Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 36

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Ich ging nun in dem Park von Schönbrunn spazieren, die Parade, die um zehn Uhr sein sollte, abwartend. Den Platz vor dem Schlosse hatte man so eingerichtet, daß die Truppen daselbst kampieren konnten. Der Garten war noch auf holländische oder französische Art angelegt. Schönbrunn, das nur eine halbe Stunde von Wien entfernt ist, war früher ein Jagdhaus, bei dem sich ein Tiergarten befand, aber 1685 bei der Belagerung durch die Türken ganz zerstört worden. Leopold I. ließ 1696 wieder ein Schloß daselbst erbauen und einen Lustgarten anlegen, der 1700 fertig wurde. Maria Theresia wählte diesen Ort zu ihrem Sommeraufenthalt. Aus dem vorhandenen Schlößchen machte sie ein schönes Lustschloß, sie erweiterte die Gärten, legte den holländischen Garten und eine Menagerie an, und traf Vorkehrungen, daß das hier vorbeiströmende Flüßchen Wien keinen so großen Schaden mehr durch Überschwemmungen anrichten konnte. Später wurden noch viele Statuen, die sogenannte Gloriette, die Neptunsgrotte und so weiter angebracht, und Joseph II. verwendete besonders viel Aufmerksamkeit auf den botanischen Garten. In dem großen Hof, in dem sich zwei Springbrunnen mit Gruppen von allegorischen Figuren befinden, können über siebentausend Mann paradieren. Das Innere des Schlosses hat einige schöne Säle, namentlich ist der Audienzsaal prächtig, auch sind in einigen Gemächern hübsche Malereien angebracht. Es hat eine Kirche, ein Theater, eine Apotheke und eine Manege. Was mich bei meinem Umherstreifen im Garten am meisten wunderte, war, die Statue eines Scävola und selbst die eines Brutus daselbst zu finden. Doch diese alten Herren sind bei den gutmütigen Wienern nicht gefährlich. An Teichen, Springbrunnen, Alleen und so weiter fehlte es auch nicht. Besonders sprach mich eine alte hochgewölbte Lindenallee an. Von der Platte der Gloriette, einer runden, auf Säulen ruhenden Glasgalerie, mit Trophäen und so weiter geschmückt, hat man eine schöne Aussicht über Wien hin bis zu dem Kahlenberg, und auf der entgegengesetzten Seite nach Baden zu. Die Königin Karoline von Neapel ließ im Jahre 1806 hier ein Denkmal, aus einer Granitsäule bestehend, setzen, dessen Inschrift besagt: daß es aus Liebe für Maria Theresia geschehen sei. Napoleon soll geäußert haben, man könne es mit geringer Abänderung zu einer Schandsäule jenes bösen Weibes, Karoline, machen. Dies ließe sich wohl noch auf gar manches andere Denkmal und namentlich auf die Napoleons selbst sehr gut anwenden. In der geräumigen Orangerie gab Joseph 1784 glänzende Feste und Bälle zu Ehren des Großfürsten Paul. Von den vierfüßigen Bewohnern der Menagerie, die ein Rondell bildet, in dessen Mitte sich ein Saal befindet, dessen Fenster auf die Behälter der Tiere gehen, und über welchen wilde Tiere abgemalt sind, hatten viele die Reise nach Paris machen müssen.

