Part 36
Bis jetzt hatte ich noch wenig oder gar keine Zeit gehabt, mich auch nur oberflächlich mit Neapels Sehenswürdigkeiten zu beschäftigen und konnte nur sehr selten von den Einladungen meines Vetters Moritz Gebrauch machen; das einzige, was ich frequentierte, waren die Theater. Aber unser guter Stern wollte, daß wir während unseres diesmaligen Aufenthaltes in Neapel ein ganz anderes, sehr seltenes und großartiges Schauspiel, wie sie nur die Natur gibt und keine menschliche Kunst nachzuahmen imstande ist, sehen sollten: der Vesuv hatte nämlich schon seit längerer Zeit alle Vorzeichen gegeben, daß es demnächst zu einem Ausbruche kommen würde, und in der Tat konnten wir auch bald dieses außerordentliche Naturschauspiel in seiner ganzen furchtbar-schönen Pracht bewundern. Zuerst waren die Rauchsäulen, die unaufhörlich dem Krater dieses Berges entsteigen, mit jedem Tag dichter, stärker und dunkler geworden, und an einem Abend, ich glaube, es war anfangs Juni, fing der Berg an, das erste Feuer auszuwerfen, das mit jedem Augenblick zunahm, und mit der eingebrochenen Nacht sah man die Feuersäulen in ihrer ganzen Größe und Majestät; der Horizont über dem Vesuv sowie die spiegelnde See schienen glühend und ein Feuermeer zu bilden. Das Feuerspeien währte die ganze Nacht fort, und ich sah in derselben, einer Juninacht in Neapel, dem prachtvollen Schauspiel von einem Balkon der Fortezza nuova zu, die wir nicht verlassen durften, weil auch der Volkshorizont mit Feuer schwanger zu gehen schien. Bald sah man die Feuerströme der glühenden Lava sich nach verschiedenen Richtungen hin eine Bahn brechen, und einer derselben hatte diese so gut oder so schlimm gewählt, daß er an hundert Landhäuser und viele hundert Acker bebautes Feld gänzlich verwüstete und verbrannte; dabei war im Innern des Berges ein so schreckliches Getöse, ein so gewaltig fort und fort rollender Donner, daß viele Leute den Einsturz desselben erwarteten, andere gar glaubten, das jüngste Gericht sei im Anzug. Auf unsere Soldaten, die nie von so etwas gehört, machte dieses Phänomen einen ganz besonderen Eindruck; sie hielten es für eine sehr schlimme Vorbedeutung, und es kostete große Mühe, sie eines Besseren zu belehren. Das Wüten und Toben im Innern des Berges dauerte noch vierzehn Tage fort.
Das zweite Bataillon unseres Regiments war unterdessen auch angekommen, während das dritte noch in Genua verblieb, und wurde zum Teil nach Castellamare detachiert. Viele Offiziere, namentlich die verheirateten, für die zu wenig Raum in den Forts war, wurden aus denselben in das schöne, geräumige Kloster Giesu nuovo, aus dem die Jesuiten vertrieben worden waren und aus dem man eine Offizierskaserne gemacht, einquartiert und lebten daselbst recht gesellig zusammen. Madame Grenet, Madame Alphonse, Madame Gasqui hatten nebst noch anderen Damen samt ihren Männern ziemlich geräumige Wohnungen, und aus dem ehemaligen Betsaal der guten Väter war ein Speise-, ein Spiel- und ein Tanzsaal geworden, in den ich bisweilen die Regimentsmusik kommen ließ, um ihre Proben daselbst zu halten. Außerdem stellte ich ein Piano, das ich mietete, in denselben, und fast alle Abende fanden oft bis nach den Theatern große Reunionen hier statt, man spielte ziemlich hohe Hazardspiele, musizierte, tanzte und so weiter. Madame Gasqui sang, wie gewöhnlich die Französinnen singen, das heißt, sie trug französische Romanzen mit viel Grazie und einem ausdrucksvollen Parlando vor, hatte aber eine etwas schneidende Stimme und distonierte bisweilen. Dies darf man bei einer jungen, hübschen Frau nicht so genau nehmen, sondern muß im Gegenteil alles ausgezeichnet finden. Ich war dann gewöhnlich ihr Akkompagnateur, wurde es aber auch bald auf Promenaden, in die Theater und an anderen Orten. Herr von Gasqui war ein äußerst gefälliger Ehemann, der nicht wußte, was Eifersucht heißt. -- Als alles gerade im besten Zug und ich auch mit Madame Gasqui nahe am Ziel war -- verstanden hatten wir uns schon seit der Säulenbesteigung in Rom --, mußten wir über Hals und Kopf nach Kalabrien abmarschieren, wo unsere Angelegenheiten eine sehr schlimme Wendung genommen hatten.
