Part 10
Ich sprengte indessen mit einem: »Albernes Zeug!« davon, suchte in Rom die Vernetti auf, bei der ich über Mittag blieb und sie dann gegen Abend in einem Wagen mit nach Albano nahm, damit sie der vom Impressario versprochenen Extravorstellung beiwohnen könnte. Das war sie in jedem Betracht, ich hatte noch nie so etwas gesehen. In einer Art Scheune war eine Erhöhung von einigen Holzblöcken und Brettern gemacht und mit alten Lumpen behangen, deren Farbe der beste Chemiker nicht mehr hätte ausfindig machen können; einige abgerissene und davor gestellte Baumzweige sollten einen Wald vorstellen. Und nun erst die Schauspieler! Die Briganten in Kalabrien waren noch wie Fürsten im Vergleich mit diesen gekleidet. Das Ärgste waren aber die rot- und schwarzbärtigen Aktricen und deren Kostüme, schmutzige Tücher auf Poissardenart um die Köpfe gewunden, Unterröcke um die Hüften hängend, welche hinten und vorn so große Löcher hatten, daß man einen Kopf durchstecken konnte. Zerrissene Hemdärmel und ein über das Hemd und den bloßen Hals geworfenes lumpiges Tuch vervollständigten das Erbärmliche ihrer Garderobe; diese vom Galgen gefallenen Burschen machten die zärtlichen Liebhaberinnen. In den ersten Reihen des Publikums saßen Caguenec und seine Geliebte, die Vernetti, ich, Felix, ein paar Lieferanten und so weiter und dann noch einige zwanzig andere Zuschauer, Einwohner aus Albano, aber kein einziges weibliches Wesen außer den beiden angeführten. Der Herr Impressario hatte sich verrechnet, die Leute in Albano waren zu devot, um eine Sonntagskomödie zu besuchen. Um den Saal, eine Art Stall, zu füllen, ließ ich sämtlicher Mannschaft und den Unteroffizieren der Kompagnie, die nicht im Dienst waren, Gratisbilletts geben, für die ich zwei Scudi bezahlte. Nicht leicht wieder wird sich eine solche Künstlergesellschaft und ein solches Publikum zusammenfinden, und dennoch amüsierte ich mich, wenigstens eine Zeitlang, königlich, denn die Geberden, Grimassen, Deklamationen, Zärtlichkeiten und das Herumvagieren der Schauspieler mit Händen und Füßen war über alle Maßen komisch-heroisch und possierlich; Blicke warfen sie um sich, welche auch Steine zum Erbarmen, zum Schaudern und zum Lachen hätte bringen können. Das Sujet des Stücks war schwer zu erraten, Mord und Raub aber der Hauptinhalt. Wir blieben bis zur Hälfte der Vorstellung, nahmen dann eine Cena ein, und Caguenec mit seiner Dulcinea blieben über Nacht bei mir, an Zimmern und Betten fehlte es mir ja nicht, ich hätte noch ein paar Dutzend solcher Paare beherbergen können. Am anderen Morgen empfahlen sich meine Gäste, nachdem sie noch gehörig gefrühstückt hatten, und gegen Abend brachte auch ich meine junge Witwe wieder in ihre Wohnung zurück.
Drei Tage nach dieser Vorstellung, als ich eben im Begriff war, meinen gewohnten Ritt nach Rom zu machen, fuhr eine Postchaise an meiner Wohnung vor, aus der mein Bataillonschef Düret und sein Adjutant-Major sprangen, die zu mir heraufstürmten. Ersterer begrüßte mich mit den Worten: »_Voilà une belle affaire, que diable avez-vous fait?_« Er zog dabei einen Bericht aus der Tasche, der den Vorgang bei dem Kardinal mit den grellsten Farben aufgetragen enthielt und in dem zugleich von seiten der päpstlichen Regierung auf die strengste Untersuchung und Bestrafung angetragen wurde. Ich erzählte Düret den Zusammenhang der ganzen Geschichte, der dann ausrief: »Das wird eine saubere Sauce werden, _toujours ce diable de Caguenec_, aber über Sie wird das ganze Wetter kommen, denn Sie sind hier Kommandant; der kommandierende General in Civita-Vecchia ist sehr aufgebracht, und ich habe sogar den Auftrag von ihm, nach Befinden der Umstände Ihnen sogleich _arrêts forcés_ zu geben. Ich will indessen mein Möglichstes tun, diese unangenehme Sache so glimpflich, als es tunlich, zu beseitigen, aber ganz mit heiler Haut werden Sie nicht davonkommen.« Nachdem er ein Frühstück genommen, fuhr Düret nach Velettri ab, um auch den Caguenec zu verhören, setzte dann seine Inspektionsreise nach Biberno, Porto d'Anzio und so weiter fort und kehrte nach Beendigung derselben nach Civita-Vecchia zurück.
