Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 20

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Da man in Sizilien glaubte, was auch die Engländer und wir selbst vermuteten, daß man diesseits des Kanales eine Landung auf jener Insel beabsichtige und vorbereite, wozu es allen Anschein hatte, so sandte die sizilianische Regierung unaufhörlich Briganten in großen Haufen herüber, die von den Engländern des Nachts an das Land gesetzt, sich dann sogleich in die Wälder und Gebirge verloren und die französischen Truppen auf alle Weise verfolgten, um ihnen die Gelüste nach der reichen und schönen Insel vergehen zu machen. Wir wurden nun wieder mehr denn je von den Insurgenten beunruhigt und in Atem erhalten. Während unseres Aufenthaltes in Monteleone, einer nicht unbedeutenden Stadt von etwa sechzehntausend Einwohnern, mit einem ehemals befestigten Schloß, das Friedrich II. erbaute, wurde bei Fondaco del Fico, einem in der Nähe jenseits Pizzo befindlichen, alten, halbverfallenen, sehr weitläufigen Gebäude, welches das Aushängeschild: »_Osteria di Cicerone_« führte, ein von Neapel kommender Kurier mit sehnsüchtig erwarteten Depeschen und Briefen für das ganze Armeekorps angefallen, beraubt und samt seiner Eskorte, aus einer Abteilung von einem Sergeanten befehligter Infanterie bestehend, einigen zwanzig Mann, ermordet. Nur zwei, und davon der eine noch schwer verwundet, waren so glücklich, dem Tode durch eine schnelle Flucht zu entgehen und brachten die traurige Nachricht dieser Begebenheit nach Pizzo und Monteleone. Aus ihrem Bericht ergab sich, daß die Eskorte selbst mit schuld an ihrem Unglück sei, denn die Leute waren nicht beisammen geblieben und zum Teil durch eine bedeutende Strecke getrennt. In dem Augenblick, als sie überfallen wurden, waren keine zehn Mann beisammen. Ungefähr ein halbes Jahr darauf wiederholte sich derselbe Vorfall mit einem Detachement vom neunten Linienregiment in der Gegend von Nicastro. Ich erhielt jetzt Befehl, mit meiner Kompagnie ungesäumt nach Fondaco del Fico aufzubrechen und Jagd auf die Räuber zu machen. Etwa eine Miglie davon stießen wir auf die schrecklich verstümmelten Leichen der Ermordeten. Eine Menge zerrissener Papiere, die ich sammelte, lagen nebst dem Felleisen des Kuriers umhergestreut. Aber die Waffen der Unglücklichen, sowie deren Tornister hatten die Briganten mit fortgeschleppt, die Leichen auch zum Teil ihrer Kleider beraubt. Fondaco del Fico liegt an dem Eingang eines dichten Waldes und, wie die Altertumsforscher behaupten, genau auf der Stelle, wo das alte, vom Meer verschlungene Hipponicum gestanden haben soll, von dem noch Tempelruinen in der Nähe sind. Cicero hat sich hierher geflüchtet, um den Verfolgungen des Clodius zu entgehen, und schrieb aus dem nahen Fundus sicae mehrere Briefe an den Atticus. Ich stellte zuerst die nötigen Wachen um das Gebäude herum und gegen den Wald, ließ dann die Leichen der Ermordeten durch Bauern nach Monteleone bringen, untersuchte alle Zugänge und Schlupfwinkel des Eulennestes auf das sorgfältigste und drang dann mit einer Abteilung meiner Leute, jedoch mit großer Vorsicht, einige hundert Schritte in den Wald vor, ohne eine Spur von den Briganten entdecken zu können, worauf ich mich wieder auf Ciceros Osteria zurückzog. Mit einbrechender Nacht traf ich alle Vorkehrungen, um mich gegen einen Überfall sicher zu stellen, und die Folgen bewiesen bald, daß meine Vorsicht