Nach Paris und London ist Neapel die größte Stadt Europas, hat über zwanzig Milgien im Umfang und zählt nahe an eine halbe Million Einwohner, unter denen über vierzigtausend Lazzaroni sind, das heißt Menschen, die fast keine Bedürfnisse haben und kennen; wenn sie hungern, sich mit der frugalsten Kost von der Welt sättigen; wenn sie dürften, den Durst mit reinem Wasser, manchmal mit ein paar Tropfen Wein vermischt, löschen, und wenn sie Schlaf haben, sich da auf einer Straße oder unter Säulenhallen auf das Pflaster oder die Platten niederfallen lassen, wo sie sich gerade befinden, und in ihren kurzen leinenen Beinkleidern und einem Hemd, das ihre ganze Garderobe und Habseligkeit ausmacht, zu der im Winter noch eine Art wollener Jacke kommt, so lange ganz sorgenlos schlafen, bis sie genug haben oder durch einen Zufall geweckt werden. Schuhe und Strümpfe sind dem Lazzarone unbekannte Dinge. Immer heiter, unbekümmert und lustig, lebt er in den Tag hinein, sich wegen der nächsten oder entfernten Zukunft nie die geringste Sorge machend. Mitten unter der zivilisierten Welt lebend, bleibt er dieser doch ewig fremd und sieht mit der größten Gleichgültigkeit besternte Herren und aufgedonnerte Damen in vergoldeten Staatskarossen an sich vorüberrollen, ohne daß er sich etwas mehr oder vielmehr weit weniger dabei denkt, als wenn er die Pulcinelli ihre Possen machen sieht. In der größten Sonnenhitze läßt er sich durch deren brennende Strahlen die Haut kupferig färben, und Wind, Wetter und Regen scheinen ihn ebensowenig zu berühren, veranlassen ihn höchstens, sich auf eine halbe Stunde einmal in eine der vielen hundert immer offen stehenden Kirchen zu begeben. Die Straße ist sein Speisesaal, sein Wohnzimmer und sein Schlafgemach, die Steine seine Matratzen und Kopfkissen, der Himmel seine Bettdecke. Von Sonnenaufgang an erfüllt er die Lüfte mit seinem oft melodiereichen Gesang und dünkt sich dabei Herr der Schöpfung, glücklicher als ein König.
