Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 1

Chapter 13,200 wordsPublic domain

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten

Zweiter Band

Sechste Auflage

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten

Hinterlassene Papiere eines französisch-preußischen Offiziers

In drei Bänden

Zweiter Band

Egon Fleischel & Co. Berlin 1916

Inhalt des zweiten Bandes.

Seite

I. Zweiter Aufenthalt zu Neapel. -- Ende der Frankfurter 1-35 freireichsstädtischen Herrlichkeit. -- Ich werde von der Terzana befallen. -- Das Einstürzen der Häuser in Neapel. -- Madame Gasqui. -- Ein Vexiermarsch nach Capua. -- Großes Avancement im Regiment. -- Die Vicaria und ihre Höllenkerker. -- Marietta und Teresina. -- Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. -- Hazardspiele und Liebhabertheater. -- Die hübsche Apothekersfrau. -- Das Aqua Tofana

II. Abmarsch nach Civita-Vecchia. -- Die Pontinischen Sümpfe. -- 35-49 Civita-Vecchia. -- Ich werde Platzkommandant zu Albano. -- Meine Ausflüge nach Rom. -- Bankier Torlonia. -- Prinzessin Cesarini. -- Angelika Kaufmann. -- Rom. -- Die schönen Römerinnen und die deutsche Männertreue. -- Ein Rendezvous in der Kirche San Sebastian vor den Mauern

III. Die Katakomben. -- San Sebastian fuori le mura. -- Das 49-100 Abenteuer in den Katakomben. -- Die Karnevalsfreuden. -- Noch ein Mordanfall. -- Die junge Witwe. -- Antiquar Vasi und seine Tochter. -- Canova. -- Beendigung des Karnevals. -- Die Entführung einer Nonne. -- Der Kardinal-Bischof und der Impressario. -- Ich werde zum dritten Bataillon versetzt. -- Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom

IV. Reise über Florenz nach Genua. -- Ankunft zu Florenz. -- 101-120 Eine Überraschung. -- Ein Abenteuer. -- Die Kathedrale San Maria del Fiore. -- Die mysteriösen Schönen. -- Lady Mary. -- Das Arnotal. -- Die schönen Strohflechterinnen. -- Abreise nach Genua

V. Zweiter Aufenthalt in Genua. -- Alte und neue 120-153 Bekanntschaften. -- Signora Palatini. -- Ein sentimentales Rendezvous. -- Die Brigantenjagd in den italienischen Alpen. -- Bocchetta. -- Ich nehme fast eine ganze Bande gefangen. -- Rückkehr nach Genua. -- Das Konservatorium Fieschino. -- Albertine. -- Ich entdecke eine furchtbare Verschwörung. -- Ich avanciere zum Kapitän und werde wieder zum ersten Bataillon versetzt. -- Abreise nach Civita-Vecchia

VI. Reise über Mailand nach Rom. -- Mailand. -- Die Einwohner. 154-165 -- Der Advokat Mazetti. -- Eine Spielhölle. -- Ich rette Graf G... aus den Klauen falscher Spieler. -- Bellina. -- Abreise von Mailand nach Rom. -- Ankunft zu Rom. -- Wiedersehen. -- Abfahrt nach Neapel

VII. Ankunft in Neapel. -- Das Liebhabertheater in Giesù nuovo. 165-202 -- Besteigung des Vesuvs. -- Der Hof des Königs Joseph. -- Eine deutsche Vorstellung. -- Helenchen Cramer. -- Caserta. -- _Nocera de pagani._ -- Die Ruinen von Pestum. -- Zweiter Feldzug in Kalabrien. -- Niederlage des Prinzen von Hessen-Philippsthal. -- Die Brigantenhäupter Francatrippa und Benincasa. -- Monteleone. -- Ermordung eines Kuriers. -- Fondaco del Fico. -- Mehrtägiges hartnäckiges Gefecht mit den Briganten. -- Die hübsche Kalabreserin. -- Mileto. -- Belagerung der Festungen Scilla und Reggio. -- Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. -- Rückmarsch nach Neapel. -- Abreise nach Genua

