Part 39
Damals war es, als wir zu Stigliano durch das angebliche Herannahen des Fra Diavolo in Alarm gesetzt wurden, indessen verlief doch die Nacht ohne daß wir weiter beunruhigt worden wären. Nachdem jedoch der Tag angebrochen, ward uns die Gewißheit, daß sich eine Bande bewaffneter Briganten, etwa vier Miglien von unserm Dorf, in einer wildbewachsenen Schlucht aufhalte. Auf diese zuverlässige Nachricht setzten wir uns in Marsch, und Düret gab mir das Kommando unserer kaum sechzig Mann starken Avantgarde, indem er zu mir sagte: »Ich kann dieses gefährliche Kommando niemand besser als Ihnen übertragen, da Sie sich nach der Niederlage von Maida so gut durchzuschlagen gewußt, überhaupt schon viele Erfahrung in diesem gefährlichen Krieg gemacht haben und den Gefahren zu begegnen wissen, auch der einzige sind, der mit der italienischen Sprache fortkommen kann. Seien Sie indessen vorsichtig, sorgen Sie besonders, daß man Sie nicht unvermutet überfallen kann und sichern Sie Ihre Flanken durch Seitenpatrouillen.«
Diese Vorschriftsmaßregeln waren allerdings sehr notwendig, denn mehr als ein halbes Hundert solcher kleiner Detachements französischer, italienischer, korsischer, schweizer und politischer Truppen waren schon von den Insurgenten überfallen, umringt und niedergemacht worden. Allenthalben lagen die Briganten im sichern Hinterhalt und Versteck, waren von allen Bewegungen der Truppen genau unterrichtet und durch ihre Spione vortrefflich bedient. -- Nach der Schlacht bei Maida hatten sie an zweihundert Mann, die sich in einen großen Maierhof retiriert und denselben in der Eile möglichst verschanzt, ihn sogar mit Pallisaden versehen hatten, von den Bauern unterstützt, förmlich belagert. Nachdem die Truppen den Rest ihrer Patronen verschossen, stürmten die Briganten am dritten Tag, wo die Belagerten aus Mangel an Lebensmitteln schon halb verhungert und folglich ganz kraftlos und matt, sich fast nicht mehr zu verteidigen imstande waren, den Hof und machten die ohnmächtigen Leute unter unsäglichen Martern bis auf den letzten Mann nieder.
Nicht immer stand es in meiner Gewalt, Dürets Instruktionen zu befolgen, denn gar oft kamen wir durch so schmale und enge Wege, durch so wild verwachsenes Gehölz und dichtes Gesträuch, hinter denen sich Felsen türmten, daß nicht daran zu denken war, Seitenpatrouillen zu detachieren, ja, nicht selten konnte man nur Mann vor Mann auf den schmalen, kaum betretenen Fußsteigen marschieren. Gegen die Mittagsstunden kamen wir an einen kleinen Weiler, in dem wir zwar einige Menschen, aber sonst auch nichts antrafen; hier erfuhr ich auf meine Erkundigungen, daß Fra Diavolo mit einem kleinen Teil seiner Bande in der vergangenen Nacht dagewesen, erst diesen Morgen den Ort wieder verlassen und den Weg nach Tricarico eingeschlagen habe. Ich wollte das Bataillon hier erwarten, um neue Verhaltungsbefehle zu empfangen, es traf auch nach einer guten Stunde ein. -- Düret befahl mir jetzt, einen Führer aus Ferrandina, so hieß das Örtchen, mitzunehmen und mit meiner Avantgarde gleichfalls nach Tricarico zu marschieren. Wir mußten durch das noch sehr seichte Flüßchen Basiento passieren, dessen Wasser uns kaum bis an die Knie reichte. Aber am jenseitigen Ufer zeigten sich plötzlich Insurgenten auf den felsigen Anhöhen, welche ihre Gewehre auf uns abfeuerten, mir einen Mann töteten und dann verschwanden, ohne daß ich daran denken konnte, sie zu verfolgen, da mein Führer mir versicherte, in dieser Wildnis wisse er sich, einmal von dem Weg abgekommen, nicht mehr zurechtzufinden. Erst mit einbrechender Nacht erreichten wir das Dorf Grottola, wo aber kein Mensch etwas von dem Fra Diavolo wissen wollte. Ich machte hier abermals halt, die Ankunft des Bataillons zu erwarten, das aber nicht eintraf. Mein Führer gab vor, daß sich seine Kenntnis der Gegend nicht weiter erstrecke und bat mich, ihm zu erlauben, nach Ferrandina zurückkehren zu dürfen. Ich fand aber für gut, ihn die Nacht über noch bei mir zu behalten, und versprach ihm, daß, wenn bis zum nächsten Morgen nichts Besonderes vorfiel, ich ihn dann entlassen würde. --
