Part 5
Den ersten Abend oder vielmehr die erste Nacht, denn erst spät in derselben begannen die Soireen, die ich bei Torlonia zubrachte, verhielt ich mich sehr still und ruhig und machte nur den Beobachter, um mit dem hier herrschenden Ton bekannt zu werden. Spiel und Musik waren auch hier die Haupthebel der Unterhaltung der Gesellschaft, wie zu jener Zeit in ganz Italien. Diese beiden so verschiedenen Dinge, das eine ein der Hölle entwischter Dämon, die andere eine entzückende Himmelstochter, müssen die Langeweile der Sterblichen unter Qualen und Lust töten. Dem Spiel habe ich manche, wenn auch nicht gerade bittere, doch unangenehme Stunde zu verdanken gehabt, denn das einmal verspielte Geld focht mich wenig mehr an, während mir die herrliche Tonkunst die seligsten und glücklichsten Momente meines Lebens schuf; ohne sie würde ich gewiß nicht den hundertsten Teil des genossenen Vergnügens gehabt haben, und noch jetzt macht sie mir manchen frohen Augenblick, namentlich waren es des unsterblichen Meisters der Töne, des großen Mozart Schöpfungen, die mich immer begeisterten.
Don Juan war in Rom noch ebenso unbekannt wie in Genua und dem übrigen Italien, auch von der Zauberflöte, der Entführung, selbst dem Titus wußte man nichts, nur vom Figaro und _Cosi fan tutte_ kannte man einzelne Stücke. Mir war es vorbehalten, den durch Mozarts Musik so liebenswürdig gewordenen Wüstling Don Juan in dem liebeglühenden Italien einzuführen.
Am ersten Abend verhielt ich mich, wie gesagt, sehr passiv in Torlonias Soiree und verlor mit allem Anstand ein Dutzend Zechinen; wenn ich nicht in Uniform gewesen wäre, würde ich schwerlich nur bemerkt worden sein, obgleich mich Torlonia mehreren Gästen als einen ihm gut empfohlenen Tedesco vorstellte. Als ich mir aber nach einigen Tagen wieder fünfundzwanzig Louisdor geben ließ und mich der Bankier abermals zu einer Soiree einlud, fragte ich ihn, ob es wohl erlaubt sei, einige _Musica tedesca_ mitzubringen und vorzutragen, was er mir mit einem: »_Vi saremo molto grato!_« beantwortete.
Ich kam diesmal mit meinem Don Juan unter dem Arm und trug, von der Dame des Hauses aufgefordert, das brillante Prestissimo »_fin ch'an del vino calda la testa_« mit italienischem Feuer vor, und zwar so rasch, daß mir der mich akkompagnierende Maestro kaum folgen konnte; es wurde mit einem allgemeinen Bravissimo und Dakapo belohnt, ebenso erging es mir mit Figaros »_non piu andrai_« und dem Ständchen aus dem zweiten Akt Don Juans, das ich später sang. »_Cosa stupenda, questa musica!_« rief selbst der Bankier aus, der auch noch Ohr für einen anderen Klang als den der Piaster und Zechinen hatte. Besser als durch diese Musik hätte ich mich in Rom nicht empfehlen können, und wenn ich als Obergeneral durch eine siegreiche Schlacht ein ganzes Reich erobert haben würde. Es gab nun bald in der ganzen Stadt keine Soiree von Bedeutung mehr, zu welcher der Leutnant, Platzkommandant von Albano, nicht durch einen Expressen eingeladen worden wäre. Es ging wie in Genua, ich studierte Duette und andere Ensemblestücke mit römischen Damen, die herrliche Stimmen hatten, ein und sang mit Donna Annen, Elviren und Zerlinen, deren Anblick allein schon in Ekstase versetzte. Auch Leporellos Aria buffa »_Signorina, il Catalogo è questo_« sang ich mit großem Erfolg, wenn auch etwas höher transponiert; die Introduktion und die beiden Finale wurden bald von den musikalischen Individuen der Gesellschaften einstudiert und vorgetragen. Don Giovanni machte Furore, und ich, sein leibhaftiger Repräsentant, wenigstens Aufsehen, verliebte mich, so wie ich mich zu verlieben imstande war, in die wunderholde Principessa Cesarini, obgleich diese keine oder