VIII. Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach 202-213 Marseille. -- Marsch von Marseille nach Perpignan. -- Perpignan. -- Eine spekulative Spröde. -- Toulouse. -- Formierung des zweiten Observationskorps an den Pyrenäen. -- Ich werde zum dritten Reservekorps versetzt. -- Bayonne. -- Bordeaux. -- Bazas. -- Hasparren. -- Napoleons Intrigen gegen Spanien. -- Abmarsch nach diesem Land. -- St. Jean de Lüz

IX. Einmarsch in Spanien. -- Die baskischen Provinzen. -- 213-234 Miranda de Ebro. -- Der Engpaß Garganta Pancorbo. -- Briviesca. -- Burgos. -- Quintana de la Puente. -- Valladolid. -- Ein Autodafé. -- Eine schöne Andalusierin. -- Ungewißheit und Gerüchte über Napoleons Absichten hinsichtlich Spaniens. -- Marsch nach Segovia. -- Biwak bei Segovia. -- San Lorenzo. -- El Pardo. -- Glänzender Einmarsch in Madrid

X. Ferdinand VII. Einzug in Madrid. -- Der Friedensfürst. -- 234-257 Der Aufstand zu Aranjuez und Madrid. -- Karl IV. Abdankung. -- Napoleon zu Madrid erwartet. -- Ferdinand vom Volk angebetet und von Savary nach Bayonne gelockt. -- Karl IV. protestiert gegen seine Abdankung. -- Donna Calvanillas und Rosa Maria. -- Theater. -- Cortesanos, Majos und Muchachas. -- Sitten der Einwohner. -- Der Fandango vor Gericht. -- Wohnungen. -- Der Adel. -- Autodafés. -- Die Erstürmung von Amors Schloß

XI. Drohende Stimmung der Einwohner zu Madrid. -- Aufstand zu 258-277 Toledo. -- Der blutige Aufstand am 2. Mai zu Madrid. -- Wegnahme des Artillerieparks. -- Ich rette einem Insurgenten das Leben und werde dabei verwundet. -- Ein Renkontre mit Murat. -- Eine gefährliche Zusammenkunft. -- Abmarsch nach Toledo. -- Abmarsch über Madrid nach Aragonien. -- Unterwürfigkeit der Madrider Behörden und des Inquisitionsgerichts gegen die Franzosen. -- Fast ganz Spanien im Aufstand. -- Die Junta zu Sevilla und die Provinzialjuntas erklären Frankreich den Krieg. -- Wir stoßen zu dem Belagerungsheer vor Saragossa

XII. Erste Belagerung von Saragossa. -- Palafox. -- 278-310 Außerordentliche Verteidigungsanstalten der Aragonier. -- Vorgänge bis zur Belagerung. -- Überblick der Geschichte Saragossas. -- Heldenmütige Verteidigung dieser Stadt durch ihre Einwohner. -- Eine Heroine. -- Ein seltsames Stiergefecht. -- Furchtbarer Straßen- und Häuserkampf. -- Die gefangenen Nonnen. -- Aufhebung der Belagerung. -- Marsch nach Barcelona. -- Ich werde stark verwundet und krank. -- Aufenthalt zu Barcelona. -- Spanische Sitten, Tänze, Theater usw. -- Abreise zur See nach Frankreich

XIII. Ankunft zu Montpellier. -- Ich werde zum 29. Regiment 310-340 versetzt. -- Murat, König von Neapel. -- Ermordung einer Kompagnie Voltigeurs. -- Der neue König macht sich beim Volk beliebt. -- Einnahme der Insel Capri. -- Ich werde dekoriert. -- Helenes Hochzeitsfeier. -- Castellamare. -- Dritter Feldzug in Kalabrien. -- Rückkehr nach Neapel, wo ich das Ehrenkreuz erhalte. -- Ich werde nach Nola detachiert und daselbst beinahe erschossen. -- Neue Bekanntschaften. -- Eine durch eine beabsichtigte Leichenberaubung entdeckte Verschwörung. -- Murats Politik und Reformen. -- Abmarsch nach dem Kirchenstaat

