Part 34
Als ich den Korso entlangging, begegnete ich dem Kapitän Gasqui mit noch einigen Offizieren, die mich einluden, sie zu begleiten und ihnen als Dolmetscher zu dienen, da noch keiner von denselben zehn Wörter italienisch konnte, sie auch wußten, daß ich in der römischen Geschichte bewandert war und eine ziemlich genaue theoretische Kenntnis von Rom hatte. Gerne schloß ich mich dieser Gesellschaft an, wir schlugen zuerst den Weg nach der Sankt Peterskirche ein, wo uns der ungeheure zirkelrunde, von vierfachen Säulenreihen umgebene Platz mit seinen prächtigen zwei Springbrunnen und dem höchsten Obelisk Roms in der Mitte, die Fassade des berühmtesten Tempels der Christenheit, neben dem sich rechts der stolze Vatikan zu den Wolken erhebt, allerdings in Staunen und Bewunderung versetzte. Nicht so das Innere der Kirche, das diesmal, besonders auch hinsichtlich der Größe, hinter meiner Erwartung zurückblieb, deren ungeheure Dimension man aber nach und nach, die einzelnen Teile betrachtend und näher untersuchend, gewahr wird, weil das Ganze eben durch das Kolossale derselben zu sehr gedrückt wird und überladen scheint. Ich machte, soviel ich es imstande war, Vasis Beschreibung von Rom, die ich mir schon in Bologna angeschafft hatte, in der Hand, den erklärenden Ciceroni, und gab mir vorzüglich viel Mühe, die reizende Madame Gasqui auf die hauptsächlichsten Schönheiten derselben aufmerksam zu machen. Wir hatten uns hier schon eine ganze Stunde verweilt, als ich die Gesellschaft erinnerte, daß, wenn wir noch mehr in Rom sehen wollten, es Zeit sei, weiterzugehen. Einige wünschten noch den Vatikan zu besuchen, worauf sie aber auf meine Bemerkung, daß, um ihn nur flüchtig zu durcheilen, was uns noch vom Tage übrigbleibe nicht hinreichen möchte, verzichteten, und wir verständigten uns dahin, für diesmal nur noch das Pantheon, das Kapitol, das Kolosseum, das alte Forum, jetzt Campo Vaccino, die Triumphbogen des Titus, Konstantins und Monte-Cavallo zu besuchen, die alle in großer Entfernung von der Peterskirche liegen, so daß wir vollauf zu tun hatten, dies möglich zu machen. Wir gingen nun wieder an dem nahen Castel St. Angelo vorbei, zum zweitenmal über die Engelsbrücke und nahmen, auf der großen Piazza Navona angekommen, zwei Mietkutschen, wo ich es so einzurichten wußte, daß ich mit Herrn und Madame Gasqui in der einen, die übrigen Offiziere aber in der andern fuhren; wir begaben uns zuerst in das Pantheon, ehemals allen Göttern Roms und Griechenlands geweiht, und jetzt die Kirche San Maria Rotonda, die mit Recht allen Architekten, die ähnliche Meisterwerke, denn sie ist ein solches, aufführen wollen, zum Modell dient. Von hier fuhren wir zum Kapitol, das wir zwar bestiegen, aber dessen Inneres wir nicht sahen, weil uns die Zeit dazu mangelte. Vom Kapitol begaben wir uns auf das Campo Vaccino und zu dem Kolosseum, dessen Größe allerdings kolossal genug ist, um überraschend zu imponieren; es faßte über hunderttausend Zuschauer, und hier wurden die größten Schauspiele der Welt aufgeführt; in Europa kenne ich kein zweites Gebäude, das so in Erstaunen setzt, obgleich ein Teil desselben mutwillig niedergerissen wurde, um dessen Steine zu andern Bauten zu benutzen. Die schöne Madame Gasqui am Arm, in Gesellschaft der übrigen, wanderte ich im Innern desselben von Station zu Station (es sind hier die vierzehn Leidensstationen Christi in der Runde aufgestellt). Hierauf