nicht unnötig war. Als es dämmerte, zündeten meine Leute Feuer an und brieten das von Monteleone mitgebrachte Ziegenfleisch an demselben. Wir waren mit Lebensmitteln auf drei Tage versehen. Ich ließ fortwährend starke Patrouillen in geringer Entfernung um unser Rattennest gehen, stellte mehrere Posten nach allen Richtungen, jedoch immer _à portée_ einer vom anderen aus, und machte selbst einigemale die Runde an der Spitze einer Patrouille. Es blieb aber alles ruhig, bis kurz vor Mitternacht, wo plötzlich eine ungeregelte, aber starke Decharge von Flintenschüssen auf die Posten abgefeuert wurde, deren Kugeln um ihre Ohren pfiffen. Der Angriff geschah von der Seite des Waldes, und kaum waren wir aufgesprungen, die Leute lagerten noch um das Feuer, als ein Schuß ganz in unserer Nähe, keine fünfundzwanzig Schritte entfernt, fiel, dessen Kugel einen Sergeanten mitten auf die Brust, aber glücklicherweise da traf, wo sich dessen Büffetterie (Riemenzeug) kreuzte, und ihm so keinen Schaden verursachte. Ich brach nun mit etwa fünfzig Mann in der Richtung gegen den Wald auf, aber es war, als seien unsere Feinde wie durch einen Zauberschlag verschwunden. Man hörte und sah nichts mehr von ihnen. Den Wald selbst durfte ich nicht zu betreten wagen, wollte ich nicht abgeschnitten werden; denn ich kannte ja die Zahl der Gegner nicht und würde bei der herrschenden Finsternis auch ohne allen Erfolg das Wagnis unternommen haben. Ich zog mich wieder auf unsere Osteria zurück, besetzte gehörig alle Zugänge des Gebäudes, ließ die ganze Mannschaft, alle Posten einziehend, in dasselbe einrücken und verbarrikadierte dann die Hauptzugänge mit Holz, Erde und Steinen. Bald nach Mitternacht gab die an einer kleinen Pforte stehende Schildwache Alarm, und wir hörten nun deutlich das Annähern vieler Fußtritte, sowie ein Summen von verworrenen Stimmen. Da man auf ein dreimaliges _Qui vive!_ der Schildwache keine Antwort hörte, so feuerte diese ab, worauf sogleich eine Salve von den sich nähernden Feinden erfolgte, deren Kugeln aber an den Mauern unserer extemporierten Feste abprallten. Daß die Bande sehr bedeutend sein mußte, war mir jetzt klar, denn es schienen mindestens ein paar hundert Schüsse zu sein, die zumal gefallen waren. Ich traf daher meine Anordnungen so, daß wir uns wenigstens bis zum Anbruch des Tages in der Defensive hielten, denn in dieser Dunkelheit einen unsichtbaren Feind angreifen zu wollen, dessen Stärke und Position man nicht kannte, wäre Unsinn gewesen. Ich machte mich aber auf einen Angriff und guten Empfang von meiner Seite gefaßt. Letzteres war nicht nötig, da der erstere unterblieb und sich die Briganten begnügten, von Zeit zu Zeit gegen das Gebäude zu feuern, aber jedesmal aus einer anderen, ganz verschiedenen Richtung. Die Nacht war sehr finster, stürmisch und regnerisch, und hätten die Briganten mehr Mut und Entschlossenheit gehabt, so konnten sie uns viel zu schaffen machen, besonders da die allenthalben verfallenen Mauern unserer Feste wenig Schutz gewährten und ich sie nicht an allen Orten zugleich stark besetzen konnte. Auch ließ ich alle Lichter löschen. Bald darauf sahen wir dagegen viele Feuer an und in dem Walde auflodern, die der alte Fuchs Benincasa, denn kein anderer als er war es, der diese Banden in Person befehligte, hatte anzünden lassen und durch welche er mich in die Falle und aus meiner Feste zu locken hoffte. Ich erkannte aber gleich, was