doch nur unbedeutende musikalische Talente hatte, aber desto mehr für die praktische Liebe geschaffen war. Übersättigung hatte, wie dies so oft der Fall ist, das eheliche Glück der jungen Fürstin bald gestört; die Ehe ist und muß notwendig das Grab der Liebe sein, da eine so fortwährend nahe Berührung, in der sich die Gatten unter allen Verhältnissen befinden und sehen, alle Illusion schnell schwinden macht. So ging es auch hier; nach wenigen Monaten wurde der Fürst gleichgültig, und die junge Frau sah sich nach anderen Zerstreuungen um, als mich gerade mein Glücksstern nach Rom führte und ich die schöne Signora kennen lernte, deren Rang hier, wo es so viele Bettelprinzen gibt, daß man, wie in Deutschland, mit Baronen die Schweine mästen könnte, kein Hindernis war, mich ihr zu nähern, ob sie schon auch hinsichtlich des Vermögens sich in sehr glänzenden Umständen befand.
Ich hatte unter anderen auch die Bekanntschaft eines jungen venetianischen Edelmannes gemacht, der sich damals in Rom aufhielt und sich Dandolo nannte. Durch diesen erfuhr ich, daß der Fürst Cesarini eine eben nicht mehr sehr junge und gerade nicht schöne Mätresse unterhalte, die in der Nähe des Spanischen Platzes wohne, deren Gunst er sich nicht einmal allein zu erfreuen habe, die aber eine äußerst verschmitzte und auch witzige Dirne sei und namentlich mit einem gewissen Abbate intrigiere.
Jeden Abend ritt ich nun auf den Korso, wo sich alle Notabilitäten und Schönheiten Roms in ausgesuchter Toilette, in glänzenden Equipagen auf- und niederfahrend, präsentieren und auf der Piazza Popolo stillhalten, um miteinander zu konversieren. Viele dieser Damen hatte ich schon in den Soireen kennen gelernt, grüßte sie, an ihnen vorüber kurbettierend, und hörte öfters zischeln: »_Ecco l'Uffiziale francese chi canta cosi bene!_« Auch die berühmte Angelika Kaufmann sah ich hier einigemal und ließ mich bei ihr einführen; obgleich schon hoch in den Sechzigern und kränklich, war sie doch noch sehr liebenswürdig; da ich aber von ihrer Kunst, der Malerei, sehr wenig oder nichts verstand und dies wie natürlich das Steckenpferd ihrer Unterhaltung war, so wiederholte ich meine Besuche nicht oft. Die geniale Dame starb drei Vierteljahre darauf und wurde mit großem Pomp begraben. Ihr Sarg ward von den berühmtesten Professoren und Künstlern, die sich damals zu Rom aufhielten, abwechselnd getragen; unter ihnen war auch Canova. Zwei ihrer besten Gemälde wurden vor ihrer Leiche hergetragen. Das eheliche Schicksal dieser ausgezeichneten Künstlerin ist sonderbar genug, um hier erwähnt zu werden. Während ihres Aufenthaltes zu London, wo sie Mitglied der Königlichen Kunstakademie war, verliebte sich ein Engländer in sie, dem sie aber kein Gehör schenkte. Dieser brütete nun einen seltsamen und abscheulichen Racheplan aus; er suchte nämlich einen ganz gemeinen, aber körperlich sehr wohlgestalteten Menschen auf, den er gehörig instruierte, mit Geldmitteln versah und der, so ausgestattet, unter dem Aushängeschild eines Grafen die Bekanntschaft Angelikas machen sowie dann um ihre Hand anhalten mußte. Dieser listige Plan glückte vollkommen, und das arme Mädchen war bald die Gattin des rohen Gesellen; als sie sich aber über dessen Gemeinheiten und Rohheiten bitter beklagte, deckte der Urheber dieser Rache selbst den ihr gespielten Betrug auf. Eine baldige Scheidung erfolgte darauf, unter der Bedingung, daß sie ihrem getrennten Gatten eine ansehnliche Pension aussetze, welche dieser aber nicht lange genoß, da er glücklicherweise bald starb. Später heiratete sie in Rom wieder, einen Maler namens Zucchi, den sie ebenfalls überlebte. Im Jahre 1808 wurde ihre Büste im dortigen Pantheon aufgestellt.
