Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 14

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Eine besondere Instruktion hatte ich nicht und konnte sie nicht erhalten haben, sondern sie lautete nur im allgemeinen, die Spuren der Briganten aufzusuchen, sie zu verfolgen und wo möglich tot oder lebendig einzufangen, mich dabei so viel es sich tun ließ der Bauern in den Dörfern zu bedienen und Führer aus denselben zu nehmen. Das weitere blieb meiner Einsicht überlassen, indem ich nach Umständen agieren müsse. Ist man einmal über die Riviera -- so wird das Uferland genannt, welches den Meerbusen umgibt -- hinaus, so werden die Berge immer öder, steiler und kahler, Felsen türmen sich auf Felsen, seltener werden Bäume und Gebüsch, und nur hier und da sieht man noch einige Kastanien, der Weg, dessen Rand sich oft an unabsehbaren Abgründen und Schlünden hinzieht, über welche mitunter sehr gebrechliche Brücken führen, kann nur noch durch sehr sichere Pferde und Esel betreten werden. Viele dieser Brücken waren durch die Briganten abgebrochen, so daß ich häufig wieder umkehren und andere Wege aufsuchen mußte. Als ich den zweiten Tag zu Ovada ankam, erfuhr ich, daß erst vor ein paar Tagen hier drei Gendarmen überfallen und ermordet worden waren; um an diesen Ort zu gelangen, hatte ich einen Führer aus dem Flecken Campo Marone mitgenommen, der mich auf großen Umwegen hierher gebracht, wo ich mich auf vierundzwanzig Stunden einquartierte, um Erkundigungen über den Aufenthalt und die Spuren der Briganten einzuziehen. Ovada ist ein ziemlich großer Ort, der an der Orba liegt und etwa tausend Einwohner zählen mag. Wo ich aber auch anklopfte und forschte, niemand wollte mir Auskunft über die Banden geben können; die Stimmung der Einwohner und Landleute war uns überhaupt sehr ungünstig, allenthalben zeigte sich große Unzufriedenheit mit der Regierung, Haß gegen die französische Herrschaft und ein Geist des Aufruhrs und der Widerspenstigkeit, der unter Umständen sehr gefährlich werden konnte. Zu den zahlreichen Räuberbanden, die sich in den italienischen Alpen umhertrieben, gesellte sich fortwährend alles Gesindel, und alle, welche irgend etwas begangen hatten, flüchteten sich zu ihnen in unzugängliche Schlupfwinkel im Gebirge. Dabei hatten sie fortwährend geheime Verbindungen in Genua, Turin, Piemont und der Lombardei. Was mir sehr im Wege stand, war die abscheuliche Sprache, die in dieser Gegend geredet wird; überall wollten die Einwohner kein Italienisch sprechen und stellten sich, als verstünden sie mich nicht. In Ovada suchte ich einen Geistlichen auf, der doch den Sprachunwissenden nicht machen konnte, wenigstens meine Fragen beantworten mußte, aber auch von diesem konnte ich nichts weiter herausbringen, als daß man zwar viel von den Briganten höre, aber ihren Aufenthalt nicht wisse noch erspähen könne. Überhaupt zweifle er an dem Bestehen dieser Banden, wie man sie in Genua schildere; es seien höchstens nur einzelne Straßenräuber vorhanden, und es sei ganz vergebliche Mühe, diese aufsuchen zu wollen, da kein Mensch ihre Schlupfwinkel kenne. Aber der geistliche Herr wußte sie gewiß. Von Ovada marschierte ich mit ebensowenig Erfolg nach Casaleggio und von da nach den Dörfern Acquata und Isola, ganz abscheulichen Nestern, in denen alle meine Bemühungen ebenfalls erfolglos blieben, so daß ich schon verzweifelte, jemals auf die Spur der Briganten zu kommen. In Ronco brachte ich einen Tag und zwei Nächte zu und erfuhr am Morgen nach der letzten, daß in der verwichenen Nacht abermals ein Gendarm zwischen hier und dem nahen Fornaro ermordet worden sei. Seinen Leichnam habe man schrecklich verstümmelt auf der Landstraße gefunden. Ich machte mich nun mit meiner Kompagnie