Part 6
»Bewahre der Himmel,« versetzte ich; »wie, wenn es dem Herrn Kustode eingefallen wäre, sich einstweilen so auf seine Faust mit Ihrer hübschen Begleiterin zu verlustieren?«
Die Cesarini lachte und sagte: »Wo denken Sie hin; der Kustode der heiligen Märtyrer ist schon ziemlich betagt und Bianchetta auch nicht mehr in der ersten Jugendblüte.«
»Das will nichts sagen, im Gegenteil ein Grund mehr für beide, sich gegenseitig zu trösten.«
»Allen Scherz beiseite, mir fängt an bange zu werden.«
Die Wahrheit zu gestehen, fing es auch mir an, nicht ganz wohl bei der Sache zu werden, da mein mehrmals wiederholtes starkes Rufen noch immer ohne Erfolg blieb und von allen Todesarten mir das Verhungern oder Lebendigbegrabenwerden die schrecklichste schien; doch tröstete ich mich, in diesem Fall wenigstens in den Armen der Liebe eines Engels und mit demselben zu sterben.
Unsere Lage wurde aber immer bedenklicher, denn wir konnten nur mit der äußersten Vorsicht einen Schritt vor-, rück- oder seitwärts wagen, aus Furcht, in eine der Gruben oder Abgründe zu fallen. Wir schmiegten uns nun inniger aneinander und hielten uns so fest umschlungen, daß wir nur noch ein Leib und eine Seele schienen, die Furcht schwand abermals in einem seligen Vergessen, aus dem aber das Erwachen um so ängstlicher war, da immer noch kein Kustode und kein hoffnungsvoller Lichtstrahl erscheinen wollte. Jetzt verdoppelte ich mein Rufen und Schreien, wir schritten endlich aufs Geratewohl vor- oder rückwärts, jedoch mit aller Behutsamkeit mit den Händen längs den Wänden streifend, denn ich hatte weder Stock noch Degen, da ich, um Aufsehen zu vermeiden, in Zivilkleidern gekommen war. Es mochten etwa drei Viertelstunden sein, abwechselnd Augenblicke der höchsten Wonne und der höchsten Pein, und nachdem ich mich matt und heiser geschrieen und meine schöne Gefährtin schon einen Strom von Tränen aus ihren holden Augensternen, die mir aber jetzt nicht leuchteten, vergossen hatte, als wir plötzlich einen Lichtstrahl in weiter Ferne gewahrten, der aber auch ebenso schnell wieder verschwand, so daß ich nicht einmal Zeit zum Rufen gehabt. Jetzt schrie ich aus allen Kräften, und wir hatten das Vergnügen, den Strahl zum zweitenmal zu erblicken; endlich wurden wir gehört, und immer schreiend näherten wir uns dem Licht, aber erkannten bald, daß dasselbe nicht unserem Kustode und seiner Begleiterin angehörte, sondern einer anderen Gesellschaft von Fremden, die ebenfalls die Katakomben mit einem Führer besuchten.
»Mein Gott, wenn es nur keine Personen sind, die mich kennen,« rief die Principessa aus.
»Und wenn auch, immer noch besser, dem Teufel selbst hier zu begegnen, als so elend umzukommen.«
Als wir uns der Gesellschaft näherten, erkannte ich die Familie des dänischen Gesandten, der in Albano wohnte, wandte mich an den Führer, um meine, wie ich sagte, durch den Wind ausgelöschte Kerze anzuzünden, und erzählte den dänischen Fräuleins, daß mich und die fremde Dame -- die Prinzessin hatte ihren dichten Schleier herabgezogen und hielt sich möglichst im Düstern, um nicht erkannt zu werden -- ein unglücklicher Zufall von unserer Gesellschaft getrennt habe. Ich bat um die Erlaubnis, uns anschließen zu dürfen, was freundlich gewährt wurde. Nachdem wir der Gesellschaft stumm durch einige Gänge gefolgt waren, kam plötzlich unser Kustode aus einem Seitengange mit Bianchetta zum Vorschein, und wir verließen dankend die Dänen, erfreut, nicht genötigt zu sein, uns vielleicht noch lange in ihrem Gefolge hier herumtreiben zu müssen.