Meine Lage fing an bedenklich zu werden, ich glaubte mich umringt oder doch wenigstens vom Bataillon abgeschnitten und biwakierte diese Nacht auf einem freien Platz vor dem Dorfe, ringsum Posten auf Schußweite aufstellend, um uns vor jedem Überfall zu sichern. Auf mein Verlangen brachten mir die Einwohner von Grottola etwas Reis, Welschkornmehl und ein Körbchen mit Eiern, nebst Wein, so daß wir uns ziemlich restaurieren konnten und sogar so munter und guter Dinge wurden, daß wir den Fra Diavolo samt seiner Bande zitierten und sich zu zeigen aufforderten, wenn er Mut habe. -- Die Nacht verging ohne irgendeine Beunruhigung, die meisten Leute schliefen gegen Mitternacht ein. Als aber der Tag kaum zu grauen begann, befahl ich aufzubrechen, teilte ein paar Flaschen Aquavit unter das Detachement aus, die ich noch requiriert hatte, aber dem Bauer, der sie brachte, bezahlte. Ich ließ mich nun mit diesem, der einige Worte, die ich nicht verstand, mit meinem Führer gewechselt hatte, in ein Gespräch ein; auf meine Fragen, ob er nichts von Fra Diavolo wisse, und nachdem ich ihm deshalb ziemlich drohend zugesetzt, antwortete er endlich, wenn ich ihm zusichern könne, daß er den Preis von sechstausend Dukati, der auf den Kopf dieses Brigantenhaupts gesetzt sei, wenigstens zur Hälfte erhalte, da mir die andere Hälfte gebühre, er mir denselben in die Hände liefern wolle. -- Erstaunend erwiderte ich freudig, daß er nicht nur die Hälfte, sondern die ganze Summe, die die Regierung ausgesetzt habe, erhalten werde. Er blieb aber dabei, mit mir teilen zu wollen, meiner Großmut, die er nicht begriff, mißtrauend, was ich dann auch zusagte, um ihm nicht das Vertrauen zu benehmen. -- Er teilte mir nun mit, daß sich Fra Diavolo, kaum zwei Miglien entfernt, mit höchstens dreißig Mann seit gestern abend in einer Waldschlucht gelagert befinde, indem er in der Gegend von Salerno durch die französischen Chasseurs total versprengt worden sei, wir müßten aber eilen, wenn wir ihn noch treffen wollten, da er wahrscheinlich mit frühem Morgen aufbrechen und sich dann noch tiefer in die Waldgebirge flüchten werde. Ich marschierte schnell ab, den Bauer samt meinem Führer aus Ferrandina in die Mitte nehmend, ihnen beiden erklärend, daß bei der mindesten verdächtigen Anzeige sie zuerst niedergemacht würden. -- In aller Stille zog ich durch Grottola, kam jenseits des Ortes in einen dicht verwachsenen Wald und stand, von dem Bauer geführt, bald an dem Eingang einer in der Tiefe zwischen Felsen und Gesträuch befindlichen Schlucht; hier sah ich durch das Gebüsch hinab in einem kleinen Kesseltal einige zwanzig Mann um ein fast abgebranntes Feuer meistens schlafend lagern; der Bauer sagte: »_Eccoli!_« So geräuschlos als möglich besetzte ich den einzigen Ausgang dieser Schlucht. Unbemerkt drang ich dann so weit vor, daß ich die Briganten zählen konnte, es waren ihrer dreiundzwanzig. Ich wünschte, sie womöglich alle lebendig zu fangen, aber jeder Schritt vorwärts machte es wahrscheinlicher, daß ich von ihnen entdeckt würde, sie dann noch Zeit hätten, sich aufzuraffen und eine verzweifelte Gegenwehr vorzubereiten. Ich beschloß nun, sie mit einem Hurra und möglichstem Lärm zu überfallen, damit sie in dem ersten Schrecken den Kopf verlieren sollten. An den Eingang des Kesseltals postierte ich zehn Mann mit einem Korporal, stieg sodann mit den andern mit gespannten Hahnen den schmalen Pfad hinab, die Briganten immer im Auge habend; als ich endlich sah, daß sich ein paar zu regen begannen, gab ich dem Tambour das Zeichen pas de charge zu schlagen, und mit dem Ruf: »Vorwärts!