eilig nach Fornaro auf, das ziemlich nahe an der Bocchetta liegt, stellte rings um das Dorf Piketts und drohte es anzuzünden, wenn mir nicht in Zeit von zwei Stunden die Mörder der Gendarmen ausgeliefert würden, denn ich hatte einige Indizien, daß es Bewohner dieses Ortes waren. Um meiner Drohung mehr Nachdruck zu geben und zu zeigen, daß es mir Ernst damit sei, ließ ich von den Soldaten Brennmaterial zusammenbringen und auf einen Haufen legen; aber vergeblich, die Einwohner heulten, schrieen und winselten, beteuerten ihre Unschuld, und von den Mördern war keine Spur aufzufinden. So zog ich schon sieben Tage vergeblich in diesen Öden und zwischen Schluchten umher, wobei die Nahrung auch nicht die beste war und ich mehrere Marode zählte, die ich nach Bocchetta führen ließ, von wo sie ins Lazarett nach Genua gebracht wurden. Ich selbst fing an, höchst mißmutig zu werden und an irgendeinem günstigen Erfolg meiner Mission zu verzweifeln, als ich auf eine List verfiel, die wenigstens teilweise gelang. Ich suchte die entschlossensten und mutigsten Leute meiner Kompagnie heraus, ließ sie ihre Säbel scharf schleifen und so zu zwei und drei Mann streifen, während ich mich mit den übrigen in einem nahen Dorf verweilte, in dessen Mitte ich ein Pikett aufstellte und dessen Ausgänge so besetzte, daß sich keine Seele aus demselben ohne meine Erlaubnis entfernen durfte. Die Leute, die ich auf die Streifereien ausschickte, instruierte ich dahin, daß sie sich nicht weiter von dem Ort entfernen sollten, als man das Abfeuern eines Gewehrs hören könne, und wenn sie Bauern oder sonstige Individuen auf sich zukommen sähen, sollten sie dieselben bis auf gefällte Bajonettweite herankommen lassen, dann aber ihnen das Gewehr vorhalten und sie nach ihrem Begehren fragen; sollten jene aber Miene machen, noch weiter vorzudringen oder irgendeine feindliche Bewegung versuchen, losschießen, und wenn das Gewehr nicht mehr zur Verteidigung geschickt sei, dasselbe von sich werfen und sich mit dem blanken Säbel verteidigen, bis der nicht lange ausbleibende Sukkurs käme; würde man aber aus der Ferne auf sie schießen, so sollten sie das Feuer erwidern, doch immer nur einer nach dem anderen, um sich zu soutenieren. Andere Soldaten hieß ich, nur mit dem Seitengewehr bewaffnet, ganz in der Nähe des Orts spazieren gehen. Aber auch dieses Manöver hatte ich schon einige Tage umsonst versucht; endlich hörte ich, nachdem ich zwei Stunden vor Tagesanbruch, denn ich marschierte nur nachts und immer unvermutet ab, damit die Briganten so wenig als möglich von ihren Spionen unterrichtet werden konnten, in dem sehr einsam im Gebirg gelegenen Dorf Ritegno angekommen war und die Streif- und Lauerposten abgeschickt hatte, plötzlich einen Schuß und gleich darauf noch acht bis zehn fallen. Ich jagte jetzt mit einem Teil der übrigen Mannschaft nach dem Ort zu, von wo das Schießen herkam, und fand fünf von meinen Leuten im Handgemenge mit wenigstens zwanzig Briganten. Als mich diese ankommen sahen, ergriffen sie die Flucht, bis auf drei, welche von den Voltigeurs festgehalten wurden; einer derselben stach jedoch einen Mann mit einem Dolchstoß nieder. Dies sehend, sprang ich hinzu und versetzte dem Kerl mit solcher Kraft einen Hieb über den Kopf, daß er einen zweiten beabsichtigten Dolchstoß nicht führen konnte, sondern mehrere Schritte zurücktaumelte und von seinem Blut überströmt ohnmächtig niedersank; aber auch der gestochene Voltigeur war gefährlich verwundet. Die beiden anderen Briganten wurden unterdessen entwaffnet und festgehalten. Den Entflohenen setzten wir zwar eine Strecke nach, mußten jedoch bald umkehren, da wir jede Spur von ihnen verloren. Ich ließ alle drei, auch den Schwerverwundeten, der wieder zu