Part 4
Wir wurden von dem Signor Speziale recht artig aufgenommen, der uns sogleich in sein Wohnzimmer führte, wo seine Frau mit kleinen Handarbeiten beschäftigt war. Ich fand die Signora hübsch genug, um ihr Artigkeiten zu sagen, und daß der Doktor gar keinen so üblen Geschmack hatte, auch es wohl der Mühe wert sei, ihm und dem Mann zugleich eine Nase zu drehen; letzterer bat mich, da er von seinem Amico gehört, daß ich ein großer Virtuos sei, ihm und seiner Frau doch das Vergnügen zu machen, sie etwas von mir hören zu lassen; ich entschuldigte mich, indem ich erwiderte, man habe ihm viel zu viel von mir gesagt, so daß er zu große Erwartungen hege, denen ich niemals entsprechen würde, und es also nicht wagen könne, ihm etwas vorzutragen. Er ließ aber nicht ab, mich zu bestürmen, sowie der Doktor ebenfalls in mich drang, und da die Signora ihre Bitte mit denen der beiden Herren vereinigte, so konnte ich nicht umhin, sie zu erfüllen, um so mehr, da mir der Apotheker versprochen hatte, ich solle dann auch die Stimme seiner _cara Moglie_ hören. Ich sang nun einige italienische Lieder, unter denen auch die Romanze des Pagen aus Mozarts Figaro, mit Gitarrebegleitung; die Leute hatten kein Klavier, da die Dame dies Instrument nicht spielte. Nun kam die Reihe an diese, welche dann nach einigem Zieren ebenfalls ihre Kunst zum besten gab, aber bei einer allerdings schönen und klangreichen Stimme doch nur ganz Naturkind im Gesang war, ja, wie ich bald erfuhr, nur nach dem Gehör sang und nicht einmal die Noten kannte, wie dies so häufig in Italien, selbst bei Sängerinnen vom Fach und bei dem Theater angestellt, der Fall war, denen ihre Partien mit der Violine eingegeigt werden mußten. Ich versprach der Signora Golia, der Name ihres Mannes, bei meinem nächsten Besuch einige recht hübsche neue Kanzonette mitbringen zu wollen und ihr diese einzustudieren, worüber sie und ihr Mann ganz vergnügt waren, wozu aber der Doktor ziemlich scheel sah. So hatte er es nicht gemeint, und er sah bald ein, daß er einen Eselsstreich gemacht und den Bock zum Gärtner gesetzt habe, mich in das Haus einzuführen, in dem ich bei meinem ersten Besuch schon weiter gekommen war, als der Pflastermann, ein ehrlicher, recht bedächtiger Schwabe, die jeden Tritt und Schritt hundertmal erwägen und überlegen, ehe sie ihn zu tun wagen, seit Monaten. Aber der Bock war nun einmal geschossen und ließ sich nicht wieder rückgängig machen. Der Signor Golia wurde häufig in die Apotheke abgerufen, und ich benutzte seine kurze Abwesenheit, der Signora Fleuretten mit Occhianten begleitet zu sagen, die mein ehrlicher Kullmann nicht einmal verstand. Endlich empfahlen wir uns, wobei ich der Dame die Hand küßte, etwas, das mein Äskulap noch nicht einmal gewagt hatte und mir jetzt zum erstenmal nachmachte; ich versprach baldiges Wiederkommen. Als wir das Haus verlassen hatten, machte mir der Doktor Vorwürfe, daß, statt sein Interesse zu wahren, ich mir alle Mühe gegeben, ihn aus dem Sattel zu heben.
