Part 7
Die Juden waren bei diesem Ereignis am schlimmsten weggekommen, aber was sie und mit ihnen die ganze Stadt augenblicklich für ein hartes Mißgeschick der Kinder Israel hielten, fiel bald zu ihrem großen Heil aus und war der Wendepunkt zu ihrer erträglicheren und besseren Zukunft. Man mußte ihnen nun gestatten, wenigstens den Abgebrannten, ihre stinkende, schmutzige Gasse zu verlassen, da das Niederbrennen eines großen Teils derselben es unmöglich machte, daß alle Juden in dem ihnen bestimmten Quartier wohnen konnten, und man war gezwungen, ihnen zu erlauben, sich einstweilen in anderen Stadtteilen ein Unterkommen zu suchen, was ihnen jedoch nicht so leicht wurde, da sich viele Christen weigerten, dies >unreine Geschmeiß<, wie man sich ausdrückte, aufzunehmen. Auch waren mehrere Mitglieder des Senats und manche Bürger, welche durchaus wollten, daß die Unglücklichen in den unversehrt gebliebenen Häusern ihrer Glaubensgenossen einquartiert werden sollten, bis ihre eigenen Häuser wieder aufgebaut seien, und sie hätten diese Abscheulichkeit vielleicht durchgesetzt, wenn nicht der französische General erklärt hätte, daß er eine solche Unmenschlichkeit nimmermehr zugeben würde. Von dieser Zeit an wohnten die Juden in verschiedenen Quartieren der Stadt, und man mußte ihnen auch nach der Wiederaufbauung ihrer Gasse, womit man sich eben nicht übereilte, durch die Finger sehen.
Das damalige Frankfurt war ohnehin mit Ausnahme einer einzigen Straße, der Zeil, und einiger Plätze, wie Roßmarkt, Römerberg und Komödienplatz, eine finstere und sehr kotige Stadt, in welcher man mit jedem Schritt an die Ungereimtheiten des Mittelalters erinnert wurde. Fast alle Häuser hatten stockweise Überhänge, wodurch die ohnehin schon sehr engen Straßen in eine ewige Dämmerung gehüllt wurden, und Sonnenschein und reine Luft waren fast unbekannte Dinge. Die hohen bastionierten Wälle und Stadtmauern und die mit faulem und übelriechendem Wasser angefüllten Gräben, die sie umgaben, verhinderten das Eindringen der frischen Luft. Über Brücken und Zugbrücken, durch lange, düstere, von Feuchtigkeit triefende Torgewölbe gelangte man in die alte Festung, in die nie ein wohltätig reinigender Wind dringen konnte und in der Fieberkrankheiten das ganze Jahr heimisch waren; auch hatten die meisten Einwohner ein kränkliches Aussehen. Die meisten Häuser waren übrigens von außen mit den buntesten Freskogemälden verziert, die Begebenheiten und Wunder aus dem alten Testament oder auch Ansichten von Landschaften, Burgen, Städten und so weiter darstellten, so daß die ganze Stadt einer burlesken, mitunter auch recht unterhaltenden Gemäldegalerie glich.
Mit Sonnenuntergang wurden jeden Abend die Stadttore geschlossen und die Schlüssel zu einem der wohlregierenden Bürgermeister in Verwahrung gebracht, ohne deren großgünstige Bewilligung niemand mehr aus- und einpassieren durfte. Aber nicht allein die leblosen Gegenstände waren es, die an barbarische Zeiten erinnerten, sondern die Menschheit entehrende Züchtigungen, an Lebenden verübt, taten dies noch weit mehr. Das Halseisenstehen am Römer, dem Versammlungshaus des Magistrats, besonders von liederlichen Dirnen, war etwas Alltägliches, wobei die liebe Jugend ihr wahres Gaudium hatte; die aus aller Welt zusammengeworbenen Stadtsoldaten wurden vor der Hauptwache täglich geprügelt oder liefen Spießruten, mußten einen vor derselben stehenden hohen Esel besteigen und mehrere Stunden unter dem Hohn der Vorübergehenden und des Pöbels auf dessen scharfem Rücken reiten, und zwar wegen des geringsten Vergehens, wenn sie zum Beispiel vor einem Senator, den sie nicht erkannt, das Gewehr nicht präsentiert hatten! Das Ärgste war indessen, daß, wenn in dem Zuchthaus Verbrecher in den sogenannten spanischen Bock gespannt wurden, eine Art Zwangsstuhl, wodurch den Sträflingen Hals, Arme, Hände und Füße so eingezwängt wurden, daß jede Bewegung unmöglich war, und sie dann in dieser Lage eine schwere Tracht Prügel auf den Podex erhielten, jedesmal die armen Waisenkinder herbeigeholt wurden, um diese Exekution mit anzusehen!!!