sahen wir noch die beiden erwähnten Triumphbogen, fuhren nach Monte-Cavallo, den von Seiner Heiligkeit bewohnten Palast zu sehen, und von da auf die Piazza Colonna, wo ich die Gesellschaft beredete, noch die Antoniussäule zu besteigen, was aber Kapitän Gasqui wenigstens für seine Person ablehnte, weil ihm das Steigen zu beschwerlich war. Auf der sehr engen Treppe, welche im Innern derselben zu ihrem Gipfel führte, reichte ich der Madame Gasqui die Hand, um ihr das Steigen zu erleichtern und den übrigen den Weg zu zeigen; wir waren aber bald durch ein Dutzend Stufen von den uns Folgenden getrennt, die uns aus den Augen verloren, und um der Dame die Mühe noch weniger beschwerlich zu machen, faßte ich sie um ihre schlanke Taille, sie von einer Stufe zur andern hebend, was sie auch lächelnd geschehen ließ, sowie daß ich sie bei jedem Schritt aufwärts fester an mich drückte, was sie zu ignorieren schien. Der Weg zu einem intimeren Verhältnis war dadurch gebahnt, das sich auch später zwischen uns entspann. Schon auf der Insel Porquerolles, als ich die liebenswürdige junge Frau durch das Gebüsch kommen sah, hatte sie mein Herz stärker schlagen gemacht, in Genua aber sah ich sie nur wenig und war so sehr mit den dortigen Schönen beschäftigt, daß mir keine Zeit übrigblieb, noch an andere zu denken. Erst auf dem Marsch von da bis hierher bekam ich sie öfters, meistens ritt sie im Gefolge des Bataillons, zu Gesicht, und hatte manchmal ein paar Worte und Blicke mit ihr gewechselt. Den heiligen Paulus, der jetzt statt des Kaisers Antonius Pius auf der Säule steht und diese verunstaltet, bat ich heimlich, meine neue Inklination in Schutz zu nehmen. Nachdem wir uns gehörig umgesehen und den Umfang der ungeheuern Stadt bewundert hatten, verließen wir die Säule, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, uns bei dem Herabsteigen von den Übrigen zu trennen, die uns dicht auf den Fersen folgten. >Oh, wären wir doch allein gewesen!< seufzte ich bei mir selbst. Kapitän Gasqui nahm uns unten in Empfang und meinte, wir seien etwas lange geblieben.
Wir nahmen nun noch ein fröhliches Mahl bei einem Restaurateur auf dem Spanischen Platz ein und begaben uns jeder in sein Quartier, uns zum nahen Abmarsch vorzubereiten. Die Sonne war bereits hinunter, und der Abmarsch war für die zehnte Stunde beordert; ich aber hatte mein Quartier nicht einmal aufgesucht, begab mich wieder in meine Kaserne zurück und ruhte noch ein paar Stunden bis zur ersten Rappelle des Tambours. Bald stand das Bataillon unter dem Gewehr, aber bevor wir abmarschierten, setzte es noch ein kleines Donnerwetter. Von mehreren Orten, wo wir einquartiert gewesen, und namentlich auch von Loretto, waren bei dem päpstlichen Gouvernement Klagen wegen des von den Soldaten in Klöstern und Kirchen verübten Unfugs eingelaufen, die das unflätige Anschmieren der Wände mit Kohlen, meistens Zerrbilder auf die Pfaffen, und auch andere, die Keuschheit derselben beleidigende Dinge betreffend, nicht unterlassen konnten, wegen deren man unsern Bataillonschef Düret in Rom zur Rede gestellt hatte. Dieser erließ jetzt einen strengen Tagesbefehl und verbot bei schweren Disziplinarstrafen, sich ferner dergleichen zu unterfangen, er hielt auch noch einen Sermon vor der Front an das Bataillon dieserhalb, sowie wegen der ziemlich zahlreichen Deserteure, von denen man gerade ein halbes Dutzend wieder eingebracht hatte, welchen