Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 6

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Ein paar Tage nach seiner Ankunft zu Paris war es meinem Oheim gelungen, sich mit den gefangenen Deputierten, die einen rettenden Gott in ihm sahen, heimlich in Verbindung zu setzen. Man beriet sich gemeinschaftlich über die Art und Weise, wie ihre Befreiung zu bewirken sei, und nachdem der junge Mann das Terrain hinlänglich sondiert, gelang es ihm, einige einflußreiche Mitglieder des Konvents für sich zu gewinnen, das heißt, zu bestechen, indem er hier und da, wo es nötig war, mit aller Vorsicht seine goldenen Minen springen ließ, andere gewann er durch eine der Wahrheit gemäße einfache und einleuchtende Darstellung der Sache. Bei dieser Gelegenheit kam er auch mit Danton, Robespierre Camille Desmoulin, Vergniaud, Brissot und anderen berühmten Konventsmitgliedern in nähere Berührung. Das Unternehmen gelang über alle Erwartung, der Konvent verfügte die Freilassung der Verhafteten, und diese kamen gegen Ende Januar siebzehnhundertdreiundneunzig wieder glücklich und wohlbehalten mit ihren, sich jetzt wieder außer Gefahr befindenden Köpfen in Frankfurt an, während Ludwig XVI. unter der Zeit den seinigen durch das Beil des Henkers verlor. Die Geretteten konnten nicht genug rühmen, was der junge Weller für sie getan, und sie und deren Familien, unter denen auch die G...sche war, gaben ihm bei jeder Gelegenheit Beweise ihrer Erkenntlichkeit. Nachdem der schwierige Auftrag so glücklich vollzogen, hörte man von mehr als einer Seite, wenn des jungen Wellers lobend erwähnt wurde von manchen superklugen, hochweisen Lippen die Worte fallen:

»Mit solchen Mitteln versehen, gehörte eben keine große Kunst dazu!«

Mein Oheim hatte seinen Freunden und Verwandten mehrere hübsche Geschenke von Paris mitgebracht, darunter ein kostbares Porzellanservice, das der unglücklichen Maria Antoinette gehört und das er verstohlen um einen hohen Preis erstanden hatte.

Die Frankfurter Vorfälle hatten für niemand ersprießlichere Erfolge als für die französischen Gefangenen, die von jetzt an, so oft deren nach Frankfurt kamen, von der Stadt und ihren Bewohnern reichlich beschenkt und trefflich verköstigt wurden, was denn jedesmal in den Zeitungen gehörig ausposaunt ward, da man im Geiste schon wieder die französischen Heere und ihre erzürnten Krieger racheschnaubend vor den Stadttoren sah.

Die Nachricht von der Hinrichtung des unglücklichen Königs von Frankreich hatte einen höchst peinlichen Eindruck in Frankfurt sowie in ganz Deutschland gemacht, man wollte lange nicht an die Möglichkeit dieser Greueltat glauben und hatte Mühe, sich von der Wahrheit dieser Tatsache zu überreden, die man sich nur mit dem Ausdruck des Schmerzes und des Kummers mitteilte. Diese Begebenheit wandelte mehr als einen Demokraten zum Aristokraten um, sowie überhaupt der Gang und die Richtung, welche die Dinge in Frankreich nahmen, viele frühere Freunde der französischen Revolution zu deren erbitterten Feinden umschuf; von dem Glück einer Freiheit, die nur Mord, Raub, Brand, die blutigsten Greuel und scheußlichsten Würger hervorrief, konnte sich kein Mensch, der noch einen Funken gesunde Vernunft besaß, einen Begriff machen, dennoch behielt sie auch in Frankfurt manche Anhänger, und sogar in unserer Familie.

V.

