Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 12

Chapter 123,303 wordsPublic domain

An diesem Abend sollte ich meine Unbekannten wieder im Dom treffen, aber die Stunde war verpaßt. Ich eilte dennoch gleich nach unserer Ankunft, mich unter einem Vorwande bei den Ladys entschuldigend und baldige Rückkehr verheißend, in die Kirche, zu der mich diesmal nicht sowohl Liebe und Sehnsucht nach Genuß, als die Neugierde führte, endlich zu erforschen, wer meine mysteriösen Schönen eigentlich seien. Aber vergeblich, die Zeit war verstrichen, und in Santa Maria del Fiore keine Spur von ihnen zu finden. Nachdem ich eine Stunde daselbst umsonst harrend zugebracht, schlug ich mir die Sache aus dem Kopf und eilte zu meinen hübschen Engländerinnen zurück, mit denen ich den Rest des Abends und einen großen Teil der Nacht, nachdem wir den Tee unter fröhlichen Scherzen und Rückerinnerungen an das schöne Arnotal genommen, zubrachte. Den andern Tag machte ich eine Tour zu Pferde mit ihnen in die nächsten Umgebungen der Stadt und nach Pratolino, dem ehemaligen Versailles der Medici, das aber beinahe in Ruinen lag. Auch die schönen Villen der Bardi, Pitti, Palmieri, Corsini, sowie die berühmte Karthause von Vallombrosa und andere Orte besuchte ich in ihrer Gesellschaft. Demungeachtet fühlte ich einen Drang, meine schöne Contadina im Arnotal wiederzusehen. Eines Morgens machte ich mich unter dem Vorwande dringender Geschäfte für den ganzen Tag von meinen englischen Fesseln frei und ritt in gestrecktem Trabe zu der schönen Strohflechterin, der ich noch drei wunderschön gearbeitete Hüte abkaufte, von denen einer nach Rom und die beiden anderen nach Frankfurt wanderten; einer für meine Mutter und der andere für eine noch sehr junge Schwester. Das Mädchen, das ich auf das Generöseste in Gold bezahlt hatte, war dagegen äußerst freundlich und nannte mich: _il suo signor cavaliere forestiero_, ihre nicht sehr großen, aber blitzenden Augen verrieten nur zu sehr, daß sie eben kein für die Liebe unempfindliches Temperament habe. Im Lauf der Unterhaltung gestand sie mir auch, daß sie bereits schon anderthalb Jahre Sposa, das heißt mit einem jungen Mann versprochen sei, der einen Dienst in der Stadt habe; sie wolle noch anderthalb Jahre Hüte flechten, um ihre Aussteuer ganz zusammen zu bringen, bevor sie sich verheirate. Da ich sie fragte, in was diese denn bestehen müsse, zählte sie mir alles auf, was sie sich schon angeschafft und noch ferner erforderlich sei. Ich bat sie nun, mir das erstere zu zeigen, worin sie mit einem freundlichen »_con molto piacere_« willigte, was der so wohlklingende florentinische Dialekt bezaubernd machte. Ich trat mit ihr in das Haus, das sie mit ihrer Mutter, einer Witwe, bewohnte, und dann in das Stübchen, in welchem sie mir schon ziemlich viel aufgespeichertes Linnen und anderes Hausgerät, Geschirr und dergleichen zeigte. Hier, so nahe mit ihr in Berührung, wie hätte ich der Versuchung widerstehen können, das seidene Mieder, das eine so schlanke Taille umschloß, zu umfassen? -- Aber das Mädchen sträubte sich, und als ich sie an mich drücken und küssen wollte, hob sie in einem so gar leisen Ton zu schreien an, daß man es unmöglich in der nächsten Kammer hören konnte; ich raubte ihr mehrere Küsse, mit denen ich die Worte, die sie ausstoßen wollte, erstickte. Als ich aber mehr wagen wollte, warf sie mir so bedenklich zornige Blicke zu, daß ich für gut fand, von weiteren Versuchen abzustehen, und sie sagte mit fast weinerlicher und ängstlicher Stimme: »_Per l'amor di dio, vorreste farmi infelice?_« »Um alles in der Welt nicht, mein charmantes Mädchen, man kann sich auch lieben, ohne sich gerade unglücklich zu machen; und wenn du es mir gestatten wolltest, so könnte ich dir auch Unterricht in dieser geheimen Kunst erteilen. Auf jeden Fall wirst du mir das Wiederkommen erlauben, um dir noch einige an deiner Ausstattung fehlende Dinge mitzubringen.« Verschämt unter sich blickend und an dem Schürzchen zupfend, antwortete sie: »Das Wiederkommen kann ich Ihnen nicht wehren, nur müssen Sie fein fromm und artig sein, auch nicht zu oft kommen, sonst würde es Verdacht bei den ohnehin neidischen Nachbarn erregen.« -- Mit ein paar Küssen und ihr klopfendes Herzchen an meine Brust drückend, nahm ich für heute Abschied von meiner florentinischen Schäferin, welche mir die erkauften Hüte sauber in ein Papier rollte, die ich an der Türe mit Ostentation, mit einer seidenen Schnur, die mir das Mädchen gegeben, an den Sattelknopf band, wobei mir die freundliche Mutter behilflich war, und ich das Pferd allerlei Bewegungen machen ließ, damit die Nachbarn sahen, daß ich, um Einkäufe zu machen, gekommen war. Sodann sprengte ich mit einem lauten _Addio_ und leisem _a rivedere_ davon.