Indessen war mir diese Sache nicht gleichgültig, ich teilte den Vorfall der Cesarini mit, die mir den Rat gab, dem Kardinal einen Besuch zu machen und mich bei ihm zu entschuldigen. Hierzu konnte ich mich aber nicht entschließen, und während ich so zwischen dem, was ich zu tun und zu lassen hätte, schwankte, kam eines Morgens der Kapitän Stahl an und verkündete mir, daß er die Order habe, mich abzulösen, indem ich zum dritten Bataillon, das noch in Genua lag, versetzt sei, und Düret schrieb mir dazu, ich könne Gott und ihm danken, daß die Sache so gelinde abgelaufen sei, der General habe anfangs durchaus auf einem Kriegsgericht bestanden, und nur mit großer Mühe habe man ihn davon abgebracht. -- So unangenehm mir auch diese Versetzung war, so wurde ich denn doch jetzt von aller peinlichen Ungewißheit befreit, die mich seit acht Tagen quälte. Ich erhielt meine Marschroute mit der Order, mich sogleich an meinen neuen Bestimmungsort zu verfügen. Hier blieb nichts übrig, als zu gehorchen. Nicht ohne Wehmut nahm ich von all meinen Bekannten und den Familien in Rom, in deren Häusern ich so manche Freude, soviel Annehmlichkeiten genossen und mit so liebenswürdiger Liberalität aufgenommen worden war, Abschied. Torlonia, dem ich die Ursache meiner Versetzung gesagt, antwortete, daß, wenn ich ihm den Vorfall gleich mitgeteilt, er die Sache gewiß ausgeglichen haben würde und es dann zu keiner Klage gekommen wäre. Aber wer sich meine Abreise am meisten zu Herzen nahm, war die Cesarini, trotzdem ich sie in der letzten Zeit so ziemlich gleichgültig behandelt oder doch sehr vernachlässigt hatte. Sie wollte sich anfänglich gar nicht darein finden und entwarf allerlei Pläne, mich nach Genua zu begleiten, daselbst zu wohnen und so weiter. Ich hatte große Mühe, ihr die Unausführbarkeit eines solchen Vorhabens begreiflich zu machen, und um sie einigermaßen zu beschwichtigen, beschloß ich, noch acht bis zehn Tage inkognito in Rom zu bleiben und dann, statt mich an die Marschroute zu halten, mit Extrapost nach Genua zu reisen, wodurch ich beinahe einen ganzen Monat Zeit gewann. Dies schien sie etwas zu beruhigen, aber nun machte sie mir eine Eröffnung, die mich nicht wenig überraschte. Sie gestand mir nämlich, daß sie in der Hoffnung sei und daß sie, seit sie mich kenne und schon vorher, durchaus keinen vertrauten Umgang mit ihrem Gatten mehr gehabt habe, daher nicht wisse, was dies noch für Folgen nach sich ziehen könne; sie mache sich indessen gerade deshalb keine großen Sorgen, denn der Herzog halte sich ja auch Mätressen und bekümmere sich gar nicht um sie, auch könne sie es wohl veranstalten, ihre Niederkunft geheim zu halten. Ich verkaufte jetzt mein Pferd, schaffte mir dafür eine schon gebrauchte Kalesche an, indem ich einen Wagen, den mir Gertrude zum Geschenk machen wollte, ausschlug, und brachte die wenigen Tage, die ich noch in Rom war, fast ausschließlich in ihrer Gesellschaft zu. -- Noch hatte ich die Trajanssäule nicht bestiegen, und als ich diesen Wunsch äußerte, versetzte sie: »Das können wir ja noch zusammen tun.« Bei der Ausführung dieses Planes fiel mir Madame Gasqui und die Antoninsäule ein, bei deren Besteigen ich die erste Veranlassung zu einer intimeren Bekanntschaft mit ihr gehabt. Als wir kaum oben waren, sah mich meine Begleiterin plötzlich mit einem grellen Blick an und sprach: »Wie, wenn ich mich da hinabstürzte, dann hätten auf einmal alle Sorgen und alle Pein ein Ende.« -- »Sind Sie toll,« fiel ich ihr ins Wort und faßte sie schnell am Arm, sie sah mich aber nur lachend an und sagte: »Habe keine Angst, so weit ist es noch nicht, wenigstens müßtest du dich mit mir hinabstürzen wollen.« -- »Dazu spüre ich noch keine Lust,« erwiderte ich ihr, »es wäre ein dummer und nicht einmal gewisser Tod, ich will doch zehnmal lieber durch eine Kugel fallen.« Ich umfaßte und küßte sie und machte, daß wir bald wieder hinabkamen.