man mit Erschießen drohte, wozu es indessen nicht kam. Hierauf wurde mit rechts in die Flanken, und zwar in aller Stille, ab- und durch die heilige Stadt ohne Trommelschlag und klingendes Spiel marschiert, denn es durften laut Konvention damals keine französischen Truppen bewaffnet durch die Residenz des Papstes marschieren, sondern sie mußten den großen Umweg um die Mauern derselben machen. Es war also eigentlich eine Infraktion, die wir begingen, von der jedoch keine Notiz genommen wurde. Heller Mondschein leuchtete durch die Straßen der Stadt, deren Gebäude und Schatten uns wahrhaft riesig erschienen. Von Zeit zu Zeit ließen die Blasinstrumente unsers Musikkorps eine sanfte Melodie oder einen _pas redoublé_ ohne türkische Musik ertönen, was diesen Marsch noch romantischer machte. Endlich kamen wir durch die Porta San Giovanni, die nach Albano, unserem nächsten Quartier, führt, wo ich, ermüdet, den ganzen Tag verschlief. Von hier marschierten wir über Veletri durch die pontinischen Sümpfe nach Terracina, wo wir einen Ruhetag hatten. Von da nach Fondi, dem ersten neapolitanischen Städtchen, und durch üppige Gegenden nach Mola di Gaëta, wo wir uns endlich auf dem Schauplatz der kriegerischen Ereignisse befanden, und den neunten oder zehnten Tag nach unserm Abmarsch von Rom ohne besondere Abenteuer, meist spottschlechte Quartiere habend, eintrafen.
Noch in einer ziemlichen Entfernung von Mola di Gaëta, das auf den Ruinen des alten Formio erbaut ist, hörten wir schon den Kanonendonner des Geschützes der die Festung beschießenden Artillerie. Gegen neun Uhr des Morgens kamen wir zu Mola an, wo unser erster Blick auf Verwundete fiel, die man ins Feldlazarett transportierte, welche soeben bei den Belagerungsarbeiten durch das Geschütz der Belagerten übel genug zugerichtet worden waren, und von denen einige mit dem Tode rangen.
Bevor ich mit dem Bericht der Blockade und Belagerung von Gaëta während unsers Aufenthaltes vor dieser Festung fortfahre, muß ich ein paar Worte über die damalige Besitznahme von Neapel durch die Franzosen vorausschicken.
Napoleon hatte in den Feldern von Austerlitz beschlossen, der Herrschaft der Bourbonen in Neapel ein Ende zu machen, weil der König Ferdinand IV., gegen den Vertrag vom 21. Juli 1805, den Russen und Engländern die Häfen seines Reiches geöffnet hatte. Im Februar 1806 war das französische Heer in drei Kolonnen unter dem Oberbefehl von Napoleons Bruder, dem Prinzen Joseph, und dem Marschall Massena, der das Zentrum befehligte, im Königreich Neapel eingerückt. General Regnier, der den rechten Flügel kommandierte, war vor Gaëta gerückt, während Massena Capua fast ohne Widerstand nahm und die Franzosen schon den 14. Februar in die Hauptstadt eindrangen; einen Tag später hielt Joseph seinen feierlichen Einzug in dieselbe. Einstweilen war der linke Flügel des Heeres, meistens aus italienischen Truppen bestehend, unter dem General Lecchi über Itri vorgedrungen, und als wir im Mai nach Mola di Gaëta kamen, war, Gaëta und einige andere, im Absatz und an der Sohle des italienischen Stiefels liegende Gegenden ausgenommen, schon der größte Teil des Königreiches von den französischen Truppen besetzt, aber noch weit entfernt, beruhigt zu sein. Der Tanz sollte im Gegenteil erst recht angehen und lange und blutig genug werden. Unterdessen war durch ein kaiserliches Dekret der Prinz Joseph zum König von Neapel ernannt worden.
