Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 44

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Als ich bald nach Neujahr eines Nachmittags durch die Tuilerien ging, begegnete ich im Garten derselben einer weiblichen weißverschleierten, hübsch gewachsenen Figur, deren Gesicht, so viel ich durch den Schleier sehen konnte, mir sehr bekannt vorkam. Die Dame hatte mich aber nicht bemerkt, sondern war mit zu Boden gesenktem Blick an mir vorübergeglitten. Ich drehte mich um, musterte die zierliche schlanke Gestalt, deren Anzug jedoch gerade nicht nach dem neuesten Schnitt und ziemlich ärmlich war, sowie die ganze Haltung keine Pariserin, sondern etwas Fremdartiges verriet. Meine Neugier war rege geworden, ich folgte ihr in einiger Entfernung, überholte sie dann, um sie noch einmal ins Auge zu fassen. Am großen Bassin angekommen, drehte ich mich um und ging ihr mit langsamen Schritten gerade entgegen, blieb aber noch im Zweifel, wer sie sei, da mich der faltenschlagende Schleier die Züge wieder nicht genau erkennen ließ. So viel war mir jedoch klar, daß ich sie kennen mußte. Ich wollte schlechterdings Gewißheit haben, überflügelte sie zum zweiten Male, und ihr zum dritten Male begegnend, grüßte ich sie so, daß sie es wahrnehmen mußte. Jetzt ertönte ein: »_Oh dio mio!_« aus ihrem Munde, sie blieb vor mir stehen, und da sie bemerkte, daß ich noch ungewiß über ihre Person sei, schlug sie den Schleier zurück und sagte: »_Ma Signore, non mi conoscete?_« und jetzt erkannte ich -- die zu Rom entführte Nonne in ihr und rief aus: »Ach, Madame Bonnier.« -- »Die bin ich.« -- »Und Ihr Gatte, Signora?« -- »Steht bei der Armee in Spanien.« -- Ich begleitete nun die Dame, die über dies Zusammentreffen ebenso erfreut schien, wie ich selbst, lud sie zu einem Spaziergang in die elysäischen Felder ein und bat sie, mich von dem, was ihr seit ihrer Abreise von Rom begegnete, zu unterrichten. Um uns so ungestörter unterhalten zu können, nahm ich einen Fiaker, mit dem wir vor die Barriere von Neuilly fuhren. Sie teilte mir nun mit, daß noch große Schwierigkeiten zu überwinden gewesen, bis sie Bonniers rechtmäßige Gattin geworden, und sie noch vor der Trauung schon einigemal bereut, diesen Schritt getan zu haben, später aber weit mehr. Sie habe sich schon oft wieder in das ruhige friedliche Stilleben des Klosters zurückgesehnt, wo man von dem Treiben und den Kabalen der bösartigen Welt nichts wisse und nicht von ihr beunruhigt werde, und wogegen die kleinen klösterlichen Trakasserien Kindereien seien. In Frankreich und Paris gefalle es ihr gar nicht. Sie habe noch mit keiner einzigen Familie ein vertrauliches Verhältnis anknüpfen können und mit ihrer eigenen sei sie zerfallen, ihr Mann schon bald ein Jahr von ihr getrennt, und so stehe sie einsam und verlassen in der großen Stadt, wo sie außer ein paar italienischen Offiziersdamen, deren Männer gleichfalls bei der Armee in Spanien stünden, und die ungefähr in demselben Verhältnis wie sie sich befänden, keine Seele kenne. Bei dieser, im Ton des Schmerzes gemachten Erzählung kamen ihr öfters die Tränen in die Augen und sie flößte mir die größte Teilnahme ein. Obgleich leidend und etwas abgehärmt, war Angelika doch noch sehr schön, ja verführerisch-reizend. Ich suchte ihr allen möglichen Mut einzusprechen, und da sie sich hauptsächlich deshalb beklagte, daß ihr Mann ihr so selten Nachricht von sich gebe, stellte ich ihr vor, daß dies von Spanien aus jetzt nicht anders sein könne, da die Kommunikationen oft so schwierig, ja nicht selten ganz abgeschnitten seien. Es waren bereits über fünf Monate, daß er ihr zum letztenmal, und zwar von der portugiesischen Grenze aus, geschrieben hatte. Was sie am meisten zu quälen schien, war, ob ihr Bonnier auch wohl treu geblieben und nicht andere Liebeshändel gehabt, denn, wie sie gehört, seien die Spanierinnen den Männern sehr gefährlich. Ich lächelte über die Naivität der guten Exnonne und versicherte ihr, daß dies bei mir nicht der Fall gewesen wäre, für andere aber könne ich freilich nicht stehen. -- »Ach, die Männer, und noch obendrein die Offiziere taugen alle nicht viel.