Punkt neun Uhr kam Napoleon mit seinen Marschällen, Generalen und einem glänzenden Gefolge die Stufen der Schloßtreppe herab, die Musterung zu passieren. Sich hier und da bei einem der Soldaten aufhaltend, dessen Gewehr und Tornister nachsehend, ließ er dann die Truppen nach einigen Handgriffen defilieren, und sprach mehrmals mit dem General Rapp. Als die Parade vorüber war, ging ich nach Wien zurück, wo ich bei der Kommandantur Erlaubnis eines längeren Aufenthaltes auswirkte, um mich von den gehabten Strapazen gehörig ausruhen zu können. Man hatte mir ein Quartier bei einem ziemlich wohlhabenden Bürger in einer entlegenen Gasse der Vorstadt Gumpendorf gegeben, das ich aber schon den zweiten Tag mit einem anderen in der Josephsstadt bei einer hochadeligen älteren Dame, einer geborenen ungarischen Gräfin, deren Mann, ein Graf C..., mit dem österreichischen Hof, bei dem er eine Stelle bekleidete, geflüchtet war, vertauschte. Hier befand ich mich nicht nur sehr wohl, sondern fand auch bald die angenehmste Unterhaltung und Zerstreuung. Die Dame hatte zwei schöne Töchter, von denen die eine neunzehn Jahre zählte und an einen Rittmeister, Grafen D..., der mit seinem Regiment bei der österreichischen Armee stand, verheiratet, die andere, noch ledig, kaum siebzehn Jahre zählend, aber die Braut eines österreichischen Stabsoffiziers war, der sich auch auf flüchtigem Fuß befand. Besser konnte ich es unmöglich treffen. Die beiden jungen Komtessen waren musikalisch, sangen recht artig, und die alte Gräfin war vergnügt, wenigstens einen Deutschen im Quartier zu haben. Zuerst hatte man mir das Essen auf die Stube geschickt, nach zwei Tagen aber hatte ich schon die Ehre, der Tischgenosse der Damen zu sein. Diese hatten außerdem noch zwei der artigsten Exemplare der berühmten Wiener Stubenmädchen, die diesem Korps in jeder Hinsicht alle Ehre machten, zu ihrer Bedienung.

Die ersten Tage brachte ich damit zu, die sich damals durch die feindliche Besitznahme in sehr peinlichen Umständen befindende Hauptstadt Österreichs zu besichtigen. Namentlich die Burg, Sankt Stephan, die Borromäuskirche, den Prater, den Augarten und so weiter. Die innere eigentliche Stadt ist winkelig gebaut und hat enge und krumme Gassen, deren Häuser sie düster machen. Schön sind der Burgplatz und der Graben mit der eben nicht sonderlichen Dreifaltigkeitssäule. Der Platz, »Am Hof« genannt, einer der größten, hat eine Säule zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Marias! Die neue Reiterstatue Joseph II. auf dem Platz, der den Namen dieses Kaisers führt, ist ein desselben würdiges Denkmal, das erst zwei Jahre früher in Erz hier aufgerichtet wurde, und dem Künstler, der es verfertigte, Zeuner, alle Ehre macht.

Wiens Vorstädte sind bei weitem freundlicher als die Stadt selbst. Es sind deren, wenn ich nicht irre, an oder gar über dreißig, von denen die Leopoldstadt die größte und durch einen Arm der Donau von der inneren Stadt getrennt ist. Rechts von ihr liegt der Prater, in dem besonders an Sonn- und Feiertagen das Getümmel sehr groß ist. Die große Mittelallee ist der Haupttummelplatz. Für die Befriedigung des Gaumens und Magens ist hier, sowie überhaupt an allen Vergnügungsorten Wiens hinlänglich und oft derb genug gesorgt. In Friedenszeiten, und wenn der Hof in Wien ist, soll der Zug der Equipagen und Reiter, die sich hier zeigen, oft sehr glänzend und prächtig sein. Dabei sollen sich die kaiserlichen Equipagen durch große Einfachheit auszeichnen, während die des reichen Adels an Pracht wetteifern und sich überbieten. Auf der linken Seite der Leopoldstadt liegt der Augarten, der manche hübsche Partien hat und für nobler als der Prater gilt. An diesen stößt die Brigittenau, mit hübschen Promenaden und der Aussicht auf die Donau. Wien liegt am südlichen Ufer der Donau, in einer trefflich angebauten Gegend. Das Flüßchen Wien, welches anderthalb Stunden von der Stadt in dem Wienerwald entspringt, ergießt sich in derselben in die Donau. -- Die Theater der österreichischen Hauptstadt, selbst das durch seine abenteuerlichen Spektakelstücke so berühmte >an der Wien< können, wenn man die Prachtbauten dieser Art in Italien gesehen hat, keinen besonderen Eindruck mehr machen. Dagegen sieht man ungeheure Kasernen. Auch die fast noch rauchenden Schlachtfelder von Aspern, Eßlingen und Wagram besuchte ich zu Pferde.

