Part 38
Den andern Morgen meldete ich mich in aller Frühe und machte auch dem Gouverneur, General Menou, meine Aufwartung, der mich nicht nur äußerst freundlich aufnahm, sondern mir selbst, zuredete, meinen Aufenthalt auf vierzehn Tage auszudehnen, da ich ja nichts zu versäumen habe und mir die Kommandantur von Velettri nicht entgehe. Von diesem ging ich zu den Gebrüdern Heinzelmann, deutschen Bankiers, an die ich Empfehlungsschreiben von Haus hatte und für eine kleine Summe akkreditiert war. Die ersten Tage meines Aufenthaltes brachte ich fast nur damit zu, die seltsame Stadt kennen zu lernen. Seltsam ist der richtige Ausdruck, denn alles ist sonderbar, ja einzig in ihr. Ihre Lage, ihre Geschichte, ihre Bewohner, ihre Sitten und so weiter, alles hat einen ganz eigenartigen Charakter. Man trifft dies nicht zum zweiten Male in der Welt an. Hundertfünfzig Inseln, die durch Kanäle getrennt und durch dreihundert Brücken wieder miteinander verbunden sind, scheint die große Stadt ein auf dem Meer schwimmendes Labyrinth, mit vielen krummen Gäßchen, in denen man sich ohne Führer gar leicht verirrt. Der große Kanal in Form eines schlecht geschriebenen Zweiers, teilt sie in zwei ungleiche Hauptteile. Die vielen schwarzen Gondeln, die man unaufhörlich in allen Richtungen fahren und kreuzen sieht, geben der Stadt ein düster bewegtes Leben, und die verödeten Marmorpaläste, welche eine längst vergangene Herrlichkeit andeuten, machen einen schwermütigen Eindruck auf das an diese Gegenstände nicht gewöhnte Auge. Anders jedoch gestaltete sich Venedig in früheren Zeiten, wo es beständig von Larven wimmelte, und namentlich im Karneval, wo die buntesten und barocksten Masken mit den schwarzen und scharlachnen Mantelträgern wechselten, wo die schwarze Nationaltracht der reizendsten fein- und weißhäutigsten Frauen entzückte. Ich habe nirgends geistreichere und ausdrucksvollere Frauenphisiognomien gesehen als in Venedig, deren feine Züge und etwas blasses Aussehen sie zu wahrhaft transparenten Schönheiten machen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Gerade diese Blässe bei einer fast durchsichtigen Haut, welche den Damen der höheren Stände eigen ist, und ihr schwarzes Feuerauge macht sie zu fast ganz geistigen, ätherischen Schönheiten, denen zwar das Majestätische der Römerinnen, das Frische der Toskanerinnen, der durchbohrende Blick der Genueserinnen abgeht, was aber ihr nymphenartiges Wesen hinreichend ersetzt, wenn es auch die Sinne vielleicht weniger aufregt. Zu diesem bunten Gewühl der Vorzeit denke man sich noch die unzähligen Pfaffen und Mönche aller Farben und Kutten, die hier, sowie die Nonnen, ein sehr freies, ja ausschweifendes Leben ganz ungestört führen konnten, so lange sie sich nicht in politische Intrigen einließen. Soldaten und Sbirren der Republik, aus allen Nationen geworben und in den wunderlichsten Trachten, Griechen, Armenier, Muselmänner, Bravi und Buli, Banditen eigener Art, dazu der Doge, die Signoria, der furchtbare Rat der Zehn, aus dem die noch schrecklicheren Drei hervorgingen, dies alles gestaltet ein so phantastisches Bild, wie es auch die ausschweifendste Einbildungskraft nicht bunter schaffen kann. Den ersten Tag fuhr ich in einer Gondel den Canal grande, der auf beiden Seiten mit den schönsten Palästen, oft Meisterstücken der Architektur, geschmückt ist, von einem Ende zum anderen, hin und zurück. Dann längs der Riva degli Schiavoni der Piazetta, wo die ehemals so verhängnisvollen Säulen stehen, an dem Palazzo Ducale, an den Schauergefängnissen und so weiter vorüber in den Kanal San Marco, dann durch den der Giudecca, durch einige kleinere Kanäle und endlich wieder in die Nähe des Sankt Markusplatzes, wo ich ans Ufer stieg. Dieser Platz, der einzige in Venedig, dem