XIV. Besitznahme des Kirchenstaates. -- Ende der weltlichen 340-369 Herrschaft des Papstes. -- Die Kommandantur zu Velettri. -- Der Bischof und der Fournisseur. -- Gewaltsame Entführung Pius VII. -- Ich gehe als Kurier nach Wien. -- Ich übergebe Napoleon meine Depeschen. -- Kurze Unterredung mit demselben. -- Schönbrunn. -- Parade daselbst. -- Wien. -- Volksstimmung daselbst. -- Das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt gefeiert. -- Quartierfreuden. -- Liebenswürdige Wirtinnen. -- Rückreise nach Italien. -- Klagenfurt. -- Udine. -- Treviso. -- Mestre. -- Ankunft zu Venedig

XV. Venedig. -- Sankt Markus-Kirche und Turm. -- Der 369-415 Dogenpalast. -- Die Pozzi und Piombi. -- Die Rialtobrücke. -- Das Arsenal. -- Die Vermählungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. -- Venedigs Flor und Verfall. -- Der St. Markusplatz. -- Die Venezianerinnen. -- General Menou. -- Dessen religiöse Ansichten. -- Ein Mordanfall. -- Abreise von Venedig. -- Padua. -- Ferrara. -- Ravenna. -- Der Domgeist daselbst. -- Eine schöne Reisegefährtin. -- Velettri. -- Jagd in den Pontinischen Sümpfen. -- Abreise nach Paris

XVI. Paris im Jahre 1810. -- Das Palais Royal. -- Unvermutetes 416-449 Zusammentreffen mit dem Fürsten Y... -- Der Konkordienplatz. -- Notre Dame. -- Das Hotel de Dieu. -- Der Justizpalast. -- Meinungen über Napoleons Ehescheidung. -- Unerwartete Begegnung einer früheren Bekannten. -- Eine Interimsehe. -- Die Spielhöllen im Palais Royal. -- Eine Wache wirft einen jungen Menschen in die Seine. -- Der Pariser Karneval. -- Die Ochsenprozession. -- Stimmung des französischen Volkes bei der Nachricht von der bevorstehenden Vermählung Napoleons mit Marie Louise. -- Ein verfänglicher Calembourg _aux français_. -- Das Totenmahl beim Fürsten Y...

I.

Zweiter Aufenthalt zu Neapel. -- Ende der Frankfurter freireichsstädtischen Herrlichkeit. -- Ich werde von der Terzana befallen. -- Das Einstürzen der Häuser in Neapel. -- Madame Gasqui. -- Ein Vexiermarsch nach Capua. -- Großes Avancement im Regiment. -- Die Vicaria und ihre Höllenkerker. -- Marietta und Teresina. -- Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. -- Hazardspiele und Liebhabertheater. -- Die hübsche Apothekersfrau. -- Das Aqua Tofana.

Den Tag nach unserer Ankunft suchte ich Vetter Moritz auf, der mehrere Briefe von meinen Eltern und Verwandten an mich hatte, die schon längere Zeit angekommen waren, welche er mir aber nicht hatte nachschicken können, da man nie genau wußte, in welcher Gegend Kalabriens wir uns befanden. In einem derselben schrieb mir mein Vater aus Frankfurt:

>Mit unserer republikanischen und freireichsstädtischen Herrlichkeit hat es ein trauriges Ende genommen, Napoleon hat ein Großherzogtum Frankfurt geschaffen, von dem unsere Stadt die Hauptstadt ward, und Karl von Dalberg ist unter der Benennung: Fürst Primas, unser Großherzog. Das Schlimmste bei der Sache ist, daß alle bedeutenden Ämter und Stellen jetzt von Ausländern besetzt werden und man die Frankfurter, namentlich auch die Senatoren, ihre Familien und Verwandten, fast unberücksichtigt hintenansetzt und so weiter.<