Die Franzosen, die kein Deutsch verstanden, hielten während ihres damaligen Aufenthalts das Wiener Volk für sehr aufgebracht gegen sich und fürchteten ähnliche Auftritte wie in Madrid. Ich mußte über diese Befürchtungen lächeln. Die guten Wiener dachten an nichts weniger als an Aufstände, sondern gingen, besonders seitdem der Waffenstillstand geschlossen war, wieder in aller Harmlosigkeit ihren gewöhnlichen Vergnügungen nach. Die Stimmung vieler Einwohner war im Gegenteil der damaligen Regierung Österreichs eher feindlich gesinnt. Sie beschuldigten dieselbe laut der drückendsten Willkür, sowie sie ihr durch ihre Mißgriffe und Dummheiten das jetzige Unglück Wiens und des Staates zuschrieben, und die Bürger sagten laut: wir zweifeln, daß selbst diese derbe Lektion unsere Regierung bessern wird, unser guter Kaiser ist blind gegen die Urheber seines Unglücks, und wenn die Franzosen wieder fort sind, ist's halt wieder die alte Leier. Dabei ließ man sich aber nichts abgehen, und ich hatte allenthalben Gelegenheit, die berühmte Eß- und Trinklust der Wiener zu bewundern. Als nach dem 18. Juli der Zugang in die Gärten zu Schönbrunn, den Prater, den Augarten und so weiter wieder erlaubt war, eilte halb Wien in den Prater, und nach Verlauf von einer Stunde war in den Garküchen und Buden daselbst auch für Gold kein Stückchen Brot mehr zu haben.

Der Waffenstillstand sollte anfänglich nur einen Monat, mit vierzehntägiger Aufkündigung dauern. Durch die hinausgezogenen Friedensunterhandlungen verlängerte er sich aber über drei Monate. Den 31. Juli hatte Erzherzog Karl, der einzige österreichische Feldherr von Bedeutung, mit dem Benehmen der Regierung und des Hofes höchst unzufrieden, das Kommando der Armee, als deren Generalissimus, niedergelegt, das nun Kaiser Franz selbst, eigentlich Fürst Lichtenstein, übernahm.

Wien mußte unterdessen ungeheure Lieferungen in Naturalien an die Franzosen machen, worunter über zweihunderttausend Ellen Tuch, noch mehr Leinwand, an vierhundert Zentner Leder, ungeheure Quantitäten Fourage, Stroh, Holz und so weiter, sowie zehn Millionen bares Geld Kriegssteuer bezahlen. Dabei waren die sonst so barschen und durch ihre gemeinen Grobheiten berühmten österreichischen Unterbeamten, die sie sich gegen jeden nicht in höherem Amt und Würden Stehenden erlauben, so geschmeidig und niederträchtig kriechend gegen das französische Militär und die Employés, daß es wahrhaft ekelerregend war. Was die Wiener am meisten freute, war, daß jetzt in den Theatern auf Veranlassung mehrerer Offiziere alle die Stücke aufgeführt wurden, die unter dem österreichischen Gouvernement verboten waren, sowie mehrmals in den Zeitungen bekannt gemacht wurde, daß alle durch eine engherzige und beschränkte Zensur verbotenen Bücher zu haben seien, indem die Zeit erschienen, in welcher man den Geist nicht mehr in Fesseln schlagen dürfe! -- Und doch war Napoleon derjenige, der ihn, wie nie ein Tyrann vor ihm, in Fesseln zu schlagen versuchte. Eines der verboten gewesenen Stücke, das am meisten Beifall fand, waren Kotzebues >Kreuzfahrer<, die man >an der Wien< aufführte. Die ganze Stadt wollte das Einmauern einer Nonne, Kloster, Kirche und Nonnen auf dem Theater sehen, und das Haus hatte nicht Raum genug für die drängenden Massen. Auch Stücke, die bisher, durch eine erbärmliche Zensur auf das unsinnigste beschnitten, gräßlich verstümmelt gegeben worden waren, wurden nun unbeschnitten und wie sie der Autor geschrieben, wie zum Beispiel >Wilhelm Tell<, unter großem Jubel aufgeführt, und man lachte über die literarischen Henkersknechte, die sie ihrer besten Stellen beraubt hatten. Aber aus den Archiven, Bibliotheken, Kunstsammlungen wurde das Beste und Seltenste nach Paris geschafft.

