Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 32

Chapter 323,180 wordsPublic domain

Bei unserem Abmarsch von Modena fiel eine ergötzliche Szene vor. Das Bataillon war teils in einer Kirche, teils in dem Kreuzgang des zu derselben gehörigen Klosters einquartiert gewesen. Die Soldaten hatten sich auch hier allerlei Unfug erlaubt und namentlich allerhand Fratzen und unanständige Dinge mit Kohlen an die Wände des Kreuzganges geschmiert, wie sie dies schon öfters getan. Als nun das Bataillon unter dem Gewehr und zum Abmarschieren bereitstand, kamen plötzlich drei bis vier feiste Mönche fast atemlos angerannt und verlangten den Chef zu sprechen. Düret saß schon zu Pferd und fragte, was das Begehren der Kutten sei. Die Patres baten seine _illustrissima eccelenza_ inständig, sich doch mit ihnen ins Kloster begeben zu wollen, um die _Sporcherie_ (Schweinereien) zu sehen, welche die Signori Soldati an die Wände geschmiert hatten. Düret schickte den Adjutant-Major, Leutnant von Hülsen, einen Preußen, mit zweien der heiligen Männer ab, die Malereien zu besichtigen. Er kam bald mit seiner geistlichen Eskorte zurück und rapportierte, daß die Soldaten nebst allerlei Unflätigkeiten unter anderem auch einen Teufel mit Hörnern, Bocksfüßen, Krallen, und hinten und vorn geschwänzt, gezeichnet, wie er einen dicken Pfaffen hole, ein anderer Satan habe den Papst selbst beim Ohr und so weiter. Düret konnte sich sowie alle, die es hörten, des Lachens nicht erwehren, sagte indessen zu den Mönchen, sie möchten ihm die Täter bezeichnen, dann wolle er sie bestrafen. Dies war aber den guten Fratres nicht möglich. (Es waren ein paar Unteroffiziere, die ziemlich gut zeichnen konnten und die man im Bataillon wohl kannte.) Der Bataillonschef bedauerte daher, ihnen keine Satisfaktion geben zu können. Die Offiziere trösteten die Herren von der Kutte und setzten ihnen unter dem Vorwand, daß ihre Glatzen zu kühl haben müßten, Polizeimützen und einem einen Tschako auf den Kopf, was sich so possierlich ausnahm, daß das ganze Bataillon in lautes Gelächter ausbrach. Düret gab nun das Zeichen zum Abmarsch, der Tambour-Major ließ das Roulement schlagen, und wir marschierten mit rechts in die Flanken _pas acceleré_ ab. Ich aber und noch ein paar Kameraden nahmen jeder einen der Pfaffen unter den Arm und ersuchten sie, uns doch wenigstens das Geleit bis an das nach Bologna führende Tor zu geben, wozu sie auch ohne Widerstand einwilligten, und so mußten die wohlgenährten Herren unter dem Gelächter der Soldaten im Geschwindschritt nach dem Takt der Kalbsfelle in ihrem burlesken Kostüm, und zwar noch eine Strecke bis vor das Tor mittrollen, wo wir sie wieder in Gnaden entließen. Sie mögen schwerlich wieder ähnliche Klagen bei einem Kommandierenden geführt haben.

Der Marsch von Modena nach Bologna führte uns über mehrere Flüsse und Brücken. Links von dem Flecken Forcelli kamen wir an der vom Lawino und der Girando gebildeten Halbinsel vorüber, welche durch den Bund der Triumvirn, Octavius, Antonius und Lepidus so berühmt geworden, die sich hier gegenseitig verpflichteten, rücksichtslos alle zu opfern, die einem von ihnen dreien schaden könnten. Cicero und Lepidus' Bruder selbst wurden ein Opfer dieses Versprechens.

Mit dem frühen Morgen standen wir vor den Toren von Bologna, auf ehemaligem päpstlichen Gebiet, und bekamen das erste päpstliche Geld, die Bajocchis zu sehen, die hier noch kursierten. Überhaupt war es auf dem Marsch von Genua bis hierher gerade wie in dem weiland heiligen deutschen Reich, fast in jeder Stadt traf man andere Geldsorten, anderes Maß und Gewicht an.

