Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 39

Chapter 393,415 wordsPublic domain

Allem Anschein nach verdankt Venedig seine Entstehung armen Fischern; seinen Namen soll es von dem Volk der Veneter, das im nördlichen Italien wohnte, haben, von dem sich ein Teil, als die Goten das Land überschwemmten, auf die Inseln flüchtete, auf denen jetzt Venedig steht, und daselbst anbaute. Als im Jahre 452 Attila Aquileja zerstört hatte, flüchteten dessen Einwohner ebenfalls hierher, sowie 595 viele Bewohner Oberitaliens, um der Verfolgung des Lombardenkönigs Alboin zu entgehen. Die zuerst bewohnte Insel hieß Rialto, und diesen Namen führte die Inselstadt längere Zeit, bis sie später den Namen Venezia annahm. Jetzt wurde nach und nach eine Insel nach der anderen angebaut, bewohnt und bevölkert, die Stadt endlich einer der bedeutendsten Handelsplätze Europas, und je größer sie sich aus den Fluten emporhob, desto mehr stieg auch ihr Reichtum, ihre Pracht und ihre Macht, und bald wurde sie die mächtige Meerbeherrscherin. Zwölfhundert Jahre bestand sie als selbständige Republik, ihre höchste Glanzperiode war im dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Erst im siebten hatte sie, um den immerwährenden inneren Unruhen zu steuern, einen Dogen (_Duca_) erwählt, sich aber dabei ihren Anteil an der Regierung vorbehalten; als jedoch im zwölften Jahrhundert mehrere Dogen, und namentlich Vitali Michieli, Versuche zu einer Willkürherrschaft machten, da ermordete das Volk den letzteren und übergab die höchste Gewalt einer Versammlung von Adeligen. Noch schlimmer erging es dem Dogen Marino Falieri, der von einem jungen Nobile an seiner Ehre schwer gekränkt, keine hinlängliche Genugtuung erhalten konnte, die Aristokratie mit Hilfe des Volkes hatte stürzen wollen und dafür von ersterer, schon über achtzig Jahre alt, enthauptet wurde. Die Republik hatte allmählich immer mehr Fuß auf dem festen Land, namentlich in Istrien, Dalmatien, der Lombardei gefaßt und dehnte ihre Macht besonders während der Kreuzzüge auch sogar in Syrien aus. Im dreizehnten Jahrhundert eroberte sie Candia und fast alle Inseln im Archipelagus, wodurch sie den ostindischen Handel ganz in ihre Gewalt bekam. Auch gegen Ungarn war sie siegreich, riß Friaul an sich, nahm den Neapolitanern viel Land und Städte weg, wurde Herr von Cypern und den Ionischen Inseln und hatte mit ihrer mächtigen Nebenbuhlerin, der Republik Genua, einen gefährlichen und blutigen Krieg endlich glücklich beendigt. Aber von dem Augenblick an, als Vasco da Gama den Weg um das Kap nach Ostindien ausfindig gemacht hatte, sank auch Venedigs Handel und Flor. Sehr unglücklich für die Republik war die Ligue von Cambray (1508), durch welche sie ihre Besitzungen im Kirchenstaat und dem Neapolitanischen einbüßte und die sie nicht weniger als fünf Millionen Zechinen (an dreißig Millionen Gulden), zu jener Zeit eine ungeheure Summe, kostete. Die Osmanen nahmen ihr sodann Cypern und später nach einem vierundzwanzigjährigen Krieg auch Candia wieder ab. _Venezia dominante_, wie es sich damals nannte, verlor immer mehr an seiner Herrschaft, 1715 büßte es auch noch Dalmatien ein. Venedigs Bürger, die unter der eisernen Rute der despotischsten und grausamsten Regierung von der Welt lebten, hielten sich dennoch für freie Leute, weil sie Dinge, welche die Regierung nicht direkt berührten, Ausschweifungen und Liederlichkeiten aller Art straflos begehen durften, und bedauerten die Knechtschaft, in welcher nach ihrer Meinung die Untertanen in Monarchien schmachteten, während ihnen selbst kein freies Wort aus dem Mund entwischen durfte, ohne Gefahr, alle persönliche Freiheit, ja wohl Gut und Leben einzubüßen, an einem Schandpfahl zu hängen oder den Fischen der Lagunen zur Speise zu dienen. Sie waren darin den Bürgern mancher deutschen Republik nicht unähnlich, die es wagen dürfen, den oft heilsamen und zweckmäßigen polizeilichen Verordnungen ungestraft zu widerstehen und die mit der Ausführung derselben beauftragten Diener mit Grobheiten heimzuschicken, während man sie hinsichtlich ihrer wichtigsten und heiligsten Interessen, Verwaltung und Justiz, bei der Nase herumführt. Nie hat ein Monarch, auch nicht der