Part 38
Verdier entschloß sich nun, um nicht völlig eingeschlossen zu werden, so lange noch eine Möglichkeit vorhanden war, die Hauptstadt Kalabriens zu räumen. Wir verließen Cosenza in ziemlich guter Ordnung, doch nicht ohne allen Verlust, und zogen uns in der Richtung von Neapel in das Gebirge zurück, wo wir einige Kanonen einbüßten. Lebensmittel wurden in den Dörfern und Ortschaften, in deren Nähe wir kamen, gewaltsam requiriert, wobei es nicht selten zwischen den dahin gesandten Abteilungen und den Bauern zu Tätlichkeiten und zum Blutvergießen kam. Wir biwakierten, wenn wir ruhten, was jedoch nicht häufig der Fall war, unter freiem Himmel, und jeden Tag kam es zu Neckereien mit den Insurgenten. Eine Abteilung von fünfhundert Mann, bei der auch ich mich mit meinem Detachement befand und die nach Ritorto, einem großen Flecken, beordert war, fand sich plötzlich von drei Seiten von zahlreichen bewaffneten Brigantenhaufen, unter denen sich mehrere Kompagnien sizilianischer Infanterie, ein paar Schwadronen Reiterei und sogar einige englische Dragoneroffiziere befanden, umringt. Von allen Seiten gedrängt, blieb uns kein anderer Weg als der nach Cosenza führende offen, wir warfen uns wieder in diese Stadt, wo man uns aber mit einem Hagel von Steinen und dem Ausruf: »_Maladetti cani!_« empfing und siedendes Wasser und Öl auf uns goß. Auch die Feinde waren fast zu gleicher Zeit mit eingedrungen, und es entspann sich ein hartnäckiger Kampf in den Straßen selbst, bei dem ich einen tiefen Säbelhieb in den rechten Arm von einem feindlichen Dragoner erhielt, der aber fast in demselben Augenblick von einem französischen Grenadier vom Pferde gestochen wurde. Die Wunde blutete zwar stark, ich ließ mir sie aber durch einen unserer Leute mit dem von dem Hemde eines Toten abgerissenen Ärmel verbinden und schlug mich mit den übrigen durch die Straßen wieder zum Tor hinaus, wo wir retirierend uns fortwährend auf das eifrigste unserer Haut wehren mußten; wahrscheinlich würden wir dem uns verfolgenden, bald mehrere tausend Mann starken Feind unterlegen sein, wenn wir nicht glücklicherweise jenseits der Stadt, gegen Montalto zu, auf die Avantgarde eines französischen Linienregiments gestoßen wären, das von Salerno her im Marsch war und die Garnison von Cosenza verstärken sollte. Ein Bataillon dieses Regiments folgte bald seiner Avantgarde, dessen Chef sich nun uns anschloß, und so waren wir instand gesetzt, nicht nur den verfolgenden Feind wieder Face zu machen, sondern auch der angreifende Teil zu werden und ihn zurückzuschlagen. Jetzt ließ ich mir durch den Bataillons-Chirurgus meine Wunde, die zwar nicht gefährlich war, aber doch bis auf den Knochen ging, kunstgerecht verbinden und hatte nahe an drei Wochen zu tun, bevor ich den Arm wieder gehörig brauchen konnte. Noch denselben Abend gelang es, uns wieder mit Verdiers Division zu vereinigen, der sein Hauptquartier in einem großen Flecken, etwa zehn Miglien von Cosenza, das nun mit Insurgenten und feindlichen Truppen überfüllt war, aufgeschlagen hatte. Unsere Lage war indessen immer noch sehr kritisch, besonders da der so gefürchtete Brigantenchef oder eigentlich Räuberhauptmann Fra Diavolo mit seinen zahlreichen Banden rund um uns herum sein Wesen trieb. Wir mußten uns die folgenden Tage mit ansehnlichem Verlust durch Tarsio und Cassano, die sich in vollem Aufstand befanden, schlagen und kamen endlich zu Matera, der Hauptstadt der Basilicata, an, wo uns der daselbst kommandierende General, der noch nicht beunruhigt worden war, alle nötige Hilfe zukommen ließ. Hier erfuhren wir, daß die wichtige Festung Gaëta endlich übergegangen und deren starkes Belagerungsheer bereits unter dem Oberbefehl des Marschall Massena auf dem Marsch