Noch einige Zeit nach dem Bombardement blieben wir Kinder in dem großväterlichen Hause in der Buchgasse, wo wir uns wohl befanden, recht artige Nachbarskinder zu Gespielen hatten, und bald hatte ich ein kleines Liebhabertheater organisiert, wobei ein niedliches Mädchen, Evchen, die Tochter eines Faktors, die Hauptrolle spielte. Die Aufführungen selbst fanden auf dem Boden des gegenüberwohnenden Bankiers Wanzel statt, während ich die Privatproben zwischen Eva und mir in der stillen Puderkammer meiner Großmutter hielt. Stundenlang probierten wir die heimliche Zusammenkunft Ludwig des Springers mit Adelheide von Stade. Endlich mußten wir zu meinem großen Bedauern wieder in das elterliche Haus, in das Goldene Schiff zurückkehren, das indessen doch auch nicht ganz freudenleer war und mir bald der Freuden mancherlei bringen sollte. Einstweilen wurde ich der kleine Geliebte eines hübschen Nähmädchens, das mich in besondere Affektion und statt zu nähen gar zu gerne auf seinen Schoß nahm, mich herzte und drückte und dabei meine Hände unter seinem Busentuch wärmte, auch sonst allerlei mit mir vornahm. Die Abende brachte ich meistens allein und ohne alle Furcht in der Gespensterstube, die sehr abgelegen im zweiten Stock unseres Hauses war, mit ihr zu und war ein gelehriger Schüler unter Amors Fahne.
Indessen hieß es nun bald: genug gespielt, man nahm mich aus der Mädchenschule und gab mir einen Kandidaten Jung zum Hauslehrer. Lesen und etwas Schreiben hatte ich schon gelernt, nun aber wurde ich mit den Anfangsgründen der lateinischen Grammatik, der Arithmetik und andern sehr trockenen Studien geplagt, die mir wenig zusagten, dagegen sprachen mich Erdbeschreibung und Geschichte, die mir Jung erzählend beibrachte, weit mehr an, auch das Französische, das mich eine Dame lehrte, fiel mir nicht schwer. Vor allem aber war es die Musik, in der ich die meisten, für mein Alter selbst auffallenden Fortschritte machte und bald spielte ich alle beliebten Opernmelodien, Tänze und Märsche auf dem Klavier nach dem Gehör.
