Part 4
Dies war kein Wunder, denn die armen Juden waren damals zu Frankfurt wirklich in einer höchst bedrängten Lage und bedurften allerdings eines mächtigen Schutzes; sie wurden fortgesetzt von den intoleranten Christen mißhandelt, gegen die sie sich freilich auch gar manchen Betrug und Spitzbübereien erlaubten. Jeden Augenblick war der Senat genötigt, Verordnungen zu erlassen, in denen er bekannt machte, daß in Zukunft diejenigen, welche sich Mißhandlungen gegen die Juden erlaubten oder sie prügelten, auf das strengste bestraft werden sollten. Aber ungeachtet dieser Drohungen wagte man es nicht, die Schuldigen zu bestrafen, und die Juden wurden nach wie vor auf alle Weise mißhandelt. Sie waren damals gezwungen, ohne Ausnahme ihr jeden Abend geschlossenes Quartier zu bewohnen, das fast nur aus einer einzigen, ziemlich langen, aber sehr engen Straße bestand, in welcher an achttausend Seelen hausten, die jeden Tag bei einbrechender Nacht sowie an allen Sonntagen und sonstigen christlichen Feiertagen eingesperrt wurden. Die Luft in diesem Stadtteil war daher verpestet, und wehe dem armen Juden, den man nach Sonnenuntergang noch in den übrigen Straßen Frankfurts getroffen hätte. Zu keiner Zeit durften sich diese Unglücklichen in den öffentlichen Spaziergängen der Stadt und auf gewissen Plätzen, wie dem Römerberg und so weiter, blicken lassen, der Pöbel würde sie halbtot geschlagen haben. Sah man an Sonn- oder Feiertagen durch die Ritzen der geschlossenen Tore des Judenquartiers, so stellte sich den Blicken ein scheußliches Schauspiel dar. Die Straße wimmelte von unsauberen, ekelhaften Menschen, die kaum Platz genug hatten, sich von der Stelle zu bewegen, und aus jedem Fenster bis zu den Dachluken der ziemlich hohen Häuser ragte Kopf über Kopf heraus und schien nach verdorbener und stinkender Luft zu schnappen. Diese braun und schwarz geräucherten Häuser gewährten einen grausigen Anblick und waren wahre mit Schmutz angefüllte Kloaken. Die Juden waren gezwungen, kleine Mäntel mit einem gelben Läppchen zu tragen, damit man sie schon von weitem als solche erkennen konnte, sie hatten sämtlich ein höchst elendes, kränkliches Aussehen, eine braungelbliche Hautfarbe, und waren fast alle mit ekelhaften Krankheiten und mit der Krätze behaftet, die natürlichen Folgen dieses Einsperrens in ungesunder Luft. Auch während der Krönungsfeierlichkeiten durfte kein Jude sein Quartier verlassen ohne eine besondere Erlaubnis des Magistrats, und selbst mit einer solchen konnten sie sich nicht unter die Masse des Volks wagen, das sie erdrückt haben würde. Der alte Rothschild hatte durch Vermittlung meines Großvaters, da er durch meinen Vater empfohlen war, eine solche Erlaubnis am Krönungstag Franz II. erhalten, und er sah dem Krönungszug aus einem Dachfenster unseres Hauses zu; noch andere Juden mußten sich begnügen, aus den Kellerlöchern wenigstens die Beine der vorüberziehenden Herrschaften betrachten zu können. Rothschild war ziemlich gut in unserm Hause angeschrieben, er kam in der Regel jeden Montag auf das Kontor meines Vaters, wo er kleine Geschäfte, namentlich mit Auswechseln von Münzsorten, besonders Dukaten und anderm Gold machte. Man bot ihm einen Stuhl an und nötigte ihn zum Sitzen, eine Ehre, die ihm nicht leicht in andern Häusern widerfuhr und die er hoch anschlug; auch verehrte er mir eines Tages, als er gerade durch meinen Vater ein gutes Geschäftchen gemacht, ein kleines Goldstückchen, etwa einen Gulden an Wert. Der Vater dieses Amschel war früher ein gewöhnlicher Schacherjude gewesen, der mit dem Zwerchsack auf der Schulter in den Straßen Frankfurts mit dem bekannten Ausruf: »Hahnt er was zu hahnle« (habt ihr was zu handeln) vom Morgen bis zum Abend herumstrich, während dessen Frau ebenfalls mit einem großen Sack, aber mit einer goldgestickten Haube, wie sie früher die Judenweiber in Frankfurt trugen, in die Häuser der christlichen Bürger ging, mit deren Frauen schacherte und ihnen alte Kleider, Borden und so weiter abhandelte. Ich entsinne mich, diese Frau öfters bei meiner Großmutter ihren Sack voll der seltenartigsten Dinge ausschütteln gesehen zu haben. Dies waren die Großeltern der jetzigen Barone Rothschild.
