Part 26
Als die Donnas nach kurzem Gebet aufstanden und sich entfernten, gab mir die, welche mir das Billett abgenommen, nochmals ein Zeichen, ihnen zu folgen. Sie gingen nun durch verschiedene Kreuz- und Querwege, durch enge und abgelegene Straßen in eine Calle (Gasse) unweit des Plazuela de la Costanillas, wo sie in ein kleines Haus traten, an dessen Tür sie ein wenig warteten, bis auch ich um die Ecke der Gasse gekommen war und sehen konnte, wo sie eintraten. Man gab mir nochmals einen Wink mit der Hand und verschwand. Ich folgte; eine alte Sybille empfing mich an der Haustür und führte mich durch ein kleines Vorzimmer in ein zweites, wo ich meine beiden Schönen traf. Ich war etwas verlegen, welcher von beiden ich ewige Liebe und Treue schwören sollte, denn das Billett, in dem ich am Schluß auf das dringendste um eine baldige Zusammenkunft gebeten hatte, da ich nicht wissen könne, wieviel Stunden ich noch in Madrid zubringen würde, hatte keine Aufschrift gehabt, Donna Calvanillas aber war es, die es mir abgenommen hatte. Ich war wirklich in einer seltsamen Lage, nicht wissend, welcher ich jetzt eine Liebeserklärung machen sollte. Rosa Maria wäre mir als Mädchen allerdings die liebste gewesen, aber mit der Verheirateten war schneller zum Ziel zu kommen, wenigstens war dies meine Meinung, und es war die richtige. Die Damen schienen meine Unentschlossenheit zu bemerken, und nachdem ich einige spanische Artigkeiten, so gut ich es vermochte, mit italienischen vermischt, gesagt, ging Rosa Maria an ein Fenster des Vorzimmers, die Straße oder den Himmel beschauend und mich mit der Schwester ungestört allein, aber doch die Tür offen lassend. Die Unterhaltung mit der Zurückgebliebenen war an Worten karg und einsilbig, denn wir hatten zu große Mühe, uns zu verständigen, dagegen war sie desto beredter durch Blicke und Mienen, und bald lag die Donna in meinen Armen. Ich bemerkte indessen, daß sich das schwarze Köpfchen der Schwester einigemal an der offen gebliebenen Tür des Vorzimmers zeigte, wohin die Senora auf den Zehen geschlichen war, und neugierige Blicke auf uns warf. Dies hielt mich jedoch nicht ab, an die in den Armen habende Donna die zärtlichsten Liebkosungen zu verschwenden und sie endlich einzuladen, sich mit mir auf die nicht sehr schwellenden Polster einer Art Sofa niederzulassen, wo wir eine halbe Stunde, im Entzücken schwelgend, hinbrachten. Jetzt rief meine Donna auch Rosa Maria wieder ins Zimmer. Nun hatte ich bald eine Schwester in jedem Arm, und der Schäfereien und Tändeleien wurden mancherlei getrieben. Nachdem man sich endlich satt und matt geküßt und die liebenswürdigen Schönen wohl hundertmal »_Corazon! Corazon!_«, den Lieblingsruf der entzückten Spanierinnen, hatten hören lassen, den ich immer mit einem: »_Carissima, bellissima!_« beantwortete, denn an eine zusammenhängende Unterhaltung war nicht zu denken, da ich nicht den zehnten Teil von dem verstand, was mir die lieben Kinder vorschwatzten, so machten wir endlich Anstalt, uns zu entfernen. Nur soviel hatte ich herausgebracht, daß das Haus, in dem wir waren, einer alten Amme der beiden Senoras gehörte, und daß ich mich hüten müsse, sie ferner in unserer Wohnung, auf der Straße oder auch in der Kirche anzusprechen, indem der _Cortejo_ (ungefähr das, was ein Cecisbeo in Italien ist) der Donna Calvanillas, ein ältlicher geistlicher Herr, sie sorgsam bewache. Dagegen könnten wir uns jede Woche einigemal ohne alle Gefahr in der Wohnung der alten Amme sprechen, vielleicht auch bei einer _Refrescos_ oder _Tartulia_ (ersteres sind Nachmittagsgesellschaften, bei denen farbiges Eiswasser, Schokolade, Sorbetti, Gefrorenes, Konfitüren und allerlei Zuckerwerk in großer Profusion gereicht und geplaudert wird, die _Tartulia_ aber sind Abendgesellschaften, die recht munter und unterhaltend sind, zu denen man gerne Fremde einladet und mit zuvorkommender Artigkeit behandelt), die ihre Verwandten bisweilen in ihrer Wohnung veranstalten, sie manchmal sehen, indem sie zu veranlassen hofften, daß ich eingeladen würde. Nach einem zärtlichen Abschied trennten wir uns in der Hoffnung, uns bald wieder hier zu treffen, was aber nur noch einigemal der Fall und zuletzt mit Gefahr verbunden war.