Eines Nachmittags, als ich mich gerade bei meinen Großeltern väterlicherseits, die dasselbe Haus mit uns bewohnten, befand, sagte mir meine Großmutter Fröhlich, einen Brief in der Hand haltend: »Freue dich, lieber Ferdinand, morgen kommen deine Cousinen von Kreuznach,« und schilderte mir diese beiden älteren Töchter Scholzens, die ich nur als ganz kleines Kind gesehen und deren ich mich durchaus nicht mehr erinnerte, auf eine Art und Weise, die meine Neugierde und Erwartung aufs höchste steigerte. Namentlich war es Henriette, das ältere Mädchen, deren Liebenswürdigkeit und Schönheit sie mir nicht genug preisen konnte. »Sie werden die Messe über bei uns bleiben,« setzte sie hinzu, »und vielleicht für immer, denn ich werde ihrem Vater raten, sie zu den englischen Fräulein in Pension zu schicken.« Der von mir so sehnsüchtig erwartete andere Tag kam heran, mit ihm Oheim und Tante Scholze von Homburg, bald darauf fuhr ein zweiter Wagen vor, dem zwei junge Mädchen mit einer schon ältlichen Dame entstiegen, die gleich darauf in das Wohnzimmer traten, wo ein herzliches Bewillkommnen gar kein Ende nehmen wollte. Ich aber konnte mich nicht satt an der schönen schlanken Gestalt des elfjährigen Mädchens sehen, auf die ich meine Augen starr und unverwandt geheftet hatte. Henriette war für ihr Alter sehr groß und ausgebildet, verband mit einem zierlichen Nymphenwuchs eine im hohen Grad einnehmende Gesichtsbildung und hatte eine unaussprechliche Lieblichkeit in ihrem Blick, wodurch jedermann hingerissen und bezaubert wurde; und so war es auch mir, dem kaum achtjährigen Knaben, ergangen. Endlich rief die alte Frau Fröhlich, mein Staunen bemerkend, aus:
»Seht nur den Jungen an, der ist ja ganz wie versteinert in seine Cousine vergafft.« Ich war in der Tat zur Statue geworden.
Henriette sprang nun auf mich zu, schloß mich in ihre Arme und küßte und drückte mich, daß mir beinahe schwindelte. Ich hatte mich fest an das reizende Mädchen geklammert und wollte sie gar nicht lassen, bis meine Mutter endlich sagte: »Aber nun ist's genug, du verdirbst Jettchens ganzen Anzug.«
Vorerst wurde zu meiner großen Freude beschlossen, daß die Mädchen bei den Großeltern zum Besuch bleiben sollten, bis das weitere über sie bestimmt sein würde. Während der drei Wochen langen Messe wollten diesmal meine Studien überhaupt nicht viel bedeuten, denn ich flanierte mit den beiden Mädchen und meinem jüngeren Bruder fast täglich unter Jungs Aufsicht in der Budenstadt herum. So eine fröhliche Messe hatte ich noch nie erlebt, sie ist mir in ewigem Angedenken. Gleich darauf, es war die Septembermesse, kamen die Herbstfeierlichkeiten, wo es nicht minder lustig in den verschiedenen Gärten unserer Bekannten zuging, und so kam der Dezember und mit ihm der Nikolaustag, auch das uns Kindern über alles gehende Weihnachtsfest heran, das diesmal ungewöhnlich reich und überraschend ausfiel, da Scholzens eine überaus verschwenderische Bescherung veranstalteten. Meine Mutter erhielt unter anderm einen Zobelpelz von mehreren Tausend Gulden im Wert von ihrem reichen Schwager. Auch diese Zeit gab Veranlassung zu mancherlei extemporierten Freuden, und ich besuchte mit Jettchen an der Hand fast jeden Abend den erleuchteten und aufgeputzten Christmarkt mit seinen vielen kleinen Gärtchen. Doch sollten gleich nach Neujahr diese vergnügten Tage ein nicht sehr glänzendes Ende nehmen. Scholze hatte Gründe, nicht sehr zufrieden mit dem Benehmen seiner schönen Frau zu sein, und die ganze Familie fuhr eines Morgens ohne weiteres nach Homburg ab, das mir so teure Cousinchen mitnehmend. Die Kinder erhielten nun eine französische Gouvernante und andere Lehrer im elterlichen Hause. Diese Abreise ging mir ein paar Tage sehr nahe, um so mehr, da ich für den Umgang mit Henriette keinen Ersatz hatte.
Da wir indessen öfters nach Homburg zum Besuch fuhren, auch während des Sommers uns häufig auf dem Gut in Berkersheim sahen und daselbst recht romantisch ländliche Promenaden machten, uns auf dem Heuboden und den Wiesen herumtummelten, so dauerte das Einverständnis zwischen Henrietten und mir noch ungetrübt fort.