III.
Die Neufranken in Frankfurt. -- Cüstine. -- Die Kontribution. -- Die Mainzer Revolution.
Bald nach Franzens Krönung erschien jenes berüchtigte Manifest des Herzogs von Braunschweig, der vom Kaiser und König von Preußen den Oberbefehl über die vereinigten Heere erhalten hatte, in dem man der guten Stadt Paris mit einer exemplarischen Rache und gänzlicher Vertilgung von dem Erdboden drohte, wenn sie nicht sofort zur alten Untertänigkeit und unbedingtem Gehorsam gegen den König zurückkehren würde, ihr jedoch in diesem Fall versprach, eine kaiserlich königliche Verwendung bei Ludwig XVI. zugunsten der ungezogenen Pariser eintreten zu lassen. Dieses Manifest war mit Beihilfe einiger französischer Emigranten fabriziert worden, denen die guten Deutschen allen Glauben schenkten, als sie versicherten, das Ganze werde nichts als eine militärische Promenade sein, und Braunschweig riet den Offizieren, sich nicht mit zuviel Pferden und Gepäck zu belasten, denn der Spuk werde nicht lange dauern! -- Auch in Frankfurt glaubte man fast allgemein an die nahe Zerstörung von Paris, und daß man bald nur noch von dessen Ruinen sprechen würde, niemand dachte jedoch daran, daß der Ruin des deutschen Reiches so nahe sei, nur wenige klügere Leute schüttelten hie und da die Köpfe beim Lesen dieses komisch heroischen Manifestes.
Indessen liefen vom Heer der Verbündeten und dem Herzog von Braunschweig die allervortrefflichsten Siegesnachrichten ein, die Preußen und Österreicher standen bereits auf französischem Grund und Boden, nach ihren Berichten nahm der Feind Reißaus, sobald er eine preußische oder österreichische Uniform erblickte, und in der Tat schienen die ersten Waffentaten solche Großsprechereien zu rechtfertigen. Das französische Korps, welches unter General Dillon über die Grenze gegangen war, hatte bei der ersten Charge des Feindes unter dem Geschrei: »Wir sind verraten, wir sind verkauft!« (dieses Geschrei hatten einige königlich gesinnte Offiziere und bestochene Soldaten absichtlich ausgestoßen, um die Reihen zu verwirren und mit Furcht und Schrecken zu erfüllen[4]) die Flucht ergriffen, sodann den General Dillon getötet und zu Lille in Stücke gerissen und bei einem großen Feuer, das sie auf dem Marktplatz anzündeten, verbrannt, indem sie schrieen, dies müsse allen Verrätern widerfahren. Die hintereinander folgenden Eroberungen von Longwy und Verdun durch die Preußen bestätigten die Nachrichten von dem geringen Widerstand der Franzosen, und man machte große Wetten zu Frankfurt, daß binnen sechs Wochen die vereinten Heere in Paris und König Ludwig befreit und wieder in alle seine Rechte eingesetzt sein würde.
