Part 40
Die Nächte waren schon kalt und die Spitzen der Berge mit Schnee bedeckt; der zweimal verwundete arme Bruder Teufel, seit zwei Monaten rastlos herumgejagt, hatte den ganzen Tag nichts zu sich nehmen können und war durch Müdigkeit und Blutverlust völlig erschöpft, als er an die einsam stehende Hütte eines Hirten kam. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß dieser allein war, bat er ihn um ein Nachtquartier. Er brachte von demselben heraus, daß sich in der Gegend weder Truppen noch Insurgenten befanden und erstere sich niemals bis hierher verirrten; er legte nun seine Waffen ab, wärmte sich bei einem Kohlenfeuer und aß, während er ruhte, einige am Feuer gebratene Maronen und Bataten (ein sehr nahrhaftes, kartoffelähnliches Knollengewächs, das in jener Gegend häufig wächst) und schlief darauf ruhig auf dem Boden an dem Feuer ein. Sein Unstern aber wollte, daß gerade in dieser Nacht vier wohlbewaffnete Räuber mit Gewalt in die Hütte des Hirten drangen, und diesem wie dem von ihnen nicht gekannten Fra Diavolo befahlen, sich mit dem Gesicht auf die Erde zu werfen, ihnen beiden bei Todesstrafe geboten, nicht aufzublicken, sich dann in Besitz alles dessen setzend, was sich vorfand und ihnen anstand. Fra Diavolo wagte es nicht, sich zu erkennen zu geben, und die Räuber nahmen seine Waffen mit sich fort.
Bald darauf, nachdem sie weg waren, verließ auch er die Hütte, in der er sich nicht mehr sicher glaubte, und irrte wieder in dem waldigen Gebirge umher, bis ihn seine Wunden so sehr schmerzten, daß er kaum mehr fortkonnte und froh war, als er in einiger Entfernung ein Licht erblickte, zu dem er sich hinschleppte. Es war das Städtchen San Severino, in dem der Apotheker soeben seine Bude öffnete, als Fra Diavolo ankam und sich auf einen Stein vor dessen Haus setzte. Er war erstaunt, bei dieser Kälte und um diese Zeit einen Menschen auf offener Straße sitzend zu finden. Auf sein Befragen sagte der Brigantenchef, er komme eben aus Kalabrien und erwarte noch Landsleute, mit denen er zusammen nach Neapel gehen wolle. Der Apotheker schöpfte jedoch Verdacht, da der Unbekannte einen andern Akzent als die gewöhnlichen Kalabresen hatte, lud ihn ein, in seine Bude zu treten, wo er ihm, um ihn treuherzig zu machen, ein Glas Branntwein einschenkte. Aber während dies der Räuber trank, schickte er sein Mädchen heimlich fort, einen Gendarmen zu holen. Bald darauf trat einer dieser Packfesten ein und begehrte die Papiere des Fremden zu sehen, da er sich aber über seine Person nicht gehörig ausweisen konnte, sagte ihm der Gendarm, daß er ihm nach Salerno zu seinem Eskadronschef folgen müsse. Hier wurde er zu demselben, der zugleich Platzkommandant von Salerno war und Farrino hieß, geführt und wußte sich so gut auszureden, daß er auf dem Punkt war, wieder auf freien Fuß gestellt zu werden, als unglücklicherweise für ihn ein neapolitanischer Sappeur, der ihn sogleich erkannte, mit dem Ausruf: »Ah, der Fra Diavolo!« in das Zimmer trat. Dieser will zwar seine Person verleugnen, aber der Sappeur gibt solche Kennzeichen an, die alles Leugnen unnütz machen, und endigt mit den Worten: »Ich muß Euch doch wohl kennen, ich habe ja so oft das Gewehr vor Euch präsentieren müssen.« Nun wurde er auf der Stelle mit Ketten geschlossen und unter einer starken Bedeckung nach Neapel abgeführt. Hier bemühten sich mehrere Personen, sogar französische Generäle, seine Begnadigung auszuwirken. Sie wollten, daß er als Kriegsgefangener behandelt werden sollte, aber vergeblich, und zwar mit Recht, denn wenn man seine Feindseligkeiten gegen die neue Regierung auch ganz und gar als rechtmäßig betrachten will, so verdienten doch seine Mord- und Greueltaten als Räuber längst den Tod. Er war schon unter der vorigen Regierung als Mordbrenner und Straßenräuber von den Gerichten zum Strang verurteilt, und es war ein Preis auf seinen Kopf gesetzt worden. Das ärgste bei der Sache war, daß die Engländer, die fortwährend im Golf von Neapel kreuzten und von allem unterrichtet waren, ihn, als sie seine Gefangenschaft erfuhren, durch einen Parlamentär als englischen Major reklamierten. Eine große Ehre für die englische Armee! -- Salicetti, der damals Polizeiminister in Neapel war, ließ auf dieses Ansinnen erwidern, >es tue ihm unendlich leid, allein man wisse von gar keinem Major in englischen Diensten, der in Gefangenschaft geraten sei, habe auch keinen solchen ausfindig machen können; verstehe man aber einen gewissen Banditen darunter, der weder eine militärische noch politische Charge bekleide und unter dem Namen Fra Diavolo bekannt sei, so sei dieser vermöge eines noch unter dem König Ferdinand von den Gerichten gefällten Urteils, das ihn als Mordbrenner, Räuber, Schmuggler und Dieb bezeichne, zum Tode verurteile, schon Tags vorher hingerichtet worden<. -- Salicetti hatte sich beeilt, ihn vermöge dieses Urteils hängen zu lassen, und ich sah ihn zum ersten- und letztenmal auf der Galgenleiter, die er entschlossen bestieg. Er wurde gleich den andern vom Henker zu Tode geritten, war von kleiner, untersetzter Statur, hatte aber einen starken und nervigen Knochenbau, ein scharfes, durchdringendes Auge und dabei etwas Wildes und Grausames in seinen Zügen. Sein von mir gefangener Adjutant wurde gleichfalls gehenkt, und viele Exekutionen fanden jetzt überhaupt täglich vor dem Castel nuovo statt.