Bologna, das Bononia der Alten, ist nach Rom die bedeutendste Stadt des Kirchenstaates und zählt über sechzigtausend Einwohner, sie ist befestigt, und gerade ein Dutzend Tore führen in das Innere der Stadt zu den meistens schönen breiten Straßen derselben. Sie liegt an zwei Wassern, dem Fluß Reno und dem Flüßchen Savena; über den ersteren führt eine schöne, zweiundzwanzig Bogen lange Brücke; sie hat über sechzig Kirchen und wenigstens ebensoviele Klöster, die alle mehr oder weniger bedeutende Kunstschätze aufzuweisen haben. Fast alle Häuser dieser Stadt sind von Quadersteinen aufgeführt und haben Bogengänge. Auf einem Platz in der Mitte der Stadt stehen die beiden berühmten, aber eben nicht schönen schiefen Türme, welche die Namen Asinella und Garisanda führen, über deren Entstehen folgende Sage im Munde des Volkes geht.

Zwei junge Architekten verliebten sich in das wunderschöne fünfzehnjährige Töchterchen eines reichen Goldschmieds, der demjenigen von ihnen, welcher das künstlichste Bauwerk aufführen würde, die liebenswürdige Signorina zur Gattin zu geben versprach. Da baute der eine einen schiefen Turm, aber der andere setzte einen noch weit schieferen daneben, und dem letzteren wurde die Tochter samt dem reichen Brautschatz; so weit die Sage. Die Wahrheit von der Entstehung dieser Türme ist aber wo möglich noch alberner als die Fabel; denn daß Verliebte dumme Streiche machen, ist ganz in der Ordnung und liegt in der Natur der Sache, daß aber zwei sehr reiche Edelleute vor siebenhundert Jahren ihren Reichtum nicht besser zu verwenden wußten, als ein paar ganz unnütze und das Auge beleidigende Baukunststücke aufführen zu lassen, war ein alberner Streich; sie haben jedoch dadurch wenigstens ihre Namen auf die Nachwelt gebracht, denn noch jetzt werden diese Türme nach ihnen Asinella und Garisanda genannt, und Dante hat ihnen sogar die Ehre erzeigt, ihrer in seinen Gedichten zu erwähnen. Der eine ist so schief und überhängend, daß er einen angsterregenden Anblick gewährt, wenn man ihn zum erstenmal sieht, dies verliert sich aber bald, und den anderen Tag, wir hatten Ruhetag in Bologna, bestieg ich ihn keck.

Bologna hat mehrere Theater, sie waren aber während unseres kurzen Aufenthaltes daselbst geschlossen. Diese Stadt ist fortwährend der Sammelplatz aller sich außer Engagement befindlichen italienischen Schauspieler, Schauspielerinnen, Sänger, Sängerinnen, Tänzer und Tänzerinnen, und die mimische Vorratskammer, aus der sich alle Theaterdirektionen Italiens rekrutieren. Oft sind nicht weniger als ein halbes Tausend dieser dramatischen Künstler hier, auf Engagement wartend.