XVII.
Die Belagerung von Gaëta. -- Mola di Gaëta. -- Abmarsch nach Neapel. -- Sessa. -- Ein Dominikanermönch verführt zwei Korporale. -- Capua. -- Aversa. -- Neapel. -- Vetter Moritz. -- Der neue König und seine Regierung. -- Das Blut des heiligen Januarius wird zugunsten der Franzosen flüssig. -- Scheußliche Exekutionen. -- Der Vesuv speit Feuer. -- Die Lazzaroni. -- Die italienischen Benefizvorstellungen. -- Aufstand in Kalabrien. -- Abmarsch dahin.
Der General Regnier hatte den Versuch gemacht, die starke Festung Gaëta durch eine Überrumpelung zu nehmen, der jedoch verunglückt war; denn der Prinz von Hessen-Philippsthal, der in derselben kommandierte, verteidigte sich auf das tapferste und hatte geäußert: »Gaëta ist nicht Ulm und ich bin nicht Mack.« Der General Grigny und mehrere Offiziere und Soldaten hatten bei diesem Versuch das Leben verloren; doch war eine Redoute weggenommen worden. Regnier hatte nun eine Abteilung seines Armeekorps vor der Festung gelassen, um diese einstweilen im Blockadezustand zu halten, und war mit dem Überrest seiner Truppen weiter in das Königreich Neapel vorgerückt. Im Monat März wurden die Belagerungsarbeiten begonnen. Unterdessen hatten die Franzosen das neapolitanische Heer, durch Insurgenten verstärkt, in den Engpässen von San Martino überflügelt und auf das Haupt geschlagen, so daß sich dasselbe in zügelloser Flucht auflöste; ein Bataillon von der königlichen Garde, mehrere tausend Gefangene, Geschütz, Pferde und Bagage waren den Siegern in die Hände gefallen. Der Rest flüchtete sich in die Gebirge von Kalabrien.
Schon lange vor unserer Ankunft hatte man angefangen, die Festung zu beschießen, und fand für nötig, das von Regnier zurückgelassene Belagerungskorps, das anfänglich nur aus zweitausendfünfhundert Mann bestand, bis auf fünfzehntausend Mann zu verstärken, sowie das nötige Belagerungsgeschütz nicht ohne große Beschwerlichkeiten, zum Teil sogar von Mantua, kommen zu lassen. Die meisten Lafetten dazu wurden erst im Lager selbst verfertigt.
Wir biwakierten größtenteils in Baracken oder Erdhütten und waren bei den Schanzarbeiten dem feindlichen Feuer sehr ausgesetzt. Man hatte mir oft gesagt, daß selbst der unerschrockenste Mensch, der zum erstenmal in das Feuer der Schlachten komme, sich des sogenannten Kanonenfiebers und eines Herzklopfens nicht erwehren konnte, indessen habe ich bei dieser Belagerung, wo ich zum erstenmal feindliche Kugeln zischen hörte, von diesem Fieber nichts verspürt, obgleich unsere Kompagnie an einem der gefährlichsten und dem Geschütz der Festung am meisten ausgesetzten Ort arbeiten mußte; dagegen verursachte mir der Anblick der oft schwer Verwundeten und Verstümmelten eine schmerzliche Empfindung. Gewiß ist es, daß ein passives Verhalten vor dem Feinde oder bei dessen Angriffen am ersten geeignet ist, Herzklopfen zu verursachen, besonders wenn man in einem hintern Treffen müßig, das Gewehr im Arm, stehen muß, während die vordern schon handgemein sind und man die armen Teufel mit zerschmetterten Gliedern, Armen und Beinen, jammernd, stöhnend, ächzend und Schmerzensgeschrei ausstoßend, vorübertragen sieht; da gebe ich gern zu, daß auch der Mutigste nicht gleichgültig bleibt, er hat wenigstens ein banges Vorgefühl, weshalb man immer die nicht gleich ins Feuer kommenden Truppen womöglich so zu placieren suchen sollte, daß ihnen dieser eine nachteilige Wirkung habende Anblick erspart würde. Wenn aber, kaum in Schlachtordnung gestellt, der Angriff sogleich beginnt, so ist das Wirbeln der Trommeln, das Schmettern der Trompeten, das Wiehern der Rosse, der Donner des Geschützes und das Abfeuern der Gewehre, sowie das betäubende Schlachtgetöse überhaupt, ganz dazu gemacht, den Soldaten, wenn er auch nicht gerade zu den Tapfersten gehört, zu begeistern und zu ermutigen. Wenigstens erging es mir so, und wenn das Getümmel des Gefechts am ärgsten war, hatte ich am wenigsten Sinn für Gefahr, in die ich mich mit Enthusiasmus, ja mit einer Art von Wut stürzte, und nur der ausgemachteste Feigling kann dann noch Sinn für Flucht oder Angst haben.