Aufenthalt des Königs von Preußen und seiner Garde in Frankfurt. -- Spielwut der Offiziere. -- Ein Jude muß einen Wechsel fressen. -- Eine Entführung. -- Errichtung einer stehenden Bühne in Frankfurt. -- Die erste Vorstellung der Zauberflöte erregt ungeheures Aufsehen. -- Abermalige Belagerung Frankfurts (1796). -- Die Stadt wird mit glühenden Kugeln beschossen. -- Niederbrennen der Hälfte des Judenquartiers. -- Frankfurter Zustände jener Zeit. -- Meine schöne Cousine. -- Eine Scheidung. -- Eine Hochzeitsreise mit Unannehmlichkeiten in Stuttgart.

Die fortdauernde Gegenwart des Königs von Preußen, der den ganzen Winter in Frankfurt zubrachte, und seiner Garde machte doch, daß die Furcht der ängstlichen Gemüter der guten Reichsstädter vor den Franzosen und ihren Drohungen sich allmählich verlor, wozu das joviale Leben und galante Benehmen der Preußen nicht wenig beitrug, und bald machten die Besorgnisse dem Vergnügen Platz. Den gefallenen Hessen wurde auf Befehl Friedrich Wilhelms II. ein Denkmal vor dem Friedberger Tor errichtet, zu dem sein Hofbaumeister Langhans das Modell lieferte, und welches trotz der, als alles zerstörende Vandalen verrufenen, Franzosen, die es im Laufe der Revolutionskriege unversehrt ließen und achteten, noch jetzt steht.

Seine preußische Majestät gefiel sich sehr in Frankfurt und war den Einwohnern ein überaus liebreicher Herr, besonders den Damen, von denen ihn manche nur »unsern lieben, dicken Wilhelm« nannte, denn der König verschwendete viel, sehr viel Geld, war äußerst freigebig und machte allen denen, die sich seiner Aufmerksamkeit und seiner Huld zu erfreuen hatten, reiche Geschenke. Diesem Beispiel folgten auch seine Untergebenen, namentlich zeichnete sich das Offizierkorps der Garden, das seinem Herrn keine Schande machen wollte, durch Großmut, Freigebigkeit und galantes Benehmen aus. So kamen abermals große Summen zur Bereicherung der Einwohner Frankfurts in Umlauf. Besonders aber waren die Herren gewaltige Spielratzen, und in den größeren Gasthöfen wurden die Hazardspiele, namentlich Pharao, welches die Offiziere, meistens vermögende Edelleute, leidenschaftlich liebten, auf eine furchtbare Höhe getrieben. Diese Leidenschaft der preußischen Marssöhne wußten mehrere Spieler von Profession trefflich auszubeuten, unter ihnen waren namentlich ein verabschiedeter hessischer Oberst von Willich, der in Bockenheim wohnte, ein gewisser Kohl, ein Frankfurter Bäckerssohn, der eine sehr hübsche Frau hatte, die bei verschiedenen Spielen pointierte, ein anderer Gauner namens Gimpel und so weiter, die sich alle in kurzer Zeit ein großes Vermögen erspielten, von denen jedoch die meisten später wieder in bittere Armut gerieten, ja wohl in Spitälern Unterkunft suchen mußten. Diese Spielsucht der preußischen Offiziere kam nebst den sauberen Bankhaltern keinem mehr zu statten als den Frankfurter Juden, welche den Herren oft und gerne aus augenblicklichen Geldverlegenheiten halfen und dafür so generös belohnt wurden, daß sie nicht selten Hundert vom Hundert in wenig Wochen erhielten. Ein komischer Vorfall, der sich damals mit einem der berüchtigtsten Gurgelschneider in Frankfurt zutrug, durch ein solches Darlehen hervorgerufen wurde und die ganze Stadt außerordentlich belustigte, verdient, daß ich ihn hier mitteile, um so mehr, da die Sache in dem Hause meines Großvaters vorging. Derselbe hatte nämlich einen Major und einen Leutnant von der Garde im Quartier. Beide waren sehr artige, feine Leute, die man im Hause gerne sah; der Leutnant aber, ein Herr Baron von D..., war ein Wüstling, der selten zu Tische kam, oft ganze Nächte wegblieb, die er größtenteils am Pharaotisch des Herrn von Willich zubrachte. So bedeutende Summen und Wechsel der junge Mann auch jeden Monat von Haus erhielt, er war der Sohn eines sehr reichen pommerschen Edelmannes, so waren seine Taschen doch in der Regel leer, und mit größerer Sehnsucht als er selbst warteten die Frankfurter Juden auf seine Berliner Wechsel, die selten ausreichten, die gemachten Darlehen zu decken; da er auch nicht sehr pünktlich im Bezahlen war, so wurden die Kinder Israels hinsichtlich seiner etwas schwieriger, und er mußte ihnen noch höhere Zinsen bezahlen. Ein gewisser Samuel Rapp war damals als einer der Hauptnothelfer des königlich preußischen Offizierkorps bekannt, an diesen wandte sich nun unser Leutnant, als er einmal wieder ganz im Trockenen saß, und ließ den Juden durch seinen Burschen rufen. Rapp kam, stellte sich jedoch äußerst schwierig, willigte aber endlich ein, fünfzig Friedrichsdor auf vier Wochen vorzuschießen, jedoch unter der Bedingung, daß ihm der Offizier hundert verschreibe und einen Wechsel ausstelle, in welchem Herr von D... sich durch sein Ehrenwort verpflichtete, die hundert dargeliehenen Friedrichsdor an dem bestimmten Tage zurückzuzahlen, da, wie bekannt, gegen das Militär kein Wechselrecht gültig und ebensowenig eine Zivilklage angebracht werden konnte. D... ging die Bedingung ein und erhielt die fünfzig Friedrichsdor bar; der Jude hatte ihm zwar für einen Teil des Geldes mancherlei Ware, unter anderm auch eine Partie Katzenfelle zu einem hohen Preis aufschmusen wollen, worauf sich der Offizier aber nicht einließ, indem er sagte: »Die hält mir kein Bankier.« Die Verfallzeit des ausgestellten Wechsels rückte heran, und der Leutnant hatte kein Geld; er hatte zwar während der Zeit wieder einen Wechsel von Haus erhalten, aber die Coeur-, Treff- und andere Damen sowie Buben und so weiter hatten es längst verschlungen, auch hatte er ein paar andere Juden, die ihm früher geliehen und ihn gequält, bezahlt. Als nun der unglückliche Zahlungstermin herangekommen war, erschien Samuel schon in aller Frühe und präsentierte seinen Wechsel zum Einkassieren auf des Leutnants Stube, der jedoch zur Antwort gab:

»Schmul, ich kann Euch nicht helfen, Ihr müßt mir Frist geben, meine Wechsel sind ausgeblieben.«

»Gottswunder, Herr Barohn, was tu ich domit, ich brach mei Geld, ich kann net warte, ich hab' druf gerächent, ich muß doch ach heind zahle.«

»Seid vernünftig, ich habe viel Unglück gehabt und gestern nach Haus geschrieben, in spätestens acht Tagen erhalte ich neue Wechsel.«

»Ich kann net, Herr Barohn, ich kann net warte, ich muß mei Geld hawe, ich muß es heind hawe, ich muß es gleich hawe, ich muß ach bezahle.«

»Wenn ich nun aber keines habe, ich kann doch keines aus der Erde stampfen oder Dukaten aus dem Aermel schütteln, gedulde dich nur acht Tage.«

»Nah, ich kann net, kah acht Stunne, kah acht Minute, ich muß mei Geld hawe, 's is heind der Zahltag, un ich muß ach zahle.«

»Höre, Jude, wie viel muß ich dir zahlen, wenn du noch acht Tage Frist gibst?«

»Nix, gar nix, denn ich kann kahn Frist gewe, und ich kann ach net warte.«

»So scher dich zum Teufel, denn ich habe nun einmal kein Geld.«

»So, Herr Barohn, deß sin mer saubere Massematte, ich hab doch Ihrn Wechsel mit Ihrm Ehrewort drinn; wenn Se mich net bezahle, so mach ich's bekannt.«

»Jude!«

»Nu, Herr Barohn, ich kann mer doch net anners helfe, und wann Se mich net zahle, so weis' ich de Wechsel vor uff der Parad, und dann sin Se de Katze, weil Se kah Ehrewort hawe gehalte, deß wäß ich recht gut.«

»Jude, dich soll ja der Teufel, warte ...«

Der Leutnant ging an die Stubentür und schloß dieselbe ab.

