Part 31
Eines Abends, nachdem ich wieder eine Zusammenkunft mit der Marchesa in Guercinos Wohnung gehabt, traten, kurz nachdem sie weggegangen, zwei andere weibliche Masken in das Zimmer, in dem ich noch verweilte. Es waren zwei Zingarellen (Zigeunerinnen), die einen niedlichen Wuchs, ein stolzes Einherschreiten hatten und noch junge, wahrscheinlich auch hübsche Frauen zu sein schienen. Sie machten mir eine stumme Verbeugung, ließen sich nieder und ich fing eine Konversation mit ihnen an, die von ihrer Seite fast drohend geführt wurde. Bekannt schien mir die, wenn auch schon verstellte Stimme der einen, und ich begrüßte sie bald mit einem: »_Buonissima sera Signora Peretti._« Sie nahm nun die Larve ab und sagte: »_Ah Birbone_, was machen Sie fast jeden Nachmittag hier?«
»Musik, Signora, ich lerne die Gitarre und studiere Partien ein.«
»So, und die Dame im Mesero, die Sie besucht?«
»Je nun, die studiert wahrscheinlich auch Partien ein,« sagte ich lachend, doch etwas verdutzt.
»Allerliebst! Wahrscheinlich Don Juan und Zerline? Ich habe aber die Partie der Verlassenen Donna Elvira noch nicht gelernt, _Signor mio_.«
»Die sollen Sie auch nicht lernen, mein schönes Kind, dazu sind Sie viel zu liebenswürdig. Aber wer ist denn Ihre stumme Begleiterin?«
»Oh, die sollen Sie auch noch kennen lernen. Leider sind wir etwas zu spät gekommen, um Sie ganz zu entlarven.«
Diese Unterhaltung wurde halb im Scherz, halb in bösartigem Ernst geführt. Ich wollte der Sache ein Ende machen, sprang auf, nahm die sich sträubende Peretti in den Arm, küßte sie trotz allem Sträuben, indem ich lachend sagte:
»Seien Sie doch kein Kind, Sie sind meine einzige, meine ewige Liebe, die Angebetete meines Herzens, ich schwöre Ihnen, daß ...«
»Sie ein Lügner sind,« fiel mir der kleine Teufel ins Wort, »dem ich nicht nur die Augen auskratzen möchte, sondern ...«
Hier zeigte sie mir ein kleines Stilet, das an einem silbernen Kettchen an ihrer linken Seite herabhing und sie drohend aus der Scheide zog. Ich suchte ihr das gefährliche Instrument halb im Scherz zu entwinden; während ich so mit ihr rang, nahm auch die andere Maske ihre Larve ab, und ich erkannte die Marchesa Costa, der ich schon einigemal, aber es nie ernstlich meinend, eine Liebeserklärung so _en passant_ gemacht und ob ihrer Schönheit große Schmeicheleien gesagt hatte. Beide schrien nun: »_Traditore_, bilden Sie sich nicht ein, daß Sie in Frankreich oder Deutschland seien, wir sind Italienerinnen, und zwar Genueserinnen, die man nicht ungestraft zum besten haben darf und die solche Beleidigungen zu rächen wissen. Wir wissen recht gut, welche Rendezvous Sie hier haben, und wenn Sie die Sache nicht lassen, so wird es ein schlimmes Ende nehmen. Gestehen Sie, wer die Schöne ist, die Sie mit ihren Besuchen beglückt.« Ich nahm indessen alles auf die scherzhafte Seite, fortwährend meine Unschuld beteuernd und sie zu beruhigen suchend, und war damit im besten Zug, als wir Tritte auf der Stiege hörten. Die Damen nahmen schnell wieder ihre Larven vors Gesicht, empfahlen sich der eintretenden Guercino und entfernten sich, uns beiden drohend.