Als wir allein waren, sagte der Führer, daß sie uns schon seit einer Stunde mit der größten Angst und Sorgfalt, ebenfalls beständig schreiend und rufend, gesucht hätten und Bianchetta bereits der Verzweiflung nahe gewesen sei. Froh, uns so wieder gefunden zu haben, schlugen wir jetzt den kürzesten Weg nach der Oberwelt ein und waren alle entzückt, als wir das Tageslicht erblickten. Die beiden Damen verrichteten abermals ihr Gebet vor einer Madonna, deren Schutz sie sich inbrünstig empfahlen, und eilten sodann nach dem sie erwartenden Wagen.
»Und wann und wo werden wir uns wiedersehen?« fragte ich, meine Schöne an den Wagen geleitend.
»Finden Sie sich um ein Uhr nach Sonnenuntergang in der Kirche della Trinità de Monte ein.«
Sie fuhr mit dem Fiaker nach der Wohnung ihrer Freundin Bianchetta, von wo sie sich durch ihre Equipage, die sie auch dahin gebracht hatte, damit man ihr nicht auf die Spur kommen konnte, wieder abholen ließ.
Daß ich auch das zweite Rendezvous nicht verfehlte und mich schon eine halbe Stunde früher in Trinità de Monte einfand, kann man sich denken. Um es bequemer zu haben, nahm ich mein Pranzo (Mittagessen) bei einem Restaurateur auf dem Spanischen Platz gegen Abend ein, wartete nach diesem, auf einer Ottomane behaglich ruhend, im Vasi lesend, ohne zu wissen, was ich las, Zeit und Stunde ab und verfügte mich dann in die mir angegebene Kirche, wo mir meine Ungeduld die Zeit so lang werden ließ, daß ich abermals an dem Kommen meiner Dame verzweifelte. Doch sie fehlte auch diesmal nicht, kam aber allein, unterließ nicht, ihre kurze Andacht zu verrichten, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Wir bestiegen einen auf dem nahen Spanischen Platz haltenden Fiaker und fuhren nach der Kirche San Nicolo a Cesarini, die sich ganz nahe bei dem Palazzo Cesarini befand, unterwegs gaben wir uns die unverkennbarsten Zeichen unserer gegenseitigen Zuneigung, und sie teilte mir mit, daß sie mich in ihren Gemächern empfangen wolle. Wir stiegen in der Nähe der Kapelle Cesarini ab, traten, jedoch nicht zusammen, in dieselbe ein, und sie verließ mich bald darauf, sich durch eine kleine Tür entfernend, nachdem sie mir noch in dem Wagen gesagt hatte, daß ich einer Donzella folgen solle, die mir in der Kapelle das Zeichen dazu mit einem blauen Tuch geben würde. Es dauerte nicht lange, so trat ein solches Mädchen durch die kleine Tür ein, kniete ein paar Augenblicke betend nieder, erhob sich dann, das bewußte Tuch in die Höhe und vor das Gesicht haltend, und ich folgte dem leitenden Genius durch den Ausgang, den er gekommen war. Aus der Kapelle traten wir unbemerkt in den Palazzo, gingen eine ziemlich finstere Treppe hinan, durch eine Reihe von Stanzen, ebenfalls nicht erleuchtet; endlich öffnete Priscilla, der Name der Zofe, die Tür eines durch