« die Gewehre auf sie abfeuernd, stürmten wir hinab. Das Manöver gelang vollkommen. Die Briganten sprangen auf, griffen nach ihren Waffen, eilten dem Ausgang zu, machten zum Teil kehrt, während andere, den Kopf verlierend, uns in die Hände liefen, dann auch wieder umkehrten; wir folgten, ihnen die Bajonette in die Rippen setzend. Mehrere, schon verwundet, warfen ihre Gewehre weg, während andere an dem entgegengesetzten Ende der Schlucht auf Bäume kletterten. Einigen gelang das fast Unglaubliche, indem sie die beinahe senkrechten Felsenwände mit Hilfe der Gesträuche, die sie erfaßten, hinankletterten. Zwei davon stürzten jedoch, nachdem sie schon eine bedeutende Höhe erreicht hatten, herab, wovon der eine das Genick brach und auf der Stelle tot war, der andere aber das Bein verletzte und nicht mehr von der Stelle konnte. Noch andere schossen meine Leute herab, während drei auf diese Art wirklich entkommen waren, sich auch vielleicht in den Gipfeln hoher Bäume verborgen hatten, wo wir sie nicht entdecken konnten. -- Die übrigen, unter denen der Anführer, der aber nicht Fra Diavolo selbst, sondern nur einer seiner sogenannten Adjutanten, namens Belardi, war, nahmen wir gefangen und banden sie mit Gewehrriemen zusammen. -- Dieser Belardi hatte sich allenthalben, wo er hinkam, für Fra Diavolo selbst ausgegeben, so wie dies noch andere Chefs der Bande taten, die in Kalabrien umherirrten, wozu sie vom wahren Bruder Teufel ermächtigt waren, damit man, wie oben bemerkt, irregeleitet, nicht auf dessen Spur kommen sollte. -- Was aus ihm geworden, konnte ich von den Gefangenen nicht erfahren, die, wie sie mich versicherten, ihr Oberhaupt schon seit zwölf Tagen oberhalb Salerno verlassen hatten, ohne zu wissen, wo er jetzt sei. So leid es auch mir und dem Bauer, der mich hierhergeführt, tat, nicht den rechten Mann erwischt zu haben, so war ich dennoch über den gemachten Fund froh und überzeugt, jetzt nicht mehr viel zu fürchten zu haben, da die Bande gesprengt und die Einwohner dadurch so mutlos gemacht waren, daß sie sich nicht trauten, etwas offen gegen uns zu unternehmen.
Ich marschierte nun mit meinen Gefangenen nach Grottola zurück, den Führer von Ferrandina entlassend, den Bauer nahm ich mit nach Tricarico, wo ich das Bataillon vermutete, und wohin ich nach kurzem Halt aufbrach. -- Unterwegs unterhielt ich mich mit dem gefangenen Belardi und fragte ihn über manches, was seinen Chef betraf, konnte aber nur ausweichende Antworten oder sehr ungenügende Auskunft von ihm erhalten; auf meine Frage, warum er den Eingang zur Schlucht nicht besetzt und keine Wachen ausgestellt habe, erwiderte er mit Ingrimm: »Ich hatte es ja getan, aber als der Morgen herankam, krochen die Schurken alle zum Feuer und schliefen, auch dachten wir nicht, Verräter unter den Einwohnern zu finden.«
In Tricarico angekommen, war das Bataillon zu meinem Leidwesen schon seit mehreren Stunden nach Potenza abmarschiert; ich folgte ihm und traf es noch auf einem Halt, ehe es diese Stadt erreicht hatte. Ich zeigte sogleich dem Kommandanten Düret meinen Fang an, der, darüber hocherfreut, mir sagte, daß er abermals in nicht geringer Unruhe meinetwegen gewesen, da er Order erhalten, sofort nach Potenza zu marschieren, was man mir nicht habe mitteilen können. -- Der Bauer wurde mit einer Belohnung von hundert Dukati heimgeschickt, deren er sich aber wenig erfreuen konnte, da er ein paar Tage darauf ermordet war.