Wenig Zeit blieb mir auch übrig, die Merkwürdigkeiten Madrids kennen zu lernen, denn es verging jetzt beinahe kein Tag mehr, an dem es nicht Alarm gegeben hätte.
Auch die Theater besuchte ich nur wenig, kaum ein halbes dutzendmal, da mir der Dienst dies nicht öfter gestattete und ich mich auch langweilte, indem ich die Sprache zu wenig verstand und meist nur _Tonadillas_ und _Sayanetes_ gegeben wurden, in denen es sehr frei und ungeniert auf der Bühne zuging und wollüstige Stellungen und sehr unanständiges Küssen häufig vorkamen, was nicht hinderte, daß sich Geistliche und Kutten jeder Farbe in Parterre und Logen blicken ließen und sichtbar ergötzten. Auch die italienische Oper besuchte ich, fand mich aber wenig befriedigt, da sie kaum mit den mittelmäßigsten Italiens konkurrieren konnte. Die Theater waren nicht sehr besetzt; bei einem Stiergefecht drängen sich die Spanier ganz anders hinzu.
Der Prado ist so ziemlich der einzige Spaziergang innerhalb der Stadt, wozu man noch die Straße Alcala und Puerta del Sol rechnen kann, da auch diese zum Spazierengehen benützt werden. Er ist aber der unterhaltendste, den man sich denken kann, vielleicht der angenehmste der Welt, und historisch merkwürdig. Er war von jeher auch ein Rendezvous für verliebte Intrigen und Abenteuer, und die Romanschreiber und Dichter Spaniens haben ihn weltberühmt gemacht. Bald waren es die greulichsten Mordszenen, bald politische Komplotte, Verschwörung und Verrat, die zu seiner Berühmtheit beitrugen. Er hat wenigstens siebentausend Fuß im Umfang, eine breite Allee mit vielen Seitengängen durchzieht seine ganze Länge, die Wagen fahren in der Mitte, die Seiten sind für die Fußgänger bestimmt. Diese Promenade beginnt am Tor Ricoletos, geht über die Straße Alcala, bis an das Tor Atocha, ein Weg von beinahe einer Stunde. Der Zulauf ist hier außerordentlich. Die Damen der höheren Stände besuchen ihn nur in Wagen, die zu Fuß Gehenden sind meistens aus dem niederen Bürgerstande, schwarz gekleidet und mit der beliebten Mantilla versehen, die nur eine Spanierin zu tragen versteht.