Eine der größten Sehenswürdigkeiten Neapels ist das Theater San Carlo, nach dem zu Parma das größte der Welt und wohl auch das schönste, mit so vortrefflich gemalten Dekorationen, daß man kaum Täuschung von Wirklichkeit zu unterscheiden vermag. Der Reichtum und die Pracht der Kostüme grenzt an das Unglaubliche, sowie die Maschinerie an das Wunderbare; seinen höchsten Glanz erreichte es wohl unter Mürat, und ich werde später, wo ich gewissermaßen demselben vorstand, Gelegenheit haben, mehr davon zu sagen. Das Innere hatte sechs Galerien oder Logenreihen, ein sehr geräumiges Parterre, in dem alle Sitze ebensovielen Armstühlen glichen und sehr bequem waren. Jede Galerie enthielt dreißig geräumige Palchi oder Logen, in einer jeden derselben, die ein kleines abgesondertes Zimmer, meist mit einem Vorzimmer bildete, war bequem für zwölf Personen Raum; sie waren auf das geschmackvollste möbliert, nach dem Belieben des Inhabers mehr oder weniger reich ausgeschmückt und mit allem Komfort versehen, sogar Damentoiletten und Spieltische fehlten nicht. In dem Vorzimmer harrten Bediente, man wartete in den Zwischenakten mit allen erdenklichen Erfrischungen den geladenen Gästen auf und soupierte nicht selten auch während der Vorstellungen. Jeder dieser Palchi hatte zwei, auch vier Spiegel mit Wandleuchtern, ebenso waren außerhalb und zwischen denselben Spiegel mit drei- oder fünfarmigen vergoldeten Armleuchtern angebracht, was bei einer vollständigen Illumination, wo so viel tausend Kerzen durch den Widerschein der vielen Spiegel millionenmal vervielfältigt wurden, eine unbeschreibliche, feenhafte Wirkung hervorrief. Die Draperien dieser Logen waren meistens von karmoisinfarbigem, genuesischen Thronsammet, mit reichen Goldstickereien und Fransen von demselben Metall versehen. Später ließ Mürat noch das Portal dieses Prachthauses durch ein aus fünf Bogen bestehendes, herrliches Peristil verschönern; 1816 brannte es jedoch ab, wurde aber ebenso prächtig wiederhergestellt. Hier wurden nur die ganz großen Opern (_Opera seria_), Meisterwerke der Tonkunst und Prachtballette gegeben.
In den übrigen Theatern sah man die _Opera buffa_ und italienische Lustspiele in hoher Vollendung aufführen. Das vorzüglichste unter denselben war Fiorentino, dessen Direktion damals eine Deutsche, Madame Müller, hatte. Ich sah öfter Kotzebuesche Lustspiele, recht gut übersetzt, in demselben geben. Im Theater nuovo wurde später französisch gespielt.
Der Gebrauch, der in ganz Italien zu Hause ist, daß mehrere Monate hintereinander jeden Abend ein und dieselbe Oper und ein und dasselbe Ballett aufgeführt werden, scheint dem Ausländer anfangs unausstehlich, und er begreift nicht, wie ein und dasselbe Publikum (in den Logen sind fast immer dieselben Personen) das sich stets wiederholende Theater fast jeden Abend besuchen mag. Aber auch diese Gewohnheit hat, wie alles, ihre zwei Seiten; mir wollte ebenfalls dieser Gebrauch anfänglich nicht zusagen, ich fand ihn fast unerträglich, aber fügte mich dennoch bald darein, und zuletzt mußte ich eingestehen, daß er seine sehr angenehme Seite hat und sogar das Vergnügen der Unterhaltung vermehrt. Ist die Musik der Oper gut, gediegen und gehaltvoll, so entdeckt man bei jeder Wiederholung derselben neue Schönheiten, die man während den ersten Vorstellungen überhörte und nicht auffaßte, mit denen man nun immer vertrauter wird und sich im voraus darauf freut, diese lieblichen Melodien, diese herrlichen Harmonien wieder, wenn auch zum fünfzigstenmal zu hören; während der Rezitative oder wenig ansprechenden Morceaus aber plaudert man mit seinen Nachbarn und unterhält sich auf das angenehmste, sobald man einmal den Inhalt und die Intrige des Sujets kennt. So sah ich zum Beispiel Meyers vortreffliche Oper >_Ginevra di Seozia_< mehr als sechzigmal hintereinander und mit immer steigendem Interesse, und so erging es dem ganzen Publikum, ja als endlich eine neue Oper in Szene gesetzt wurde und diese nach mehreren Vorstellungen nicht sonderlich gefiel, mußte _Ginevra_ wieder hervorgeholt und abwechselnd mit jener gegeben werden. Außerdem muß das Theater in Italien, wo die Gesellschaften und Soireen nicht in der Art wie in Deutschland oder Frankreich florieren, diese und die gemütlichere Geselligkeit ersetzen, und im Opern- oder Schauspielhaus wird geplaudert, gespielt, soupiert und so weiter. Man besucht sich gegenseitig in den Palchi, teilt sich daselbst die Neuigkeiten des Tages und die Stadtklatschereien mit, schwatzt sich aus, und dies alles, indem man von Zeit zu Zeit den herrlichsten Ohrenschmaus hat, wo alsdann eine Totenstille im ganzen Haus eintritt.