ausgeartetste Tyrann, eine ähnliche willkürliche Macht und Tyrannei ausgeübt, als Venedigs Staatsinquisition, die ohne alle Verantwortlichkeit mit dem Leben, Gut und Blut der Bürger nach Lust und Gefallen schaltete. Mißtrauen und Furcht waren die gewaltigen Triebfedern der Herrscher Venedigs und das Spionenwesen und die Angeberei in einem Grad der Vollkommenheit organisiert, der zu keinen Zeiten in einem anderen Land erreicht wurde. Beispiellos ist es in der Weltgeschichte, daß ein Volk oder ein Staat dreien seiner Bürger über Tod und Leben, Habe, Gut und Blut all ihrer Mitbürger eine so unumschränkte, rechenschaftslose Gewalt erteilt hätte, wie dieses schreckliche Tribunal unter dem Aushängeschild Staatsinquisition übte. Napoleon machte 1797 diesem freilich damals schon in den letzten Zügen liegenden Ungeheuer ein schnelles Ende, vernichtete das geflügelte Untier, Sankt Markus genannt, und mit ihm die scheußlichste Tyrannei, die je eine Aristokratie oder Oligarchie ausgeübt; dennoch waren, und vielleicht gerade deshalb, die furchtbarsten Verschwörungen gegen dieselbe in Venedig an der Tagesordnung. Der Hochmut, die Arroganz und die Unverschämtheit der Nobili überstieg allen Glauben, sie zahlten den Bürgern für erkaufte Waren was und wenn sie wollten, oft nur mit Grobheiten und Mißhandlungen, und wehe dem, der sich dagegen verteidigte, ja nur zu schützen suchte; Stockschläge, Degen- und Dolchstiche waren ihm gewiß und kein Recht dagegen zu erlangen. Je mehr die Armut des venetianischen Adels während des Verfalls der Republik zunahm, desto größer wurde die Arroganz und Beutelschneiderei desselben. Ihre Schurkenstreiche hatten keine Grenzen, und die meisten lebten nur noch von Prellereien und dem Verkauf ihrer Wahlstimmen, ihrem hauptsächlichsten Privilegium. In der letzten Zeit der Republik waren all diese Illustrissimen und Exzellenzen -- so mußte sie der Bürger titulieren -- so bettelarm, daß die meisten in Dachkammern wohnten, für sich selbst kochten, wenn sie etwas zu kochen hatten, und in ihrer Kleidung schmutzigen Bettlern vollkommen glichen. Um sich gegen ihre Zudringlichkeit jeder Art zu sichern, suchten die Bürger und Kaufleute, wenn sie ein Fest feierten oder einen Schmaus hatten, den Livreebedienten irgendeines Gesandten zu gewinnen, der sich an ihre Haustür stellen mußte, die hochadeligen Hungerleider abzuhalten, indem nach einem streng beobachteten Gesetz sich kein Senator da treffen lassen durfte, wo ein fremder Gesandter nur zu vermuten war, und sie dann an einem solchen Haus wie der vom Hund verscheuchte Marder scheu vorüberzogen. Desselben Mittels bedienten sich auch alle Kaffee- und andere Wirte, um diese viel verzehrenden und nichts bezahlenden Nobili und Senatoren vom Besuch ihrer Häuser abzuhalten. Für die Pfaffen und Mönche war aber Venedig ein wahres Paradies, nirgends bekümmerte sich die Geistlichkeit weniger um den Papst; die Herren maskierten sich, lagerten in allen liederlichen Häusern, deren beste Kunden sie waren, hielten sich Mätressen, trieben allen möglichen Unfug, und an eine Kirchendisziplin war nicht zu denken; beim Volk war ihr Ansehen daher auch sehr gering, was aber gerade Wasser auf das Mühlrad der Regierung war, die deshalb den Kuttenträgern auch gerne durch die Finger sah. Gott und der Papst galten in Venedig wenig oder nichts, nur der geflügelte Heilige in der Löwenhaut war der angebetete Götze. Die allgemeine Tracht in den Straßen war für jeden, der es nur möglich machen konnte, ein roter Mantel, in den man sich tief hüllte; die meiste Zeit ging man maskiert, nur was zur Signoria gehörte, trug eine Art schwarzen Chorrock, wenn man sich auszeichnen wollte, sonst aber auch den beliebten Mantel, was nebst der Maske sehr bequem war, wenn man unerkannt sein und auf Abenteuer ausgehen wollte. Die Banditen und Bravi fanden hier mehr als in irgendeiner anderen Stadt Italiens zu tun und standen zum Teil in lebenslänglichem Sold reicher Nobili, denen sie blutige Dienste und zugleich Schutz leisten mußten. Ihr gräßliches Handwerk war auch hier weit leichter als irgendwo zu treiben, denn dem tötenden Dolchstoß folgte ein zweiter mit der Faust, der den Unglücklichen und die Tat in einem Kanal begrub.