Schon war die Regenzeit eingetreten und unsere Märsche und die Brigantenjagd, die wir von hier aus in die Umgegend machen mußten, wurden immer beschwerlicher, wenn auch weniger gefährlich, da wir nur selten auf einen Feind trafen. Bäche und Flüßchen, die man vor wenig Tagen noch fast trockenen Fußes passierte, waren zu reißenden Waldströmen geworden, durch die man nur mit Lebensgefahr kommen konnte, oft gingen uns die Fluten bis beinahe an den Hals. Eines Tages mußten wir bei der Verfolgung eines Insurgententrupps in der Gegend von Duchessa und Auletta den sonst ganz unbedeutenden Sele passieren, der aber nun zu einem wilden, reißenden Strom angeschwollen und so mächtig war, daß wir mit enggeschlossenen Gliedern, pelotonweise durchmarschierten, wobei die Soldaten Tornister und Patronentaschen auf den Köpfen befestigt hatten, die Gewehre quer über dem Wasser hielten, und so in Masse durch das Wasser gingen, dennoch ertranken drei Mann, die im letzten Glied eines Pelotons sich nicht eng genug angeschlossen hatten und von den Fluten fortgerissen worden waren. Auf dem jenseitigen Ufer angekommen, mußten wir einen tiefen und engen Hohlweg passieren, von dessen felsigen, mit Gebüsch bewachsenen Höhen uns die Briganten mit Flintenschüssen empfingen und schon, als wir noch im Wasser waren, auf uns herabschossen, mit sicherer Hand ihre Beute aussuchend, meistens Offiziere. Nachdem sie abgefeuert hatten, verschwanden sie spurlos, so daß an ein Verfolgen nicht zu denken war.
Glücklicherweise war diese gefährliche Passage nicht von langer Dauer und die Abdachung der Berge bald sehr flach. Solche Märsche und Kontermärsche nahmen kein Ende, und selten hatten wir einen oder auch nur einen halben Tag Ruhe. Die Regen und Gewitter wurden immer häufiger und heftiger, die Nahrung immer schlechter und spärlicher, einmal mußten wir sogar elf Tage in der Gegend von Chiaromonte unter beständigen Regengüssen biwakieren, wo, im Schlamm und Morast lagernd, oft nur noch die auf Steinen und Tornistern ruhenden Köpfe frei vom Wasser blieben, so sehr waren die Gewässer angeschwollen. Als wir endlich diese Stelle verließen, um uns in das ganz verwüstete Dorf Rotonda zu begeben, brach ein so furchtbares Gewitter gerade über unsern Häuptern los, daß es zwei Soldaten, deren Gewehre ganz schwarz angelaufen waren, mitten in den Reihen des Bataillons erschlug; nur auf der Spitze des Gebirges ließ der Regen etwas nach, in den Tälern aber hörte er oft in vierundzwanzig Stunden keine halbe Stunde auf. In fast jedem Ort, durch den wir kamen, mußten wir Kranke zurücklassen, deren Weitertransportieren unmöglich geworden war, mit dem Bedeuten an die Einwohner, daß, wenn sie nicht die äußerste Sorgfalt für diese Leute trügen, ihr Ort den Flammen preisgegeben würde, und sie selbst dem Tod verfallen seien. Dennoch sahen wir nur sehr wenige von den Zurückgelassenen wieder. Immer mehr schmolz unser Bataillon zusammen; Soldaten, die aus Müdigkeit zurückblieben, sich dann oft verirrten, fielen den Bauern und Briganten in die Hände, die sich immer in der Gegend, die wir soeben verlassen, hinter unserm Rücken zeigten. Oft mußten wir auch mit Lebensgefahr auf den schmalen und schlüpfrigen Fußpfaden marschieren, die längs schauerlichen Abgründen hinliefen, auf denen ein Fehltritt das Hinabstürzen unvermeidlich machte. So verloren wir einen Sergeanten der Karabiniers, und einen stürzenden Tambour rettete nur seine auf dem Rücken hängende Trommel, bei der ihn zwei Chasseurs packten. Selbst die sonst so sichern Maultiere mußten mit großer Vorsicht geführt werden.