Als man nun die vereinigten Heere im besten Zug auf Paris glaubte, da kam mit einmal die ganz unerwartete Nachricht, daß sich eine starke französische Heeresabteilung vor dem nur vierzehn Stunden entfernten Speier gezeigt habe. Man hatte frühere, für die Verbündeten nachteilige Gerüchte vom Anrücken der Franzosen und so weiter als lügenhaft ausgesprengt und böswillig erfunden erklärt. Bald aber kamen zuverlässige Briefe und Berichte von Mannheim, die nicht mehr bezweifeln ließen, daß die Neufranken bereits im Besitz vieler speierischer Dörfer seien, die gebrandschatzt würden, während sie die pfälzischen verschonten und gegen Mainz marschierten. Mit jeder Stunde lauteten die Nachrichten jetzt ängstlicher, wobei, wie gewöhnlich, manches übertrieben wurde. Niemand wußte dies mit der bevorstehenden Einnahme von Paris zusammenzureimen. Die Österreicher und Kurmainzer, die in Speier lagen, waren nach kurzer Gegenwehr geschlagen worden, hatten sich, mehrere tausend Mann, zu Kriegsgefangenen ergeben und waren nach Landau transportiert worden, ebenso die beträchtlichen Vorräte, welche die Sieger in Speier vorgefunden hatten. Es hieß zwar, daß das unter dem Obergeneral Cüstine angekommene Heer nur ein unbedeutendes Streifkorps sei, andere Nachrichten machten es aber zu einer furchtbaren Armee von fünfzig- oder gar hunderttausend Mann und so weiter. Diese Ungewißheiten und sich so oft widersprechenden Nachrichten versetzten die guten Frankfurter in keine kleine Unruhe, indessen erzählte man sich in Frankfurt, daß das in einem Lager bei Reims stehende französische Heer von den Preußen eingeschlossen sei und sich an den König von Preußen habe ergeben wollen, daß dieser aber unbedingte Streckung des Gewehrs verlangt und nur wenige Stunden Bedenkzeit gegeben habe; das Gewehr müsse nun schon gestreckt sein und der Kurier, der die Bestätigung überbringe, jeden Augenblick eintreffen. Statt dessen trafen jedoch vierundzwanzig Stunden später Hiobsposten von Mannheim ein, und auf den Gesichtern der guten Reichsstädter, besonders denen der Reichen und höhern Beamten, las man große Bestürzung. Besonders unheimlich wurde es nun auch denjenigen Häusern, die sich allerlei Handel mit den französischen Assignaten erlaubt und im Verkehr mit französischen Emigranten gestanden hatten.
[Fußnote 4: Ich habe später zu Paris einen Invaliden gekannt, der mir erzählte, daß er damals zwölf Livres von seinem Kapitän erhalten habe, um zu schreien: »_Nous sommes trahis!_«]
Den elften Oktober abends neun Uhr rollte eine vierspännige Reisekalesche vor unser Haus. Man klingelte heftig an der Haustür und kündigte meinen Oheim Scholze an, der vor den anrückenden Franzosen die Flucht ergriffen und mit seiner Familie Schloß Niedesheim eiligst verlassen hatte. Er und seine junge Gattin wußten viel von ihrem Abenteuer auf der kurzen Reise und Wunderdinge von den Franzosen bis nach Mitternacht auszukramen.
