Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 2

Chapter 23,620 wordsPublic domain

Madame Gasqui eilte in ihr Schlafzimmer, das sie aber hinter sich zuriegelte, mich im vorderen Zimmer stehen lassend, angeblich ihre Lorgnette zu holen. Des Harrens müde, bat ich sie, mich einzulassen, aber siehe da, der Eintritt wurde mir gegen alles Erwarten verweigert, und nur erst nach einigem Hin- und Herkapitulieren an der verschlossenen Türe, wobei ich hatte versprechen müssen, mich recht fein und artig zu benehmen, wurde sie mir geöffnet; was dieses kleine Zwischenspiel zu bedeuten hatte, war mir kein Rätsel, auch stürzte ich, sobald die Türe offen war, der liebenswürdigen Dame in die Arme, erstickte ihren Mund mit Küssen, trug sie auf das schwellende Bett und -- eine halbe Stunde darauf half ich der verschämten Frau die Lorgnette suchen, fuhr mit ihr nach dem kleinen Theater San Karlino, wo wir in einer geschlossenen Loge, einem _chiaroscuro_, denn das Haus war schlecht beleuchtet, das tolle Zeug, das man aufführte, unter Lachen und Schäkern mit ansahen. -- Nach Mitternacht verließen wir das Theater, ich brachte meine Dame wieder in einem Kalesso nach Giesù nuovo zurück, wo uns Gasquis Bursche empfing, und mitteilte, daß sein Herr noch nicht zurück sei und er ihn schon seit zwei Stunden, da er ihn um zehn Uhr bestellt habe, erwarte.

[Fußnote 2: Kalesso heißt in Neapel ein kleines, zweiräderiges, offenes Fuhrwerk, eine Art Kabriolet, in dem man mit Blitzesschnelle, selbstkutschierend, der Führer stellt sich hinten auf, das rasche kalabrische Pferd durch sein Rufen lenkend, fährt, und für den längsten Kurs nicht mehr als 10 Grani (etwa acht Kreuzer oder zwei Groschen) bezahlt.]

»Alle Wetter,« rief ich aus, »ich habe ja die Zeche in der Restauration nicht bezahlt, am Ende hatten die Herren nicht soviel Geld bei sich und sind dort im Versatz geblieben!«

Madame Gasqui lachte und lispelte: »Wohl möglich, wenigstens hat mein Mann keine zehn Lire bei sich.«

»Und Linanges Kasse ist auch nicht zum besten bestellt,« versetzte ich, »er verspielt alles. Da muß ich gleich wieder in die Villa Reale zurück.«

Ich wollte mich nun der Madame Gasqui empfehlen, aber diese sagte: »Wollen Sie mich denn nicht mitnehmen? -- Ich glaube, es ist besser, wenn wir zusammen hinfahren, ein allenfallsiges kleines Donnerwetter abzuwenden. Sie wissen ja, wie mir der unausstehliche Linange zusetzt, er könnte leicht meinem Mann allerlei Dinge in den Kopf setzen.«

Ich gab ihr recht und dem Burschen ein gutes Trinkgeld, ihm verbietend, seinem Herrn zu sagen, daß wir zuerst hier waren, bevor wir nach der Villa zurückkehrten; von unserer ersten Zusammenkunft aber wußte er nichts, denn man hatte ihn weislich weggeschickt. Als wir in der Villa Reale ankamen, trafen wir die Herren noch beim Zechen und mit glühenden Gesichtern. Gasqui empfing uns freundlich und wohlwollend, Linange aber mit einem mürrischen Gesicht, und sagte mir mit zornigem Blick: »Wenn man die Leute einladet, so sorgt man auch für die Zahlung, wir sitzen vier Stunden hier wie angenagelt, und können nicht vom Fleck, da wir nicht darauf vorbereitet waren, die Zeche bezahlen zu sollen.«

Ich entschuldigte mich tausendmal, indem ich sagte, daß es meine Absicht gewesen, wieder hierher zu kommen; Gasqui fiel mir auch mit einem: »_c'est bon, c'est bon_« ins Wort, Linange aber brummte in den Bart; Madame Gasqui fing vom Theater zu erzählen an und konnte ihrem Mann nicht genug versichern, wie viel Vergnügen ihr die Späße des Arlechino und Pulcinello gemacht hätten.