»Nau, Gottswunder, Herr Barohn, was soll mer deß? Mache Se kahn Stuß, was wolln Se mache?«

»Das wirst du sogleich sehen.«

Der Leutnant nahm nun eine ungeladene Pistole, auf der ein hölzerner Stein war, von der Wand herab, stellte sich vor den zitternden Juden hin, spannte den Hahn und sagte mit donnernder Stimme:

»Jude, jetzt friß den Wechsel, oder du bist des Todes.«

»Auweih geschrie, Herr Barohn, was soll mer deß, was mache Se vor än dumme Stuß.«

»Friß, sage ich, oder ...«

Der Leutnant hält ihm die Mündung gegen den Mund.

»Aweih, aweih, wie kann ich fresse, ä Wechsel is doch ka Matzes. Aweih geschrie, Herr Barohn, ich kreisch.«

»Wenn du noch einen Laut von dir gibst, Jude, so drücke ich ab. Friß, sag ich, oder ich schieß.«

Der Jude, todesbleich und schlotternd, würgte nun den Wechsel nicht ohne große Mühe hinab, während der Offizier mit der drohenden Waffe vor ihm stand.

»So,« sagte er, nachdem der Jude zum letztenmal geschlungen hatte, »jetzt sperre das Maul auf, damit ich auch sehe, ob dir nichts in den Zähnen stecken geblieben ist.«

»Herr Barohn, Se wern mer doch net enei schieße wolle, ich haw en warrlich gefresse.«

»Sei ohne Furcht und sperre das Maul auf, sag ich.«

Der Jude sperrte nun das Maul weit auf.

»Gut, nun kannst du gehen, aber das laß dir gesagt sein, wenn du nur eine Silbe von der ganzen Begebenheit gegen jemand erwähnst, so bist du des Todes, denn ich schieße dich nieder, wo ich dich finde. Übrigens kannst du, wenn du schweigst, in acht Tagen dein Geld bei mir abholen, es ist jetzt eine Ehrensache für mich, dich zu bezahlen.«

»Herr Barohn, is deß wahr, dann will ich so stumm sein aß ä Fisch.«

»Du kannst darauf zählen.«

Der Offizier legte nun die Pistole hin, schloß die Tür auf, und der Jude huschte, einen schweren Seufzer lassend, zur Stube hinaus.

Acht Tage darauf ließ der Leutnant den Rapp wieder holen und zahlte ihm hundert Friedrichsdor in Gold hin und noch obendrein einen doppelten mehr, indem er sagte:

»Hier, das nimm für die ausgestandene Angst und weil du reinen Mund gehalten, gestern erhielt ich meine Wechsel.«

»Gottswunder, Herr Barohn, Se sin doch ä wohrer Ehrenmann, wie's kahn mehr in ganz Frankfort, in der ganze Welt mehr gibt, wann Se widder was brauche, Se därfe nor befehle, ich mach mer ä Vergnüge draus, Ihne zu diene ...«

»Schon gut, wir werden sehen.«

»Aber ahns mach ich zur Bedingung.«

»Und das wäre?«

»Wann Se mer widder ä Verschreibung mache, schreiwe Se's uff än Nernberger Lebkuche oder uff än Matzen, wann ich's dann widder fresse muß, so haw ich doch net so schwer daran zu verdaue. Der anner Wechsel is noch net recht verdaut un hat mer vierunzwanzig Stund schrecklich zu schaffe gemacht.«