Schon am anderen Abend fand ich mich wieder bei meiner holden Vilanella ein, ihr allerlei Kleinigkeiten mitbringend, unter denen ein goldenes, mit Granaten gefaßtes Kreuzchen war, das ich Gattina, so nannte sich die hübsche Schäferin, an einem Samtbändchen um den Nacken hing. Sodann steckte ich ihr einen kleinen Goldreif mit emaillierten Blumen an den Finger und gab ihr Bänder und ähnliche Dinge, alles unter dem Aushängeschild einer Aussteuer. Das Mädchen freute sich kindisch über diese Geschenke, zu deren Annahme sie sich gerne nötigen ließ. Ich bat sie, mir noch einmal ihre Schätze in der Kammer zeigen zu wollen, wozu sie sich, und zwar auf Zureden der Mutter, herbeiließ. Sie war bei weitem nicht mehr so scheu und spröde wie das erstemal; ich hatte sie mit allerlei Geheimnissen bekannt gemacht und verließ sie erst spät in der Nacht, wobei wir verabredeten, daß ich künftige Besuche nur nach eingetretener Finsternis abstatten dürfe; ich sah sie aber nur noch einmal, da ich während der kurzen Zeit, die ich in Florenz zubringen konnte, auch einen Abstecher in das Chianatal mit den Ladys machen mußte. Meine beiden Unbekannten konnte ich aber trotz aller Mühe, die ich mir gab, ich ging wenigstens noch drei oder viermal in den Abendstunden in den Dom, nicht wieder entdecken. Vielleicht in einer anderen Welt wieder, dachte ich, für dieses Leben sind sie für mich verloren. Daß sie, wie sie mir angegeben, ein paar unterhaltene Mätressen seien, wollte mir nicht recht einleuchten und stimmte nicht ganz mit der Zurückweisung des Goldes überein; es blieb mir von ihnen nichts übrig als das Andenken an einen abenteuerlichen Abend und der goldene Ring; mir die Sache aus dem Kopf schlagend, hatte ich sie bald vergessen.

Beinahe drei Wochen hatte ich in Florenz zugebracht und es war die höchste Zeit, an meine Abreise zu denken. Auch hoffte ich nicht lange in Genua zu bleiben, da mir Düret versprochen, sobald die fatale Geschichte von Albano ein wenig verraucht sei, auf meine Zurückversetzung zum ersten Bataillon anzutragen und mich so wieder in die Nähe von Rom zu bringen. Meinen liebenswürdigen Ladys teilte ich meine Abreise nach Genua nur vierundzwanzig Stunden vor derselben mit, einen soeben erst deshalb erhaltenen Befehl vorschützend. Beide schienen über diese unerwartete Nachricht betroffen, und ich mußte am Ende auf Marys dringende Bitten noch zweimal vierundzwanzig Stunden zugeben. Sie eröffnete mir, daß sie an ihren Mann nach Paris schreiben und diesem mitteilen wolle, daß sie ihren Aufenthaltsort Florenz mit Genua zu vertauschen wünsche, wovon ich ihr zwar abriet, indem ich bemerkte, ich wisse ja gar nicht, ob und wie lange ich daselbst verweilen würde, im Grunde aber, weil ich ihre Anwesenheit teils wegen meiner älteren, teils wegen allenfallsiger neu anzuknüpfender Intrigen fürchtete. Sie ließ es sich jedoch nicht ausreden und so schieden wir ziemlich getröstet, ein baldiges Wiedersehen hoffend und fürchtend, voneinander.