die Feuer zu bedeuten hatten, übersah meines listigen Gegners Absicht und verließ Fondaco del Fico nicht. Nach anderthalb Stunden erloschen die Feuer allmählich wieder. Als aber der Tag zu grauen begann, erblickten wir zahlreiche Brigantenhaufen am Ausgange des Waldes postiert, die, wie es den Anschein hatte, sich anschickten, uns jetzt offen und am Tage anzugreifen. Ich hielt es für besser, einen solchen Angriff nicht hinter den Mauern abzuwarten, obgleich ihre Zahl wenigstens dreimal stärker war als die unsrige. Ich formierte meine Kompagnie in Sektionen und rückte dann in geschlossener Kolonne gegen die Haufen, die sich, als sie uns herankommen sahen, schlagfertig machten. Im Geschwindschritt vormarschierend, ließ ich, noch einige dreißig Schritte von dem Feinde entfernt, Halt machen, dreimal abfeuern, nachdem ich die Kompagnie schnell in ein Peleton formiert hatte, und dann kommandierte ich: »Fällt's Bajonett, Sturmschritt, vorwärts, marsch!« Die Briganten hatten unser Feuer heftig erwidert, mir zehn Mann mehr oder weniger schwer verwundet und einen getötet. Aber auch von ihrer Seite hatten wir mehrere fallen gesehen. Als wir ihnen aber schon dicht auf dem Leibe waren, zogen sie sich laufend in den Wald zurück, hinter den Bäumen hervorfeuernd. Hier konnte ich sie nicht verfolgen, da der Kampf in jeder Hinsicht zu ungleich geworden wäre, und zog mich, als ich auf meiner rechten Seite in einer ziemlichen Entfernung neue Haufen hervorbrechen sah, deren Absicht war, sich Fondacos, wo ich nur einen schwachen Posten zurückgelassen hatte, zu bemächtigen oder mich wenigstens davon abzuschneiden, schnell dahin zurück. Der übrige Teil des Tages verstrich nun, ohne daß wir weiter beunruhigt worden wären. Als aber die Nacht wieder angebrochen war, hörten wir deutlich ein großes Getümmel im Walde, was mir anzudeuten schien, daß die Feinde große Verstärkungen erhalten haben mußten. Etwa drei Stunden nach Sonnenuntergang sahen wir plötzlich mehr als hundert Fackeln ähnliche Lichter hellodernd aus dem Walde hervorkommen und sich gegen unsere Feste zu, deren Barrikaden ich während des Tages noch möglichst hatte verstärken lassen, in Bewegung setzen. Wir erkannten bald, daß die Feuerbrände, welche ein Teil der Briganten in der Hand trug, während sie in der anderen ihre Gewehre zum Abfeuern fertig hielten, große Stücke von fettem, dürrem Nadelholz waren. Als sie sich beinahe auf Schußweite unseren Mauern genähert hatten, ließ ich Feuer auf sie geben, das sogleich erwidert wurde, worauf sie, zum Teil ihre Feuerbrände von sich werfend, einen allgemeinen Angriff auf der Südseite von Fondaco begannen. Dieser war jedoch nur fingiert, wie ich auch gleich vermutet hatte, da ich andere Haufen ohne Fackeln, gleich Schatten, in einer geringen Entfernung von den ersteren gesehen und recht gut bemerkt hatte, daß sich diese, von der Dunkelheit begünstigt, aber doch durch den wenn auch entfernten Fackelschein verraten, von einer anderen Seite Fondaco näherten. Ich ließ sogleich auch die anderen, nach dem Meer zu gehenden Teile der Gebäude möglichst stark besetzen und bewachen. Während wir mit den bereits herangekommenen Briganten im Handgemenge waren, nachdem sie ihre Gewehre und Pistolen abgefeuert, hatten wir uns hauptsächlich ihrer Dolchstöße zu erwehren, denn der Kampf wurde an den Eingängen und Breschen geführt, vernahmen wir plötzlich das Alarmgeschrei auf der anderen Seite, wohin