Part 25
Der König erließ, nachdem er eine projektierte Flucht über das Meer und nach Amerika hatte aufgeben müssen, eine Proklamation an seine vielgeliebten und getreuen Untertanen, in der er sie zu trösten suchte und versicherte, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen sei, Madrid oder Aranjuez zu verlassen, sondern daß er in der Mitte seines teuren Volkes verweilen wolle, und versprach in kurzem mit Hilfe seiner getreuen Alliierten dem Land den Frieden wiederzugeben. Diese Worte mußten um so weniger Glauben finden, als die gemachten Anstalten einer Abreise der königlichen Familie durchaus noch nicht kontremandiert worden waren, auch ging das Gerücht, daß schon ganze Wagen voll Silbergeräte nach Andalusien abgegangen seien. Godoïs Mätresse, eine gewisse Donna Pepe Tudo, die Tochter eines spanischen Offiziers, die erst kürzlich zu einer Gräfin von Castillo Fiel gestempelt worden war und von der er zwei Kinder hatte, war mit Diamanten beladen entwischt. Das Volk brach nun in des verhaßten Favoriten Wohnung ein, schlug alle Türen, Fenster und Mobilien entzwei und wurde wütend, als es den Gegenstand seines Hasses nicht finden konnte; doch respektierte es dessen Gattin als eine Prinzessin von königlichem Geblüt und führte sie auf das Schloß des Königs. Um die aufgebrachte Menge einigermaßen zufrieden zu stellen, entsetzte der Monarch den Friedensfürsten seiner Stelle als Großadmiral und Generalissimus und erklärte, selbst den Oberbefehl über die Land- und Seemacht nehmen zu wollen; auch hatte er versichert, daß sich die Truppen seines teuren Verbündeten, des Kaisers Napoleon, nur in freundlichen Absichten näherten, um das beabsichtigte Ausschiffen des gemeinschaftlichen Feindes zu hintertreiben. Als man in Madrid die Vorgänge von Aranjuez erfahren, erscholl auch hier der Ruf: »_Meur e Godoï._« Die Szenen von Aranjuez wiederholten sich, das Volk drang auch dort in den Palast des Favoriten sowie in die Wohnungen seiner Mutter, seiner Geschwister und seiner bekanntesten Anhänger, zertrümmerte daselbst ebenfalls Fenster und Möbel und zündete mit den letzteren ein Freudenfeuer in den Straßen an, plünderte mehrere Hotels, auch das des Finanzministers, und bei diesem Tumult und all diesen Unordnungen blieben die Schweizerregimenter in spanischem Sold ruhige Zuschauer, allerdings das beste, was sie tun konnten; denn das Übel wäre sonst nur ärger geworden, und es hätte ihnen leicht ergehen können wie ihren Landsleuten am 10. August 1792 in Paris.