Die Anwesenheit der Preußen und ihres Königs hatte auch viel zum Glanz des wenige Monate früher auf Aktien gegründeten Frankfurter Theaters, welches sich, Gott weiß mit welchem Recht, den hochtrabenden Titel >Nationaltheater< beigelegt hatte, beigetragen. Was an demselben national war, konnte niemand ausfindig machen. Sechzig wohlhabende Bürger, fast lauter Kaufleute, hatten jeder fünfhundertfünfzig Gulden, also eine Totalsumme von dreiunddreißigtausend Gulden zusammengeschossen, um das Unternehmen zustande zu bringen; sie erhielten Aktien für ihren Einschuß. Ein Advokat nannte dies >eine wahrhaft nationale Handlung<, und so meinten die anderen Herren, diesem Institut den Titel eines Nationaltheaters erteilen zu müssen, was manchen Stoff zum Lachen und zur Satire gab. Erst im Jahre siebzehnhundertzweiundachtzig hatte man ein Schauspielhaus in Frankfurt erbaut, das zwei Jahre nach seiner Erbauung beinahe ein Raub der Flammen geworden wäre, da das im Kontor des Direktors mitten in der Nacht ausgekommene Feuer anfänglich niemand löschen wollte und das auf dem Komödienplatz versammelte Volk schrie: »Laßt nur das Teufelshaus brennen, wir brauchen kein Komödienhaus, das nur Unglück über die Stadt bringt. Baut die Barfüßerkirche aus.« Nur die dringendsten Vorstellungen einiger vernünftiger Personen, daß die ganze Stadt Gefahr laufe niederzubrennen, wenn man nicht lösche und den Flammen Einhalt tue, vermochten endlich die Leute, Hand an die Spritzen zu legen, und in kurzer Zeit war man Meister des Feuers geworden, das noch wenig Schaden angerichtet hatte.

Als der Aktienverein dieser Nationalbühne gegründet war, verschrieb man aus allen Ecken und Enden Deutschlands und den angrenzenden Ländern Künstler, unter denen manche sich durch Talent und nicht gewöhnliche Darstellungsgaben auszeichneten oder doch zu großen Hoffnungen berechtigten. Ein Schauspieler, Büchner, der jedoch seinen Namen umgedreht und sich Rennschüb nannte, ward als Regisseur bei dieser Truppe angestellt, aber unter der Bedingung, daß weder er noch seine Gattin Rollen bei diesem Theater übernehmen dürften, und zwar aus dem hochwichtigen Grunde, weil er ein Frankfurter Bürgersohn und ein Bruder des Senators Büchner, Vaters des später wegen seines großen Scharfsinns und glänzenden Verstands in ganz Frankfurt und eine Meile im Umkreis so berühmt gewordenen Stadtamtmanns Büchner war; denn ein solcher Skandal, daß der Verwandte einer Frankfurter Magistratsperson ein Komödiant geworden, war bis jetzt in der guten Reichsstadt noch nicht erhört worden.

Die neue stehende Bühne wurde mit Ifflands >Alte und neue Zeit< eröffnet, letztere ist seitdem ebenfalls längst alt geworden. Noch in demselben Theaterjahr kam Mozarts unsterbliches Meisterwerk >Die Zauberflöte< (den sechzehnten August 1793) zur Aufführung und machte sowohl in Frankfurt als in der ganzen Umgegend, aus der man bis auf zwanzig Stunden Entfernung hinzuströmte, diese Oper zu sehen, ein ungeheures Aufsehen, was jedoch mehr der Szenerie des Stückes, als der herrlichen Musik des großen Meisters zuzuschreiben war. Von der Schlange, dem Erscheinen der Königin der Nacht und ihren Nymphen, dem Vogelmensch Papageno, den Affen, Bären, Elefanten, Sarastros Löwen und Triumphwagen, dem Wasser und Feuer und so weiter erzählte man sich Wunderdinge, während man der trefflichsten Tonstücke kaum erwähnte. Diejenigen, die so glücklich gewesen, Plätze oder eine Loge zu erhalten, konnten nicht genug von den Wundern erzählen, die sie gesehen, wohl auch von den Papagenoliedchen, die sie gehört und die man bald allenthalben nachtrillerte und sang, während die wahrhaft himmlischen Melodien und Harmonien, wie der Chor >Isis und Osiris<, die herrlichen Stellen der Finale, die dem Ohr fast als überirdische Klänge aus andern Sphären ertönen, nur von wenigen Kennern beachtet wurden. Dagegen sah man bald alle Knaben der Reichen in Papagenokleidern und die Mädchen in Sternenkleidchen _à la_ Königin der Nacht auf den Promenaden erscheinen. Nie hat seitdem wieder eine Oper eine ähnliche Sensation hervorgebracht.