»Freund, das ist unmöglich, Sie sitzen ja noch gar nicht darin.«
»Spotten Sie nur, aber das ist kein Freundschaftsstückchen, einem Freunde den Bissen vor dem Maul wegschnappen zu wollen.«
»Aber wer will denn das, seien Sie doch kein Kind, alles was ich tat, geschah nur einzig und allein in Ihrem Interesse, wenn Sie nur verstanden hätten, was ich der Signora gesagt, so würden Sie nicht so reden und sich dankbarer gegen mich bezeigen. Ich sprach nur zu Ihrem Lobe und zu Ihren Gunsten.«
»Den Teufel auch, ich müßte ja blind sein, wenn ich Ihr Augenspiel nicht bemerkt hätte.«
»Das war ja auch in Ihrem Interesse; hörten Sie denn nicht, wie sehr ich Ihre Geschicklichkeit pries und hervorhob.«
»Mag sein, aber ich verstand kein Wort davon, es kam mir aber so vor, als wollten Sie sich bei der Signora Golia beliebt machen.«
»Mein Gott, das muß ich ja, wenn ich für Sie wirken soll.«
»Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie mich hintergehen und Sie einmal krank werden, dann ...«
»Dann werden Sie mir doch kein Gift verschreiben?«
»Das nicht, aber ich lasse Sie im Stich.«
»Oh, darüber tröste ich mich, denn ich weiß, wie ich es mit euch Herren Medizinern zu halten habe:
Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen; Ihr durchstudiert die groß' und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu lassen Wie's Gott gefällt.«
»Ach, das ist albernes Zeug.«
»Ei, ei, Herr Doktor, Sie blamieren sich. -- Doch allen Scherz beiseite, ich werde mein möglichstes tun, den Doktor bei der Apothekerin beliebt zu machen.« --
Wir trennten uns nun, und jeder ging seinen Weg, der meinige führte mich nach Giesù nuovo zur Probe eines neu einzustudierenden Vaudevilles, das ich mit Madame Gasqui zusammengeflickt, »_Les français à Naple_« betitelt hatte und das den Beifall unseres Publikums und selbst Seiner Majestät erhielt, obgleich es manchen Seitenhieb auf dessen Gouvernement gab, den Joseph jedoch nicht zu verstehen schien oder nicht verstehen wollte. Übrigens fing es an, wenigstens etwas leidlicher in der Verwaltung zu gehen, namentlich seit Röderer das Finanzwesen und ein neues Abgabensystem organisiert hatte; aber verhindern konnte er die fortdauernde unnütze Prodigalität nicht.
Schon den folgenden Tag besuchte ich meinen braven Apotheker wieder und musizierte mit seiner Frau, die bald das Steckenpferd, mit dem ich alle meine Intrigen _con amore_ einleitete, Don Juans Duettino, mit mir singen konnte, worüber sich Herr Golia königlich freute. -- Ich dachte: >Nun sage mir noch einer, die neapolitanischen Ehemänner seien Teufel der Eifersucht!< Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Mein guter Doktor war doch bald überzeugt, daß ich ihn zum besten gehabt, und setzte nun dem Mann Flöhe ins Ohr, so daß dieser mich immer kälter empfing und auch ein paarmal unter dem Vorwand, seine Frau sei ausgegangen und er sehr beschäftigt, ganz kurz abwies. Das erstemal blieb ich jedoch noch eine geraume Zeit in der Apotheke, die Zurückkunft der Signora abwartend, brachte bei dieser Gelegenheit die Sprache auf die italienischen Gifte und namentlich auf das berüchtigte Aqua Tofana, ein Thema, das den Signor Golia ansprach, über welches er, trotzdem daß er mich bereits nicht mehr mit den wohlwollendsten Augen ansah, so gefällig war, mir manche Aufklärung zu geben. Ich erzählte ihm nun, welche abenteuerlichen Vorstellungen man sich in Deutschland von demselben mache, daß man glaube, es werde aus dem Schaum rasend gewordener Menschen fabriziert, die man, um sie zum höchsten Grad der Wut zu bringen, unter den Fußsohlen kitzle, daß man vermittelst dieses Giftes genau Tag, Stunde