Ferdinand hatte sich unterdessen zu Aranjuez an die Spitze des Aufstandes gestellt, sein Vater, Karl IV., hatte zu seinen Gunsten der Krone entsagt und sich dabei feierlich und auf das dringende Ersuchen der Königin als einzige Bedingung die Lebensrettung des teuren Friedensfürsten vorbehalten, der noch immer im Palast Villa Vicciosa zu Aranjuez schon seit sechsunddreißig Stunden in Todesangst und ohne irgend Speise noch Trank zu sich nehmen zu können, unter Matten versteckt lag. Nur ein einziger ihm treu gebliebener Diener wußte sein Versteck, wurde aber, als er für seinen halbverhungerten Herrn einige Lebensmittel holen wollte, vom Volk erkannt und angehalten, dem er, um sein Leben zu retten, den Aufenthalt Godoïs entdecken mußte. Man fand diesen auf einem Boden unter den Matten, zerrte ihn hervor, überhäufte ihn mit Schimpfworten und Schlägen, und nur durch die größten Anstrengungen gelang es den herbeieilenden Garden, ihn der Wut des erbitterten Volkes zu entreißen und ihm das Leben zu retten, während man fortfuhr, Steine gegen ihn zu schleudern. Um ihn in Sicherheit zu bringen, mußte man ihn schnell in einen Stall werfen und in demselben mit Stroh zudecken. Das Volk drang indessen ungestüm auf seine Auslieferung, und man war im Begriff, diesem Begehren zu willfahren, als zum Glück Godoïs der Prinz von Asturien, Ferdinand, hinzukam, jetzt wohl der einzige Mensch, der ihn zu retten imstande war. Schon bluttriefend, stürzte sich der Elende zu den Füßen desjenigen, dem er Krone und Leben hatte rauben wollen, redete ihn mit »Eure Majestät« an und bat in den jämmerlichsten Tönen flehend um Gnade. Ferdinand hatte seinem Vater dessen Erhaltung versprochen; er beruhigte das Volk, indem er demselben versprach, es solle die strengste Gerechtigkeit gegen Godoï geübt werden, den er sodann mit einer starken Bedeckung gefangen abführen ließ. Er wurde auch sofort in ein Gefängnis gebracht, vor welchem sich große Volkshaufen sammelten und unaufhörlich Schmähungen und Verwünschungen ausstießen. Als jetzt des alten Königs Abdankung zugunsten seines Sohnes bekannt wurde, besänftigte sich das Volk endlich, und die Ruhe kehrte zurück.
Ferdinand erließ nun ein Dekret an den Rat von Kastilien, wodurch alle Güter, Mobilien und Effekten des sogenannten Friedensfürsten konfisziert werden sollten, wo sie sich auch immer vorfinden würden, kündigte dem Volk an, daß er sich nach Madrid begebe, um Ruhe und Ordnung herzustellen, und daß es seinen Verordnungen gegen Godoï volles Vertrauen schenken möge. Den Herzog von Infantado ernannte er zum Obersten der Garden und rief alle seine verbannten Anhänger zurück.
Unglaublich ist es, welche Freude die Nachricht von dem Sturz Godoïs in ganz Spanien hervorbrachte; wir sahen die Leute wie toll umherspringen, ausgelassen auf den Straßen jubeln und laut aufschreien. In mehreren Städten wurde sogar ein Tedeum deshalb angestimmt, und man veranstaltete öffentliche Feste. Die Büste oder das Bild des Verhaßten wurden beinahe an alle Galgen genagelt oder auf die Schindanger geworfen, Freudenfeuer loderten auf allen öffentlichen Plätzen, und man sprang und tanzte um dieselben. Unter den tausend Gerüchten, die jetzt zu seinem Nachteil in Umlauf gesetzt wurden, verbreitete man auch eines, welches besagte, er habe die Franzosen ins Land gerufen, um sich mit deren Hilfe selbst zum König von Spanien zu machen. Ferdinand hatte sich noch am Tage der Abdankung seines Vaters als König proklamieren lassen und hoffte und erwartete jetzt, von Mürat beschützt zu werden, wiegte sich deshalb in einer gefährlichen Sicherheit, welche die meisten seiner Räte teilten, da sie glaubten, Napoleons Politik heische es sogar, den jungen König anzuerkennen und in Schutz zu nehmen, der jetzt wiederholt um eine Gemahlin aus Napoleons Händen und von dessen Verwandtschaft bat. So hinsichtlich der Absichten des französischen Herrschers vollkommen ruhig, nahm Ferdinand auch nicht die mindesten Vorsichtsmaßregeln, ja die spanischen Truppen wurden zum Teil noch zur Disposition Jünots gestellt, und drei spanische Granden, die Herzoge von Medina Cöli, von Frias und der Graf Fernandes Nunez, wurden Napoleon, den man in Spanien erwartete, entgegengesandt, ihn zu bewillkommnen und ihm zugleich Ferdinands Thronbesteigung anzukündigen.