man diesen Namen beilegen kann, ist ringsum von Arkaden umgeben, unter denen sich Kaffeehäuser, Kasinos und so weiter befinden. Der kleinere Teil desselben, der an dem Meer liegt, wird die Piazetta genannt. Seine schönste Zierde ist die Sankt Markuskirche, ein Gebäude, das seiner sonderbaren Bauart halber mit den übrigen Sonderbarkeiten dieser Stadt harmoniert. Der seltenste und ausgesuchteste orientalische Marmor ist bei der Konstruktion dieses Tempels, der die kostbarsten Mosaikarbeiten aufzuweisen hat, verschwendet worden. Zwei Bürger Venedigs, die den Leichnam des heiligen Markus von Alexandrien zu Anfang des neunten Jahrhunderts hierherbrachten, den jedoch auch das Kloster Reichenau als einzig echt zu besitzen behauptete, waren die Veranlassung zum Bau dieser Kirche, zu welcher der Doge Partecipazio, dem toten Heiligen oder heiligen Toten zu Ehren, den Grundstein legte. Sein Bruder Giovanni, zugleich sein Nachfolger, vollendete das fromme Werk, ließ den Leichnam in einen kostbaren metallenen Sarg legen und in einem verborgenen Winkel der Kirche begraben. Als aber 976 das gute Volk gegen den bösen Dogen Candian aufstand und dessen Palast in Brand steckte, da ergriffen die nicht mehr zu bändigenden Flammen auch diese Kirche und verzehrten noch ein halbes Tausend anderer Gebäude. Der Nachfolger Candians war der fromme Orseolo, der den Markustempel größtenteils auf seine Kosten wieder prächtiger aufbauen ließ. Sein Nachfolger setzte das begonnene Werk fort, und nach einem Jahrhundert stand die Kirche in der Form da, wie man sie jetzt noch sieht. Die Mosaikarbeiten ließ größtenteils der Doge Selvo verfertigen und sie sind zum Teil so schön, daß man sie für vorzügliche Gemälde hält. Die Markuskirche ist sehr massiv und dauerhaft gebaut. Ihre Vorhallen bestehen aus fünf Bogen, über denen sich noch fünf andere Bogen, die durch eine Galerie von den ersten getrennt und sehr reich verziert sind, befinden. Diese mit unzähligen Säulen von Porphyr, afrikanischen, paphischen und anderen kostbaren Marmorarten versehenen Bogen bilden das Portal der Kirche mit fünf Eingängen, deren Türen von Bronze sind. Über dem mittleren, weit höheren Bogen standen die vier berühmten vergoldeten Sonnenpferde, die aber jetzt in Paris gastierten, und unter der Spitze desselben der große geflügelte Löwe, ebenfalls von vergoldeter Bronze, mit einer Tatze das goldene Buch festhaltend. Darüber befindet sich noch eine zweibeinige Statue des heiligen Markus, welche die vierbeinige in ihren Schutz zu nehmen scheint. Die vielen runden Kuppeln, welche über der Fassade der Kirche hervorragen, geben derselben ein sehr orientalisches Ansehen. Es sind deren fünf, in Kreuzform geordnet, alle sowie das ganze Dach mit Blei gedeckt und haben vergoldete Kreuze. Zwischen den oberen Bögen und auf beiden Seiten der Kirche sind viele gotische Spitztürmchen angebracht, die allerlei heiligem Gesindel von Stein zum Schutz dienen. Das Innere dieser Kirche entspricht dem Äußeren und soll der Sophienkirche ähnlich sein. Es ist aber mit Zieraten außerordentlich überladen. Der Hochaltar steht unter einem Baldachin von Serpentinstein, den vier weiße Marmorsäulen tragen. Das Tabernakel ist reich mit Diamanten, Rubinen, Smaragden, Perlen geschmückt. Hinter dem Hochaltar steht ein zweiter, der des Sakraments, der zwei Säulen von orientalischem Alabaster hat. Das Chor ist durch eine Säulenreihe von Porphyr von der übrigen Kirche getrennt, auf deren Gesimse steht Maria in Gesellschaft des heiligen Markus und der zwölf Apostel, alle in Lebensgröße aus Marmor gehauen. Auch der übrige Teil hat keinen Mangel an Statuen, Basreliefs, Monumenten und so weiter. Das ganze ist eine seltsame Mischung arabischer, griechischer, gotischer und orientalischer Architektur.