nach Kalabrien begriffen sei. Diese Neuigkeit gab uns frischen Mut und Zutrauen und machte zugleich bei den Insurgenten einen für uns so vorteilhaften Eindruck, daß diese es wenigstens nicht mehr wagten, uns in offener Fehde anzugreifen; Gaëtas Fall paralysierte so ziemlich die Wirkung der Niederlage von Maida. Durch frisch angekommene Truppen verstärkt, rückten wir nun wieder vor, bald waren die Insurgenten aus Cosenza und der Umgegend verschwunden, wir besetzten die Stadt neuerdings, in der Verdier abermals sein Hauptquartier aufschlug; die unter seinem Befehl stehenden Truppen waren wieder bis auf sechstausend Mann angewachsen. Cosenza mußte eine sehr bedeutende Kontribution erlegen, und wir ergriffen allenthalben die Offensive.
Bald nach unserer Wiederbesetzung Cosenzas verließ ein Korps von ungefähr dreitausend Mann, bei dem auch mein Detachement, diese Stadt, die Insurgenten zu verfolgen; den dritten Tag nach unserem Ausmarsch trafen wir in der Ebene von Cocozza auf ein bedeutendes Insurgentenkorps, das zu umstellen uns so gelang, daß es nach einer kurzen, aber heftigen Gegenwehr fast gänzlich niedergemacht wurde, nur etwa dreihundert Mann davon entkamen, die nach Amantea flüchteten, wo sie sich in ein Kloster warfen. Als wir aber schnell nach dem erfochtenen Sieg in Amantea einrückten, ergaben sie sich, Pardon erflehend, unter der Bedingung, ihnen das Leben zu schenken, was auch zugestanden wurde, aber auch nichts weiter. Sie wurden sämtlich geschlossen unter guter Eskorte nach Neapel abgeführt, wo man die meisten zur Galeere verurteilte. Das Kastell von Amantea hielt sich aber noch länger und fiel erst nach einer fünfundzwanzigtägigen Belagerung.
Massena rückte jetzt in Eilmärschen heran; dies und der Fall von Gaëta, dessen moralische Wirkung außerordentlich war, gab schnell den Dingen im ganzen Königreich eine andere Wendung. In Neapel selbst hatte man zu gleicher Zeit eine große Verschwörung entdeckt, die genau mit der Landung der Engländer und Sizilianer und dem Aufstand in Kalabrien zusammenhing. Man ging jetzt daselbst mit einer vielleicht zu raschen Energie zu Werk, und täglich wurden nach sehr kurzen summarischen Verhören eine große Zahl der Verschworenen hingerichtet, welche durch aufgefangene Briefe, geheime Korrespondenz und Polizeispione ausgemittelt und entdeckt worden waren, aber gewiß verlor auch mancher ganz unschuldig sein Leben. Bald war nun keine englische Uniform mehr auf dem ganzen festen Land des Königreichs zu erblicken, die Engländer überließen die Kalabresen ihrem Schicksal, das traurig und furchtbar genug war. Teuer mußten sie die von den Pfaffen versprochene Befreiung vom Fegfeuer und aus der Hölle bezahlen und erhielten statt der ihnen ebenfalls versprochenen zeitlichen Güter einen oft sehr grausamen Tod. Freilich waren die von ihnen besonders auch an den eigenen Landsleuten begangenen Grausamkeiten scheußlich genug gewesen, sie hatten vom Säugling bis zum neunzigjährigen Greis, von dem zartesten Mädchen bis zur ehrwürdigsten Matrone alles, was sie den Franzosen geneigt glaubten, unter teuflisch ausgesonnenen Qualen gemordet und die Mädchen und Jungfrauen vom siebten Jahre bis zum blühendsten Alter aus den besten und edelsten bürgerlichen und adeligen Familien, bevor sie sie töteten, geschändet und genotzüchtigt, ja noch nach deren Tod ihre viehischen Lüste an den blutigen Leichnamen gesättigt. Besonders waren es die Räuberbanden vom Handwerk, die sich diesen Teufeleien mit aller Lust überließen, und ein halbes Hundert befriedigte nicht selten der Reihe nach seine Geilheit an ein und demselben unglücklichen Schlachtopfer, das ihnen in die Hände gefallen war, wobei diese Ungeheuer das Hohngelächter der Hölle erschallen ließen.
