Part 37
Ich küßte nun das liebe Mädchen noch ein paarmal, ging dann auf mein Zimmer und nach Verlauf von ein paar Stunden wieder zu meinen gastfreundlichen Wirtinnen hinab, bei denen ich noch einige andere Wiener Damen vom hohen Adel traf, die sich, als sie hörten, daß ich ein Deutscher, und zwar aus dem Reiche wäre, wie sie alle deutschen, nicht zu Österreich gehörenden Länder nannten, bitter beschwerten, daß die deutschen Truppen, namentlich die Bayern, weit ärger als die Franzosen selbst in den kaiserlichen Erblanden hausten; an den letzteren aber hatten sie hauptsächlich auszusetzen, daß sie sogar keinen Unterschied zwischen dem hohen Adel und dem Bürgerpack machten, es ihnen gleich sei, ob sie eine hübsche Bürgersfrau oder eine Gräfin aus uraltem Haus vor sich hätten, und das Schlimmste sei, daß, wenn sie lange in Österreich blieben, das Volk am Ende auch von solchen verruchten Grundsätzen angesteckt würde. Schon merke man, daß die Wiener nicht mehr wie früher mit derselben ehrfurchtsvollen Untertänigkeit den hohen Herrschaften begegnen. Dies sei ein abscheulicher Jakobinismus und so weiter. -- »Halten zu Gnaden, meine Gnädigen,« sagte ich endlich, »wir sind aber doch am Ende alle aus demselben Teig geknetet.« -- »Das sind sehr schlimme Grundsätze,« meinte eine der Damen, »die noch allen Respekt über den Haufen werfen werden.« -- Gräfin Leonore suchte nun der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, lenkte die Sprache auf die Musik, und wir sangen den Damen etwas vor. Unter dem Gesang fragte ich sie, ob sie mir keine Antwort auf mein Briefchen zu geben habe, konnte aber nur ein »Stille!« von ihr herausbringen. Die Zeit zu dem Theater war herangekommen, die fremden Damen entfernten sich und wir fuhren in die >Kreuzfahrer<. Das Haus war zum Erdrücken voll, meine Wirtinnen fanden großen Gefallen an der Vorstellung, doch meinte die Mama, es sei sündhaft, Kirche, Klöster und Nonnen in der Komödie nachzumachen. Bei der Heimfahrt saß ich Leonoren _en face_ und machte gehörigen Gebrauch vom Kutschenrecht, ihr die Knie zusammendrückend, während ich meiner Nachbarin zur Linken, der Komtesse Elise, das zarte Händchen drückte. Beim Souper war fast von nichts anderem als der schönen Emma von Falkenstein, ihrem Kreuzritter Balduin und den beide rettenden Ungläubigen die Rede. Mama meinte: »Ich ließe mir das Stück noch gefallen, wenn es nur keine Türken wären, welche die Nonne vom Einmauern befreien und eine christliche Kirche so entweihen. Hätte sie denn der Kotzebue nicht lieber durch deutsche Ordensherren befreien lassen können? Aber das ist doch auch so ein halber Jakobiner, dem Gott seine Sünden verzeihen möge, solche Skandalstücke, wie: >Das Kind der Liebe< und >Don Ranudo de Colibrados< gemacht zu haben, wo er den hohen Adel dem Spott und Gelächter des gemeinen Pöbels preisgibt.« -- Als ich um zehn Uhr den Damen eine gute Nacht gewünscht, um mich auf mein Zimmer zu begeben, begegnete ich Theresen abermals auf dem Gange. Ich küßte sie wieder, zog sie trotz ihres scheinbaren Widerstrebens durch meine Stubentüre und ließ die hübsche Soubrette kaum zu Worte kommen. Endlich aber sagte sie: »Ihr Gnaden, nur jetzt nit, lassen's mi aus, die gnäd'ge Gräfin kann ja jeden Augenblick rufen oder gar selbst kommen, dann gäb's än schönen Spektakel, und Sie haben nix davon.« -- »Gut, ich will dich jetzt lassen, aber ich besuche dich heute nacht, wo ist deine Kammer?« -- »Aber i schlaf ja nit allein, die Toni (das Kammermädchen der alten Gräfin) schlaft ja mit mir in der nämlichen Stube.« -- »So komme du zu mir.« -- »Wenn's aber die Toni merkt?« -- »Sie wird nichts merken, wenn du es klug anfängst.« -- »Na, so lassen's mi nur jetzt aus, wann ich's halt machen kann, so komm i, die Hand drauf.« -- Sie gab mir die Hand, ich küßte sie nochmals, und husch war sie zur Türe hinaus. Noch zwei gute Stunden blieb ich, den dienstbaren Geist, in meinem Zimmer vergeblich wartend, auf, als aber die Geisterstunde geschlagen hatte und er dennoch nicht erschien, da warf ich mich, über die getäuschte Erwartung mißmutig, in mein Bett.