Eine ganz eigene Bewandtnis hat es auch mit den italienischen Benefizvorstellungen, und es ist wohl der Mühe wert, die bei demselben stattfindenden sehr sonderbaren Gebräuche näher kennen zu lernen.
Der Künstler, Sänger, Schauspieler oder Tänzer, gleichviel, dem eine Benefizvorstellung, hier _una serata_ genannt, zukommt, macht ebenso wie eine Sängerin, Tänzerin, die sich in diesem Fall befindet, schon vier bis sechs Wochen vor derselben in allen angesehenen Häusern seine Aufwartung und gibt dabei eine auf feinem, weißen oder bunten Papier, für die Autoritäten und vornehmsten Häuser wohl auch auf Atlas gedruckte Einladung ab, welche zu gleicher Zeit das Programm der Stücke enthält, die an jenem Abend aufgeführt werden. Ist nun der feierliche Tag dieser Aufführung herangekommen, so setzt sich der Benefiziant oder die Benefiziantin in ihrem brillantesten Kostüm hinter einen schön gedeckten, sich an dem Haupteingang des Theaters befindlichen Tisch, auf dem zwischen vier silbernen Armleuchtern und Blumenvasen eine große silberne Schüssel steht und der von zwei, manchmal auch vier Grenadieren, welche Wache dabei halten, umgeben ist. Jeder Eintretende wirft nun, je nachdem er mehr oder weniger großmütig oder wohlhabend ist, ganz nach Belieben ein oder mehrere Stücke Geld in das Becken, wofür ihm der Benefiziant oder die hübsche Benefiziantin mehr oder minder graziös und verbindlich, je nachdem das hingeworfene Geld bedeutend ist, dankt und dem Geber sehr freundliche Blicke zuwirft. Ist die Benefiziantin eine berühmte oder schöne Sängerin oder Tänzerin _en vogue_, so regnet es Goldstücke und sogar Goldrollen in das Bassin und wohl auch noch andere Geschenke, als Brillantnadeln, Ringe, Ohrgehänge und dergleichen. So habe ich einmal in Florenz gesehen, daß einer solchen Prinzessin von einem schon bejahrten, aber sehr reichen Lieferanten ein einfacher Blumenstrauß dargereicht wurde, bei näherer Untersuchung fand es sich aber, daß dessen Kern, das heißt Stengel, eine Rolle von zweihundert Rusponi (Goldstücke von vierzig Franken an Wert) enthielt. Aus anderen Buketts blitzen Sternblumen und Rosetten von Diamanten, Rubinen oder Smaragden hervor, bei kleinen Sträußchen waren die Blumen ganz von Edelsteinen, Stengel und Blätter aber von Gold und letztere grün emailliert. So waren gewöhnlich die Buketts beschaffen, welche Mürat den Theaterprinzessinnen verehrte. Man kann bei solchen Gelegenheiten zwar auch Billette an der Kasse lösen und das silberne Becken ignorieren, was jedoch nicht leicht jemand tut, da der Tisch immer von einer Menge kontrollierender Neugieriger umgeben ist. Die Benefize des untergeordneten Personals werden aber wenig besucht, und dieses ist zufrieden, wenn sich ein paar Hände voll Silber in dem Bassin befinden. Auch während der Vorstellung regnet es oft noch Gold, aber besonders viel Blumen und Gedichte, welche das Lob der Benefizianten in überschwenglichen Ausdrücken besingen, Kränze fallen von den Palchi und aus den Ventilatoren herab, manchmal läßt man auch weiße, mit Rosabändern geschmückte Tauben auf die Bühne fliegen, denen Billetts oder Reime an den Hals gehängt sind; daß eine solche Glückliche mit einem endlosen Hallo und donnernden Bravos empfangen, wenigstens ein halbes Hundert mal hervorgerufen und endlich harangiert und gekrönt wird, versteht sich von selbst.