Kaffeehäuser gibt es zwar in großer Zahl zu Madrid, aber sie sind mit denen in Frankreich und Italien nicht zu vergleichen, oft wahre Spelunken, in denen man sehr schlecht bedient wird. Nicht viel besser sind die Gasthöfe. -- Nirgends sind wohl die Nymphen der Freude so verführerisch wie in Madrid. Man teilt sie in _Cortesanos_, _Majos_ und _Muchachas_, von denen die ersten die vornehmsten, meist unterhaltene Mädchen sind, die aber noch ihre Extraliebhaber nebenher haben. Die _Majos_, wie die Loretten in Paris, wählen noch, die letzten aber sind völliges Gemeingut. Sobald die Göttin der Nacht ihren Schleier auszubreiten und die Dämmerung beginnt, schwärmen sie gleich Bienen und Fledermäusen aus allen Gassen hervor, wobei sie Rosenknospen ähnliche Mäulchen machen und ihr meist rabenschwarzes Seidenhaar zum Teil sehen lassen. Öffnen sie den Mund, so zeigen sie zwei Reihen der schönsten Perlenzähne. Ihr Wuchs ist in der Regel ätherisch schlank. Sie haben immer ein recht frisches Aussehen und meist die verführerischesten kleinen Füße, dabei eine wohltönende, melodisch-lockende Sirenenstimme. Dennoch ließ ich mich nicht verlocken, obgleich ich mir die Ohren nicht mit Baumwolle verstopft und scharfsehende Augen hatte. Die Geistlichkeit und Mönche sind ihre besten Kunden, zahlen aber oft nur mit Absolution, büßen aber nicht selten dafür durch abscheuliche Krankheiten.
Die Einwohner Madrids sind ein sehr lebenslustiges Volk. Besonders heiter ist man des Abends und bis tief in die Nacht hinein, wo alle Spaziergänge und öffentliche Orte mit Menschen angefüllt sind und man sich auch im Freien zu Tartulias versammelt, sehr munter ist, und wo es oft toll genug zugeht. Die Frauen sieht man selten ohne ihre Mantilla, unter welcher sie die Basquina, ein langes schwarzseidenes Kleid tragen. Namentlich sind in den Kirchen alle so gekleidet, und diese Tracht steht denen, die schön gewachsen, was die meisten sind, bezaubernd. Auch haben sie die schönsten Augen von der Welt, mit denen sie wahrhaft durchbohrende Blicke zu schleudern verstehen. Der _Cortejo_ (Cicisbeo oder Courmacher) der Damen ist meistens ein Kanonikus oder Geistlicher, bisweilen auch ein Offizier, ein Verwandter des Mannes. Die ersteren sind in der Regel schon bei Jahren, betrügen dennoch aber die Ehemänner, die sie anstellen, nicht selten. Die machen gar oft den Bock zum Gärtner, und je älter der Bock, desto steifer das Horn, heißt es bei diesen gezwungenen Hagestolzen der Kutte. Die spanischen Damen haben auch eine ganz besondere Liebhaberei an Papageien, Kakadus, Affen und ähnlichen Tieren, die man an den Fenstern fast eines jeden nur mittelmäßigen Hauses sieht. In den Nächten hört man, bis die Mitternachtsstunde vorüber, Gitarren und Mandolinen auf allen Straßen vor den Balkonen der Schönen erklingen, ein Gebrauch, den, wie diese Instrumente selbst, die Mauren nach Spanien brachten. Der Fandango ertönt allerorten und ist, von den reizenden üppigen Spanierinnen aufgeführt, ein Tanz, der den Zuschauern alles Blut in Wallung treibt und selbst in Wollust getaucht scheint. Der heilige Antonius selbst würde, und wenn er auch zehn Jahre lang nichts als Wurzeln und Kräuter gegessen und nur noch Haut und Knochen gewesen, diesem Versucher schwerlich widerstanden sein. Ja der frömmste Büßer muß seine Buße zu allen Teufeln wünschen, wenn eine junge, vollbusige, schlanke Andalusierin diesen, alle Sinne verwirrenden Tanz mit ihrer unwiderstehlichen, fast überirdischen Anmut aufführt.
Man erzählt sich, daß, als man einst von Rom, wo ein gichtbrüchiger Papst auf Petri Stuhl saß, den Fandango bei Strafe des Kirchenbannes verbieten wollte, ein vernünftiger Kardinal dem heiligen Vater die richtige Bemerkung machte, man solle niemand, ohne gehört oder gesehen, verdammen. Man ließ nun den verführerischen Tanz vor einer zu Richtern über denselben bestimmten Versammlung von Kardinälen durch reizende Spanierinnen aufführen. Aber kaum entfalteten die schönen Tänzerinnen die Anmut ihrer Bewegungen, so verschwanden auch schon alle Falten der gerunzelten Stirnen der alten Eminenzen, sie fingen mit Händen und Füßen zu zappeln an, schlugen den Takt dazu, und die heilige Jury sprach den Fandango einstimmig frei.