»Das glaub' der Teufel,« murmelte Linange auf deutsch, »ich wollt' dich bespaßen, wenn ich dein Mann wäre.«

»Und wie artig war nicht Kolumbine,« fiel ich ein, tuend, als hätte ich Linanges Worte nicht gehört, der noch ein Himmelsakrament brummte.

Ich rief nun schnell dem Aufwärter, befahl einen Ananas-Punsch, und dies erheiterte selbst des Herrn Grafen Gesicht wieder, die Unterhaltung wurde fröhlicher, Pulcinello und Arlechino mußten das ihrige redlich beitragen, und erst um zwei Uhr nach Mitternacht dachten wir an das Heimkehren. -- Beim Abschied sagte Linange, mit dem Finger drohend, zu mir: »Sie sind mir ein loser Vogel, nehmen Sie sich aber vor der Leimrute in Obacht!«

»Das tue ich auch, Herr Graf.«

Ich hatte der Madame Gasqui versprochen, sie nun, wenn es der Dienst erlaube, jeden Tag zu besuchen, um mit ihr zu musizieren, auch wollten wir noch gemeinschaftlich Gitarre-Unterricht bei einem neapolitanischen Lehrer nehmen, und dies alles war ihr guter Mann nicht nur zufrieden, sondern er war sogar seelenvergnügt darüber. Ich brachte jetzt die meiste Zeit, die ich ermüßigen konnte, in Giesù nuovo zu, führte Madame Gasqui oft allein, bisweilen aber in Begleitung ihres Mannes in das eine oder andere Theater und nach demselben in restaurierende Kaffees, wo wir uns besondere Kabinette geben ließen, in denen wir dann, wenn wir allein waren, dem frivolen Gott Cupido und seiner Frau Mutter Weihrauch streuten.

Eines Abends, als ich wieder von so einer Partie um ein Uhr nach Mitternacht im Kastell del Carmine ankam, fand es sich, daß meine Kompagnie mit noch drei anderen schon seit drei Stunden nach Kapua abmarschiert war. Ich hatte zwar dem Sergeanten von der Wache hinterlassen, daß ich immer in Giesù nuovo zu finden sei, aber da wußte man nicht, wo ich mit Madame Gasqui hingeraten war. Ich trieb schnell einen Fiaker auf, mit dem ich so rasch wie möglich den abmarschierten Truppen nachfuhr, deren Arrieregarde ich in Averso einholte, und mit der ich in Kapua ankam. Dennoch ging es nicht ohne Verweis ab, ich war aber nicht der einzige Offizier, dem es so gegangen war, noch ein halbes Dutzend waren in demselben Fall und kamen meist erst nach mir an. -- Müde und erschöpft warf ich mich ganz angekleidet auf das Bett in dem mir angewiesenen Quartier und einem erquickenden aber festen Schlafe in die Arme, aus dem ich erst gegen Abend wieder erwachte. Ich sah eine Zeitlang durch das Fenster die Straße hinab, wobei es mir auffiel, daß ich nicht einen von unseren Soldaten erblickte, die doch sonst in allen Straßen herumschwärmten, sobald sie in einem Orte eingerückt waren. Es ward mir jetzt nicht wohl bei der Sache, ich verließ mein Quartier, und hörte bald, daß die Truppen seit ein paar Stunden schon wieder abmarschiert seien, und zwar nach Neapel zurück. -- »Ei, da soll ja eine Bombe dreinschlagen,« sagte ich zu einem Sergeant-Major, der, so wie noch mehrere Offiziere, die ich auf dem Marktplatz traf, auch den Abmarsch verschlafen hatte, keiner von uns hatte die Rappelle schlagen hören. Wir rotteten uns zusammen und bildeten noch eine Extra-Arrieregarde, die, zum Teil beritten, beinahe zu gleicher Zeit oder doch nur wenige Minuten nach dem Truppenkorps in Neapel eintraf. -- Es war ein Marsch für die Affen, wie man zu sagen pflegte, den wir gemacht hatten, denn auf ein leeres Gerücht hin, daß die Galeerensklaven und Gefangenen in Gaëta revoltiert hätten, waren wir zum Marsch dahin beordert worden; aber bald nach unserem Abgang waren Berichte angekommen, welche dartaten, daß an der ganzen Sache nichts, und sie aus der Luft gegriffen war. Glücklicherweise war unser abermaliges Zurückbleiben weder bemerkt noch gemeldet worden, da so viele nachkamen und wir den größten Teil des Weges in der Nacht zurücklegten. Ich war froh, daß alles so gut ablief, denn ich fürchtete Arrest zu erhalten. Damit mir aber künftig nichts Ähnliches mehr passieren möge, befahl ich meinem Burschen, der mit verschlafen hatte, sich künftig, nachdem er mich bedient, immer in der Kaserne oder dem Ort aufzuhalten, wo das Gros des Bataillons einquartiert sei.