Es waren besonders zwei Anhöhen, von denen der Hauptangriff auf die Festung gemacht werden mußte. Beide waren durch eine Schlucht getrennt. Auf dem einen Hügel stand ein altes Gemäuer, _Terra attratina_ genannt, in welchem man Pulver aufbewahrte, der andere Hügel hieß _Monte secco_; auf beiden wurden Batterien aufgepflanzt, nachdem man mit den Laufgräben fertig war, die man anlegen mußte, um die Leute dem feindlichen Geschütz, das ein ununterbrochenes, furchtbares Feuer unterhielt, ohne es erwidern oder sich verteidigen zu können, nicht zu sehr bloß zu geben, denn es setzte täglich eine bedeutende Zahl Toter und Verwundeter. An der Küste hatte man ebenfalls mehrere Batterien errichten müssen, um sich vor den Angriffen der feindlichen, namentlich der englischen Schiffe zu sichern, da die Kanonierschaluppen und Bombardierschiffe oft sehr nahe an das Ufer kamen. Die Arbeiten waren überhaupt sehr mühsam, und es bedurfte einer großen Menge Sandsäcke, Schanzkörbe, Faschinen und so weiter, wozu die Materialien und das Holz sehr weit im Lande, bis bei Fondi, geholt werden mußten; auch traf man bei dem Graben der Laufgräben nicht selten auf alte Mauern und Fundamente, die so fest und stark waren, daß sie mit Pulver gesprengt werden mußten, selbst die zu den Parapets nötige Erde mußte eine ziemliche Strecke weit herbeigeführt werden.
Gaëta selbst ist eine außerordentlich starke Festung, vielleicht mit die stärkste auf dem ganzen europäischen Kontinent, und von der Natur außerordentlich begünstigt, ein zweites Gibraltar. Sie liegt auf einer Erd- oder vielmehr Felsenzunge, ist von drei Seiten vom Meer umströmt, durch steile Felsen geschützt und hat einen trefflichen Hafen. Der Strich Landes, durch den sie mit dem Festland zusammenhängt, ist kaum zweitausend Schritte breit.
Die Stadt mochte etwa achttausend Einwohner zählen, von denen jedoch viele geflüchtet waren.