Auf die Frage der Alten, wer dies gewesen, erwiderte ich: »Ein maskierter Besuch, der Gott weiß wie erfahren hat, daß ich hier eine Zusammenkunft habe, aber nicht weiß, mit wem, da man dies von mir zu wissen verlangte. Wir müssen suchen, einen andern Ort ausfindig zu machen.«
»Dies sei meine Sorge,« versetzte die Alte, »ich werde ein Haus wählen, das niemand entdecken soll. Denn hier, dem Palazzo P... gegenüber, ist es allerdings zu gefährlich.«
Unsere Zusammenkünfte wurden jetzt auf mehrere Tage ausgesetzt, und diese Unterbrechung war mir aus manchen Ursachen nicht unangenehm; die Sache hatte nun auch schon den Reiz der Neuheit für mich verloren, und dann war soeben Madame Gasqui von Toulon angekommen, jene hübsche Kapitänsfrau, deren Hochzeit ich auf der Insel Porquerolles mit gefeiert hatte, und da Madame Alphonse und noch einige andere Offiziersdamen der Garnison wünschten, daß wir wieder ein französisches Liebhabertheater arrangieren möchten, so arbeitete ich mit allen Kräften, dies baldmöglichst in Gang zu bringen; aber das Schicksal hatte es anders beschlossen, und wenige Tage nach dem Abenteuer mit den beiden Masken bei Guercino erhielt eines Morgens Düret eine Depesche auf dem Exerzierplatz, die er sogleich öffnete, durchlas. Dann berief er die Offiziere zu sich und teilte ihnen mit: soeben habe er die Order vom Kriegsminister erhalten, daß in drei Tagen das Bataillon Genua verlassen und zu der in dem Königreich Neapel bereits eingerückten Armee, und zwar zu dem vor Gaëta stehenden Belagerungskorps stoßen solle.
Wir ließen alle ein freudiges Vivat erschallen und riefen: Gottlob, nun geht's endlich ins Feld, der Henker hole den Garnisondienst, womit ich vollkommen einverstanden war. Im Heimkehren trillerte ich mein >_Non piu andrai farfallon amoroso_< und ging zu Guercinos, diesen die große Neuigkeit mitzuteilen; die ließen mich aber kaum zu Worte kommen, indem die Frau mir mit großer Freude verkündete, daß sie ein vortreffliches Gelegenheitshaus ausfindig gemacht habe. -- »Zu spät, _mia cara_,« versetzte ich, »in drei Tagen sind wir nicht mehr in Genua,« und machte sie mit der erhaltenen Order bekannt, die Bitte hinzufügend, sie möge einstweilen die Neuigkeit der Marchesa P... beibringen und machen, daß ich wenigstens noch ein Abschieds-Rendezvous mit derselben haben könne, was sie mir mit traurig-langem Gesicht versprach. Sie konnte sich nicht genug wundern, daß nicht auch ich der Verzweiflung nahe war.
Napoleon hatte ausgesprochen, daß der König von Neapel zu regieren aufgehört habe, und den 24 Februar 1806 im Theater zu Paris durch Talma dem Publikum verkünden lassen, daß die Franzosen in das Königreich beider Sizilien eingerückt seien. So viel Truppen, als man in Oberitalien entbehren zu können glaubte, wurden ihnen nachgesandt und so auch unser erstes Bataillon, dem bald die anderen folgen sollten.
Es war uns allen erwünscht, endlich vor den Feind geführt zu werden und so Gelegenheit zu haben, unsere Sporen, das heißt Epaulettes zu verdienen; nur hätten wir gewünscht, daß es nicht gerade die Neapolitaner gewesen, von deren Tapferkeit man eine gar zu schlechte, vielleicht unverdiente Meinung hatte, obgleich es Tatsache war, daß wenigstens ihre Generäle und Anführer keinen Schuß Pulver taugten; aber war es in dieser Hinsicht in anderen Armeen, die französische ausgenommen, zu jener Zeit viel besser bestellt? Höchstens hatten die Engländer und Russen ein paar gute und Österreich nur seinen Erzherzog Karl aufzuweisen.
Schon wußte man, daß der Thron von Neapel Napoleons älterem Bruder, dem kaum gebackenen Prinzen Joseph, bestimmt war, auf den ihn Massena festsetzen sollte.
Denselben Tag, als uns diese Neuigkeit wurde, erhielten wir noch eine Einladung zu einem Maskenfest in die Villa Doria vor dem Thomastor; ich eilte zu Guercino, um dessen Frau zu bitten, auch dieses die Marchesa wissen zu lassen und sie zu fragen, ob sie es nicht veranstalten könne, diesem Fest beizuwohnen, und ob ich sie nicht wenigstens noch einmal ungestört sprechen könne. Ich erhielt noch den nämlichen Abend die Antwort, daß sie eingeladen sei und als Pilgerin verkleidet demselben beizuwohnen gedenke, hoffe daher, sich so mit einer Freundin auf einige Zeit entfernen zu können, das Wohin aber müsse mir überlassen bleiben.