Am Abend des fünften Tages nach meiner Abreise von Florenz traf ich wohlbehalten in Genua ein.

V.

Zweiter Aufenthalt in Genua. -- Alte und neue Bekanntschaften. -- Signora Palatini. -- Ein sentimentales Rendezvous. -- Die Brigantenjagd in den italienischen Alpen. -- Bocchetta. -- Ich nehme fast eine ganze Bande gefangen. -- Rückkehr nach Genua. -- Das Konservatorium Fieschino. -- Albertine. -- Ich entdecke eine furchtbare Verschwörung. -- Ich avanciere zum Kapitän und werde wieder zum ersten Bataillon versetzt. -- Abreise nach Civita-Vecchia.

Da es zu spät war, als ich in Genua ankam, um mich noch nach einem Quartier umsehen zu können, so stieg ich in einem Gasthof ab, wo ich bis zum hellen Morgen recht ausschlief und mich dann bei meinem nunmehrigen Bataillonschef, Herrn von Brüge, meldete, der mich, durch Düret schon hinlänglich unterrichtet und empfohlen, mit den Worten empfing: »Das Glück, Sie bei meinem Bataillon zu haben, verdanke ich der hohen römischen Geistlichkeit. Sie werden die Voltigeur-Kompagnie kommandieren, die jetzt vakant ist, und sind für heute bei mir zu Tische eingeladen, wenn Sie mit meiner Suppe vorlieb nehmen wollen.« -- Brüge war ein Elsässer, in der Gegend von Kolmar zu Haus, und hatte ein allerliebstes Kind, ein kaum zehn Jahre altes Mädchen, deren Mutter eine ziemlich heroische Frau war. Nachdem ich dem, was der Dienst heischte, Genüge geleistet und mir ein Quartierbillett für drei Tage hatte geben lassen, war mein erster Gang zu meinem alten Gitarrelehrer Guercino, um mich bei ihm oder vielmehr bei seiner Frau nach meinen alten Bekannten zu erkundigen. Den alten Mann fand ich unwohl und bettlägerig, und seine Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mich erblickte. »_Ah siate ben venuto_,« rief sie endlich aus, die Arme in die Höhe streckend. Nach gehöriger Bewillkommnung erfuhr ich, daß die Marchesa P... seit meiner Abreise kränkele, daß die mutwillige Peretti im letzten Karneval an einem Nervenfieber gestorben, Signora Doria sich mit ihrem Mann in Paris befinde, die Costa noch immer ein Heer von Anbetern habe, die Spinola aber vollkommen wohl und munter sei. So wurde ich schnell von dem _au fait_ gesetzt, was sich während meiner etwa anderthalbjährigen Abwesenheit zugetragen. Der Tod der fröhlichen Peretti schmerzte mich, das Kränkeln der Marchesa P... tat mir leid, und das Wohlsein der Spinola freute mich. Den alten Guercino und seine Frau, die mir wieder ihre untertänigsten Dienste anbot, beschenkte ich mit ein paar Zechinen, ihr lachend bemerkend, daß ich leicht in den Fall kommen könnte, ihrer zu bedürfen, und bat sie einstweilen, die Marchesa P... von meiner glücklichen Ankunft in Kenntnis setzen zu wollen, was sie mir noch im Lauf des Tages zu tun versprach. Bei der Parade stellte mich Brüge meinen neuen Kameraden vor, von denen ich nur noch wenige kannte, und zum Diner fand ich mich seiner Einladung zufolge bei ihm ein. Madame Brüge, eine noch sehr rüstige Dame von kaum vierzig Jahren, bot mir den täglichen Tisch, versteht sich gegen gehörige Vergütung an, den ich auch akzeptierte; sie führte eine gute französische Küche. Während des Essens kam die Rede auf die Musik, und sie meinte, daß es wohl jetzt bald Zeit sei, daß ihre Tochter Unterricht in dieser Kunst erhalte, was sie schon früher veranstaltet haben würde, wenn sie einen Lehrer in Genua gefunden hätte, der französisch spreche. Dies war so ziemlich ein Wink mit einem Mastbaum, denn sie kannte mein musikalisches Talent. Ich erbot mich mit Vergnügen, der Kleinen Unterricht im Klavierspiel zu geben, was mit großem Dank angenommen wurde und mehrere Jahre später allerlei Folgen hatte. Für jetzt aber sollten diese Lehrstunden, die mir Freude machten, da das Mädchen viel musikalische Anlagen hatte, bald wieder unterbrochen werden. Am Abend begab ich mich abermals zu Guercinos, wo ich erfuhr, daß die noch immer leidende Marchesa P... die unerwartete Nachricht meiner Ankunft sehr erschüttert habe und mich dieselbe baldmöglichst zu sehen wünsche, wozu aber vorerst wenig Hoffnung, da sie immer noch sehr schwach sei. Ich machte jetzt meine Besuche in all den Häusern, in denen ich früher Zutritt gehabt, und erhielt bald wieder eine Menge Einladungen. Die Spinola sah ich zuerst bei Dorias wieder, wo