Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 15

Chapter 152,909 wordsPublic domain

Bis jetzt war es mir geglückt, mein Verhältnis mit den beiden Damen so zu verheimlichen, daß keine von ihnen daran zweifelte, daß ich den Umgang mit der anderen aufgegeben, aber jeden Tag konnten mir die Karten aufgedeckt werden. In der letzten Zeit hatte ich einigemal bei Giulietta eine sehr liebenswürdige Dame, eine nahe Anverwandte von ihr, die Signora Albertina Palatini getroffen, die ganz das Gegenteil von ihrer wilden Cousine und eine sehr sanfte und ruhige Frau, von blassem, schmächtigem Aussehen, eine geborene Venetianerin war, die sich hierher verheiratet hatte. Sie besaß ganz das zierliche, fein-graziöse Wesen, das die Venetianerinnen besonders auszeichnet, Schönheiten, denen das Heroische der Römerinnen, das Blühende der Florentinerinnen abgeht, die dagegen fast verklärte, oft sehr geistreiche Gesichter und die zarteste weiße, fast durchsichtige Haut von der Welt haben. Die Signorina Albertina hatte ein raffaelisches Madonnenantlitz, ihre Unterhaltung war von der Art, daß sie unwiderstehlich für sie einnahm, und nie habe ich hinsichtlich des Kontrastes zwei verschiedenartigere Wesen kennen gelernt, als diese beiden Cousinen, die sich dennoch sehr gut miteinander vertragen, und, was das Sonderbarste war, daß, obgleich ich Albertinen eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit in Gegenwart Giuliettens schenkte und mich, soviel es tunlich war, fast ausschließlich mit ihr unterhielt, diese doch keine Idee von Eifersucht oder Mißtrauen blicken ließ, sondern das größte Vertrauen in ihre sanfte und sentimentale Verwandte setzte, nicht bedenkend, daß es die Sentimentalen oft ganz gewaltig hinter den Ohren sitzen haben, denn stille Wasser sind tief. -- Ein bloß geistiges Einverständnis hatte sich auch bald zwischen mir und der neuen Bekannten entsponnen, und in den Gesellschaften, in denen ich sie traf und die sie frequentierte -- sie wurde weit mehr als ihre Cousine zu denselben gezogen und eingeladen --, unterhielt ich mich und tanzte viel mit ihr; ein gegenseitiges Wohlwollen, ohne Drang nach sinnlicher Lust, war bald entstanden, und jedes bezeigte große Teilnahme für das, was dem anderen widerfuhr; wie sehr dies von Albertinens Seite der Fall war, hatte ich bald Gelegenheit, auf das unzweideutigste zu erproben.

In ganz Italien ist hinsichtlich Genuas eine Redensart im Munde des Volkes, die heißt: _Uomini senza fede, donne senza vergogna, mare senza pesce, bosco senza legna._ Mit derselben hat es, wie es mit so mancher ähnlichen abgeschmackten sprichwörtlichen Redensart der Fall ist, gleiche Bewandtnis, sie ist fast ganz falsch und irrig. -- Was das erste anbetrifft, _Uomini senza fede_, so sind die Genueser in dieser Hinsicht nicht schlimmer als die anderen Italiener, was freilich kein Lob ist, und ebenso ist es mit den Frauen der Fall, die übrigens auch bei dem vertrautesten Verhältnis noch immer eine gewisse Dezenz beobachten, sich nie so ganz schamlos hingeben, wie zum Beispiel die Französinnen, die, wenn man einmal auf einen gewissen Punkt mit ihnen gekommen ist, gar keine Zurückhaltung mehr kennen, was sie denn auch, trotz ihres geistreichen und witzigen Geplauders, ihres so aufgeweckten munteren Verstandes, gar schnell bis zum Ekel widerlich erscheinen läßt, sobald man intim mit ihnen geworden. -- Das Meer ohne Fische ist nun vollends eine offenbare Lüge; ich habe nirgends bessere und dabei sehr billige Fische gegessen wie hier, namentlich die Triglia, ein köstlicher Rotfisch, Sardellen, frischen Tunfisch, die kleinen köstlichen rosenfarbigen Bianchetti, die man auch Rosetti nennt, und so weiter. -- Ein Wald ohne Bäume aber ist barer Unsinn, man findet hier die herrlichsten Zitronenwäldchen, deren Duft die Lüfte parfümiert. -- Ich erwähne dieses alberne Sprichwort hauptsächlich in Betracht der Frauen, die nicht mehr intrigieren als alle Italienerinnen und Spanierinnen, fast eher schamhaft als schamlos sind, wenigstens habe ich sie so gefunden, sogar die sonst so ausgelassene Giulietta war in gewissen Dingen sehr dezent, und selbst die öffentlichen Dirnen, denen ich nur auf den Straßen begegnete, da ich vor solchen immer den größten Abscheu und Ekel hatte, haben es bei weitem noch nicht zur Unverschämtheit der Pariser Boulevardnymphen gebracht; man konnte zu jeder Zeit durch alle Gassen Genuas gehen, ohne von ihnen angehalten zu werden.