Sobald das Kommen der Zuschauer aufgehört hat, verläßt der Benefiziant seinen Platz hinter dem Tisch, packt seine Einnahme zusammen, die bei gefeierten Schönen bisweilen fünfzigtausend Franken und mehr beträgt, und begibt sich auf die Bühne, wo für diesen Abend jedenfalls einige Extrastücke wenn nicht ganz neue Vorstellungen zum besten gegeben werden. Nicht selten ist es auch der Fall, daß sich bei solchen Gelegenheiten Dilettanten und Dilettantinnen aus den angesehensten Familien der Stadt zugunsten des Benefizianten, wenn dieser ein nicht gewöhnliches Talent hat, hören lassen und eine Partie in einer Oper singen; ich selbst habe dies später mehrmals, teils aus Liebhaberei für das Theater, teils der schönen Benefiziantin zuliebe in verschiedenen Städten Italiens getan, ohne daß man bei den militärischen Behörden irgendeinen Anstoß daran gefunden hätte, und ich war nicht der einzige Offizier, der dies tat, im Gegenteil fanden es die französischen Offiziere beneidenswert und genial, denn über alle Gamaschen- und Zopfpossen war man längst hinaus.
Aus Unteritalien und namentlich aus Kalabrien kamen jetzt mit jedem Tag schlimmere Nachrichten, fast stündlich trafen Kuriere und Stafetten von den Kommandanten der Provinzen ein, welche die Lage derselben als äußerst schwierig schilderten, und alle Anzeichen schienen den Ausbruch eines nahen und schweren Sturmes zu verkünden. Überall rotteten sich Banden unter waghalsigen und unternehmenden Häuptern, die nicht selten Geistliche waren, zusammen; unter den letzteren war besonders ein Pfarrer Petroli, der dem flüchtenden Hof nach Sizilien gefolgt und insgeheim wieder zurückgekehrt war, sehr wirksam, überhaupt spie Sizilien, was es vom Abschaum der Banditen, Räuber und Mörder besaß, unaufhörlich an den Küsten von Kalabrien und Apulien aus; die Geistlichkeit und Pfaffen schürten den Haß des Volkes und fachten ihn zur verzehrenden Flamme an. Die Bandenanführer, die schon 1799 unter dem Kardinal Ruffo die Unzufriedenen gegen die Franzosen geführt hatten und sich noch in Sizilien befanden, wohin sie der Königin Caroline, die sie beschieden hatte, gefolgt waren, schickten fortwährend ihre Emissäre ab, korrespondierten unausgesetzt mit ihren Anhängern im ganzen Reich und in der Hauptstadt selbst, und man wußte, daß man in Sizilien die Landung eines starken englisch-sizilianischen Heeres, durch alle Briganten und Banditen Kalabriens und Apuliens verstärkt, die seiner Ankunft harrten, vorbereitete. Die Franzosen hatten zwar einigen Anhang unter den Gutsbesitzern und den sogenannten Patrioten, welche die verjagte königliche Familie tödlich haßten und auf der anderen Seite den Ausbruch der Volkswut zu befürchten hatten, aber diese, welche in einem solchen Fall alles für ihr Leben und Eigentum zu fürchten hatten, waren um so weniger imstande, den durch die Pfaffen wütend gemachten Pöbel im Zaum zu halten, da man von französischer Seite den unverzeihlichen Fehler beging, diese der neuen Regierung günstigen Personen nicht zu einer Art Bürger- oder Nationalgarde zu organisieren und zu bewaffnen, und diejenigen Barone und Gutsbesitzer, von denen man wußte, daß sie dem entflohenen Hof feind waren und dessen Rückkehr zu fürchten hatten, an