Part 32
Die kleine Seereise war mir trotz mancher Unbequemlichkeiten und schlechter Lagerstätte doch ziemlich gut bekommen. Von Agde, einem kleinen Seehafen im Departement Herault, durch ein Konzilium, das hier gehalten wurde, bekannt, fuhr ich sogleich über Frontignan, wegen seines trefflichen Muskatweins berühmt, nach Montpellier ab, wo ich in einem guten Gasthof abstieg, dann den Herren Michel und Gayral meine Ankunft meldete, die mich mit allem, dessen ich bedürftig war, bestens versahen. Nachdem ich mich bei dem jetzt hier kommandierenden General Sissé gemeldet, teilte mich derselbe einstweilen dem hier liegenden Depot eines Infanterieregiments bis zu meiner völligen Genesung zu, und das gesunde Klima von Montpellier stellte mich bald wieder her. Ich schrieb an den Kriegsminister und bat den General, bei dem ich öfters zu Tische war, um dessen Verwendung, damit ich möglichst bald wieder in Aktivität kommen möge. Die Legion, bei der ich gestanden, war so gut wie vernichtet und aufgelöst. Ich wünschte sehr, wieder in Italien verwendet zu werden; Spanien hatte mich, trotz seiner wunderbaren Schönheiten und seiner romantisch-heroischen Berühmtheit, nicht besonders angesprochen; wir standen den Einwohnern viel zu schroff gegenüber, als daß man an ein nur leidliches Verhältnis mit denselben denken konnte. Mein Begehren wurde mir gewährt und ich zum 29. Infanterieregiment versetzt, das im Königreich Neapel stand. Die Marschroute dahin erhielt ich ausgefertigt, fand Gelegenheit, mich in Cette auf einer nach Civita-Vecchia bestimmten Kanonierschaluppe einzuschiffen und kam ohne Unfall nach sieben Tagen, immer längs den Küsten fahrend, glücklich in diesem Hafen an, von wo ich sogleich nach Rom abging. Nachdem ich Torlonia und Gertrude besucht, die auf einer nahen Villa wohnte, setzte ich mit einem Vetturino die Reise nach Neapel fort, wo ich gegen Ende September, denselben Tag, an welchem auch die neue Königin von Neapel, Murats Gattin und Napoleons Schwester, die schöne Karoline, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, ankam. Murat hatte Spanien schon früher verlassen, da ihn sein Schwager zum König von Neapel dekretiert, um ihn für das Nichtbesteigen des spanischen Thrones zu entschädigen. In den ersten Tagen des September hatte er mit ungeheurem Pomp, unter dem Zulauf des staunenden Volks Besitz von seiner Hauptstadt genommen.
Das Regiment, dem ich jetzt angehörte, lag zum Teil in Neapel, zum Teil in Cosenza und der Umgegend und war eines von denen, welche die meiste Erbitterung gegen die Neapolitaner und besonders gegen die Kalabresen hegten, denn man hatte vor einiger Zeit eine Voltigeurkompagnie desselben auf das hinterlistigste gemordet. Dieselbe hatte durch den Silawald marschieren müssen, um sich von Catanzaro nach Cosenza zu begeben, sich aber auf dem Marsch verirrt und kam in die Nähe eines Dorfes, Gli Parenti genannt, das ein Hauptschlupfwinkel der Briganten und namentlich derer, die zu der Bande des Francatrippa gehörten, war. Die Einwohner, die im besten Einverständnis mit den Räubern standen, steckten ihnen sogleich das Verirren dieser Truppen und beschlossen, denselben eine Falle zu legen, in welcher sich der die Kompagnie kommandierende Kapitän auch nur zu leicht fangen ließ. Als sich die Truppen dem Dorf näherten, kam ihnen