Part 46
Eine halbe Stunde vor Mitternacht an dem bestimmten Abend wurden sämtliche Gäste in den zu diesem Feste gemieteten Leichenkutschen abgeholt und versammelten sich in dem ebenfalls schwarz behangenen und düster beleuchteten Vorzimmer des Fürsten Y. Als die Glocke Mitternacht anzeigte, ertönten zwölf dumpfe Hammerschläge auf einem ehernen Schild, und mit dem letzten Schlag öffneten sich die Flügeltüren des Speisesaals, aus dem Wolken wohlriechenden Rauches drangen, welche die Eintretenden einhüllten. Die doch etwas überraschten Gäste traten paarweise ein, wo ich sie als Zeremonienmeister in schwarzem altspanischem Kostüm empfing, dem Fürsten Y.-Sesostris vorführte, dann jedem seinen Platz anwies, doch alles nur vermittelst Zeichen und Gebärden. Die Kostüme der sämtlichen Repräsentanten der berühmten Toten waren überaus prächtig, aber alle hatten ein schauerliches, bleiches, totenähnliches Ansehen. Bei ihrem Eintreten ertönte ein feierlicher Totenmarsch, den ich schon früher noch für das Regiment Y. komponiert hatte; auch die Musik war in Rauchwolken, die aus silbernen Kohlpfannen aufstiegen, gehüllt. Man nahm, immer ein tiefes Schweigen beobachtend, Platz an der Tafel, die mit indischer Vogelnester-, Schildkrötensuppe und Kaviar und Austern eröffnet wurde, wobei man sich nur beinerner Löffel und Gabeln bediente. Die servierenden Geister kredenzten reichlich Ai und Rosé; Y.-Sesostris brach endlich das Schweigen, mehrere der Toten über manche Dinge und Umstände aus ihrem Leben befragend, wobei er bisweilen höchst seltsame und komische Aufschlüsse erhielt; so wollte unter anderen Kleopatra durchaus eine Zeitgenossin des Kolumbus und die Helena bei der Pariser Bluthochzeit gegenwärtig gewesen sein. Man wurde jetzt gesprächiger, und als das Dessert herangekommen und der brennende Kaiserpunsch erschienen war, gab mir Sesostris ein Zeichen, und die Musik stellte ihre Trauer- und Totenharmonien ein und ließ nun bacchantische Lieder und fröhliche Tänze unter Pauken und Trompeten erschallen. Es wurden muntere Lieder angestimmt, man tanzte, und die männlichen und weiblichen Toten machten sich zum Teil recht artig den Hof; Y.-Sesostris hielt sich an Diana Poitiers-Leverd und ich an die Mars-Lucretia. Bis zum Grauen des Tages währte das wunderliche Fest, wo sich nacheinander sämtliche Toten zu einer zeitlichen Ruhe begaben und ich meine keusche Lucretia heimbegleitete. Die Geschichte machte indessen so großes Aufsehen in Paris und wurde mit solchen Übertreibungen und Zusätzen erzählt, daß selbst Napoleon Notiz davon nahm. Als ich ein paar Tage darauf mit Talma und einigen Offizieren im Palais Royal frühstückte, sagte ersterer, es solle ihn wundern, wenn der Kaiser den Fürsten Y. nicht wegen dieses Totenfestes zur Rede stelle. Denselben Tag hinterbrachte ich dem letzteren diese Äußerung des großen Künstlers, der immer Zutritt bei Seiner Majestät hatte. Der Fürst lachte darüber, aber kaum waren wir vom Tisch aufgestanden, als eine Order kam, die ihn für den kommenden Morgen vor dem furchtbaren Napoleon zu erscheinen befahl. Den anderen Tag fuhr er zu der beorderten Zeit in die Tuilerien, kam nach einer guten Stunde ganz außer sich zurück und rief, ins Zimmer tretend, wo er mich, ihn erwartend, fand, aus: »Das ist eine infame Geschichte, der Teufel hat mich geritten, so etwas zuzugeben.