Daß jetzt fast ebenso scheußliche Repressalien angewandt wurden, war zwar nicht zu verantworten, aber natürlich und nicht gut zu verhindern. Wir verfuhren indessen bei weitem nicht so raffiniert, sondern mehr summarisch, übergaben dem verzehrenden Feuer ganze Städte und Dörfer, in welchen die Unsrigen ermordet worden waren, und alles, was sich lebendig und tot in denselben befand, wurde ein Raub der Flammen. So gingen hintereinander Lauria, San Pietro, Latronico, Raparo, Fondico, Scigliano und so weiter mit allem, was sie enthielten, im Rauch auf. Entwaffnet wurden alle Ortschaften, wo wir hinkamen, ohne Ausnahme, und jeder Einwohner, bei dem man nach vierundzwanzig Stunden noch eine Waffe oder ein Stilet vorfand, wurde auf der Stelle erschossen. Ganze Transporte von Verdächtigen wurden in Ketten nach der Hauptstadt geschafft, wo sie meistens ein schreckliches Los erwartete, und allenthalben hatten wir Militärgerichte niedergesetzt, die mit den Angeklagten kurzen Prozeß machten und diese zu Dutzenden erschießen ließen. Jeder Ort, der nur den geringsten Anschein hatte, als wollte er es versuchen, Widerstand zu leisten, wurde sofort geplündert und dann niedergebrannt. Daß unsere Soldaten dabei mit den jungen Mädchen und Weibern nicht viel besser umgingen, als es die Insurgenten gemacht hatten, ist leider nur zu wahr, doch badeten sie sich nicht in deren Blut nach gebüßter Lust und schändeten auch keine zu Tod, auch bewies das Benehmen mancher dieser Weiber, daß ihr eine so abgezwungene Gunst gerade nicht ganz unwillkommen war, und mehrere folgten sogar ihren gewaltsamen Verführern nach dem Tod ihrer Männer oder Väter.
Der strengste militärische Despotismus wurde überall eingeführt, wo wir die Herren waren, aber wir waren es noch bei weitem nicht allenthalben, noch hatten die Insurgenten die stärksten Positionen und die bedeutendsten Engpässe in ihrer Gewalt, die nicht ohne große Verluste und immer mit der blanken Waffe genommen werden mußten. Indessen hatten wir es doch bald nur noch mit einzelnen Banden zu tun, auf die wir Jagd machten und die sich meist in die unzugänglichsten Schlupfwinkel der ödesten Wildnisse, in verborgene Felsenklüfte und Täler zurückgezogen hatten, namentlich in die Basilicata, mit die wildeste und unbekannteste Provinz im ganzen Reich, in deren Schluchten und Wälder einzudringen fast unmöglich ist. Aus diesen Verstecken machten die Briganten fortwährend Ausfälle auf kleine Militärabteilungen und in die nächsten Ortschaften, vortrefflich durch ihre Spione unterrichtet, wenn sie es gefahrlos tun konnten. Diese Banden trieben auch das Handwerk des Straßenraubs und verübten Raubmorde ohne Unterschied gegen alle Parteien.