Das schlimmste war, daß bei all diesen Entbehrungen und Gefahren auch noch unsere Kleider und Schuhe sich allmählich in Lumpen auflösten und wir bald einem abgerissenen Banditenkorps ähnlicher sahen als Soldaten; längst war an den Gamaschen kein Strupfen mehr, und die Hälfte der Soldaten ging auf bloßen Füßen, hatte wenigstens keinen Schein mehr von einer Sohle unter den zerrissenen Schuhen, die bei jedem Schritt steckenblieben und mit den Händen wieder ausgegraben werden mußten. Den Offizieren, die meistens Suwarowsstiefeln trugen, ging es nicht viel besser, auch sie waren sohlen- und absatzlos. Daher war es immer das beste, wenn wir in einen Ort kamen, Schuhmacher, Schuhe und Leder zu requirieren, und die Kompagnieschuster und Soldaten flickten, so oft halt gemacht wurde; an Wäsche war nicht zu denken, ich hatte seit zwei Monaten dasselbe Hemd auf dem Leibe und verfluchte doch jetzt auch manchmal die gloire militaire und den Soldatenstand, obgleich ich dank meiner mäßigen Lebensweise, wenn auch von Fleisch sehr abgefallen und dürr wie ein Hering, doch noch immer so ziemlich gesund war. Ich trank aber fast nie puren Wein oder Aquavit, sondern beides immer reichlich mit Wasser vermischt, aß, wenn ich deren haben konnte, in Öl gebackene Eier oder Kuchen, deren Teig meistens aus Mais- oder Welschkornmehl geknetet war.
Endlich, nachdem Düret wenigstens schon zehn Berichte nacheinander abgesandt und darin gemeldet hatte, daß sich das bis auf ein Dritteil zusammengeschmolzene Bataillon unmöglich länger in Kalabrien halten könne, ohne gänzlich aufgerieben zu werden, kam die Order zum Rückmarsch nach Neapel, die mich, sowie uns alle, hoch erfreute und neu belebte. Aber bevor wir diesen Hafen, in dem wir das Ende unseres Elends erwarteten, erreichten, sollten wir noch einmal, und zwar indem wir einen Waldbach, der sich unweit Muro in die Sele ergießt und jetzt auch zu einem reißenden Strom angeschwollen war, passierten, arg heimgesucht werden. Das Wasser ging uns wieder bis über die Brust; als sich das erste Peloton mitten im Strom befand, erschien plötzlich auf den Felsenhöhen des Ufers ein Haufen von mehr als hundert Briganten, die von ihrer sichern Stellung aus ein gut unterhaltenes Feuer auf uns gaben, aber durch dasselbe keinen großen Schaden anrichteten, da ihre meisten Kugeln in den schützenden Tornistern, welche die Leute auf den Köpfen hatten, steckenblieben; doch riß Unordnung in den Reihen ein, wodurch mehr als zwanzig Mann in den Wellen umkamen und von dem Strom mit fortgerissen wurden.
Dies war indessen das letzte Ungemach, das wir auf diesem Feldzug erlitten, und wir marschierten nun ungestört über Muro, La Valva, Eboli, Salerno und Nocera nach Neapel, wo unser Bataillon in der Fortezza del Carmine kaserniert wurde; gleich nach unserer Ankunft gaben wir noch einige sechzig Mann in das Lazarett ab.
Unterdessen war aber auch der Haupturheber unserer meisten Mühseligkeiten, der berüchtigte Fra Diavolo selbst, gefangen worden und wurde ein paar Tage nach unserer Ankunft zu Neapel (im November 1806) gehangen. Ich bin imstande, aus den zuverlässigsten Quellen von Offizieren, die ihn bis zu seiner Gefangennehmung verfolgten, diese und das Ende des berüchtigten Brigantenchefs mitzuteilen.
