leidwesen von der Cesarini, daß es ihr heute unmöglich sein würde, mich zu sprechen, da ihr Mann und ihre Schwägerin den ganzen Abend mit ihr zuzubringen sich vorgenommen hätten, wir müßten daher das Rendezvous auf den anderen Tag verschieben. Bonnier war gleich wieder nach St. Ursula gegangen, wo er durch Hecken, Gesträuche, Ruinen und Gärten patrouillierte, das finstere Gebäude, welches seine ganze Seligkeit einschloß, von allen Seiten anstöhnte, und erspähte, wo er wohl die Laufgräben am besten eröffnen könnte. Erst eine Stunde nach Mitternacht kam er zurück und traf mich zu seiner Verwunderung schon wieder schlafend im Bette an.

Er weckte mich sogleich auf und fragte mich nach dem Resultat meiner Unterredung mit der Cesarini; als ich ihm sagte, daß ich sie gar nicht habe sprechen können, stampfte er mit dem Fuß so gewaltig auf den Boden, daß alle Fenster klirrten, und nur mit der größten Mühe gelang es mir, ihn zu besänftigen, ihm die Ursache mitzuteilen und ihm verständlich zu machen, daß ich den kommenden Abend unfehlbar die Sache abmachen, und keine Verhinderung denkbar wäre, was ihn endlich etwas beruhigte; er warf sich nun angekleidet auf sein Bett, welches er mit den ersten Morgenstrahlen schon wieder verließ, um nach dem bewußten Ort zu eilen. Ich sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Am Abend hatte ich endlich die ersehnte Zusammenkunft mit der Cesarini, der ich die ganze Sache mitteilte und mir ihren Rat erbat. Sie erschrak nicht wenig über den tollkühnen Plan meines Freundes, und ihr Rat war, diesen zu bereden, denselben als unausführbar aufzugeben, da uns beiden die Geschichte höchst verderblich werden und uns in die größte Gefahr bringen könne. Dagegen wandte ich den unerschütterlichen Vorsatz Bonniers, dessen heiße, grenzenlose Liebe ein, und brachte es endlich so weit, daß sie mir versprach, in einigen Tagen das Kloster unter irgendeinem Vorwande zu besuchen, um die nötigen Erkundigungen wegen der Narelli einzuziehen und mir den Erfolg alsdann mitzuteilen, weiter würde sie sich aber auch in nichts einlassen, denn sie habe keine Lust, der heiligen Inquisition in die Hände zu fallen und ihre Seligkeit auf das Spiel zu setzen; die Sünde, eine Braut Christi zu verführen, sei die größte von allen, die der Papst selbst nicht einmal vergeben könne.

Mit diesen schlimmen Aussichten mußte ich sie verlassen; ich teilte sie Bonnier bei meiner Nachhausekunft mit, der um so untröstlicher wurde, da ihm auch die Hoffnung, das Innere des Gartens zu sehen, gänzlich fehlgeschlagen war. Die Äbtissin wollte zwar anfänglich die Erlaubnis dazu geben, als sie aber hörte, daß der Fremde ein Franzose und gar ein Offizier sei, verbot sie dem Gärtner bei Strafe des Wegjagens und des Bannes, ihr je wieder einen ähnlichen Antrag zu machen; dieser war weder durch Versprechungen noch durch Geschenke zu irgend etwas zu bewegen und die Unternehmung jetzt viel schwieriger, da man gewiß schon aufmerksam geworden war. Eine Ewigkeit schienen Bonnier die wenigen Tage, in denen die Cesarini das Kloster besuchen sollte; er strich während der Zeit wie gewöhnlich von Sonnenaufgang bis Mitternacht um dasselbe herum, jedoch in Bürgertracht verkleidet, mit abgeschorenem Schnurrbart und eine Perücke auf dem Kopf, was ich ihm geraten hatte, um sich unkenntlich zu machen. Endlich kam der Tag heran, an dem ich Antwort von der Cesarini haben sollte; ich selbst konnte