Part 16
Alles ging bald wieder seinen geregelten Gang fort, und ich arbeitete an meiner Versetzung zum ersten Bataillon, denn der Aufenthalt in Genua war mir wegen meinen Verhältnissen mit den verschiedenen Frauen, die nimmer einen guten Ausgang erwarten ließen, verleidet; ich schrieb deshalb oft an Düret. Eben hatte ich wieder einen solchen Brief beendigt, als ein Lohnbedienter zu mir in das Zimmer trat und mir sagte, es seien gestern abend ein paar fremde Damen in dem Hotel Croce di Malta angekommen, die mich zu sprechen wünschten und bitten ließen, sie doch diesen Vormittag zu besuchen, indem sie mir vermutlich sehr angenehme Mitteilungen zu machen hätten. Auf meine Fragen, wer denn die Damen seien, erwiderte der Abgesandte: »_Non le conosco_,« und mehr war aus ihm auch nicht herauszubringen. Ich konnte mir gar nicht denken, welche Donna Elvira mich in Genua aufsuchen möchte, denn daß es die Cesarini nicht sein konnte, wußte ich, da ich erst vor wenigen Tagen Briefe von ihr erhalten hatte, die keineswegs einen solchen Schritt vermuten ließen. Nachdem ich meine Dienstgeschäfte verrichtet, eilte ich neugierig in das Maltheserkreuz und fand -- meine Engländerinnen aus Florenz, die mir gar nicht in den Sinn gekommen waren. So sehr ich auch überrascht war, hieß ich sie doch freundlich willkommen, frühstückte mit ihnen und versprach, sie verlassend, gegen Abend wieder zu erscheinen. Als ich zu Hause angekommen war, dachte ich: >Immer besser, meine hiesigen Verhältnisse verwickeln sich mehr und mehr; die Götter mögen wissen, welches Ende das nehmen wird.< Ich überlegte, durch welche Mittel ich den sicher bevorstehenden, höchst unangenehmen Begebenheiten wohl entgehen könne, als mich eine Ordonnanz zum Bataillonschef beorderte. Dieser empfing mich ungewöhnlich freundlich und überreichte mir mehrere Papiere, indem er sagte: »Ich gratuliere von Herzen!« Das eine war meine Ernennung zum Kapitän, das andere ein Schreiben von Düret, aus Civita-Vecchia datiert. Das letztere brach ich hastig auf, durchflog es und las unter anderem seine herzlichen Glückwünsche zu meinem Avancement sowie die Meldung, daß er zugleich meine Versetzung zum ersten Bataillon bei dem Oberst Omeara durchgesetzt habe, wobei ihm besonders das Vorgeben genutzt, daß das Musikchor seit meiner Abwesenheit ganz verwahrlost und kein Offizier beim Bataillon sei, der mich in dieser Hinsicht ersetzen könne, man alles dem _Maître de musique_ zu überlassen genötigt und ich in dieser Hinsicht gewissermaßen unentbehrlich wäre. Er schloß noch mit einer väterlichen Warnung hinsichtlich Caguenecs und daß er mich recht bald erwarte. Herr von Brüge hatte auch schon meine Versetzungsorder erhalten und bedauerte, besonders wegen seiner Tochter, mich sobald wieder zu verlieren. Auch ich tat, als sei es mir leid, war aber innerlich über das Ereignis seelenvergnügt, und zu Hause angekommen, setzte ich mich an das Klavier und komponierte einen recht munteren _pas redoublé_, machte dann sogleich Anstalten zu meiner Abreise und ließ mir meine _feuille de route_ ausfertigen. Nun blieben mir noch die sauersüßen Abschiedsszenen übrig. Der Marchesa Spinola sagte ich bei Guercinos, wohin ich sie zitiert und wo ich sie auch in der letzten Zeit öfters gesehen hatte, ein zärtliches Lebewohl, der Marchesa P..., die noch immer krank war, schrieb ich einen herzbrechenden Abschiedsbrief, bei den kaum angekommenen Ladys spielte ich den Verzweifelnden, indem ich zu Lady Mary sagte: »Da sehen Sie, was es heißt, ein Soldat sein; auch keine Minute ist man Herr über sein Leben und seine Zeit; aber hatte ich es Ihnen nicht in Florenz gesagt, daß es so kommen würde?« Mary war wirklich außer sich und rief aus: »Wie! nachdem ich mir alle Mühe gegeben und Gott weiß was alles vorgebracht habe, um meinem immer noch in Paris weilenden Gatten plausibel zu machen, daß ich meinen Aufenthalt in Genua nehmen möchte, verlassen Sie es? Oh, wäre ich doch lieber in Florenz geblieben; vorerst kann ich nicht daran denken, von hier wieder wegzureisen.« »Gott sei Dank!« erwiderte ich in Gedanken und brachte noch eine recht zärtliche halbe Nacht mit ihr zu. Auch Albertinen, der ich soviel zu danken hatte, schien meine Abreise durchaus nicht gleichgültig zu sein, auch sie schwamm in Tränen. Nun aber kam noch der schwierigste und von mir am meisten gefürchtete Abschied von allen, der von meiner tollen Giulietta, der ich erst den letzten Abend vor meiner Abreise, als sie mich, wie es sehr häufig geschah, in meiner Wohnung besuchte, dieselbe mitteilte. Es setzte eine zweite, womöglich noch tollere Szene, als die, bevor ich zur Brigantenjagd abging, und nur durch die Versicherung, daß ich ganz gewiß, ehe vierzehn Tage vergingen, wieder in Genua sein und in ihren Armen liegen würde, gelang es mir, sie einigermaßen zur Raison zu bringen und von albernen Streichen, mir diesmal gewiß folgen zu wollen und so weiter, abzubringen.