In dem eigentlichen Hof- oder Burgtheater, das man auch Nationaltheater, eine wahre Satire, nannte, wurden während meiner Anwesenheit französische Stücke aufgeführt, und ich sah >_Adolphe et Clara_<, >_Le Secret_<, >_La banqueroute du Savetier_< und so weiter daselbst geben. Am Kärtnertor wurden manchmal italienische Opern >_Il Matrimonio segreto_<, >_Sargino_<, >_La molinara_< und so weiter gegeben. Im Theater zu Schönbrunn wurden meistens italienische Opern und Ballette aufgeführt. An deutschen Stücken sah ich zum erstenmal: >Die Schweizerfamilie<, >Ostade<, den >Wald bei Hermannsstadt< und so weiter. Einer Vorstellung des >Don Carlos< wohnte ich bei, die eben nicht zu den ausgezeichnetsten gehörte.

Den 15. August wurde das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt mit großem Pomp gefeiert, alle Schiffe auf der Donau waren bunt beflaggt und bewimpelt, der Donner der Kanonen kündigte nach allen Weltgegenden hin das hohe Fest des Diktators des europäischen Festlandes an. In Schönbrunn war große Parade, das Schießen und Glockengeläute schien gar kein Ende nehmen zu wollen. In Sankt Stephan, wohin sich die ganze Generalität, den Vizekönig Eugen an ihrer Spitze, begab, wurde ein feierliches Hochamt gehalten und das Tedeum gesungen. Die Bürger mußten Spaliere mit den Truppen bilden, bei dem Gouverneur war großes Diner. Mit einbrechender Nacht wurde ganz Wien mit allen seinen Vorstädten beleuchtet, und ein prächtiges Feuerwerk prasselte in die Lüfte. Unter den vielen, selbst von Wiener Bürgern illuminierten und passend angebrachten Transparenten las man auf einem derselben: >_Zur Weihe An Napoleons Geburtstag!_< War man aber nicht ganz in der Nähe, so las man: >__ZWANG!__<, weil die anderen Buchstaben so klein waren, daß sie schon in einer geringen Entfernung verschwanden. Ohne sich eine starke Blöße zu geben und sich zu blamieren, konnte man nicht wohl dem Mann, der so illuminierte, etwas anhaben.

Berthier, Massena und Davoust erhielten an diesem Tag die fürstliche Würde, mehrere tausend Kreuze der Ehrenlegion wurden ausgeteilt, und die Errichtung eines neuen Ordens, des der drei goldenen Vließe, verkündet.

Napoleon kam indessen nur wenig, meistens im strengsten Inkognito und bei Nacht, in Zivil gekleidet, gewöhnlich von Duroc und Berthier begleitet, nach Wien, und so besah er auch die ihm zu Ehren gemachte Illumination. Zeigte er sich am Tage zu Pferde oder wurde man ihn gewahr, so war er schnell von einer ungeheuren Volksmasse umringt. Auch der Wiener Adel suchte in seine Nähe zu kommen und gab sich unsägliche Mühe, ihm vorgestellt zu werden oder wenigstens den theatralischen Vorstellungen zu Schönbrunn beiwohnen zu dürfen, zu denen der Zutritt nicht jedermann gestattet war.