Noch immer stand ich mit meiner Abteilung, die jetzt bis auf einige vierzig Mann zusammengeschmolzen war, bei der Division Verdiers, mit der wir die meisten Strapazen und Gefechte teilten, wobei wir oft in acht Tagen nicht unter Dach und Fach kamen, unser Bett die rauhe Erde, unsere Decke das Himmelszelt war, und froh sein konnten, wenn wir etwas Maisstroh zum Lager erhielten. Bei dieser Gelegenheit konnte ich recht den Charakter der verschiedenen Nationen, denen meine Leute angehörten, beobachten. Die Russen waren alles zufrieden, beschwerten sich über nichts, wenn ihnen nur der Aquavit nicht ausging, und sie etwas Fett, Talg, Öl, gleichviel, zu ihrem Brot erhielten; daß sie auch Braten nicht verschmähten, wenn sie ihn haben konnten, versteht sich von selbst; den Wein ließen sie wie Wasser die Gurgel hinabgleiten, und stahlen mit den Ungarn um die Wette, was ihnen anstand, standen aber im Feuer wie Mauern und Felsen. Die Österreicher und Böhmen waren besonders dem Mehl und dem Tabak gefährlich, hatten sie Knödel und überhaupt Mehlspeisen vollauf, dann war alles gut, aber satt mußten sie sein, wenn etwas mit ihnen anzufangen sein sollte, ihr größter Greuel war, mit leerem Bauch marschieren zu müssen, dem Wein waren sie hold, und war der Wanst voll, so standen auch sie gut im Feuer, dabei gehorchten sie, ohne auch nur eine Miene zu verziehen; werden sie gut angeführt, so ist mit diesen Truppen etwas anzufangen, der gemeine Mann und Unteroffizier ist dann eine vortreffliche Maschine; weniger sind sie bei dem leichten Dienst im Feld brauchbar, wozu ihnen in der Regel die nötige Gewandtheit abgeht, namentlich den Böhmen. Die Preußen, von denen ich auch einige bei mir hatte, waren in vielen Stücken ganz das Gegenteil, besonders gut zu allen Kriegslisten zu gebrauchen, und bei vieler Windbeutelei besaßen sie doch viele persönliche Tapferkeit und waren Waghälse. Die Polen kamen ihren Todfeinden, den Russen, am nächsten, waren aber womöglich noch schweinischer, namentlich immer voll Ungeziefer. Die Ungarn, sehr tapfer, spürten hauptsächlich den Speckseiten nach, mit deren Schwarten sie sich den ganzen Körper und die Haare einschmierten und sich den Rest vortrefflich schmecken ließen. Es gibt aber auch nichts Zarteres und Köstlicheres, als so ein schwarzes italienisches Schwein, das mit ausgepreßten Oliven gemästet ist und ein äußerst delikates Fleisch hat. Am unverdrossensten waren jedoch die Franzosen, wenn sie vierundzwanzig Stunden marschierten, nichts zu nagen noch zu beißen hatten, waren sie nichtsdestoweniger heiter und guter Dinge; schlugen sich, wenn es nötig war, ebenso mutig, als kämen sie von einem sybaritischen Mahl, selbst mit dem Teufel herum, und machten ihre Privathändel immer unter sich mit der Klinge aus. Die Italiener waren Duckmäuser, mürrisch, ewig unzufrieden, im Dienst nicht zuverlässig, und zeigten den wenigsten Mut in offener Schlacht; sich in sichern Hinterhalt legen war ihre Sache.