Was mein guter Vater als das Schlimmste bezeichnete, war eigentlich das Beste an der Sache und gereichte Frankfurt zum Vorteil; denn bisher hatte man, wie später wieder, alle Stellen durchaus nur nach Gunst und Protektion an Söhne und Verwandte der einflußreichsten Familien vergeben, ohne nur im geringsten darnach zu fragen, ob das Subjekt einige Fähigkeiten zur Verrichtung der ihm obliegenden Funktionen besitze; so konnte zum Beispiel ein Talent, ein Genie wie Klinger, nicht eine Torschreiberstelle erhalten, sondern wurde schnöde an allen Senatorstüren mit Impertinenzen und Grobheiten abgewiesen. Er hatte freilich nicht einmal die Protektion einer Senators- oder Bürgermeisters-Köchin oder Base (oft die beste). Daß er den wohlfürsichtigen, hochgelehrten und so weiter Herren in seinem Faust und später als kaiserlich russischer Generalleutnant ein wenig arg mitgespielt, kann ihm niemand verargen. Die Wohlregierenden und Konsorten wurden da oft nach mehrstündigem Antichambrieren abgewiesen und wieder beschieden und mußten vor dem in der demütigsten Stellung supplizieren, den sie unter ihrer Würde gefunden hatten, nur anzuhören! -- Hier herrschte von jeher und herrscht noch die vortreffliche Ämterverteilung, die Schiller so meisterhaft in seinem Fiesko schildert, wo Wölfe die Justiz, Füchse die Finanzen, Esel die Polizeigerichte und so weiter verwalten, in Summa, wo die wichtigsten Ämter durch Dummköpfe, Ignoranten oder Schurken bekleidet werden, wenn diese nur Ratsverwandte sind.

Außer den Briefen empfing ich auch etwas Geld von meinen guten Eltern, das mir jetzt sehr zu statten kam, denn ich war so wie meine Kameraden fast ganz abgerissen aus Kalabrien zurückgekommen, und das Gouvernement schuldete uns obendrein schon vier Monate Gage. Indessen hatte ich in den nächsten vierundzwanzig Stunden alles überstandene Ungemach und Elend rein vergessen; in den ersten Tagen konnte von Diensttun noch keine Sprache sein, das Bataillon wurde durch dreihundert vom Depot angekommene Rekruten verstärkt, die nun einexerziert werden mußten.

Die noch immer in Giesù nuovo wohnenden Damen besuchte ich in den ersten Tagen nach meiner Zurückkunft. Die liebenswürdige Madame Gasqui klagte über Langeweile und Migräne, ich tröstete sie, ihr versprechend, beides zu vertreiben; aber auch mich befiel kurz darauf eine Unpäßlichkeit, so daß ich mehrere Tage das Bett hüten mußte, die Krankheit löste sich endlich in eine Terzana (dreitägiges Fieber) auf, das ich sehr lange und immer wiederkehrend behielt, was mich aber, außer den wenigen Stunden, die der Anfall dauerte, von nichts abhielt; dies waren die Folgen des allerdings sehr anstrengenden Feldzugs in Kalabrien. Nach vielen vergeblichen Versuchen, mich von dem Fieber zu befreien, und nachdem ich sowohl die mir vom Regimentsarzt, als die von dem berühmten Arzt meines Vetters Moritz verschriebenen Droguen vergeblich verschluckt hatte, gab mir endlich der Kommandant der Fortezza del Carmine ein Mittel an, durch welches ich wenigstens nach jedem Anfall auf vier bis sechs Wochen von dieser Plage befreit wurde. Ich mußte nämlich gleich nachdem der Paroxismus vorüber war, eine halbe Unze zu Pulver gestoßene Chinarinde in gutem Wein nehmen, setzte mich dann zu Pferd und ritt ein paar Stunden so starken Trab, daß ich recht gerüttelt wurde; das Fieber verließ mich dann auf längere Zeit, stellte sich aber immer nach einem, auch zwei Monaten wieder ein, und zwar während fünf Jahren.