Am Abend vor meiner Abreise fand sich Gertrude zum letztenmal bei mir ein und brachte die Nacht bis zwei Uhr morgens mit mir zu, mir zum ewigen Andenken eine über vier Schuh lange Locke von ihrem schönen Haar und einen goldenen Ring gebend, auf dem das Kolosseum, wo wir so manche trauliche Stunde zugebracht hatten, in Mosaikarbeit abgebildet war; andere prächtigere Geschenke hatte ich mir durchaus verbeten. Ich führte sie endlich in ihre Wohnung zurück, wo ich ihr den letzten langen Abschiedskuß in ihrem Schlafgemach gab und sie in Tränen gebadet verließ. -- Ihre letzten Worte waren: »_Non dimenticarmi!_« Ich erwiderte, daß ich hoffe, sie bald wiederzusehen. Ich hatte ihr versprochen, mein Möglichstes zu tun, um wieder meine Versetzung zum ersten, im Kirchenstaat liegenden Bataillon zu bewirken, was ich mir auch vornahm.
Um vier Uhr morgens hatte ich die Pferde bestellt, als aber der Wagen vorfuhr, sah ich statt der alten Kalesche, die ich gekauft, einen ganz eleganten modernen Reisewagen, und als ich meinen Burschen fragte, was dies zu bedeuten habe, gestand mir derselbe, daß diese Verwechslung gestern nachmittag auf die dringende Bitte einer Dame geschehen sei, die ihm zu gleicher Zeit ein Geschenk von zehn Zechinen gemacht und ihm dabei gesagt habe, der Wagen komme aus so lieben Händen, daß er seinem Herrn die größte Freude, die man ihm heimlich zu machen wünsche, verursachen würde. Zugleich stellte mir der Bursche noch ein Schlüsselchen zu, das zu einem Wagenkistchen gehöre, was außerdem noch versiegelt war. Hier blieb nichts übrig, als mich des Geschenks zu bedienen, von dem ich wohl denken konnte, wo es herkam. Der Koffer war gepackt, die Pferde angespannt, meine Kalesche fort, und ohne die splendide Geberin zu beleidigen und tief zu kränken, konnte ich das Geschenk nicht wohl zurückschicken. Ich stieg in den Wagen, befahl dem Postillon, im starken Trabe davon- und zur Porta Popolo hinauszufahren und warf mich, tief in meinen Mantel gehüllt, in den Hintergrund des Wagens, über die seltsamen Wege des Schicksals meditierend, Rom mit Bedauern verlassend, ohne mich noch einmal nach der ewigen Stadt umzusehen, in der ich so viele Freuden genossen, deren Erinnerungen ich nun an meiner Phantasie vorübergehen ließ.
IV.
Reise über Florenz nach Genua. -- Ankunft zu Florenz. -- Eine Überraschung. -- Ein Abenteuer. -- Die Kathedrale San Maria del Fiore. -- Die mysteriösen Schönen. -- Lady Mary. -- Das Arnotal. -- Die schönen Strohflechterinnen. -- Abreise nach Genua.
Da ich als Partikulier und nicht als Militär, das heißt, wenigstens nicht nach meiner Marschroute reiste, die mir volle fünfunddreißig Tage bis zu meiner Ankunft in Genua gestattete, so hatte ich beschlossen, meinen Weg über Florenz zu nehmen.