Da ich mich jetzt so häufig in Rom, und zwar weit mehr als in Albano aufhielt, so hatte ich mir in der ersteren Stadt ein kleines Logis gemietet, das mir zum Absteigequartier diente und in welchem ich, wenn ich es für gut fand, meine Uniform mit einem schlichten bürgerlichen Kleid vertauschen konnte, was besonders bei meinen nächtlichen Streifereien in der alten Weltstadt ratsam war, wo ich oft auf gut Glück in den damals noch fast gar nicht erleuchteten Straßen herumschwärmte und die Kaffeehäuser, in denen die Damen Eis zu sich nahmen, besuchte. Gegen die Straßenbeleuchtung Roms hatten sich die hohen Geistlichen, namentlich auch die Eminenzen von jeher sehr energisch erklärt, damit man deren nächtliche Schliche und Gänge nicht beobachten oder die hübschen Nipotinnen, die sie abends an ihrer Seite in den Karossen sitzen hatten, nicht sehen sollte. Aber unbewaffnet ging ich nicht aus, da keine Woche verging, in der man nicht von ausgeteilten Dolch- oder Messerstichen hörte, und der Unsinn, daß die Mörder in jeder Kirche, an jedem Madonnenbild, ja in ganzen Quartieren, wie an dem Spanischen Platz und in dem Revier der Inquisition, eine Freistätte fanden, wo sie nicht verhaftet werden konnten, bestand noch in seiner ganzen Kraft. Die Angehörigen oder Freunde der Mörder wußten hier die Verbrecher gewöhnlich so lange zu versorgen, bis sie sie ohne alle Gefahr in Sicherheit bringen konnten.
In der Regel ritt ich erst gegen Morgen nach Albano zurück, wo ich dann wenige Stunden ruhte, den Rapport erhielt, dem Sergeant-Major Verhaltungsbefehle erteilte, die vorgefallenen Disziplinarsachen ordnete, frühstückte, und schon gegen Mittag war ich wieder in Rom. Jedoch gebrauchte ich die Vorsicht, meine Adresse zu hinterlassen, damit man mich von etwa außerordentlichen Vorfällen sogleich durch einen Expressen benachrichtigen konnte.
Von den Theatern war, als ich nach Rom kam, zuerst nur eines, das des Apollo geöffnet, bei dem die ausgezeichnete Festa als Primadonna figurierte; aber gleich nach Neujahr wurde Tordinone zuerst mit einer _Opera buffa_ eröffnet, bald darauf auch Argentina und Aliberti, das größte von allen, mit sechs Galerien, von denen eine jede sechsunddreißig geräumige Logen hat, und das della Valle. Während des Karnevals sind alle täglich bis zum Ersticken angefüllt, ebenso mehrere Marionettentheater, mit deren Darstellungen man es hier sowie in Neapel zu einer staunenswürdigen Vollkommenheit gebracht hat. Maschinerie, Gelenkigkeit der Puppen, Dekorationen, alles harmoniert und ist vollendet schön. So sah ich unter anderem ein Ballett >_La fierra di Sinigaglia_< aufführen, wo das Gewühl der Messe auf das täuschendste nachgeahmt war. Mitten unter das Volk sprang ein wütender Stier, der sich von der Fleischerbank losgerissen, die natürlichsten und possierlichsten Sprünge machend, alles über den Haufen rannte, wobei sich das Volk ebenso natürlich in die Häuser flüchtete. Hierauf erschien ein marktschreierischer Zahnarzt, der seinen Sitz auf einer hohen Tribüne nahm und den Leuten vermittelst einer Beißzange die Zähne mit schuhlangen Wurzeln zur großen Freude des Publikums auszog; auch sehr kunstreiche Tänze führten diese vier bis fünf Schuh hohen Marionetten graziös aus. Gewöhnlich sind die Sujets zu diesen Marionettenstücken der Tausend und einer Nacht, während der Weihnachtszeit aber der Bibel und dem Neuen Testament entlehnt; namentlich wird dann die Geburt Christi dargestellt, wobei immer der arme Teufel eine klägliche Rolle spielen muß. Was mich anfänglich am meisten in den Theatern Roms wunderte, war, daß man Geistliche und Mönche in großer Menge in den ersten Reihen unter den Zuschauern sitzen sieht, die sich an all dem Hokuspokus recht zu ergötzen scheinen, ohne daß dies im geringsten auffiele. In den ersten Logenreihen erblickt man Eminenzen in Gesellschaft hübscher Mühmchen und Nipotessen; auch ist es dunkel in den Theatern, da fast nur die Bühnen erleuchtet werden.