Die Garnison der Festung bestand aus zirka siebentausend Mann, sie wurde von der See aus durch die englischen, von dem tapfern Admiral Sidney Schmidt befehligten Schiffe mit allem, was ihr Not tat, reichlich versehen und ihr Verstärkungen zugesichert, auch schlug Philippsthal jeden Antrag einer Kapitulation auf das entschiedenste aus. Es war keine kleine Aufgabe für eine Macht, die nicht Herr zur See war, unter diesen Umständen Gaëta zu bemeistern. Ein großer Fehler, den der dort kommandierende Prinz begangen, war, daß er die Vorstädte nicht hatte abbrennen lassen, die uns einen bedeutenden Schutz und die Mittel, manches Bedürfnis zu befriedigen, gewährten, überhaupt von großem Nutzen waren. Das Feuer aus der Festung war manchmal so heftig und anhaltend, daß es einem unaufhörlich rollenden Donner glich, aber die Munition wurde meistens vergeblich verschossen, nachdem die Belagerungsarbeiten weit vorgerückt waren; doch die Belagerten wurden ja damit auf das freigebigste von den Engländern versorgt, es kam ihnen also nicht darauf an, ein paar tausend Pfund Pulver und Kugeln in den Wind zu jagen.
Unser Bataillon blieb nicht länger als siebzehn Tage vor der Festung, während welcher es siebzehn Mann verlor. Diese ganze Zeit hatte ich mich nur dreimal entkleiden und auf einer Matratze in Mola schlafen können, so anstrengend war der Dienst; die übrige Zeit schliefen wir auf harter Erde, in Mäntel gehüllt, Tornister als Kopfkissen benutzend. Auch mit den Nahrungsmitteln war es schlecht bestellt, oft bestand mein ganzes Mittagsmahl in etwas Reis und Mais, in Wasser abgekocht und mit Öl geschmolzen; nur Wein war immer im Überfluß vorhanden, an Fleisch mangelte es. Man wird mir zugestehen, daß mein Debüt auf dem Kriegsschauplatz nicht das angenehmste war. Unsere Damen, die in Mola blieben, verließen uns schon in den ersten Tagen, um es in Neapel bequemer zu haben.
Die Gegend um Mola di Gaëta selbst ist sehr einladend, mit Lorbeeren, Myrten, Orangen und so weiter bedeckt und sieht einem großen Garten ähnlich. Die Frauen und Mädchen sind hier zierlich gewachsen, verstehen sich vorteilhaft zu kleiden, waren aber gewaltig franzosenscheu und verbargen sich so viel als möglich unsern Blicken. Der Wein ist von so guter Qualität, daß die meisten Soldaten und viele Offiziere sich denselben weit mehr schmecken ließen, als es der Gesundheit zuträglich war, wie die Folgen bewiesen; ich trank ihn immer nur mit Wasser vermischt, wie es die Einwohner machen, und blieb gesund dabei. Nichts ist dem Körper zuträglicher, als Mäßigkeit im Essen und Trinken, er verträgt dann auch weit leichter alle Strapazen und Entbehrungen, und selbst Exzesse anderer Art schaden ihm weniger, dabei ist es gut, sich in jedem Lande möglichst bald die Gewohnheiten der Bewohner hinsichtlich der Nahrung anzueignen; denn diese wissen längst aus Erfahrung, was am besten taugt.
Da ein paar Wochen nach unserer Ankunft wieder mehrere Bataillone aus Oberitalien zu dem Belagerungskorps gestoßen waren, so wurden andere, unter denen auch das unsrige, zum Abmarsch nach Neapel beordert, was uns sehr willkommen war; denn nichts ist unleidlicher als das lange Biwakieren vor einer Festung, es ist ein wahrer Tantaluszustand, man hat fortwährend das Ziel vor Augen und kann es nicht erreichen.
Wir brachen nach Sessa auf, unser erstes Quartier, nachdem wir das Lager, oder besser Biwak, denn Zelte hatte niemand gehabt, vor Gaëta verlassen hatten. Hinter Mola kommt man bald über den Fluß Garigliano, den alten Liris, der Latium von Campanien trennt. Das Städtchen ist ein elendes Nest von kaum dreitausend Einwohnern, in dem nichts zu haben war und wir sehr schlechte Quartiere hatten, die uns jedoch köstlich dünkten im Vergleich mit unsern Lagerstätten vor Gaëta. Die Soldaten lagen auf Welschkornstroh, wieder in einem Kloster, deren es nicht weniger als sechzehn hier gab. Die Einwohner entschuldigten sich mit den fortwährenden Durchmärschen und dem Belagerungskorps, das alles in der Umgegend aufzehre, so daß sie uns selbst für Geld nichts geben könnten. Ein Ei bezahlte ich mit zehn Grani (acht Kreuzer).