eine Alabasterlampe nur düster erhellten Zimmers, wo sie mich eine kleine Weile zu warten bat, da ihre Herrin, die noch Besuch habe, dessen sie sich bald zu entledigen wissen werde, in wenigen Minuten erscheinen würde. Hierauf ließ sie mich allein. Trotz der Sehnsucht, mit der ich diese Erscheinung erwartete, kam mir doch in meiner Einsamkeit der Gedanke, wie leicht es möglich sei, daß ich hier vom Herzog oder durch von ihm angestellte Leute überfallen werden und, da ich durchaus unbewaffnet, mich nicht einmal verteidigen könnte. Ich nahm mir vor, mich den anderen Tag mit einem Stockdegen zu versehen und bei solchen Gelegenheiten auch immer ein paar geladene Terzerolen in der Tasche zu tragen, was in Italien bei dergleichen Intrigen unumgänglich notwendig ist, um sich, wenn man überfallen wird, gehörig verteidigen zu können; denn wenn es auch längst keine zünftigen Banditen, wie sie uns in so vielen Romanen und in Zschokkes Abällino geschildert werden, mehr gab, so ist doch nicht zu leugnen, daß man in Rom für Geld, ohne viel zu suchen, leicht ein paar Kerle dingen kann, die einen Menschen mit dem größten Anstand, noch größerer Gewandtheit und dem besten Humor von der Welt durch ein paar gut treffende Messerstiche in die andere Welt spedieren. Würde man aber in Rom, Venedig, Genua und so weiter nach jenen handwerkszünftigen Roman-Banditen fragen, so würde man sich ebenso lächerlich machen, als wenn man sich in Köln, Koblenz oder Mainz nach den Raubrittern erkundigte, welche von ihren Burgen den reisenden Kaufleuten auflauern, um sie zu überfallen und zu plündern, und sich deshalb ein Geleit ausbitten wollte. Beide gehören vergangenen Zeiten an. An Straßenräuberbanden fehlte es indessen nicht, namentlich im südlichen Teil des Kirchenstaates und im Königreich Neapel, doch wußten wir auch diesen bald das Räuberhandwerk zu legen.
Bald den Banditengedanken Raum gebend, bald an die Heißersehnte denkend, ging ich unruhig in dem düsteren Gemach auf und nieder, bei dem geringsten Geräusch die Ohren spitzend. Jetzt knarrte und öffnete sich leise eine Tapetentür, und Madonna trat in einem blendend weißen faltenreichen Gewand herein. Ich wähnte Ariosts Alcine zu erblicken, so reizend nahm sich diese Erscheinung in dem _chiaroscuro_ aus. Sie schloß die Tür hinter sich und lag in meinen Armen, ich umschlang sie glühend und sank mit ihr auf die schwellenden Kissen einer seidenen Ottomane. Ich glaube, wenn Rom in diesem Augenblick durch ein Erdbeben untergegangen wäre, wir hätten in unserem Dahintaumeln nichts davon wahrgenommen, sondern stöhnten nur in abgebrochenen Silben: _carissima_, _dolcissima_, _angelina_. Rom blieb aber stehen, wenn schon die Ottomane gewaltig erschüttert wurde, bis wir endlich nach drei Viertelstunden wieder eine zusammenhängende Sprache fanden.