Etwa vier Wochen nach meiner Zurückkunft aus den Alpen war wieder ein großes Fest bei Dorias, zu dem das ganze Offizierskorps der Garnison sowie die ganze schöne Welt und der Adel Genuas, den ich zum erstenmal so vollständig versammelt sah, eingeladen war. Im hellen Glanz strahlten die Damen, die ihre Toilette mit großer Sorgfalt gewählt hatten; auch Albertina Palatini war zugegen, aber ganz einfach weiß, jedoch in die feinsten Spitzen gekleidet, ohne Brillanten oder Perlen, weiße Rosen im Haar. Ihre feine blasse Haut und dieser Anzug gaben ihr das Ansehen einer Halbverklärten. Ich hatte fast nur Augen für sie und war mit der ebenfalls anwesenden Spinola und Giulietta übereingekommen, daß ich beide ignorieren und ihnen nur die ganz gewöhnlichen Höflichkeitsbezeigungen erweisen würde. Ich hielt mich hauptsächlich in Albertinens Nähe auf, deren elegante Anmut beim Tanz bewundernd. Sie blickte mich einigemal so bedeutungsvoll an, daß es schien, als hätte sie mir etwas Besonderes mitzuteilen. Ich trat bald darauf eine Monfarina mit ihr an, und nachdem dieselbe beendigt war, drückte sie mir ein Billettchen verstohlen in die Hand, indem sie mir zuflüsterte: »_Leggete subito!_« Ich eilte in ein entlegenes Gemach unter eine Fensterhalle und las:

>Signor, finden Sie sich eine Stunde vor Mitternacht in der Grotte der Calypso der Villa Doria ein, wo ich Ihnen Dinge von der größten Wichtigkeit mitteilen werde, meiden Sie mich aber den Rest des Abends, damit jeder Verdacht eines Einverständnisses fern bleibt. Um der Madonna willen, verlieren Sie das Billett nicht, wenn Ihnen Ihr und mein Leben teuer ist, vor allem hüten Sie sich vor meiner Cousine und meinem Bruder; suchen Sie die Grotte auf und placieren Sie sich bei der zweiten Monfarina in meiner Nähe.<

So sehr ich auch über den Inhalt dieses seltsamen Schreibens erstaunt war und nachdachte, so glaubte ich dennoch aus demselben nichts weiter vermuten zu können, als einen gefährlichen Anschlag Giuliettas, die hinter meine Schliche gekommen, oder ein gewöhnliches Rendezvous. Etwas zerstreut kehrte ich in den großen Saal zurück, begegnete bisweilen den Blicken Albertinens, die alsdann ihre Augen verlegen niederzuschlagen schien. Ich suchte nun die bezeichnete Grotte auf, die in dem entlegensten Teil der Bosketts lag, mir die dahin führenden Wege merkend, und tanzte dann abwechselnd mit der Spinola, Giulietta, Teresina Doria und anderen. Bei der zweiten Monfarina placierte ich mich neben den Tänzer Albertinens, die mich während der Tour leise und schnell fragte: »Wissen Sie die Grotte? Haben Sie das Billett vernichtet? -- Verfehlen Sie die Zeit nicht!« -- Ich beantwortete alles mit gleicher Heimlichkeit und begab mich eine Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit an den bestimmten Ort. Kaum hatte ich Posto daselbst gefaßt, so hörte ich mehrere Männerstimmen eifrig im Gespräch begriffen, und da ich fürchtete, sie möchten in die Grotte kommen, so trat ich schnell aus derselben und hinter ein nahes Gebüsch. Meine Vermutung war nicht ganz falsch, denn sie blieben vor dem Eingang der Grotte stehen und schienen sich im genuesischen Jargon ziemlich heftig zu streiten. Ich verstand nur einzelne und abgebrochene Worte, wie _Il Commandante_, _teatro_, _francese_ und so weiter. Gerne wäre ich aus meinem Hinterhalt hervorgegangen, um Albertinen aufzusuchen und sie zu verhindern, sich hierher zu verfügen, aber es war unmöglich, ohne von diesen Personen bemerkt zu werden, die dann glauben mußten, ich habe sie belauscht. Über eine gute Stunde mußte ich in dieser peinlichen Lage bleiben, jeden Augenblick fürchtend, die Signora kommen zu sehen, als sich die Männer, es waren ihrer wohl einige zwanzig, entfernten, sich