Eines Morgens, nachdem wir den Abend vorher in Squillaci eingerückt waren, trafen die Rudera unsers ersten Bataillons, von Düret angeführt, ganz unerwartet daselbst ein. Der brave Mann schien ordentlich gerührt, als er mich sah, und bezeigte eine große Freude; er hatte mich längst unter den Toten geglaubt, nahm großen Teil an dem Schicksal, das mich seit unserer Trennung betroffen hatte, und hörte meinen Berichten mit der größten Aufmerksamkeit zu. Mehr als einmal rief er aus: »_Mais c'est inoui!_« Am meisten wunderte er sich, daß ich mich nach der Schlacht von Maida so durchzuschlagen gewußt, und meinte, ich würde einst noch ein tüchtiger General werden. Indessen erfuhr ich von ihm und einigen andern Offizieren des Bataillons, daß sie während der Zeit ebenfalls nicht auf Rosen gebettet waren, furchtbare Märsche und Kontremärsche unter beständigen Gefechten mit den Feinden hatten machen und sich fortwährend durch zahlreiche Haufen von Insurgenten schlagen müssen, wobei sie viel Leute und fast die Hälfte der Offiziere, unter denen auch mein Kapitän, Herr von Leclerc, war, verloren. Zu Strongoli und Conigliano hatte man ihnen das Durchmarschieren und die Lebensmittel verweigert, beides mußten sie durch blutigen Kampf erzwingen, und erst in Cassano hatten sie einigen festen Fuß fassen und sich etwas erholen können. Das Bataillon, nun auch ein Teil von Verdiers Division, machte Jagd auf die Briganten, was, wenn auch fast immer sehr beschwerlich war, doch mitunter auch nicht ohne lustige Abenteuer ablief; gar manche schwarzäugige und schwarzhaarige Kalabresendirne, die uns in die Hände fiel, war uns doch nicht so abhold bei näherer Bekanntschaft, und ich entsinne mich immer mit Vergnügen eines allerliebsten blutjungen Mädchens, Tochters eines Sindico, die zuerst gezwungen und dann freiwillig und vergnügt eine längere Zeit Berge und Wälder mit mir durchzog, auch uns manchmal von großem Nutzen in diesen unwirtlichen Gegenden war. Als ich sie endlich in ihre Heimat, ein Dorf in dem jetzt größtenteils niedergebrannten Silawald, entlassen wollte, hatte ich alle Mühe, sie loszuwerden, trotzdem ihr ihr Beichtvater eingeprägt, daß die geringste, einem _francese_ zugestandene Gunst unfehlbar die ewige Verdammnis nach sich ziehe; aber ich war ja ein _tedesco_, schade nur, daß dem Mädchen nicht begreiflich zu machen war, was das für ein Wesen, und welcher Unterschied zwischen diesem und einem Franzosen ist. Ich versprach ihr beim Abschied, sie später wieder aufzusuchen.
Noch manche Woche ging so unter Entbehrungen, mannigfaltigen Gefahren, Strapazen und kleinen Scharmützeln hin und man wußte nie, wo man den nächsten Tag zubringen würde, gewöhnlich unter freiem Himmel. Diese Brigantenjagd war so ermüdend als in der Regel undankbar, da die Insurgenten nicht nur die Örtlichkeiten genau kannten, sondern auch immer im Einverständnis mit den Einwohnern waren, die ihnen jeden unserer Schritte verrieten und uns dagegen immer irrezuführen suchten. Nur nach unerhörten Anstrengungen und Kreuz- und Quermärschen gelang es uns bisweilen, diese wahren Überall und Nirgends zu erreichen; aber hatten wir sie auf einer Seite verjagt und versprengt, so spukten sie schon wieder auf der andern oder hinter unserm Rücken um so frecher, und hatte man sie endlich doch erwischt und ihnen viele Leute getötet, so zeigten sie sich wenige Tage darauf wieder mit größeren Streitkräften und in doppelter Zahl. Dieses immerwährend von Sizilien aus verstärkte Volk ließ sich natürlich auf einen offenen Kampf oder gar eine Schlacht nicht ein, sondern führte den kleinen Krieg, den man bei dieser Gelegenheit vollkommen gut lernte, wohl an fünfzig verschiedenen Orten zumal, weshalb auch unsere Streitkräfte so sehr zersplittert werden mußten, daß wir nirgends mit gehörigem Nachdruck operieren konnten, wodurch sie bisweilen in großem Vorteil waren. Kanonen und Reiterei waren ohnehin hier nicht anwendbar, sondern eher ein Hindernis; die Briganten fügten uns durch das Abschneiden oder Wegnehmen von Lebensmitteln, die nicht gehörig eskortiert waren, unendlichen Schaden zu. So durchzogen wir fortwährend die beiden Kalabrien und die Basilicata von einem Ende zum andern, überall Verheerung und Verwüstung hinbringend oder findend.