Ich lebte nun meinen lustigen Train in Neapel fort und erteilte der Madame Gasqui auch Unterricht im Italienischen, das ich jetzt schon gut sprach und durch das Lehren noch besser lernte; ich hatte in allen Dingen eine gelehrige Schülerin an der hübschen Frau, mit der ich fast jeden Abend ein anderes Theater, bald San Carlo, Fiorentino, Fondo, Nuovo und so weiter besuchte. Trotzdem Madame Grenet und Linange intrigierten, ließ sich ihr Mann doch nicht irre machen und uns alle Freiheit, bisweilen begleitete er uns in die Theater, verließ uns aber immer spätestens zur Hälfte der Vorstellung, denn es lag ihm gewaltig viel daran, vor elf Uhr in seinem Bett zu ruhen. -- Nach den ausgestandenen schweren Strapazen führte ich ein Leben _in dolce giubilo_, aß bisweilen doch selten bei Moritz, den ich fast nur besuchte, wenn totale Ebbe in meinen Beutel eingetreten, was bei meiner Lebensart nicht selten war.

Nachdem unsere Rekruten einexerziert waren, wurde der Dienst wieder beschwerlicher, und namentlich die Wachen, die jetzt häufiger an mich kamen.

Wir mochten ungefähr vier Wochen aus Kalabrien zurück sein, als ein großes Avancement in dem Regiment stattfand, bei dem alle Offiziere, die wir verloren hatten, ersetzt wurden; viele Sergeanten, die tauglichsten Subjekte, wurden zu Unterleutnants befördert, und ich wurde bei dieser Gelegenheit Oberleutnant; ein gutes Avancement bei kaum anderthalb Jahren Dienst und für mein Alter. -- Wenn dies so fortgeht, dachte ich, dann kannst du bald den Marschallstab erhalten. -- Zu gleicher Zeit verkaufte mir der junge Stock ein sehr schönes Reitpferd um einen Spottpreis, den sein Onkel bestimmt hatte und für meine Rechnung bezahlte, mir dabei bemerkend: daß, da sich in meinem Fort keine Ställe befänden, er ihm einstweilen einen Platz in dem seinigen nebst der Kost geben wolle, die er mir gehörig in Anrechnung bringen würde, wozu ich ihn jedoch nie bewegen konnte.

Jetzt gefiel es mir unendlich besser in Neapel, als das erstemal. Kein Wunder, denn ich amüsierte mich königlich und suchte mich nebenbei auch noch möglichst in der Musik, namentlich im Gesang zu vervollkommnen, in welchem ich bei einem berühmten Kastraten, Matuccio, Unterricht nahm, um mir die italienische Schule völlig anzueignen. Einen Zechino mußte ich diesem Musico, wie man hier die Kastraten nennt, für jede Stunde bezahlen.