Aber das Vergnügen, welches der Fremde bei diesem Tanz empfindet, wird zur Abscheu, wenn er einer Hauptergötzlichkeit der Spanier, einem Stiergefecht beiwohnt, auf welches, _horribile dictu_, die Damen am ärgsten versessen sind. Sie würden kein Opfer scheuen, selbst nicht das ihrer höchsten Gunst, um einem solchen beiwohnen zu können. Das letzte Hemd wird verkauft oder versetzt, um dieses Gelüst zu befriedigen, und dann fährt man mit Grandezza auf den Plaza mayor.
In der Regel lebt man in Madrid ziemlich billig; aber teurer als gewöhnlich war es während unseres Aufenthalts daselbst. Das Fleisch, mit Ausnahme der Schweine, war nicht sonderlich, nur die Toledaner Hammel sind nicht schlecht. Das Geflügel aber ist sehr gut und in großem Überfluß. Früchte und Gemüse sind ebenfalls gut, werden aber abscheulich, für Fremde oft ungenießbar zubereitet. Das Brot, pan candial, ist ein wahres Kuchenbrot; aber die Feuerweine, wie Alikant, Xeres, Canaries, _Vinos generos_, _Val de pennos_, _la Mancha_, müssen einen Eisklumpen noch beleben, haben aber auch schon manchem ungenügsamen Fremden das Grab geöffnet.
Die Spanierinnen haben fast alle sehr melodische Stimmen, so daß schon ihre Rede fast wie lieblicher Gesang tönt. Ihre Sprache ist ein glühender Liebeshauch, ihre Augen und Blicke unter den nie fehlenden Schleiern erschüttern Mark und Bein und sind herzdurchbohrend. Dabei sind sie galant und verliebt bis über die Ohren. Sie sehen die Fremden sehr gerne, und wären die Franzosen als Freunde geblieben, so hätten sie Spanien durch die Frauen und Mädchen erobert und gefesselt. Aber die unglücklichen Ereignisse machten, daß später das französische Militär fast in gar keine freundliche Berührung mehr mit den Einwohnern kam. Freilich besitzt der Spanier wenig Liebenswürdigkeit, ist hochmütig, gebieterisch und herrisch gegen das schöne Geschlecht, verrichtet dabei aber alle Frauendienste, ein ungeheurer Abstand gegen den galanten Franzosen, und dabei selten ein schöner Mann; in der Regel eher häßlich zu nennen. Selbst sein Organ ist rauh und unangenehm und seine Aussprache hart. Von der Mäßigkeit der Spanier im Essen und Trinken kann man sich kaum einen Begriff machen: eine Familie von zehn Personen hat oft genug an dem, was mancher Süddeutsche oder Schweizer allein zu sich nimmt. Eine gesalzene Sardelle, ein Stückchen Knoblauch und trockenes Brot, oder ein Ei und etwas Obst ist oft das ganze Mittagmahl. Eine Wassersuppe mit Öl, ein Dutzend Schnecken, Schwämme und so weiter sind schon Leckerbissen in den Dörfern.
Eine sehr große Rolle spielte zu jener Zeit noch der Aberglaube in ganz Spanien und unter allen Ständen. Wahrsager, Schwarz- und Weißkünstler, Hexenmeister gab es in jedem Dorf, und ganze Banden solchen Gesindels streiften in dem Land umher, sich von der Dummheit der Einwohner mästend. Die Barbiere sind ein entsetzlich geschwätziges Volk, höchst zudringlich und auch bei galanten Abenteuern nützlich, aber ein Figaro ist mir doch nicht unter ihnen begegnet, dagegen Gil-Blas und Sancho Pansas genug.