Francatrippa, der sich nicht getraute, im offenen Kampf sich mit dem Feind einzulassen, entgegen, gab sich für den Kommandanten der Guardia Civica oder Nationalgarde aus und lud den Kapitän, seine Offiziere und sämtliche Mannschaften ein, einige Erfrischungen in dem Ort zu nehmen. Ohne alles Mißtrauen wurde das Anerbieten dankbar angenommen, und die Offiziere ließen sich, durch die anscheinende Gastfreundlichkeit der Kalabresen verführt, unvorsichtig in ein ansehnliches Haus nötigen, um die vorgestellten Speisen einzunehmen. Der Kapitän ließ seine Leute die Gewehre in Pyramiden vor das Haus stellen, und man brachte nun den Soldaten reichlich Wein, Brot und Käse, sie freundschaftlichst ermunternd, zuzusprechen. Als es sich nun alle recht sorglos wohlschmecken ließen und die gastfreien Bewohner des Ortes rühmten, da fällt plötzlich ein Schuß aus einem Fenster, und in demselben Augenblick werden auch die drei Offiziere in dem Zimmer, in dem sie sich befinden, ermordet; zu gleicher Zeit wird aus allen Fenstern und Türen der umliegenden Häuser auf die entwaffneten Truppen geschossen, und es regnet eine solche Masse von trefflich gezielten Kugeln, daß die meisten Soldaten tödlich getroffen niederstürzen, noch ehe sie nur Zeit gehabt, zu ihren Gewehren zu greifen. Alle bis auf sieben wurden niedergemacht; diese entkamen glücklich nach Cosenza, wo sie Bericht über die Greueltat abstatteten. -- Die Sorglosigkeit des Kapitäns in einem so feindlich gesinnten Land, das von Insurgenten wimmelte, war unverzeihlich; mir wäre dies wenigstens nicht passiert, denn ich hätte jedenfalls Vorsichtsmaßregeln genommen, die eine solche Überrumpelung unmöglich gemacht hätten. -- Sobald diese Tat in Cosenza bekannt war, wurden sogleich vierhundert Mann nach Gli-Parenti abgeschickt, mit dem Befehl, das Dorf niederzubrennen und alle Einwohner über die Klinge springen zu lassen; aber man fand auch keine lebende Seele in dem Ort, die Einwohner hatten sich vor Annäherung der Truppen in die unzugänglichsten Wildnisse geflüchtet; ihre Wohnungen wurden in Asche gelegt. Wären die sieben Soldaten nicht entkommen, so wäre diese Kompagnie spurlos verschwunden, ohne daß man je erfahren, was aus ihr geworden.
Mir war bei dem Regiment das Kommando der Karabinierkompagnie des zweiten Bataillons geworden, deren Kapitän vor kurzem an den in Kalabrien erhaltenen Wunden gestorben war, bald darauf wurde ich aber zum ersten Bataillon versetzt, weil auch die Musik des Regiments wieder unter meinen Befehl gestellt wurde. Von dem Regiment Y., bei dem ich früher stand, war das erste Bataillon nebst dem Stab noch immer in Castellamare, das zweite aber, bei dem Herr von Gasqui, Caguenec und so weiter standen, nach Tarent abmarschiert und daselbst eingeschifft worden, um nach der Insel Korfu gebracht zu werden, wo es auch mit _Armes et bagages_ und seinen Frauen glücklich ankam. Auch ich sollte später die Insel kennen lernen. -- Helene Cramer war noch mit ihren Eltern in Castellamare, aber die Braut eines neapolitanischen Bataillonschefs. Das Liebhabertheater in Giesù nuovo war durch das Abgehen der Madame Gasqui, die nach Korfu, der hübschen Oberstin, die nach Paris gereist, und anderer gesprengt, auch hätte es durch die Veränderung des Regenten und des Hofes für den Augenblick das frühere Interesse nicht mehr gehabt.