Nachdem ich mit meinem Storti in der Hand durch die bedeutendsten Kanäle gefahren war, ging ich auch zu Fuß durch einen Teil der Stadt und kam durch so enge und finstere Gäßchen, daß sich zwei Personen oft nur mit großer Mühe ausweichen konnten und die himmelhohen Häuser kaum ein Dämmerlicht durchdringen ließen. Das Ende meiner Streifereien war immer der Sankt Markusplatz, der einzige Ort in Venedig, wo man längere Zeit weilen kann. Es ist aber auch einer der schönsten Plätze Europas und immer voll Leben. Die vielen Kaffeehäuser und Botteghen sind beständig mit Leuten angefüllt. Das Treiben beginnt mit Tagesanbruch und endigt erst lange nach Mitternacht. Noch wehten hier die Trophäen der vergangenen Herrlichkeit auf drei hohen Mastbäumen, nämlich die Siegesstandarten von Morea, Candia und Cypern. Was den Platz so schön macht, sind seine herrlichen Gebäude mit den ihn umgebenden Säulengängen. An der Seite des Turms schließen ihn neun Paläste, die aber nur einen einzigen zu bilden scheinen und eine marmorne Fassade und drei Säulenreihen, eine dorische, jonische und korinthische übereinander haben. Diese Paläste werden die Procuratie nuove genannt, zur Zeit der Republik waren sie von den Prokuratoren derselben bewohnt. Ihnen gegenüber liegen die Procuratie vecchie, von fünfundfünfzig Pilastern und Säulen toskanischer Ordnung getragen. Den Hintergrund dieser prächtigen Schaubühne bildet die pittoreske Fassade des Markustempels, den hohen Glockenturm zur Rechten. Was diesen Platz äußerst unterhaltend macht, ist, daß er beinahe der einzige Spaziergang der Bewohner Venedigs und aller Fremden ist, auf dem sich das ganze öffentliche Leben dieser Stadt konzentriert. Hier sieht man alle möglichen Trachten und hört die Sprachen aller Nationen. Advokaten und Charlatane, Staatsbeamte und Schiffsknechte, Marionettenspieler und Soldaten, Improvisatoren und Saltimbanchi, Stiefelwichser und Obsthöker, Pfaffen, Histrionen und Taschenspieler, alles treibt sich hier im buntesten Gewühl durcheinander herum, besonders ist dies am Abend und in der Nacht der Fall, wo er durch Tausende von Lichtern der Kaffeehäuser, Botteghen und Kasinos erleuchtet ist, was das Gewirre und Getümmel um so abenteuerlicher erscheinen läßt. Vor den Kaffeehäusern sind Zelttücher oder Baldachins aufgespannt, unter denen man sitzt, um den Turm herum haben Notare und Advokaten ihre Sitze aufgeschlagen, die jede Art Schriften, Bittschriften, Klagen und so weiter um wenige Gazette oder Soldi abfassen, andere Schreiber befassen sich mit Bettel- oder Liebesbriefen und so weiter. Nur Frauen und Mädchen aus den höheren Ständen sucht man, den Karneval ausgenommen, vergeblich hier, da es nicht Sitte in Venedig ist, daß Damen die Kaffeehäuser besuchen; man kann sie nur in den Kirchen, den Theatern und den Abendgesellschaften sehen; der Zutritt zu den letzteren ist aber für Fremde, wenn sie nicht ganz besonders einer Familie empfohlen sind, nicht so leicht wie an anderen Orten Italiens. In den Kasinos findet man leichter Eingang, wenn man nur ein Mitglied derselben kennt. Eine der angenehmsten Zeitvertreibe ist eine Spazierfahrt längs der Riva de Schiavoni bis an die Punta di Sankt Antonio, bei Sonnenuntergang in einer Gondel, die man hier gewöhnlich nur Barche nennt; man steigt rückwärts in dieselbe, weil man sich in dem niedrigen Hüttchen nicht gut umdrehen kann. Diese Schiffchen sind alle ganz schwarz und von einer Form; ihr düsteres Aussehen macht sie Leichenschiffchen ähnlich, und sie gleichen in der Tat unseren alten Leichenwagen. Ehedem waren sie bunt, schön verziert, von beliebiger Farbe, oft prächtig und kostbar ausgeschmückt, so daß sie große Summen kosteten, denn die Reichen suchten sich dabei im Aufwand zu überbieten, wie anderswo im Luxus der Equipagen, und bedeckten sie mit Scharlach und Gold, weshalb die Regierung, um diese Verschwendung zu zügeln, ein Gesetz erließ, welches sie alle uniform verordnete, und jede Gondel, die nicht ganz so, wie es vorgeschrieben, eingerichtet war, sogleich zertrümmern und den Wellen übergeben ließ. Im Innern haben sie gepolsterte bequeme Sitze. Angenehmer als in den Kanälen fährt man in den Lagunen, besonders nach dem Lido hin.