kaum die Stunde erwarten. Sie war wirklich dagewesen und hatte zur Ausrede genommen, eine alte Bekannte ihrer verstorbenen Großmutter, die in diesem Kloster war, wegen einiger Familienangelegenheiten zu besuchen. Der guten alten Schwester wußte sie auch trefflich einen blauen Dunst vorzumachen, sie wurde sehr gesprächig, erzählte viel und mancherlei; endlich brachte sie die Cesarini auch auf die jungen Schwestern und auf die Narelli, an der sie besonderen Anteil zu nehmen affektierte, und sie vermochte Beatrice (so hieß die Alte), sie ins Sprechzimmer zu bringen und der Narelli vorzustellen. Dort knüpfte sie mit dem jungen Mädchen ein ziemlich vertrauliches Gespräch an, ließ sich von ihr die Zeremonien ihrer Einkleidung erzählen, welche diese mit mancher unterdrückten Träne vortrug; endlich kam sie auch auf ihr Klosterleben und auf die vor einigen Tagen stattgehabte Prozession nach der Santa Scala. Mit Willen ließ sich die Cesarini auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstände berichten, und die Nonne sagte ihr, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben bei dieser Gelegenheit Franzosen gesehen, die ihr außerordentlich gefallen hätten (dies begleitete sie mit einem tiefen Seufzer); besonders der eine schien ein sehr guter Mensch gewesen zu sein und habe sie unaufhörlich angesehen. Auch sie habe nicht umhin gekonnt, manchmal nach ihm zu blicken und sei dadurch in ihrem Gebete etwas gestört worden; indessen hoffe sie, daß ihr die Madonna diese Sünde vergeben werde, sie sei so schon unglücklich genug; sie sprach noch ferner und viel von uns, und zwar so, daß die Cesarini deutlich merkte, daß auch sie von derselben Leidenschaft wie Freund Bonnier gequält wurde, nur schien es der Cesarini, daß nicht dieser, sondern ich der Gegenstand sei, der ihr Herz erfüllte; doch konnte sie darüber keine vollkommene Gewißheit erlangen. Sie versprach, sie wieder zu besuchen, und entfernte sich, ihr ein herzliches Lebewohl wünschend; die Alte begleitete sie bis an die Treppe, die Äbtissin war nicht sichtbar. Ich erzählte meinem Freunde alles Wort für Wort wieder, bis auf den letzten Umstand, den ich ihm zu verschweigen für nötig erachtete. Er schwamm in Entzücken und glaubte sich schon im Besitz der Geliebten. Unter Plänen und Projekten brachte er abermals die Nacht zu.

Noch einmal gelang es meiner Überredungskunst, die Cesarini ins Kloster zu persuadieren, um die Denkungsart der Narelli und ihre Meinung über eine Klosterentführung so beiläufig und nur von weitem zu erforschen. Sie sprach dieselbe abermals und glaubte bemerkt zu haben, daß das Mädchen, wiewohl mit einiger Mühe, dazu zu bewegen sei, beteuerte mir aber zu gleicher Zeit, daß sie nun ein für allemal nichts mehr mit dieser Sache zu schaffen haben wollte und daß, wenn ich nur noch einen Funken von Liebe für sie fühle, ich sie mit allen ferneren Auf- und Anträgen der Art verschonen möchte; auch würde sie auf den Fall, daß die Sache zur Ausführung käme, darin verwickelt werden, wenn sie noch ferner Besuche im Kloster machte, welches natürlich einen dringenden Verdacht auf sie werfen müsse. Die Wichtigkeit dieses Grundes sah ich nur allzugut ein und hätte um keinen Preis der Welt der mir so teuern Cesarini die geringste Unannehmlichkeit verursachen mögen. Doch schlug sie folgenden Ausweg vor, der mir auch der einzige und beste schien: Eine junge Französin, die sich bei einer ihrer