sich gekommen war und nebst dem von ihm gestochenen Soldaten zur Not verbunden wurde, knebeln und sagte ihm, daß er ohne Absolution und Segen zur Hölle fahren solle, wenn er nicht gestände, wo sich seine Spießgesellen aufhielten und wer sie seien. Ebenso drohte ich den anderen mit augenblicklichem Erschießen, wenn sie nichts gestehen würden, und ließ jeden gehörig bewacht einzeln und von den andern getrennt führen, so daß sie sich weder durch Worte noch durch Blicke oder Zeichen miteinander verständigen konnten. Der Verwundete ward aber mit jedem Augenblick schwächer und flehte um einen Tropfen Wasser zur Labung, den ich ihm aber verweigerte, bis er gestanden, was ich begehrte. Ich hielt ihm nochmals seine bevorstehende Höllenfahrt vor, worauf er mir mit matter Stimme erwiderte: »Gewiß nicht, denn ich habe schon im voraus Absolution und Vergebung aller Sünden erhalten und bin im Gegenteil gewiß, daß ich für meine Ermordungen der Feinde unseres Landes sogar dem größten Teil der Pönitenz des Fegfeuers entgehen werde.« -- Jetzt fragte ich ihn, wer ihm denn solche Albernheiten glauben gemacht, und reizte ihn, noch mehr zu beichten, mich über seinen Aberglauben lustig machend. Ich brachte auch noch so viel von ihm heraus, daß er erst vor vierundzwanzig Stunden in Asconi, einem Dorf im Gebirge, gebeichtet habe. Hierauf ging ich zu einem anderen Gefangenen und sagte zu diesem: »Ah, Briccone, du bist auch aus Asconi?« Er erblaßte und leugnete. Nun teilte ich ihm mit, daß mir sein sterbender Kamerad dies gestanden, worauf er versetzte: »Er hat gelogen, ich bin nicht aus Asconi, sondern der andere, mein Geburtsort ist Cento Croce.« -- »Du hast aber doch erst vor vierundzwanzig Stunden in Asconi gebeichtet und Absolution erhalten.« -- »Ha, der Verräter,« knirschte der Brigant. Auch den dritten nahm ich nun _ad coram_ und erfuhr genug, um überzeugt zu sein, daß die Kerls in Asconi und Cento Croce zu Hause waren, und brach, nachdem ich die Verwundeten und Gefangenen nach Bocchetta expediert, mit dem Rest meiner Leute, noch über hundert Mann, durch öde und kahle Wildnisse mit einem gezwungenen Führer nach Asconi auf, sah aber den Ort ganz verlassen und keine lebendige Seele. Auch fand sich in den erbärmlichen Hütten desselben nicht das mindeste vor, was uns zur Nahrung und Labung hätte dienen können, und wir mußten uns an das mitgebrachte Brot und Wasser halten. Einige der Leute hatten noch etwas Aquavit bei sich, auch fingen wir ein halbes Dutzend Hühner und ein paar Hähne weg, die sich uns zufällig darboten und nun an Ladestöcken gebraten und mit Pulver zubereitet wurden, da wir kein anderes Salz hatten. Gegen Abend marschierte ich unter Hörnerklang -- die Voltigeurs hatten statt der Trommeln eine Art kleiner Wald- oder Posthörner -- und mit möglichstem Geräusch ab, ließ aber drei Viertelstunden von dem Dorf hinter einer Felsenwand Halt machen und befahl den Leuten, sich möglichst ruhig und still zu lagern. Brot und Wasser war wieder unsere Kost, obgleich wir ein paar aufgefangene Ziegen bei uns hatten, die ich aber nicht zu töten gestattete, weil kein Feuer gemacht werden durfte, wenn mein Plan gelingen sollte. So kampierten wir bis um zwei Uhr nach Mitternacht; zwar hatte mir schon einer der ausgestellten Lauerposten einige Stunden nach Sonnenuntergang berichtet, daß man Licht in Asconi wahrnehme, ich fand aber für gut, noch eine spätere Zeit abzuwarten, um mein Vorhaben auszuführen. Jetzt kehrten wir in aller Stille nach Asconi zurück, wo wir noch Licht in einigen Häusern sahen. Wir schlichen uns ganz leise und unbemerkt heran, und mit der Hälfte der Mannschaft besetzte ich alle Zugänge des Orts, während ich mit der anderen Hälfte in denselben einrückte und ein Haus, eine