« -- »Wie, haben Sie schon solche Erfahrungen gemacht?« -- »Ach, man hört es ja jeden Tag von den Herren selbst. Mein Mann hat mir genug davon erzählt.« -- Ich bat sie jetzt, mir zu erlauben, sie heimbegleiten und bisweilen besuchen zu dürfen. Etwas verlegen suchte sie das erste abzulehnen und das zweite hinauszuschieben. -- »Aber Sie werden mir doch das Vergnügen machen, eine Suppe in einer Restauration mit mir zu nehmen?« -- Dies akzeptierte sie nach einigen Komplimenten und wir fuhren nach dem Palais Royal zu den _frères provençaux_, wo ich ein vollständiges und sehr leckeres Diner nebst den feinsten Weinen servieren ließ. Madame Bonnier wurde nun munterer, aufgeweckter und zutraulicher, und als ich sie nochmals bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, gestand sie mir offenherzig, daß sie sich schäme, mich in ihrer Wohnung zu empfangen, weil diese gar zu schlecht sei, und offenbarte, daß nur daher ihre Weigerung gerührt habe. Sie habe nur ein kleines Dachkämmerchen, zur höchsten Not möbliert, nebst einem Alkoven zum Schlafen, und zwar im ersten Stock eines Hauses, wenn man vom Himmel herabsteige. Diese Bedenklichkeit wußte ich bald zu beseitigen, und nachdem wir getafelt und den Kaffee eingenommen, fuhren wir in die damals noch sehr entlegene und wenig bewohnte Straße Lazare, wo wir an einem unansehnlichen Hause ab- und fünf Treppen hinaufstiegen. Die Dame öffnete ein schlecht verschlossenes Mansardenzimmer, das allerdings auch nicht den mindesten Anschein von Wohlhabenheit, sondern Dürftigkeit und Mangel verriet. Zwei wackelnde Stühle, ein Tisch in demselben Zustand, ein Stück von einem Spiegel, ein alter Koffer machten das ganze Ameublement aus. Errötend sagte Madame Bonnier eintretend: »Hatte ich es Ihnen nicht gesagt, daß ich eigentlich keinen honetten Menschen hier empfangen kann?« -- »Jedes Gemach, das Sie bewohnen, wird zum Prachtsaal,« antwortete ich ihr, »Ihre Gegenwart würde selbst die Hölle zum Himmel umschaffen.« Dabei erlaubte ich mir, sie auf die Stirne zu küssen. Die Nahrung und das übrige Leben der armen Frau war ganz im Einklang mit ihrer Wohnung. Doch war mehr Mangel an Einrichtung, Erfahrung und Weltkenntnis als Mangel an Subsistenzmitteln schuld, denn ihr Mann ließ ihr monatlich neunzig Franken von seinem Gehalt zurück, die ihr in Paris ausgezahlt wurden; und wenn man keine großen Sprünge damit machen konnte, so war es doch hinlänglich für eine Person, die sich einzurichten verstand, um auszukommen, ohne Not zu leiden, besonders wenn man eine so wohlfeile Wohnung hatte. Aber die Dame wurde von allen, mit denen sie zu tun hatte, bestohlen und betrogen. Kaum daß sie zur Not den Wert des Geldes kannte. Sie hatte eine sogenannte _femme de menage_, die sich jeden Morgen einfand, ihre kleine Aufwartung und Kommissionen besorgte, sie aber alles doppelt und dreifach bezahlen ließ und ihr dazu noch die schlechtesten Viktualien lieferte, nur Ausschuß, und außerdem ein Teufel von einem alten Weibe war, die sich nicht das Geringste sagen ließ, sondern die arme Frau, die sich nicht zu helfen wußte, mißhandelte und beschimpfte, wenn sie es wagte, ihr irgendeine Bemerkung zu machen. Dies alles sah ich bald ein und tat Madame Bonnier den Vorschlag, vor allem eine andere Wohnung zu suchen. Da sie mir einwandte, daß dies ihre Mittel nicht erlaubten, erwiderte ich: »Lassen Sie mich dafür sorgen.