Die venetianischen Damen, die, wenn sie einmal _donne maritate_ sind, sich einer fast zügellosen Freiheit erfreuen, sind in ganz Italien wegen ihres höchst einnehmenden und verführerischen Wesens berühmt und haben die Kunst einer fast unwiderstehlichen Koketterie bis zur höchsten Vollendung gebracht. Obgleich den meisten, selbst in den höchsten Ständen, gründliche wissenschaftliche Bildung abgeht, so ist doch ihre Unterhaltung nicht nur äußerst angenehm, sondern in der Regel auch sehr geistreich, lebhaft und ungezwungen, und der venetianische Dialekt verleiht ihrer Sprache etwas überaus Liebliches. An verliebten Intrigen fehlt es hier weniger als in irgendeiner anderen Stadt, und das Cicisbeat war hier noch in vollem Gang.

Von den Theatern besuchte ich hauptsächlich Fenice, das erst 1791 durch eine Assoziation von Aktionären erbaut wurde. Es hat besonders gute Löschanstalten; im Fall ein Feuer entsteht, kann augenblicklich von zwei Türmen hinlänglich Wasser in dicken Strömen auf dasselbe geleitet werden. Hier treten die berühmtesten Sänger und Sängerinnen Italiens auf, und ich habe die vollendetste Vokalmusik in demselben gehört. San Benedetto, hauptsächlich der Opera Seria gewidmet, war geschlossen, sowie mehrere der kleineren Bühnen. Ein sehr schönes Marionettentheater, wo man nur im venezianischen Dialekt spricht, besuchte ich einigemal. In das Parterre geht hier niemand als Leute aus den untersten Volksklassen, Fischer, Gondoliere und so weiter. Die Freudenmädchen haben in Venedig wenig Raum zu ihren Umtrieben und suchen daher die Männer und Fremden meistens in den Kirchen an sich zu locken, ihre Adressen austeilend; man zählte damals nahe an hundert Bordelle.