in mehrere Gruppen verteilten und auf verschiedenen Wegen wieder in den Palazzo begaben. Sobald ich sie weit genug glaubte, eilte auch ich wieder in den Tanzsaal zurück, Albertinen mit scharfen Blicken im Gewühl suchend, konnte sie aber nirgends entdecken; ich rannte nun wieder zur Grotte, aber auch hier keine Spur von ihr, ich lief durch alle Gänge und Alleen des Gartens, alles vergeblich. Eben wollte ich wieder in die Haustür treten, als mich eine Frauengestalt, in einen Mantel gehüllt, bei der Hand nahm und einige Schritte mit sich fortzog; es war Albertine. Ich wollte reden, aber sie fiel mir schnell ins Wort: »Ich weiß alles, was Sie mir sagen wollen, und habe nur zwei Minuten Zeit, denn schon werde ich vermißt. Wenn Ihnen Ihr Leben und das aller Ihrer Kameraden teuer ist, so verfehlen Sie morgen nicht, in die Frühmesse der Annunziata zu kommen.« Mit diesen Worten verlor sie sich schnell ins Gebüsch, da man Leute kommen hörte. Es waren Gäste, die sich schon entfernten. Ich trieb mich noch eine geraume Zeit in dem Garten umher, über dieses Abenteuer und was es zu bedeuten habe nachdenkend; als ich endlich wieder in den Saal trat, war es schon drei Stunden nach Mitternacht und die Kerzen beinahe heruntergebrannt; die Generalität und alle Offiziere waren längst weg, ich fand nur noch wenige Nobili unter einer Fensterhalle in so eifrigem Gespräch vertieft, daß sie mich kaum zu bemerken schienen, und entfernte mich ebenfalls. Zu Hause angekommen, warf ich mich auf das Bett, meinem Bedienten befehlend, mich mit Tagesanbruch, der nicht mehr sehr entfernt war, zu wecken. Ich konnte aber nicht einschlafen, und erst gegen Morgen schloß ich die Augen, in einen leisen und unruhigen Schlummer versinkend, aus dem ich, durch einen beängstigenden Traum erschreckt, bald wieder erwachte, mich schnell ankleidete und zur Annunziatakirche eilte. Außer einigen alten Frauen und verschleierten Damen, die hin und wieder an Altären knieten, war noch niemand in der Kirche. Nach einer halben Stunde trat die von mir heiß Herbeigewünschte ein. Ich hatte sie an der Tür erwartet und reichte ihr das Weihwasser, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. In einer kleinen Seitenkapelle öffnete sie eine ziemlich verborgene, stark mit Eisen beschlagene Tür, die sie leise anlehnte; ich folgte ihr unbemerkt und befand mich samt ihr in einem sehr kleinen, von hohen Mauern umgebenen Kirchengärtchen oder vielmehr Höfchen, mit Bäumen besetzt. Nachdem ich auf ihr Geheiß die Tür hinter mir zugemacht, sagte sie: »Signor, mein Benehmen muß Ihnen sehr seltsam vorkommen, aber das Interesse, welches Sie mir von dem ersten Augenblick, da ich Sie sah, einflößten, wird, verbunden mit dem, was ich Ihnen nun entdecken werde, mich nicht nur entschuldigen, sondern Sie mir auch für immer verpflichten. Erst aber schwören Sie mir, daß Sie weder mich noch meinen Mann noch meinen Bruder, so groß auch die Schuld des letzteren sein möge, verraten oder ins Verderben stürzen wollen.« -- Lächelnd fragte ich sie, ob es wohl noch eines solchen Schwures bedürfe, und reichte ihr die Hand, mein Ehrenwort deshalb gebend. Ihre Hand ruhte zitternd in der meinigen, als sie fortfuhr: »Es ist eine gräßliche Verschwörung gegen Ihre Truppen und die Garnison im Werk und dem Ausbruch so nahe, daß keine Zeit mehr zu verlieren ist, wenn Sie sich retten wollen. Heute abend sollen mit dem Beginn des zweiten Akts die sich im Augustinertheater befindlichen Generale und Offiziere ermordet, zugleich auf ein Signal die Kasernen in Brand gesteckt und sich von den Verschworenen der Wälle und Tore bemächtigt werden. Die Anstalten sind so gut getroffen und alles so vorbereitet, daß wohl niemand leicht entkommen kann. Mehrere tausend