« Sodann riet ich ihr, sich des alten Drachen, der sie so schlecht bediene und betrüge, zu entledigen. Aber sie fürchtete sich vor dem Weibe und wagte es nicht, ihr zu kündigen. Dies nahm ich auch auf mich, und als die böse Sieben wieder schlechte Ware zu hohem Preis gebracht und noch obendrein Händel anfing, ging ich ihr derb zu Leibe, ihr das schändliche Benehmen gegen Madame Bonnier vorhaltend. Sie entschuldigte sich damit, daß ihr Charakter einmal so sei. Ich versetzte darauf: »Jedermann hat seinen eigenen Charakter, der meinige ist, daß ich solche Kanaillen zur Türe hinauswerfe,« und damit machte ich die Türe auf und hieß sie sich packen. -- »Ich habe noch einen Monat zu bleiben und eher gehe ich nicht.« -- »Das wird sich gleich finden, was hast du noch zu fordern?« -- Madame Bonnier sagte: »Sie erhält fünfzehn Franken monatlich von mir.« -- Ich warf sie ihr hin. -- »Ich habe auch noch siebenundzwanzig Franken für Auslagen zu fordern.« -- Auch diese gab ich ihr, hieß sie nun sich trollen und verbot ihr das Wiederkommen. Aber noch wollte sie nicht gehen und schimpfte. Nun riß mir die Geduld. Ich packte sie beim Arm, warf sie zur Türe hinaus und die Treppe hinab. Sie schimpfte noch bis auf die Straße und wollte klagen; indessen hörte ich nichts weiter von ihr. Ich beurlaubte mich von der Dame mit einem Abschiedskuß, den sie mir dankend erwiderte, und mietete in der nahen Straße Montblanc eine ziemlich geräumige möblierte Wohnung mit zwei Schlafzimmern und einem hübschen Salon in der Mitte, nebst einem _Salle à manger_. Alles für hundertsechsundzwanzig Franken monatlich. Nachdem dies geschehen, holte ich Madame Bonnier ab, welche, als sie das Logis sah, ausrief: »_Ma é troppo bello!_« Ich zeigte ihr alle Piecen und fragte sie: ob sie mir wohl erlauben wolle, das eine Schlafzimmer zu beziehen. -- Errötend antwortete sie mir: »_Ma ella é il Padrone._« -- »Und dann trennt uns ja der Salon,« versetzte ich lächelnd. Ich ließ nun gleich ihre wenigen Sachen hierherbringen, sorgte auch für ein Pianino und eine Gitarre, und in den nächsten vierundzwanzig Stunden waren wir beide in der neuen Wohnung installiert, in der wir auch bald wie Mann und Frau lebten. Ich ließ eine Conturière, eine Modistin und eine Lingère kommen und bat sie, ohne Umstände das zu bestellen, was sie am nötigsten bedürfe, indem wir später schon abrechnen würden. Nur mit der größten Bescheidenheit machte sie von diesem Anerbieten Gebrauch, so daß ich genötigt war, selbst dafür zu sorgen, daß sie an Kleidern, Putz und Wäsche wenigstens das Unentbehrlichste erhielt, wobei sie jeden Augenblick ausrief: »_Ma é troppo, Signore!_« Wir führten jetzt eine artige Haushaltung zusammen, das Essen ließ ich von einem Restaurateur bringen oder wir aßen auch bei einem solchen, und verlebten die Flitterwochen recht vergnügt, da ich mit meiner Interims-Gattin die Promenaden, die Theater, Konzerte und sonstigen Vergnügungsorte besuchte, der nun auch das Pariser Leben besser zu gefallen begann. Eines Tages erhielt ich eine Einladung zur Tafel vom Kriegsminister, die ich mit großem Vergnügen annahm, hoffend, daß mir dieses Gelegenheit geben würde, mein Privatanliegen, die Versetzung zur Garde, zur Sprache bringen zu können. Dies war aber nicht der Fall; es waren viele Generäle und Stabsoffiziere bei Tische, ich konnte kaum ein paar Worte mit Clarke wechseln, welche Miollis betrafen, und mußte unaufhörlich Fragen beantworten, die man hinsichtlich der Verhaftung