und Minute, in welcher der seit Monaten schon Vergiftete seinen Geist aufgeben müsse, bestimmen könne und so weiter. Der Apotheker lächelte über diese Mitteilung und erklärte mir, daß die Hauptingredienzien des Acquetta, wie man hier dieses Gift nennt, aus Arseniksäure, mit etwas Laudanum, bitterer Mandelessenz und einigen anderen Liquiden vermischt, um die Bestandteile desselben besser zu verbergen, bestände; daß man allerdings nach der Quantität der beigebrachten Dosis den Tod des Vergifteten früher oder später herbeiführen, aber nie genau den Tag, viel weniger die Stunde angeben könne, in welcher dieser erfolgen müsse, da dies von gar mancherlei Umständen abhinge, wie von der Konstitution, der Nahrung und sogar der Beschäftigung des Vergifteten. Ich erkundigte mich später noch bei anderen Personen nach diesem berühmten Gift, mehrere leugneten dessen Bestehen gänzlich, andere sagten, die Kunst, es zu bereiten, sei längst verloren gegangen, Moritz versicherte mir, es sei durchaus nichts weiter als künstlich präpariertes Arsenik. Dies Resultat ergab auch später eine unter Mürat auf meine Veranlassung angestellte polizeiliche Untersuchung, und die über dasselbe verbreiteten Märchen sind nichts weiter als Erfindungen abenteuerlicher Reisebeschreibungen und Romanschreiber.
Als ich am anderen Tag wiederkam, wurde ich noch kälter von dem Signor Speziale empfangen, der mir diesmal fast gar kein Gehör gab, welches Thema ich auch immer aufs Tapet bringen mochte. Aber es war zu spät; der gute Mann, der anfänglich mit Entzücken zuhörte, wenn ich seiner Frau Singunterricht ohne Noten erteilte, hatte erst Lunte gerochen, als das Feuer schon lichterloh brannte. Längst wußte ich, daß Signora Golia alle Morgen die Messe bei den Karmelitern besuchte, und sprach sie nun hier, ohne daß es ihr Mann oder der Doktor ahnten. Dagegen besuchte ich die Apotheke nur noch sehr selten und auf einen Augenblick im Vorübergehen. Gewiß waren beide erfreut, mich so schnell losgeworden zu sein, während ich so weit schneller zum Ziel gelangte. Die Signora mochte den Merluzzo (Stockfisch) von einem Doktor, der kein gescheites Wort mit ihr reden konnte, nicht leiden, war über ihren Marito (Eheherrn) erbost, daß er mich so auswies, und gab mir Rendezvous bei einer Amica, die sich Signora Rapisarda nannte, in der Strada Pignosecca, deren Adresse sie mir auf einem mit Bleifeder beschriebenen Papierchen mitteilte. Ich suchte das angegebene Haus zur bestimmten Stunde auf und fand in einem Gemach des dritten Stockes beide mich erwartenden Freundinnen, graziös auf einem Sofa sitzend. Als sie mich erblickten, standen beide auf, und Giulietta, dies war der Taufname der Apothekerin, sprang auf mich zu und ließ mir kaum Zeit, der Dame des Hauses meine schuldige Höflichkeit zu bezeigen. Sie stellte mir diese endlich als die Frau eines Beamten vor, welcher dem Hof Ferdinand IV. nach Sizilien gefolgt sei, und seine Gattin, die sich nicht von Neapel habe trennen wollen, wo sie alle ihre Freunde und Bekannten habe, verlassen hätte. Die Amica war so aufmerksam, uns mit Rosolio und _Pane di Spagna_ aufzuwarten und sich dann zu entfernen. -- Nun wurde die Türe verschlossen, und wir schwelgten ein paar Stunden im Hochgenuß, nach denen sich die Amica wieder einfand, die zwar äußerst angenehm, aber doch schon etwas verblüht war, und die ich nicht reizend genug fand, um ihr zu Gefallen eine Untreue gegen meine neue Freundin zu begehen, was nur zuweilen bei dem _tête-à-tête_ mit der Madame Gasqui geschah, die dann immer so liebenswürdig war, daß schwerlich der heilige Antonius selbst der Versuchung widerstanden haben würde.