Der zu dieser Kirche gehörige, aber von ihr getrennt stehende Markusturm ist höher als der Münster zu Straßburg und also wohl der höchste Turm in Europa; auf ihm stellte Galilei seine astronomischen Betrachtungen an. Ich bestieg ihn, um das zu seinen Füßen liegende Venedig mit einem Male überschauen zu können, und wurde für die kleine Mühe reichlich belohnt. Man denke sich eine Ansicht von einer schwindelnden Höhe herab auf unzählige kleine, mit Häusern, Kirchen und Palästen bedeckte Inselchen, die mitten in der grünen Meeresflut eine große Stadt bilden, in deren Wasserstraßen Tausende von kleinen Schiffchen sich bewegen, und dann die Aussicht auf die weiter liegenden grünen Inseln, Klostergärten, bis auf das feste Land und in die endlose See, ein Panorama einzig in seiner Art. Der Bau dieses Turms ist ebenso wunderbar; er steht schon bald tausend Jahre auf seichtem und schlammigem Boden, ohne sich im mindesten gesenkt zu haben. Von dem Boden bis zum Glockengehäuse hat er eine doppelte Mauer, zwischen beiden führt eine ziemlich breite Wendeltreppe, die sich an allen vier Seiten allmählich hinaufwindet. Der Türmer dieses Gebäudes hat ein Gehalt von hundertundfünfzig venetianischen Zechinen, ohne die Akzidenzien, die in manchem Jahr das Fünffache betragen, da auch jedes Geläut für Privatpersonen besonders bezahlt wurde. Dieser Turm hat sechs Glocken, von denen eine nur bei Vollziehung einer öffentlichen Hinrichtung geläutet wurde; die anderen hatten ebenfalls ihre besonderen Bestimmungen: eine lud die Senatoren zur Versammlung ein, diese hieß die Drionona, eine andere kündigte die vierundzwanzigste Stunde oder den Sonnenuntergang an; um ein Uhr des Nachts (eine Stunde nach Sonnenuntergang) gab die sogenannte Nona den Wachen das Zeichen, sich auf ihre Posten zu begeben, und um Mitternacht avertierte sie die Patrouillen, ihre Streifereien zu beginnen. Die Trottiera gab schon am Abend das Zeichen zur Versammlung der Signoria für den folgenden Tag. Auch den Gerichten ward das Zeichen mit einer dieser Glocken gegeben, um im Palazzo zusammen zu kommen, ebenso den Kaufleuten für die Börse. Schon mehrmals hat der Blitz in diesen Turm geschlagen, 1401 kam sein oberer Teil durch ein Feuerwerk, das man bei Gelegenheit der Krönung eines Dogen veranstaltete, in Brand, wobei alles Holzwerk von den Flammen verzehrt wurde. Den 23. April 1745, als man gerade mit den Glocken das Sankt Markusfest für den folgenden Tag einläutete, schlug der Blitz zum zwanzigstenmal in den Turm, bis in die Fundamente desselben, und tötete drei Menschen.