Freundinnen seit einiger Zeit aufhalte und der italienischen Sprache vollkommen mächtig sei, müsse man in das Geheimnis ziehen; auf ihre Verschwiegenheit dürfe man bauen, diese habe man erprobt, und in Religionssachen sei sie eben auch nicht sehr skrupulös; ich solle selbst mit ihr reden, und dann wolle sie durch Aufträge an Beatrice ihr den Eingang ins Kloster verschaffen, käme dann die Entführung zustande, so könnte sie sich zugleich mit entführen lassen, und alle Schuld fiel alsdann auf sie. -- Ich bewunderte meiner Freundin Scharfsinn, sowie ich über ihre sonderbare Gewissensängstlichkeit staunte, da sie sich ganz unschuldig glaubte, wenn sie nur nicht selbst Hand ans Werk legte, dabei aber die trefflichsten Ratschläge zur Vollbringung desselben erteilte. Noch erfuhr ich von ihr, daß auch nahen Anverwandten männlichen Geschlechts der Eingang in das durch ein Gitter getrennte Sprechzimmer gestattet sei, um ihre Schwestern, Töchter oder Cousinen zu sprechen, jedoch nur im Beisein und unter der Aufsicht älterer, eigens dazu bestimmter Nonnen. Wenn wir uns also für Anverwandte der Narelli aus Pesaro ausgäben, uns gehörig verkleideten und unkenntlich machten, so könnten wir wohl selbst einigemal mit ihr reden, natürlich müsse sie aber auf alles erst durch die Französin vorbereitet sein und einwilligen. -- Diese unerwartete Entdeckung überraschte mich sehr und machte mir viele Freude; nun erst fing ich an, an die Möglichkeit einer Entführung zu glauben, die ich bis jetzt immer bezweifelt hatte. -- Als ich Bonnier dies alles mitteilte, war er ganz außer sich, nannte mich einmal über das andere seinen besten Freund, für den er jeden Augenblick das Leben lassen wolle, packte mich beim Kopf und küßte mich, so daß ich Mühe hatte, mich seiner gewaltigen Zärtlichkeit zu entziehen. Demoiselle Lenier, so hieß die Französin, wurde nun durch die Cesarini zur Vertrauten gemacht, und sie gab sich nicht nur sehr gerne zu allem her, sondern das Abenteuer schien ihr sogar viel Vergnügen zu gewähren, und was die Sünde sowie die Verdammnis jenseits anbelangte, so wollte sie die Verantwortung und die Schuld herzlich gern auf sich nehmen, -- sie war eine Pariserin! --

Sowohl ich als Bonnier hatten nun öfters Unterredungen mit der Lenier, wo wir uns gegenseitig unsere Meinungen und Gedanken mitteilten. Endlich kam der Tag, wo sie zum erstenmal ins Kloster fuhr, um sich ihrer fingierten und wirklichen Aufträge zu entledigen. -- Es ging alles glücklich vonstatten, sie sprach nicht nur Beatrice, sondern auch die Narelli, und zwar lange und viel, und ließ sie merken, daß sie jene Offiziere kenne und öfters spräche und daß der eine von ihnen, wie es schien, in eine junge Nonne dieses Klosters sterblich verliebt sein müsse; dies brachte sie scherzend und lachend hervor, indem sie ihn einen Narren schalt, der sich ohne die mindeste Hoffnung, den geliebten Gegenstand je wieder zu sehen, so unsinnig verlieben könne. -- Die junge Nonne wurde dabei blutrot, was die Lenier bemerkte und sie sogleich, ebenfalls scherzend, damit aufzog, indem sie ihr geradezu sagte, es schiene, als sei auch sie nicht gleichgültig bei dieser Erzählung; sie sprach ihr nun Mut und Trost ein und wußte sich schon bei diesem ersten Besuch ganz in ihr Vertrauen einzuschleichen, so daß jene sie sehr dringend bat, doch ja bald wiederzukommen und sie oft zu besuchen, was die Lenier denn auch recht gerne versprach.