Als Krönung unseres heiteren Lebens in Neapel beschlossen wir, den Vesuv zu besteigen; aber anders hatte es das Schicksal oder vielmehr das Gouvernement beschlossen, und ich sollte abermals Neapel verlassen, ohne zu meinem großen Leidwesen nähere Bekanntschaft mit dem alten Feuerspeier gemacht zu haben; denn das Bataillon erhielt Order, nach dem Kirchenstaat und zwar nach Civita-Vecchia abzumarschieren. Ich tröstete mich indessen damit, Rom wiederzusehen, von dem ich kaum erst einen Schatten im Vorübergehen erblickt hatte.
II.
Abmarsch nach Civita-Vecchia. -- Die Pontinischen Sümpfe. -- Civita-Vecchia. -- Ich werde Platzkommandant zu Albano. -- Meine Ausflüge nach Rom. -- Bankier Torlonia. -- Prinzessin Cesarini. -- Angelika Kaufmann. -- Rom. -- Die schönen Römerinnen und die deutsche Männertreue. -- Ein Rendezvous in der Kirche San Sebastian vor den Mauern.
Mich meinen Schönen bestens und auf hoffentlich baldiges Wiedersehen empfehlend -- Madame Gasqui, deren Mann beim zweiten Bataillon stand, blieb zurück und bedauerte hauptsächlich, daß unser Liebhabertheater durch diese grausame Order zerrissen wurde, denn außer mir waren noch mehrere Mitglieder desselben beim ersten Bataillon --, verließ ich Neapel mit leichtem Herzen und ziemlich schwerem Beutel (Moritz hatte die Sorge, mich auf Kosten meiner Eltern mit dem nötigen _nervus rerum gerendarum_ vor dem Abmarsch zu versehen, übernommen) und mit dem festen Vorsatz, daß das erste, wenn ich je wieder nach Neapel zurückkommen sollte, was sehr wahrscheinlich war, da wir immer noch zu dem dort stehenden französischen Armeekorps gehörten, sein solle, den Vesuv zu besteigen.
Wir marschierten auf demselben Weg Etappe für Etappe zurück, auf dem wir von Rom nach Neapel gekommen waren, nämlich über Capua, Sessa, Molla, Terracina, durch die Pontinischen Sümpfe über Velettri und Albano. Diesmal hielten wir aber, da der Marsch keine Eile hatte, Rasttage zu Fondi und Velettri. Unterwegs machten wir öfters Jagd auf wilde Enten, Schnepfen, Wasserhühner und anderes wildes Geflügel, das in der Gegend von Terracina und den Pontinischen Sümpfen in so ungeheurer Menge vorhanden ist, daß man eine fette wilde Ente oft mit zwei Bajocchi (kaum einen Groschen) bezahlt, so daß sich unsere Soldaten von Terracina bis Albano dieses Wild, das sie an ihren Ladestöcken brieten, trefflich schmecken ließen. Bei Treponti schoß ich einmal ein Voltigeurgewehr aufs Geratewohl in einen Rohrsumpf ab, aus dem sich sogleich eine schwarze Wolke von Wildgeflügel erhob und fast die Luft verfinsterte; auch die Soldaten feuerten ihre Gewehre ab, und es stürzten eine Menge verschiedener Vögel aus der Luft, die wir aber nicht bekommen konnten, da wir keine Hunde hatten, die sie aus den Sümpfen holten.
In Rom hatten wir diesmal keinen Ruhetag und mußten sogar die Stadt umgehen, was beinahe für eine Etappe hätte gelten können. Diesmal suchte ich aber mein Quartier auf, da ich zu Pferde und also nicht so marode war. Es wurde mir auf dem Korso bei -- den Jesuiten angewiesen! -- Aber die Zeit war so kurz zugemessen, daß ich diesmal außer dem Korso und der Piazza Popolo, die ich schon kannte, fast nichts von Rom zu sehen bekam. Von hier marschierten wir nach Pallo oder Palo ab, ein altes Kastell in einer sehr ungesunden und ganz öden Gegend am Gestade des Meeres, in dessen Nähe aber viele und große altrömische Ruinen liegen. Hier übernachteten wir, und der folgende Tag brachte uns bei sehr ungünstigem Wetter nach unserem neuen Bestimmungsort Civita-Vecchia.