ich jetzt eilte, meinem Leutnant überlassend, die fingierten, aber doch ernstlichen Angriffe zurückzuschlagen. Bald war der Kampf ringsum allgemein, und meine Voltigeurs schlugen mit den Gewehrkolben auf die Feinde los, während ich von einem Posten zum anderen sprang, die Leute zur tapferen Verteidigung aufmunternd. Als ich so hin und her lief, vernahm ich plötzlich an einer etwas von mir entfernten Stelle, wo die Mauer sehr hoch, noch unversehrt und nicht bewacht war, ein Geräusch. Ich näherte mich leise auf den Zehen, blieb dann bewegungslos stehen und entdeckte bald, wie sich zwei Briganten schon an der inneren Mauer sachte herabließen, denen andere, die auch bereits die Köpfe über die Mauer streckten, folgen sollten. Jetzt sprang ich auf den ersten, als er beinahe den Boden erreicht hatte, zu und rannte ihm meinen Säbel durch den Leib, so daß er furchtbar brüllend zu Boden stürzte. Der ihm folgende aber kletterte eiligst wieder das Seil hinan, an dem er sich herabgelassen und das jenseits der Mauer festgehalten wurde. Mit dem Säbel konnte ich ihn nicht mehr erreichen, dagegen schoß ich eine Pistole auf ihn ab, traf ihn aber nicht so, daß er am Entkommen verhindert gewesen wäre. Doch war er, nach dem Blut, das er verlor, zu urteilen, stark verwundet. Der am Boden Liegende winselte und schrie: »_Misericordia, misericordia!_« Ich rief nun nach Licht, entwaffnete den schwer verwundeten Gefangenen vollends, ließ ihn vorerst da liegen und beorderte einen Korporal, so lange das Gefecht dauere, die Runde mit drei Mann fortwährend innerhalb der Mauern zu machen, um jedem Versuch eines Übersteigens sogleich zu begegnen. Und wirklich wurde noch zweimal ein solcher gemacht, während der Kampf an den teilweise eingerissenen Barrikaden auf das wütendste fortwährte. Einer der Übersteigenden hatte sich in das Bajonett eines Voltigeurs gespießt, mit dem ihn derselbe aufgefangen hatte. Noch mehrere Stunden dauerte das verzweifelte Gefecht fort, da immer frische Brigantenhaufen in das Gebäude zu dringen versuchten. Schon waren meine Leute sehr ermüdet, sieben derselben außer Kampf gesetzt und zwei getötet, mehrere leicht verwundet. Aber auch die Briganten hatten schon ziemlich viel Tote und Verwundete. Nachdem die Feinde wenigstens zehn- bis zwölfmal ihre Attacke, meistens unter den stärksten Regengüssen, erneuert, auch schon einmal einen scheinbaren Rückzug gemacht und eine halbe Stunde darauf wiedergekommen waren, um mit erneuerter Wut ihre Angriffe zu beginnen, zogen sie sich endlich gegen Morgen, an einem günstigen Erfolg ihrer vergeblichen Anstrengungen zweifelnd, zurück. Was mich hauptsächlich gegen ihre große Übermacht schützte, denn es mochten wohl über tausend Mann sein, die uns gegenüberstanden, war die Regellosigkeit ihrer Angriffe, Mangel an Einheit und Zusammenwirken, da fast jeder nur auf seine Faust tat, was ihm eben das Beste deuchte, und wenig auf ein Kommando hörte. Nur darin stimmten sie überein, daß sie das Gebäude erstürmen und uns ermorden wollten. Hätten sie bei ihrer Übermacht und dem elenden Zustande unserer Befestigungen zumal und auf allen Seiten zugleich den Angriff begonnen, so würden wir einen schlimmen Stand gehabt haben. Durch die Aussagen der zurückgebliebenen Verwundeten, sie hatten deren einige zwanzig nebst elf Toten zurückgelassen, erfuhr ich, daß Benincasa wieder die Seele dieser Expedition war und allem Vermuten nach weitere