Der Markus- oder Dogenpalast ist ein ebenso wunderliches Gebäude in seiner Art, wie die Markuskirche, von sehr gemischter Architektur; ich möchte ihn ein Phantasiestück, eine Veste, wie man sie in Märchen beschreibt, nennen. Sein Umfang ist an zweitausend Fuß. Hier zeigt man die Säle, in welchen die Zehnmänner, die furchtbare Staatsinquisition, und die geheimen Gerichte der Republik ihren Sitz hatten und ihre nächtlichen Verdammungsurteile sprachen, von denen nur die Leichen zeugten, welche den anderen Morgen verkehrt an Pfählen hingen oder die Lagunen manchmal zu Hunderten bedeckten, wie zum Beispiel bei der Verschwörung von 1618, über die man nie ganz ins reine gekommen ist. Hier ist auch die schauerliche Seufzerbrücke, die hoch in der Luft aus dem Palast über einen Kanal zu den fürchterlichsten Gefängnissen, den berüchtigten Bleikammern führte, in welchen man, wie die Venetianer sagten, aus den Gefangenen im Sommer Braten und im Winter Gefrorenes machte. Diese Brücke wurde die _dei sospiri_ genannt, weil man über sie oder vielmehr durch sie, denn es ist ein über dem Wasser zwischen hohen Mauern geführter, bedeckter Gang, von dem man fast nie den Rückweg aus diesen fürchterlichen Gefängnissen fand, ging. In den zum Teil prachtvollen Sälen dieses Palastes sieht man viele sich auf die wichtigsten Begebenheiten der venetianischen Geschichte beziehende Gemälde. An diesem unheimlichen Palast waren auch die Löwen, die ihre schrecklichen Rachen aufsperrten, nicht um Menschen zu zerreißen, sondern geheime Anklagen aufzufangen, wodurch die Staatsinquisitoren von wahren und falschen, durch Verleumdung und Rache eingegebenen Anklagen, von den Absichten unterrichtet wurden, welche Individuen gegen die Ruhe des Staates im Schilde führen sollten, die oft die unschuldigsten Schlachtopfer der abscheulichsten Bosheit und zu Tode gefoltert und gemartert wurden, so daß sie unendlich glücklicher zu preisen gewesen, wenn sie eine Beute der Löwen in der Wildnis geworden wären. Acht Tore führen zu diesem Palast, von denen vier auf den Kanal gehen, eines auf den großen Platz, zwei in die Kirche und das letzte auf die Piazetta. Durch das Tor am großen Platz kommt man in den großen Hof, in dem sich zwei große eherne Brunnen befinden und der mit antiken Marmorstatuen, unter denen ein Marc Aurel und Cicero ist, und anderen Verzierungen geschmückt ist. An der sogenannten Riesentreppe halten unten Adam und Eva und oben -- Mars und Neptun Wache! Hier wurden die Dogen gekrönt, und von dieser Treppe rollte das greise Haupt des mehr als achtzigjährigen Dogen Marino Falieri, durch das Schwert vom Rumpf getrennt, blutig hinab. In den Galerien dieses Schreckenspalastes findet man Meisterwerke eines Titian, Tintoretto, Paul Veronese und anderer. Im Untergeschoß sind die abscheulichen unterirdischen Kerker, Pozzi (Brunnen) geheißen, noch schrecklicher als die Piombi (Bleikammern). Es sind tiefe Löcher, die in den dicken Mauern der Fundamente angebracht sind und die dazu dienten, die Unglücklichen, die eines Staatsverbrechens angeklagt waren, einstweilen hinter doppelten Eisentüren hier zu verwahren, in einer verpesteten Luft, kaum durch einen matten Schimmer des Tages beleuchtet, der durch eine enge, viele Schuh lange Öffnung in der Mauer drang. Von hier wurden sie in die Folterkammern und dann gewöhnlich zum nächtlichen Tod geführt. In den Gemächern der Staatsinquisition sah ich noch die Winden, mit welchen man den Elenden die Arme rückwärts in die Höhe wand, um sie mit aller Bequemlichkeit foltern zu können. Die Bleikammern fand ich weniger schrecklich als ihren Ruf, und ich habe andere Gefängnisse gesehen, in denen Hitze und Frost dieselbe Wirkung und noch größere haben mußten.