Den andern Morgen begab ich mich zur Parade abermals nach Schönbrunn. Zurückgekehrt, fand ich Eleonore wieder allein, und begann damit, ihr den guten Morgen durch eine Umarmung wünschend, ihr ihre Grausamkeit, die mich zur Verzweiflung bringen müsse, vorzuhalten, woran ich sie bat, doch Mitleid mit meinem Zustand zu haben, wenn sie nicht wolle, daß ich vor Gram und Kummer vergehen solle. Nach noch einigem Zieren drückte sie mir endlich ihr Mitleid durch Erwiderung meiner Küsse aus, und ich bat nun um Erhörung meiner heißesten Wünsche, womit ich jedoch noch ganze vierundzwanzig Stunden hingehalten wurde. Mutter und Schwester kehrten zurück, ehe wir uns noch an das Instrument gesetzt hatten, auch musizierten wir diesen Morgen nicht. Als ich vor Tisch auf mein Zimmer ging, fand ich Therese wieder am Ende des Korridors, die mir mit der Hand winkte, ich aber stellte mich, als wollte ich es nicht merken. Sie näherte sich nun und nickte dabei so freundlich mit dem Köpfchen, daß ich unmöglich widerstehen konnte und mich ihr mit den Worten näherte: »Daß du mich gestern abend so lange vergeblich warten ließest, verzeihe ich dir nimmermehr, du bist eine Erzschelmin.« -- »Schauen's, Ihr Gnaden,« flüsterte sie mir zu, »es tut's halt nit, daß ich auf Ihre Stuben komme, dann die gnäd'ge Mama und die jüngste Komtesse schlafen ganz in der Nähe, und hören, wenn sich ein Mäusel rührt; 's wird halt doch besser sein, Sie kommen zu mir.« -- »Aber Toni?« -- »Tut nix, die schläft wie än Ratz, wenn ich's Licht ausblase, sie verrät nix, sie waß schon warum; aber kommen's nit vor Mitternacht.« -- Ein Kuß bekräftigte den Vertrag und husch war das lose Mädchen verschwunden. Nach Tisch fuhr ich mit der Komtesse allein im Prater spazieren, und hier gelang es mir, die Erlaubnis, in der kommenden Nacht einen Besuch abstatten zu dürfen, auszuwirken. Denselben Abend verließ ich unter dem Vorwand von Kopfweh die Damen bald nach Tisch, und auf meinem Zimmer ungeduldig die übereingekommene Stunde abwartend, war ich unschlüssig, ob ich erst die Komtesse oder Therese besuchen solle. Doch entschied ich mich bald für die Dame. Die Zofe, dachte ich, bleibt dir immer, und dann hat sie dich ja in der vergangenen Nacht auch vergeblich warten lassen. -- Kurz vor Mitternacht, als im ganzen Haus alles still geworden war, schlich ich mich an der Gräfin Stubentüre, fand sie offen, und die Dame bei einer Nachtlampe in dem verführerischsten Nachtgewande, wie es schien, schlafend, und zwar sehr fest, denn ich hatte Mühe, sie wach zu machen, was erst der Fall war, nachdem ich schon ziemlich handgreiflich wurde. Es war gegen Morgen, als ich das hochgräfliche Zimmer verließ. Den anderen Tag sahen wir uns fast nur bei Tische, denn wir waren beide ziemlich müde. Ich machte es ärger als es war, und klagte über starkes Kopfweh, denn ich wollte die kommende Nacht mit der niedlichen Zofe zubringen. Diese traf ich nach Tische wieder auf dem Korridor vor meinem Zimmer, wo sie mich boshaft lächelnd fragte: »Nun, wie haben denn Euer Gnaden die Nacht zugebracht?« -- »Sehr ruhig, denn ich war sehr unwohl.