Briganten und Landleute vom Gebirge befinden sich schon seit gestern abend in der Stadt versteckt, noch weit mehr werden im Augenblick der Ausführung von den Bergen herunterströmen; mehrere englische Kriegsschiffe werden sich mit anbrechender Nacht der Küste nähern und unfern der Stadt Truppen ans Land setzen. Das Signal wird sogleich nach der im Theater erfolgten Ermordung durch eine vom Fanal aufsteigende Rakete gegeben werden. Dies alles habe ich teils durch meinen Mann, teils durch eine Instruktion, die ich in der Schreibtafel meines Bruders fand, die er bei jenem zurückgelassen, erfahren. Namen kann und werde ich Ihnen keine nennen, auch weiß ich nicht, wer die eigentlichen Urheber und Lenker der Verschwörung sind, und erinnere Sie nochmals an Ihr Versprechen.« -- »Das ich heilig halten werde, teuerste Signora,« unterbrach ich sie, hinzusetzend: »denn es soll Sie nicht gereuen, die Retterin so vieler tapferen Leute geworden zu sein.«

Albertine nahm mit Tränen in den Augen Abschied und entfernte sich durch eine andere Tür, während ich mich durch die Kirche zurück und nach Haus begab. Hier überlegte ich, wie ich es anzufangen habe, die Sache dem kommandierenden General zu entdecken, ohne die Palatini und ihre schuldigen Verwandten zu kompromittieren. Nach einigem Nachdenken war mein Entschluß gefaßt, ich eilte zuerst zu Herrn von Brüge, teilte ihm flüchtig mit, was ich ungefähr wußte und sagen durfte, ohne mein Wort zu brechen, sowie daß ich durch einen Zufall hinter die furchtbare Sache gekommen sei, indem ich diesen Morgen in einer Villa spazieren gegangen, in einem Gebüsch ungesehen zehn bis zwölf Männer belauscht habe, die sich in einem von dichtem Gesträuch umgebenen Rondel beratschlagt hätten, ohne daß es mir möglich gewesen, nur einen derselben zu erkennen; soviel sei aber gewiß, daß noch diesen Abend der Tanz im Theater angehen solle. Herr von Brüge ging sogleich mit mir zu dem kommandierenden General Montchoisy, dem ich dasselbe noch umständlicher wiederholen mußte. Da die Zeit so kurz war, man auch nicht ein einziges Individuum kannte, an das man sich hätte halten können, so war guter Rat teuer. Der General sagte mir, warum ich denn nicht wenigstens den Männern nachgegangen sei, um zu erforschen, wer einer oder der andere gewesen; ich entschuldigte mich mit der Dringlichkeit der Sache und daß ich sie zu schnell aus den Augen verloren habe. Es wurde jetzt in meiner Gegenwart über die Maßregeln beratschlagt, die zu ergreifen seien, da man mit aller Vorsicht zu Werke gehen mußte, um die Verschworenen, die man nicht kannte, nicht aufmerksam zu machen und ahnen zu lassen, daß man etwas von ihren Absichten wisse, weil, wenn sie sich verraten geglaubt, sie leicht einen Desperationscoup ausführen konnten, dem man bei der Unbekanntschaft mit den näheren Verhältnissen nicht hätte gehörig begegnen können. Ich stand wie auf Kohlen und kämpfte mit mir selbst, ob ich nicht lieber die Wahrheit gestehen und wenigstens den Corbetti, so hieß Albertinens Bruder, nennen solle; aber ich hatte das Ehrenwort gegeben, und dies konnte ich nicht brechen. Nach manchen in Beratung gezogenen und wieder verworfenen Plänen machte ich Vorschläge, die denn auch mit wenig Modifikationen vorgenommen und ausgeführt wurden, und man kam endlich über folgendes überein, nämlich: die Chefs der Regimenter _und_ Bataillone sogleich in den Gouvernementspalast zu bescheiden, die verschiedenen Korps nach dem Mittagsappell mit wenigen Ausnahmen, damit die Straßen nicht ganz von Militär entblößt würden, in den Kasernen zu konsignieren, allen Zutritt zu denselben von diesem Augenblick an zu untersagen, damit von dieser Konsignierung in der Stadt nichts verlaute, eine Stunde vor dem