und Entführung des Papstes an mich tat. -- Ich hatte Madame Bonnier vorgeschlagen, den Versuch zu machen, sie einigermaßen mit ihrer Familie wieder auszusöhnen. Sie aber meinte, das würde sehr schwer sein. Ich schrieb nun in dieser Angelegenheit an Miollis, meldete ihm zugleich den Erfolg meiner bisherigen Bemühungen und meine Hoffnung für die Zukunft und bat ihn, sich doch nachdrücklich bei der Familie der Madame Bonnier zu Pesaro für diese unglückliche Dame verwenden zu wollen. Dies hatte einen so günstigen Erfolg, daß sie auch bald nachher einen Wechsel von tausendfünfhundert Franken und das Versprechen von ihren Verwandten erhielt, daß man ihr von Zeit zu Zeit kleine Unterstützungen zukommen lassen wolle. Angelika war nun außerordentlich vergnügt, und schien ihren Mann, der vielleicht in den Armen einer hübschen Andalusierin oder Kastilianerin schwelgte, in den meinigen ganz zu vergessen. Sie nannte mich: »_Il suo caro marito_«, und ich sie: »_Ma petite femme_«, und die ehemalige Braut Christi wurde ein ganzes Weltkind. Was ihr hauptsächlich viel Vergnügen gewährte, war der Besuch der großen Oper und der Ballette, die mit einem unerhörten Prachtaufwand gegeben wurden und zum Teil wahrhaft bezaubernd waren, wie zum Beispiel >_La fête de Mars_<, >Amor und Psyche<, >Das Urteil des Paris<, >Venus und Adonis< und so weiter, und Künstler, wie Gardels, die Saulnier, Clotilde, Marelie, Bigottini, Vestris, Beaupré und so weiter, tanzten alle wie Götter, die sie repräsentierten. Da die Karnevalszeit nahte, so wurde das Leben immer lustiger und namentlich machten auch die Maskenbälle der großen Oper meiner jungen Frau großes Vergnügen. Die italienischen Opern, die im Theater _de l'Impératrice_ (Odeon) gegeben wurden, versäumten wir nie, da sie Angelika großes Vergnügen zu bereiten schienen. Seltener besuchten wir das französische Theater, bisweilen die Komödie und die Vaudevilles. Die Akademie _impériale de musique_ in der Straße Richelieu hatte zu jener Zeit einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht. Die ausgezeichnetsten musikalischen Talente nicht nur Frankreichs, sondern von ganz Europa waren hier konzentriert und vereinten alles, was Gesicht, Gehör und Gefühl zu entzücken vermag. Pracht und Pomp waren mit Geschmack und Kunst verbunden. Dekorationen, Kostüme, Maschinerie war erstaunenswert. Kompositeurs, Maler, Musiker, Sänger und Tänzer, alles harmonierte und wetteiferte miteinander, die allgemeine Bewunderung zu erregen. Armidas Zaubergärten, Psyches Feenpalast, Agamemnons Lager und so weiter waren magische Täuschungen, und die Lainez, Laforet, Derivis, Nourrit (Vater) und so weiter bildeten ein Ensemble der Vokalmusik, wie man es an diesem Theater seitdem nicht wieder sah. _Aux français_ glänzten damals Talma, Lafond, Saint Prix, Fleury, die Leverd, Mars, Duchenois, Volnais und so weiter. Es bedarf wohl nur dieser Namen, um sich eine Vorstellung von dem machen zu können, was hier geleistet wurde, namentlich von dem einzig unerreichbaren Talma und der Mars. Die Werke Racines, Corneilles, Crébillons, Voltaires, Molières wurden in der höchsten Vollendung und in der reinsten Sprache gegeben, die man nur hier hörte. Ein Hochgenuß war es, >Phädra<, >Britannikus<, >Zaïre<, >Tartüffe< aufführen zu sehen. Im Theater der Kaiserin, dem zweiten französischen, war es bei weitem nicht mehr das, doch war das Lustspiel gut, und ich sah Kotzebuesche Stücke hier allerliebst aufführen, so auch >_Misanthropie et repentir_<, von dem jedoch ein französischer Kritiker sagte: daß, nachdem man sich während fünf Akten gelangweilt, man endlich eine Szene lang weinen müsse. Nichtsdestoweniger war