In einem großen Stalle spielte diesen Abend eine wandernde Truppe eine neapolitanische Farce, der ich bis zehn Uhr zuzusehen die Geduld hatte. Als ich dieses prächtige Theater verließ, begegnete mir ein Sergeant, der mir sagte, daß mich der Bataillonschef schon allenthalben habe suchen lassen. Ich eilte sogleich zu Herrn Düret, der mich mit den Worten: »Aber zum Henker, wo stecken Sie denn immer?« empfing.
»Ich komme aus dem Theater.«
»Das weiß der Teufel, ich glaube, wenn man nur den blanken Hintern zeigte, so müßten Sie auch noch ins Theater laufen. Das mag mir eine saubere Komödie gewesen sein.«
»_Mon Commandant_ da können Sie recht haben. Aber was steht zu Ihrem Befehl?«
»Jetzt ist es für heute zu spät: zwei junge Korporäle, Deutschböhmen, haben eine Szene mit einem Dominikanermönch des Klosters, in dem sie einquartiert sind, gehabt, und wurden von einem Sergeanten, _les culottes bas_, hinter dem Chor mit dem Pfaffen erwischt. Die ganze Schweinerei wurde mir hierher gebracht, und da ich das Gewälsche des Pfaffen nicht verstehe, so ließ ich Sie suchen, um den Dolmetscher zu machen; Sie sind aber nie zu finden, wenn man Sie braucht und somit für heute abend entlassen.«
Der Pfaffe und die beiden Korporäle waren arretiert und in verschiedenen Behältern festgesetzt. Den andern Morgen, wir blieben diese Nacht in Sessa, wurde der Dominikaner seinem Prior zur Bestrafung übergeben, die beiden Korporäle aber zu Gemeinen degradiert, mit einer Zugabe von fünfzig Prügeln für einen jeden. Mehrmals kam es vor, daß die Mönche in den Klöstern sich junge Soldaten aussuchten, diese mit gutem Essen und Trinken reichlich traktierten, auch wohl berauschten, und dann zu ihren unnatürlichen Lüsten zu verführen suchten. Ich entledigte mich des mir gewordenen Auftrags, dem Prior tüchtig die Meinung zu sagen, mit so großer Energie, daß es diesem ganz schwül dabei wurde, indem ich ihm versicherte, es könne leicht dazu kommen, daß man sein ganzes Kloster rasieren und die Mönche auf die Galeeren nach Frankreich schicken würde. -- Nachdem diese schmutzige Geschichte beendigt war, schickten wir uns zum Abmarsch nach Capua an.
Das moderne Capua liegt wie das alte in der üppigsten Gegend der heutigen _Terra di lavoro_, die man deshalb auch _il Paradiso del Paradiso_ nennt, denn die Neapolitaner heißen bekanntlich ihr Land _il Paradiso_, das doch in mehr als einer Hinsicht auch ein _Inferno_ ist. Die Stadt, welche etwa sechstausend Einwohner zählen mag, ist eine Festung, im ganzen schlecht und aus den Trümmern des alten Capua gebaut, hat aber einige schöne Kirchen, von denen eine, ich glaube die Hauptkirche, eine große, von goldgelb lackierten Ziegeln bedeckte Kuppel hat, so daß, wenn sie von der Sonne beleuchtet wird, sie ein goldenes Dach zu haben scheint. Die Granitsäulen, welche diese Kirche in großer Zahl stützen, sind verschiedenen heidnischen Tempeln entnommen und daher sehr ungleich an Form und Dicke.