Art Osteria, aus dem ein ziemlich bacchanalischer Lärm ertönte, umzingelte. Wir entdeckten, daß sich einige zwanzig wohlbewaffnete Banditen nebst mehreren Weibern und Mädchen in einer großen Stube desselben befanden, sich ganz unbekümmert Orgien überlassend. Nachdem ich meine Mannschaft auf das beste geordnet und instruiert hatte, ließ ich die Trompeter ins Horn stoßen und die Leute auf dieses Signal plötzlich die Gewehre gegen die Fenster und Türen abfeuern, die letzteren darauf mit Gewehrkolben einstoßen und zur Attacke blasen. Ich drang nun mit einem Teil der Mannschaft in das Haus, während die anderen, ihre Bajonette in die Fenster haltend, dasselbe fortwährend umgaben. Die Briganten, durch diesen unerwarteten Überfall verblüfft und an vierzig Läufe gegen sich gerichtet sehend, durch das Geschrei der Weiber und Kinder noch mehr außer Fassung gebracht, dachten im ersten Augenblick nicht daran, Widerstand zu leisten, als aber einige ihre Büchsen abfeuerten, folgten die anderen diesem Beispiel, worauf meine Leute ebenfalls ein mörderisches Feuer auf sie gaben. Ich drang, an der Spitze zwei Sergeanten, in das Zimmer; dem Unterleutnant hatte ich den Befehl der Leute vor dem Haus und im Dorf über lassen, und es entspann sich ein mörderisches Gefecht in der Stube selbst, in der sich die Briganten wie Verzweifelte wehrten, und erst nachdem mehrere von ihnen tot niedergestreckt, auch viele verwundet waren und ich ihnen dann bei augenblicklichem Niederschießen gebot, die Waffen zu strecken und auszuliefern, hatte der Kampf ein Ende. Mehrere von meinen Leuten waren gleichfalls verwundet, doch keiner sehr gefährlich, und keiner war geblieben, ich selbst aber mit einem Dolch in den linken Arm geritzt worden. Ich ließ ihnen nun Gewehre, Pistolen, Säbel und Dolche abnehmen und sie, während sie noch vor Wut schäumten, mit Gewehrriemen binden, da ich keine Stricke auftreiben konnte, und so bis zu Tagesanbruch bewachen, während sich Unteroffiziere und Soldaten mit den hübschesten der Weiber und Mädchen, wenn auch etwas gewaltsam, vergnügten, was die Gefangenen, die es wenigstens mit anhörten, bis zum Rasendwerden in Wut versetzte. In ein paar anderen Häusern fingen wir noch ein halbes Dutzend von dieser Bande, sehr viele aber waren entsprungen und hatten sich durch die Flucht gerettet. Wir fanden in dem einen Haus auch noch einen ziemlich vollen Weinschlauch, gebratenes Ziegenfleisch, Polenta, Öl, woran sich die fast verhungerten Voltigeurs gütlich taten. Mit Tagesanbruch verließ ich das Dorf mit meinen Gefangenen, deren Arme ich auf dem Rücken hatte zusammenschnallen und binden lassen. Als wir ausmarschierten, warfen sich mir die Weiber zu Füßen, um die Freilassung ihrer Männer und Geliebten flehend und sich an die Soldaten klammernd, die sie transportierten, so daß wir alle Gewalt nötig hatten, sie los zu werden und ich nur durch die Drohung, auf sie und die Gefangenen schießen zu lassen, verhindern konnte, daß sie uns folgten. Ich marschierte nun nach Cento Croce, fand aber dieses Nest ganz ausgestorben; von da mit meinem Fang über Ritegno und Bocchetta, wo ich erst den folgenden Mittag ankam und die Gefangenen nebst einem ausführlichen Rapport nach Genua abschickte und mich dann in Ronco einquartierte, die Zurückkunft meiner Leute und der zwei Sergeanten, die ich mit abgesandt, erwartend. Wir bedurften der Ruhe, uns von den Strapazen und Entbehrungen zu erholen. Ich erhielt aber den anderen Tag Order, mit meiner Kompagnie gleichfalls wieder in Genua einzurücken, um dort bei den Verhören der Gefangenen gegenwärtig zu sein und die nötige Auskunft zu geben, zugleich wurde mir aber für meine erfolgreichen Bemühungen eine Belobung und noch zwei Rasttage in Ronco gestattet.