ich mich lange mit ihr unterhielt und sie mir eine junge Dame, Signora Palatini, die erst kürzlich verheiratet und ihre liebe Freundin sei, vorstellte. Dieses war eine schmächtige, nicht sehr große, aber sehr niedlich gewachsene Frau, mit einer originellen pikanten Gesichtsbildung, die, wenn auch nicht schön, doch etwas sehr einnehmend war. Ich machte beiden Damen den Hof und ließ die Spinola merken, daß es mir nicht unangenehm sein würde, die so kurz vor meiner Abreise von Genua mit ihr in Gesellschaft der Marchesa P... gemachte Bekanntschaft weiter auszuspinnen. Ich hatte mir wieder eine Wohnung unweit der Kaserne ausgesucht, die ganz geeignet war, geheime Besuche zu empfangen. Mich diesen Abend noch deutlicher zu erklären, war nicht gut möglich, da ihr die Palatini nicht von der Seite wich und sich mit einer auffallenden Lebhaftigkeit in alle Gespräche mischte, die ich mit der Spinola anzuknüpfen versuchte. In einem Gartensaal musizierte man, ich wurde angegangen, mich hören zu lassen und trug mehrere neue Cavatini vor, die ich in Rom und Neapel gelernt; als die Dame vom Haus und noch einige andere den Wunsch ausdrückten, ich möchte doch wieder etwas aus dem Don Giovanni singen, und da ich einige Augenblicke anstand, wandte sich Signora Palatini mit einer großen Zudringlichkeit an mich, diesem Wunsch nachzugehen, indem sie einige dutzendmal wiederholte: »_Si Signore, il Don Giovanni, il Don Giovanni_, Sie müssen ihn singen, denn ich kenne ihn noch nicht und habe doch so viel davon sprechen hören.« Dieses Benehmen setzte mich in Erstaunen und fast in Verlegenheit. An Subordination gewöhnt, befolgte ich die gestrenge Order, das >_Fin ch'an del vino_< singend, und erhielt dafür einige danksagende Blicke von der kleinen Tyrannin, die sich nun auch spielend und singend hörbar machte, eine sehr hohe, sonore Sopranstimme hatte und mich dann ohne Umstände vor der ganzen Gesellschaft einlud, sie doch ja recht bald und oft zu besuchen, um mit ihr zu singen, sie erwarte mich morgen vormittag nach der Messe, ich möge doch einige Duette mitbringen. Dieses so ganz ungenierte und überaus freie Benehmen war mir noch gar nicht und am wenigsten in Italien vorgekommen, wo die Damen im Gegenteil die meiste Ursache haben, ihre Intrigen geheim zu halten und möglichst zu verbergen oder doch passend zu bemänteln. Es machte mich immer verlegener, weil ich wohl bemerkte, daß sich die Gesichter aller, die es mit angehört, zu einem hämischen Lächeln verzogen und man sich in die Ohren flüsterte. Als dies die Spinola sah, trat sie zu mir und sagte: »Das Benehmen der Palatini darf Sie nicht wundern, sie ist ja noch ein halbes Kind, kaum sechzehn Jahre alt, und dabei sehr verzogen, von einem überaus reizbaren und heftigen Temperament, das sich nichts übel nimmt, alles, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt, um jeden Preis auch durchsetzen will, ohne über die Folgen nachzudenken. Ihrem schon ältlichen und schwachen Mann, an den sie ihre Verwandten verkuppelt haben, hat sie eine halbe Million _di dotta_ mitgebracht und dem ihr ebenfalls aufgedrungenen Cicisbeo, dem Conte M..., jenem noch gepuderten Pavian, den Sie dort am Pharotisch pointieren sehen, so mitgespielt, daß er sich schon einigemal für das Cicisbeat bedanken wollte, allein der Ehemann und die Verwandten gaben es nicht zu, aber er hat die Hölle ...« In diesem Augenblick sprang die Palatini, die gerade sang, ihre Noten hinwerfend und wild auf die Tasten des Cembalos schlagend, die Musik unterbrechend auf, stellte sich vor die erschrockene Marchesa hin und sagte dieser überlaut: »Ich finde es höchst unartig, Signora, daß, wenn ich singe, Sie sich mit Herren unterhalten. Nun singen Sie der Gesellschaft etwas vor.« -- Die Spinola war dadurch so verblüfft, daß sie nichts erwidern konnte, ich aber nahm schnell das Wort und sagte zu der aufgebrachten zornglühenden Dame: »Signora, es war nur von Ihnen und Ihrem eminenten Talent die Rede, das uns entzückte und das mir die Marchesa nicht genug rühmen konnte. Ich war die Veranlassung dazu, indem ich die Signora zuerst fragte, welcher Meister Ihre herrliche und unvergleichliche Stimme zu einem so hohen Grad ausgebildet habe, worüber man im Begriff war, mir Auskunft zu geben, als Sie uns gerade unterbrachen.«