Bald darauf hatte ich zum erstenmal die Wache in der Vicaria, dem ehemaligen Kastell Capuano, das jetzt in einen Justizpalast umgewandelt war, in welchem die Tribunale und verschiedene Gerichte ihren Sitz aufgeschlagen hatten, auch die Zahlenlotterie wurde daselbst gezogen, und sie enthielt zugleich die furchtbarsten und scheußlichsten Kerker, in denen vielleicht über tausend Unglückliche, Verbrecher und wohl manche Unschuldige schmachteten. Diesen Wachtposten, der mir sehr unangenehm schien, da man die ganze Nacht hindurch unaufhörlich das Klirren der Eisenstäbe an den Gittern, welche die Aufseher anschlagen, um zu sehen, ob keine durchfeilt sind, und das Ächzen und Stöhnen der Gefangenen hört, hatte ich längere Zeit zu meiden gewußt, mit anderen Kameraden tauschend, was sich aber diesmal nicht hatte tun lassen. Die Vicaria ist eines der schrecklichsten Gefängnisse, die ich in meinem Leben gesehen, und der Palast bietet ein schaudererregendes Bild des menschlichen Elendes und aller Verworfenheit dar, er war der Schlupfwinkel der niedrigsten und teuflischsten Intrigen und Kabalen einer feilen Justiz und ihrer infamen Schleichwege. Schon das Äußere dieses Gebäudes, das auf einem kleinen, freien Platze steht, ist abschreckend genug. Diese ehemalige Residenz der Könige von Neapel, von Wilhelm I. bis Ferdinand I., war mit Mauern und mit von faulem Wasser angefüllten Gräben umgeben; ringsherum waren an den schwarzgrauen Mauern eiserne Käfige angebracht, in denen man die Köpfe hingerichteter Verbrecher aufbewahrte, die halb oder ganz entfleischt noch von Raben und andern Raubvögeln heimgesucht wurden, die daran hackten. Scharf geladene Kanonen mit brennenden Lunten daneben bewachten den Eingang zu dieser Hölle, auf welche Dantes berühmte Inschrift sehr gut gepaßt hätte; denn nur wenigen der Gefangenen, die zu jener Zeit diesen Schauerort betraten, blieb noch der Schimmer einer Hoffnung, ihn wieder lebendig zu verlassen.

In den obern Stöcken desselben befanden sich die Archive und Gerichtssäle, von denen einer, der sogenannte Audienzsaal, so groß ist, daß er an zweitausend Menschen fassen kann. Im Erdgeschoß saßen die weniger gefährlichen und nicht so schwer angeschuldigten Gefangenen, aber tief unter der Erde wurden diejenigen, denen man schwere Verbrechen, Rebellion und Verschwörung gegen die Regierung zur Last legte, oder die mächtige Feinde hatten, in feuchten Kerkern und Höhlen aufbewahrt, in welche nie ein Sonnenstrahl drang; in den untersten derselben, deren Boden ganz schlammartig war, hatten die Unglücklichen Schlangen, Kröten, Skorpione und Unken, die ihr Lager auf längst verfaultem Stroh mit ihnen teilten, zur Gesellschaft, und kein frischer Luftzug erneuerte je die verpestete faule Atmosphäre dieser Behälter.