Ein freundlicherer Anblick ist die Rialtobrücke, die aus weißem Marmor und einem einzigen, siebzig Fuß langen und über vierzig Fuß breiten Bogen besteht, auf beiden Seiten mit Buden besetzt ist und so ziemlich in der Mitte der Stadt über den großen Kanal führt. Sie ist immer sehr frequentiert, und da in ihrer Nähe die Schiffe anfahren, welche Lebensmittel herbeiführen, so ist der Verkehr hier sehr groß. Von hier aus kann man auch fast nach allen Teilen der Stadt vermittelst schmaler Gäßchen und vieler kleiner Brücken zu Fuß kommen.
Das außerordentliche, große und sehr merkwürdige Arsenal (es hat beinahe drei Miglien im Umfang) ist ganz von Wasser und starken Mauern mit zwölf Türmen umgeben; es liegt am äußersten Ende der Stadt; vier Löwen bewachen den Haupteingang, Morosini genannt. Der Peloponnesier brachte sie aus Griechenland hierher; zwei davon sind Meisterwerke der Bildhauerkunst, einer ist ein geheiligter Löwe aus Athen, wie eine Inschrift an demselben besagt, den man dem Denkmal der Schlacht bei Marathon entnommen glaubt und der also ein Alter von mehr als zweitausenddreihundert Jahren hatte; ein zweiter hat aber einen modernen Kopf. Canova erkannte sie für altgriechische Arbeit. Über denselben ist noch der geflügelte Löwe des Sankt Markus. Durch dieses Tor kommt man zuerst auf das Campo del Arsenale, ein anderes großes, durch welches die Schiffe aus- und einfahren, geht auf das Meer. In diesem Arsenal arbeiteten unter den Venezianern ganze Regimenter, die man Arsenaloten nannte. Seine Unterhaltung kostete der Regierung jährlich eine halbe Million Markustaler (anderthalb Millionen Gulden). Es enthielt wie das zu Toulon alle möglichen Werkstätten und Magazine für die Schiffsbaukunst und Ausrüstung der Flotten, und mit seinen Waffenvorräten konnte man an hunderttausend Mann bewaffnen. Alles, was hier verfertigt wurde, war mit dem Stempel des Sankt Markus bezeichnet, sogar die Nägel trugen ihn, und wehe dem, der etwas davon entwendete. Die venetianischen Schiffe waren zu ihrer Zeit wegen ihrer Dauer und ihrer Leichtigkeit berühmt. Das dazu verwendete Holz lieferten die Wälder Istriens und Dalmatiens, man ließ es aber zehn bis zwölf Jahre im Wasser liegen und dann an der Luft trocknen, bevor man es verarbeitete, wodurch es eine erstaunliche Härte erlangte. Die Arbeiter waren meist sehr geschickte Leute, die man gut bezahlte und die vom Vater auf den Sohn immer dieselbe Beschäftigung trieben. Dieses merkwürdige Arsenal war gewissermaßen eine Stadt in der Stadt, ja ein Staat im Staat, der von drei Nobili besonders regiert wurde, die alle drei Jahre Rechenschaft ablegen mußten. Das Oberhaupt der Arbeiter führte den Titel eines Admirals und war zugleich der Pilot des Bucentauren bei der seltsamen Zeremonie der Dogenvermählung mit dem Meer. Diese hatte folgenden Ursprung: Papst Alexander III. hatte sich vor dem deutschen Kaiser Friedrich I., der, gegen die Guelphen wütend, in Italien eingefallen war, inkognito und unter einem fremden Namen nach Venedig geflüchtet; der Kaiser hatte ihn für einen Antichrist und Feind des Reichs erklärt, dennoch wurden ihm, als man ihn zu Venedig erkannte, von dem Dogen Zioni und der ganzen Signoria alle seinem Rang gebührenden Ehrenbezeigungen erwiesen. Als dies Friedrich I. erfuhr, verlangte er dessen gewaltsame Entfernung oder Auslieferung von der Republik, die dies verweigerte, in einem Seegefecht die Gibellinen schlug und sogar den Sohn des Kaisers, Otto, gefangen nahm. Als der Doge so siegreich nach Venedig zurückkehrte, umarmte ihn der Papst vor allem Volk und schenkte ihm einen geweihten Ring, zu ihm sprechend: »Bedienet Euch desselben, um das Meer für immer an Venedigs Herrschaft zu ketten, und daß sie sich jedes Jahr aufs neue mit demselben vermähle.