ihre Spitze zu stellen, wodurch man sich einen festen Anhaltspunkt und eine starke Stütze geschaffen haben würde. General Regnier befehligte jetzt in Kalabrien und hielt sich zu Reggio auf, um Sizilien daselbst besser zu überwachen, konnte aber nicht verhindern, daß fast jede Nacht Hunderte der ehemaligen Streiter des Kardinals Ruffa übergesetzt wurden. Es wurden nun beständig Verstärkungen von Neapel nach Kalabrien abgesandt, und so oft neue Truppen von Oberitalien in dieser Hauptstadt eintrafen, sandte man eine gleiche Zahl weiter; so kam auch bald die Reihe an unser Bataillon. Eines Tages erhielten wir bei der Wachtparade in der Fortezza nuova den Befehl, binnen vier Stunden marschfertig zu sein, um zu den Truppen zu stoßen, welche der General Verdier in Cosenza, der Hauptstadt Kalabriens, kommandierte, und die eingebrochene Nacht traf uns schon auf dem Marsch dahin.
XVIII.
Erster Feldzug in Kalabrien. -- Portici. -- Salerno. -- Eboli. -- Cosenza. -- Die Schlacht bei Maida. -- Scheußliche Behandlung und Martern der den Briganten in die Hände gefallenen Gefangenen. -- Die schrecklichsten Augenblicke meines Lebens. -- Gräßlicher Insurgentenkrieg und Verwüstungen. -- Fra Diavolo. -- Ich nehme seinen Adjutanten gefangen. -- Seine Galanterie gegen zwei französische Offiziersdamen. -- Rückkehr nach Neapel. -- Fra Diavolos Gefangennehmung und Hinrichtung.
Über die Brücke della Maddelena, welche am entgegengesetzten Ende des Posilippo über das unbedeutende Flüßchen Sebeto führt, marschierten wir nach dem wenige Miglien entfernten Portici, das unfern des Vesuv am Ufer des Meeres liegt, ein königliches Schloß hat, in welchem man eine interessante Sammlung der zu Pompeji und Herkulanum ausgegrabenen Altertümer aufbewahrte. Hier wurde ein halbstündiger Halt gemacht, und die Soldaten und Offiziere freuten sich, das herrliche Neapel im Rücken zu haben; denn der Dienst war über alle Maßen beschwerlich und ermüdend gewesen, man war fast nie aus den Kleidern gekommen, und auch ich konnte mit vollem Recht >Keine Ruh bei Tag und Nacht< singen, hatte noch wenig von Neapels Herrlichkeiten gekostet, und es war mir unmöglich gewesen, mich einen einzigen Tag ganz frei machen zu können, um nur den Vesuv zu besteigen, ein Wunsch, der mir sehr am Herzen lag und jetzt in Portici, so nahe an dem merkwürdigen Berg, von neuem erwachte und mich mit Bedauern erfüllte, ihn nicht befriedigen zu können, nicht wissend, ob ich den wild-tobenden Gesellen je wieder erblicken würde. Wir brachen nun über Torre del Annunciata nach Nocera auf, einem kleinen Städtchen, das unsere erste Etappe war. Hier ruhten wir den Tag über, denn wir marschierten gerade in der heißesten Jahreszeit, in der zweiten Hälfte des Monats Juni, wo die Luft hier kochend ist. Die folgende Nacht brachte uns nach Salerno; von Neapel bis hierher ist der Weg angenehm, man kommt fortwährend durch schön gelegene Ortschaften, so daß man selten eine halbe Stunde marschiert, ohne ein Dorf oder einen Flecken zu passieren. Hier ist aber auch die Gegend und das Feld durch die Asche des Vesuvs so außerordentlich fruchtbar geworden, daß sie sechsmal soviel Bewohner als die anderen Provinzen des Reichs ernähren kann und auch ernährt.