Der König von Preußen hatte schon 1795 mit der französischen Republik Frieden geschlossen, gegen das Ende desselben Jahres waren die Österreicher in vollem Rückzug, die Franzosen rückten mit Macht heran, und im Juli 1796 erschien eine französische Heeresabteilung, von dem General Kleber befehligt, vor Frankfurt und forderte den österreichischen Kommandanten der Stadt, einen General Wartensleben, auf, dieselbe zu übergeben, was dieser jedoch verweigerte. Hierauf fingen die Franzosen an, Frankfurt in der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten Juli bis drei Uhr nach Mitternacht zu beschießen, ohne jedoch einen sonderlichen Schaden anzurichten, indem sie nur gewöhnliche Kugeln warfen. Da indessen die Österreicher mit großer Ostentation alle möglichen Anstalten zu einer hartnäckigen Verteidigung trafen, auch verlauten ließen, sie würden sich bis auf den letzten Mann halten, und man von der anderen Seite erfuhr, daß die Franzosen sich zu einer nachdrücklichen Belagerung vorbereiteten, ja sogar mit Sturm drohten, so trafen die geängstigten Einwohner alle möglichen Vorkehrungen zu ihrem Schutz. Die meisten Dächer wurden mit feuchtem Stroh oder Mist belegt und beständig mit Wasser begossen, um die Wirkung der Kugeln und Bomben zu schwächen, die Feuerspritzen wurden in allen Quartieren aufgeführt; wer konnte, versah sich noch besonders mit großen Hausspritzen, alle Kostbarkeiten und Dinge von Wert wurden in feuerfeste Gewölbe gebracht und so weiter. Ähnliche Vorkehrungen wurden im Hause meiner Eltern getroffen, und die ganze Familie und viele Bekannte flüchteten ihre kostbarsten Habseligkeiten in ein unterirdisches, bombenfestes Gewölbe, das sich in einem zweiten Hof in dem Hause meines Großvaters Weller befand. Mehr denn hundert Kisten, Kasten und Koffer wurden in dasselbe hinabgelassen. In der Nacht vom dreizehnten auf den vierzehnten Juli erneuerten die Franzosen gegen elf Uhr das Bombardement, und zwar mit gefüllten Haubitzgranaten und glühenden Kugeln. Mehrere Einwohner hatten sich noch beizeiten mit Weib und Kindern aus der Stadt geflüchtet, die meisten aber verkrochen sich in die Keller und Gewölbe. Bald ertönte nun das schreckliche Feuerjo durch die finstern Gassen der Stadt, und ehe eine halbe Stunde verging, brannte es schon an mehreren Orten zugleich.