Sobald die Sonne hinunter war, gingen die Gefängnisaufseher von Gitter zu Gitter, mit Stangen an den Stäben klopfend, um sie zu prüfen; dies Manöver erneuerte sich jede halbe Stunde und währte, bis der Tag wieder zu grauen begann. Eine wahrhaft höllische Nachtmusik. Oft übersteigt die Zahl der hier Eingekerkerten vier- bis fünftausend, und mancher schmachtete, von der ganzen Welt vergessen, schon über ein halbes Jahrhundert hier; andere saßen unter der früheren Regierung zwanzig und dreißig Jahre, ohne daß ihre Sache nur zum Spruch kam, und litten, in verfaulte Lumpen gehüllt, vom Ungeziefer bei lebendigem Leib aufgefressen, mit Geschwüren und Beulen bedeckt, tausendfachen Tod, bis sie der wirkliche endlich erlöste. Gott, wie ist man doch mit der Menschheit schon umgegangen! -- Die Bastille in Paris war noch ein Lusthaus gegen diese Vicaria, wo sich auch noch die scheußlichsten Folterkammern mit all ihren Marterwerkzeugen befanden.

Da sich bei jedem Tumult und Aufruhr das Volk immer zuerst der Vicaria zu bemächtigen sucht, so zählte die Wache daselbst über achtzig Mann und wurde jeden Abend noch durch eine zum Patrouillieren bestimmte Abteilung, über hundert Mann, verstärkt. An den Hauptgerichtstagen finden sich hier ganze Heere von Richtern, Anwälten, Prokuratoren, Advokaten, Rechtsverdrehern und Rabulisten ein, ich sah Leiterwagen voll Akten in die Höfe fahren und zählte die an einem Morgen ankommenden, mit Litiganten besetzten Kutschen zu Hunderten. Alle Richter, Advokaten und so weiter waren in lange Mäntel und Perücken gehüllt und ließen ihre Akten in großen Körben die Treppen hinauftragen. An solchen Tagen, oder wenn die Zahlenlotterie gezogen wurde, war das Gedränge so groß, daß die Hälfte der Wache immer unter dem Gewehr stehen mußte. Nimmer hätte ich mir träumen lassen, daß ich an diesem Ort der Greuel noch so manche selige Stunde wonnetrunken zubringen würde.