Speier und Worms hatten große Kontributionen erlegen müssen, und außerdem hatten die Franzosen viele ganz neue Zelte für mehrere tausend Mann in Worms vorgefunden, welche den Emigranten gehörten, die diese gegen bares Geld versetzt hatten. Übrigens hätte Cüstine sehr strenge Mannszucht beobachtet und einige dreißig Soldaten erschießen lassen, unter denen ein Offizier, weil sie sich eigenmächtige Erpressungen erlaubt hatten, einer davon sollte sogar nur eine Traube entwendet haben. Dies klang ziemlich beruhigend für die ängstlichen Frankfurter Gemüter. Andere Leute, die aus jener Gegend kamen, erzählten auch, daß, wer etwas französisch spreche und sich mit den ungebetenen Gästen einigermaßen verständigen könne, nichts von ihnen zu befürchten habe, nur dürfe man ihnen weder das Tanzen um einen Freiheitsbaum, noch den Ruf: »_vive la liberté!_« versagen. Sobald sie in einem Ort einrückten, sei ihre erste Sorge, einen solchen Freiheitsbaum aufzupflanzen, diesem eine rote Mütze aufzusetzen und dann _Ça ira_, die Carmagnole und so weiter singend, um denselben wie besessen herumzuspringen, und daß sie dabei jedermann, der ihnen in den Weg komme, ohne Alter, Geschlecht oder Stand zu berücksichtigen, mit in ihre Ronde zögen. So kam es häufig, daß in den Reihen der Soldaten der Freiheit Kaufleute, Kapuziner, alte Weiber, ehrbare Magistratspersonen, junge Mädchen, Geistliche in ihrem Ornat, Nonnen und Mönche von allen Farben, wie durch Oberons Horn toll gemacht, in bunter Mischung Hand in Hand die komischsten Bockssprünge machend, unter wildem Geschrei um die rote Mütze rasen mußten, was einen recht belustigenden Anblick gewährte. Mein Oheim erzählte, daß er in einem solchen Kreis einen Domherrn, zwei Freudenmädchen, ein Paar Hofräte, eine ehrbare sechzigjährige Matrone, ein halbes Dutzend feiste Franziskaner, ebenso viele Karmeliterinnen samt der Äbtissin und so weiter recht vergnügt mit den Söhnen der neuen Freiheit habe herumspringen sehen. Mancher dieser Dämchen geschah wohl auch ein Gefallen damit, namentlich den jungen Nonnen, so zum Tanzen gezwungen zu werden.
Die Nachricht, daß Verdun schon wieder in französische Hände gefallen sei, machte wegen der weit näheren Vorgänge wenig Eindruck; denn mit der schrecklichen Nachricht, daß die Franzosen vor Mainz ständen, kam fast zu gleicher Zeit die noch weit schrecklichere, daß sich Mainz bereits ergeben und Cüstine sein Hauptquartier daselbst aufgeschlagen habe. Dies war den einundzwanzigsten Oktober abends vorgegangen, und schon den folgenden Morgen, als in Frankfurt noch jedermann mit dieser Schreckensnachricht beschäftigt war, stand plötzlich, wie durch einen Zauber herbeigeführt, schon ein Korps von achthundert Franzosen, von dem General Neuwinger befehligt, vor den Toren der Reichs- und Wahlstadt und begehrte Einlaß. Diese Truppen hatten sich einstweilen vor dem Bockenheimer Tor auf den Rasen gelagert, ihre Toilette machend, während die Einwohner auf die Wälle geeilt waren und ihnen erstaunt zusahen. Einige Damen hatten Türme bestiegen, ihre Neugierde an den Fremdlingen zu befriedigen. Als nach einigem Hin- und Herparlamentieren und nachdem der französische General der aus der Stadt an ihn gesandten Deputation erklärt hatte, er habe einen Brief vom Obergeneral Cüstine an den Magistrat, mit der Order, denselben nur auf dem Rathaus selbst zu übergeben, man noch einige Schwierigkeiten machen wollte, ihn einzulassen, kommandierte derselbe, sich gegen seine Truppen wendend: »Kanonen vor!«, die gegen die noch aufgezogenen Brücken gerichtet wurden. Bei diesen Worten fielen wie durch einen Zauberschlag die Zugbrücken nieder, die Tore öffneten sich, und die Neufranken zogen mit klingendem Spiel und dem Geschrei: »Es lebe die Freiheit!« in die Stadt und quartierten sich bald darauf selbst zu zwei und zwei in die Häuser ein, die ihnen anstanden oder gerade in den Wurf kamen, denn ein Quartieramt war erst noch zu schaffen.