Murat beschäftigte sich in der ersten Zeit seiner Regierung fast ausschließlich mit den inneren Angelegenheiten seines Königreichs. Unter dem Namen Joachim I. hatte er den Thron von Neapel bestiegen. Als die Nachricht von seiner Ernennung zum König dieses Reichs bekannt wurde, erfüllte dies die Gemüter der Bewohner mit Furcht und Schrecken, denn es ging ihm von Spanien, besonders wegen den Vorfällen zu Madrid vom 2. und 3. Mai, ein entsetzlicher Ruf voraus, so daß man sich ein blutdürstiges Ungeheuer unter ihm vorstellte, was er nicht war. Übrigens war man mit Josephs Regierung, den man spottweise Don Pepe nannte, so allgemein unzufrieden gewesen, daß man sich damit tröstete, daß es nicht leicht schlimmer werden könne. Napoleons älterer Bruder hatte sich nur seinem Hang zum Vergnügen hingegeben, ließ in seinem Namen die Minister und andere schalten und walten und unseren Herrgott einen guten Mann sein. Daß man sich den Freuden der Liebe hingibt und in den Armen schöner und liebenswürdiger Frauen den Hochgenuß des Lebens sucht, dies zu tadeln wäre ich wohl der letzte, denn ohne dies wäre das Leben doch gar zu schal, aber nie darf diese Leidenschaft in eine solche Schwäche ausarten, daß man darüber seine höheren Pflichten vernachlässigt, selbst zum Weibe wird oder sich gar von Mätressen beherrschen läßt. Dies ist eines Mannes und besonders eines Regenten unwürdig, jämmerlich klein und zeugt von schwachem Verstand und Charakterlosigkeit. -- Sind die Schäferstunden vorüber, muß der Mann wieder ganz Mann und Herr über das Weib sein, von dem er dann nur um so mehr geliebt, geachtet und vergöttert wird. Dies spreche ich aus vielfacher Erfahrung -- freilich war ich nie ein schmachtender Seladon, Siegwart oder Werther. --
Ein Dutzend Damen und deren Anhang, diejenigen Personen ausgenommen, die unter Josephs Deckmantel rauben und sich bereichern durften, wurde dessen Abgang aus Neapel von niemand, weder vom Zivil noch vom Militär bedauert. -- Auf die törichtste Weise hatte er, gleich seinem Bruder Hieronymus in Kassel, die Staatsgelder vergeudet, während das Heer ein ganzes Jahr im Rückstand mit seinem Sold war. Murat dagegen war wenigstens von den Franzosen, die ihn als einen tapferen General schätzten, geachtet und geliebt, und gerne verziehen sie ihm seine Liebe zu Prunk und auffallender Kleidung. -- Die ersten Handlungen seines Regierungsantritts waren geeignet, ihm auch die Herzen der Neapolitaner zuzuwenden. Er zeigte sich überaus leutselig und liebenswürdig, auf den Rat Salicettis, der zugleich Kriegs- und Polizeiminister war, hob er die sehr verhaßten Militärgerichte, die die Leute so schnell in die andere Welt expedierten, auf, allen Deserteurs wurde ein Generalpardon verkündet, wodurch mancher Neapolitaner seiner Familie wiedergegeben ward, und es wurden Maßregeln ergriffen, den verwirrten und höchst traurigen Zustand der Finanzen zu verbessern. Einigen hundert Individuen, die bloß als verdächtig oder gefährlich in die Kerker geworfen worden waren, gab er die Freiheit wieder und rief Verbannte zurück. Dies machte, daß, als die liebenswürdige Karoline, Napoleons Schwester, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, sie von den Neapolitanern mit großen Freudensbezeigungen empfangen wurde. Murat zeigte sich täglich dem Volk, und selbst seine phantastische Pracht und Kleidung schien diesem zu gefallen.