Ich war hier, zum erstenmal seit Genua, weder in einer Lokanda noch in einem Kloster einquartiert, sondern wieder in einem Privathaus, bei einem Signor Magnani, einem Advokaten, der zwei hübsche Töchter und eine nachsichtige Frau hatte. Die Mädchen klimperten recht artig Gitarre, wie fast alle Mädchen und Frauen in Italien bis zu den untersten Ständen herab. Ich machte der Familie einen Höflichkeitsbesuch, und da ich mich nun schon ziemlich geläufig italienisch auszudrücken wußte, so war die Unterhaltung bald animiert. Das Hauptthema war wie gewöhnlich die Musik, und die Damen erzählten mir, daß erst vor kurzem einige _tedeschi_ bei der hiesigen Oper Furore gemacht hätten, auch der eine in Mailand, der andere für die Bühne zu Neapel engagiert worden sei. Ich bat die Mädchen, die ich schon vorher hatte musizieren hören, mich doch durch ihr Talent erfreuen zu wollen, und die Jüngste trug sogleich das damals in Italien sehr beliebte Schalksliedchen >_Una povera ragazza, se n'andie una mattina_< und so weiter _per confessarsi_ -- mit viel Feuer und Ausdruck vor, worauf beide ein paar komische Duette von Guglielmi und Cimarosa in echt italienischer Manier, das heißt _parlando_ sangen. Ich holte nun auch meinen Klavierauszug aus dem Don Juan hervor und studierte mit beiden das Duettino: >_La ci darem la mano_<, das sie nach einer halben Stunde, mehr dem Gehör als der Musik nach, denn sie waren nicht sehr taktfest im Ablesen der Noten, so ziemlich sangen, welches ihnen so viel Vergnügen machte, daß sie mich um die Erlaubnis baten, es sogleich abschreiben zu dürfen. Wir kamen hierauf auf die Stadt und ihre Umgebungen zu sprechen, und ich äußerte den Wunsch, daß, da wir hier einen Ruhetag hätten, ich auch gerne etwas von der letzteren sehen möchte. Das jüngste Mädchen, Giuglietta, erwiderte mir, daß sie den nächsten Morgen mit ihrer Mutter die Madonna di San Luca besuchen würde, deren schöne Kirche ein paar Miglien (eine kleine Stunde) vor der Stadt liege und zu der ein Säulengang führe, unter dem man vor Hitze und schlechtem Wetter vollkommen geschützt sei. Ich bat um Erlaubnis, die Damen dahin begleiten zu dürfen, aber die Signora _madre_ meinte, es ginge schlechterdings nicht an, daß Damen allein in Begleitung eines Fremden, und gar eines Signor _Uffiziale francese_, über die Straßen gingen, namentlich da sie ihr Mann wegen Mangel an Zeit nicht begleiten könne. Ich wußte indessen diesen Einwand zu beseitigen, sie bittend, in Zivilkleidern vor der Stadt sie erwarten zu dürfen, was mir dann auch die Mama nicht nur zugestand, sondern meinte, ich könne ihnen in einiger Entfernung, da ich doch den Weg nicht wisse, durch die Stadt folgen. Ihr und den Töchtern dankend die Hände küssend, empfahl ich mich, um meine Streifereien durch Bologna zu beginnen, brachte aber den Abend wieder in ihrer Gesellschaft plaudernd und musizierend zu. Den anderen Tag wurde in der Morgenkühle die Wallfahrt zu dieser Madonna angetreten. Ich folgte den Damen, so wie wir übereingekommen waren, in einiger Entfernung durch die Stadt, und gesellte mich unter den ersten Bogen vor derselben zu ihnen. Dieser Säulengang war unabsehbar und schien gar kein Ende zu nehmen; es sind weit über sechshundert Arkaden, und jeder dieser Bogen ist von einer frommen Seele oder Familie, auch oft von einer ganzen Körperschaft oder Zunft, wie Tischler, Schlosser, Bäcker, Schneider, sogar auch von Soldaten und Bedienten erbaut, jeder hat andere Verzierungen, Malereien, Arabesken von sehr verschiedenem Wert, was diesen Spaziergang recht unterhaltend macht; mehrmals sind die Bogen auch durch durchbrochene Felsen geführt. Einige fromme Personen haben auch mehrere, manche ein ganzes Dutzend dieser Bogen auf ihre Kosten errichten lassen und dafür einen großen Extra-Ablaß auf Gott weiß wieviel Jahre erhalten; dagegen müssen ihre Erben oder ihre Familien diese Bogen, von denen wohl manche einzelne über tausend Taler kosteten, gehörig unterhalten, sonst würden die armen Seelen der Stifter um viele Jahre länger im Fegfeuer schmachten. Alle diese Bogen sind Heiligen, die meisten aber der Jungfrau selbst und namentlich der Jungfrau vor und nach den Kindesnöten geweiht. Endlich waren wir in der Kirche und bei der Madonna angekommen, deren Wunderkraft mir die Signora Magnani mit vielem Eifer und großer Beredtsamkeit erklärte und mir dabei ganz ernsthaft versicherte, das Bild habe der heilige Lukas selbst gemalt. Wir hielten uns ziemlich lange dabei auf, denn die Damen wurden mit Beten und Andachtsübungen nicht fertig, ich aber hatte diesen lebenden Madonnentöchtern schon längst auf der Promenade hierher zu verstehen gegeben, wie sehr ich sie anbete, und bedauerte nur, so wenig Zeit übrig zu haben, ihnen Proben von der Wahrhaftigkeit dieser Versicherung liefern zu können, da uns das grausame Schicksal schon den nächsten Tag trennen sollte. Doch hoffe ich bald wieder und auf längere Zeit nach Bologna zu kommen, und dann ...