Ungefähr sechzehn Tage hatte ich mich in diesen Gebirgen umhergetrieben, und meine Abberufung war mir daher willkommen, da bei einer solchen, immer mit den größten Entbehrungen und Gefahren verknüpften Expedition doch nur wenig Ruhm zu erwerben ist, während eine weit weniger beschwerliche Waffentat gegen einen gewöhnlichen Feind im offenen Felde mit Eklat ausposaunt und belohnt wird. Dagegen ist aber wohl keine Art Krieg zu führen so unterrichtend und so reich an Erfahrungen, als gerade diese. Man lernt dadurch besonders jedes Terrain gehörig benutzen, erlangt einen großen Scharfblick und eine richtige Übersicht in allen Gefahren und weiß jeden kleinen Vorteil bestens wahrzunehmen. Die beständige Aufmerksamkeit, welche man bei allen Streifzügen in so kupiertem Terrain notwendig haben muß, schärft den Blick und Verstand außerordentlich. Jeder einzelne Mann kommt da oft in die Lage, alle seine Intelligenz und Fähigkeiten aufbieten zu müssen, um nicht das Opfer irgendeiner Versäumnis oder Nachlässigkeit zu werden, die oft mit dem Leben bezahlt werden muß. Die Erfahrungen und Gefahren eines solchen Krieges machen dann auch zu allen größeren Kommandos und zum Anführen der wichtigsten Expeditionen fähig.

In Genua zurück, verfügte ich mich zuerst zu meinem Bataillonschef, Herrn von Brüge, der mich freundlich empfing und meinen Erzählungen mit vieler Teilnahme zuhörte und von diesem zum kommandierenden Divisions-General Montchoisy, dem ich einen vollständigen Bericht abstattete und wurde darauf von ihm zur Tafel geladen, ebenso bei dem Kommandanten General Mouret. Die Verhöre fanden bald statt, und zehn dieser Briganten wurden zum Tode verurteilt, die übrigen kamen auf die Galeere.

Ich hatte eben keine große Eile, mich nach meinen Schönen zu erkundigen oder sie aufzusuchen, sondern fürchtete vielmehr, Neuigkeiten von ihnen zu hören und wollte hinsichtlich ihrer wenigstens eine Zeitlang das Inkognito in Genua bewahren, aber am Morgen des dritten Tages erhielt ich in aller Frühe ein Billettchen von Giulietta, in welchem sie mich in sehr gebieterischen und dringenden Ausdrücken aufforderte, sie noch diesen Vormittag zu besuchen. Ich mußte dem Gebot wohl Folge leisten, begab mich zu ihr und erlebte einen Auftritt, der weit ärger war, als ihn sich meine ausschweifende Phantasie gedacht und ich gefürchtet hatte. Der kleine Satan rief mir entgegen: »Also zitieren muß man Sie, wenn man Sie sehen will,« redete nur von Dolch und Gift, von Herzen durchbohren und Augen ausstechen, Gurgel abschneiden und in Stücke zerreißen und so weiter. Zuerst hielt sie mir meine Abreise ohne Abschied, wie ein Dieb in der Nacht, vor, dann aber wollte sie hinter mein intimes Verhältnis, das es denn doch noch nicht war, mit der Spinola gekommen sein, und schwur hoch und teuer, daß dieses blutig enden würde, wenn ich es fortsetze. Ich suchte die halb Rasende zu beruhigen, indem ich ihr ebenfalls hoch und teuer schwur, daß ich noch nie ein intimes Verhältnis mit der Spinola gehabt, und das konnte ich mit gutem Gewissen; ich wußte sie endlich so weit zu besänftigen, daß wir uns so ziemlich im Frieden, der gehörig gefeiert worden war, trennten, indem ich alles versprach, was sie versprochen haben wollte. Sie gestand mir ein, wie sie meine Ankunft in Genua erfahren; ein Kammermädchen, das einen Unteroffizier des Regiments kannte, hatte denselben angehen müssen, ihr meine Zurückkunft sogleich zu melden; nun war er aber gerade den Tag auf der Wache, und sie erfuhr es doch erst achtundvierzig Stunden später. Ich fand für gut, mich jetzt auch bei Guercino nach der Marchesa P... und der Spinola zu erkundigen und hörte, daß erstere im ganzen etwas besser sei, aber