Eines abends, wir hatten kaum ein paar Stunden in dem in einem Waldgebirge liegenden Dörfchen Stigliano, unweit Tricarico, geruht, kam uns die Nachricht zu, daß der furchtbare Fra Diavolo neuerdings, mit einem großen Insurgentenhaufen aus Sizilien kommend, gelandet sei, sogar Kanonen bei sich führe und sich nach seiner Vaterstadt Itri begeben habe, um daselbst abermals die Insurrektion zu organisieren. Aber gleich nach seiner Ankunft vom General Hügo versprengt, habe er sich mit seiner Bande in die Gegend von Tricarico und Potenza gezogen und schon mehrere Ortschaften überfallen. In der Tat streiften Abteilungen seiner Bande im nahen Wald in der Nähe von Stigliano.
Das Gerücht hatte das Korps dieses gefürchteten Brigantenchefs zu einem bedeutenden Heerhaufen gemacht, unser Bataillon war bis auf vierhundert Mann zusammengeschmolzen und wußte nicht, daß, von Hügos Truppen verscheucht, sich Fra Diavolo selbst gewissermaßen auf der Flucht befand. Düret ließ jetzt alle Zugänge des Orts besetzen, in dessen Mitte wir ein Biwak aufschlugen, stellte Lauerposten aus, um uns gegen einen etwaigen Überfall zu sichern, und so brachten wir die ganze Nacht in Alarm zu.
Von diesem Fra Diavolo wurde so viel Fabelhaftes und Unglaubliches erzählt, daß ich ihn für einen wahren Rinaldo Rinaldini hielt und ihm meine Bewunderung, wie einst dem Schinderhannes ruhmwürdigen Andenkens, nicht versagen konnte, was mich jedoch nicht hinderte, bald darauf einen seiner Adjutanten gefangenzunehmen und ihn selbst später hinrichten zu sehen. Sein eigentlicher Name war Michaeli Pezza oder Pozza, er war aus der kleinen Stadt Itri in der Terra di Lavora gebürtig. Aus einem gemeinen Straßenräuber hatte ihn Ferdinand IV. oder vielmehr dessen Gemahlin, die Königin Karolina, auf Veranlassung des Generals Ruffo, zum Oberst der neapolitanischen Armee gemacht und ihm sogar den Titel eines Herzogs von Cassano erteilt, nachdem dieselbe Regierung früher einen Preis auf den Kopf des Räuberhauptmanns gesetzt. Während der Belagerung von Gaëta leistete er dem Prinzen von Hessen-Philippsthal wichtige Dienste, indem er die Franzosen zwischen dem Kirchenstaat und dem Volturno beunruhigte, ja, beinahe hätte er Lucian Bonaparte auf seinem Landsitz bei Rom aufgehoben; der aber wurde noch zu rechter Zeit gewarnt. Er warf sich sodann nach Kalabrien, wo er uns allen möglichen Schaden zufügte. Seine Bande war weit über zweitausend Mann stark und der Ruf seiner Taten so außerordentlich, daß die Kalabresen steif und fest glaubten: er könne zaubern und hexen und daß ihm nichts unmöglich sei. Philippsthal hatte ihn indessen wegen seiner Schandtaten, die er nicht unterließ, endlich aus Gaëta gewiesen, von wo er nach Palermo gegangen war, jedoch im September wieder mit seiner hauptsächlich durch freigelassene Galeerensklaven verstärkten Bande in Unteritalien landete, alle Banditen und Mißvergnügte abermals an sich zog und sodann nach Itri marschierte, um sich seiner Vaterstadt in seiner ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Joseph beauftragte den General Hügo, mobile Kolonnen gegen den gefürchteten Brigantenchef zu bilden, wozu jener hauptsächlich die rabenschwarzen Soldaten des Regiments Royal africain, eine Abteilung der Chasseurs von der korsischen Legion und einige andere leichte Truppen verwandte, denen er auch etwas Reiterei zugesellte.
