Part 43
Fürst Y. hatte die Güte, bei Besichtigung dieser Merkwürdigkeiten mein Cicerone zu sein. Er lud mich, als wir uns trennten, nochmals dringend ein, ihn doch ja den nächsten Morgen zu besuchen, und zum Dejeuner um Mittag bei ihm zu sein. Ich versprach, mich zur bestimmten Zeit einzufinden, und hielt Wort, wurde äußerst freundlich empfangen und brachte wieder ein paar Stunden mit ihm hin. Aber das böse Zipperlein plagte ihn so gewaltig, daß er, auf einer Ottomane ausgestreckt, nach Römersitte das Frühstück zu sich nahm. Noch denselben Tag mietete ich mir eine Wohnung von ein paar möblierten Zimmern in der Straße Choiseul, streifte noch immer in der großen Stadt umher, um sie genauer kennen zu lernen, und machte hier und da einige nicht uninteressante Bekanntschaften unter den Offizieren in Restaurationen und Kaffeehäusern. Damals war ganz Paris voll von Napoleons Ehescheidung von Josephinen. Dieser Gegenstand gab fortwährend den Hauptstoff der Unterhaltung an öffentlichen Orten und in Privathäusern; und wie groß auch das Spionenwesen zu jener Zeit in Frankreich und Paris sein mochte, so daß jedes nur zweideutige Wort von der geheimen Polizei aufgefangen wurde, so nahm man dennoch bei dieser Veranlassung kein Blatt vor den Mund, besprach diese Scheidung öffentlich und tadelnd, nannte sie ebenso unpolitisch und unklug als lieblos. Ebenso rücksichtslos sprach man sich über den Kaiser hinsichtlich des spanischen Krieges, ja über das Spioniersystem selbst aus. Freilich hätte man ganz Paris und halb Frankreich einstecken oder stumm machen müssen, wenn man alle Individuen, welche sich dies herausnahmen, hätte bestrafen wollen. Ein Beweis, daß auch der gewaltigste Despotismus die Zungen nicht in Fesseln zu legen vermag, wie viel weniger die Gedanken. Was die Köpfe aber jetzt am meisten beschäftigte, war die Wahl, die Napoleon treffen würde, um sich eine zweite Gemahlin zu geben. Die meisten Franzosen waren der Meinung, daß es eine Französin aus einer guten Familie sein werde. Ist er klug, sagten viele, so nimmt er sich eine liebenswürdige Frau aus einer honetten Bürgerfamilie, um seine Nachfolge zu sichern. Dadurch wird er die Nation durch ein Band mehr an sich knüpfen und zeigen, daß er über die alten Vorurteile und Schnurrpfeifereien erhaben ist. Aber so klug war er nicht. Die kaiserliche Krone war zu schwer für ihn und lastete drückend auf seinem Gehirn, denn seit er sie sich auf den Kopf gesetzt, sah er nicht mehr klar und befolgte in jeder Hinsicht eine jämmerliche, kindische und kleinliche Politik, die ihn notwendigerweise ins Verderben stürzen mußte, wie er überhaupt als Politiker noch tief unter der Mittelmäßigkeit stand. Wenig Personen glaubten, daß er sich eine auswärtige Prinzessin, und am allerwenigsten, daß er sich eine österreichische zulegen würde. Über die Ehescheidung selbst waren die Meinungen sehr verschieden. Denn so sehr auch Josephine im allgemeinen beliebt war, so sagte man sich doch, daß es zum Wohle Frankreichs nötig sei, daß Napoleon Leibeserben erhalte, und entschuldigte ihn deshalb, sowie wegen seiner meist sehr flüchtigen Nebenamouretten, da Josephine während seiner Abwesenheit in Italien, wo er als Oberfeldherr des dortigen Heeres weilte, und wenn sie Bäder besuchte, sich ebenfalls keiner allzu großen ehelichen Treue rühmen konnte.