Mein Vater brachte auch ein Paar dieser Gäste mit heim, die ihn angesprochen hatten, als ihn die Neugierde geplagt, die ersten Freiheitskämpfer zu sehen.
Den ersten Abend lief noch alles so ziemlich gut ab, und die Wirte, die sich ihren Gästen verständlich machen konnten, fanden traktable Leute in ihnen; als aber den folgenden Morgen bekannt wurde, daß Cüstine in seinem Schreiben eine Kontribution von zwei Millionen Gulden von der Stadt verlangt habe, weil, wie er in demselben sagte: »der Vorschub, den dieselbe den französischen Aristokraten geleistet, die Nation berechtige, Frankfurt feindlich zu behandeln. Der König von Preußen und der Kaiser haben viele Gelder in der hiesigen Stadt. Die Nation habe ihren Feinden Rache geschworen, und er fordere zwei Millionen Gulden in deren Namen als Vergütung des ihr zugefügten Schadens,« -- da gab es lange und greuliche Gesichter. -- Der Senat sandte nun in seiner Herzensangst eine Deputation an Cüstine ab, mit dem Auftrag, um einen Nachlaß dieser Kontribution zu bitten, der ihnen in der Tat auch eine halbe Million erließ. Hierdurch ermutigt, wurde sogleich noch eine zweite Deputation abgeschickt, die jedoch nichts mehr herunterzuhandeln vermochte, der der Obergeneral sehr unfreundlich begegnete und vorhielt, daß sie Schacherjuden seien, die erst vor ein paar Monaten das Zehnfache bei der Krönung und an den Assignaten gewonnen, und die Brandsteuer, die er ihnen als Strafe auferlegt, nicht nach seinem Willen verteilt hätten. -- Cüstine erließ auch sogleich eine Erklärung, in welcher er sagte: »Bürger, als ich mich entschloß, im Namen der fränkischen Nation Frankfurt eine Brandschatzung aufzulegen, um diejenigen zu bestrafen, deren Anschläge die unverjährbaren Rechte der Völker zu vernichten zielten, glaubte ich nicht, daß eure Vorsteher ihre Ungerechtigkeit so weit treiben würden, diese Auflagen von den Dürftigen unter euch zu erpressen. Nach den Grundpfeilern der Gerechtigkeit, die nunmehr die Richtschnur unserer Politik ist, befehle ich dem General, den ich in eure Mauern beorderte, das verlangte Geld nur von den Schuldigen und den Reichen zu erheben, die ihre Gewalt und ihre Reichtümer mißbrauchen, die Armen zu unterdrücken, und die offenbaren Feinde aller Gerechtigkeit sind, und so weiter.
Der Bürger-General, _Cüstine_.«
Cüstine verlangte auch noch die Kanonen der Stadt Frankfurt und wollte derselben unter dieser Bedingung noch fünfhunderttausend Gulden von der Brandschatzung ablassen. -- Einstweilen gab die neue Garnison, die noch verstärkt wurde, den Einwohnern hinlänglichen Stoff zur Unterhaltung; sie betrug sich ziemlich manierlich und bestand teils aus französischen Nationalgarden, teils aus Linientruppen. Die ersteren waren nicht alle uniformiert, trugen Beinkleider nach eigener Wahl und Pistolen in den Gürteln. Die Kavallerie, _chasseurs à cheval_, war ziemlich gut beritten, auch die Artillerie hatte gute Bespannung. Die Zahl der in Frankfurt liegenden Truppen war nach und nach bis auf viertausend Mann herangewachsen. Die Bürger konnten sich nicht genug über den ungeheuern Unterschied zwischen diesen und den österreichischen und preußischen Soldaten wundern. Sie glaubten, für die stämmigen, steifen, kaiserlichen, wohlgenährten und wie in eine Form gegossenen Grenadiere müßte so ein Haufen unansehnlicher Franzosen allerdings