Eines Morgens, als wir noch behaglich beim Frühstück zusammensaßen, rollte plötzlich ein Wagen vor, und einen Augenblick darauf stürzte Tante Scholze mit verstörtem Antlitz und sehr nachlässiger Toilette, von einem Kammermädchen gefolgt, mit den Worten in die Stube: »Ich bin von meinem Mann, dem Wüterich, dem Tyrannen, fortgelaufen.« Das ganze Haus geriet in Alarm, die Großeltern kamen herab, und Frau Scholze erzählte unter Tränen, daß sie ihr Mann mißhandelt habe, weil er sie mit einem französischen General in einem Gartenhaus gefunden, wo sie ganz zufällig und in aller Unschuld mit diesem zusammengetroffen und wo durchaus nichts Böses, sondern nur Gutes und Liebes vorgefallen sei, wie Annette, das mitgebrachte Kammermädchen, bezeugen könne. Ihre Mutter nahm sogleich ihre Partei gegen den Wüterich von Mann, der so etwas rügen könne, die übrigen waren jedoch stumm oder meinten, man müsse auch den Mann hören. Dieser kam eine Stunde später an, stieg in einem Gasthof ab und ließ seinen Schwiegervater bitten, sich zu ihm bemühen zu wollen; er teilte demselben mit, daß er seine schöne Frau _en flagrant délit_ mit dem General de Rade ertappt habe, daß sie schon länger ein geheimes Verständnis mit diesem gehabt, der sogar zur Nachtzeit durch die Fenster ihres in den Garten gehenden Schlafzimmers gestiegen sei, wie es der Nachtwächter und mehrere Nachbarn gesehen und ihm berichtet hätten. Das Ende von der Geschichte war eine förmliche Scheidung. Madame Scholze gestand selbst ihre Zuneigung zu dem de Rade, und ihr großmütiger Mann bewilligte ihr ein Jahresgehalt von zwölfhundert Talern, so lange sie sich nicht wieder verheiraten würde.
Hier fällt mir eine Episode aus der Hochzeitsreise des Ehepaars Scholze ein, die, da sie den Geist jener Zeiten trefflich charakterisiert, erwähnt zu werden verdient.
Im Herzogtum Württemberg war wie in noch anderen Ländern des seligen deutschen Reichs die Verordnung, daß man vor jeder Schildwache ehrerbietigst den Hut abzuziehen habe, da sie den Souverän selbst repräsentiere, obgleich dieser Stellvertreter der allerhöchsten Person nicht selten, vom Posten abgelöst, wegen eines fehlenden Gamaschenknopfs Fünfundzwanzig oder gar Fünfzig, von zwei Gefreiten oder Korporalen aufgezählt, öffentlich erhielt. Einige Stunden nach ihrer Ankunft in der herzoglichen Residenz wollten sie die Merkwürdigkeiten derselben besehen und gingen an der Schloßwache vorüber, ohne der Schildwache daselbst den gehörigen Respekt zu erweisen. Kaum hatten sie ein paar Schritte weiter getan, als ihnen ein zornentglühtes, kupferrotes Fähnrichsgesicht nacheilte und mit einer fast heiseren Fuselstimme zurief: »Wollt ihr gleich still stehen, ihr Flegel! Wer seid ihr, wo seid ihr her, wißt ihr nicht, daß ihr die Schildwache salutieren sollt? Ich will euch lehren, die Deckel von den Dickköpfen herunterzunehmen, ich werd' euch arretieren, die Schildwache, die statt dem Herzog hier steht, hätte euch die Kolben in die Rippen stoßen sollen. -- Gefreiter, löst gleich den Esel ab und stellt einen andern für den Herzog hin, der Kerl muß fünfzig auf den A... haben.« Und so ging das Gebrüll des Fähnrichs noch eine halbe Stunde fort, während sein langer Zopf den Takt dazu an seinem breiten Rücken schlug, was sich recht possierlich ausnahm. Bald hatte sich eine Menge Leute um die Wache versammelt, und Scholze und seine arme Frau befanden sich in der peinlichsten Lage, ja letztere war einer Ohnmacht nahe. Vergeblich bemühte sich mein Vater, der das Paar begleitete, dem furchtbaren Stock- und Zopfhelden begreiflich zu machen, daß sie als Fremde und Reichsstädter, wo man dergleichen nicht kenne, von dieser Verordnung nicht unterrichtet sein könnten und folglich in aller Unschuld gesündigt hätten. Der Fähnrich aber schrie und tobte nur um so ärger, er wollte von der Gelegenheit profitieren, seine Autorität einmal zeigen zu können, und als sich einige Umstehende der Fremden annahmen und sie entschuldigten, befahl er dem Korporal, >das Gesindel< mit Kolbenstößen auseinander zu treiben, was dieser auch sogleich vollzog.