Versuche der Art machen würde. Indessen waren die mitgebrachten Lebensmittel aufgezehrt, mein ferneres Hierbleiben also unmöglich, auch so ziemlich zwecklos. Meine Instruktion lautete ohnehin, daß, wenn ich binnen drei Tagen nicht durch andere Truppen abgelöst würde, ich zurückzumarschieren habe, weshalb ich beschloß, nach Pizzo und Monteleone aufzubrechen. Aber auch mein Abzug war gefährlich genug, denn die Banden im Walde wurden beständig durch neu hinzukommende Briganten verstärkt und würden uns sicher, unser kleines Häufchen erkennend, jetzt auch im freien Felde überfallen haben. Als ich so überlegte, wie unser Rückzug am besten zu bewerkstelligen sei und mich deshalb auch mit den Unteroffizieren beriet, hörten wir auf einmal Trommelschlag und sahen hinter einem nahen Gebüsch unsere Karabinier-Kompagnie, vom Kapitän Czerny angeführt, zu unserer großen Freude mit blinkenden Gewehren anmarschieren. Jetzt waren wir erlöst. Fast zu gleicher Zeit traf auch noch ein vierzig Mann starkes Detachement von Royal-Corse, das einen anderen, von Neapel kommenden und nach Reggio bestimmten Kurier geleitete, ein, und als ich im Begriff war, abzumarschieren, kamen noch vier Kompagnien vom neunten Linienregiment an, die zur Verstärkung des Belagerungskorps nach Scylla bestimmt waren. Letztere blieben jedoch bei Fondaco über Nacht, während ich mit meinen Voltigeurs und der Eskorte des Kuriers nach Monteleone abging, nachdem ich den Kapitän Czerny noch vorher von allem gehörig instruiert hatte. Die Wege hatten sich durch den vielen Regen seit drei Tagen so verschlimmert, daß ich, obgleich zu Pferde, Mühe hatte, durchzukommen. Ein kleiner Bach, den wir passieren mußten und der uns beim Hermarsch kaum bis an die Waden gegangen, war schon so angeschwollen, daß uns das Wasser bis an die Brust reichte, und so reißend, daß wir wieder, Mann an Mann dicht geschlossen, durch denselben waten mußten. In der Nähe von Pizzo stießen wir auf drei gräßlich verstümmelte Leichname französischer Soldaten, denen Nasen und Ohren abgeschnitten waren und welchen man zum Hohn die Zeugungsglieder in den Mund gesteckt hatte; sogar die Augenhöhlen waren ihnen ausgebohrt. Dieser Anblick versetzte uns in die größte Wut. Das Tschakoschild und die Platten der Patrontaschen, die wir in der Nähe fanden, denn die Leichname waren aller Kleider beraubt, verkündeten uns, daß es Chasseurs vom zwanzigsten Linienregiment waren, von dem eine kleine Abteilung in Pizzo lag. Hier machte ich einen kurzen Halt und ließ Erfrischungen aus dem Städtchen holen, worauf ich, immer unter dem heftigsten Regen, nach Monteleone aufbrach. Aber kaum mochten wir fünfhundert Schritte zurückgelegt haben, als sich eine starke Brigantenbande, wohl an vierhundert Mann, unseren Blicken zeigte und Miene machte, uns das Weitermarschieren ersparen zu wollen. Daß die Übermacht der Kalabresen im Freien eben nicht sehr zu fürchten ist, wußte ich nun schon aus Erfahrung, sowie, daß Entschlossenheit und ein herzhafter Angriff sie schnell zum Wanken bringt. Ich besann mich daher nicht lange und marschierte im Sturmschritt auf den Schwarm zu, der, als wir nahe genug waren, Gewehre und Pistolen auf uns abfeuerte. Auch ich ließ Feuer geben, aber die meisten Gewehre versagten von beiden Seiten wegen der durch das Regenwetter verursachten Nässe. Dennoch hielten die Briganten stand, auf die wir nun mit gefälltem Bajonett eindrangen. Nach geringem