das Haus überfüllt, so oft das Stück gegeben wurde. Angelika, die wenig davon verstand, wollte jede Szene von mir erklärt haben. Ich hütete mich aber, ihr die ganze Wahrheit zu sagen, fürchtend, daß ich auch bei ihr eine Reue erwecken könnte. Die komische Oper und das Vaudeville, _la Gaïté_ und das _Ambigu comique_, die wir bisweilen besuchten, waren alle gut besetzt. Großen Gefallen fand meine junge Frau an den Darstellungen Franconis und seiner zwei- und vierbeinigen Akteurs. Ich zeigte ihr auch die Kunstschätze des Louvre, die man nicht oft genug sehen konnte, und das Fenster, aus dem Karl IX. verruchten Andenkens in der Bartholomäusnacht auf die fliehenden Protestanten schoß. Seine Mutter, die Megäre Katharina von Medicis, hatte das Morden eine Stunde früher als zur verabredeten Zeit beginnen lassen, aus Furcht, ihr Sohn möchte anderen Sinnes werden. Aber er zeigte sich ihr vollkommen würdig. Vierzigtausend Menschen büßten ihr Leben bei der Pariser Bluthochzeit ein, und Karl schrie unaufhörlich: »_Tue, tue, mordieu, ils s'enfuient!_« -- Das Höllenfest würdig zu feiern, schrieb der Papst sogar ein Jubeljahr aus! -- Jetzt waren alle Meisterwerke der Kunst aus ganz Italien und was noch aus Griechenland stammend vorhanden war, neben den französischen und anderen in den Sälen des Louvre ausgestellt. Nie hatten Malerei und Bildhauerkunst so viel unsterbliche Werke in einem Tempel vereint gesehen. Unter ihnen war die weltberühmte Laokoonsgruppe, der Apoll von Belvedere, die mediceische Venus und so weiter neben dem Herrlichsten, was Raphael, Titian, Rubens, Michel Angelo und so weiter geschaffen. In wenig Jahren mußten alle diese Gäste die Rückreise nach der Heimat wieder antreten. Die wilden Bestien im _Jardin des plantes_ besuchten wir auch einigemale und bewunderten dort die Zedern vom Libanon, machten auch nach und nach die Wanderung durch fast alle Kirchen der Hauptstadt. In dem Karusselhof vor den Tuilerien malte ich Angelika die Schreckensszenen vom 20. Juni und 10. August, die Ludwig XVI. Thron und Leben kosteten, nachdem er sich noch jede Art Demütigung hatte müssen gefallen lassen, recht lebendig aus.

Während der Flitterwochen meiner Interimsehe war ich nur wenig zum Fürsten Y. gekommen und mußte daher manche, gerade nicht unfreundliche Vorwürfe deshalb von ihm hören, da er sehr oft unwohl war und Gicht und Podagra ihm die meiste Zeit Stubenarrest gaben. Nach den ersten vierzehn Tagen meiner Vermählung fing ich jedoch an, ihm und anderen Dingen etwas mehr Zeit zu widmen. Ich ritt auch wieder mehr aus und entsprach den Wünschen Sr. Durchlaucht, indem ich ihm einige Stunden vorlas und öfters kleine Soupers fins arrangierte, zu denen ich die ausgezeichnetsten Künstler und Künstlerinnen von der Oper und des français einlud, und die daher äußerst unterhaltend und vergnügt waren, aber auch viel Geld kosteten, woran dem Fürsten jedoch nichts lag. Eines Tages nahm ich Madame Bonnier mit zu einem solchen Abendessen, indem ich sie, wie ich mit ihr verabredet hatte, für eine italienische Sängerin ausgab, die hier Engagement suche. Der Fürst war ganz entzückt von ihr und verlangte, daß ich sie öfters einladen solle. Ich wich dem Gesuch jedoch aus, indem ich Seiner Durchlaucht sagte, daß die Künstlerin bereits wieder nach Italien abgereist sei, indem sie hier ihren Zweck nicht habe erreichen können. -- »O das ist jammerschade!« exklamierte Fürst Y. --