Beginn des Schauspiels sämtliche Truppen unters Gewehr treten zu lassen und, sobald das Theater angefangen, die Artillerie auf den Wällen und Bastionen verteilen, die Kanonen gegen die Stadt zu richten, nachdem man sie scharf geladen, auch Kugeln auf dem Rost glühend zu machen, alle Wachen sowie die Hauptwache allmählich zu verstärken, die Theaterwache zu verdoppeln und gehörig mit scharfen Patronen zu versehen, sodann jedermann den Eintritt in das Schauspielhaus zu gestalten, aber keinem Zivilisten erlauben, dasselbe wieder zu verlassen, sondern beim Aufziehen des Vorhangs alle Bürger, bei denen man Waffen finden würde, zu verhaften. Diese Maßregeln wurden mit äußerster Geheimhaltung vorbereitet, so daß selbst kein Offizier, der nicht in das Geheimnis eingeweiht war, etwas von einer Verschwörung ahnte. Die Bataillonschefs ordneten selbst die Konsignierung an, und zur gewöhnlichen Zeit strömte man ungewöhnlich zahlreich ins Theater. Ein Aide du camp des Generals hatte mit mir die Bewerkstelligung der Verhaftungen übernommen, der ersten Wache am Theater war eine zweite, hundert Mann stark, gefolgt, doch wurde der freie Ausgang noch bis zum Aufziehen des Vorhangs gestattet und erst dann den jetzt doppelt aufgestellten Schildwachen geboten, denselben zu wehren. Die Ouvertüre war verhallt, und der Vorhang rollte in die Höhe, aber statt der Akteurs erblickte man eine in zwei Treffen gestellte Abteilung von Grenadieren. Ich trat jetzt mit gezogenem Degen vor, kommandierte: »_Apretez-armes, joue!_« Auf fast allen Gesichtern der Zuschauer las man eine große Bestürzung und auf vielen Todesblässe. Jetzt trat der General-Adjutant vor und rief mit lauter Stimme: »Den Herren Offizieren wird im Namen des Herrn Generals befohlen, sich sofort auf die rechte und linke Seite des Parterres zu begeben und ihre Degen zu ziehen, die übrigen Zuschauer aber haben bei Strafe des augenblicklichen Erschießens die strengste Ruhe und Ordnung zu beobachten, denn bei der geringsten zweideutigen Bewegung wird eine Generalsalve auf die dichtesten Haufen gegeben.«[5] Jetzt kommandierte ich wieder: »_Redressez vos armes!_«, und die Grenadiere brachten ihre Gewehre wieder in die Lage des >Fertigmachens<. Die Offiziere hatten getan, wie ihnen befohlen war, und zwei Genueser erdolchten sich im Parterre. Die Bestürzung war allgemein. Den Damen wurde nun insinuiert, sich zu entfernen, die Wachen traten ins Parterre, man visitierte jeden Mann streng, und alle, bei denen man Dolche, Stockdegen, Terzerole oder sonstige Waffen fand, nicht weniger als hundert und einige neunzig, wurden auf der Stelle verhaftet, die anderen entlassen. Während dies im Theater vorging, wurde draußen Generalmarsch geschlagen, die Truppen marschierten auf den Plätzen und Wällen auf, die Fanale wurden besetzt und starke Patrouillen streiften durch alle Straßen. Auf solche Art wurde diese gefährliche Verschwörung, welche eine Wiederholung der Sizilianischen Vesper geworden wäre, im Moment, wo sie ausbrechen sollte, erstickt. Es wurden Militärkommissionen zur Untersuchung niedergesetzt und bald darauf acht Rädelsführer zum Tode verurteilt und guillotiniert, die übrigen meistens auf die Galeeren geschickt; viele der Teilnehmer waren entwischt und zu den Briganten in die Gebirge entflohen. Der Gatte Albertinens war gar nicht vorgefordert worden, da niemand etwas auf ihn ausgesagt, er auch nicht im Theater gewesen war, aber dem jungen Corbetti hatte ich nicht nur durchgeholfen, sondern ihn sogar drei Tage lang in meiner Wohnung verborgen und ihm dann Gelegenheit verschafft, sich nach Sizilien einzuschiffen.

[Fußnote 5: Die Österreicher haben später zu Mailand bei einer ähnlichen Gelegenheit dieses Manöver einmal nachgemacht.]