Ich lebte nun in der Tat in Albano und Rom ein wahres Schlaraffenleben, an Geld fehlte es mir für den Augenblick nicht, das Legat und die Kommandantur, so unbedeutend sie an und für sich war, versorgte mich reichlich, und der immer vertraulicher werdende Umgang mit der schönen Prinzessin Cesarini, die in ihrem ganzen Tun und Sein und durch ihren glänzenden lebhaften Verstand so unwiderstehlich hinreißend und anziehend war, daß sie mich wie alles, was sie umgab, bezauberte, machte mir meinen Aufenthalt in Rom wirklich zu einem Paradies. Schon längst hatte sie bemerkt, daß ich ihr alle mögliche Aufmerksamkeit schenke, ich bot alle erdenkliche Galanterie auf, mich ihr angenehm zu machen, und brachte es auch endlich dahin, mich ihres besonderen Wohlwollens zu erfreuen. Wahrlich keine Kleinigkeit, da ich die halbe Männerwelt Roms, und unter dieser hohe Prälaten, nicht die am wenigsten Gefährlichen, zu Nebenbuhlern bei dieser berühmten Schönheit hatte, denn Geistlichkeit und Weltlichkeit betete diesen Stern erster Größe in dem Reich der Schönheit an, und nur der Musik, meinem dramatischen Talent, vielleicht auch dem Umstand, daß ich mein Roß auf dem Korso und dem Volksplatz gut zu tummeln verstand und prächtige Lançaden und Kapriolen machen ließ, verdankte ich den Sieg über meine großen und gefährlichen Nebenbuhler und daß die Schöne ihre strahlenden Augen auf mich zu werfen würdigte. Noch ein anderer Umstand, wie sie mir nachher selbst gestand, hatte dazu beigetragen, mich in ihre Gunst zu setzen. Eines Abends kam in einer brillanten Konversation bei Colonna die Sprache auf die Deutschen, von denen man unter mehreren guten Eigenschaften, die sie haben sollten, besonders auch die deutsche Treue (_germana fede_) in der Liebe hervorhob, und die Frauen versicherten in allem Ernste, ein untreuer deutscher Ehemann sei ein ebenso seltenes Phänomen, als ein treuer italienischer, und einen Deutschen zu verführen, der verheiratet sei oder eine Geliebte habe, dazu gehöre mehr als irdische Schönheit, ja die Allmacht einer Göttin. Wie mußte ich nicht innerlich ob diesen seltsamen Behauptungen lachen, welche wenigstens die Frauen für ganz zuverlässig ausgaben, was für Einwendungen die Männer auch machen mochten. Es grenzt wirklich an das Komisch-Romantische, welche Vorstellungen die Römerinnen, und überhaupt die Italienerinnen, von der deutschen Treue in diesem Punkt haben; sie halten es eher für möglich, einen Strom rückwärts fließen, als einer Gattin den deutschen Mann abspenstig machen zu können. Ich ließ sie natürlich bei diesem Glauben, und während ich ihnen vollkommen beipflichtete und diese _fede germana_ als unerschütterlich bestätigte, versicherte ich ihnen, daß, wenn ich jemals das Glück hätte, eine Geliebte zu besitzen, ich mir sogar ein Gewissen daraus machen würde, eine andere Dame nur anzusehen. Dabei faßte ich die Cesarini, die keine zwei Schritte von mir stand, scharf ins Auge. Man verglich nun die französische Flatterhaftigkeit und den italienischen Leichtsinn mit dieser deutschen Beständigkeit, bedauerte nur, daß die _Signori tedeschi_ nicht mit derselben auch die französische Liebenswürdigkeit verbänden und weniger Phlegma hätten.