Trotz den Friedensunterhandlungen benutzte Napoleon die Zeit des Waffenstillstandes auf das beste und ließ Wien und seine nächsten Umgebungen in einen furchtbaren Verteidigungszustand setzen. Namentlich waren es die Werke am Spitz, welche ihn beschäftigten, und zu deren Gunsten man die schönsten Häuser demoliert hatte. Vor dem Brückenkopf wurden sechs große Redouten angelegt, die gewissermaßen ein verschanztes Lager bildeten. Am Spitz und am Tabor wurden Magazine für Pulver und Lebensmittel gebaut, sowie ein Artilleriepark mit achtundvierzig Geschützen versehen. Auch Minen, Lünetten, Tambours, Blockhäuser und so weiter fehlten nicht, wo man sie für nötig erachtete, und in dem Lager an dem Spitz hatte man Baracken aus den Balken, Brettern, Türen und Fenstern niedergerissener Häuser, Ställe und Scheunen erbaut.

Unterdessen war ich in meinem angenehmen Quartier recht heimisch geworden und fand meine Wiener Damen für den Sinnengenuß sehr empfänglich. Zu der Mama der beiden Komtessen war ich, des Sprichwortes eingedenk: >Wer die Töchter haben will, muß der Mutter den Hof machen<, recht artig und gefällig, lebte jetzt in dem Haus wie der Vogel im Hanfsamen, war der Hahn im Korb bei fünf Hühnern, die alte Henne und die zwei hübschen Kammerkätzchen inbegriffen, die alle vergnügt waren, daß ich deutsch sprach, da die Mädchen gar nicht und die Komtessen nur ein sehr schlechtes gebrochenes Französisch sprachen, obgleich sie mehrere Jahre die französische Sprache studiert hatten. Allerdings mit Hilfe der durch ihren geistreichen Inhalt berühmten Meidingerschen Grammatik, die damals noch weit fehlerhafter und abgeschmackter war als später, nachdem Debonal den großen Meidinger wegen seiner Fehler und Absurditäten gegeißelt hatte. Die Mama hatte den Kindern und dem Gesinde empfohlen, ja recht artig gegen mich zu sein, damit es keine Unannehmlichkeiten mit der Einquartierung absetze, und dieser weise Rat ward von den gehorsamen Töchtern und Mädchen bestens befolgt. Während die jüngere Tochter, Komtessa Elisa, mit der Mama morgens die Kirche besuchte, musizierte ich mit der älteren, Gräfin Eleonora, studierte italienische Duettini mit ihr ein, und sang den zweiten oder dritten Morgen das Duett aus Winters >Unterbrochenem Opferfest<: >Wenn mir dein Auge strahlet< mit ihr, wobei ich aber den Text meiner Partie aus dem Stegreif veränderte, so daß aus dem phlegmatischen kalten englischen Eisblock Murney ein feuriger, sich Myrrhas Wünschen hingebender Liebhaber wurde. Eleonore fragte nun errötend: »Aber was machen Sie denn da, Sie singen ja ganz andere Worte, als da stehen.« -- »Um Vergebung, meine Gnädige, ich sang gerade, wie es mir meine Gefühle eingaben, die mich unwiderstehlich hinrissen.« -- »Aber nein, Sie müssen halt so singen, wie es da g'schrieben steht.