Scholze eilte nun mit seiner zitternden Gattin und seinem Schwager nach dem Gasthof zurück und teilte dem Wirt den Vorfall und zugleich die Erklärung mit, daß er noch heute, sobald sich seine Frau etwas erholt haben würde, weiterreisen und von den Stuttgarter Herrlichkeiten nichts mehr sehen wolle, womit dem ehrlichen Gastgeber jedoch nicht gedient war. Die Reisenden, die mit Extrapost vierspännig angekommen waren und erklärt hatten, einige Tage in der herzoglichen Residenz verweilen zu wollen, hatten ihm eine gute Zeche versprochen, und er bot alle seine Beredtsamkeit auf, sie anderen Sinnes zu machen. Mein Vater hatte sich indessen nach dem Namen des wachthabenden Fähnrichs erkundigt und erfahren, daß sich derselbe Kreischhuhn nenne und ein durch seine Rohheit, aufgeblasene Plumpheit und krasse Unwissenheit berüchtigtes Subjekt sei, das er sich nun zu züchtigen vornahm.
Die Reisenden fuhren indessen noch denselben Abend nach Ulm ab zum großen Verdruß des Wirtes, der verdrießlich seinen Abendgästen diese Begebenheit mitteilte, so daß die Sache sogar zu den allerhöchsten Ohren des Herzogs kam und Kreischhuhn einen Verweis erhielt. Nicht so gelinde aber kam das Bürschchen von seiten der Beleidigten weg. Scholze wollte zwar die Geschichte auf sich beruhen lassen und meinte, mein Vater solle es dabei bewenden lassen; dieser jedoch, einundzwanzig Jahre alt, im vollen Jugendfeuer, war nicht so friedlich gesinnt und schrieb ohne Wissen seines Schwagers einen derben Brief an den Fähnrich Kreischhuhn, in dem er es an Beleidigungen nicht fehlen ließ und der mit einer förmlichen Herausforderung schloß. Die Antwort lautete ganz trocken: >Da Herr Fröhlich nicht von Adel sei, so könne man sich auch nicht mit ihm schlagen.< Diese dumme Feigheit brachte meinen Vater noch mehr auf, der den ganzen Hergang der Sache an einer öffentlichen Wirtstafel in Ulm erzählte und an den Herzog selbst schreiben wollte. Zufälligerweise befand sich ein französischer Rittmeister, ein geborner Elsässer, bei Tische, den die Sache so empörte und den vielleicht auch die schöne Frau, der man so arg mitgespielt hatte, interessierte, daß er nach beendigtem Mahl zu Scholze ging und zu diesem sagte, er wolle ihm, bevor zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen, eklatante Satisfaktion verschaffen. Scholze wollte durchaus nichts davon hören, sein Schwager und seine Frau unterstützten jedoch die Absichten des Rittmeisters, und nach einigem Hin- und Herreden kam man überein, daß mein Vater in Begleitung dieses Offiziers nach Stuttgart zurückfahren und Scholze deren Rückkehr in Ulm abwarten solle. In Stuttgart suchte der französische Rittmeister, ein Graf Caguenek, den Fähnrich auf der Wachtparade auf, nahm ihn auf die Seite, teilte ihm seinen Namen und Stand sowie die Absicht seines Hierseins mit und lud ihn ein, nach der Parade sogleich einen Gang mit ihm zu machen, um ein paar Kugeln zu wechseln. Held Kreischhuhn wurde bleich, stammelte etwas von Dienstpflicht, worauf der Rittmeister jedoch nicht hörte und ihm ziemlich laut und vernehmbar sagte: »In einer Viertelstunde erwarte ich Sie unfehlbar in dem Bopserwäldchen, verfehlen Sie nicht, sich mit einem Sekundanten einzufinden, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie öffentlich beschimpfen und also dienstunfähig machen soll.