Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 13

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Der kleine Tollkopf war jetzt ziemlich zahm geworden, und nachdem wir einige Zeit geruht, setzten wir uns an das Klavier, um nun wirklich zu musizieren. Endlich war es Zeit, mich zu entfernen, und ich durfte es auch, indem ich baldiges Wiederkommen versprach, denn Giulietta wollte durchaus, daß ich den ganzen Tag bei ihr zubringen sollte, und hätte mich nicht der Dienst abgerufen, so würde ich es mit Vergnügen getan haben, denn Langeweile hatte man bei dem unruhigen Geist auch keine Minute. Bei dem zweiten Besuch wiederholte sich die Szene des ersten, und so ging es einige Zeit fort, ohne daß ich mich weder um die Spinola noch um die P..., die ich noch nicht wieder gesehen hatte, bekümmerte. Eines Morgens aber besuchte mich die alte Guercino in meiner Wohnung und machte mir Vorwürfe, daß ich mich gar nicht nach der armen Marchesa P... erkundige, die jeden Tag nach mir frage und mich nur noch einmal zu sehen wünsche, sehr leidend sei und sich vielleicht nicht wieder von ihrer Krankheit erholen würde. Ich verabredete mit der darauf dringenden Guercino, der es wohl nur um die Präsente zu tun war, die es bei dieser Gelegenheit absetzte, daß man eine Zusammenkunft veranstalten möge, wozu, wie sie mir sagte, die Marchesa Spinola schon alles vorbereitet habe, in deren Haus dieselbe stattfinden solle, wohin sich die P... in einer Portandina bringen lassen würde. Wir setzten nun diese Entrevue auf den Abend des nächsten Tages fest, wo ich mich ein Uhr nach Sonnenuntergang in dem bezeichneten Hause einfinden wollte. Giulietta verlassend, bei der ich den Tag wieder zugebracht hatte, begab ich mich zur bestimmten Stunde zu dem verabredeten Rendezvous in den Palazzo Spinola. Eine niedliche Cameriera empfing mich und führte mich über eine Hintertür in abgelegene, spärlich erleuchtete Gemächer. In dem letzten derselben fand ich eine weibliche Figur, in weiße Gewänder gehüllt, in einem Armstuhl sitzen, die, als ich eintrat, eine zusammenfahrende Bewegung machte und in deren blassen und leidenden Zügen ich dennoch die Marchesa P..., die vor nicht ganz anderthalb Jahren noch so blühend schöne Tonina erkannte. Ich stürzte auf sie zu, wollte ihre Hand fassen, die sie aber schnell zurückzog, indem sie sprach: »Oh, lassen Sie diese nichtssagenden Flatterien. Wir sind von allem genau unterrichtet; kommen Sie nicht eben erst von der tollen Palatini?« -- »Ganz gewiß,« fiel hier die Spinola ein, »seit seiner Zurückkunft bringt er alle Stunden, die er ermüßigen kann, dort zu.« -- »Wie freute ich mich,« fuhr die andere wieder fort, »als ich hörte, daß Sie wieder in Genua angekommen seien, und hoffte von diesem Ereignis eine baldige Genesung, aber wie furchtbar bin ich enttäuscht.« -- »Es ist unverzeihlich und recht abscheulich,« sagte nun die Spinola, und ich stand in der Tat vor den beiden Signoras wie ein Schulknabe, den der Herr Inspektor herunterputzt, weil er unartig gewesen. Gern hätte ich mich wie gewöhnlich durch einen Scherz lachend und spottend aus der Affäre gezogen, aber der Zustand Toninas war doch zu ernsthaft -- sie litt besonders an Nervenübeln --, als daß ich es wagen durfte, und ich suchte durch ein halbes _pater peccavi_ mich aus der Klemme zu befreien, indem ich meine Besuche bei der Palatini zwar nicht leugnete, aber behauptete, sie seien durchaus ganz unschuldiger Natur und gälten bloß ihrem musikalischen Talent, indem ich nichts treibe, als mit ihr singe. -- »Wer so etwas glauben wollte,« fiel mir die Spinola wieder ins Wort, »ja, wenn die Signora nicht ganz ohne Hehl und ohne Scham selbst von ihrem Verhältnis mit Ihnen spräche! Halten Sie uns doch nicht für so einfältig.« -- »Und schonen Sie doch um Himmelswillen Ihre Freundin,« unterbrach ich die Marchesa, »sehen Sie denn nicht, wie die Arme leidet?«