Im Kastell Carmine bewohnte ich ein Zimmer, dessen Terrasse die Aussicht auf das Meer und auf einen kleinen Platz vor demselben hatte, hier brachte ich manche Morgenstunde mit dem Lesen der italienischen Dichter zu, besonders war es Ariost's rasender Roland, der mich, nebst Tasso's befreitem Jerusalem und Dante's göttlicher Komödie, am meisten ansprach. Den famösen achtundzwanzigsten Gesang des Orlando furioso lernte ich ganz auswendig. Auch die Gitarre nahm ich wieder zur Hand und studierte neapolitanische Lieder und Weisen, unter denen die sizilianische Romanze: »_Un giorno Giove in collera_« eine sehr witzige Kanzonette war, die damals ganz Neapel exaltierte.

Eines Tages, als ich gerade in der Lektüre des Orlando vertieft war, hörte ich plötzlich ein entsetzliches _ajuto, ajuto!_ (zu Hilfe, zu Hilfe!) von Frauenstimmen aus einem der meiner Terrasse gegenüberliegenden Häuser erschallen, und gleich darauf sah ich mehrere Damen händeringend an den Balkonen jenes Hauses erscheinen, die »_ajuto per l'amor di dio_« schrieen. Ich begriff nicht, was den Frauen sei und glaubte zuerst, es befänden sich Mörder in dem Hause, eilte deshalb die Terrasse hinab, stürzte zum Fort hinaus und fand schon eine Menge Menschen, aber in einiger Entfernung vor dem Hause versammelt, in das sich niemand wagen wollte. Auf mein Befragen, was da vorgegangen sei, erfuhr ich, daß das Haus dem Einsturz nahe wäre und in dessen Innern schon mehrere Wände und ein Teil der Treppe wirklich eingestürzt seien. Die Einwohner desselben standen jetzt alle an den Balkonen des zweiten und dritten Stockwerks, um Hilfe rufend. Ich ließ eilig mehrere im Fort befindliche Leitern durch unsere Soldaten herbeiholen, mit deren Hilfe die geängstigten Bewohner sämtlich in die Straße hinabstiegen und gerettet wurden. Die Leute atmeten erst wieder auf, als sie auf ebener Erde waren und konnten mir nicht genug danken, denn ihr Leben hing an einer Nadelspitze. Ich hörte nun, daß in Neapel das Einstürzen der Häuser gar nichts Seltenes sei und weit öfter vorkomme als Feuersbrünste an andern Orten. Die Ursache davon ist, daß die ganz aus Steinen erbauten und sehr hohen Häuser durch die häufigen Erdbeben so sehr erschüttert werden, daß sie sämtlich große Risse und Sprünge haben und mehr oder weniger baufällig sind. Das Zusammenstürzen eines solchen Hauses ist oft so schnell geschehen, daß an Rettung gar nicht zu denken, in wenig Sekunden liegt es als ein Steinhaufen da, unter dem alles, was sich in dem Augenblick darin befand, begraben ist. Ein paar Tage nach diesem Vorfall stürzte auf dem Markt mitten in der Nacht ein solches Haus ein, wobei dreiundzwanzig Menschen das Leben verloren.

Ich bot den armen Leuten fürs erste ein Asyl in unserem Fort an, sie suchten und fanden indessen noch denselben Tag Unterkunft in einem anderen Teil der Stadt.