« Als die Durchlaucht etwas ruhiger geworden war, teilte sie mir mit abgerissenen Worten und fragmentarisch mit, was zwischen ihm und dem Kaiser vorgefallen war. Dieser hatte ihm unter anderem in einem sehr aufgebrachten und strengen Ton gesagt: »Unter dem Vorwand der Gicht bleiben Sie in Paris, statt dem Armeekorps, dem Sie zugeteilt sind, nach Spanien zu folgen, machen hier Streiche, die meine ganze Hauptstadt in Alarm setzen und alle Frommen in Aufruhr bringen. -- Päpste in vollem Ornat haben Katzensprünge und Purzelbäume und Gott weiß was alles, und zwar in der Fastenzeit, bei Ihnen gemacht. Ich hoffe, daß Sie in der kürzesten Frist imstande sein werden, sich zu Ihrem Armeekorps zu verfügen.« Hierzu hatte nun Seine Durchlaucht nicht die geringste Lust, ja er hätte lieber seinen Abschied genommen, wenn dies ohne die höchste Ungnade und vielleicht gar sein Land zu verlieren, angegangen wäre. Ich suchte ihn zu beruhigen und sagte ihm, man müsse nur den ersten Zorn des Kaisers vorübergehen lassen, dann würde man schon Mittel finden, ihn zu besänftigen. -- »Sie haben gut reden und können dazu lachen, denn obgleich Sie den ganzen Teufelsspuk veranstaltet haben, so ...« -- »Doch nur auf Befehl, Eure Durchlaucht!« -- »... so gehen Sie doch leer aus.« Ich riet nun dem Fürsten, Talma zu einem Frühstück einzuladen, da dieser von der Partie gewesen, vortrefflich mit Napoleon stünde und gewiß der Mann wäre, der die Sache wieder ins Gleise bringen könne. Dies leuchtete der trostlosen Durchlaucht ein, die mich mit der Einladung des berühmten Schauspielers beauftragte. Ich fuhr zu diesem, unterrichtete ihn von dem Vorgefallenen und dem Anliegen des Fürsten, er schlug aber das Frühstück mit den Worten aus: »Ich habe keine Zeit dazu, aber das tut nichts, lassen Sie mich nur machen, ich werde die Sache arrangieren. Der Kaiser und ich, wir sind ja doch nur zwei große Komödianten, wenn auch jeder auf einer anderen Bühne, das gilt gleich, wir verstehen uns doch. -- Sagen Sie Ihrem Fürsten, er möge nur ruhig sein, ich würde dieser Tage die Ehre haben, ihm aufzuwarten.« -- Ich hinterbrachte diese Unterredung dem Fürsten, die ihn jedoch nicht sehr befriedigte. Aber Talma hielt Wort, schon den anderen Tag fuhr er bei Seiner Durchlaucht vor und rapportierte derselben, daß er den Kaiser von allem der Wahrheit gemäß in Kenntnis gesetzt habe, ihm klar gemacht, daß es Lügen und Übertreibungen seien, was man sich im Publikum hinsichtlich dieses Festes erzählte, und es so weit gebracht, daß Napoleon endlich selbst darüber gelächelt und ihn mit einem kleinen Wischer und dem Auftrag, den Fürsten Y. zu beruhigen und ihm zu sagen, er möge nur seiner Gesundheit pflegen, entlassen habe. Der große Kaiser hatte seine Gründe, mit dem großen Mimiker, der ihm in früheren schlimmen Zeiten gar manchmal ein Mittagessen bezahlte, glimpflich umzugehen. Wer war froher als Fürst Y. und ich mit, denn leicht hätte es mir im Garten wachsen können, daß auch ich, wenn die Sache näher untersucht worden wäre, _stante pede_ aus Paris fortgemußt hätte. Der Spaß hatte übrigens Seiner Durchlaucht über fünfzehntausend Franken gekostet.
Namenregister. Zweiter Band.