So standen ungefähr die Sachen, als wir in Madrid ankamen und den Tag darauf der junge König in der Hauptstadt einrückte. Jetzt aber nahm schnell alles eine andere und fast jedermann unerwartete Wendung.
Mürat, der Augenzeuge der Anhänglichkeit des Volkes an Ferdinand gewesen war und eine neue Gärung befürchtete, ließ immer mehr Truppen nach Madrid und in die Umgegend kommen. Die Begebenheiten zu Aranjuez und ihre Folgen hatten Napoleon einen großen Strich durch die Rechnung und alle seine Kombinationen zu nichte gemacht, so daß er genötigt war, seine Pläne zu ändern und ganz andere Anordnungen zu treffen. Am erwünschtesten wäre ihm eine Flucht der königlichen Familie nach Amerika gewesen, zu der er gerne die Hände geboten hätte, weil ihm alsdann, so glaubte er wenigstens, das verwaiste Spanien, das er zuerst seinem Bruder Lucian zugedacht hatte, von selbst zugefallen wäre. Als er die Begebenheiten erfuhr, die seine Projekte so durchkreuzten, ging all sein Trachten dahin, den durch die Anhänglichkeit des Volkes und der Truppen auf den spanischen Thron erhobenen Prinzen möglichst bald wieder herabzustürzen; daher auch das zweideutige Benehmen Mürats und der französischen Generale zu Madrid. Um das beabsichtigte Bubenstück vollbringen zu können, suchte Napoleon Karl IV. und dessen Sohn vor seinen Richterstuhl zu ziehen, indem er sich selbst zum obersten Schiedsrichter der Vorfälle in Aranjuez aufwarf, was bei der großen französischen Heeresmacht, die bereits auf spanischem Boden stand, wohl zu bewerkstelligen war. Wir sowohl als die Spanier erwarteten den Kaiser jeden Tag in Madrid, aber vergeblich; er hielt es für ratsamer, und es war allerdings seinen Zwecken weit dienlicher, die ganze königliche Familie nach Bayonne zu locken, wo er sein Urteil zu fällen beschlossen hatte. Hätte Ferdinand damals die französischen Journale gelesen, die ihn als einen ungehorsamen und verbrecherischen Sohn schilderten und nur Karl IV. als König von Spanien anerkannten, so würde er schwerlich so leicht in die gestellte Falle gegangen sein, doch ist es kaum zu begreifen, wie ihm Mürats Benehmen zu Madrid nicht die Augen geöffnet, denn er hatte ja Karl IV. und seine Gattin durch einen hohen Offizier zu Aranjuez noch als Souverän Spaniens bekomplimentieren lassen, worauf sie sich nach San Lorenzo begaben. Zugleich hatte sich ein Briefwechsel zwischen Mürat und den alten Majestäten entsponnen, dessen Zweck war, Godoï dem Wohlwollen Napoleons und dessen Leutnant zu empfehlen. Man begehrte sogar französische Garden zu dessen Schutz, die sofort bewilligt wurden, auch verhinderte Mürat die Abführung des alten Königs nach Badajoz, wohin ihn die neue Regierung samt seiner Gemahlin verwiesen hatte. Mürat benahm sich indessen so, daß niemand das Schicksal, das dem jungen König zugedacht war, vermuten konnte, sondern jedermann deshalb in Zweifel war. Die Königin von Hetrurien, die damals auch in Madrid war, wollte dieser Ungewißheit _à tout prix_ ein Ende machen und veranstaltete zu dem Zweck, daß sich Ferdinand und Mürat bei ihr persönlich trafen, eine Assemblee. Beide hatten die Einladung angenommen. Der Großherzog von Berg mochte etwa schon eine Viertelstunde anwesend sein, als man mit einem Male den jungen König von Spanien meldete. Mürat, der sich damals noch mit der Hoffnung trug, daß sein kaiserlicher Schwager den Thron von Spanien ihm bestimmt habe -- ein Thron war ihm jedenfalls versprochen --, nahm fast gar keine Notiz von dem eintretenden Fürsten, der es nun auch nicht wagte, ihn anzureden, oder vielleicht glaubte, sich dadurch etwas zu vergeben. Ihre ganze Begleitung hatte sich in Seitengemächer verloren, und beide fanden sich plötzlich in einem Salon allein mit der Königin von Hetrurien, die, um sie zu nötigen, miteinander zu sprechen, ebenfalls in ein Nebenzimmer trat und daselbst an einem Klavier phantasierte; aber Ferdinand, in der größten Verlegenheit, eilte, seiner Schwester zu folgen, und Mürat, dem das Geklimper wenig Vergnügen zu machen schien, entfernte sich bald darauf, ohne daß beide ein Wort miteinander gewechselt hatten. So erzählte man sich diese sonderbare Zusammenkunft damals in Madrid, und so hörte ich sie von dem Adjutant-Kommandanten Monthiou bestätigen.