nur ein Frühstück sein, und begriffen nicht, wie es möglich war, sich vor solcher Bagage zurückzuziehen. Die Gemeinen sprachen mit ihren Offizieren, ohne wie gelähmte Stöcke und in hündischer Furcht und Stellung vor ihnen zu stehen, rauchten oder pfiffen wohl auch in ihrer Gegenwart; dies alles galt als ein Beweis von gänzlichem Mangel an Subordination. -- Sie zogen auf die Wachen, ihre Lebensmittel auf die Spitze der Bajonette spießend, verteilten ihre Fleischportionen auf offener Straße auf einem Stein oder einer Bank, wenn gerade eine vorhanden war, wuschen ihre schwarzen Hemden und Beinkleider selbst in den gelben Fluten des Mains, das ça ira fröhlichen Mutes dabei singend und »_vive la liberté!_« schreiend. Mit Stolz und Selbstgefühl sagten sie: »_Nous sommes les soldats de la république française, les soldats de la liberté._« Dies alles stach freilich gewaltig gegen die Krönungszeremonien ab, die erst vor drei Monaten stattgefunden hatten, und kam den guten Frankfurtern recht spanisch vor. Ein hochweiser Senator schrieb damals in allem Ernste an einen Freund: »Oh, wie tief kann der Mensch doch sinken! Die Franzosen, die alle Völker frei machen wollen, rauchen und singen in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen in Gegenwart ihrer Anführer und sind ihre eigenen Waschweiber!«
Indessen hatten alle Manifeste und Erklärungen Cüstines, auch bei den unteren Klassen der Einwohner Frankfurts, wenig Anklang gefunden und keinen Eindruck gemacht, man hatte dem Volk plausibel zu machen gewußt, daß, wenn die Reichen kein Geld mehr hätten, die Armen nichts mehr verdienen könnten und Hungers sterben müßten, und in Frankfurt war ein guter Verdienst für jede Art Arbeiter. Daher das Geschrei von Freiheit und Gleichheit nur taube Ohren fand; zudem fing Handel und Wandel zu stocken an, und die Lage der Einwohner begann mißlicher zu werden, was man nicht mit Unrecht den Franzosen zuschrieb. Ganz anders war es in Mainz, hier war wenigstens ein großer Teil der Bewohner enthusiastisch für die neue Ordnung der Dinge in Frankreich gestimmt, besonders wissenschaftlich gebildete und tüchtige Männer verteidigten die neuen Grundsätze und Handlungen, schlossen sich denselben an und wurden die Koryphäen der Mainzer Revolution, freilich nicht ahnend, wie schnell die Pariser in ein blutig scheußliches Ungetüm und Morden ausarten würden. In Mainz hatte man, Paris nachäffend, ebenfalls Klubs gebildet, in denen die Freiheit und Gleichheit gepredigt wurde, und die berühmtesten Gelehrten und Professoren, wie ein Forster, Wedekind, Metternich und so weiter hatten sich an die Spitze gestellt. Auch die schönen Mainzerinnen hatte dieser Revolutionstaumel ergriffen, sie übten sich sogar im Pistolenschießen, tanzten nach Herzenslust mit den Soldaten der Freiheit um die rote Kappe, hatten dabei Gürtel, welche vorn und hinten herabhingen; vorn las man das Wort >Freiheit<, hinten >Gleichheit<. Eine ärgere Satire auf diese Revolution hätte wohl schwerlich der eingefleischteste Aristokrat erfinden können. Manche Frauen hatten sogar Säbel umgeschnallt, und man ging bald so weit, eine rheinische Republik gründen zu wollen und so weiter. Alle Fürsten und der Adel wurden ihrer Rechte und Besitzungen verlustig erklärt und durften sich bei Todesstrafe nicht mehr im Gebiete dieser neuen Republik sehen lassen.