In Siena verweilte ich einen Tag, um mich auszuruhen, und fuhr mit einbrechender Nacht nach Florenz ab, wo ich noch lange vor Tag ankam und Mühe hatte, das dienende Personal eines Gasthofs aus dem Schlaf zu wecken, um mir ein Zimmer anweisen und eine erquickende Schokolade bereiten zu lassen. Letzteres versteht man nirgends so gut als in Italien. Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage bis drei Wochen in Toscanas schöner Hauptstadt zuzubringen, da ich durch mein schnelles Reisen diese Zeit vollkommen wieder einbringen und jedenfalls zu dem auf der Marschroute bezeichneten Zeitpunkt in Genua eintreffen konnte. Nachdem ich ein paar goldene Morgenstunden verschlafen, ließ ich meinen Koffer und auch das verschlossene und versiegelte Wagenkistchen auf mein Zimmer bringen, das zu öffnen ich bis jetzt noch keine Muße gefunden hatte, da die Sehenswürdigkeiten Sienas alle meine Zeit daselbst in Anspruch nahmen. Ich entsiegelte und schloß das Kästchen auf und war vor Verwunderung starr, als ich es mit der feinsten Battistwäsche, gestickten Taschentüchern und Hemden angefüllt fand. Oben lag ein in rosenfarbiges Seidenpapier gewickeltes Portefeuille von blauem Samt, auf dem mit Perlen Gertrudens Namenszug von einem Blumenkranz umgeben gestickt war. Als ich dasselbe öffnete, fiel mir ein auf Velinpapier mit Goldrand geschriebenes Briefchen in die Hand, das mit einer Brillantnadel, mit einem von Rubinen umfaßten prächtigen Solitär, zugesteckt war. Ich nahm die Nadel herunter, entfaltete es und las:
>Carissimo Fernando!
Nimm dies kleine Geschenk als ein Andenken von mir und der unvergeßlich seligen Stunden, die ich mit Dir zubrachte, gütig auf; wohin Dich auch immer die Verhältnisse und des Schicksals Wege führen mögen, gedenke Deiner Dich so innig liebenden Freundin in Rom. Sie hat erst zu lieben begonnen, als sie Dich kennen lernte, vergiß sie nicht, dies würde sie unglücklich machen, gieb mir wenigstens einmal jeden Monat Nachricht, die Du mir durch die mit Dir verabredete Adresse zukommen lassen kannst. Deine Briefe werden mir mindestens ein Schattentrost sein. Deine Abwesenheit macht mein Leben zur Einsamkeit und es wird traurig genug dahinfließen, nur Nachrichten von Dir können mir einige heitere Augenblicke gewähren. Lebe wohl, sei glücklich und vergiß nimmer Deine Dich bis zum letzten Atemzug liebende Gertrud.<
Schreiben an zurückgelassene Geliebte war meine Sache sonst nicht; aber hier mußte ich doch eine Ausnahme machen, antwortete ihr sogleich und meldete ihr meine glückliche Ankunft in Florenz. Während ich schrieb, packte mein Bedienter das Kistchen aus, plötzlich rief er: »Ach, sehen Sie doch, Herr Leutnant, was da für ein schönes Kästchen ist,« ich drehte mich um und erblickte eine wunderschön gearbeitete Schatulle von Ebenholz mit Perlmutter und Silber ausgelegt, an der ein goldenes Schlüsselchen an einem himmelblauen Bande herabhing. »Wie schwer es ist,« sagte der Bursche, mir es darreichend, ich öffnete es und fand zu meiner nicht geringen Verwunderung das sehr wohlgetroffene Porträt der Principessa Cesarini in Miniatur gemalt und mit Rosetten eingefaßt; aber noch weit mehr erstaunte ich, als ich unter demselben zehn Rollen, jede mit einhundert Zechinen vorfand. Dies war zuviel, wenigstens das Gold hätte sich nicht vorfinden sollen, auch ein Zettelchen lag in der Schatulle, auf dem geschrieben stand: >Nicht wahr, lieber Fernando, Du zürnest mir nicht, daß ich mich unterfing, Dir einen Pfennig für die Not beizulegen, und wenn Du zürnest, so sieh mich nur an (mein Porträt), und ich bin eitel genug zu glauben, daß Dir dann aller Unwille vergehen wird.< In der Tat war das Bild so lieblich lächelnd und so sprechend ähnlich gemalt, die Züge dem reizenden Original so bezaubernd gleich, daß ich es einigemal küßte, und mir zum erstenmal der Gedanke kam: wie ist es möglich, daß man auch gegen solche Reize gleichgültig werden kann, und mit der Natur schmälte, daß sie mich mit einem so veränderlichen Herzen geschaffen hatte; denn was kann am Ende der Mensch für sein Temperament, für seine Leidenschaften, für seine Art zu fühlen und zu empfinden; nicht mehr als der Bucklige für seinen Höcker, der Krumme für seinen Wuchs, er kann sich ebensowenig von seinen moralischen Auswüchsen befreien wie dieser von seinen physischen.