Wenn Seine Durchlaucht wohl waren, geruhten sie bisweilen die Spielsäle im Palais Royal zu besuchen. Ich ging auch manchmal allein dahin, um das interessante Treiben zu beobachten und pointierte hier und da einmal. Eines Abends, als ich aus dem französischen Theater kam, trat ich im Vorbeigehen noch in einen Spielsaal und warf, nachdem ich einige Male rouge oder noir besetzt hatte, einen doppelten Napoleon auf eine Nummer des Rouletts. Es war Fünfunddreißig; sie kam heraus und ich erhielt sechsunddreißigmal den Satz. Ich rollte das Gold zusammen und sagte, es auf der nämlichen Nummer stehen lassend: »_Aut Caesar aut nihil!_« und die rollende Kugel fiel abermals in dieselbe Nummer! Jetzt erhielt ich die Summe von einundfünfzigtausendachthundertvierzig Franken in Gold! -- Statt mich klüglich mit diesem Kapital zu entfernen, fuhr ich fort, _à tort et à travers_, Nummern, _rouge et noir_, _pair et impair_, Kolonnen und so weiter zu besetzen, und noch ehe eine Stunde vergangen, war mein ganzer Reichtum wieder zu Wasser geworden, und kaum einige zwanzig Franken in der Tasche, verließ ich lange nach Mitternacht das Palais Royal. Ich tröstete mich leicht über den Verlust des Gewinstes. Das Geld hatte zu jener Zeit keinen oder wenig Wert für mich, und wer weiß, zu was es gut war, denn ungefähr um diese Zeit, einige Wochen später, fiel eine greuliche Geschichte vor, welche ein ähnlicher Spielgewinst hervorgerufen hatte. Ein junger Mensch hatte eines Abends über dreißigtausend Franken in Gold gewonnen und entfernte sich darauf nach ein Uhr in der Nacht aus dem Spielsaal. Er war der Sohn eines nicht unbemittelten Mannes, der jenseits der Seine, in der Gegend des Pantheons wohnte. Das Palais Royal verlassend, glaubte er bald darauf sich von ein paar verdächtigen Kerls verfolgt zu sehen. Es war schon sehr einsam in den Straßen und er beeilte sich, die Pont-neuf zu erreichen, was ihm auch glücklich gelang. Hier war zu jener Zeit ein kleiner Wachtposten von einem Korporal und drei Mann aufgestellt. Bei diesem angekommen, ging er in die Wachtstube und bat den Korporal, er möge ihm doch einen Mann zur Bedeckung mitgeben, da er viel Geld bei sich habe und sich von ein paar verdächtigen Individuen verfolgt glaube. Er wolle die Eskorte gut belohnen. Der Wachtkommandant schien erst einige Schwierigkeiten zu machen, indem er vorwandte, daß seine Mannschaft zu gering sei, als daß er einen Mann entbehren könne, besann sich jedoch bald eines anderen, hieß den jungen Menschen einen Augenblick warten, und verließ dann das Wachtzimmer, vorgebend, daß er sich mit der Schildwache noch besprechen wolle. Er rief dann noch einen der beiden anderen Soldaten heraus, mit dem er einige Zeit darauf zurückkam, und nach diesem auch den dritten Mann, der dem Fremden unterdessen Gesellschaft geleistet hatte. Mit diesem kehrte er nach mehreren Minuten ebenfalls in das Zimmer zurück, und alle drei fielen nun auf ein von dem Korporal gegebenes Zeichen über den jungen Menschen her, verstopften ihm schnell den Mund und knebelten ihn, so daß er keinen Laut von sich geben konnte, nahmen ihm dann das Geld ab und stürzten ihn über die hohe Brücke in die Fluten der Seine hinab, da, wo das Wasser gerade am reißendsten unter den Bogen rauscht und am tiefsten ist. Der junge Mann war aber ein guter Schwimmer, erreichte glücklich das nahe Ufer und lief jetzt auf den nächsten größeren, von einem Offizier kommandierten Posten, dem er, was ihm soeben geschehen war, erzählte. Dieser sandte sogleich eine starke Patrouille unter dem Kommando eines Sergeanten ab, der die Wache samt der Schildwache umzingelte, das saubere Kleeblatt mit der Teilung des Goldes beschäftigt fand und es verhaftete. Alle passierten das Kriegsgericht, der Korporal wurde erschossen und die Soldaten lebenslänglich auf die Galeere geschmiedet. Der Vorfall gab ganz Paris auf vierundzwanzig Stunden Stoff zur Unterhaltung.