Bei meiner ersten Wache daselbst vernahm ich ein paar Stunden nach Sonnenuntergang plötzlich aus einem Fenster der mittleren Gebäude, welche meiner Wachtstube gegenüberlagen, den Klang einer Mandoline und Gitarre, und bald darauf hörte ich zwei schöne klangreiche Sopranstimmen neapolitanische und sizilianische Volkslieder mit Begleitung dieser Instrumente singen. Ich horchte hoch auf und war recht verdrießlich, als die liebliche Musik, die gewiß auch manchem der Gefangenen auf einige Augenblicke seine Qualen erleichterte, durch das mißtönende Klirren der Eisenstäbe unterbrochen wurde. Indessen fuhr der Gesang fort, und um ihn besser zu hören, ging ich in den Hof hinab, wo ich hinter einem Balkon die Schatten zweier niedlicher Frauengestalten sah, welche diese sonoren Töne erschallen ließen. Auf meine Erkundigung, wer die Damen seien, welche diesen traurigen Ort durch ihre Musik so erheiterten, erfuhr ich, daß die eine die Tochter, die andere aber die Nichte des Oberverwalters oder Kastellans der Vicaria, und beide ein paar junge, muntere, recht artige Mädchen seien. Begierig, deren Bekanntschaft zu machen, ließ ich meine Gitarre durch meinen Burschen holen und stimmte, nachdem sie aufgehört, einige italienische Kavatinen, namentlich das schelmische »_Una povera ragazza_« an. Die Mädchen horchten, wie ich wohl merkte, hoch auf und waren mäuschenstill, auch sangen sie diesen Abend nichts mehr, sondern spielten später, nachdem auch ich wieder still geworden, noch eine Tarantella und verschwanden. Ich aber spazierte noch lange beim Mondschein in dem Hof auf und nieder und ging endlich nach Mitternacht auf mein Wachtzimmer, wo ich mich auf das lederne Ruhebett warf und phantasierend mir die Gesichter und Figuren der beiden Sängerinnen ausmalte, mit Ungeduld den Tag erwartend, der, wie ich hoffte, mich die Mädchen von Angesicht zu Angesicht würde sehen lassen. Endlich brach die ersehnte Dämmerung heran; als der Tag kaum erschienen war, sah ich durch mein Fenster die jenseitige Haustüre öffnen, aus der zwei niedliche Gestalten in schwarzer, neapolitanischer Nationaltracht, mit Gebetbüchern in der Hand, traten, die über den Hof und durch das Tor zur Frühmesse in die nächste Kirche eilten. Dies sind ohne Zweifel meine charmanten Sängerinnen, dachte ich, und hatte recht. Es ärgerte mich nun, nicht im Hof gewesen zu sein, als sie durch denselben schritten; um sie aber bei der Rückkehr nicht zu verfehlen, die unmöglich lange dauern konnte, spazierte ich unter dem Tor auf und nieder, sie erwartend. Es dauerte auch kaum eine halbe Stunde, so kamen sie zurück; ich grüßte sehr freundlich, als sie an mir vorübergingen, und hatte das Vergnügen, meinen Gruß recht artig, wenn auch etwas verschämt und mit niedergeschlagenen Augen, erwidert zu sehen; eine derselben war allerliebst und die andere wenigstens sehr leidlich. Noch denselben Morgen machte ich die Bekanntschaft des Herrn Papas und Oheims, den ich unter dem Vorwand, ihn um etwas in Dienstangelegenheiten fragen zu wollen, zu mir herunterbitten ließ. Der Kastellan war so gefällig, sich einzufinden, und nachdem ich mich über mancherlei, die Sicherheit der Gefängnisse und so weiter betreffend, bei ihm erkundigt, bot ich ihm ein kleines Frühstück an, das er anzunehmen und sich schmecken zu lassen die Güte hatte. Er gab mir manche nicht uninteressante Notizen über die Vicaria und ihre Gefangenen und erzählte mir, daß er bereits seit sechsundzwanzig Jahren den Verwalterdienst hier versehe, ein geborener Palermitaner und Witwer sei, zwei Söhne, die sich in Sizilien bei Verwandten aufhielten, und eine Tochter habe, die mit seiner Nichte, auch einer Palermitanerin, bei ihm wohne. Noch teilte er mir einige gräßliche Geschichten mit, die unter der vorigen Regierung in der Vicaria vorgefallen und so empörend waren, daß sie mir das Blut in Wallung brachten.

Während dieser Unterhaltung schielte ich öfters nach den gegenüberliegenden Fenstern, aber von den Mädchen ließ sich keine blicken, doch glaubte ich zu bemerken, daß sich ein Vorhang manchmal ein wenig lüfte, woraus ich schloß, daß sich meine Schönen hinter demselben befänden, und zwar ganz richtig, wie ich später von ihnen selbst erfuhr. -- Nach drei Viertelstunden verließ mich der Alte recht vergnügt, um seinen Amtsgeschäften nachzugehen, und sagte beim Abschied, er hoffe mich recht bald wieder in der Vicaria zu sehen, wo er mir dann noch gar manches Merkwürdige mitteilen wolle. Ich spazierte eine Zeitlang im Hof auf und nieder, aber meine grausamen Schönen ließen sich nicht mehr blicken, und schon hörte ich die Trommel der ankommenden Wache, ein Klang, der mir sonst immer erwünscht war, mich aber diesmal ärgerte. Als jedoch die Schildwache >_aux armes_< rief und die neue Wache im Paradeschritt anmarschierte, da zeigten sich auch die beiden Signoras wieder am Balkon, das Schauspiel der Ablösung mit anzusehen, was mich so sehr zerstreute, daß ich statt rechts, links in die Flanken zum Abmarsch kommandierte, doch lachend den Fehler reparierte und im Abmarsch die Damen mit dem Degen salutierte, was beide über und über erröten machte. -- Ich nahm mir nun vor, von jetzt an, so oft unser Regiment diesen Posten zu besetzen hatte, mit dem Offizier, der diese Wache bezog, zu tauschen, und ging dies nicht an, die hier wachthabenden Offiziere fleißig zu besuchen.

