Part 21
Die Feuerblicke der jungen Frau hatten indessen mein leicht entzündbares Herz in Flammen gesetzt, und ich spähte bald die Zeit aus, wann sie in die Kirche ging, wo ich aber das Weihwasser zur näheren Bekanntschaft nicht anwenden konnte, da die guten Kalabreserinnen diese Galanterie nicht kannten. Das Kirchengehen hätte mich nicht weiter gebracht, wenn mich nicht ein altes armes Weib beobachtet und bemerkt hätte, daß meine Augen immer mit Wohlgefallen auf der jungen Krämersfrau ruhten. Auch hielt sie mich für einen guten katholischen Christen, da ich, wie ich es schon seit meiner Ankunft in Italien getan, die hauptsächlichsten Zeremonien der katholischen Kirche mitmachte, was die wenigsten anderen Offiziere, wenn sie auch wirklich katholisch waren, taten. Ich gab dem alten Weib einige Male ein Almosen von ein paar Kupfermünzen; die zeigte sich dafür so erkenntlich, daß sie mir beim dritten Male ganz _sotto voce_ sagte, wenn sie mir in irgend etwas dienen könne, ich es ihr nur anvertrauen möge, sie wolle es bestens besorgen, denn sie sähe wohl, daß ich ein _buon christiano_ und kein _diavolo francese_ sei. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß die hübsche Krämersfrau Bettina Bergella heiße und die Tochter eines Seidenwebers sei, die sie als Kind gewartet und oft auf ihren Armen getragen habe, sie erhalte auch immer noch kleine Geschenke von ihr. Ich gab der Alten einen Ducato, der sie noch weit gesprächiger machte, so daß sie mir ohne weitere Umstände erklärte, daß, wenn ich es wünsche, sie die Unterhändlerin zwischen der Signora Bergella und mir machen und die Sache schnell zu einem erwünschten Ziel bringen wolle. Ich nahm das Anerbieten dankbar an, und die alte Hexe hatte es schon in den nächsten vierundzwanzig Stunden so weit gebracht, daß ich eine Zusammenkunft in ihrer Kammer mit der jungen Frau hatte, welche sie zu bereden gewußt und versichert hatte, wie sie mir sagte, daß ich kein Diavolo francese sei, wie ihr Vater, ihr Mann und ihr Beichtvater vorgaben, auch würde sie durch den Umgang mit mir weder länger im Fegfeuer oder gar in der Hölle schmachten, da ich vom Papst selbst, den ich kenne, Absolution für alle Sünden für uns beide erhalten würde. Genug, sie hatte das Weibchen zu beschwatzen gewußt, die sich auch vielleicht gerne beschwatzen ließ und die Gründe der Alten mit Wohlgefallen anhörte. Ich schlich mich in der Dämmerung in die Wohnung der Unterhändlerin, und bald darauf fand sich auch die artige Kalabreserin, direkt von ihrem Vater kommend, daselbst ein. Sie sträubte sich zwar anfänglich ein wenig gegen meine Liebkosungen, aber es war mehr Ziererei als Verschämtheit, und während ich sie mit kalabresischem Feuer in die Arme schloß, machte die Alte die Aufpasserin, damit wir nicht überrascht werden konnten. Ich hatte auf diese Weise wohl ein halbes Dutzend Zusammenkünfte mit Bettina während meines Aufenthaltes in Monteleone. Die alte Hexe, die sich vortrefflich dabei stand und von beiden Seiten Geschenke erhielt, bot sich an, mir noch andere junge Weiber aus dem Orte zuzuführen, wenn es mir Vergnügen mache. Aber ich verbat es mir, auch währte mein Hiersein nur noch wenige Tage, denn ich wurde nochmals mit der Kompagnie, und zwar nach Mileto detachiert, wo wir indessen nur drei Tage blieben. Monteleone war, Cosenza ausgenommen, wohl mit der angenehmste Aufenthalt in ganz Kalabrien, und muß vor dem furchtbaren Erdbeben von 1783, welches die ganze Provinz schrecklich verwüstete und vielen tausend Einwohnern das Leben kostete, noch weit bedeutender gewesen sein. Noch waren hier sowie in Mileto die Spuren von diesem entsetzlichen Naturereignis sichtbar, und allenthalben stieß man auf in Ruinen verwandelte Gebäude. Auch zählten vor diesem Unglück diese Städte mehr als die doppelte, ja dreifache Einwohnerzahl, kaum daß der dritte Teil der zerstörten Häuser wieder aufgebaut war.