« -- »So,« versetzte sie keck, »glauben's, Sie können mich so anplauschen? Was denken's? Ih weiß recht schön, wo Sie g'weß't sind. Schauen's, mir können's nix vormachen. Ih merk' alles, bei der Herrschaft sind's gewesen, und wann ih's nit schon so g'wußt hätt, so hätt' ih's doch bei'm Bettmachen gemerkt. Ih bin nit von heut.« -- Und dabei lachte die Spitzbübin recht schelmisch, und fuhr fort: »Aber Sie brauchen's si halt gar nit vor mir zu schenieren, wir können deshalb doch gute Freunde bleiben. Ih werd' niemand was davon sagen, nit ämol der Toni.« -- Ich drückte nun dem schnippigen Mädchen einen Dukaten in die Hand, küßte das vorlaute Mäulchen, und sagte: »Aber heut Abend darf ich doch kommen, nicht wahr?« -- »Ja, wenn's wollen, aber was wird meine Herrschaft sagen?« -- »Ich habe Kopfweh.« -- »Aber wenn's mi wieder anführen!« -- »Gewiß nicht, du bist selbst schuld daran gewesen, wärst du das erstemal gekommen, so ...« -- »O gehen's aus, S' wären doch zur Komtesse gegangen. Aber Sie haben recht, Sie brauchen sich nit zu schenieren.« -- Sie wollte noch weiter ihr Mäulchen spazieren lassen. Ich stopfte es ihr aber mit Küssen, ihr versichernd, daß ich heute nacht unfehlbar kommen würde und sie sich darauf so sicher als auf ihren dereinstigen Tod verlassen könne. -- »Sein's still vom Tod, davon will nix hören.« --
Diesen Abend machte ich mich unter dem Vorwand der Kopfschmerzen wieder bei Zeit vom Tische auf und schlich um Mitternacht auf den Zehen zur Kammer der Zofen, die ich leise öffnete und in der es stockfinster war. Nachdem ich mich einige Augenblicke mäuschenstill verhalten hatte, aber nicht einmal atmen hörte, hüstelte ich eins, zwei- und dreimal, und hörte endlich ein Gekicher auf der linken Seite, dem ich nachging und so im Dunkeln tappend an ein Bett kam, wo ich flüsterte: »Therese, bist du's?« -- Da ertönte ein Lachen von der entgegengesetzten Seite, wohin ich nun so schnell, als es mir die Finsternis gestattete, eilte. Hier erwischte ich einen Kopf, an dessen Hals ich hinabglitt und sagte: »Jetzt sollst du mir nicht mehr entgehen.« -- »Ach, ich bin ja nicht die Therese, ich bin Toni,« und hinter der Rednerin kicherte es wieder -- »Was, zum Henker, ihr liegt in einem Bett?« -- »Freilich, wir fürchten uns beide, allein zu sein.« -- »Doch nicht vor mir?« -- »Vor wem denn sonst?« -- »Wartet, das soll euch schlecht bekommen.« -- Husch war ich bei den Mädchen im Bett, bald rechts, bald links schäkernd. -- Den andern Morgen kam ich, was ich noch nie getan, erst zum Mittagessen zu den Damen hinab, noch immer über Kopfweh klagend, was auch mein Aussehen nicht Lügen strafte. -- >Bei Weibern, Lieb' und Wein und Kuß lebt' ich nun recht in Floribus< in der sich in ewigem Sinnentaumel befindenden Kaiserstadt, und knüpfte zuletzt auch noch ein zärtliches Verhältnis mit der schönen Braut, der Komtesse Elise, an, wohinter die nicht minder wie ihre Kameradin schelmische Toni kam, die mir dann, so oft sie mich sah, ein österreichisches Volksliedchen, das mit den Worten:
Es sind bereits schon hundert Jahr, Trallalililirallala, Daß in Wien ein Fräulein war, Trallalililirallala, Ein allerliebstes schönes Kind, Wie unsre Fräulein alle sind usw.
begann, vordudelte.