Widerstand, wobei sie ihre Dolche wenig gebrauchen und ihre Pistolen, die ohnehin meistens versagten, nicht wieder laden konnten, da wir ihnen keine Zeit dazu ließen, ergriffen sie die Flucht und zerstreuten sich, ihre Toten und Verwundeten im Stiche lassend, die uns in die Hände fielen. Ich verfolgte sie zwar eine kleine Strecke, ließ jedoch bald davon ab, da es unmöglich war, sie zu erreichen. Wir setzten nun unseren Marsch nach Monteleone fort, wo wir am Nachmittag eintrafen. Die gefangenen und verwundeten Briganten, die ich zu Fondaco und bei Pizzo gemacht, wurden noch denselben Tag auf Dürets Befehl erschossen, wie alle Bewohner Kalabriens, die mit den Waffen in der Hand gefangen wurden. Die Banden hörten nicht auf, alle Städte und Ortschaften, in denen sich französisches Militär befand, zu umschwärmen, und machten sich oft mit unglaublicher Frechheit bis vor die Tore der Städte, so daß es keinem einzelnen Soldaten zu raten war, sich nur auf hundert Schritte von denselben zu entfernen. Noch vierzehn Tage blieb das Bataillon, von dem aber beständig zwei Dritteile detachiert oder auf Streifzügen begriffen war, in Monteleone. Diese Stadt, welche eine sehr angenehme Lage in einer schönen Ebene, einer der fruchtbarsten und üppigsten von ganz Kalabrien, hat, ist ziemlich wohlhabend und war kein unangenehmer Aufenthalt für die Kompagnien, die sich nach ihren Strapazen in derselben erholen durften.

Trotz des wütenden Franzosenhasses der Kalabresen, den sie auch ihren Weibern und Kindern einprägten, gelang es mir dennoch, die junge Frau eines Krämers zu Monteleone auf meine Seite zu bringen, mit der mich der Zufall in nähere Berührung gesetzt hatte. Als ich eines Morgens aus meiner Wohnung trat, sprang gleich einem gescheuchten Reh ein junges weibliches Wesen mit feurig schwarzen Augen in dem zierlichen Kostüm dieser Gegend über die Straße hinüber zu einer Nachbarin und verlor dabei ihre große silberne, mit einem dicken Knopf versehene Haarnadel, mit welcher hier zu Lande die Frauen und Mädchen ihr dickes, seidenes Haar aufstecken und zusammenhalten, ohne daß sie ihren Verlust bemerkte. Als glücklicher Finder nahm ich mir vor, den Fund selbst wieder zu übergeben. Sie war aber schon in das Haus getreten, und als ich ihr folgen wollte, kam sie wieder mit aufgelösten Haaren zurück, das Kleinod ängstlich suchend, das ich ihr mit einem: »_Ecco signorina quel che cercate!_« überreichte, worauf mir ein »_Grazie molto!_« mit einem wohlgefälligen Blick wurde. -- »_E la buona mano?_« fragte ich nun. -- »_L'avrete!_« erwiderte sie, sich lächelnd entfernend, mir noch einen seelenvergnügten Blick zuwerfend, indem sie sagte, ihr Mann werde nicht ermangeln, für die _buona mano_ zu sorgen. Was sie damit sagen wollte, begriff ich nicht. Aber eine Viertelstunde daran brachte mir der Mann ein kleines Körbchen mit allerlei Spezereien, womit er mich belohnen wollte, seiner Gattin die silberne Nadel wiedergegeben zu haben. Diese hatte es mit der _buona mano_ ernstlich gemeint, und auch geglaubt, daß es mein Ernst gewesen, als ich eine solche begehrte, worüber ich herzlich lachen mußte. Dem Überbringer aber erklärte ich, daß, wenn ich die Sachen behalten solle, er ein Gegengeschenk dafür annehmen müsse, und ich gab ihm ein neapolitanisches Goldstück, das wenigstens den dreifachen Wert hatte. -- »Alle Francesi sind doch keine Diavoli, wie unser Beichtvater versichert,« meinte der gute Mann.