Mileto liegt auf einer Anhöhe unfern den Ruinen des alten _Miletus_. In dieser Gegend war es, wo vor wenigen Monaten der Prinz von Hessen-Philippsthal von Regnier geschlagen worden war. Ich besuchte das Schlachtfeld, auf welchem damals der Besitz des Königreiches entschieden wurde; denn wurde Regnier nochmals geschlagen, so war Neapel für den neuen Herrscher verloren. Von hier wurden wir sowie das ganze in Monteleone, Nicastro und so weiter stehende Bataillon nach Seminara beordert. Der Marsch dahin über Rosarno, Drosi und so weiter und die Wege waren abscheulich. Oft war kaum durchzukommen, und wir mußten ungeheure Umwege machen, um Stellen aufzufinden, wo wir die hoch angeschwollenen Wald- und Bergströme passieren konnten, was immer mit großer Gefahr verbunden war. In Rosarno, sodann in Gioja und Drosi wurde Nachtquartier gemacht, und zu Seminara angekommen, ein Teil des Bataillons nach Palma detachiert. Alle diese Orte waren bei dem schrecklichen Erdbeben von 1783 fast gänzlich zerstört worden und noch weit entfernt, sich nach einem Vierteljahrhundert wieder erholt zu haben. Überall stieß man auf Trümmer, und Seminara, das vor dem Erdbeben mehr als zwölftausend Einwohner zählte, hatte deren jetzt kaum dreitausend, war nur an einer Stelle wieder aufgebaut, und mehr als viertausend Menschen waren unter dem Schutt der eingestürzten Häuser begraben worden. Auch Palma, das an dem Ufer des Meeres liegt, hatte zwei Dritteile seiner Bewohner verloren, war aber wieder sehr regelmäßig hergestellt. Kaum hatten wir zweimal vierundzwanzig Stunden geruht, so wurden zwei Kompagnien, worunter die meinige, vor Sciglio oder Scilla, und zwei andere vor Reggio beordert. Diese beiden Festungen waren noch von den Engländern und Sizilianern besetzt und wurden von uns blockiert und belagert. Scilla, welches der Tyrann Anaxilas von Rhegium gegründet, und das ebenfalls durch jenes Erdbeben stark mitgenommen wurde, liegt in einer weiten Schlucht unfern dem Kap Scilla, zu der man nur von der See aus gelangen kann. Die Stadt selbst, die etwa fünf- bis sechstausend Einwohner zählte, lehnt sich an einen hohen Felsen dieser Schlucht, und auf einem zweiten, ihr gegenüber liegt das feste Schloß, welches von ungefähr fünfhundert Briganten und Sizilianern verteidigt wurde. Eine in den steilen Felsen gehauene schmale Treppe verbindet das Fort mit der Stadt, und vermittelst den in der Meerenge liegenden englischen Schiffen unterhielt die Besatzung ihre Kommunikation ununterbrochen mit Sizilien. Von hier, wo noch wenig Aussicht war, sich dieser Feste zu bemächtigen, wurde meine Kompagnie ebenfalls vor Reggio beordert. Die Wahrscheinlichkeit war aber ebenso gering, diese Stadt zu nehmen, da sie eine gute englisch-sizilianische Besatzung hatte. Es fehlte uns immer noch an hinlänglichem Belagerungsgeschütz, das