Meine meisten Mußestunden brachte ich jetzt in Giesù nuovo zu, wo noch immer unsere verheirateten Offiziere und mehrere andere wohnten. Herr von Gasqui war meistens kränklich, und seine junge, lebenslustige Frau ennuyierte sich mitten in der Hauptstadt des neapolitanischen Paradieses. Ich musizierte jetzt recht fleißig mit ihr, diese tödliche Langeweile zu verscheuchen, öfters blieben wir so auf kurze Zeit allein und wechselten dann Küsse, um einige Veränderung in unsere Unterhaltung zu bringen. Ist man einmal so weit mit einer hübschen Frau gekommen, so ist das Übrige eine Kleinigkeit, man nähert sich mit Riesenschritten dem Ziel, und es fehlt dann nur noch die Gelegenheit, um dasselbe zu erreichen. Eine solche herbeizuführen war nun mein Bestreben, und da der gute Gasqui durch seine öftere Entfernung in Dienstangelegenheiten, wo freilich der Zufall wollte, daß ich mich meistens zu solchen Stunden einfand, an denen ich ihn im Dienst beschäftigt wußte, uns oft selbst überließ, indem er mir noch obendrein beim Weggehen empfahl, seine liebe Frau, die sich hier langweile, bestens zu unterhalten, so hätten wir gutes Spiel gehabt, wenn wir in Giesù nuovo nicht so häufig durch die Besuche anderer Offiziersdamen und ihrer Männer gestört worden wären. Besonders war es Madame Grenet, die es verstand, sich immer zu der Zeit einzufinden, wo sie mich anwesend wußte. Eines Vormittags jedoch war diese mit noch einigen anderen Damen und deren Männern von unserem Großmajor Omeara zu einem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, dem die gleichfalls gebetene Madame Gasqui unter dem Vorwand von Unpäßlichkeit entsagte; ihr Mann hatte aber die Einladung akzeptiert. -- Wir hofften nun endlich ein paar Stunden ganz ungestört unter vier Augen zubringen zu können, aber diese Hoffnung wurde vereitelt, denn kaum hatten wir begonnen, uns im zweiten Zimmer, dem Schlafgemach der liebenswürdigen Louise, die unzweideutigsten Beweise unserer gegenseitigen Zuneigung zu geben, als wir die Türe des ersten Zimmers öffnen hörten. Madame Gasqui sprang, ein großes Tuch überwerfend, aber in einem sehr erhitzten Zustand, schnell hinaus, die Türe hinter sich abschließend, und ließ mich als Arrestanten im hintern Gemach. -- Ich erkannte bald die Stimme des Kapitäns Linange, wie man ihn im Regiment nannte, eines Grafen Leiningen, den Fürst Y. erst vor wenig Monaten als Hauptmann angestellt und zum Regiment nachgeschickt hatte. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der früher, ich weiß nicht mehr in welchen deutschen Diensten gestanden und nun unserem zweiten Bataillon zugeteilt war, das bis jetzt Neapel noch nicht verlassen hatte. -- Gleich nach seiner Ankunft schloß er mit Herrn Gasqui eine dicke Freundschaft und machte nebenher seiner jungen Frau den Hof. -- Auch er war zu dem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, hatte sich aber losgemacht. Madame Gasqui allein in Giesù nuovo vermutend, war er hierher geeilt. Ich mußte nun in meinem Versteck alle Süßigkeiten anhören, die der halbhundertjährige Liebhaber meiner Schönen vorleierte, welche ihn verlegen anhörte, da sie wußte, daß ich kein Wort von dieser Unterhaltung verlieren würde. Es kam zu einer förmlichen Liebeserklärung und sogar zu einem Kniefall, aber meine Louise spielte nicht nur die Unerbittliche und Grausame, sondern schien im Ernste böse und aufgebracht zu sein, und drohte mit ihrem Mann; ob sie ebenso gehandelt haben würde, wenn ich nicht im Schlafzimmer gewesen wäre, oder dann vielleicht den guten Linange derb ausgelacht hätte, muß ich dahingestellt sein lassen; denn wer vermag Weiberherzen zu ergründen? -- ebensowenig wie deren oft so bizarren Geschmack; aber jetzt mußte ihr alles daran gelegen sein, den Herrn Grafen baldmöglichst zu entfernen. Wie leicht konnte nicht ihr Mann, Madame Grenet oder sonst jemand noch dazu kommen, und dann steckte ich in einem _Cul de sac_, aus dem kein anderer Ausweg war, als durch das vordere Zimmer. Es war nicht so leicht, den Herrn von Linange los zu werden, und Louise konnte dies endlich nur dadurch bewirken, daß sie ihm, wenn er gehorsam sei, in weiter Ferne einen Hoffnungsschimmer blicken ließ. Nachdem sie ihm noch eine Romanze vorgesungen, denn er bestand darauf, wenigstens ihre Engelsstimme hören zu wollen -- sie war boshaft genug, ihm ein Spottlied auf einen alten Gecken vorzutragen --, entfernte er sich mit einem ehrerbietigen Handkuß, ich wurde endlich aus meinem Gefängnis erlöst; aber auch ich mußte fort, wenn wir nicht zum zweitenmal überrascht werden sollten. Linange war über eine gute Stunde geblieben, und es war hohe Zeit, daß ich ging. Ich verließ die Dame mit einer heißen Umarmung, mir vornehmend, jetzt auf passendere Gelegenheit zu unseren Zusammenkünften zu sinnen. --