»Alles läßt sich nicht vereinigen,« sagte ich lachend.
»Und dann gibt es ja auch Ausnahmen,« versetzte die Principessa Cesarini, mich ansehend, und ich verbeugte mich tief.
Es wurden nun andere Gegenstände auf das Tapet gebracht, und ein Teil der Gesellschaft setzte sich zum Spiel nieder; da auch die Principessa Cesarini an dem Spieltisch pointierte, so placierte ich mich ganz in ihre Nähe, besetzte dieselben Karten wie sie und gewann so in kurzem einige fünfzig Zechinen. Sie hatte es gleich anfangs bemerkt und sagte lächelnd zu mir: »Sehen Sie, so geht es, wenn Sie mir folgen, ich bin ein guter Führer,« und fuhr hieran _sotta voce_ fort: »Wollen Sie die Katakomben besuchen, so finden Sie sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mura ein, wo Sie einen Führer zu dieser gefährlichen Partie finden werden, der Ihnen vielleicht nicht ganz unangenehm ist.« -- Wie mich diese Worte elektrisierten, vermag ich nicht zu sagen, mein Blut begann zu sieden, und für das Spiel hatte ich weder Augen noch Ohren mehr, ich war dadurch in den dritten Himmel versetzt worden und stand dennoch wie auf glühenden Kohlen. Obgleich Schüchternheit eben nicht mein Fehler war, so hatte ich bis jetzt doch noch nicht einen leisen Händedruck gewagt, nur meine Augen und Artigkeiten mit Worten konnten meine Wünsche verraten haben, und nun sah ich mich mit einem Male und ganz unerwartet an dem Ziel derselben. Gerne hätte ich gefragt: »_A che ora, illustrissima?_« Aber es war nicht passend, und ich fand nur noch Gelegenheit, _en passant_ ein »_Certo non mancherò!_« ihr zuzuflüstern; ich mußte hier mit der größten Behutsamkeit zu Werke gehen, denn der Lauscher und Aufpasser waren zu viele, wenn es der Herzogin Cesarini galt, die Hunderte von Anbetern hatte, besonders seitdem man wußte, daß sie nicht mehr in sehr großer Einigkeit mit ihrem Gatten lebte. Nach Mitternacht ritt ich nach Albano zurück, um mit dem frühen Morgen schon wieder in Rom sein zu können, wo ich, nachdem ich in dem großen Kaffeehaus auf dem Korso mit Schokolade und _pane tedesco_[3] gefrühstückt, nach der mir bezeichneten Kirche San Sebastian in fuori le mura fuhr.
III.
Die Katakomben. -- San Sebastian fuori le mura. -- Das Abenteuer in den Katakomben. -- Die Karnevalsfreuden. -- Noch ein Mordanfall. -- Die junge Witwe. -- Antiquar Vasi und seine Tochter. -- Canova. -- Beendigung des Karnevals. -- Die Entführung einer Nonne. -- Der Kardinal-Bischof und der Impressario. -- Ich werde zum dritten Bataillon versetzt. -- Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom.