Nachdem ich von meiner Überraschung zurückgekommen, nahm ich mir vor, dieses mir mit so unendlicher Liebe zugetane Wesen nicht zu dem großen Haufen zu werfen, und beinahe machte ich mir über die zu Rom und Albano gegen sie begangene Untreue und Vernachlässigung Vorwürfe. Während ich solchen Gedanken Raum gab und im Vornehmen und Vorwerfen begriffen war, hörte ich plötzlich die Akkorde auf einem sehr wohlklingenden Pianoforte anschlagen, und bald darauf die Romanze >_Solitario bosco ombroso_< durch ein liebliches Silberstimmchen aber mit fremdem Akzent vortragen, deren Refrain >_per trovar qualche risposo, nel silenzio nel orror_< mit ganz besonderem Ausdruck gesungen wurde.
Dieser Gesang, der mich, sowie jede Musik in der frühen Morgenstunde, in eine ganz eigene Stimmung versetzte, brachte mich schnell wieder auf andere Gedanken, ich vergaß Bild und Schreiben und lauschte nur auf die Silbertöne, die aus einem in meiner Nähe befindlichen Gemach zu kommen schienen. Ich erkundigte mich bei einem Aufwärter nach der singenden Dame und erfuhr von demselben, daß es die junge Gattin eines vornehmen Engländers sei, die mit ihrer Schwägerin die anstoßenden Gemächer bewohne und deren Mann sich dermalen in Paris befände, um daselbst die Erlaubnis zu seiner Rückkehr nach England auszuwirken, da alle Engländer, die sich auf dem europäischen Festlande befanden, so weit der napoleonische Einfluß reichte, Kontinentalarrest hatten.
»_E bella?_« fragte ich den Cameriere. »_Bellissima ed assai giovine._« -- »Und ihre Umgebung?« -- »Die beiden Ladys haben nur zwei Kammerfrauen und einen Bedienten um sich, fahren jeden Tag spazieren, gehen aber zu niemand und empfangen auch keine Gesellschaft.« -- »Besuchen sie auch keine Kirchen?« -- »O ja, alle, aber nur um die Bilder zu sehen, denn es sind unglückliche Ketzerinnen.« -- »Gut, bestellen Sie mir jetzt den berühmten Haarkräusler der Stadt, ich will mir die Haare schneiden lassen.« Mit einem: >_Illustrissimo sara servito_< empfahl sich der Cameriere, und sobald ich allein war, trillerte ich: >_God save the King_< und >_Rule Britannia_<, die einzigen englischen Lieder, die mir bekannt waren und die ich auswendig wußte. Man hatte mich gehört, denn die Zofen streckten ihre niedlichen Köpfe aus der Tür im Korridor, um zu erforschen, wer wohl hier englische Nationalgesänge anstimme. Bald darauf vernahm ich auch, wie man sich bei einem Aufwärter nach dem Fremden erkundigte, der nebenan logiere und englisch singe. -- »_Non so_,« lautete die Antwort, »aber ich werde es bald wissen und Ihnen dann mitteilen.« Ein paar Minuten darauf kam der _primo_ Cameriere zu mir, mich nach Stand, Herkommen, Reiseabsicht und so weiter im Namen einer hochlöblichen Polizei inquirierend. Lächelnd befriedigte ich den neugierigen Burschen, wissend, welche Polizei ihn abgeschickt. »_Ah Mosiou est Oufficier français?_« versetzte er sich verneigend, und mit einem >_Umilissimo servo_< komplimentierte sich der dienstbare Geist wieder zum Zimmer hinaus, um die Neugierde der Zofe und durch diese die ihrer Herrschaft zu befriedigen. Ich packte nun die erhaltenen Geschenke wieder sorgfältig ein, worauf der bestellte Signor Peruchiere erschien, mich frisierte oder vielmehr nur durchkämmte, die Spitzen der Haare abschneidend, und mich für eine ihm gespendete Zechine vollkommen mit den Verhältnissen der schönen Welt von Florenz bekannt machte. Ich warf mich sodann in _grande tenue_, um die Sehenswürdigkeiten der schönen Stadt aufzusuchen, ging jedoch noch vorher drei bis viermal aus meinem Zimmer auf den Korridor, bis an die Treppe und wieder zurück, indem ich tat, als hätte ich etwas vergessen, und jedesmal hatte ich das Glück, einem der englischen Kammermädchen zu begegnen, die ich mit einer freundlichen Verbeugung grüßte und von denen ich eben so freundlich wieder gegrüßt wurde.