Bei Sinnen und etwas abgekühlter, fragte ich Gertrude, ob sie sich auch hier vollkommen sicher glaube, da ich unbewaffnet, und ob kein Überfall vom Herzog zu befürchten sei. -- »Oh, der Herzog,« fiel sie mir lächelnd ein, »der fragt nichts mehr nach mir, ich bin ihm so gleichgültig und gleichgültiger wie die schlechteste Statue seines Palastes, gräme mich aber deshalb nicht im mindesten, wie ich es anfänglich getan; wir gehen jetzt jedes seiner Wege, ohne daß sich eines um das andere kümmert. Es sei fortan nicht mehr die Sprache von ihm, _caro Fernando_.« Sie fiel mir um den Hals, und ich küßte und tröstete sie abermals. -- »Doch,« fing sie später wieder an, »wenn wir auch nichts von meinem Manne zu fürchten haben, so mußt du dennoch auf deiner Hut sein, anima mia, denn du hast Nebenbuhler, die wir weit mehr zu fürchten haben. Dies der Grund, warum ich unser intimes Verhältnis möglichst geheim zu halten suche, sonst läge mir wenig daran, daß es die ganze Stadt wüßte, ich wäre im Gegenteil noch stolz darauf. Aber da ist der Kardinal L..., wenn auch ein starker Vierziger, der Marchese T..., der Conte G... und noch ein paar Dutzend andere Kavaliere und Prälaten, die mich mit ihrer widerlichen Liebe und ihren Nachstellungen verfolgen und die ich alle bisher zum besten gehabt oder mit Spott und Verachtung zurückgewiesen habe. Aber ich kenne diese Menschen ganz: ahnen sie in dir den von mir begünstigten Geliebten, so sind mehrere unter ihnen, deren Rachsucht keine Grenzen kennt, und ich muß dann jede Minute für dein Leben fürchten. Ohne diese Furcht würde ich dich bitten, mich von jetzt an nicht mehr zu verlassen und mich allenthalben und an jeden öffentlichen Ort zu begleiten, denn ich möchte dich gerne gleich meinem Schatten um mich sehen, ohne mich im mindesten nach dem Gerede der Leute zu kehren, was ohnehin hier, wo jeder in dieser Hinsicht, Geistlicher wie Weltlicher, ganz nach Lust und Gefallen lebt, nichts sagen will. Als französischer Offizier betrachtet man dich mit doppelt mißgünstigen Augen. Deshalb, wenn du mich liebst, wenn dir dein und mein Leben wert ist, gehe nur mit der größten Vorsicht zu Werke und nimm dich in acht, in der Gesellschaft nie mehr als die gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen, die man gegen jede Dame beobachtet, auch mir zu erweisen.« Ich versprach, was Gertrude begehrte, und erhielt dagegen die Versicherung von ihr, daß sie es wohl zu veranstalten wissen werde, daß selten ein Tag verginge, an dem wir uns nicht insgeheim sehen und sprechen würden. So geschah es auch, denn außer, daß sie mich häufig in der Abendzeit in ihren Gemächern empfing, machten wir auch nächtliche Promenaden in dem ödesten Teil der Stadt, wo die alte Römerwelt gehaust, zwischen den Trümmern, Gräben und Gärten derselben. Mehr als einmal betrachteten wir erstaunt im Mondschein das Kolosseum, die Ruinen des Friedenstempels und auch den Petersplatz, die sich dann unendlich größer und imposanter ausnehmen.
Die eingetretene Karnevalszeit begünstigte unser häufiges Zusammensein außerordentlich, und bald in türkischem, bald in spanischem und anderen Kostümen fuhren wir des Nachmittags über den Korso und durch die anderen Straßen Roms in Mietwagen oder gingen auch bisweilen zu Fuß, restaurierten uns in Kaffeehäusern und kehrten nicht selten erst gegen Morgen heim, wobei Bianchetta und Priscilla, die zwei Vertrauten unseres Einverständnisses, alle Hindernisse aus dem Weg räumen halfen, was übrigens in der Karnevalszeit nicht schwer war, da sich dann die römischen Damen der unbeschränktesten Freiheit zu erfreuen haben. Die Donzelleta kleidete ihre Gebieterin oft in meinem Absteigequartier in persische oder indische Gewänder, während sie den Palazzo im Kolombinenkostüm verlassen hatte und ich einen Tartarenfürsten vorstellte.
Ich hatte unterdessen auch die Bekanntschaft eines wegen einer unbedeutenden galanten Krankheit im Lazarett zu Rom, einem wahren Palast in der Nähe des Petersplatzes, in dem die kranken Offiziere fürstlich bedient wurden und wohnten, befindlichen Dragonerleutnants namens Bonnier in einem Kaffeehause gemacht und denselben mehrmals wiedergesehen. Wir schlossen bald engere Freundschaft, und er erwies mir bei meinen Intrigen zu Rom mehr als einmal wesentliche Dienste durch Wachehalten, Patrouillieren und so weiter, wenn ich mich an gefährlichen Orten befand, was ich ihm durch einen außerordentlichen Dienst, den ich ihm leistete, wieder vergalt, wie wir bald sehen werden.