Eine ziemliche Strecke vor den Mauern Roms, etwas rechts von der Via Appia, liegt die Kirche des heiligen Sebastian fuori le mura, bei der man zu dem größten Grab der Erde, den Katakomben Roms hinabsteigt, denn nur das Meer mag eine größere Menge von Leichen bergen; ein finsteres Labyrinth, dessen endlose Irrgänge noch kein Sterblicher genau ermessen konnte, die wenigstens sechs Miglien im Umfang haben müssen, sich nach allen Seiten hin unter Rom verlieren und mit noch anderen unterirdischen Gewölben und kleinen Katakomben in Verbindung stehen. Bald kommt man durch schmale, enge Gänge, in denen keine zwei Personen nebeneinander Raum haben, bald befindet man sich in schauerlichen, mit Schädeln und Knochen angefüllten Gewölben, in denen nicht selten unabsehbare Abgründe, Löcher und Gruben vorhanden sind, weshalb man ohne Fackeln oder Laternen und Führer nicht wagen darf, diese Souterrains zu betreten. Viele Tausende der ersten Christen fanden hier ihr Grab, und die Knochen von nicht weniger als 170000 Märtyrern sollen hier liegen, ohne die der gewöhnlichen Toten zu rechnen.
[Fußnote 3: _Pane tedesco_ nennt man in Rom das von deutschen Bäckern daselbst gebackene mürbe Brot. Die Zahl der deutschen Bäcker übertrifft die der einheimischen, und ihr Backwerk ist sehr beliebt.]
Es war kaum acht Uhr des Morgens, als ich mich schon unter der Tür der San Sebastianskirche harrend befand und mit unbeschreiblicher Sehnsucht meine Blicke dem Weg nach Rom zuwandte, von wo mir die höchste Glückseligkeit kommen sollte. Mit so großer Ungeduld und so heißem Verlangen hatte ich noch nicht auf die Erscheinung einer geliebten Dame gewartet, als diesen Morgen, der mich unnennbar glücklich machen sollte. Wäre mir in diesem Augenblick die heilige Jungfrau in ihrer ganzen Glorie selbst erschienen, so hätte dies schwerlich eine so entzückende Wirkung auf mich gemacht, als das Kommen der heißersehnten Prinzessin Cesarini, auch zitterte ich, daß es unterbleiben möchte.
Nach beinahe zwei Stunden Harrens sah ich endlich einen unansehnlichen altmodischen Fiaker ziemlich langsam von Rom aus antraben, so daß ich zweifelte, daß dieser den mir so teuren Schatz enthalten könne. Bald hielt er vor der Kirchentür still, und zwei verschleierte Frauengestalten, von denen die eine einen göttlichen Wuchs verriet, entstiegen dem alten Rumpelkasten und traten in die Kirche. Sie ist's, flüsterte mir mein Genius zu, und sie war es. Schnell eilte ich, als mir kein Zweifel übrig war, an den Weihkessel, mich tief verneigend ihr das Wasser reichend, das sie, den Schleier zurückwerfend, mir auf das freundlichste abnahm, indem sie mir ein »_Ben venuto_« mit einem vielsagenden Blick zuflüsterte. Sie kniete nun mit ihrer Begleiterin nieder, und nachdem sie ein kurzes Gebet verrichtet hatte, stand sie auf, drehte sich zu mir um -- ich hatte dicht hinter ihr Platz genommen -- und sprach: »Nun kommen Sie, wir wollen in die Katakomben hinabsteigen.« -- Ich winkte dem Kustoden, der, schon von mir unterrichtet, eine Fackel brachte und auch mir eine angezündete Kerze reichte. Wir folgten unserem Führer und stiegen durch die sich in der Nähe der San Sebastian-Kapelle befindliche Tür in das unermeßliche Totenreich hinab. Auf der Treppe angekommen, reichte ich der schönen Fürstin die Hand, deren Berührung mich durch Mark und Bein elektrisierte; ihre Begleiterin, eine gefällige Freundin und vertraute Gesellschafterin, mußte auf ihr Geheiß mit einem Laternchen vor uns und dicht hinter unserem Führer gehen. Unten in dem ersten Gang angekommen, drückte ich die in der meinigen ruhende Hand beinahe zitternd an mein schon hochpochendes Herz und dann auf den Mund einen Feuerkuß, streifte aber dabei mit der Kerze an die Mauern, so daß ihr Licht schnell erlosch.