die Engländer größtenteils gekapert, und die bloße Blockade zu Land, da die Garnison mit allem Notwendigen von der See aus versorgt wurde, brachte uns nicht weiter. Wir waren zehnmal übler daran als die Belagerten, denn wir litten Mangel an allem. Das unaufhörliche Regenwetter machte diese Belagerung oder vielmehr Blockade zu dem unangenehmsten Geschäft von der Welt. Das ganze Erdreich hatte sich sozusagen in Schlamm aufgelöst, alle Waldströme waren ausgetreten. Die Wälder selbst, an vielen Orten nur auf Schußweite von der Küste entfernt, wimmelten von Briganten und Insurgenten, die nicht aufhörten, uns zu beunruhigen, ohne daß wir etwas Nachdrückliches gegen sie zu unternehmen imstande gewesen wären. Sie stürzten sich wie reißende Tiere wütend auf jede Beute, die sich ihnen darbot, und von der sie mit Sicherheit voraussehen konnten, daß sie ihnen zuteil werden mußte. Wir, die Belagerer, waren gewissermaßen wieder belagert und blockiert, da uns von diesen Wald- und Höhlenbewohnern oft die besten Zufuhren weggenommen oder abgeschnitten wurden. Trotzdem mehrere bedeutende Orte, wie Calanna, San Agata und andere Dörfer in der Nähe von Reggio lagen, welche abwechselnd von den Truppen, um sich zu erholen, besetzt wurden, mußten wir doch manchmal eine ganze Woche unter freiem Himmel und im Regen, Schlamm und Wasser kampieren, ohne daran denken zu können, die Kleider am Leibe nur einmal zu trocknen. Denn indem man das Hemd wechselte, wenn man ja eines zu wechseln hatte, wurde dasselbe schon wieder durch und durch naß. Kein Feuer brannte mehr und die aufgeworfenen Erdhütten waren voll Wasser. Man stand oder saß im Morast, während das Wasser am Körper in Strömen herabrollte, und dabei oft kein Stück trockenes Brot, viel weniger etwas Warmes zu essen. Nur Wein und Branntwein war meistens in hinlänglicher Quantität vorhanden. Man sollte kaum glauben, daß Menschen nur vierundzwanzig Stunden solche Strapazen auszuhalten imstande seien. Aber wie vermag sich der Körper nicht abzuhärten! Daß ich in meiner Kindheit und bei Breidenstein so hart und rauh gehalten worden, kam mir jetzt sehr zu statten. Zwar blieb mein Fieber nicht aus, aber China und roter Wein verscheuchten es wieder. Unsere Kranken mehrten sich übrigens bald auf eine Weise, welche Schrecken und Besorgnis einflößen mußte.
Schön ist der Anblick der Meerenge von Messina, das man mit seinem Mastenwald und dem prächtigen Hafen von der diesseitigen Küste erblickt, ebenso im Hintergrunde die Rauchwolken des kolossalen majestätischen Ätna. Bei einer späteren Fahrt durch diese Meerenge mit einer französischen Flotte, 1814, von Korfu kommend, hatte ich Gelegenheit, die herrlichen Küsten Siziliens ganz in der Nähe in Augenschein zu nehmen. Der Gipfel des alten Ätna war jetzt mit Schnee bedeckt, aus dem der Rauch emporzuquellen schien.