« -- Diese Worte waren, wenn auch im österreichischen Dialekt, der in dem Mund hübscher Frauen ebenso angenehm, als in dem der Männer unausstehlich widerlich klingt, in einem solchen Ton und mit so lieblich lächelnder Miene gesprochen, daß ich wohl sah, wie wenig es ihr Ernst damit war. Ich erwiderte nun, daß ich mein möglichstes tun wolle, so wie sie es verlange, zu singen, affektierte aber, als koste es mich unsägliche Mühe, den richtigen Text herauszubringen, und sang dabei ohne allen Ausdruck. -- »Aber nehmen Sie es mir nicht übel,« fiel mir die Komtesse jetzt wieder ein, »Sie sangen soeben weit besser.« -- »Ja, meine Gnädige, so geht es, wenn man etwas _contre coeur_ tut. Wenn ich singen möchte: >Ach wahre dieses Feuer, die Liebe ist mir Pflicht!< statt >Ach dämpfe dieses Feuer, uns trennet meine Pflicht!<, so kann ich, da dies ganz gegen meine Gefühle ist, auch nur kalt und gefühllos singen.« Ich veränderte nun dennoch manchmal den Text, indem ich trotz dem Verbot alle Augenblicke etwas improvisierte, und die Gräfin lächelte. Als das oft unterbrochene Duett zu Ende war, sagte sie: »Gott sei Dank, lassen Sie uns jetzt etwas anderes singen.« -- »Mit Vergnügen, meine Gnädigste, etwa das kleine Duett aus dem >Don Juan<?« -- »Welches?« -- »Reich mir die Hand, mein Leben.« -- »Ich will wohl, aber ich habe den >Don Juan< nicht.« -- »Aber ich.« -- »Sie erlauben einen Augenblick,« und husch war ich zur Türe hinaus und in wenig Sekunden mit meinem Klavierauszug zurück. -- »Wollen's nit auch den Text verändern, Herr von Fröhlich?« (in Wien nennen sie alles >von<) wurde ich nun schalkhaft gefragt. -- »Behüte der Himmel, meine Gnädige, der ist vortrefflich.« -- »Nun so werd' ich's halt tun.« -- »Bitte, ja nicht.« -- Wir sangen, und Eleonore versuchte wirklich, zu improvisieren. Aber es wollte ihr durchaus nicht gelingen, denn sie konnte das zur Musik passende Silbenmaß nicht treffen. -- »Sehen Sie, meine Gnädige, es will nicht gehen, Mozarts Musik verträgt keine Worte, die nicht zu ihr passen. Singen wir das Duett, wie es da steht.« -- »Aber nicht bis an das Ende, wo sich Zerline ergibt.« -- »O doch, meine Gnädige, dies ist ja gerade der schönste Moment. Wenn nur das Unglück keine störende Elvira herbeiführt.« -- Ich schlug ihr nun vor, mit Aktion zu singen. -- »Wie meinen Sie das?« -- »Je nun, meine Gnädige, die Handlung, welche der Text besagt, durch Mienen und Bewegungen auszudrücken.« -- »Ah so, Komödie spielen! Bewahre der Himmel, in allem Ernst.« -- »Seien Sie ruhig, wir wollen singen.« -- Ich sang nun: »Reich mir die Hand, mein Leben,« und wagte es, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu schlingen, erst ganz leise und dann _crescendo_ bis zum _fortissimo_. -- »Aber, mein Gott, was machen's?« -- »Ich singe mit Aktion, da geht es besser.« -- »Aber wie kann ich so spielen?« (sie akkompagnierte). Sie fuhr indessen zu spielen fort, und als wir an das Allegro kamen und die Worte: >So laß uns ohne Weilen der Lust entgegen eilen< sangen, drückte ich sie innig an mich und küßte ihre schöne Stirne. -- Jetzt sprang sie vom Klavier auf, aber ich faßte sie, küßte sie auf den Rosenmund und wollte trotz Sträuben und Ach mit ihr ins Seitengemach. Da ging plötzlich die Stubentüre auf und herein trat ihr allerliebstes Kammerkätzchen Therese. Als ich jedoch den Druck der Klinke hörte, hatte ich mich schnell aus den Armen der Gräfin gerissen und stand kerzengerade wie ein Grenadier in ehrerbietiger Stellung vor der Dame, da das Mädchen die Türe geöffnet hatte, das um ein Kommodeschlüsselchen bat. Ihre Herrin fuhr sie aber mit den Worten an: »Dummes Ding, weißt nit, daß es auf meiner Toilette liegt?