Ferdinand fuhr indessen fort, sich dem Volk täglich mehrmals zu zeigen, und ritt oder fuhr fast ohne Begleitung durch die Straßen von Madrid, wo er immer mit Vivatgeschrei empfangen wurde. Er tat alles, um sich Napoleon und den Franzosen angenehm zu machen; wir wurden fast im Überfluß mit Lebensmitteln versehen, den französischen Offizieren wies man in der Oper und anderen Theatern besonders ausgezeichnete Plätze an, und da Mürat geäußert hatte, daß der Kaiser den Degen Franz I., der seit der Schlacht von Pavia in der _Armeria real_ aufbewahrt wurde, gerne hätte, ließ ihn Ferdinand sogleich durch den Grafen Altemira an Mürat mit den Worten übergeben, daß er sich in keinen Händen besser als in denen des Helden des Jahrhunderts befinden könne. Der Großherzog von Berg, der unterdessen von seinem Schwager weitere Instruktionen bekommen hatte, gab nun dem jungen König zu verstehen, daß es der Kaiser gerne sehen würde, wenn ihm der Infant Don Carlos, Ferdinands Bruder, bis an die Grenzen des Reichs entgegenkäme. Als er dazu seine Einwilligung gab, ließ ihn Mürat bald darauf durch den französischen Gesandten Beauharnais wissen, daß, wenn sich der König Ferdinand entschlösse, Napoleon in eigener Person entgegen zu kommen, dies derselbe sehr hoch aufnehmen und es von dem größten Nutzen für Ferdinands Sache sein würde. Mürat bestätigte selbst die Versicherungen des Gesandten, und der junge König, noch ohne Antwort auf das Schreiben, durch welches er Napoleon seine Thronbesteigung angezeigt hatte, was ihn doch etwas beunruhigen mochte, schwankte noch zwischen Tun und Lassen, als der General Savary, Napoleons Adjutant, mit dem geheimen Auftrag zu Madrid ankam, Ferdinand zu der Reise nach Bayonne zu bewegen. Savary spielte den Fuchs und verbarg unter einer scheinbaren militärischen Offenherzigkeit den eigentlichen Zweck seiner Sendung, indem er sich stellte, als sei er nur gekommen, um den neuen König zu beglückwünschen, und machte diesen glauben, daß seine Gesinnungen gegen seine Eltern ganz mit denen des Kaisers übereinstimmten, daß derselbe die Vorfälle in Aranjuez insgeheim genehmige und ihn sicher als König von Spanien anerkennen werde. Dies alles ließ Savary nur so wie von ungefähr fallen. Er hatte nicht einmal ein Beglaubigungsschreiben aufzuweisen, dabei versicherte er, daß sein Herr bald zu Bayonne eintreffen würde, um sich von da nach Madrid zu begeben. Mürat und Beauharnais stimmten in Savarys Ton ein, ohne noch zu wissen, was Napoleon eigentlich beabsichtige. Um diesen Aussagen noch mehr Wahrscheinlichkeit zu geben, ließ man schon Wagen mit Effekten des Kaisers über die Grenze gehen, auf allen Poststationen Relais bestellen und reitende Garden zu seiner Bedeckung auf denselben verteilen. Es war sogar schon ein kaiserlicher Furier zu Madrid