« Dies geschah sogleich, indem der Doge den geweihten Ring ins Meer warf, und Alexander III. sprach den Segen über diese Vermählung. Von jetzt an wurde diese Zeremonie jedes Jahr mit großem Pomp und Feierlichkeit wiederholt, und ein Prachtschiff, der Bucentauro, das nur allein an diesem Tag gebraucht wurde, eigens dazu erbaut. Ehe aber diese Trauung vor sich ging, mußte der Admiral des Arsenals, der selbst das Schiff dirigierte, jedesmal einen Eid schwören, daß sich die große Wasserbraut, das Meer, während der Zeremonie ruhig verhalten würde. Drei Reihen vergoldeter Statuen, die eine doppelte Galerie bildeten, trugen das Verdeck, unter dem die Ruderer sich befanden. Der Doge saß auf einer Art Thron, der auf dem Hinterteil des Schiffes angebracht war, neben ihm der päpstliche Nuntius und der französische Gesandte auf der einen und seine Räte auf der anderen Seite; über ihm wehte die Standarte des geflügelten Sankt Markus in Löwengestalt. Das ganze Schiff war überaus reich mit genuesischem purpurrotem Thronsammet und goldenen Stickereien und Fransen drapiert. Die Senatoren durften dieser Zeremonie nicht beiwohnen, aus Furcht, daß durch eine Verschwörung hier auf einmal die ganze Aristokratie Venedigs vernichtet werden könnte. Feierlich langsam fuhr das Schiff majestätisch unter dem Donner der Kanonen und in Begleitung unzähliger Barken und Gondeln, welche die Lagunen bedeckten, von der Piazetta ab. Sobald es im adriatischen offenen Meer war, erhob sich der Doge und empfing den geweihten Ring aus den Händen des Patriarchen, der die Worte Alexander III. wiederholte, worauf er den Ring in das Meer warf, und die Vermählung war vollzogen, der Bräutigam hütete sich aber wohl, das nasse Brautbett zu besteigen. Blumen und Kränze wurden in großer Menge in den Schoß der Braut geworfen, die aber dem Gatten nicht treu und hold blieb, sondern bald mit Spanien und Portugal, mit Holland und Frankreich und in der neueren Zeit besonders mit Albion buhlte, dem sie auch nicht ewig treu bleiben wird, denn schon beginnt sie mit Nordamerika zu schmunzeln.
Die Rüst- und Waffensäle des Arsenals enthalten sehr merkwürdige und seltene Waffensammlungen, Rüstungen, Schilder und so weiter aus allen Zeiten und besonders viele osmanische Trophäen; auch Attilas Helm wird hier aufbewahrt.
Unter den vielen Kirchen Venedigs, von denen ich nur die merkwürdigsten sah, ist Maria della Salute eine der prächtigsten. Sie verdankt ihre Entstehung der schrecklichen Pest, die 1630 Venedig heimsuchte, bei welcher Gelegenheit der geängstigte Senat das Gelübde tat, der die Gesundheit beschützenden Maria eine schöne Kirche zu bauen. Dies ging in Erfüllung, und der schöne Tempel mit seinen drei herrlichen Fassaden, zu denen viele Marmorstufen führen, wurde erbaut. Die Johannes- und Paulskirche ist wegen ihrer vielen Monumente von Dogen und Dogaressen, ihrem kostbaren Hochaltar und ihren großen Reichtümern berühmt; sie enthält auch mehrere Statuen ausgezeichneter Feldherren, die sich um die Republik verdient gemacht haben. Der Raum, auf dem diese Kirche steht, war eine sumpfige Insel, die der Doge Tripolo dreizehn Jahre nach dem Tode des heiligen Dominikus dessen geistlichen Kindern schenkte, die zuerst ein sehr einfaches Bethaus hier errichteten; als aber diese Dominikaner durch große Erbschaften und Almosen selbst sehr reich wurden, bauten sie nebst einem großen bequemen Kloster auch diese Kirche, mit die prächtigste Venedigs.