Beim zweiten Besuche, den die Lenier zu St. Ursula machte, rückte diese näher mit der Sprache heraus und sagte zu Angelika (dies war der Narelli Klostername), daß, wenn es ihr Vergnügen mache, die beiden Offiziere noch einmal zu sehen, so könne schon Rat dazu werden, sie müsse sich aber um Himmelswillen nichts merken lassen und äußerst verschwiegen sein. Angelika schien anfänglich über den Vorschlag zu erschrecken, konnte jedoch zu gleicher Zeit ihre Freude darüber kaum verbergen und fragte nun, wie dies wohl möglich sei. -- Die Lenier gab ihr allen erforderlichen Aufschluß und sagte, sie würden sich als ein paar nahe Anverwandte aus Pesaro bei ihr anmelden lassen und so verkleidet im Sprechzimmer erscheinen, dann müsse sie aber auch die Unbefangene so gut als möglich spielen und die neuen Vettern wie alte Bekannte mit Herzlichkeit empfangen. Angelika meinte, das sei eine schwere Aufgabe, aber die Lenier sprach ihr Mut ein und gab ihr die gehörigen Instruktionen, so daß nach manchen Unterredungen mit jener sie einwilligte, uns zu sehen und auf alles gefaßt zu sein versprach. -- Um die Sache noch leichter zu machen, waren wir überein gekommen, daß wir uns als junge, angehende Geistliche aufführen lassen wollten, welche auf einige Zeit nach Rom gekommen seien, um sich Protektoren wegen baldiger Beförderung zu verschaffen und angesehene Bekanntschaften aus der höheren Geistlichkeit zu machen. -- Endlich war der verhängnisvolle Tag herangekommen, an dem wir die heiligen Mauern betreten sollten. Schon den Tag vorher hatten wir uns als Angelikas Vettern bei der Frau Äbtissin anmelden lassen, und die elfte Stunde vormittags war zu unserem Empfang bestimmt. In aller Frühe eilten wir zur Lenier, wo wir unsere neuen Uniformen vorfanden, welche diese nach einem ungefähren Maß für uns hatte verfertigen lassen, indem sie dem Schneider sagte, sie seien zum Geschenk für ein paar junge Geistliche in Civita-Vecchia bestimmt. Wir kostümierten uns mit Hilfe der Lenier, sahen einander an und lachten; mein Kamerad hatte seinen Bart abrasiert, was bei mir noch nicht nötig war, und wir fanden uns in den geistlichen Kleidern ganz bequem; als wir angekleidet waren, erschien auch die Cesarini. Sie lachte zwar, äußerte aber zugleich, sie wolle nichts davon wissen, wir seien die größten Sünder, die es je gegeben. Endlich rollte der Wagen vor, der wohl verschlossen war; wir stiegen ein, und man wünschte uns eine glückliche Reise. Unterwegs stellten wir allerlei Betrachtungen an, unter anderen auch, was man wohl mit uns anfangen werde, wenn man uns erwischte und für das erkennen würde, was wir wirklich seien. Bonnier meinte, dann würden wir ohne weiteres der heiligen Inquisition überliefert und verbrannt werden, ich aber glaubte, wir würden als Franzosen wohl glimpflicher davonkommen, besonders da wir einem Kaiser angehörten, der Geniestreiche liebte und deren selbst täglich ausführe, genug, ich war von der muntersten Laune der Welt, denn das Abenteuer fing an, mir das größte Vergnügen zu machen. Doch hatten wir uns auf alle Fälle jeder mit ein paar scharf geladenen Terzerolen versehen. -- Unter diesen und ähnlichen Gesprächen gelangten wir an die Pforten der Wohnung der heiligen Jungfrauen. Der Wagen hielt an, wir stiegen recht ehrenfest heraus und klingelten. Die Tür drehte sich knarrend in ihren Angeln. -- Husch waren wir drin, und die Falle hinter uns fiel zu. -- Daß mir in diesem Augenblick ganz sonderbar zumute war, will ich nicht leugnen, auch mein bis über die Ohren verliebter Freund schien etwas betreten. Dies gab uns aber gerade ein gewisses frommes und schüchternes Ansehen, was uns in diesem Augenblick sehr gut zustatten kam, und die Schwester Pförtnerin führte uns durch lange, düstere Gänge, graue Hallen und enge Stiegen hinauf in das Sprechzimmer, wo sie uns warten hieß, indem sie sagte, sie gehe, uns der Frau Äbtissin zu melden. Diese war, nach ihren Äußerungen, von der Absicht unseres Besuches schon unterrichtet und wußte, daß wir der Narelli Anverwandte seien.