angekommen, der die Wohnung, die in dem königlichen Palast für seinen Herrn bestimmt wurde, besah, sogar die Badeanstalten in demselben anordnete, so daß nun niemand mehr die demnächstige Ankunft Napoleons bezweifelte. Savary fand, daß es jetzt Zeit sei, dem König die Zumutung, seinem Kaiser entgegenzureisen, zu wiederholen, da derselbe bereits von Paris abgegangen sei, was auch wirklich der Fall war, und wenn sich Ferdinand eile, so müsse er in Burgos mit ihm zusammentreffen. Nachdem dieser noch eine Unterredung deshalb mit Beauharnais gehabt, der natürlich mit Savary in ein Horn blies, entschloß er sich zur Abreise, obgleich er wußte, daß Mürat noch fortwährend mit seinen Eltern im Briefwechsel stand. Wir alle wunderten uns nicht wenig über diesen Entschluß, da selbst mehrere französische Generäle sich geäußert hatten: »Der wird schwerlich zurückkehren.« Aber Ferdinands Räte schienen blind, wie ihr Herr, und fürchteten die Rückkehr des alten Königs und Godoïs, weshalb sie sich nur unter Napoleons Schutz sicher glaubten, und äußerten, es sei eine Beleidigung, einen so großen Helden eines heimtückischen Schurkenstreichs fähig zu halten.
In Begleitung Savarys und seiner vertrautesten Ratgeber reiste Ferdinand den 10. April von Madrid ab. Auf der ganzen Route erwiesen ihm die französischen Truppen die militärischen Ehrenbezeugungen. In Burgos angelangt, wußte man noch nichts von Napoleons baldigem Ankommen; man ging nun nach Vittoria ab, wo es ebenso war. Hier aber übergab Savary, der unterdessen vorausgeeilt und wieder zurückgekommen war, dem hohen Reisenden ein Schreiben seines Herrn, in welchem ihm jedoch der Titel Majestät nicht gegeben wurde. Es enthielt sogar Verweise wegen der Vorfälle in Aranjuez, und Napoleon sprach sich bestimmt als Schiedsrichter über die Angelegenheiten der königlichen Familie aus. Trotz aller Versuche, die man zu Vittoria machte, dem Prinzen endlich die Augen zu öffnen und ihn zu bewegen, nicht weiter zu gehen, und trotz aller Warnungen, die ihm jetzt von mehr als zwanzig Seiten zukamen, indem man ihm sogar das Anerbieten machte, ihn durch einige tausend spanische Zollwachen mit Gewalt aus den Händen der Franzosen zu befreien, im Fall dies nötig sein würde, oder ihn als Maultiertreiber verkleidet in Sicherheit zu bringen, erklärte er dennoch weiter reisen zu wollen, und zwar bis auf französisches Gebiet. Das Volk, besser beraten, wollte ihn nicht fortlassen, schnitt die Stränge an seinem Wagen ab, und es fehlte wenig, so wäre es zum Handgemenge mit den französischen Truppen gekommen, die unter dem Gewehr standen. Trotz alledem ging Ferdinand über die Bidassoa und nach Bayonne, wo sein Bruder schon angekommen war, seine Eltern bald eintrafen, und wo man ihm anfänglich das Königreich Hetrurien für die Krone von Spanien bot.