Zwei Tage darauf lud ich Herrn und Madame Gasqui zu einem kleinen Souper in die Villa Reale ein[1], und da sich Linange gerade bei ihnen befand, so konnte ich nicht umhin, auch diesen zu invitieren, der die Einladung mit Dank annahm. -- Bei diesem Souper ließ ich zum Dessert die köstlichsten Weine, Cyprier und Christuszähren auftragen, und munterte die beiden alten Herrn auf, wacker zuzusprechen, wozu es des Nötigens eben nicht bedurfte. Als man recht im Train und _allegro allegrissimo_ war, machte ich den Vorschlag, das Theater zu besuchen. -- Gasqui aber meinte, es gefiele ihm weit besser hier, wenn aber seine Frau Lust habe, so könne sie dies Vergnügen mit mir genießen, er wolle noch eine Weile mit seinem guten Freund Linange recht behaglich der Ruhe pflegen und sich dann direkt nach Giesù nuovo begeben, wohin ich ihm seine Frau nach beendigtem Schauspiel bringen solle. Dies war Wasser auf meine Mühle. Linange machte zwar ein griesgrämiges Gesicht dazu, konnte aber seinem Kameraden nicht gut abschlagen, ihm Gesellschaft zu leisten, und mußte _nolens volens_ bleiben. Auch mochte wohl der gute Wein, dem er eben nicht Feind war, ein Übriges dazu beigetragen haben, genug, er blieb zu meiner großen Freude, und wir machten uns davon. Wir waren so eilig, daß ich sogar vergaß, die Zeche zu bezahlen, und die beiden alten Krieger gewissermaßen im Pfand zurückließ. Vor der Villa angekommen, bemerkte mir Madame Gasqui, daß sie ihre Lorgnette nicht bei sich, und da sie kein sehr gutes Gesicht habe, sie das Vergnügen des Theaters ohne diese nur halb genießen würde.

»Ei, dann wollen wir vorher schnell nach Giesù nuovo, sie zu holen.«

[Fußnote 1: Am Eingang der Villa Reale befinden sich mehrere Restaurationen, Kaffeehäuser und so weiter, wo man trefflich serviert wird und Speisen und Getränke von der besten Qualität findet.]

»Wo denken Sie hin, es ist über eine halbe Stunde Wegs.«

»Die wir in einem Kalesso[2] in zehn Minuten zurücklegen.«

Ich nahm nun das erste vor der Villa haltende Fuhrwerk, versprach dessen Führer noch ein Trinkgeld, wenn er uns recht rasch befördern würde, und in acht Minuten stiegen wir vor Giesù nuovo aus, wo ich dem braven Wagenlenker das doppelte der Taxe einhändigte, der uns vergnügt mit einem _felicissima notte_ dankte.