Indessen wird nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonne, sagt ein deutsches Sprichwort und sollte sich auch hier bewähren; denn trotz aller List, Vorsicht und Verschlagenheit kam ein junger Abbate, Anverwandter des Hauses Cesarini, unserm Verhältnis auf die Spur, ohne es geahnt zu haben. Hier war es nicht die Rache verschmähter Liebe oder eines zurückgewiesenen Liebhabers, die ihn antrieb, die geheimen Gänge seiner Cugina zu erforschen, ihr nachzustellen und Fallen zu legen, sondern ein gekränkter Familien- und Adelsstolz, den er wie die ganze Verwandtschaft des Cesarini besaß, die ihre Abstammung nicht weiter als bis zu Cäsar selbst zurückzuführen suchte, von dem aber auch kein männliches Glied ein Äderchen hatte. Diese Verwandtschaft konnte es dem Fürsten Francesco, dem Gatten Gertrudens, nicht vergeben, das alte, wenn auch faule Haus der Cesarini mit unedlem Bürgerblut vermischt und verunreinigt zu haben, wie sie sich auszudrücken beliebte. Das war wohl mit ein Grund, daß sich die junge Frau in dieser Familie so unglücklich fühlte, und ihr Gatte, von seinen Verwandten fortwährend angeregt, sie so bald vernachlässigt hatte. Der Abbate schöpfte zuerst Verdacht, weil seine schöne Cugina während dieses Karnevals nicht wie in den vorhergehenden Jahren jeden Nachmittag den Korso in prächtiger Equipage und brillantem Kostüm auf- und niederfuhr, um dort die Huldigungen der großen und eleganten Welt zu empfangen und alle Blicke auf sich zu ziehen, sondern sich kaum einigemal daselbst auf kurze Zeit hatte sehen lassen, was nicht allein ihm, sondern allgemein auffiel, da man sie als eine der ersten lebenden Zierden Roms ungern vermißte. Im allgemeinen schrieb man es jedoch dem Mißverständnis mit ihrem Gatten, das bekannt war, zu. Eines Abends, als wir maskiert in einem Wagen den Korso verlassen hatten, um uns in meine Wohnung zu begeben, daselbst die Kostüme zu vertauschen und spanische Trachten anzulegen, in denen wir ein Festino besuchen wollten, hatte ich bemerkt, daß uns eine Maske in dem Anzug eines peruanischen Sonnenpriesters in einiger Entfernung gefolgt war und stille stand, uns nachsehend, als wir in das Haus traten, in dem ich mein Absteigequartier hatte. Ich teilte es der Cesarini mit, die mir ein gleichgültiges: »_non sarà niente_« erwiderte. Ich hatte meinen Spanier schon angezogen, aber die Herzogin konnte mit ihrem Kostüm nicht fertig werden und beschloß nun, sich als Kolombine, was ihr so allerliebst stand, zu kleiden und einen Rosa-Domino über diesen Anzug zu werfen. Als der wiederbestellte Fiaker kam und wir in denselben steigen wollten, bemerkte ich in geringer Entfernung wieder den Sonnenpriester, sowie, daß, als wir abfuhren, sich zwei als türkische Sklaven verkleidete Masken hinten auf den Wagen schwangen. Ich rief dem Kutscher zu, die beiden Kerls herunterzupeitschen, wozu er aber den Mut nicht hatte, sondern sie nur ziemlich höflich ersuchte, herabsteigen zu wollen, wovon sie aber keine Notiz nahmen, sondern blieben