« Kreischhuhn fand sich, jedoch ohne Sekundanten, mit etwas unsicheren Tritten und verstörter Miene wirklich auf dem bezeichneten Platz ein, nur mit seinem Degen bewaffnet, der jedoch noch kein Blut gesehen, sondern nur auf den Rücken armer Soldaten herumgetanzt hatte. Er traf den Rittmeister schon in Gesellschaft meines Vaters nebst einem Wundarzt an. »Wie, Herr Fähnrich, ohne Sekundant?« rief ihm der erstere entgegen. -- »Die Eile hat mich verhindert,« stotterte der zitternde Held. -- »Ohne Sekundant können Sie sich doch nicht schlagen -- Sie dauern mich -- ich merke wohl, daß Sie ebenso wenig ein Freund von Taten sind, als ich von viel Worten. Hier mein Ultimatum: Bereuen Sie Ihr Benehmen, so geben Sie mir deshalb eine schriftliche Erklärung, in welcher Sie die schwer beleidigten hochachtbaren Personen um Vergebung bitten, wo nicht, so müssen Sie sich mit mir schlagen.« -- Der Fähnrich stammelte nun, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen, die respektabeln Fremden im mindesten zu beleidigen, strenge Order und Mißverständnis hätten diese Unannehmlichkeit veranlaßt, und zeigte sich bereit, die geforderte Erklärung zu geben, die er auch sofort in den demütigsten Ausdrücken, wie sie ihm der Rittmeister diktierte, nieder- und unterschrieb und dabei die ihm eigene Orthographie beobachtete. Man trennte sich nun friedlich, mein Vater und der Rittmeister eilten nach Ulm zurück, wo Scholze und seine Frau ängstlich ihrer harrten und nach Berichterstattung dessen, was vorgefallen, sowie über die schriftliche Erklärung herzlich lachten.
Nachdem Frau Scholze geschieden, lebte sie mit dem General de Rade, der die Ursache der Scheidung war und jetzt einen Gesandtschaftsposten in Hessen-Kassel bekleidete. Unglücklicherweise war der Gesandte verheiratet, und seine rechtmäßige Gattin hielt sich zu Paris auf. Da sie eine kränkliche Frau war, so hatte er seiner Geliebten versprochen, da er nicht geschieden werden konnte, sie gleich nach dem Tode jener zu ehelichen. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt, der General starb nach ein paar Jahren, vor seiner Gemahlin, Frau Scholze kehrte nach Frankfurt zurück, wo sie bald darauf einen der berühmtesten Advokaten der Stadt, einen Doktor Feierlein, der ihren Scheidungsprozeß geführt hatte, heiratete.
Mein Hauslehrer Jung hatte durch die Verwendung meines Großvaters Weller eine Pfarrei im Hessischen erhalten, und man schickte mich nun in das damals in Frankfurt blühende Kemmetrische Institut zur weiteren Ausbildung meiner Kenntnisse, die eben noch nicht weit her waren. Aber bald fand man, daß dieses für meine Anlagen von gar mancherlei Art nicht genüge, und auf Anraten meines Oheims Scholze kam man überein, mich zu einem jungen Geistlichen namens Breidenstein, der soeben ein vielversprechendes Erziehungsinstitut in Homburg vor der Höhe errichtete und dem Scholze sehr wohl wollte, in Pension zu geben. -- Als mir dies eröffnet wurde, war ich hoch erfreut, denn Cousinchen Henriette war ja zu Homburg, ich hoffte sie täglich zu sehen und sprang wie besessen herum, einmal über das anderemal ausrufend: »Ach, das ist schön, das ist charmant!« --
VI.