Zwei Tage nach meiner Ankunft bezog ich eine Privatwohnung, die ich mir durch die Vermittelung eines dienstwilligen _barbiere-parrucchiere_ verschafft hatte. »_Illustrissimo eccellenza_ finden daselbst _Donne giovine belle e oneste_,« sagte mein Figaro, »eine honnette Bürgersfamilie, durch Unglück herabgekommene Kaufleute, deren Haupt jetzt den Makler macht. Es sind zwei junge Frauen in dem Haus, die eine ist die Gattin des Signor Ludolli und die andere die Frau eines Signor Odellino, der sich aber schon seit Monaten in Geschäften abwesend in Triest befindet; auch ein paar blutjunge Ragazze von dreizehn und vierzehn Jahren, Anverwandte des Odellino, wohnen bei diesen. Illustrissimo werden sehr gut daselbst aufgehoben sein!« -- »Und auch geprellt?« sagte ich, das Faktotum forschend ansehend. -- »Behüte der Himmel, _gente onestissime_.« -- »Gut, bringe mich hin.« -- Wir bestiegen eine Gondel und waren in wenigen Minuten an dem Palazzo, das war das Haus wirklich, allein einer von jenen verlassenen, öden, mit verwischten Vergoldungen. Die Damen empfingen mich als einen Signor _Uffiziale francese_ mit zuvorkommender Freundlichkeit; es waren echt venezianische Gesichtchen, und man wies mir eine freilich nicht sehr elegant, dagegen sehr ökonomisch möblierte Wohnung, aus fünf Zimmern und einem großen Salon bestehend, an, deren Fußböden alle von rotem Terrazzo waren, wie es hier Gebrauch, für den Spottpreis von vier venezianischen Talern, etwas über zehn Gulden, den Monat. Ohne zu handeln, erlegte ich das Geld antizipando, und da mir die Frauen gefielen, fragte ich auch, ob sie mir den Tisch geben könnten. -- »Oh, wir leben gar zu einfach,« wurde mir bescheiden erwidert, »Illustrissimo würden sich nicht mit unserer Kost begnügen; die meiste Zeit essen wir nur Fische, Muscheln, Austern oder Frittole« (in Öl gebackene Polenta). -- »_Signore mie_, ich bin die Genügsamkeit selbst, und freundliche Gesichter bei der Tafel sind mir lieber als die größten Leckerbissen.« -- Auch darüber waren wir bald einig, indem die Damen sagten, ich möchte das Essen erst versuchen, und dann könne ich selbst den Preis machen. Ich war es zufrieden, mein Figaro hatte ja den Damen versichert, ich sei _un uomo generosissimo_.

Den dritten Tag nach meiner Ankunft erhielt ich eine Einladung zu Tisch von dem Gouverneur, General Menou, dem ich von den Begebenheiten zu Rom und Wien viel erzählen mußte. Er schien mit meiner Unterhaltung so zufrieden, daß mir die Ehre, an seiner Tafel zu speisen, sehr oft zuteil ward. Menou war ein Mann, der schon hoch in den Sechzigern stand und eine eigene seltsame Karriere gemacht hatte. Aus einer alten Familie der Touraine, hatte er es bei dem Ausbruch der Revolution schon zu dem Grad eines _Maréchal de Camp_ gebracht. 1789 wurde er von dem Adel der Touraine zum Deputierten bei den Generalstaaten erwählt; hier vereinigte er sich mit dem dritten Stand, trug viel zu energischen Maßregeln zur Verteidigung des Vaterlandes bei und bewirkte hauptsächlich die Vereinigung Avignons mit Frankreich. Nach dem Schluß der Sitzungen befehligte er _en second_ in dem Lager, das man bei Paris gebildet hatte, und wurde dann in die Vendée gesandt, wo er sich sehr gemäßigt benahm. Den 2. Prairial 1793 war er es, der gegen die aufgestandene Vorstadt Sankt Antoine marschierte und so den Konvent rettete. Er war bei der Expedition von Ägypten und wurde nach Klebers Tod Obergeneral des französischen Heeres daselbst. Aus Politik wurde er jetzt ein Muselmann, nahm den Turban, nannte sich nun Abdallah und heiratete ein hübsches türkisches Mädchen aus Rosette; dies hinderte nicht, daß er bei Alexandrien von dem englischen General Abercromby den 2. Mai 1801 geschlagen wurde. Napoleon hatte ihn später zum Statthalter von Piemont und dann zum Gouverneur von Venedig ernannt.