»Ach,« sagte die Signore _madre_, »den Herren Soldaten und besonders den _Signori francese_ ist nicht weiter zu trauen, als man sie sieht.«

Die Dame sprach wahrscheinlich aus früherer Erfahrung, denn ihre Blütenzeit war längst vorüber.

»Ja,« setzte Lucilla, die ältere Tochter, hinzu, »man hat uns sehr ernstlich vor diesen Herren gewarnt, sie sollen den Mädchen nur die Köpfe verrücken und, sich dann den Mund abwischend, lachend davongehen.«

»Lügen, lauter Lügen, das können Sie mir glauben, Illustrissima, und zudem bin ich ja kein Franzose, sondern ein ehrlicher _tedesco_.«

Die Damen sahen mich nun mit großen Augen an, und Giuglietta sagte endlich: »Ja, das habe ich immer sagen hören, daß die _Signori tedeschi_ treu wie Gold und die besten Ehemänner seien.«

»Da hat man Ihnen vollkommen die Wahrheit gesagt, Signorina.« -- Auf dem Rückweg wurden wir nun schon weit vertraulicher, trennten uns aber wieder vor den Toren der Stadt, und den Abend brachte ich bis zum Abmarsch des Bataillons, der um zehn Uhr in der Nacht festgesetzt war, bei der liebenswürdigen Familie zu; bei dem Abschied wurde mir gestattet, die Damen, versteht sich Mama zuerst, zu küssen, und ich wurde auch eingeladen, wenn mich der Zufall wieder nach Bologna führe, nicht vergessen zu wollen, sie zu besuchen, was ich feierlich versprach, und schied, ärgerlich, nicht ein paar Tage länger hier weilen zu können. Aber das ist ja das Los des Soldaten und war es besonders zu jener Zeit. Ich eilte nun auf den Sammelplatz, mein >_Non piu andrai_< wieder trillernd, und kam gerade noch zur rechten Zeit an, denn man hatte schon lange rappeliert, als ich noch immer mit meinen Schönen plauderte.

Es war halb elf, als wir den nächtlichen Marsch durch die finsteren Straßen Bolognas zu dem nach Imola führenden Tor hinaus mit klingendem Spiel antraten, welches manche Schöne im Nachtkleid noch ans Fenster lockte.

Da ich in Bologna wenig geruht und also ziemlich müde war, so blieb ich gleich anfangs hinter dem Bataillon zurück, um bequemer marschieren und von Zeit zu Zeit ruhen zu können. Bald hörte ich einen Wagen kommen und erkannte ihn für den der Madame Grenet; dieses Renkontre war mir gerade nicht angenehm, und ich hätte es gerne vermieden, aber die Dame hatte mich trotz der Finsternis bereits erkannt und mir zugerufen: »Herr Leutnant Fröhlich, gehören Sie auch zu den Maroden?«

»Um Vergebung, ich habe mich nur ein wenig verspätet.«

»Nun, was machen Sie denn, Sie lassen sich ja gar nicht blicken.« (Ich hatte die Dame auf dem ganzen Marsch bisher möglichst gemieden.) »Nicht wahr,« fuhr sie fort, »Ihre Streiche in Genua, ja, da muß man sich freilich verstecken.«