ruhig hinten sitzen. Einen Straßenskandal wollte und mußte ich vermeiden und befahl dem Kutscher, nach einem kurzen Umweg wieder an meiner Wohnung vorzufahren. Die Cesarini sagte mir, sie vermute, daß dies Nachstellungen von dem jungen Sforza seien, dessen Gestalt auch der Priester gehabt. Angekommen, sprang ich aus dem Wagen und rief meinem Burschen Louis, der mutig und gewandt weder Gefahr noch Händel fürchtete, von denen ich ihn eher zurückzuhalten als dazu anzufeuern hatte. Diesem befahl ich, sich hinten aufzusetzen. Die beiden Türkensklaven waren, während ich aus dem Wagen sprang, gleichfalls hinten abgesprungen und standen wieder observierend in einiger Entfernung. Leutnant Bonnier hatte sich auch in meiner Wohnung eingefunden, um daselbst eine Zeitlang zu verweilen, wie er die Gewohnheit hatte. Ich sagte ihm mit einigen Worten, daß uns ein paar verdächtige Masken verfolgten. Als ich nun wieder abfahren wollte, trieben die Kerls die Frechheit so weit, sich abermals neben Louis hintenaufsetzen zu wollen, dieser aber stieß den ersten mit einem so kräftigen Fußtritt zurück, daß er hinterrücks niederfiel, und dem zweiten drohte er mit seinem derben Knotenstock, so daß dieser sich nicht mehr zu nahen wagte. Wir fuhren jetzt auf mein Geheiß in möglichster Schnelle auf die Piazza Kolonna, wo wir ausstiegen, in, einer Masken-Bodega weite graue Kambridgemäntel überwarfen, weiße Larven vormachten, schwarze Federhüte aufsetzten und so mehrere Festini und Theater besuchten. Nach Mitternacht brachte ich meine teure Amica in ihren Palazzo zurück, wo sie die getreue Zofe an der kleinen Pforte empfing und von wo ich mich zu Fuß in meine Wohnung begeben wollte. Ich mochte ungefähr noch einige dreißig Schritte von derselben entfernt sein, als ich von zwei verlarvten Kerls angefallen wurde, in deren Händen blanke Dolche schimmerten; etwas dergleichen vermutend, hatte ich schon den Degen gezogen, noch ehe sie mir an den Leib konnten, und ein gespanntes Terzerol in der linken Hand. Die Kerls, hierdurch stutzig gemacht, schienen sich einen Augenblick zu besinnen, versuchten indessen doch mit ihren ziemlich langen Dolchen auf mich einzudringen, ich versetzte aber einem derselben einen Hieb auf die rechte Hand, daß er das Messer schnell und mit einem Schrei zur Erde fallen ließ, der zweite wagte es nun nicht, auf mich loszugehen, sondern gab Fersengeld. Ich sah noch einen dritten, der sich bis jetzt verborgen, eine passive Rolle gespielt hatte und nun ebenfalls Reißaus nehmen wollte, dem ich aber nacheilte und einen tüchtigen Hieb auf den Kopf versetzte, so daß er mit einem lauten: »_Ajuto, ajuto!_« davon zu springen versuchte, aber meinem Louis und Bonnier, die, den Lärm hörend, beide bewaffnet gerannt kamen, in die Hände fiel. Ich wollte den Kerl auf die nächste Wache bringen, er fiel mir aber zu Füßen, bat flehentlich um Gnade, ein _Illustrissima_, _Eccellenza_, _Monsignore_ nach dem anderen stammelnd und mit einem »_fatemi grazia voglio tutto confessare_« endigend.