Als ich eines Tages, nachdem ich mehrere Aufträge für das im Kirchenstaat stehende Armeekorps besorgt und Lieferungskontrakte abgeschlossen, etwa zehn Tage nach meiner Ankunft zu Paris, heimkehrte, fand ich eine Order vom Kriegsminister vor, die mich auf den nächsten Morgen zu demselben beschied. Mich zu ihm verfügend, wurde ich sogleich in sein Kabinett eingeführt und sehr artig von ihm empfangen. Er fragte mich besonders viel über die römischen Zustände, erkundigte sich nach den Einzelheiten bei der Verhaftung des Papstes und was bis zu meiner Abreise noch in Rom besonders vorgefallen und so weiter. Nach dem, was mich Miollis hatte merken lassen, schien es, als suche er eine Versetzung nach Paris und in Napoleons Nähe, nach Clarkes Äußerungen aber war es der Marschallstab, der ihm im Kopf steckte, und jetzt ging mir erst ein Licht auf, warum er mir Empfehlungen an verschiedene Personen mitgegeben hatte, die in näherer Berührung mit der an den Prinzen Borghese vermählten Schwester Napoleons, der schönen Pauline standen, und von der er sich einbildete, daß sie eine große Gewalt über ihren Bruder habe. Bei mir hatte er sich geäußert, daß, wenn man ein Anliegen beim Kaiser habe, es durch diesen Kanal am besten vorgebracht werde. Auch ich müßte suchen, diese Gelegenheit zu benützen, um mich in die Gunst dieser Dame zu setzen und so eine recht brillante Karriere zu machen, dabei aber auch seine Angelegenheit nicht vergessen. Da aber Pauline noch gar nicht in Paris anwesend war, so konnte für den Augenblick nicht operiert werden. Clarke eröffnete mir, daß, so lange meine Anwesenheit währe, ich täglich vierundzwanzig Franken Diäten erhalten werde. Meine Reisekosten wurden mir natürlich ohnehin reichlich vergütet. Dazu kam noch, daß ich von den Kaufleuten und Fabrikanten, mit denen ich Lieferungskontrakte abschloß, nicht unbedeutende Geschenke erhielt. Dagegen aber bekam ich fortwährend so viel Aufträge von Offizieren meines Regimentes und anderer, die im Römischen standen, silberne und goldene Epauletten, Hüte, Federbüsche, Handschuhe, Tücher, Stiefeln und Gott weiß was alles zu kaufen und zu schicken, daß oft kaum meine Kasse hinreichte, all diese Kommissionen zu besorgen. Auch erhielt ich später kaum ein Dritteil meiner Auslagen wieder, da viele der Offiziere blieben oder starben, bevor sie mich bezahlten, andere nicht daran dachten, dies zu tun. Indessen stand ich mich dennoch im ganzen in finanzieller Hinsicht sehr gut in Paris und erhielt sogar noch einiges Geld von Haus. Fürst Y., der mich jetzt, ich weiß nicht warum, in ganz besondere Affektion genommen hatte, und dem ich bisweilen aus französischen oder deutschen Werken, wenn ihn das böse Zipperlein plagte, vorlas, bestand darauf, daß ich wenigstens den Tisch bei ihm nehmen müsse und stellte sogar eine Equipage und ein Reitpferd zu meiner Verfügung, wofür ich ihm sehr erkenntlich war, da dies in Paris nicht zu verwerfen und keine Kleinigkeit ist. Ich machte besonders Gebrauch von letzterem, indem ich fast täglich über die Boulevards und in die elysäischen Felder ritt, den Wagen aber nur selten benützte und mich lieber in einen Fiaker setzte. Nach und nach hatte ich auch sämtliche Theater, es waren damals nur acht im Gange, besucht. Früher hatte man deren an zwanzig gezählt, Napoleon hatte aber, ich weiß nicht warum, ein Dutzend aus eigener Machtvollkommenheit schließen lassen.
Der Neujahrstag war diesmal (1810) ganz besonders glänzend und feierlich in Paris begangen worden, die Gratulationsdeputationen nahmen kein Ende. Zu seinem Leidwesen konnte Fürst Y. sich nicht seiner Schuldigkeit in dieser Hinsicht entledigen, da ihn das Podagra den ganzen Tag an das Faulbett fesselte, was ihn sehr mißmutig machte. Die Buden in dem Palais Royal, auf den Boulevards, der Straße Saint Honoré und so weiter waren überaus reich und prächtig, wie es um diese Zeit immer geschieht, mit den kostbarsten Waren jeder Gattung ausgestattet; besonders aber waren es die Bijouterie-, Gold- und Silber-, Mode- und Konditorläden. So geschmackvoll mit den kostbarsten Gegenständen versehen, hatte ich sie noch nirgends bemerkt. Diese Tage sind hauptsächlich für die sich auszeichnenden Pariser Theaterprinzessinnen ergiebig, die mit Geschenken überschüttet werden. Auch Se. Durchlaucht hatten sich reich mit dergleichen versehen, wenigstens für zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Franken an Wert, die sie einigen Theaterhoheiten zum Geschenk machte. Da Fürst Y. über acht Tage das Zimmer hüten mußte, so beauftragte er mich mit der Überbringung mehrerer derselben in seinem Namen. Namentlich erhielt Demoiselle Mars und die schöne Tänzerin Gardel eine jede ein Paar Brillantohrringe von mindestens viertausend Franken an Wert, die mit großer Freundlichkeit dankbar angenommen wurden. Man bat mich auf das höflichste, Seiner Durchlaucht ihre wohlwollenden Gesinnungen zu versichern und auch meine Besuche zu wiederholen, was ich nicht verschmähte. -- »_Mais soyez sage_,« hatte mir Fürst Y. nachgerufen, als ich ihn verließ. -- »_Monseigneur, ça va sans dire_,« hatte ich geantwortet und wenigstens diesmal Wort gehalten.