»Das gerade nicht, Madame, und ich glaube, daß gewisse Damen, deren Anschläge ich genau kennen gelernt, noch mehr Ursache hätten, sich vor mir zu verbergen, als ich mich vor ihnen. Ich bin noch im Besitz eines Billetts, das ...«

»Wozu diese Zänkereien?« fiel mir Madame Grenet ins Wort. »Ich bin nicht so rachsüchtig, machen wir Frieden; es ist ziemlich kühl, ich biete Ihnen einen Platz in meinem Wagen an, es fährt sich doch besser, als man geht, und Sie kommen dann weniger ermüdet auf der Station an.«

Ich nahm das Anerbieten an, das mir gerade nicht so unwillkommen war, und saß bald an der Seite der Dame. Noch hatte ich zwar die liebenswürdigen Advokatentöchter im Kopf, aber doch bereits Madame Grenet im Arm. Ein ewiger Friede wurde förmlich geschlossen und durch glühende Küsse besiegelt. Madame Grenet war ja hübsch und jung, ich hatte heißes Blut, dabei die Finsternis der Nacht, die Gelegenheit mit einer liebenswürdigen Frau im engen Raume eines Wagens, da mag der Henker kalt bleiben; alle Unbill war von beiden Seiten schnell in dem Taumel des Genusses vergessen, und nach einer guten Stunde verließ ich den Wagen, um mich dem nicht mehr sehr entfernt marschierenden Bataillon wieder anzuschließen.

Schon mit dem Grauen des Tages rückten wir in Imola ein, einer Stadt von ungefähr achttausend Einwohnern, die ein festes Schloß, aber außer einem schönen Spital wenig Merkwürdiges enthält. Der damalige Papst (Pius VII.) war hier längere Zeit Bischof. Sie war auch der Schauplatz der verruchten Schandtaten Cäsar Borgias. Julius II. brachte sie an den heiligen Stuhl. Sie hat wenigstens ein paar Dutzend Kirchen und Klöster. Eine Stunde nach Sonnenuntergang wirbelten die Tambours abermals zum Abmarsch; diese Nacht führte uns leider um Mitternacht durch das schöne Faenza, dessen Einwohner unser durch Trommeln und Musik geräuschvoller Durchmarsch aus dem Schlaf aufgeschreckt haben mag, nach Forli. -- Faenza ist ziemlich groß, soll bei sechzehntausend Einwohner, nicht weniger als zwanzig Klöster und dreißig Kirchen haben und ist eine der hübschesten Städte der ganzen Romagna. Von ihr hat das Töpfergeschirr Fayence, das noch jetzt in vorzüglicher Güte daselbst verfertigt wird, seinen Namen.

Forli liegt am Fuße der Apenninen, in einem fruchtbaren Tale, an der alten _Via Aemilia_. Die Stadt ist nicht übel gebaut, hat einen sehr schönen Marktplatz, und der Versammlungssaal ihres Stadthauses ist von Raphael gemalt. Auch sie hat bei zehn- bis elftausend Einwohnern Dutzende von Klöstern und Kirchen. Manche ihrer Kirchen und Paläste sollen interessante Kunstschätze enthalten, um die ich mich aber immer weniger auf diesem Marsch bekümmerte, da wir, von den Nachtmärschen ermüdet, einen großen Teil des Tages mit Schlafen zubringen mußten, auch war damals das Beste und Schönste im Louvre zu Paris.

Von Forli kamen wir über Forlimpopoli, welches Gregor XI., weil alle seine Einwohner Räuber geworden waren, 1370 gänzlich zerstörte, nach Cesena, der Vaterstadt Pius' VI., dem man hier eine Bildsäule errichtet hat, sowie der Pius' VII., der aber damals noch keine hatte. Unter den unzähligen Klöstern dieser Stadt ist das der Benediktiner, welches auf einem Berg vor dem Tor liegt, wegen seiner großen Pracht merkwürdig.