In der Regel sind die Wohnungen der Spanier im Innern sehr kahl, haben meistens eine schlechte Einrichtung. Große düstere Zimmer mit alten Heiligenbildern verziert, zerlumpte Vorhänge, ebensolche Tapeten, einige alte Sessel, einige Tische und Stühle, altmodische Spiegel, das war das ganze Mobiliar eines selbst bemittelten Mannes. -- Der spanische Adel ist auf sein Herkommen und seinen Stammbaum ebenso eingebildet und dummstolz, als mancher hannoversche oder sächsische Kraut- und Landjunker. Ein jeder _Hidalgos_, wenn er auch in Lumpen gehüllt ist und kein ganzes Hemd mehr auf dem Leibe hat, besitzt doch gewiß seinen wurmstichigen Stammbaum in seiner Dachkammer, oft der einzige Zierat, oder besser der Unrat seiner hohen Wohnung. Dabei sind sie gegenseitig so komisch komplimentenreich, daß man in Versuchung kommt, sie für Policinellos zu halten. Die Don Ranudo de Colibrados sind noch lange nicht ausgestorben und blühen in Spanien noch wie in Deutschland und Italien. Seltener ist diese Schmarotzerpflanze in Frankreich, wo sie die Lächerlichkeit nicht aufkommen läßt. Fast die Mehrzahl der Spanier liebt das Zölibat, dagegen haben sie Mätressen zu halben Dutzenden, wenn es ihre Umstände erlauben.
Der Ursprung Madrids ist gänzlich unbekannt. Aber ein großer Teil seiner Bewohner behauptet in allem Ernst, daß die alten Griechen die Stadt gegründet hätten, andere sagen, es sei das alte _Mantua Carpetanorum_. Die ersten, einigermaßen zuverlässigen geschichtlichen Nachrichten hat man aus den Zeiten, wo die Könige von Kastilien hier ein Schloß hatten, das schon erwähnte, welches an der Stelle des heutigen neuen königlichen Palastes stand. Philipp II. verlegte zuerst seine Residenz und seinen Hof für immer hierher, nachdem sein Vater Karl I. (V.) schon einen großen Teil seiner Zeit daselbst zugebracht hatte. Jetzt wurde die Stadt immer bedeutender, kam schnell empor, wozu religiöse Feste, Autodafés und Stiergefechte nicht wenig beitrugen. Die Autodafés waren eine bittere und blutige Satire auf die christliche Religion und ihren Stifter, und wurden oft nur gehalten, um dem Volk eine Unterhaltung zu gewähren, die es zugleich mit Furcht und Schrecken erfüllen sollte. Da wurden, um Fruchtbarkeit und gutes Wetter vom Himmel zu erlangen, Ketzer, Zauberer und Hexen unter dem Jubel des unzähligen Pöbels aus allen Ständen verbrannt. Den armen Sündern wurde vorher das Urteil in den Kirchen verkündigt und ihnen noch eine recht erbauliche Bußpredigt gehalten. Dann wurden sie auf den Plaza mayor geführt, wo man noch eine Messe an einem Altar las, und sie hierauf in die hellodernden Flammen des neben dem Altar errichteten Scheiterhaufens warf. Nun wurden noch allerhand heilige Schnurrpfeifereien vorgenommen, das Volk mit schmutzigem Weihwasser bespritzt, man kniete, betete, bekreuzigte sich und streute zu guter Letzt die Asche der Verbrannten in alle Winde. Die heilige Hermandad, ihre Henkersknechte -- die Inquisitionsrichter -- und tausende von Pfaffen entfernten sich dann heulend und brüllend in Prozession, und das erbaute Volk verlief sich nach allen Seiten. In fast allen Kirchen Spaniens sieht man Abbildungen solcher, zur Ehre der Dreieinigkeit und zur Schande der Menschen und ihrer Religion gehaltenen Autodafés. Gewöhnlich sind sie am Hochaltar angebracht und recht gräßlich gemalt. Da werfen die Schindersknechte einen zitternden Greis, dort ein altes Weib, hier ein schönes Mädchen in die Flammen. Ihre Namen liest man unter dem Gemälde. Noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde eine hübsche junge Frau aus Sevilla verbrannt, weil sie ein Verhältnis mit dem Teufel unterhalten, der ihr die Gabe der Weissagung verliehen hatte. Trotzdem aber konnte sie ihr eigenes Schicksal keinen Tag voraussehen. Noch später wurde ein Schneider, der sich der Magie ergeben hatte, aus ganz besonderer Gnade zwar nur im Bilde verbrannt, aber während dieser Operation in Natura blutig ausgepeitscht, bis er selbst fast seinen Geist aufgab.