Salerno ist eine angenehme Stadt, die, von lachenden Fluren und Hügeln umgeben, an dem Ufer des Meeres liegt und an achttausend Einwohner und dreißig Klöster hatte. Auch hier sind die Straßen mit Lava gepflastert, sonst aber schlecht gebaut.
Hier stießen wir auf einen kleinen Transport verwundeter französischer Soldaten nebst zwei Offizieren. Diese teilten uns mit, daß es in ganz Kalabrien greulich aussehe, daß man sich vor allem hüten müsse, den Briganten (so wurden alle Insurgenten genannt) lebendig in die Hände zu fallen, da sie an den gefangenen Franzosen die entsetzlichsten und unerhörtesten Grausamkeiten begingen, bevor sie solche töteten. Die Königin Caroline habe das ganze Land mit unzähligen Emissären überschwemmt, welche das rohe und abergläubische Volk gegen uns aufwiegelten, und selbst bis an die Tore von Cosenza habe sich der Aufstand schon verbreitet. Die Geistlichkeit und die Mönche seien aber unsere größten Feinde, sie versprächen dem Volk für jedes Glied eines Franzosen fünfzig Jahre weniger in dem Fegfeuer zu schmachten und für einen getöteten Feind Absolution aller Sünden, wer aber deren drei töte, dessen Seele fahre schnurstracks in den Himmel, ohne die Hölle nur zu berühren; dies alles glaubte das Volk wie an die Wunder der Madonna oder an das Dasein der Sonne, auch machten uns diese Kameraden eine gräßliche Schilderung von der Verpflegung und dem Mangel an guten und nährenden Lebensmitteln, dem wir entgegen gingen, da man selbst für Geld nichts erhalten könne und die Quartiere ärger wie Viehställe seien. Dies waren saubere Aspekten, und nur zu bald sollten wir uns überzeugen, daß diese Berichte weder unwahr noch übertrieben waren.
Von Salerno kamen wir in das Städtchen Eboli, in dessen Nähe bei dem Dorf Buccino eine noch ganz gut erhaltene altrömische Brücke über den Fluß Botta führt. Von hier wandten wir uns den Apenninen zu und marschierten unaufhaltsam durch die Gebirge über Lago negro, wo die Neapolitaner erst vor wenigen Monaten von den Franzosen geschlagen worden waren, und das mitten in Sümpfen liegende Tarsia nach Cosenza, wo wir gegen Ende Juni eintrafen. Der Weg ging fast ununterbrochen bis Castrovillari über Gebirge auf- und abwärts und war sehr lästig und beschwerlich, namentlich der Übergang über den hohen Berg Gualda. Bis hierher hatten wir indessen noch an nichts Mangel gelitten, im Gegenteil alles im Überfluß gehabt. Von Tarsia aber ging der Marsch bis Cosenza, noch zehn gute Stunden, durch Reisfelder, große Moräste und im Sommer fast ganz ausgetrocknete Bäche, die aber in der Regenzeit zu wilden, reißenden Waldströmen werden, und war sehr unangenehm. Wir waren die ganze Nacht durchmarschiert, ohne einen frischen Trunk Wasser, viel weniger sonst etwas erhalten zu können, an einigen elenden Baracken machten wir zwar öfters Halt, aber da war für alles Geld auch nicht das mindeste zu haben. Erst gegen Mittag des kommenden Tages, bei der unausstehlichsten Hitze, erblickten wir endlich, matt und müde, das ersehnte Cosenza, das uns wie das gelobte Land erschien. Auf dem Marktplatz daselbst angekommen, ließen sich die Leute auf das Pflaster niederfallen und schliefen bald vor Müdigkeit auf ihren Tornistern ein, bis sie, von den Fourieren und Sergeantmajors aufgeweckt, in ihr Quartier, wieder ein paar Klöster, geführt wurden.