In der Tat hatte die P... in diesem Augenblick Konvulsionen und Krämpfe bekommen und stöhnte: »Oh, mir ist sehr übel!« Wir sprangen ihr beide zu Hilfe; sie bekam eine förmliche Ohnmacht. -- »Sehen Sie, was Sie gemacht haben,« sagte die Spinola zu mir, meine Hilfe zurückweisend -- »Das ist einzig und allein nur Ihre Schuld,« erwiderte ich etwas aufgebracht, »Sie kannten den Zustand Ihrer Freundin und führen eine solche Szene herbei; wenn Sie dergleichen Klatschereien erfuhren, mußten Sie sie eher verheimlichen, als mitteilen und bekräftigen.« -- »Nicht von mir hat es die Marchesa zuerst erfuhren, ganz Genua redet von den Tollheiten Ihrer Charmanten. Sie sind samt ihr die Mär der Stadt. Wo dachten Sie hin, sich mit einer solchen Törin einzulassen und darüber Ihre besten Freundinnen zu vernachlässigen? Nein, Sie können kein Deutscher sein, so etwas tut kein Deutscher, dies verzeiht man nicht einmal einem leichtsinnigen Franzosen.« -- Ich suchte die aufgebrachte Signora zu besänftigen, welche die Schläfe und Stirn der noch immer bewußtlosen Freundin mit starken wohlriechenden Wassern rieb, ihr Diebsessig unter die Nase hielt, indem sie ihren Kopf an ihren Busen legte. Als sie sich so beschäftigte, die Ohnmächtige wieder zu sich selbst zu bringen, drückte ich einen leisen Kuß auf deren Stirn, indem ich noch leiser sagte: »Dies wird sie vielleicht am ehesten erwecken.« -- »Was unterfangen Sie sich,« fuhr mich die Spinola zwar heftig, aber ebenfalls kaum hörbar an, »glauben Sie, wir würden uns von Ihnen betören lassen? Gehen Sie zu Ihrer Pazza, dort ist es besser angewandt, und lassen Sie uns in Ruhe.« -- »Nicht so böse, meine schöne Signora, Sie haben mir zuerst die Palatini bei Dorias zugeführt, ich bitte ja aufrichtig um Vergebung, werfe mich reuevoll zu Füßen.« Ich wollte nun auch ihr die Hand küssen, als Tonina plötzlich ein Lebenszeichen von sich gab und bald darauf wieder die Augen aufschlug. Als sie sah, wie wir beide um sie beschäftigt waren, lächelte sie wehmütig, und ich bat sie, vor ihr kniend und ihre Hand fassend, innig um Vergebung, nochmals beteuernd, daß nur der Schein gegen mich sei, und jetzt unterstützte mich die Spinola in meinem Vorgehen, indem sie sprach: »Eine Möglichkeit ist es immer, wenn auch schwer zu glauben. Ich will ihn doch nicht ganz verdammen, denn das tolle Weib ist wohl fähig, Dinge zu sagen, die nicht sind.« -- Abermals küßte ich feurig Toninas Hand, die mich jetzt mit einem bedeutenden Blick ansah und lispelte: »Aber wenn Sie mich dennoch betrügen?« -- Der Ton, mit dem sie dies sagte, ging mir durch Mark und Bein, und ich fühlte mich so zerknirscht und über mich selbst angehalten, daß ich in diesem Augenblick vielleicht alles bekannt, wenn man mich noch weiter inquiriert hätte. Ich suchte die Leidende indessen immer mehr zu beruhigen, bekam endlich wieder den Mut, ihr meine unerschütterliche Treue zu beteuern und bei allen Göttern zu versichern, daß ich nur sie liebe und hoffentlich von meiner Unschuld klar überzeugen werde, sie möge sich jetzt nur beruhigen und so ihre schnelle Genesung herbeiführen. Noch beinahe eine ganze Stunde brachte ich in dieser mir sehr peinlichen Lage zu und verließ die Damen, nachdem die Marchesa P... wieder so weit hergestellt war, um sich in ihrer Portandina fortbringen lassen zu können. Ehe ich mich entfernte, hatte man von mir das Versprechen verlangt, meine Bekanntschaft ganz aufzugeben und die Palatini nicht mehr zu besuchen, ich stellte aber den Damen vor, daß dies bei dem bekannten Charakter der Donna nicht wohl tunlich sei, ohne sich allem Möglichen von ihrer Seite auszusetzen, und ich nur allmählich und mit großer Vorsicht abbrechen könne, was man endlich auch einzusehen beliebte, mir aber einschärfte, Wort zu halten, wenn ich nicht böse Folgen erleben wolle. Ich empfahl mich bestens, froh, als ich wieder freie Luft schöpfte, dieser Szene enthoben zu sein. Die Sache war mir aber doch nicht ganz gleichgültig, denn