Bis zu den Zeiten Philipp V. hielt man noch Turniere, Ringelreiten und dergleichen in Madrid und feierte namentlich ein Fest, >Die Belagerung von Amors Schloß< genannt, im Wonnemonat jeden Jahres mit großem Pomp. Der Plaza mayor war ebenfalls die Schaubühne desselben. Man erbaute auf demselben eine große hölzerne, mit Festons geschmückte Burg, auf deren Mauern allerlei Allegorien gemalt waren. Die schönsten Frauen und Mädchen bildeten als Ritter und Knappen die Besatzung dieser Burg und zeigten sich mit Kränzen und Blumen bewaffnet auf den Mauern, während vor derselben von den Belagerern Quadrillen zu Pferd und zu Fuß aufgeführt wurden. Hierauf gab eine sanfte Musik das Zeichen zur Erstürmung der Feste, deren Verteidiger dieselbe nur durch das Herabwerfen ganzer Körbe voll Blumen zu schützen versuchten. Die Stürmenden aber ließen sich dadurch nicht abhalten, mutig hinanzuklimmen, und wurden als Sieger mit Küssen und Kokarden von den Schönen empfangen. Jetzt wurde ein Triumphzug zu Roß und zu Wagen durch alle Hauptstraßen der Stadt, in denen Triumphbogen von Blumen errichtet waren, gehalten, und von allen Balkonen bewarf man die Vorüberziehenden ebenfalls mit Blumen. Musik, Gesang und Tanz währten die ganze Nacht hindurch, in welcher die Stadt durchaus bis zum Anbruche des Tages erleuchtet war.
Daß an einem Amorfest die Frauen den größten Anteil nehmen, ist sehr natürlich. Aber daß sie es auch sind, die mit der größten Gier den Stiergefechten nachlaufen, sich an dem Verbluten der gemarterten Tiere ergötzen, mit Vergnügen die Wunden des gehetzten Tieres zählen, und bedauern, daß es durch zu frühes Hinscheiden seine Leiden endet, und dessen Mörder und Hetzhunde mit Beifall überschütten, ihnen, mit Händen und Füßen tobend, zujauchzen, während der arme edle Stier mit dem Wutschaum vor dem Maul niederstürzt und ein letztes, durch Mark und Bein dringendes Schmerzgebrüll ausstößt, sich qualvoll in seinem Blute wälzt, ist höchst unnatürlich. Die schönsten Opfer dieser Grausamkeit liefern die andalusischen Wildnisse, in denen man die Stiere mit Hilfe abgerichteter Kühe fängt und dann zu diesem Marterspiel aufbewahrt. Selbst die sonst in Spanien so hoch, ja göttlich verehrten Päpste waren so wenig wie die Könige des Landes imstande, diesem Greuel ein Ende zu machen. Sobald von Abschaffung der Stierkämpfe die Rede war, drohte jedesmal die ganze Nation sich zu empören, und man war genötigt, dem guten Volk schnell wieder einige Hundert dieser Tiere zu opfern, um es zu beruhigen und zu überzeugen, daß man ihm dieses Vergnügen nicht rauben wolle.
XI.