Im Hause meiner Eltern hatten sich sämtliche Hausbewohner auf das zu ebener Erde befindliche Kontor meines Vaters geflüchtet. Man hatte uns Kinder aus den Betten geholt, in Decken gewickelt, und die Mägde und meine Mutter hielten uns auf ihren zitternden Knieen. Schrecken und Angst malten sich auf jedem Gesicht und mehrten sich bei jedem Kanonen- oder Bombenknall, die jetzt Schlag auf Schlag folgten; der alte Buchhalter kniete neben der zitternden Mutter meines Vaters, beide beteten unaufhörlich. Meine Mutter war noch die beherzteste und schien auf alles gefaßt. Plötzlich wurde es unserer Wohnung gegenüber ganz ungewöhnlich helle, der ganze Himmel schien in Flammen zu stehen, und bald erfuhren wir, daß der ganze vordere Teil der Judengasse, der nur durch eine Häuserreihe und den kleinen Platz von unserm Haus getrennt war, in vollem Brand stehe. Hinter den uns gegenüberstehenden Häusern sahen wir die Flammensäulen hoch emporwirbeln und sich bald zu einem schrecklichen Feuermeer, einer wahren Flammenwand vereinigen. Das Prasseln dieses Feuers, der ewige Kanonendonner, das Läuten der Glocken, das Blasen der Türmer, das Anrufen der Patrouillen, der Feuerruf durch die hohlschallenden Sprachrohre, welche Feuer an zehn Orten verkündeten, das Rasseln der vorüberfahrenden Spritzen und Wasserwagen, dies alles machte um Mitternacht einen so schrecklich chaotischen Tumult, daß den Bürgern Hören und Sehen verging, und gar manche von ihnen unter Heulen und Zähneklappern der Welt Untergang und das jüngste Gericht erwarteten. Gegen ein Uhr ließ das Schießen jedoch nach; Kleber hatte Mitleid mit der unglücklichen Stadt und schickte sogar drei Feuerspritzen aus den nahen Dörfern und eine Kompagnie Franzosen ohne Waffen, denen jedoch der Eingang verweigert wurde, um löschen zu helfen.

Nicht weniger als hundertundvierzig Häuser waren bereits in der Judengasse niedergebrannt, und sonderbar genug hatte sich das Feuer gerade an dem Haus des alten Rothschild, das unversehrt blieb, und an der Judenschule gebrochen und sich in dieser Gegend nicht aus dem Judenquartier verbreitet, was man hauptsächlich den hohen Mauern und Brandmauern, welche die Wohnungen der Kinder Israels umgaben, zu verdanken hatte, und wir und unsere Nachbarn kamen mit dem bloßen Schrecken davon. Unser ganzes Haus war mit geflüchteten Habseligkeiten der Juden angefüllt, unter denen auch viele von der Familie Rothschild.

Am frühen Morgen begab sich eine Deputation der Bürgerschaft zum kommandierenden General der Österreicher, diesen zu bitten, doch den völligen Ruin der Stadt durch eine Kapitulation zu verhüten. Wartensleben, dem nichts erwünschter als ein Vorwand zur Übergabe der Stadt war, in der er sich noch Monate lang recht gut hätte halten können, ließ sich schnell erweichen, erhörte das Flehen der guten Leute, kapitulierte noch denselben Morgen, und in zweimal vierundzwanzig Stunden mußte die Festung den Franzosen übergeben werden, welche der Stadt nun eine Kontribution von acht Millionen Franken auferlegten, wovon sechs Millionen bar und zwei Millionen in Lieferungen von Tuch und anderen Gegenständen binnen drei Wochen entrichtet werden mußten.

Diese Züchtigung hatte man hauptsächlich den Unbesonnenheiten, die sich ein Teil der Einwohner Frankfurts früher, und namentlich bei der Belagerung von 1792 hatte zuschulden kommen lassen, zu verdanken, denn so viel war erwiesen, daß man den belagernden Hessen und Preußen, mit denen man im Einverständnis gewesen, versprochen hatte, die Stadttore zu öffnen. Man mußte zufrieden sein, noch so gelinde davonzukommen, und die Einwohner konnten um so eher diesen Verlust verschmerzen, als sie trotz aller Kriegsunruhen und oft gerade durch den Krieg große Summen gewannen, und alles dankte Gott, eine so furchtbar drohende Belagerung glücklich überstanden zu haben.