Ohne Cäsar zu sein, ging auch ich über den Rubikon, ein kleines Flüßchen, das jetzt Pisatello heißt und kaum eine Stunde von Cesena entfernt, auf dem Wege nach Rimini, unserem nächsten Nacht-, vielmehr jetzt Tagquartier, vorbeifließt. Ein Papst hatte feierlich zu entscheiden geruht, daß der Luso der alte Rubikon sei, aber Seine Unfehlbarkeit hatte hier, wie so oft schon, einen Fehlschuß getan, der längst zur Satire geworden ist.

Auch wir gingen also über den Rubikon, und auch nicht so ganz bedeutungslos; denn es galt ja die schon begonnene Eroberung des Königreichs Neapel vollenden zu helfen und dessen Regenten zum Teufel zu jagen.

Rimini erreichten wir wieder mit Tagesanbruch. Es liegt an der Mündung des Marechia, nahe am Adriatischen Meer, das vor Zeiten dessen Mauern bespülte. Sein ehemaliger Hafen war jetzt in einen großen Garten umgeschaffen, und der kleine, jetzt noch bestehende kann nur von geringen Fahrzeugen und Fischerbarken besucht werden. Von römischen Altertümern ist noch die Brücke vorhanden, die unter der Regierung des Tiberius vollendet wurde, Augustus hatte sie begonnen; ein diesem Kaiser zu Ehren erbauter Triumphbogen ist auch noch vollkommen erhalten und gleich der Brücke aus weißen Sandsteinen erbaut. Außerdem sind noch viele andere römische Altertümer daselbst, und auf dem Marktplatz wird eine Art Fußgestell gezeigt, von dem herab Cäsar seine Truppen angeredet haben soll, nachdem er über den Rubikon gegangen war. Überhaupt konnten wir jetzt keinen Schritt mehr vorwärts tun, ohne jeden Augenblick durch Monumente und historische Begebenheiten an das welterobernde Volk der Römer erinnert zu werden, dessen klassischen Boden wir betreten hatten.

Da wir hier wieder einen Ruhetag hatten, so benutzte ich denselben, um einen Ritt nach der von Rimini wenige Stunden entfernten, wegen ihrer Unbedeutendheit berühmten und deshalb unangefochtenen Republik San-Marino zu machen, deren Haupt- und einziges Städtchen und Gebiet wenig mehr als fünftausend Bewohner zeigt. Ein Maurer aus Dalmatien namens Marin soll sie im sechsten Jahrhundert gegründet haben, und zwar, wie die Sage will, auf folgende Veranlassung.

Dieser Mensch hatte sein halbes Leben damit zugebracht, an den Werken von Rimini zu arbeiten, hierauf fiel es ihm ein, sich dem beschaulichen und erbaulichen Leben zu widmen und ein Einsiedler zu werden. Jetzt lebte er ebenso keusch und fromm, als er früher ausschweifend und sündhaft gelebt hatte, er legte sich selbst die schwersten Bußen und strengsten Strafen auf. Längere Zeit wußte man nicht, was aus ihm geworden war, er trieb die Sache sehr geheim, endlich aber hatte ihn ein ebenfalls reuiger Sünder bei diesen Kasteiungen belauscht und bat den frommen Mann, auch ihn in Gnaden aufnehmen zu wollen, worauf sich der Geruch seiner Heiligkeit bald weiter verbreitete und er viele Jünger oder Schüler erhielt. Der Berg, auf dem er seine Einsiedelei angelegt, gehörte damals einer Fürstin der Umgegend, die ihm denselben zum Geschenk machte, auf welchem er nun die kleine Republik, aus lauter Frommen bestehend, gründete und die noch jetzt, wenn auch nicht mehr aus Einsiedlern, doch aus sehr friedlich gesinnten Menschen besteht, denen, um Krieg zu führen, alles fehlt.

Das Städtchen San-Marino liegt auf einem etwas steilen Berg, zu dem ein ziemlich bequemer Fußweg führt, es hat sogar ein kleines Kastell mit mehreren Türmen; in seinem Gebiet wächst ein guter Wein auf den Höhen des Berges, der aber den Klöstern der Republik gehört und von deren trägen Bewohnern fast ausschließlich in behaglicher Ruhe getrunken wird; so klein dieser Staat auch ist, so muß er doch ein halbes Dutzend dieser Faulnester nähren.