noch immer so sehr an den Nerven leide, daß sie auch die geringste Erschütterung oder Gemütsbewegung, die sie um jeden Preis vermeiden müsse, in den traurigsten Zustand versetze. Ich hatte bald auch eine Zusammenkunft mit der Spinola, bei der wir gemeinschaftlich den Zustand der armen Marchesa bedauerten, uns gegenseitig deshalb trösteten und so gerührt waren, daß wir, ohne zu wissen wie, bald einander in den Armen lagen; und was die Palatini nur vermutet hatte, verwirklichte sich schneller, als ich geglaubt. -- Nun war aber die schwere Aufgabe, einer jeden von beiden glauben zu machen, daß sie die einzige Auserwählte sei, etwas, das weder so leicht noch gefahrlos war, da alle diese Damen ihre Kundschafterinnen hatten, die das Spionenhandwerk trefflich verstanden. Wenige Tage vor meiner Ankunft war ein junger französischer Artillerieoffizier das Opfer der Eifersucht einer Frau geworden, der, nachdem er eine Zeitlang ein vertrautes Verhältnis mit ihr gehabt, Anstalt machte, eine junge Französin, die Tochter eines Artillerieobersten, zu heiraten. Kurz vor dem schon festgesetzten Vermählungstage hatte sie ihn bei einer letzten Zusammenkunft, um die sie ihn gebeten, mit eigenen Händen erdolcht und so gut zu treffen gewußt, daß er fast lautlos niedergestürzt war, sich dann selbst als seine Mörderin angegeben und den Gerichten überliefert, die sie für eine Wahnsinnige erklärten. -- Ich nahm meinen Tisch wieder bei Herrn von Brüge, setzte den musikalischen Unterricht mit der kleinen Josephine fort, an der ich eine sehr fleißige und talentvolle Schülerin hatte, die mir mit kindischer Liebe so sehr zugetan war, daß mir diese Stunden eher eine Unterhaltung, eine Erholung, als eine Mühe waren. Öfters auch führte ich das liebenswürdige Kind spazieren und zeigte ihm Genuas Kuriositäten; so besuchte ich eines Tages das Conservatorio Fieschino mit ihm, ein Nonnenkloster, welches ein Domenico Fiesco im Jahr 1760 stiftete und das durch die künstlichen Blumen, die die Nonnen desselben verfertigen und die von einer seltenen Schönheit und Frische sind, nicht nur in ganz Italien berühmt, sondern selbst bis nach Amerika, wohin sie versendet werden, bekannt ist. Von diesen Blumen, welche die heiligen Mädchen zum Schmuck der sündhaften Weltkinder verfertigen, bietet man den Fremden an, die das Kloster besuchen, und verkauft sie ihnen sehr teuer; der Handel findet im Sprechzimmer durch ein doppeltes Gitter statt. Ich kaufte Josephinen ein solches Bukett, wobei die Nonnen das Kind so allerliebst fanden, daß sie es zu sich hinter das Gitter nahmen und es noch mit einem anderen Strauß solcher Blumen beschenkten, es auch aufforderten, sie öfters zu besuchen, was wir versprachen, und es brachte von jetzt an oft ganze Tage in diesem Kloster bei den frommen Schwestern zu, unter denen mehrere so liebenswürdig waren, daß ich das Mädchen um dieses Glück beneidete. Doch sah und lernte sie auch manche Dinge dort, wie ich später von ihr erfuhr, die eben nicht sehr klösterlich waren. -- Zu dieser Zeit war der Dienst bei unserem Bataillon wegen des Einexerzierens der neuangekommenen Rekruten, fast ausschließlich Preußen, die in dem unglücklichen Krieg von 1807 nach der Schlacht bei Jena, der Übergabe von Magdeburg und so weiter gefangen worden waren und Dienste genommen hatten, wieder beschwerlich, wenigstens für mich, da ich eine wahre Antipathie gegen dieses so ganz geistlose und mechanische Einochsen der Handgriffe, Wendungen und des Marschierens hatte; auch wußte ich mich die meiste Zeit davon zu dispensieren. Selbst die Pelotons- und Bataillonsschule langweilte mich, weil sie sich in zu engen Grenzen bewegte; ich hätte gar zu gern Heere manövrieren lassen.