Civita-Vecchia, das im Sommer ein sehr ungesunder Aufenthalt sein soll, ist befestigt, hat einen Hafen und ein Zeughaus, mehrere Klöster, war aber ein sehr öder und langweiliger Ort, der etwa sechstausend Einwohner zählen mochte. Nur daß es der Aufenthalt der päpstlichen Galeerensklaven, ein Toulon im kleinen ist, dessen Bagnos mit den in jeder Hinsicht höchst unglücklichen Sträflingen angefüllt sind, bringt einiges Leben in den Ort, aber welches!? -- das, welches das Kettengerassel der Elenden verursacht.
Als ich die Kaserne besichtigte, in der unser Bataillon einquartiert wurde und die erst vor wenigen Tagen ein Bataillon Dalmatiner verlassen hatte, war ich in ein paar Sekunden mit Millionen Flöhen bedeckt, so daß meine Beinkleider auf einmal in _couleur de puces_ verwandelt waren. So sehr ich auch schon in Italien und dem südlichen Frankreich an dieses Ungeziefer gewöhnt worden, so war es mir doch nie in solcher Masse vorgekommen, und nur durch eine Überschwemmung mit siedendem Wasser konnte man dasselbe in den Sälen etwas vermindern, vom Vertilgen war keine Rede; in den baumwollenen Bettdecken der Soldaten hatten sich diese quälenden Springer hauptsächlich eingenistet, und kein Klopfen noch Waschen konnte sie aus ihren bequemen Nestern vertreiben; tagelang waren die Leute auf der Flohjagd und knackten, und doch sahen diese weißen Decken immer wie Kümmel und Salz aus.
Kaum waren wir ein paar Tage in Civita-Vecchia, als ich mit vierzig Mann nach Palo beordert wurde, das daselbst befindliche Detachement der Dalmatiner abzulösen. Dieser Posten war so ungesund, daß man selbst im Winter die Leute alle zehn Tage, im Sommer aber alle vierundzwanzig Stunden ablösen mußte, und demungeachtet kam die Mehrzahl der Soldaten fieberkrank zurück und wanderte ins Lazarett; drei Tage Aufenthalt daselbst in der heißen Jahreszeit brachte unfehlbar den Tod. Der Posten mußte jedoch fortwährend stark besetzt werden, und eine Batterie von sechs Feuerschlünden war beständig mit Mitraille geladen, weil die Engländer und Korsaren hier öfters zu landen versucht und ganze Herden Büffel weggenommen hatten.
Einige Tage, nachdem ich in dieser ungesunden Einöde verweilt hatte, kamen mehrere Kompagnien der Dalmatiner auf ihrem Marsch nach Rom hier durch und übernachteten daselbst. Dieses Regiment bestand aus solchen, die in französischem Dienste waren, rote Uniform, Hüte _à la_ Henri IV. trugen und wie die Raben stahlen. Es war meine Schuldigkeit, die Offiziere nach meinen Kräften bei ihrer Anwesenheit zu bewirten, aber wo etwas hernehmen? Brot, Wein, etwas Fleisch und Zugemüse brachten sie selbst mit, von Wein hatte ich zwar auch einigen Vorrat, aber was ihnen sonst vorsetzen? Als ich mich mit meinem Burschen deshalb beratschlagte, gab mir dieser zur Antwort: »Lassen Sie mich nur machen, Herr Leutnant, ich will schon für eine gute Schüssel sorgen.« Und in der Tat trug er bei dem Mittagessen eine große Schüssel von ihm selbst gar nicht übel zubereitetes Ragout auf, das uns allen vortrefflich schmeckte; als ich ihn nachher vornahm und examinierte, was er uns denn eigentlich vorgesetzt habe, gestand er mir, es sei ein aus Eulen, Dohlen und Fröschen, die er in dem alten Gemäuer des Kastells gefangen, bestehendes Ragout gewesen. Ich lachte und dachte: >Nun, wenn es uns nur wohl bekommt!< Und das tat es.