Nach beinahe drei Wochen, als wir fast zwei Dritteile der Leute, die nur schlecht gepflegt werden konnten, eingebüßt hatten, wurden wir endlich durch neue, von Neapel ankommende Bataillone abgelöst. Wir marschierten, noch immer unter Regen, fast schuhlos und abgerissen, über Monteleone, Nicastro und so weiter bis nach Cosenza zurück. Es war wirklich ein Jammer, anzusehen, wie die Leute auf den grundlosen Wegen, mit den mit Stricken an den Füßen befestigten Stücken von Ziegenfellen, die immer wieder rissen, bei der schlechtesten Kost, vorwärts mußten. Auch die Gamaschen und Beinkleider hingen schon ziemlich zerlumpt um die Waden. Oft bedurfte es keiner geringen Anstrengung, die Füße aus dem Morast zu bringen, wo dann die Schuhlappen oder Felle noch stecken blieben und mit bloßen Füßen weiter marschiert werden mußte, bis man wieder etwas fand, sie zu bedecken. Erst in Cosenza wurde diesen beklagenswerten Übelständen teilweise abgeholfen, neue Schuhe ausgeteilt und ein vierwöchentlicher Sold ausgezahlt. Wir befanden uns wie in einem Paradies, und die Soldaten vergaßen in den Schenken jubilierend alles ausgestandene Ungemach bei dem starken roten Wein. Nach einer fünftägigen Rast und bestmöglichster Restauration brachen wir nach Neapel auf. Aber die Wege waren nicht besser, wohl noch schlimmer, die Bäche und Flüsse kaum mehr zu passieren, und ehe wir nach Tarsia kamen, ertranken vier Mann in dem Fluß Crati, durch den Strom von der Masse weggespült, hinter Castrovillari wieder zwei in einem Waldbach. Endlich rückten wir anfangs Dezember, nach unbeschreiblichen Strapazen und Entbehrungen, ganz zerlumpt und mit kaum einem Dritteil der ausmarschierten Mannschaft in Neapel ein, wo ich mein altes Quartier in Giesù nuovo wieder bezog und mehrere Briefe vorfand, unter denen einer, der mir Gertrudens glückliche Niederkunft meldete.
Schon in den ersten zwei Tagen übergab mir Madame Gasqui die Rolle des Britannikus, mit der Bitte, sie doch möglichst schnell einzustudieren, da die Königin den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von Racine aufführen zu sehen. -- »Aber, lassen Sie mich um Gotteswillen nur zu Atem kommen,« bat ich die in mich dringende Schöne, und acht Tage später spielte ich wirklich den Britannikus ganz zur Zufriedenheit Ihrer Majestät, wie sie mir selbst zu versichern geruhte, und hoffte nun für die ausgestandenen Leiden ein recht vergnügtes Hofleben, ein angenehmes Weihnachtsfest, und einen noch fröhlicheren Karneval in der Hauptstadt des irdischen Paradieses, in welchem ich auch mein Helenchen wieder aufgesucht und einige sehr schöne Hofdamen in Perspektive hatte, in _dolce giubilo_ zuzubringen. Aber ich machte die Rechnung ohne den Wirt, denn acht Tage nach der Vorstellung des Britannikus eröffnete mir der Oberst Omeara, daß ich nebst noch sieben anderen Offizieren, von den beiden ersten Bataillonen, wieder nach Genua abgehen müsse, wo ein viertes Bataillon aus der dort im Depot angekommenen Mannschaft schnell formiert werden solle und zu dem ausdrücklich die tüchtigsten Offiziere des Regiments versetzt werden müßten, da, wie es schien, dasselbe eine besondere Bestimmung erhalten würde. Schon den nächsten Tag erhielten wir unsere Marschrouten nebst der Ordre, in drei Tagen abzureisen. Ich ordnete meine Sachen, nahm von Moritz und den anderen Bekannten und Damen Abschied, und machte mich an dem festgesetzten Tage mit meinen Kameraden auf dem Wege nach Rom.
VIII.
Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach Marseille. -- Marsch von Marseille nach Perpignan. -- Perpignan. -- Eine spekulative Spröde. -- Toulouse. -- Formierung des zweiten Observationskorps an den Pyrenäen. -- Ich werde zum dritten Reservekorps versetzt. -- Bayonne. -- Bordeaux. -- Bazas. -- Hasparren. -- Napoleons Intrigen gegen Spanien. -- Abmarsch nach diesem Land. -- St. Jean de Lüz.