Wir waren jetzt allein und hatten Zeit, das Sprechzimmer zu besehen, uns vorzubereiten und unsere Betrachtungen anzustellen. Daß die Äbtissin selbst kommen würde, wie es schien, war uns eben nicht sehr angenehm; wir fürchteten, da man sie uns als eine sehr schlaue Frau geschildert hatte, durch ihre Fragen in Verlegenheit zu kommen. Jetzt hörten wir Tritte, eine Tür jenseits des Gitters wurde geöffnet, und vier verschleierte Nonnen traten ein, von denen sich jedoch die eine, die Pförtnerin, sogleich wieder entfernte; die übrigen drei traten nahe ans Gitter. Wir erkannten bald Angelika und zwei ältere Schwestern; die Äbtissin war zu unserer großen Freude nicht dabei. Ich redete erstere sogleich mit »_carissima cugina_« an, schüttete eine Tasche voll Empfehlungen von ihren Eltern und Geschwistern zu Pesaro aus, so daß niemand zu Worte kommen konnte und mein verlegener Freund sowohl wie Angelika Zeit gewannen, sich zu sammeln. Anfangs konnte das schöne, fromme Kind nichts anderes als si und no stammeln, bald aber wurde ihr die Zunge etwas geläufiger, und sie fing an, sich nach ihren Anverwandten zu Pesaro zu erkundigen, was ich so gut als möglich beantwortete; endlich hatte Bonnier auch ein Herz gefaßt und knüpfte eine Konversation an. Ich nahm die Gelegenheit wahr und unterhielt mich recht eifrig mit den beiden anderen Damen von himmlischen und irdischen Dingen und wußte sie so gut zu amüsieren, daß sie weder von den Worten noch von den Blicken etwas gewahr wurden, welche man auf der anderen Seite wechselte; mir aber war es nicht entgangen, daß das Briefchen, welches Bonnier schon seit vierzehn Tagen dreißigmal umgeschrieben, glücklich durch das enge Gitter in Angelikas niedliche Händchen passiert und von dieser schnell unter dem Busenschleier verborgen ward. Über eine gute Stunde waren wir bereits da, als ich meinem Freund durch Zeichen und Worte zu erkennen gab, daß es nun Zeit sei, sich zu entfernen. Wir empfahlen uns den frommen Schwestern bestens, welche uns ihren reichlichen Segen mit auf den Weg gaben und unseren gottesfürchtigen Vorsatz, recht fromme Geistliche zu werden, über die Maßen lobten, uns auch baten, den Besuch recht bald zu wiederholen, was wir gerne versprachen. -- Noch einen Blick auf Angelika, und wir waren zum Sprechzimmer hinaus, wo uns die Pförtnerin empfing und bis vor die äußeren Klosterpforten geleitete.