Unser Führer eilte indessen unaufhaltsam voran, und bald wurden die Gänge so eng, daß wir nicht mehr nebeneinander gehen konnten, ohne uns fest aneinander zu schmiegen, und nun schlang ich meinen Arm um die schönste und schlankste aller Taillen Roms, die ich mit jedem Schritt vorwärts fester und inniger an mich drückte, so daß bald ein glühendes Feuer alle meine Adern durchzuckte, meine Pulse beben machte, und als ich endlich den Führer mit der ihm folgenden Schönen, denn häßlich war der Prinzessin Begleiterin nicht, in ziemlicher Entfernung von uns sah -- ich war absichtlich langsam gegangen --, da wagte ich einen langen Kuß auf den niedlichsten Rosenmund, den ich noch gesehen, und die reizende Nymphengestalt fester und fester an mich zu drücken; ich fühlte den Kuß mit brennenden Lippen erwidert und ein klopfendes Herz an meinem Busen pochen. Mehrere Sekunden blieben wir in dieser Stellung und würden Minuten und Viertelstunden so verweilt haben, wenn nicht der Kustode, immer von Märtyrern und Heiligen faselnd, endlich stillgestanden wäre und sich nach uns umgesehen hätte, um uns auf die Inschrift eines Steins aufmerksam zu machen. Als er sah, daß ich kein Licht mehr hatte, rief er mir zu: »Was ist Ihnen begegnet, Ihre Kerze brennt ja nicht mehr.«
»Hat nichts zu sagen, Signor; ein Windzug hat sie gelöscht, nur immer vorwärts.«
Nun hielt er wieder an, um uns einen Haufen Knochen zu zeigen, lauter heilige Märtyrerknochen, von denen etwas wegzunehmen bei Strafe des Kirchenbannes verboten war. Niemand von uns spürte einige Lust, sich diesem auszusetzen, und wir ließen die Knochen unberührt. Es ging weiter die Kreuz und die Quere in diesem Knochenlabyrinth, in dem ich endlich so weit mit meiner schönen Principessa zurückblieb, daß wir zuletzt Fackel- und Laternenschein, die sich in den krummen Seitengängen verloren, aus dem Gesicht bekamen und, Aphroditen huldigend, den Hauch der Liebe in vollen Zügen atmend, uns so ganz vergaßen, daß es uns nicht im entferntesten in den Sinn kam, daß wir hier Gefahr liefen, wenn wir unseren Führer verlieren möchten, das Tageslicht nicht mehr zu schauen. Nach einigen Minuten ließ jedoch der gute Mann seine Stimme mehrmals kreischend erschallen, aber wir waren in diesem Augenblick ganz außerstande, ihm zu antworten, da der Mund des einen dem des anderen ein absolutes Stillschweigen auferlegte und mit Glutküssen bedeckte. Endlich fanden wir die Sprache wieder, aber die Stimme des Kustoden war jetzt verstummt, und nach gepflogener Götterlust war es uns doch nicht so ganz einerlei, uns ohne Führer und Licht in diesen stockfinsteren unterirdischen Irrgängen zu befinden.
»Das wäre die Lust zu teuer gebüßt,« meinte Gertrude (der Taufname der Prinzessin), halb scherzend, halb ernst, »wenn wir zur Strafe hier verhungern sollten.«
»Dahin soll es nicht kommen, _mia dolcissima_,« erwiderte ich und schrie nun aus vollem Halse mit einer Donnerstimme: »Signor Kustode! Signor Kustode!«
Aber alles blieb still und stumm.
Ich wiederholte mein Rufen, keine andere Antwort, als der Widerhall meiner Stimme.
»Das beginnt bedenklich zu werden,« meinte die Cesarini.