Der neue König glaubte nun auch seinen Regierungsantritt mit einer glänzenden Waffentat bezeichnen zu müssen und wählte dazu die am Eingang des Golfs von Neapel liegende Insel Capri, welche die Engländer schon seit drei Jahren im Besitz und so befestigt hatten, daß sie sie Klein-Malta nannten. -- Diese Insel ist ringsum von sehr hohen und steilen Felsen umgeben und hat nur einen einzigen Zugang. Zwischen zwei großen Felsen liegt ein sehr fruchtbares, malerisch schönes Tal, welches vortrefflichen Wein liefert und ein sehr gesunder Aufenthalt ist. Augustus ließ dieses zu einem Erholungsort für sich einrichten, und Tiberius brachte hier die letzten Jahre seines lasterhaften Lebens zu; noch zeigt man die Ruinen seines Palastes. Capri, das ungefähr fünftausend Einwohner zählt, ist gewissermaßen der Schlüssel Neapels zur Seeseite, und so lange es in feindlichen Händen ist, ist die Einfahrt in den Hafen unsicher und gefährlich. -- Die Insel diente schon seit dem Einmarsch der Franzosen allen Unzufriedenen, Übeltätern, Unruhestiftern zum Zufluchtsort, von wo aus sie neue Komplotte unter englischem Schutz schmiedeten und ausführten. -- Hudson Lowe war Kommandant derselben. --
Es war den 3. Oktober (1808) gegen Abend, als man die Karabiniers und Voltigeurs der Garnison von Neapel in den verschiedenen Forts unter das Gewehr treten ließ, wobei auch meine Kompagnie war. Nach sieben Uhr marschierten wir an den Hafen, wo sämtliche zu dieser Expedition bestimmte Truppen sich versammelten. Hier fanden wir etwa fünfzig kleine Transportschiffe vor, deren Vorderteile mit Brustwehren von zwei Schuh dicken Matratzen versehen waren und zwölf bis zwanzig Ruderer hatten. Wir schifften uns ein, und eine Fregatte, ein paar Korvetten und eine ziemliche Zahl Kanonierschaluppen, auf denen ebenfalls ein Teil der Truppen sich befand, machten die Bedeckung aus. Der Divisionsgeneral Lamarque kommandierte die Expedition, und unter ihm die Brigadegeneräle Prinz Pignatelli, Montferras und Detrées; wir mochten etwa zweitausend Mann in allem stark sein.
Murat, der bei dem Einschiffen zugegen war, sah mich scharf an, als ich mit meiner Kompagnie ein Boot besteigen wollte, und sagte: »Kapitän, mich däucht, ich habe Sie schon irgendwo gesehen?«
»Sire, es sind noch nicht fünf Monate, daß ich die Ehre hatte, von Eurer Majestät in der Straße zu Madrid angeredet zu werden; ich war damals verwundet.«
»Ah ja, ich entsinne mich, Sie waren der Offizier, der einem Insurgenten das Leben rettete.«
Er fragte mich nun, wie ich nach Neapel gekommen, was ich ihm in wenigen Worten mitteilte, worauf er mir sagte: »Wohlan, Sie haben hier eine treffliche Gelegenheit, sich auszuzeichnen.«
»Sire, was an mir liegt, wird geschehen.« --
Es war neun Uhr vorüber, als wir so geräuschlos wie möglich abfuhren; in Capri konnte man keine Ahnung von dieser Expedition haben. Auf der See stießen noch sechshundert Mann, die von Salerno kamen, zu uns, bei denen die als treffliche Schützen bekannten korsischen Jäger waren. Die Überfahrt ging schnell und glücklich vonstatten, gegen drei Uhr nach Mitternacht waren sämtliche Schiffe unter den Felsen und Batterien der Insel angekommen; der Angriff sollte auf der südöstlichen Seite stattfinden, gerade wo er wegen der steilen Ufer am gefährlichsten war, aber deshalb auch vom Feinde am wenigsten erwartet wurde. Die Landung mußte mit Sturmleitern, von denen mehrere aneinander gebunden wurden, weil sie nicht hoch genug waren, unter dem fortwährenden Feuern einer Batterie bewerkstelligt werden, auch waren schnell einige Kompagnien Engländer und Sizilianer auf den Felsenhöhen, die wir erklimmen mußten, versammelt und stießen die zuerst Ankommenden wieder hinab, so daß sie an den Klippen zerschmetterten und dann in die Boote oder in die See fielen. Der Bataillonschef Livron, später General in Diensten des Vizekönigs von Ägypten, war der erste, der festen Fuß faßte. Jetzt wurden Leitern von allen Seiten angestellt, die zum Teil auf dem Rand