»Wenn dies ist, so bitte ich um Vergebung für meine gewiß sehr verzeihliche Neugierde, aber Sie werden mir selbst zugestehen, daß nichts unangenehmer ist, als wenn man sich alle Mühe gibt und sich anstrengt, einer Gesellschaft Vergnügen zu machen und andere dabei plaudern.« -- Sie hatte nicht unrecht.

Der Zorn des kleinen Teufelchens hatte sich mit jedem Wort, das ich gesprochen, mehr gelegt. Ihren Cicisbeo, der sich jetzt auch eingefunden, um zu sehen, was die Unterbrechung und diese Szene herbeigeführt, schickte sie mit den Worten heim: »Mein Herr, Sie haben sehr unrecht, sich von Ihrem Spiel zu entfernen, die ganze Sache darf Sie gar nicht interessieren, haben Sie die Güte, sich sogleich wieder an Ihren Spieltisch zu verfügen; ich bitte Sie darum, hören Sie, sogleich.« -- Der Signor trollte sich, den befehlenden Bitten folgend, ohne ein Wort zu erwidern, an seinen Platz, und Signora Palatini ergriff ihr Notenblatt wieder und beendigte das Morceau. Die übrige Gesellschaft, obgleich über diesen sonderbaren Auftritt erstaunt und Gruppen bildend, wo man sich in die Ohren zischelte, schien es doch nicht sehr zu befremden. Bald darauf begann der Tanz mit einer Monfarina, welche ich mit der Spinola antrat, die mich aber, nachdem wir einigemal die Tour im Saal gemacht hatten, aufforderte, die jetzt nicht tanzende Palatini zu engagieren, der sie mich abtrat. Ich tanzte mit dem kleinen Satan, der mir gleich bei der ersten Tour eröffnete, daß er Giulietta heiße, ich ihn künftig nur bei diesem Namen nennen solle und sich böse gebärdete, als ich es nicht augenblicklich tat. Ich wiederholte jetzt dreimal in einem Atemzug »Signora Giulietta« und sie nach dem Tanz, während dessen die Unterhaltung wunderlich genug war, an ihren Platz führend, abermals: »_mille grazie, Signora Giulietta_.« Ehe sich die Gesellschaft trennte, kam sie noch einmal in Begleitung ihres _cavaliero servente_ auf mich zu und sagte: »Daß Sie ja das Kommen morgen nicht vergessen und sich pünktlich einfinden; ich erwarte Sie eine Stunde vor Mittag, um mit Ihnen zu musizieren.« -- »Ich werde von Ihrer gütigen Einladung Gebrauch machen und mich zur bestimmten Zeit einfinden.« -- »Sie sind Zeuge,« sagte sie zu ihrem Begleiter, der mit einem Schafsgesicht zuhörte, und beide empfahlen sich. Die Marchesa Spinola flüsterte mir im Weggehen zu: »Nehmen Sie sich in acht, der kleine Teufel wird Ihnen zu schaffen machen.« -- »Ich werde ihn zu zähmen wissen,« erwiderte ich. Kaum waren diese Worte gesprochen, so trat die Palatini nochmals in den Saal zurück und rief der Spinola zu: »Auch Ihre Portandina erwartet Sie, wollen Sie nicht kommen?« Sie nahm die Marchesa beim Arm, sie mit sich fortziehend und mir noch eine _felice notte_ zurufend.