Kaum war ich von meinem Eulennest abgelöst, als ich mit der Voltigeurkompagnie, die ihren Kapitän verloren und auch keinen Oberleutnant hatte, nach Albano beordert wurde, um daselbst den Posten als Platzkommandant zu versehen. Unser Bataillonschef Düret selbst wurde mit dem Stab und ein paar Kompagnien als Kommandant nach Corneto, die übrigen Kompagnien nach Porto d'Anzo, Piperno und Velettri beordert, deren Chefs in diesen Orten alle Platzkommandanten wurden, so daß das ganze Bataillon rings um Rom zerstreut lag. Den dritten Tag traf ich, abermals durch Rom marschierend, am Ort meiner Bestimmung ein, der nur drei kleine Stunden davon entfernt lag.
Auf dem Rathaus zu Albano, wo ich mich bei dem Sindico wegen meiner Order auswies, war über der Eingangstür des Saales der Kampf der Horazier und Curiatier in Fresko gemalt. Zu meiner Wohnung wies er mir einen ganzen, einem Kardinal zugehörigen Palazzo an, der eine Reihe von ziemlich schlecht möblierten Zimmern und Sälen hatte. Fast in jedem Gemach desselben aber hingen die in Kupfer gestochenen Bilder sämtlicher Päpste, die auf dem heiligen Stuhl gesessen. Eine alte Frau, eine Art von Hausverwalterin seiner Eminenz, war die einzige Mitbewohnerin in diesem geräumigen Gebäude. Es waren wenigstens einige zwanzig Zimmer, die sie mir zur Disposition stellte, und in mehreren derselben fanden sich große Himmelbetten, die ebenso breit wie lang waren, so daß ich jede Nacht nach Belieben mit meinem Schlafzimmer hätte wechseln können; fast ebenso geräumig war der Unterleutnant logiert, auch der Sergeant-Major sowie alle Sergeanten hatten verhältnismäßig große Quartiere; die Korporale mit ihren Eskadern wurden in verschiedenen Gebäuden einquartiert. Die Stadt mußte mir täglich drei römische Scudi (über sieben Gulden) Tafelgelder geben, außerdem erhielt ich dreifache Rationen an Lebensmitteln und hatte sonst noch allerlei kleine Vorteile, welche mir diese Kommandantur einbrachte: es ging ja alles auf Kosten Seiner Heiligkeit, dessen Gebiet Napoleon militärisch besetzen zu lassen für gut befunden hatte; nur Rom selbst war immer noch mit französischer Garnison verschont. Die Leute wurden sehr gut verpflegt, und ich sah strenge darauf, daß die ihnen verabreichten Lebensmittel von guter Qualität waren, wodurch ich sie mir sehr geneigt machte, auch ließen sie den Papst und unseren Herrgott einen guten Mann sein und hoch leben. Ich machte fast jeden Tag einen Spazierritt nach Rom, das genauer kennen zu lernen ich mir nun vornahm.
In den ersten Tagen meiner Kommandantur, die ich eigentlich dem Wohlwollen Dürets zu verdanken hatte, besuchte ich Rom nur wenig und immer nur auf ein paar Stunden, denn ich wagte es nicht, mich auf längere Zeit zu entfernen, obgleich dieser Posten von keiner großen Wichtigkeit war und hauptsächlich darin bestand, den durchkommenden Militärs die Marschrouten zu visieren, ihnen Quartiere anweisen zu lassen und dergleichen. Nachdem ich aber ein paar Wochen hier war, nahm ich es nicht so genau, sondern brachte längere Zeit, oft ganze Tage in Rom zu, dem Sergeant-Major meine Funktionen während meiner Abwesenheit überlassend.