der Schiffe ruhten und mithin einem immerwährenden Schwanken unterworfen waren. Die Karabiniers von der Garde, mehrere andere Kompagnien Grenadiere und Voltigeurs, wobei auch die meinige nebst den korsischen Jägern, stürmten jetzt unter dem Pas de Charge der Trommeln und Hörner und dem Kugel- und Steinregen der Feinde. Einige Leitern brachen oder stürzten um und mit ihnen die Mannschaft, die sich auf denselben befand, wobei die meisten ertranken oder an den Klippen zerschmetterten; ein solches Schicksal hatte die Leiter, die der, auf welcher ich mich befand, zunächst stand, doch fielen die meisten in eine Kanonierschaluppe und kamen mit leichteren oder schwereren Verletzungen davon. Ich war ungefähr der sechste Mann auf unserer Leiter und der dritte, der die Höhe erreichte. Mit dem linken Arm hielt ich mich an den Sprossen fest, meinen Säbel hatte ich zwischen den Zähnen, und mit dem rechten parierte ich die von oben herabstürzenden Soldaten, da ich bemerkt hatte, daß, sobald einer fiel, er gewöhnlich auch zwei bis drei andere mit sich herabriß. Als ich eben auf die Krone des Felsens springen wollte, legte ein englischer Soldat auf mich an, ich ergriff jedoch hastig das Bajonett, das ich mir dabei ziemlich tief in den Daumen stieß, aber ich hatte so die Richtung des Gewehrs, das auf meine Brust zielte, verrückt, und der Schuß ging mir unter dem rechten Arm durch, ohne mich zu verwunden. Nun packte ich aber das Gewehr, welches der Soldat nicht losließ, fest, schwang mich mit dessen Hilfe auf den Felsen, auf dem ich Fuß faßte, der nach mir folgende Karabinier schoß meinen Gegner nieder, und ich machte mir nun mit meinem Säbel Platz und Luft. Jetzt kamen immer mehr der Unsrigen oben an, und bald war der Feind in die Flucht gejagt; wir hatten sehr viel Leute verloren. Kaum hatten wir uns gesammelt, so wurde Befehl erteilt, auf Anacapri loszurücken, dessen Anhöhen wir ebenfalls unter dem hartnäckigsten Widerstand und dem unausgesetzten feindlichen Musketen- und Kartätschenfeuer ersteigen mußten. Aber auch diese die ganze Insel beherrschende Anhöhe wurde endlich gestürmt, und die Engländer zogen sich in die befestigten Posten Sankt Michel, Sankt Constanz und die anderen Forts zurück, um daselbst Sukkurs abzuwarten, der ihnen von der See kommen sollte. Jetzt aber wurden alle anderen Teile der Insel, durch die der Feind hätte Hilfe erhalten können, besetzt, bei welcher Gelegenheit wir in dunkler Nacht eine in Felsen gehauene, aus mehr denn sechshundert schmalen Stufen bestehende Treppe Mann für Mann, ebenfalls unter fürchterlichem Kartätschenfeuer und Werfen von Leuchtkugeln hinabsteigen mußten. Noch nicht lange hatten wir diesen Posten und die anderen Teile der Insel eingenommen, als der feindliche, sehr bedeutende Sukkurs, aus vier Fregatten, einigen Briggs, Bombardiergallioten, Kanonierschaluppen, Kuttern und so weiter bestehend, sich zeigte. Bald wurde die ganze Insel von diesen Schiffen umringt. Murat, der vom Vorgebirge Campanella aus, in geringer Entfernung Capri gerade gegenüber, nebst vielen tausend Zuschauern alles beobachtet hatte, gab sogleich den Befehl, daß alle noch im Hafen von Neapel sich befindlichen Kriegsfahrzeuge und Kanonierschaluppen unter Segel gehen und den Feind angreifen sollten. -- Da ein außerordentlich starker Landwind wehte, so mußten die großen englischen Schiffe bald die hohe See suchen, und die kleineren ergriffen die Flucht, als sie die Flottille von Neapel kommen sahen, der sie nicht gewachsen waren. Einige zwanzig Transportschiffe brachten uns im Angesicht des Feindes zu rechter Zeit frischen Proviant. -- Unterdessen hatten wir auf der Insel selbst die Breschbatterien zustande gebracht, und den 16. Oktober kapitulierte der englische Kommandant Hudson Lowe. -- Wer hätte wohl damals vermutet, daß sieben Jahre später Napoleon dessen Gefangener auf der Insel Sankt Helena sein würde? -- Einen Narren würde man den genannt haben, der so etwas nur im Traum hätte sehen wollen.