Von Hügos mobilen Kolonnen allenthalben verfolgt, hatte Michel Pezzo seine ganze Bande in zwölf Abteilungen unter zwölf Anführer verteilt und jedem eine Provinz angewiesen, in welcher er auf seine eigene Faust operieren sollte, während er den Kern seiner Leute und die verwegensten Banditen, etwa sieben- bis achthundert Mann, bei sich behalten hatte. Alle Anführer waren, wie ich schon erwähnte, angewiesen, sich für den Fra Diavolo auszugeben, dabei war ihnen gesagt, daß, wenn sie zu sehr ins Gedränge kämen, sie einen kleinen Hafen zu erreichen suchen sollten, um nach Sizilien überschiffen zu können, wo er ihnen Palermo als den allgemeinen Sammelplatz bezeichnete. Hierdurch war es ihm gelungen, noch eine Zeitlang den verschiedenen Kolonnen, die scharf hinter ihm waren, zu entgehen, da diese, durch die von allen Seiten, wo man den Fra Diavolo in der Nähe glaubte, einlaufenden Berichte irregeführt wurden. Endlich aber setzte ihm selbst eine Abteilung des schwarzen Regiments Royal Africain und eine andere von Latour d'Auvergne so zu, daß es in der Gegend von Bojano, der alten Hauptstadt des Samniterlandes, zu einem hitzigen Gefecht mit Fra Diavolos Haufen kam, wobei man wegen der Nässe der Gewehre nicht feuern konnte, sondern sich mit den Kolben und der blanken Waffe schlug. Der Sieg war längere Zeit zweifelhaft, als noch zum rechten Moment zwei Kompagnien eines französischen Linienregiments den kaum vierhundert Mann starken Abteilungen zu Hilfe kamen und rasch den Ausschlag gaben. Das Gemetzel war fürchterlich, und Fra Diavolo entkam mit noch etwa zweihundert Mann nur durch schleunige Flucht. Die übrigen blieben teils auf dem Wahlplatz tot und schwer verwundet, oder wurden zu Gefangenen gemacht und erschossen; von den Fliehenden ertranken außerdem noch viele in dem Biferno, den sie passieren mußten. Bei dieser Flucht wurde Fra Diavolo noch einmal von einer Abteilung der korsischen Jäger erreicht, die noch mehrere Gefangene machte und den Rest seiner Bande vollends sprengte; als er eine kurze Strecke die nach Apuglia führende Straße passieren mußte, sah er einige Eskadronen französischer leichter Reiterei dahergesprengt kommen, die ihn zwar nicht erkannt, aber doch jedenfalls als verdächtig angehalten haben würden, außerdem waren seine Verfolger höchstens auf Kanonenschußweite von ihm entfernt. Hier war weder zum Entfliehen noch zum Verbergen mehr Gelegenheit, und ängstlich richteten seine wenigen Begleiter fragende Blicke auf ihren Chef, der, gewöhnt, sich auch aus den verzweifeltsten Lagen zu ziehen, jetzt den Kopf nicht verlor und sich durch List und Verschlagenheit auch diesmal, jedoch nur auf kurze Zeit, aus seiner mißlichen Lage half. Er befahl seinen Spießgesellen, ihm und einem seiner Offiziere die Hände auf den Rücken zu binden, beide sodann in ihre Mitte zu nehmen, dann auf der Landstraße fort an der Reiterei vorüberzumarschieren. Ihre Einwendungen schlug er schnell mit drohenden Blicken nieder, indem er ihnen befahl, auf allenfallsiges Befragen zu erwidern, sie gehörten der Bürgergarde des nächsten Städtchens an und hätten die beiden Gefangenen, die man im Verdacht habe, zur Bande des Fra Diavolo zu gehören, nach Neapel zu transportieren. Die List gelang vollkommen, der die Reiterei kommandierende Offizier ließ den Fra Diavolo nach kurzem Befragen samt seiner Eskorte vorüber, und die angebliche Bürgergarde marschierte mit erhobenem Haupt durch die Reihen der Kavallerie. Kaum waren sie ein paar hundert Schritte entfernt, so schlugen sie einen Seitenweg ein, erklommen eine steile und gesträuchige Anhöhe und gaben sogar eine Decharge gegen die langsam dahinreitende Kavallerie, welcher der Brigantenchef nun hohnlachend und mit lauter Stimme zurief: »Ich bin Fra Diavolo!« -- Der kommandierende Offizier ärgerte sich, und seine Leute lachten über den Streich, den man ihnen gespielt hatte. Ersterer wollte einen Teil derselben absitzen lassen, um die Räuber zu verfolgen, diese hatten sich jedoch schnell, nachdem sie abgefeuert, ins unzugängliche Dickicht geflüchtet. Auch seinen andern Verfolgern, die seine Spur verloren hatten, entging er und würde sich vielleicht gerettet haben, hätte er nicht die Unvorsichtigkeit begangen, in der Nacht ein Feuer anzuzünden, was die Truppen aufmerksam machte und ihnen seinen Aufenthalt verriet. Die korsischen Jäger rückten nun möglichst unbemerkt heran und suchten ihn zu umringen, aber ehe dies noch vollständig geschehen, wurden sie von den Briganten bemerkt, die aufsprangen; die Jäger gaben nun eine Decharge, welche mehrere derselben und den Fra Diavolo selbst verwundeten, dem es dennoch gelang, sich durch eine abermalige Flucht zu retten; ganz allein eilte er jetzt auf dem Weg nach Salerno davon, in der Hoffnung, an der Küste eine Barke zu finden und mit deren Hilfe auf der See zu entkommen; auch jetzt noch von den Bürgergarden verfolgt, entging er diesen nur mit genauer Not.