ich kannte die Genueserinnen mit als die rachsüchtigsten Frauenzimmer Italiens, befand mich zwischen zwei Feuern und wußte noch nicht, wie ihnen zugleich Face und Front zu machen. Als ich mir gerade den Kopf zerbrach, was ich wohl in dieser Verlegenheit für einen Operationsplan entwerfen müsse und mit aller Taktik und Strategie nicht zu Ende kommen konnte, zog mich ein _Deus ex machina_, wenigstens für den Augenblick, aus derselben. Ich besuchte noch den nämlichen Abend die Opera Buffa, wo ich Giulietten versprochen hatte, mich einzufinden, und traf hier den Herrn von Brüge, der, als er mich sah, auf mich zukam und mir verkündete, daß ich schon den nächsten Morgen mit meiner Kompagnie in die Gebirge zur Verfolgung der immer dreister werdenden Briganten abmarschieren müsse; gerne hätte er mich zurückbehalten, allein da es ausdrücklicher Befehl vom kommandierenden General sei, daß die Voltigeurkompagnien zu diesem Zweck verwendet werden sollten, so müsse er mich wohl ziehen lassen. Die Order kam mir erwünscht. Giulietta hatte mich, während der Bataillonschef mit mir sprach, unverwandt angesehen, und als ich mich in ihre Loge begeben wollte, um sie mit dem erhaltenen Befehl bekannt zu machen, kam sie mir schon auf dem Korridor entgegen und fragte mich, was denn der Kommandant so angelegentlich mit mir gesprochen und von mir gewollt habe. Ich teilte ihr den Inhalt unseres Gesprächs mit, worüber sie außer sich geriet und in die Worte: »Das dulde ich nicht, ich gehe selbst zum General!« und ähnlichen Unsinn ausbrach. Lachend bedeutete ich ihr, daß gegen militärische Order eine weibliche schlechterdings nicht aufkommen könne, sondern daß sie hier durch jeden unüberlegten Schritt nicht nur sich, sondern auch mich und meine militärische Ehre kompromittieren würde, ohne dadurch irgend etwas zu ändern, da gegen solche Befehle gar keine Einwendungen, selbst die begründetsten nicht angehört würden. -- »Gut, dann gehe ich mit und reite auf einem Maultier an der Spitze deiner Kompagnie.« -- Diesen tollen Gedanken suchte ich ihr auszureden, indem ich ihr sagte, daß dies nicht gelitten würde und außerdem die Expedition schwerlich länger als ein- oder ein paarmal vierundzwanzig Stunden dauern würde. -- »Wenn es aber länger dauert, komme ich doch nach,« versetzte sie nun, und ich sah, wie recht die Spinola gehabt, als sie mir gesagt, der kleine Teufel würde mir zu schaffen machen, denn ich fürchtete irgendeinen tollen Streich, den abzuwehren nicht in meiner Gewalt stünde. Ich entfernte mich jetzt unter dem Vorwande, Anordnungen treffen zu müssen, und versprach, vor dem Abmarsch Abschied von ihr zu nehmen. Statt dessen schrieb ich ihr einen Brief, mich mit der Unmöglichkeit und der übereilt befohlenen Entfernung entschuldigend, den ich ihr erst zukommen ließ, als wir schon einige Stunden von Genua entfernt waren. Ebenso benachrichtigte ich die Spinola schriftlich von diesem Ereignis, mit der Bitte, es ihrer Freundin schonend mitzuteilen, und vertröstete auch sie auf baldige Zurückkunft. In der Tat war ich froh, als ich den anderen Morgen Genua, aus dem ich absichtlich schon vor Sonnenaufgang mit meiner Kompagnie abmarschiert war, im Rücken hatte und sah mich jeden Augenblick um, fürchtend, den kleinen Satan auf seinem Maultier hinter mir angesprengt kommen zu sehen.

Schon seit einiger Zeit war es in den italienischen Alpen sehr unruhig geworden, es hatten sich starke Banden zusammengerottet, die so verwegen wurden, daß sie in den letzten Tagen sogar einen französischen Posten von einigen zwanzig Mann überfallen und die Leute sämtlich ermordet hatten. Dies war in einer geringen Entfernung von Genua geschehen. Die italienischen Alpen sind in dieser Gegend ebenso unwirtsam, voll Schluchten und sicherer Zufluchtsorte für Räuber und Insurgenten, wie die Waldgebirge Kalabriens. Jeder Mann hatte sechzig scharfe Patronen und für vier Tage Brot bei dem Ausmarsch erhalten.