Cüstine stattete nun auch in eigener Person der Reichsstadt Frankfurt einen Besuch ab. Den einundzwanzigsten Oktober kam er mit seinem Generalstab und dem Doktor Böhmer in die Stadt geritten und hielt vor der Hauptwache, vor welcher sich eine Menge Volks versammelt hatte, den Wundermann zu sehen, vor dem sich die Tore der ersten deutschen Festungen wie durch einen Zauberschlag öffneten. Der Feldherr fragte den Haufen: »Habt ihr den deutschen Kaiser gesehen?« und erwiderte auf das Ja, das ihm mehrere Stimmen zuriefen: »Wohlan, ihr werdet keinen mehr sehen!«, und hierin hatte er recht. In Mainz hatte man ähnliche Anreden mit donnerndem Applaus und lautem Jubel begrüßt, hier aber blieb das Volk mäuschenstill. Dies war aus dem so verschiedenartigen Charakter der Bewohner dieser beiden Städte leicht zu erklären. Die Mainzer haben ein leicht aufzuregendes Blut, sind heiter und lebensfroh, während der gewöhnliche Frankfurter ein echter bedächtiger Kalkulationsmensch ist; der Unterschied zwischen den Einwohnern dieser beiden Nachbarstädte ist so groß, als lägen sie mehrere hundert Meilen voneinander entfernt. Außerdem hätten die Frankfurter gerne jedes Jahr so eine goldspendende Kaiserkrönung gesehen, und es war ihnen schlecht damit gedient, daß sie keinen Kaiser mehr, aber statt dessen Millionen fordernde französische Generäle sehen sollten. Ärgerlich über diesen Stumpfsinn des Volkes für seine Reden, wandte er sich gegen seine Begleitung und sagte: »Diese Menschen haben nur Sinn für den Schacher und nur Liebe für Geldsäcke, wohlan, wir müssen sie bei dem, was ihnen am teuersten ist, packen.« Er ließ die bisherige Garnison durch andere Truppen ablösen, denen er strenge Mannszucht anbefahl, und begab sich sofort auf den Römer, wo er den Behörden tüchtig die Meinung sagte. Dann ließ er sich nun Geiseln ausliefern, unter denen angesehene Kaufleute und zwei reiche Juden waren. Bevor er wieder abreiste, stattete er auch den braven Sachsenhäusern einen Besuch ab und ersuchte sie um einen Baum aus ihrer Waldung, worauf ihm diese Naturkinder erwiderten: »er möge sich nur einen holen,« was er aber unterließ und die Reichsstadt nicht würdig fand, mit einem solchen zu schmücken. Ein Jude sagte damals, von diesem Wahrzeichen der französischen Freiheit sprechend: »'s is ä Bämche ohne Worzel und ä Käpple ohne Kopp.«
Der Landgraf von Hessen-Kassel hatte indessen bedeutende Streitkräfte zusammengezogen, in der Hoffnung, vereint mit den preußischen Truppen den Franzosen endlich ernstlichen Widerstand leisten zu können. Diese hatten jedoch mehrere hundert Hessen bei Nauheim gefangen, die sie nach Frankfurt brachten, und Cüstine erließ eine Proklamation gegen den Landgrafen, in welcher er unter anderm sagte: »Denkt er denn nicht, daß der jüngste Tag für alle ungerechten Fürsten erschienen ist! Er hofft seinen wankenden Thron durch das Volk zu befestigen, dessen Blut er verkaufte, um seine Schatzkammer zu füllen. Schon dieser einzige Umstand muß das Schicksal dieses Tyrannen entscheiden. Ungeheuer! über das sich schon längst der Fluch der deutschen Nation, die Tränen der Witwen, die du brotlos, und das Jammergeschrei der Waisen, die du elend gemacht hast, gleich schwarzen Gewitterwolken zusammentürmten[5], dich wird die gerechte Rache der Franken erreichen, die Flucht wird dich derselben nicht entziehen; wie wäre es auch nur möglich, daß ein Volk in der Welt einem Tiger, wie du bist, Zuflucht gewähren könnte!« und so weiter.