Da ich noch immer bei Kasse war, auch meinen schönen Reisewagen noch hatte, so beschloß ich diesmal über Mailand nach Rom zu gehen und rollte mit Tagesanbruch zu dem nach Alessandria führenden Tor hinaus, mit der Hoffnung, vielleicht den mir so angenehmen Posten in Albano wiederzuerhalten.
VI.
Reise über Mailand nach Rom. -- Mailand. -- Die Einwohner. -- Der Advokat Mazetti. -- Eine Spielhölle. -- Ich rette Graf G... aus den Klauen falscher Spieler. -- Bellina. -- Abreise von Mailand nach Rom. -- Ankunft zu Rom. -- Wiedersehen. -- Abfahrt nach Neapel.
Meine Marschroute gestattete mir wieder einen Monat Zeit, um den Ort meiner Bestimmung zu erreichen; da ich mit Extrapost ganz bequem in fünf bis sechs Tagen und noch früher in Civita-Vecchia eintreffen konnte, so benutzte ich die dadurch gewonnene Zeit, die merkwürdigsten Städte der Lombardei und Oberitaliens, die ich noch nicht gesehen hatte, zu besuchen, so vor allem Mailand.
Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage in dieser merkwürdigen Stadt zuzubringen, mein Aufenthalt dehnte sich aber beinahe drei Wochen aus.
Das gesellige Leben war zu jener Zeit noch immer freundlich, obgleich man sich sehr vor dem napoleonischen Spionenwesen fürchtete und seine Worte gewaltig auf die Wagschale legte. Dennoch war man gegen Fremde zuvorkommend, artig, gastfrei und selbst dienstfertig. Ich hatte durchaus keine Empfehlungen mit nach Mailand gebracht, ging auch fast immer nur in Zivilkleidern und hatte doch in den ersten paar Tagen schon im Theater und im Kaffeehause die Bekanntschaft einiger angesehener Bürger gemacht, die mich zu sich einluden und in ihren Familien einführten. Die Schönheit der Mailänderinnen ist in Oberitalien sprichwörtlich, sie haben eine sehr frische Hautfarbe, einen äußerst wohlproportionierten Wuchs, schöne Augen, meistens ein rabenschwarzes, dickes, langes Seidenhaar, das freilich oft sehr frühe ins Graue übergeht, dabei viel Anmut und angenehme Manieren, lieben Putz und Pracht leidenschaftlich, wissen sich aber mit Geschmack und gewählt zu kleiden und trugen damals sehr die Pariser Moden, die man acht bis zehn Tage später, als sie in Frankreichs Hauptstadt erschienen, gewiß war, auf dem Korso und in der Skala bewundern zu können. Auch in Equipagen, deren man Hunderte in einer Reihe begegnete, wurde großer Aufwand gemacht. Mailand war damals diejenige Stadt Italiens, wo man die Franzosen am wenigsten ungern sah, selbst die Männer waren ihnen nicht gerade abhold. Ich war in einem Gasthof abgestiegen, den ich jedoch nach zwei Tagen mit einer Privatwohnung in der Nähe des Domplatzes vertauschte, von wo ich meine Ausflüge in alle Teile der Stadt bequem machen konnte.