Ich war mit den mit mir versetzten Offizieren übereingekommen, daß wir diesmal mit ein paar Vetturini die Reise so weit es tunlich, zurücklegen wollten. Mein Pferd, eines hatte ich verloren, ließ ich durch meinen Burschen nachbringen. Wir fuhren ein paar Stunden vor Sonnenaufgang zu dem nach Aversa führenden Tor hinaus, und kamen schon am Abend des folgenden Tages in Rom an. Hier weilten wir vierundzwanzig Stunden, und ich suchte außer der Prinzessin Cesarini, die über mein unverhofftes Kommen erfreut und erstaunt war, und mit einem triumphierenden Blick mir den zur Welt gebrachten Knaben zeigte, aber trostlos schien, als ich ihr meine so nahe bevorstehende Abreise verkündete, niemand auf. Ich schied von ihr, die Hoffnung aussprechend, daß wir uns in ganz kurzer Zeit und dann gewiß auf länger wiedersehen würden. Sie erzählte mir viel von den Unannehmlichkeiten, denen sie fortwährend hauptsächlich durch die Verwandten ihres Mannes ausgesetzt sei, die ihr das Leben schrecklich verbitterten.
Wir setzten unseren Weg über Florenz, wo wir einen Tag blieben, fort, und fuhren dann rastlos über Pistoja, Lucca, Massa, Spezia, Chiavari und so weiter, später Extrapost nehmend, bis Genua, wo wir in der zweiten Hälfte des Dezembers eintrafen, und wo uns Herr von Brüge bei den neu errichteten Kompagnien einteilte. Nach und nach wurden zu jener Zeit die Regimenter bis auf sechs Bataillone, ohne das Depot, gebracht und erhielten dann noch einen _Colonel en second_. Mir wurde die Karabinier-Kompagnie des neuen Bataillons zuteil. Zugleich wurde uns angekündigt, daß sich dasselbe spätestens in drei Tagen einschiffen müsse, um mit dem ersten günstigen Wind nach Marseille abzufahren, wo wir vermutlich weitere Order erhalten würden. Die wenigen Tage unseres Aufenthaltes in Genua brachte ich meistens in den Kasernen und bei Brüges zu, ohne meine früheren Bekanntschaften aufsuchen zu wollen. Namentlich vermied ich es sorgfältig, mit der tollen Giulietta zusammenzutreffen. Erst den Tag vor unserem Einschiffen machte ich meinem alten Gitarrenlehrer einen Besuch, und erfuhr von diesem daß die Marchesa P... noch immer kränkle, die Spinola melancholisch sei und die Palatini sich oft nach mir erkundige. Letztere wünschte ich noch zu sehen, und die alte Guercino veranstaltete, daß ich am Abend vor unserer Einschiffung noch eine Zusammenkunft mit ihr hatte, die wegen der schnellen Trennung, mein Dasein war fast nur eine Erscheinung, recht zärtlich-traurig ausfiel. Guercinos schenkte ich eine Quadrupel. Das Geld, das ich der Kompagnie in Kalabrien vorgeschossen, hatte ich mir einstweilen in Neapel von Moritz geben lassen, und diesen deshalb auf die Regimentskasse angewiesen, sobald bezahlt würde, was auch einige Wochen nach unserer Abreise geschah. Erst den fünften Tag verließen wir mit günstigem Wind den Hafen von Genua, in mehreren Felukken und anderen Küstenfahrern eingeschifft. Es war zehn Uhr morgens, als wir die Anker lichteten. Der uns gut zu statten kommende Nordost blies tüchtig in die Segel, war aber auch Schuld, daß die kleine Flottille bald getrennt war. Einige Fahrzeuge derselben entfernten sich von der Küste und steuerten gegen Süden. Die Unglücklichen! Sie wurden noch denselben Tag von einer englischen Fregatte genommen, ohne den geringsten Widerstand leisten zu können. Die