Zu dieser Zeit erhielt ich Briefe von Haus, die mir das Ableben eines alten Großoheims anzeigten, sowie, daß mich derselbe mit einem Legat von einigen tausend Gulden besonders bedacht habe, die man zu meiner Verfügung stelle, indem ich, was ich bedürfe, bei dem Bankier Torlonia in Rom, an den ich außerdem noch einen Empfehlungsbrief erhielt, erheben könne. Auch Moritz, dem ich von Albano aus schrieb, sandte mir eine Empfehlung an denselben. Dies waren traurig-gute Nachrichten, denn das Ableben des guten alten Oheims, bei dem ich als Kind gar manche vergnügte Stunde gehabt -- er hatte mich in besondere Affektion genommen --, tat mir leid, auf der anderen Seite kam mir das Geld und die Empfehlungen bei meinen Exkursionen nach Rom trefflich zu statten. Torlonia lud mich zu seinen Conversazioni ein, die wohl mit die glänzendsten in ganz Rom waren und bei denen ich die angesehensten Familien dieser Stadt persönlich kennen lernte, wie die Cerevetri, Doria, Chigi, Odeschalchi und so weiter. Das Schicksal dieses Bankiers, der sich vom Lohnbedienten oder armen Cicerone, was er zuerst war, bis zum reichsten Mann im ganzen Kirchenstaat und zum Herzog von Bracciano hinaufgeschwungen, ist merkwürdig. Er hatte sich ein geringes Kapital gespart, das er dem Kardinal Braschi in Verwahrung gab oder vielmehr lieh. Als dieser unter dem Namen Pius VI. Papst wurde, beauftragte er Torlonia mit seinen Geldgeschäften; dieser errichtete jetzt ein Bankhaus und wurde bald darauf der Staatsbankier des heiligen Vaters, wobei er sich ein unermeßliches Vermögen erwarb. -- So ziemlich ein Pendant zum alten Rothschild. -- Pius VII. machte ihn später zum Herzog von Bracciano. Der Mann mochte damals einige fünfzig Jahre zählen und hatte ein sehr gravitätisches Ansehen, in seinem Kontor sitzend: ein schwarzer Samtrock mit großen vergoldeten Knöpfen, eine goldgestickte Weste, ein paar kurze Samtbeinkleider von einer bläulichen Farbe, blaßgelbe seidene Strümpfe, Schuhe mit Steinschnallen und eine schneeweiß gepuderte Perücke war sein alltäglicher Anzug. In seinen Abendgesellschaften glänzten Roms erste Schönheiten, und er selbst hatte zwei hübsche Töchter, unter allen aber strahlte wie eine Sonne unter Sternen die junge Principessa Cesarini so gewaltig schimmernd hervor, daß aller Augen auf sie gerichtet waren, sobald sie eintrat, und auch die meinigen bis zum Verbrennen geblendet wurden. Diese Schönheit, die erst kürzlich an den Fürsten Cesarini verheiratet war, hatte ebenfalls ein originelles Schicksal gehabt. Ihr Vater hieß Conti, sie war von niederer Herkunft und armen Eltern, die so herabgekommen waren, daß sie ein Blumenmädchen werden mußte, das ihre hübsch gewundenen Sträußchen am Nachmittag auf dem Korso zum Verkauf ausbot; ihre Schönheit zog weit mehr als ihre Blumen, die man teuer bezahlte, die Käufer an, und so machte auch der reiche Fürst Cesarini ihre Bekanntschaft, den sie klug genug so hinzuhalten und in ihre Netze zu ziehen wußte, daß er ihre höchste Gunst nur durch das Band der heiligen Ehe und den Schritt ins Brautgemach erlangen konnte; sie war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als er sie heiratete. Hinsichtlich ihrer Schönheit war sie die Recamier Roms.