Freund Bonnier schwamm abermals in Entzücken und beteuerte wiederholt, er müsse Angelika besitzen und wenn er, ein zweiter Nero, das Kloster und ganz Rom in Brand stecken solle. -- »So arg wird es hoffentlich nicht werden,« fiel ich ein und bat ihn, mir zu sagen, wie weit er mit ihr gekommen sei. Hierauf erzählte er mir, was ich schon wußte, nämlich daß er das Billett glücklich angebracht, aber mündlich nur mehr im allgemeinen gesprochen und es nicht gewagt habe, ihr eine förmliche Liebeserklärung zu machen, aus Furcht, die anderen hätten etwas merken können, morgen aber müsse die Lenier ins Kloster, um die Wirkung zu erfahren, welche unser Besuch und der Brief gemacht habe, und demnach die weiteren Vorkehrungen so bald als möglich zu treffen. Bei unserer Zurückkunft trafen wir die Damen an, welche uns mit der gespanntesten Neugierde erwartet hatten, um das Resultat unseres Besuchs zu erfahren, das wir bis jetzt selbst noch nicht wußten. Es wurde nun einstimmig beschlossen, daß Mademoiselle Lenier den kommenden Morgen dahin fahren sollte, um sich davon zu unterrichten. Wir wechselten unsere Kleider und ritten gegen Abend auf den Korso; um allen möglichen Verdacht zu vermeiden, waren wir übereingekommen, daß weder Bonnier noch ich uns wieder in Uniform in der Nähe des Klosters dürften blicken lassen. Den Tag darauf erwarteten wir die Lenier mit eben der Ungeduld, als sie uns gestern erwartet hatte; es war beinahe Mittag, als sie zurückkam und Bericht über ihre Ambassade erstattete.

Alles stand zum Besten, man hatte nicht den geringsten Verdacht auf uns geworfen, die alten Schwestern waren von mir und die junge Nonne von Bonnier entzückt. Letztere hatte lange und viel mit der Lenier gesprochen und sich so gut wie zu allem bereit erklärt; diese versicherte uns, daß, wenn wir noch einige Besuche machten, die Sache mit Angelika gewiß in Richtigkeit sein würde, auch habe sie ihr zugeredet, doch einige Zeilen an ihren Freund zu schreiben und ihm solche bei der nächsten Zusammenkunft zu übergeben, was sie ihr nach einigem Sträuben endlich versprochen. -- Genug, es ging bis jetzt alles nach Wunsch, wir wiederholten unseren Besuch, so oft es möglich war, ohne Argwohn zu erregen, in der geistlichen Tracht, und ein vollkommenes Einverständnis sowie ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen Angelika und Bonnier war bald hergestellt, und ebenso schnell waren beide Liebende einig. Angelika willigte in alles, und jetzt war nur noch die Schwierigkeit, die Entführung aus dem Kloster zu bewerkstelligen, was freilich keine leichte Aufgabe war. Doch welche löst nicht Liebe und List? -- Daß das Entkommen aus dem Kloster über die Gartenmauern vollbracht werden müsse, darüber waren alle einig, sowie daß dies nur kurz vor oder nach Mitternacht geschehen könne. Wegen der ungeheuren Höhe dieser Mauern sei dies auf jeden Fall eine halsbrechende Arbeit, deren Gefahr die Finsternis der Nacht noch vergrößere; indessen war dies unsere Sorge und mein Plan schon gemacht. Die größere Schwierigkeit bestand darin, wie Angelika durch drei Türen, welche zum Garten führten und jeden Abend wohl verschlossen und verriegelt wurden, gelangen könne. -- Aber auch dafür erdachte die erfinderische Liebe bald Hilfe. Angelika mußte die Größe und Form aller dieser Schlüssellöcher in Wachs abdrücken, und wir ließen fünf Hauptschlüssel verfertigen, mit denen sie die Türen öffnen und so den Weg in den Garten finden sollte. Um das Übersteigen der Mauern möglich zu machen, ließ ich in Civita-Vecchia, wohin ich selbst ritt, Strickleitern verfertigen und kaufte Seile auf, denn außerdem, daß man schwerlich solche hohe Leitern gefunden hätte, wie sie hierbei erforderlich waren, würde deren An- und Herbeischaffung auch weit mehr Umstände und Verdacht verursacht haben.