Felukke, auf der ich mich befand, hielt mit noch einigen anderen, die bei uns geblieben waren, in Albenga, Monaco und auf meine Veranlassung an der Insel Porquerolles an, um uns dort zu restaurieren. Den dritten Tag nach unserer Abfahrt von Genua liefen wir glücklich in den Hafen von Marseille ein, wo wir ein paar Tage in der Quarantäne zubringen mußten. Noch fehlte das Schiff, auf welchem sich unser Bataillonschef, Herr von St. Agneau, befand, und wir glaubten es auch von den Engländern gekapert, aber vierundzwanzig Stunden später traf es ein. Aus der Quarantäne entlassen, marschierten wir sogleich, ohne uns in Marseille aufzuhalten, nach Aix ab. Unsere Bestimmung lautete vorerst nach Perpignan. Wir kamen nun über Lambeß, Orgon, Saint Remis, Tarascon, Lünelle, lauter mir schon bekannte Orte, nach Montpellier, wo wir einen Rasttag hatten. Hier besuchte ich die Herren Michel und Gayral und fand Madame Gayral ziemlich verändert, ebenso die Verteuil, die noch bei dem Theater daselbst war. Von hier kamen wir über Gignac, Mèze, einem Städtchen von viertausend Einwohnern, nach Pezenas, das ein Schloß mit einer sehr schönen Aussicht hat und schon zur Zeit der Römer wegen seiner feinen Wolle berühmt war. In Beziers, wohin wir den folgenden Tag marschierten, hatten wir wieder Rasttag. Diese alte Stadt hatte noch Mauern und antike Türme und liegt an der Orbe und dem Kanal Du Midi. Auch ihre Lage ist entzückend und die Einwohner sind davon so eingenommen, daß sie ein Sprichwort haben, welches sagt: »Wollte Gott die Erde bewohnen, so würde er keinen anderen Ort als Beziers zum Aufenthalt wählen.« Dagegen ist die Stadt selbst um so weniger einladend und hat meist enge, finstere, krumme und schmutzige Straßen. In einer engen Gasse liegt der gotische Palast der Montmorency. Ein Narr aus dieser Familie hatte hier jenes Gemälde, die Sündflut darstellend, verfertigen lassen, unter welchem man die Worte las: »_Ah mon Dieu, sauvez la maison des Montmorency!_« Indessen gab es solche Stammbaumsnarren in allen Ländern, wo Ahnen spukten, und auf die gar oft ein stämmiger Kutscher oder tüchtiger Jäger ein Reis pfropfen mußte, sollte er nicht völlig eindorren. Als wir in Perpignan, unserem geglaubten Bestimmungsort, ankamen, nahm ich wieder mein altes Hilfsmittel, einen gewandten Haarkünstler und Bartkratzer zur Hand, hauptsächlich, um mir ein angenehmes Quartier ausfindig zu machen, da die Einquartierungsbillette nur auf drei Tage lauteten. Mit seiner Hilfe fand ich auch schon den zweiten Tag ein solches bei der artigen Frau eines _Officier payeur_ namens Delongé, der bei der Armee in Deutschland stand und seine trauernde Gattin nur selten mit Nachrichten von sich erfreute. Ich mietete sogleich auf einen ganzen Monat für achtzehn Franken, ohne zu handeln, ein paar Zimmer. Die junge Dame war aus Bordeaux gebürtig, wo ihr Vater, früher ein reicher Kaufmann, falliert hatte, und der nun eine untergeordnete Stelle in Perpignan bekleidete. Die französischen Sitten und selbst die Sprache, das languedoquer Patois, die von den italienischen so sehr abwichen, kamen mir jetzt fast sonderbar vor. Der zweijährige Aufenthalt in Italien hatte mich denselben ganz entfremdet. Der Abstand ist so groß, als läge das Weltmeer zwischen beiden Ländern. Doch fand ich mich schnell wieder in das französische Wesen.