Drohende Stimmung der Einwohner zu Madrid. -- Aufstand zu Toledo. -- Der blutige Aufstand am 2. Mai zu Madrid. -- Wegnahme des Artillerieparks. -- Ich rette einem Insurgenten das Leben und werde dabei verwundet. -- Ein Renkontre mit Murat. -- Eine gefährliche Zusammenkunft. -- Abmarsch nach Toledo. -- Abmarsch über Madrid nach Aragonien. -- Unterwürfigkeit der Madrider Behörden und des Inquisitionsgerichts gegen die Franzosen. -- Fast ganz Spanien im Aufstand. -- Die Junta zu Sevilla und die Provinzialjuntas erklären Frankreich den Krieg. -- Wir stoßen zu dem Belagerungsheer vor Saragossa.
Seit Ferdinands Abreise von Madrid schienen alle spanischen Gesichter ein ganz anderes Aussehen zu haben. Man blickte uns mit auffallend finsteren Augen an, um so mehr, da man wußte, daß wir jetzt ganz auf Spaniens Unkosten lebten und unterhalten wurden. Das Benehmen der Krieger der großen Nation war im Gefühl ihrer bisherigen Siege ziemlich arrogant, was zu öfteren Händeln Veranlassung gab, die zwischen den Einwohnern und Soldaten vorfielen, in die sich aber das spanische Militär durchaus nicht mischte, sondern ganz neutral verhielt. Auch verschwand hier und da mancher französische Soldat, ohne daß man herausbringen konnte, was aus ihm geworden war. Murat fuhr fort, Truppen nach Madrid zu ziehen. Dupont wurde mit seinem Stab und einem Teil seiner Division nach Aranjuez und die Umgegend verlegt. Der Rest hatte unter dem Befehl Vedets Besitz von Eskurial genommen. Die dritte Division lag noch bei Segovia und viele Bataillone biwakierten in geringerer oder größerer Entfernung von der Hauptstadt. Das Gerücht, daß Napoleon Ferdinand VII. nicht anerkenne, fand bald allgemeinen Glauben, man erfuhr, daß in Toledo schon ein Volksauflauf stattgefunden habe, bei dem sich die Anhänger des alten Königs und Godoïs flüchten mußten. Man hatte dabei Ferdinands Bild im Triumph herumgetragen. Wer ihm begegnete, mußte seine Knie vor demselben beugen und ihm ein Vivat bringen, wollte er nicht von dem mit Säbeln, Spießen und Gewehren bewaffneten Volk mißhandelt oder gar ermordet werden. Fünf Tage darauf marschierte Dupont schon nach Toledo ab, wohin er sein Hauptquartier verlegte. Er fand keinen Widerstand bei seinem Einzug, wie er gefürchtet und weshalb er in Schlachtordnung vorgerückt war, sondern der Erzbischof, ein Bruder der Gattin Godoïs, kam ihm mit dieser und einer Zahl Geistlichen entgegen. Aber das Volk maß die Ankömmlinge mit finsteren, vielsagenden Blicken.
Wir standen jetzt in Madrid wie auf einem Vulkan, von dem alle Anzeichen einen nahen Ausbruch verkündeten. Nur mit großer Mühe hatte man bei Godoïs Freilassung einen Aufstand unterdrückt. Als man aber die Gewißheit bekam, daß Ferdinand Spaniens Grenze überschritten und dessen Vater gegen seine erzwungene Abdankung protestiert habe, da wurde die Erbitterung allgemein und furchtbar. Die böse Stimmung der Gemüter war nicht mehr zu verkennen und stieg aufs höchste, als sich übertriebene Gerüchte hinsichtlich der Mißhandlung, die der vergötterte Ferdinand in Bayonne erlitten haben sollte, in Madrid verbreiteten. Den ganzen Tag standen Tausende um das Postgebäude, die von Frankreich kommenden Kuriere und Briefe erwartend. Man teilte sich auf der Puerta del Sol, dem Prado und an allen öffentlichen Orten und Plätzen Briefe mit, welche die Vorfälle zu Bayonne mit den schwärzesten Farben schilderten. Wut und Ingrimm machten sich auf den braunen spanischen Gesichtern bemerkbar, und nur noch mit Mühe unterdrückten die Leute den Ausbruch ihres Zornes.