Fra Diavolos Haufen mochte jetzt etwas über dreitausend Mann stark sein und war voller Zuversicht; reich von der Königin Karoline beschenkt, die dem Brigantenchef unter anderm ein kostbares Armband mit ihrem Bildnis und eine Fahne mit von ihr höchst eigenhändig gearbeiteten Goldstickereien verehrt hatte, und außerdem noch mit einem englischen Majorspatent versehen, hatte er sich eine kurze Zeit auf der Insel Capri bei dem dortigen Kommandanten Hudson Lowe aufgehalten und seine Operationen gegen die Franzosen mit kecker Verwegenheit begonnen. Bei dem Überfall eines Städtchens waren ihm zwei französische Damen, die Frauen zweier Stabsoffiziere, in die Hände gefallen, die er längere Zeit mit seiner Bande auf seinen Streifzügen in den Gebirgen und Wäldern herumschleppte, deren Tugend aber nicht mehr sehr jung war und die er endlich, wie sie und er behaupteten, unangetastet wieder nach Neapel zurückschickte, nachdem er sich ein Zertifikat von denselben hatte geben lassen, daß er sie mit zuvorkommender Aufmerksamkeit behandelt habe und ihrer Schamhaftigkeit und Keuschheit nicht zu nahegetreten sei. Von diesem Zertifikat hatten die Damen eine Abschrift, die: >Michel Pezzo, Herzog von Cassano, _per copia conforma_< unterzeichnet war, und die sie in Neapel allenthalben vorzeigten. Was es damit eigentlich für eine Bewandtnis hatte, daraus konnte man nicht recht klug werden, die böse Welt wollte wissen, daß die Damen, obschon nicht mehr in der ersten Jugendblüte, dennoch der Bande oder deren Anführer manche vergnügte Stunde hätten machen müssen.
Soviel ist gewiß, daß, als sie in Neapel ankamen, sie äußerst übel aussahen, was man ebensogut den überstandenen Strapazen als andern Dingen zuschreiben konnte, sie mußten sich bei all dem viel Neckereien wegen ihres Aufenthalts unter den Banditen gefallen lassen. Wer den Schaden hat, darf ja für den Spott nicht sorgen.
Die mobilen Kolonnen des General Hügo setzten indessen bald dem Fra Diavolo so gewaltig zu, daß er sehr in die Enge getrieben wurde und sich endlich gezwungen sah, seine Bande in mehrere Abteilungen zu zerstreuen, von denen eine jede vorgab, von ihm in Person befehligt zu sein, eine Kriegslist, um die Verfolger irrezuführen. Die Generäle Dühesme und Goulü hatten den Auftrag, dafür zu sorgen, daß ihm die Wege in den Kirchenstaat versperrt würden, während der jetzt in Gaëta kommandierende General Valentin seine Wiedereinschiffung verhindern sollte und Hügo ihn rastlos verfolgte, eine mühsame und gefährliche Aufgabe, da er sich immer, nachdem er einen Handstreich vollbracht hatte, in die unwegsamsten und unzugänglichsten Wildnisse zurückzog. So oft die Voltigeurs oder Jäger mit Leuten seiner Bande plänkelten, zogen sie immer den kürzern, zum standhalten und zur Annahme eines ordentlichen Gefechtes war er nicht zu bringen.