Nachdem wir gut getafelt und ziemlich viel Cypernwein zum Dessert getrunken, brachte einer der Gäste, ein Bataillonschef, die Sprache auf den Islamismus und äußerte dabei, es sei doch eine recht einfältige Religion, man müsse von Sinnen sein, so tolles Zeug zu glauben, wie sie lehre, und ihr Prophet Mohammed sei ein recht pfiffiger Gaudieb gewesen, der den Leuten die Köpfe zu berücken gut verstanden habe. Menou, der nicht zu viel getrunken hatte, sondern nüchtern war, erwiderte demselben: »Nicht so sehr, als Sie glauben, mein Herr!« Seine Stimme etwas erhebend, fuhr er sodann fort: »Ich weiß recht gut, daß in der Armee und in Frankreich gar viel über meinen Übertritt zum Islamismus räsonniert, geklatscht und gespöttelt worden ist, ich mache nicht das geringste Hehl, daß diese Handlung durchaus nur die Politik zum Grunde hatte, indem ich hoffte, dadurch Ägypten Frankreich zu erhalten, eine fehlgeschlagene Hoffnung, wie so manche andere; aber aufrichtig, meine Herren, was müssen andere Völker und auch die Osmanen, über deren Religion wir uns so oft lustig machen, weil sie an Mohammeds wunderbare Himmelsreisen und ähnliche Dinge glauben, von uns denken, daß wir einen Gott verehren, den die Juden kreuzigten, eine Mutter Gottes, die ein Kind bekam und dennoch Jungfrau blieb, eine Dreieinigkeit, Gott Vater und Sohn in einer Person, eine Legion von Heiligen, die alle mehr oder weniger komische, unglaubliche und lächerliche Wunder verrichteten, daß wir Reliquien verehren, für deren ganzen Plunder ein Trödeljude kaum ein paar Taler geben würde, wahre Fetische. Was müssen sie von einem Gott halten, der kein anderes Mittel weiß und kennt, die sündigen Menschen zu bessern und zu erlösen, als seinen Sohn Mensch werden und ihn kreuzigen zu lassen, was von dem Gott der Bibel, der ein rach- und zornsüchtiges, leidenschaftliches Wesen ist, das bis ins vierte Glied an Unschuldigen die Sünden der Väter heimsucht, bestraft, der den Juden zehnmal verzeiht und dann, kurzsichtiger als ein mit gesunder Vernunft begabtes Menschenkind, nicht einmal soviel Voraussicht besitzt, um einzusehen, daß die Juden wieder zehnmal in denselben Fehler verfallen werden; was von Gott und seinen Heiligen denken, welche die Hilfe ohnmächtiger Menschen bedürfen, ihre Anbetung und Erkennung in der Welt zu verbreiten! Das erste, was gewöhnlich die zu einer anderen Religion sich bekennenden Individuen, die wir die Sucht bekehren zu wollen haben, antworten, wenn wir sie mit den Grundlagen der unsrigen bekannt machen, ist: aber wie konnte man einen Gott kreuzigen? Wie kann ein Mädchen Mutter werden und doch eine Jungfrau bleiben? Wie sind drei Dinge eines und doch drei? -- Und was erwidern wir ihnen? -- Ja, das sind unerforschliche Geheimnisse der Gottheit, die großen Mysterien der christlichen Religion, über die man weder denken noch viel weniger sie einer Kritik unterwerfen darf. Dies allein wäre schon eine Sünde! -- Wir sind von der zartesten Kindheit auf gewöhnt, solche Dinge zu hören, wachsen dann mit dem Glauben an dieselben auf, und selbst den Vernünftigeren unter uns fallen sie wenigstens nicht mehr so sehr auf; aber Sie werden mir zugeben, meine Herren, daß wer zum erstenmal dergleichen erzählen und behaupten hört, sie allerdings für absurd, für eine Blasphemie, eine Satire auf die Gottheit selbst halten muß; sie erscheinen ihm ebenso toll als uns das Tier Al-borak mit seinen hundertvierzig Flügeln, das, ein Mittelding zwischen einem Esel und einem Maulesel, das Angesicht eines Menschen mit den Backen eines Pferdes gehabt hat und auf göttlichen Befehl den Propheten Mohammed mit Blitzesschnelle allenthalben hinbrachte, oder der Hahn, dessen Kopf durch alle sieben Himmel bis zum Thron Gottes reichte. Sie lächeln, und mit Recht, dennoch findet sich im ganzen Alkoran keine einzige Stelle, die aus dem Weltenschöpfer ein so leidenschaftliches, zorniges, rachsüchtiges, selbst inkonsequentes und wankelmütiges Wesen macht, als unsere sogenannte heilige Schrift, der widerlichen Obszönitäten, welche dieselbe enthält, gar nicht zu gedenken, wie die saubere Geschichte von Loths Töchtern und so weiter. Und dies ist das Grundbuch der christlichen Religion! -- Und unser Gott fand kein anderes Mittel, als einen Sohn zu zeugen, durch eines alten Zimmermanns Frau gebären zu lassen, die doch Jungfrau blieb, um seine Welt zu erlösen und glücklich zu machen!! Und dabei ist doch der ganze Zweck, nämlich des Glücklichmachens, verfehlt. Ich habe in meiner Jugend einen alten Mann, einen fleißigen Bibelleser gekannt, der, als einmal die Rede von der schlechten Welt war, erwiderte: >Ja, ist denn das ein Wunder? Gott hat sie in sechs Tagen gemacht, was kann man in sechs Tagen Großes machen; hätte er sich wenigstens sechs Jahre oder sechs Jahrhunderte Zeit dazu genommen, so wäre sie vielleicht leidlich geworden, so hat er sich offenbar übereilt.<«

Wir alle lachten.