Zu Madrid hatte unterdessen Mürat die Freilassung Godoïs von der daselbst seit Ferdinands Abreise eingesetzten Junta durch Drohungen ertrotzt, und er wurde den Franzosen übergeben, die auch ihn nach Bayonne sandten. Nun protestierte der alte König gegen seine Abdankung, als durch Aufruhr erzwungen, und Mürat schickte ihn vier Tage später mit der Königin Marie Louise ebenfalls nach Bayonne.
Wir waren indessen in Madrid nicht auf Rosen gebettet, wenigstens waren diese dornig und stachlich genug. Ich hatte mir jedoch, nachdem ich zweimal gewechselt, eine ziemlich angenehme Wohnung zu verschaffen gewußt, in der sich nicht weniger als fünf junge und hübsche Frauenzimmer befanden, von denen noch drei ledig und zwei ausgezeichnete spanische Schönheiten waren. Leider blieb mir gar zu wenig Zeit übrig, denselben gehörig zu huldigen; aber dennoch und trotz des sich schon allenthalben äußernden Franzosenhasses gelang es mir, in nähere Berührung mit zwei Schwestern zu kommen, von denen die eine, Donna Calvanillas, verheiratet, die andere aber, Señora Rosa Maria, noch ledig war. Beide besuchten jeden Tag die ehemalige Jesuitenkirche St. Isidor, die sich in der Nähe ihrer Wohnung befand. Wenn es mir möglich war, begab ich mich zur selben Stunde in diesen Tempel, wo ich weit mehr als im Haus selbst Gelegenheit hatte, mit den Damen bekannter zu werden. Meine Aufmerksamkeit wurde bemerkt und, wie es mir schien, nicht mit ungünstigen Augen. Ich schrieb nun mit Hilfe eines spanisch-französischen Wörterbuchs und einer solchen Sprachlehre ein Billettchen in spanischer Sprache, in welchem ich es versuchte, so lebhaft als möglich den Eindruck zu schildern, den diese kastilischen Schönheiten auf mein Gemüt gemacht. Während sie knieten und ihre Gebete herplapperten, stellte ich mich seitwärts und vor die frommen Schwestern, so daß ich sie im Auge hatte, und als ich sah, daß sie mich bemerkten und manchmal zu mir herüberschielten, hielt ich das Briefchen zwischen den Fingern der rechten Hand, so daß sie es gut sehen konnten, beobachtete auch, wie die eine die andere anstieß und beide dann leise miteinander sprachen. Ich suchte ihnen jetzt durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß das Briefchen für sie bestimmt sei; an ihrem Erröten erkannte ich, daß sie mich wohl verstanden haben mußten, und beide hüllten sich tiefer in ihre Mantillas, was ihre Reize noch erhöhte. Als sie die Kirche verließen, kam ich ihnen schnell zuvor und stellte mich an den Eingang derselben, ihnen beim Heraustreten das Billettchen hinhaltend, beide glitten jedoch an mir vorüber, ohne Notiz davon zu nehmen, aber meinen Gruß erwidernd; sie schritten langsam voran, eifrig miteinander sprechend. Ich folgte ihnen in geringer Entfernung, hustete mehrmals, plötzlich drehte sich die eine der Damen um, ging mir ein paar Schritte entgegen, nahm mir mit zur Erde gesenkten Blicken das Billett schnell ab und eilte zu ihrer Schwester zurück. Im Hause sah ich sie diesen Tag nicht wieder, obgleich ich mir alle Mühe deshalb gab, aber den anderen Morgen traf ich sie in der Kirche und kniete hinter ihnen an einem Seitenaltar, sie bittend, mich mit einer Antwort zu beglücken. Ohne mich anzusehen, wurde mir erwidert, ich möge ihnen bei dem Ausgang folgen. In Spanien und namentlich in Madrid dienen die Kirchen noch weit mehr als in Italien zu verliebten Rendezvous, ja die Heiligkeit des Ortes hindert nicht, daß man sich nicht selten, an den Altarstufen kniend, küßt.