Gegen einundzwanzig Uhr in mein Hotel zurückgekommen, ließ ich mir auf meinem Zimmer ein Pranzo servieren, das sehr splendid aufgetragen wurde, denn man stellte mir wenigstens ein paar Dutzend Platten vor, von denen ich kaum vier berührte, aber destomehr ließ sich mein Bursche die anderen schmecken, wogegen ich nichts hatte; denn bezahlen mußte ich sie doch, da sie aufgetragen waren, verbat mir aber in Zukunft einen so reichlichen Service.
Kaum hatte ich den letzten Bissen im Mund, so eilte ich wieder fort, die Promenaden aufzusuchen, auf denen sich die schöne Welt von Florenz und namentlich die schönen Florentinerinnen zeigen. Ein paar Tage nach meiner Ankunft verfolgte ich zwei schlanke, tief verschleierte weibliche Gestalten, denen ich gegen abend auf der Brücke _della Trinità_ begegnet war, in einiger Entfernung; sie schienen es bald bemerkt zu haben und eilten längs dem Quai hinab, gingen über Ponte Vecchio wieder über den Arno, an dem Palast Pitti vorüber, über die Piazza San Spirito, dann wieder einige Straßen zurück und machten so fortwährend vergebliche Gänge hin und her. Es leuchtete mir ein, daß sie mir zu entgehen und zu verhindern suchten, daß ich in Erfahrung bringe, wo sie sich hinbegeben würden; aber dadurch wurde meine Neugierde nur noch weit mehr angeregt, ich folgte ihnen jetzt fast auf dem Fuß nach und betrat beinahe zu gleicher Zeit wie sie die Gärten des Palastes Pitti, in die sie endlich ihre Schritte lenkten. Hier suchten sie die einsamsten Gänge hinter den dichtesten Gebüschen auf, wohin ich ihnen immer nachging. Als sie unter den schwarzgrauen Mauern der Fortezza angekommen waren, welche diese Gärten auf der einen Seite begrenzen, die sich dort recht pittoresk an Alleen und Bosketten hinziehen, wandten sich die beiden Damen plötzlich um, und die eine fragte mich: »_ma che cosa ci volete, Signoro_?«
»Nichts als Ihre Reize bewundern.«
»_Ah é un forestiero_,« sagte die, die mich angeredet zur anderen, nun waren beide plötzlich freundlich und gestanden mir, daß sie mich für einen _Spia_ gehalten, den man ihnen nachgeschickt, um ihnen aufzupassen.
»Aber, meine Damen, sehen Sie mich doch recht an, habe ich denn die Miene eines Spions?«
»Das nicht, mein Herr,« versetzte die eine etwas verlegen, »aber wir konnten Sie ja auch nicht recht ansehen, übrigens,« setzte sie lächelnd hinzu: »sehen Sie doch aus wie ein Schalk, dem nicht so ganz zu trauen ist.«
»Ich ein Spion, wo denken Sie hin? Ich spioniere höchstens nach den Reizen der schönen Damen, und in diesem Sinne mögen Sie recht haben.«