Ehe ich mich den anderen Morgen, wie ich versprochen, zu ihr begab, ging ich zu Guercinos, um bei diesen vielleicht etwas näheres über dies sonderbare, aber dennoch pikant liebenswürdige Wesen zu erfahren. Diese wußten mir aber weiter nichts zu sagen, als daß Signora Palatini wegen ihres unbändigen Eigensinns und ihrer ausschweifenden Phantasien, die sie oft die tollsten Streiche begehen ließen, in ganz Genua bekannt sei. Ich begab mich zu der kleinen Wilden, die, als sie mich erblickte, auf mich zusprang, laut rufend: »Es ist brav, daß Sie Wort gehalten; wir werden auch ganz ungestört sein, mein Mann mußte auf meine Veranlassung eine _Vileggiatura_ ins Gebirge machen, und den Signor Leonardo habe ich für den ganzen Tag verabschiedet; jetzt kommen Sie.« Sie nahm mich bei der Hand, führte mich in ein Zimmer, wo ein Flügel stand, und nötigte mich, ihr zuerst etwas vorzusingen. Ich trug ihr die Arie >_Oh Idol mio, quando mai_< und so weiter vor; nach wenigen Takten fiel sie mit einem »_Bravissimo!_« dazwischen, schlug in die Hände, und ich hielt ein, ihre Rechte ergreifend und küssend. Jetzt hatte Klavierspiel und Gesang ein Ende, und ein anderes Spiel sollte beginnen; aber zweimal schlüpfte sie mir unter dem Arm durch, laut lachend, endlich aber umfaßte ich die kleine Blindschleiche, deren Taille ich mit meinen Händen umspannen konnte, hob sie in die Höhe, daß sie zappelte, und sagte lachend: »Was nun? -- Jetzt sind Sie ganz in meiner Gewalt, Giulietta.« -- »Die Sie doch wohl nicht mißbrauchen werden?« -- »Gewiß nicht, _bella fanciulla_,« antwortete ich, sie sanft auf den Boden niedersetzend. Aber wieder ging sie mir durch, in ein zweites, drittes und viertes Zimmer, aus dem aber kein Ausgang mehr war. »Jetzt sind Sie gefangen und werden mir nicht mehr entwischen.« -- »_Ma_ -- _ma_ --« stöhnte sie bald mit hochklopfendem Herzen, und ihre Wangen waren mit jener Röte gefärbt, die einladender ist als das schönste Morgen- und Abendrot. Ich küßte sie, aber sie biß mich in die Lippen, daß es mich schmerzte und fast blutete; ich ließ mich indessen dadurch nicht stören und fuhr zu küssen fort, sie auf ein Ruhebett bringend, bis uns beiden der Atem fast ausging ...