Den kommenden Morgen fand ich mich in aller Frühe vor der Vicaria ein, aufzupassen, wenn die beiden Mädchen wieder in die Messe gehen würden, um ihnen daselbst das Weihwasser zu präsentieren. Zur nämlichen Stunde wie den Tag vorher traten sie aus dem Tor und gingen nach der Kirche San Pietro ad Arano, in welcher der heilige Petrus die nicht minder heilige Candida getauft haben soll. Ich eilte ihnen zuvor, da ich mich schon den Tag vorher bei dem Herrn Papa erkundigt hatte, in welcher Kirche sie die Messe hörten, placierte mich an den Weihkessel, ihnen das Weihwasser auf meinen Fingerspitzen reichend, das sie auch dankend und wieder errötend von mir annahmen und sich nun überzeugt hielten, daß ich ein gut katholischer Christ sein müsse. -- Ich nahm ein paar Schritte von den Mädchen Platz, so daß ich imstande war, sie während der Dauer der Messe mit aller Bequemlichkeit zu beobachten, und bemerkte, daß bald die eine, bald die andere verstohlen nach mir herüberschielte. -- Nach gehörig vollbrachter Andacht leistete ich beim Herausgehen den beiden Mädchen denselben Dienst wie beim Eintritt und wurde nicht minder dankbar belohnt, hütete mich aber wohl, sie heim zu geleiten, da eine Neapolitanerin im Nationalkostüm mit einer französischen Uniform gesehen, sich allen möglichen Unannehmlichkeiten aussetzte; den nächsten Tag aber war ich so klug, mich in Zivilkleidern in die Messe zu begeben, unterhielt mich nach beendigtem Gottesdienst recht angenehm mit ihnen, sie jetzt heimbegleitend, und teilte ihnen mit, daß ich in zwei Tagen wieder die Wache an der Vicaria beziehen, so das Vergnügen haben würde, sie daselbst zu sehen und hoffentlich auch singen zu hören. Etwas verlegen fragte mich die Nichte, wie es denn komme, daß ich so schnell wieder an diese Wache käme, worauf ich ihr gestand, daß ich deshalb mit einem Kameraden getauscht habe. -- Statt den geraden Weg nach der Vicaria zu gehen, schlugen wir einen ziemlich krummen Umweg nach der Porta Capuana zu ein, und ich begleitete dann die Mädchen bis an das Ende der Straße Carbonara, wo ich mich ihnen in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehens bestens empfahl. -- Ich hatte von ihnen herausgebracht, daß die hübscheste, die sich Teresina nannte, die Nichte, und die andere, die anmutigste, Marietta, die Tochter des Kastellans war. Den nächsten Morgen verhinderte mich der Dienst, die Messe zu besuchen, und den folgenden hielt ich es nicht der Mühe wert, da ich ein paar Stunden später die Wache an der Vicaria beziehen sollte. Als ich mit derselben anmarschiert kam, fand ich die beiden Mädchen schon auf ihrem Balkon sitzend und grüßte sie wieder mit dem Degen, ohne diesmal einen Fehler im Kommando zu machen. Nachdem sämtliche Posten abgelöst und die alte Wache abmarschiert war, kam der alte Kastellan recht freundlich auf mich zu, freute sich, mich wiederzusehen, da ich der einzige Offizier sei, der von den Franzosen diese Wache beziehe, mit dem man doch ein Wort sprechen könne, indem die anderen keine Silbe Italienisch verstünden, und wurde so gesprächig, daß es mir fast lästig war. Ich leitete die Unterhaltung auf den Gesang und die schönen Stimmen, die ich bei meiner letzten Wache hier gehört.

»Corpo di Bacco,« fiel er ein, »das waren meine Mädchen! Nicht wahr, Signor Uffiziale, meine Ragazza singt schön; es hat mich aber auch Geld gekostet, denn ich ließ sie bei einer der ersten Choristinnen des Fiorentino lernen.«