Ich verabredete nun mit der Alten, daß sie in einiger Entfernung von der Villa eine Portantina bereit halten solle, in welcher ich die Marchesa weg, und zwar diesmal in mein Quartier, das nicht so weit vom Thomastor in der Nähe der Piazza dell aqua verte war, bringen lassen wollte. Tonina war alles zufrieden und hoffte, daß das große Gewühl und die Menge der Masken es möglich machen würde, sich in dem Gedränge auf einige Zeit absentieren zu können, ohne daß es ihre Aufpasser bemerkten, wenn sie sie auch suchen würden; außerdem würde man noch andere Vorkehrungen treffen, dies zu bewerkstelligen.
Ich begab mich zeitig, als Eremit verkleidet, unter welcher Verkleidung ich jedoch meine Uniform und meinen Degen trug, in die Villa, um alle Masken und mit ihnen meine Pilgerin ankommen zu sehen, die mit einer weißen Rose in der Hand, das verabredete Zeichen, einer Portantina entstieg, während aus der folgenden noch eine ebenso gekleidete Wallfahrerin, aber mit einer roten Rose versehen, schlüpfte. Mich erkannten die beiden Masken an einem kleinen, fast unbemerkbaren weißen Kreuz, das ich mir auf der linken Schulter hatte anheften lassen; denn der Eremiten und Pilgrime waren viele zugegen. Im Vorübergleiten flüsterte sie mir das einzige Wort »_vengo_« zu.
Das Fest war brillant, die Gäste sehr zahlreich und das Gewirre ungeheuer; doch begegneten wir uns öfters, ohne uns anzureden. Wir hatten durch die Guercino verabredet, daß ich sie fünfzig Schritte links von der großen Türe um sechs Uhr nachts (elf nach unserer Uhr) erwarten wollte. Ich warf auf eine Zeit den Eremiten ab und einen weißen Domino über meine Uniform und pointierte im Spielsaal neben dem Marchese P... an der Pharobank nicht ohne Glück, eine Seltenheit; denn ich gewann über dreitausend Lire an diesem Abend, eine Summe, die mir gut zu statten kam, da ich schon so ziemlich wieder auf dem Trocknen saß und noch obendrein Schulden hatte. Als endlich die Stunde des Rendezvous nahte, entfernte ich mich, wahrscheinlich zu meinem Glück, denn ich würde das Gewonnene gewiß wieder verloren haben, hätte ich fortgespielt, und suchte den Eremiten wieder hervor.
Nicht lange wartete ich an dem bestimmten Orte nebst der von mir bestellten Portantina, als die beiden Pilgerinnen in geflügelten Schritten herbeieilten und Tonina mir erklärte, daß ihre Freundin, die sie nicht habe allein auf dem Balle lassen können, was auch bei Negroni Verdacht erregt haben würde, wenn er sie getrennt von ihr wahrgenommen, uns begleiten würde. Dies machte mich erst ein wenig verlegen, denn ich wußte nicht, was ich mit der Gegenwart der anderen in meinem Zimmer machen sollte, und dann hatte ich auch nur für eine Portantina gesorgt. Wir waren aber bald einig, uns alle drei zu Fuß in meine Wohnung zu begeben, ich nahm einen sehr großen weißen Schleier, den die vorsichtige Guercino in die Portantina gelegt hatte, aus derselben, bezahlte die Träger reichlich und entließ sie. Beide Frauen hüllten sich in den einen Schleier, und wir eilten in meine Wohnung, wo wir glücklich und ohne bemerkt zu werden ankamen, denn auch meinen Bedienten hatte ich bei den übrigen Domestiken in Dorias Villa gelassen. Ich zündete nun Lichter an und fand mich allein mit den Schönen, die beide wirklich diese Benennung verdienten. Tonina war untröstlich, daß wir abmarschierten und dies wahrscheinlich das letztemal sei, daß wir uns sähen. Ich suchte alles Mögliche hervor, sie zu trösten, und bemerkte ihr, wir dürften das bißchen Zeit, das uns jetzt noch bliebe, nicht mit unnützen Klagen hinbringen, was auch ihre Freundin, eine Komtesse Spinola, sehr richtig fand. Ich küßte nun beide, umarmte Tonina und stopfte Mund und Tränen mit Küssen; die Spinola, der bei diesem Spiel nicht ganz wohl zu werden schien, sagte: »Ich sehe nicht ab, zu was wir Lichter brauchen,« löschte sie aus und stellte sich an ein Fenster, den Himmel und die Sterne zu bewundern, während die Marchesa P... einen langen, seligen Abschied in meinen Armen nahm. Als es endlich Zeit zum Aufbruch war, befahl sie mir, auch ihre Freundin zu umarmen, was, da sie sehr hübsch war, ich mir nicht zweimal sagen ließ, sondern auch diesen Engel mit aller Inbrunst trotz ihrem nicht sehr gewaltigen Sträuben an den Busen drückte und länger in dieser Stellung blieb, als es Tonina gewiß lieb war; doch sie spielte die Großmütige und ließ mich im Finstern gewähren, bis sie das Stöhnen der Freundin zu der Bemerkung veranlaßte, nun sei es genug. -- »Genug,« wiederholte ich stammelnd und schloß beide in meine Arme, bald die eine, bald die andere küssend. Es war ja nur zum Abschied.