Namenregister. Erster Band.
Artois, Graf 25 Barras 233, 257 Bernard, Gebrüder 90 f. Bettina, Brentano 98 f. Blanchard, Luftschiffer 12 f. Böhmer, Doktor 44 Braunschweig, Herzog von 29 f., 43 Breidenstein, Pfarrer 72 f. Cartaux, General 255 f. Chastteler, Marquis von 152 Cüstine, General 31 f. Dillon, General 30 Doppet, General 256 Dügommier, General 256 Esterhazy, Fürst 24 Fahrtrapp 2 f. Fiesco, Graf 284 f. Fra Diavolo 395, 402 f., 413 f. Franz II. 19 f. Friedrich Wilhelm II. 42 f., 52 Goethe 114 Goethe, Frau Rat 2, 6 f., 99 Helden, General 39 f. Hessen-Kassel, Erbprinz von 135 f. Hessen-Kassel, Landgraf von 38 Hessen-Philippsthal, Prinz von 354, 357 f., 403 Homburg, Friedrich V. von 74, 75 Hood, General 258 Hügo, General 402 f. Joseph Bonaparte 353, 362, 365, 368 f., 404 Jourdan, Marschall 367 Jung, Hofrat 106, 142 f., 146 f. Kalkreuth, General 40 Kleber, General 59 La Roche, Sophia 98, 109 Latour d'Auvergne 137-138, 414 Lefevre, General 137 Massena, Marschall 396 f. Moritz, Bankier 361 f. Mürat 294, 375, 378 Napoleon 153, 254 f., 353, 387 Neapel, Ferdinand IV. von 353, 362, 394 Neapel, Karoline von 362, 382, 403, 404 Neuwinger, General 33 Pappenheim, Graf von 19 Petroli 379 Pius VII. 336, 348 Quesnel 234 f. Regnier, General 353 f., 380, 383 Rothschild, Mayer Amschel 20 Salicetti 418 Scherer, Hofrat 89 Schiller 115 Schinderhannes (Joh. Bückler) 101 f. Scholze 3 f., 65 f., 72 f. Scholze, Henriette 65 f., 73 f. Schulter, Oberst 2 f. Sidney Schmidt, Admiral 357, 394 Staël, Frau von 115 f. Stark, Pastor 3 Stuart, General 384, 387 Verdier, General 393 f. Voltaire 9 f. Wartensleben, General 59 Weller 2 f., 99 Weller, Fritz 48 f., 107 Willemer 109 Zink, Konrektor 86
Anmerkungen zur Transkription
Diese Ausgabe von 1916 wurde gegenüber der Erstausgabe von 1948/49 »um Weitschweifigkeiten und Wiederholungen verkürzt«, wie der Herausgeber im Nachwort konstatiert (Band 3). Die Kürzungen im Text wurden in der 1916'er Ausgabe folgerichtig in den Rubriken sowohl im Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches als auch am Beginn der jeweiligen Kapitel reflektiert. Wo dies versehentlich zu Diskrepanzen zwischen den beiden jeweiligen Rubriken geführt hatte, wurden in dieser eBook-Ausgabe nach eingehendem Vergleich mit der Erstausgabe die jeweils überzähligen Rubriken entfernt. Darüber hinaus wurde jedoch kein weitergehender Versuch unternommen, die generelle Übereinstimmung von Kürzungen im Text und im Inhaltsverzeichnis zu überprüfen.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 1]: ... versehenen Linnen gedeckten Tisch. Auf demselben ... ... versehenem Linnen gedeckten Tisch. Auf demselben ...
[S. 193]: ... in denen sich liebenswürdige Schönen befanden, erkundigen ... ... in denen sich liebenswürdige Schöne befanden, erkundigen ...
[S. 195]: ... beim Ausmarsch zeigte man uns Volney, Meursauth, Chambertin, ... ... beim Ausmarsch zeigte man uns Volney, Meursault, Chambertin, ...
[S. 231]: ... die Treppe hinauf, öffnete ebenso leise die Zimmertüre meines ... ... die Treppe hinauf, öffnete ebenso leise die Zimmertüre meiner ...
[S. 241]: ... für den Gaul, dem man ihm ganz unbrauchbar und halb tot ... ... für den Gaul, den man ihm ganz unbrauchbar und halb tot ...
[S. 253]: ... verordnet der Chef dieser Strafanstalt, daß man ihm ... ... verordnet der Chef dieser Strafanstalt, daß man ihn ...
[S. 309]: ... diesmal nie wie bisher die Marchesa, die er gar nicht zu ... ... diesmal nicht wie bisher die Marchesa, die er gar nicht zu ...