« -- »Verzeihen's, Ihr Gnaden, ih hab's do halt nit finden können.« -- »So suche wo anders, hab's nit.« -- Und so war die Zofe abgefertigt; kaum zur Türe hinaus, sagte die Dame: »Was wird das Mädel denken?« -- »Nichts, meine Gnädige,« erwiderte ich, die Hand küssend, »als sie hereinkam, stand ich schon drei Schritte von Ihnen entfernt.« -- Ich drückte nun die niedliche Hand an meine Brust, schloß die Besitzerin derselben halb mit Gewalt in meine Arme und bedeckte ihren Mund mit Küssen. Röter und röter färbte sich die Glut ihrer Wangen, da rollte ein Wagen vor, und die gnädige Mama, mit der jüngeren Tochter aus der Kirche kommend, trat bald darauf ins Zimmer, wo sie uns beide so emsig am Klavier musizierend fand, daß sie ihre Freude daran hatte. Komtesse Elise stellte sich neben uns, zuhörend. Wir spielten und sangen nun noch eine Weile und kamen dann überein, daß ich die Damen diesen Abend in das Theater in Zivilkleidern begleiten dürfe, wo die >Kreuzfahrer< wiederholt wurden. Ich ging auf mein Zimmer, schrieb ein Billettchen an die Gräfin Leonore, in welchem ich ihr die Glut meiner unendlichen, ewigen Liebe mit den feurigsten Worten schilderte, und sie am Schluß um Erhörung und eine ungestörte Zusammenkunft bat. Das Billett ließ ich ihr beim Dessert -- ich saß immer zwischen ihr und der gnädigen Mama -- unvermerkt auf den Schoß fallen, sie dabei mit den Knien anstoßend. Sie deckte es mit der Serviette zu, und wußte es dann ebenso unvermerkt in den Busen zu bringen. Bald nach Tisch entfernte ich mich unter einem Vorwand, um ihr Zeit und Gelegenheit zu geben, es zu lesen, und kam in einer Stunde zurück, die Damen zu einer Spazierfahrt einladend. Als wir heimkamen und ich mich auf mein Zimmer begab, begegnete ich Theresen auf dem Gang vor demselben, die mich lächelnd grüßte. Ich fragte, warum sie lache. -- »O das werden Euer Gnaden halt schon g'merkt haben.« -- Ich nahm sie bei der Hand, und ihr diese drückend, sagte ich: »Du bist ein Schelm, aber sei hübsch verschwiegen, dann soll es dein Schaden nicht sein,« und küßte sie dabei. -- »Ihr Gnaden sind's halt doch än loser Vogel,« meinte sie. -- Ich drückte ihr nun ein paar Gulden in die Hand, sie nochmals küssend, ihr Stillschweigen empfehlend, und sie bittend, mir bei ihrer Herrschaft das Wort ein wenig reden zu wollen. -- »O das ist gar nit notwendig,« platzte sie jetzt heraus, »Ihr Gnaden haben meiner Herrschaft gleich g'fallen, und wie Sie den ersten Tag z'uns ins Quartier kommen sind, hat d'gnädig Frau g'sagt: >'s doch ein ganz ander Ding, so a französ'scher Offizier, als uns're steifen Holzblöcke, mit denen gar nix anz'fangen is, so aner draht sich halt zehnmal rum, bis unser einer den Fuß nur lupft, 's is halt ka Wunder, wenn's so von ihnen klopft werd'n<; und dann fragt's mi in am weg, was Sie schaffen tun, ob's z'Haus sind un so mehr.« --