Die Kapitulation enthielt die Bedingung, daß die Garnison zwar nach England gehen, aber weder gegen Napoleon noch gegen dessen Alliierte bis zum Frieden dienen dürfe. Höchst wichtig war die Eroberung Capris für Neapel, sowohl wegen der Ruhe des Staates, als für den Handel. Die Insel war bis jetzt eine lästige Fliege auf unserer Nase gewesen. --
Murat bedachte bei dieser Gelegenheit den heiligen Januarius sehr reichlich und verehrte ihm unter anderen Kostbarkeiten einen brillantenen Heiligenschein.
Nach unserer Rückkehr wurden vorerst einige dreißig Kreuze des Ordens beider Sizilien an diejenigen Offiziere und Soldaten verteilt, welche sich am meisten ausgezeichnet hatten, wobei auch mir eines zuteil ward, worüber ich eine große Freude hatte. Damals hielt ich solche Spielereien noch für was Rechtes! -- Die Dekoration bestand aus einem goldenen Stern von fünf Spitzen mit rubinrotem Email, über welchem ein goldener Adler an einem himmelblauen Bändchen hing. Auf der Vorderseite war das Wappen mit der Inschrift: _Renovata patria_, auf der anderen Seite: _Joseph Siciliarum rex instituit_. Er brachte jährlich fünfzig Ducati ein. Der Eid, den man als Ritter desselben ablegen mußte, besagte, daß man sein Leben der Verteidigung des Staates und der Krone weihe. -- Nach Murats Sturz wurde auch dieser Orden wieder aufgehoben.
Einige Tage nach unserer Rückkehr von Capri sollte die Hochzeit Helenens mit ihrem neapolitanischen Bräutigam, dem Bataillonschef Ritucci, gefeiert werden. Ich besuchte Cramers zu Castellamare und fand Helene eben nicht sehr erfreut darüber. -- Das Mädchen hatte keine Neigung zu dem Mann, der schon ein Vierziger war und auch durchaus nichts besaß, was ein junges hübsches Mädchen zu fesseln vermag; die Mutter, die das Mädchen gerne _à tout prix_ unter die Haube bringen wollte, hatte diese Heirat betrieben, und als die Tochter äußerte, daß sie keine Neigung zu dem Mann habe, erwiderte sie ihr: »Dumme Gans, wenn er dir nicht gefällt und du bist einmal verheiratet, so hast du ja die Wahl unter Dutzenden.« Echte Grundsätze verheirateter Militärfrauen. -- Auch ich suchte das hübsche Mädchen bestens zu trösten, ihr Mut einsprechend; wir erinnerten uns mit Vergnügen an die Partie nach Pestum und gaben uns dem süßen Andenken an dieselbe hin. -- Schon als Knabe hatte ich Helene in Offenbach gekannt und fast täglich gesehen, da ihre Eltern der Pension des Hofrats Scherer gegenüber wohnten und sie oft herüber kam, ihre jungen Freundinnen zu besuchen. Ich stand nun auf dem vertrautesten Fuß mit der schönen Braut, mit der ich mich manche Stunde auf das angenehmste unter vier Augen unterhielt, da die Mutter die Gefälligkeit hatte, uns öfter allein zu lassen und der Bräutigam nur wöchentlich ein- oder zweimal von Neapel kam. -- Der Hochzeitstag war bereits