Mein Schlaraffenleben in Wien, während die anderen französischen Truppen daselbst bei Tag und Nacht keine Ruhe und den beschwerlichen Dienst hatten, konnte aber nicht ewig dauern, und es war hohe Zeit, daß ich an die Rückkehr nach Italien dachte; um so mehr, da ich auch noch eine kurze Zeit in Venedig, das ich nicht gesehen, und einigen anderen Städten, wie Ravenna, Ferrara und so weiter verweilen wollte. Einige Versuche und Schritte, die ich bei Duroc, Ney und ein paar anderen Generalen, um eine Versetzung zur Garde zu bewirken, machte, waren vergeblich gewesen. Ich ermannte mich nun, riß mich aus den Armen meiner Schönen, ließ Postpferde bestellen, und befand mich bald wieder auf dem Weg nach Italien.
Als ich von Wien abreiste, sprach man schon viel von dem nahen Friedensabschluß, gegen den sich manche Schwierigkeiten erhoben, und der erst im Oktober zustande kam. Ich wollte anfänglich über Linz, Salzburg, Innsbruck und so weiter gehen. Da mir aber auch dieses noch zu viel Zeit geraubt haben würde, so reiste ich auf dem Weg, den ich gekommen war, zurück. In Klagenfurt hielt ich mich ein paar Stunden auf und sah das Schloß und das Landhaus daselbst. Die Stadt hatte starke Mauern, die aber noch in demselben Jahre niedergerissen wurden. Von hier fuhr ich über das Städtchen Villach, ohne mich aufzuhalten, bis Ponteva, dem letzten Ort, der der weiland durchlauchtigsten Republik Venedig gehörte, und gewissermaßen das Eingangstor nach Italien von Kärnten aus bildete, da es in einer engen Schlucht liegt. Auch hörte hier mit einemmal die deutsche Sprache auf, und man findet sich nach Italien versetzt. Als ich eben abfahren wollte, brach mir eine Wagenachse, die ich vermittelst eines starken Bandes doch noch bis Udine haltbar machte, wo ich beinahe einen halben Tag verweilen mußte, bis der Schaden wieder repariert war. -- Udine ist eine ziemlich lebhafte Stadt, die an den Ufern des Tagliamento und des Isonzo in einer weiten fruchtbaren Ebene liegt und mehrere schöne Kirchen mit guten Gemälden hat. In ihrer Nähe ist das durch den Friedensschluß von 1797 berühmt gewordene Campo Formio, dem zu Ehren man eine Statue des Friedens auf dem großen Platz zu Udine errichtet hat. Auch die Ruinen des berühmten alten _Forum Julii_ befinden sich in der Umgegend. Nachdem die neue Achse gemacht war, setzte ich meine Reise fort. Je mehr man sich der Mark von Trevisa nähert, desto mehr scheinen Fruchtbarkeit und Wohlhabenheit zuzunehmen. Diesen Landstrich nannte man den Garten Venedigs. Trevisa selbst, das alte Tarvisium, liegt mitten in demselben, hat hübsche Plätze und eine schöne Kathedrale. Der Weg von hier nach Mestre führt durch Gärten und Weinberge an schönen Villen vorüber. Mestre ist ein wohlhabender Marktflecken, dessen Einwohner meistens Schiffer und Fischer sind. Hier schiffte ich mich samt meinem Gepäck auf einer Barke nach Venedig ein, denn ich hatte mir vorgenommen, in dieser seltsamen, merkwürdigen Stadt auf meiner Rückreise einige Tage zu verweilen.
XV.