Das Institut zu Homburg vor der Höhe. -- Die Flegeljahre. -- Homburg und seine Umgebungen. -- Der Hof. -- Eine Schweinsjagd im Schloßgarten und eine Schildwache im Teich. -- Eine kaiserliche Stecknadel.
Als der zur Abreise bestimmte Tag herangekommen war, holte mich mein neuer Lehrer selbst ab; ich folgte ihm willig und gern und verließ das väterliche Haus, in dem ich doch so manche Kinderfreuden genossen, ohne großes Leidwesen, denn Homburg hatte einen Magnet, dessen Anziehungskraft mich alles andere vergessen machte. Pfarrer Breidenstein war ein noch ganz junger und lebhafter Mann, der, noch unverheiratet, bei einem alten Schullehrer wohnte, dessen Frau die Wartung der Zöglinge übernehmen sollte. Als ich zu ihm kam, war ich der erste, der bei ihm wohnte, die übrigen, sieben bis acht an der Zahl, waren Kinder aus Homburger Familien, die nur am Tage teil an dem Unterricht nahmen.
Außer meinem Oheim Scholze, den ich noch den Abend nach meiner Ankunft besuchte, hatte ich noch einen Großoheim zu Homburg, der lutherischer Oberpfarrer daselbst war. Meine Eltern hatten lange geschwankt, ob sie mich nicht diesem braven Mann anvertrauen sollten, doch war man in der Familie dagegen, indem man denselben als zu ernst und zu streng für die Erziehung eines so lebhaften Knaben wie ich schilderte, und entschied sich für Breidenstein, obgleich derselbe der reformierten Religion zugetan, während unsere ganze Familie lutherisch war, weshalb manche unserer Basen einen Anstand nahmen und dies für eine gottlose und sündhafte Handlung hielten. Die beiden Konfessionen standen sich damals, besonders in Frankfurt, noch fast feindlich gegenüber. Ein Reformierter konnte ebenso wenig wie ein Katholik oder ein Jude in den Senat gelangen oder ein Amt zu Frankfurt bekleiden, und die Reformierten mußten in dem hessischen Ort Bockenheim ihren Gottesdienst halten. Später erlaubte man ihnen Bethäuser, aber ohne Türme, in Frankfurt. Bei diesem Lehrer nun hatte ich mich fast unbegrenzter Freiheit zu erfreuen und war außerhalb der Unterrichtsstunden so ziemlich ohne alle Aufsicht, denn des Schulmeisters Frau, die eine solche über mich üben sollte, achtete ich nicht, und sie traute sich auch nicht, mir etwas zu wehren. Ich benutzte nun diese Freiheit in vollem Maß und zum großen Verdruß meines Oheims, des Oberpfarrers, dem ich auf allen seinen Wegen begegnete, der sich aber jedes Verweises enthielt, damit es nicht scheinen möge, als fände er sich zurückgesetzt, daß man mich lieber einem Fremden als ihm anvertraut habe. Obgleich Breidenstein ein Lebemann war, so hoffte man doch, er würde meine überschäumende Lebhaftigkeit und frühzeitige Entwicklung wohl zu zügeln wissen; dies war aber nicht der Fall, und ich lernte bei ihm, was ich eben lernen wollte. Wie wir gesehen, hatten sich bei mir allerlei Eigenschaften und Talenten besonderer Art weit früher entwickelt, als dies bei anderen Menschenkindern gewöhnlich der Fall ist, und so traten denn auch die sogenannten Flegeljahre viel früher als bei anderen Jungen bei mir ein.