festgesetzt, und ich hatte von dem lieben Mädchen das Versprechen erhalten, daß sie mich an diesem Tag ganz glücklich machen wolle und ich das _droit du seigneur_ haben solle, wenn es irgend möglich zu machen sei, aber auch nicht früher, denn kein Mensch könne für noch nicht geschehene Dinge einstehen. Das Wohlwollen der Mama hatte ich mir durch das Versprechen eines schönen Hochzeitsgeschenkes erworben. Am bestimmten Tage fand ich mich schon vor Sonnenaufgang, während der Bräutigam noch fest in Neapel schlief, ein. Die Braut empfing mich, wie wir verabredet hatten, in dem an ihrer Wohnung sich befindenden Gärtchen, in einem reizenden schneeweißen Morgenanzug. Hier brachten wir eine Stunde zu, welche ihr den reinsten Vorgeschmack von dem, was ihrer in der Hochzeitsnacht bevorstand, geben mußte. Wir schwammen diese Stunde im seligsten Entzücken, worauf sie wieder so unbemerkt, als sie es verlassen, in ihr Kämmerchen schlüpfte. -- Ich hatte es nicht gemacht wie jener Gimpel in Lafontaines Fabel; wahr ist's, daß die Braut auch noch nicht in ihrem Hochzeitsschmuck prangte, aber auch dies würde mich nicht abgehalten haben. Die Trauung, zu der ich als Zeuge geladen war, ging mit aller Formalität um die Mittagsstunde vor sich und nach derselben das Hochzeitsmahl, nach welchem das junge Ehepaar gegen Abend nach Neapel fuhr, wohin ich es nebst noch einigen anderen Offizieren reitend eskortierte. Ich war mit Helene übereingekommem daß wir uns öfters bei ihren Eltern in Castellamare sehen würden, wo sie dieselben bisweilen besuchen wollte, und nahm Urlaub, so oft ich sie daselbst wußte und es der Dienst zuließ. Hier hatten wir dann die beste Gelegenheit, uns so recht con amore der beseligendsten Liebe und ihren Wonnegenüssen in der Einsamkeit dortiger Villen hinzugeben.
Castellamare ist eine kleine Seestadt, die eine reizende Lage und die herrlichsten Umgebungen hat; sie ist zugleich auch ein Kurort mit mehreren Mineralquellen und zählt an zehntausend Einwohner. Die königliche Villa ist so schön, daß die Einwohner sagen: »_Qui si sana per forza._« Herrliche Kastanienalleen führen durch dieselbe und romantische einsame Fußpfade in die nahen Gehölze, die wir heimsuchten. Der Ort und seine Umgegend ist so reizend, daß Murat, als er ihn zum erstenmal sah, ausrief: »_Et tout cela m'appartiendra!_« -- Der Wein, der hier wächst, hat einen sehr lieblichen Geschmack. Ein altes in Trümmern liegendes Kastell, das noch aus den Zeiten der Normänner herrührt, erhöht das Pittoreske der Umgegend nicht wenig. Oft machte ich den Weg hierher zu Wasser, man legt ihn dann in einer gutrudernden Barke in weniger als drei Stunden, ja wohl in zwei zurück; fährt man mit mehreren Personen, so bezahlt man nur eine Carlini. Der Weg zu Lande ist weit länger und umständlicher, auch benützte ich ihn selten.