Venedig. -- Sankt Markus-Kirche und Turm. -- Der Dogenpalast. -- Die Pozzi und Piombi. -- Die Rialtobrücke. -- Das Arsenal. -- Die Vermählungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. -- Venedigs Flor und Verfall. -- Der St. Markusplatz. -- Die Venezianerinnen. -- General Menou. -- Dessen religiöse Ansichten. -- Ein Mordanfall. -- Abreise von Venedig. -- Padua. -- Ferrara. -- Ravenna. -- Der Domgeist daselbst. -- Eine schöne Reisegefährtin. -- Velettri. -- Jagd in den Pontinischen Sümpfen. -- Abreise nach Paris.
Es war gegen Abend, als ich durch die Lagunen wogte, die feurigen Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die aus den Fluten majestätisch hervorragende Beherrscherin der Meere, die alte Dogenstadt und den Sankt Markusturm. Je mehr ich mich näherte, desto wundersamer wurde ich von ihrem Anblick ergriffen. Erst kürzlich hatte ich ihre seltsame und außerordentliche Geschichte wieder gelesen, und all diese grausen und abenteuerlichen Begebenheiten schwebten mir während der kurzen Überfahrt vor Augen. Einst so mächtig, frei und reich, machte sie mehr als einmal den von aller Welt gefürchteten Halbmond zittern, und jetzt beugte sie sklavisch ihr Haupt unter dem Joch des eisernen Szepters des Korsen. -- Was ist aus ihren Schätzen, ihrer Macht, ihren Siegen geworden? -- Die Namen Byzanz, Candia, Morea sind nur noch ein hohlklingender Schall. Jenes Venedig, vor dem sich ein Kaiser gedemütigt, in dem selbst die Macht der gefürchtetsten Päpste nur ein Schatten war, das, der Blitze des Vatikans spottend, die Jesuiten in vierundzwanzig Stunden zum Tempel hinausjagte, das Monarchen zu seinen Prunkfesten einlud, ihnen nach Gutdünken die Ehre, in seinem goldenen Buche zu stehen, erzeigte oder verweigerte, jenes Venedig war längst nicht mehr, und die jetzige Meerstadt schien nur noch das prächtige Grabmonument der verblichenen. Wer weiß, wie lange es dauert, so ist auch dieses ungeheure Prachtmonument der Marmorpaläste in den Fluten versunken, aus denen es emporstieg. Denn verödet waren seine Gebäude, in noch halbvergoldeten Marmorsälen hockte jetzt in einem Winkel oft ein halbverhungerter Schuhflicker, mühsam einige Gazette (ein paar Pfennige) zu verdienen. Nicht mehr öffneten sich die Fluten des Adriatischen Meeres, den bräutlichen Ring des herzoglichen Gatten zu empfangen. Hier und da sah man noch einen halb verstümmelten geflügelten Löwen, der gleichsam wie ein Warnungszeichen das Buch des unerbittlichen Schicksals in der Tatze hielt, und die Trümmer des Bucentaurus gingen ihrer völligen Auflösung entgegen. Die vielen schwarzen Gondeln erschienen mir beinahe wie ebensoviel schwimmende Särge.
Ich fuhr bei der Dogana vor, und nachdem ich mich gehörig legitimiert hatte, in die Stadt, wo ich in einem Albergo abstieg. Für diesen Abend war es zu spät, mich noch bei der Kommandantur zu melden und so ein Quartier zu erhalten. Aber kaum installiert, begab ich mich auf den nicht sehr entfernt liegenden Markusplatz, wo ich den ersten Abend promenierend oder an einem Kaffeehaus sitzend zubrachte und mir Sortis Beschreibung samt dem Plan von Venedig kaufte, um mich gehörig und baldigst zu orientieren.
So war ich denn endlich in der Stadt, so berühmt und gefürchtet durch ihre furchtbare Staatsinquisition, durch das mysteriöse und geheimnisvolle Verschwinden ihrer Individuen, wie durch ihre Banditen, ihre Folterkammern, Bleidächer, Pozzi, Verbrechen und durch die galanten Abenteuer ihrer schönen Frauen. Schon als Kind hatte ich mir immer gewünscht, einmal die Stadt zu sehen, in der Zschokkes Abällino und Flodoardo ihr abenteuerliches Unternehmen getrieben, und hielt diese für historische Personen, was ich nun zu ergründen mir fest vornahm.