Abercromby, General 389 Andreossy, General 350 Altieri, Principe 343 Anton, Infant 237, 260, 267, 271 Atri, Herzogin von 331 Beauharnais 244, 245 Benincasa, Bandenchef 182 f., 192 Berthier 357, 358 Billiard, Oberst 325 Bracchi, Duca 343 Branciforte, Marchese 236 Burista, Gräfin 290 Canova 66 Caprara, Kardinal 343 Carlos, Infant 261, 271 Cesarini, Principessa 41 f., 72, 97, 101 f., 163, 202, 414 Clarke, Kriegsminister 417, 424 Contarino 395 Cravagante, Marchesa 331 Davoust 357 Detrées, General 316 Duhesme, General 300, 302 Dupont, General 210, 228, 258, 259, 269, 276, 291 Düret, Bataillonschef 38, 39 Duroc 358 Escoiquitz, Kanonikus 237 Falio, Oberst 286 Ferdinand VII. von Spanien 212, 235, 237, 238 f., 246, 258 f., 271, 274 Festa, Primadonna 45 Francatrippa, Bandit 180 f., 312 Francisko, Infant 261, 267 Frias, Herzog von 241 Gardel, Tänzerin 426, 443, 444 Godoï 212, 221, 228, 235, 236 f., 243, 245 f., 258 f., 273 Grouchy, General 236, 266 Guillelmi, Jorge de, Generalkapitän 278 Hessen-Philippsthal, Prinz von 179 Infantado, Herzog von 237 Joseph Bonaparte 28, 32, 174 f. 274, 291, 314 Joseph II. 220 Josephine 423 f. Julie, Königin, Gattin Joseph Bonapartes 174 f., 178, 201 Jünot, Marschall 209 Karl IV. von Spanien 212, 221, 228, 236 f., 245 f., 258, 260, 267 Karl, Erzherzog 355 Karoline Bonaparte 311, 315, 331 Kaufmann, Angelika 44 Klinger 2 Lacoste, Ingenieuroberst 290 f. Lamarque, General 316 Lecchi, General 302, 309 Lefebvre-Denouette, General 277, 280 f., 284, 297 Leverd, Schauspielerin 418 Livron, General 317 Lowe, Hudson 316, 319 Lucian Bonaparte 242 Marlot, Bataillonschef 211 Mars, Schauspielerin 418, 426, 433, 443, 444 Massena, 357 Massimiliano, Bildhauer 67 Matuccio, Kastrat 12 Medina, Herzog von 241 Menou, General 371, 389 Miollis, General 340, 342 f., 414, 417, 424 Moncey, Marschall 210, 227, 276 Montchoisy, General 139, 148 Montferras, General 316 Mouret, General 139 Murat 220, 227, 229, 234, 235, 236, 241 f., 258 f., 266 f., 274, 313, 314 f., 330 f., 336 f. Napoleon 39, 212, 220, 239, 241 f., 258, 261 f., 271 f., 275 f., 280, 290, 339, 343 f., 350 f., 392, 413, 423 f., 447 Neapel, Ferdinand IV. von 34 Nunez, Graf Fernandes 241 Omeara, Oberst 152, 165, 179, 201 Pacca, Kardinal 349 Palacios, Generalkapitän 302 Palafox 277, 278 f., 285, 288, 291 f. Pauline Bonaparte 424 Pignatelli, Prinz, General 316 Pius VI. 40 Pius VII. 39, 40, 340 f. Radet, General 347 f. Rapp, General 353 Regnier, General 179, 337 Salicetti 315, 335 Savary, General 244 f. Sissé, General 311 Talma 444, 447 f. Torlonia, Bankier 40, 42, 98, 311, 414 Vasi, Antiquar 65 Vedet, General 258 Verdier, General 277, 285 f., 291 f.
Anmerkungen zur Transkription
Diese Ausgabe von 1916 wurde gegenüber der Erstausgabe von 1848/49 »um Weitschweifigkeiten und Wiederholungen verkürzt«, wie der Herausgeber im Nachwort konstatiert (Band 3). Die Kürzungen im Text wurden in der 1916'er Ausgabe folgerichtig in den Rubriken sowohl im Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches als auch am Beginn der jeweiligen Kapitel reflektiert. Wo dies versehentlich zu Diskrepanzen zwischen den beiden jeweiligen Rubriken geführt hatte, wurden in dieser eBook-Ausgabe nach eingehendem Vergleich mit der Erstausgabe die jeweils überzähligen Rubriken entfernt. Darüber hinaus wurde jedoch kein weitergehender Versuch unternommen, die generelle Übereinstimmung von Kürzungen im Text und im Inhaltsverzeichnis zu überprüfen.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 5]: ... und ihrer Männer gestört worden waren. Besonders ... ... und ihrer Männer gestört worden wären. Besonders ...
[S. 19]: ... »Corpo die Bacco,« fiel er ein, »das waren meine Mädchen! ... ... »Corpo di Bacco,« fiel er ein, »das waren meine Mädchen! ...
[S. 48]: ... sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mure ein, ... ... sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mura ein, ...
[S. 74]: ... ich, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir vermittelst ... ... ist, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir vermittelst ...
[S. 163]: ... bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einer Albergha an ... ... bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einem Albergo an ...
[S. 196]: ... die Unterhändlerin zwischen der Signora Bergelli und mir ... ... die Unterhändlerin zwischen der Signora Bergella und mir ...
[S. 300]: ... wir alles mitgehen hießen, was wir als verdauungsfähig ... ... wir alles mitgehen ließen, was wir als verdauungsfähig ...
[S. 398]: ... der Contarino doch ein galantissimo nuomo sei. Wir trennten ... ... der Contarino doch ein galantissimo uomo sei. Wir trennten ...
[S. 403]: ... die Paläste Este, Bevilaqna und andere sind prächtig. Das ... ... die Paläste Este, Bevilacqua und andere sind prächtig. Das ...