Unter der Bedingung, daß er mir die volle und ganze Wahrheit haarklein gestehe, versprach ich, ihn nach seinem Geständnis laufen zu lassen, bemerkte aber, daß, wenn er von mir auf der geringsten Lüge ertappt würde, ich ihn ohne weiteres nach Albano transportieren ließe, um ihn dort vor ein Kriegsgericht zu stellen und erschießen zu lassen, denn ich sei der Kommandant von Albano. Dies wirkte, der dumme Teufel glaubte in allem Ernst, daß dies in meiner Gewalt stünde, und rief aus: »_Ah in che malanno mi sono precipitato._« Wir nahmen ihn nun zwischen uns, führten ihn in meine Wohnung, um daselbst ein förmliches Verhör mit ihm vorzunehmen. Hier gestand er, daß er mit noch ein paar anderen seines Gelichters wirklich vom jungen Sforza gedungen worden, mir für einhundertundfünfzig Zechinen das Lebenslicht auszublasen, er sei aber ein _Galantuomo_, der kein Mestiero von solchem Handwerk mache und sich nur deshalb habe verleiten lassen, weil man ihm gesagt, ich sei ein französischer Vagabund, ein Glücksritter und Ketzer, den in die andere Welt zu spedieren ein Verdienst um die Jungfrau sei, er sähe aber wohl ein, daß man ihn hintergangen habe; denn er würde es nimmer gewagt haben, seine Hand an einen _Signor Uffiziale_ und gar an die geheiligte Person des Kommandanten von Albano zu legen. Der arme Teufel, der ziemlich viel Blut aus der Kopfwunde, die ich ihm beigebracht, verlor, wurde zuletzt ganz matt und schwach. Ich ließ ihm etwas Wein geben und Louis verband ihm, nachdem er die Haare an dieser Stelle abgeschnitten und die Wunde gehörig ausgewaschen hatte, dieselbe. Noch immer hatte er Angst, daß ich ihn nach Albano bringen und dort erschießen lassen werde. Ich suchte ihn zu beruhigen, stärkte ihn mit noch einigen Gläsern Albanerwein, und kündigte ihm dann an, daß es ihm freistünde, hinzugehen wo er wolle. Diese Großmut hatte er nicht erwartet, und es kostete Mühe, ihn davon zu überzeugen. Er war dadurch so gerührt, daß er sich mir abermals zu Füßen warf und sich ganz zu meiner Disposition stellte, indem er sagte, der junge Sforza sei ein _gran birbone_, der ihn betrogen, und daß er mir fortan von allem Nachricht geben wolle, was derselbe noch gegen mich im Schilde führen möge, so daß ich, gehörig präveniert, immer meine Maßregeln nehmen könne. Der Kerl hielt wirklich Wort und warnte mich, sich fortwährend in Sforzas Vertrauen erhaltend, vor allen Fallstricken, die der Cesarini und mir von dieser Seite gelegt werden sollten, so daß wir sie durch unsere Gegenminen immer nichtig zu machen wußten, was jenem unerklärbar war, und er unbegreiflich fand. Sforza war einer der gefährlichsten Feinde der Cesarini und glaubte sich als naher Verwandter des Herzogs Francesco zurückgesetzt, auch hatte ihn Gertrude immer in gehöriger Entfernung zu halten gewußt, und da er durch seine Spione endlich Wind von dem Verhältnis, indem wir miteinander stehen müßten, erhalten hatte, so warf er nun seine ganze Wut auf mich. Ich fand aber für gut, dies alles zu ignorieren und nur immer mehr auf meiner Hut zu sein, was jetzt nicht mehr schwer war, da sein Hauptagent in meinem und Gertrudens Sold stand und wir denselben reichlich beschenkten. Nur einmal ließ ich mich verleiten, bei einer Abendgesellschaft im Palast des Fürsten Oldeschalchi im Vorübergehen die Worte: »Die Zeit ist nicht mehr fern, wo alle Banditen und Meuchelmörder den Galgen zieren werden,« mit großem Nachdruck an Sforza zu richten. Monsignore schien etwas verlegen, zwang sich zu lächeln, aber seine Lippen bebten, versagten ihm diesen Dienst, und das Lächeln artete in ein konvulsivisches Verzerren des ganzen Gesichts aus.
Unbekümmert über diese Nachstellungen, fuhren wir nach wie vor fort, uns den Vergnügungen zu überlassen; die Cesarini selbst versicherte mich, daß ich dem Menschen nun unbedingt alles Zutrauen schenken könne; denn dies läge im Charakter eines braven Römers, besonders wenn man so wie wir von Zeit zu Zeit seinen guten Willen durch kleine Regali anfeuerte. Ja er trieb seine Ehrlichkeit so weit, daß sich sein zartes Gewissen Skrupel machte, solche Geschenke anzunehmen, da er uns eigentlich noch keine reellen Dienste geleistet habe.