Jetzt war es aber hohe Zeit, aufzubrechen, denn wir waren schon über anderthalb Stunden von dem Ball abwesend, die mir freilich kaum eine Viertelstunde dünkten. Wir eilten nun zurück, ich trat wieder mit meinem weißen Domino und Federhut in den Saal, mich in allen Gemächern und besonders dem Negroni, den ich aufsuchte, zeigend, während sich die Pilgerinnen ganz ruhig in einen Winkel des Tanzsaales niederließen. Negroni schien ängstlich nach ihnen zu suchen, aber ruhiger zu werden, als er mich gewahrte, fand auch endlich die Gesuchte in ihrem Winkel sitzend, die er, wie es mir vorkam, scharf zu examinieren schien. Indessen lief alles gut ab, und ich sprach sogar die Marchesa noch einmal vor dem Tage unseres Abmarsches bei Guercino, wo sie mich mit einem in Rosetten gefaßten Rubin und auf mein Verlangen mit einer Haarlocke beschenkte, die ich zu den anderen, schon von mehreren meiner Teuren erhaltenen legte, und nochmals einen seligen Abschied von ihr nahm. Sehr gerne hätte ich auch noch einmal die reizende Spinola gesprochen, aber die Kürze der Zeit machte es unmöglich.
Den anderen Morgen um sechs Uhr wirbelten die Tambours das Marschroulement, eine halbe Stunde darauf marschierten wir mit klingendem Spiel durch die noch öden Straßen Genuas, vielleicht die Ruhe mancher schlafenden Schönen störend, zur Porta del arco hinaus. Nicht ohne ein wenig Bedauernis sah ich die Marmorstadt im Rücken; aber der Gedanke, nun das schöne, berühmte und berüchtigte Italien fast der ganzen Länge nach zu durchstreichen und wahrscheinlich bald die ersten feindlichen Kugeln pfeifen zu hören, machte, daß ich mir Genua mit all den darin gehabten Abenteuern aus dem Sinne schlug und leichten Herzens davonmarschierte.
XVI.
Marsch von Genua nach Mola di Gaëta. -- Beschwerliche Märsche durch das Gebirge. -- Der Anblick von Italiens Ebenen. -- Parma. -- Reggio. -- Modena. -- Bologna. -- Eine liebenswürdige Advokatenfamilie. -- Faenza. -- Forli. -- Cesena. -- Rimini. -- San-Marino. -- Sinigaglia. -- Loretto. -- La Casa-Santa und ihre Schätze und Reliquien. -- Macerato. -- Foligno. -- Spoleto. -- Terni. -- Der Wasserfall. -- Narni. -- Civita-Castellana. -- Roms Umgebung. -- Ein Tag in Rom. -- Marsch nach Mola di Gaëta. -- Besitznahme des Königreichs Neapel durch die Franzosen.
Es war Anfang April 1806, als wir Genua la superba verließen, über Recco, unser erstes Nachtquartier, und dann durch die ödesten und gebirgigsten Wildnisse, in den erbärmlichsten und elendesten Ortschaften übernachtend, über Borgo di Taro und Fornovo in sieben oder acht Tagen nach Parma marschierten. Von Genua an wurden die Truppen nicht mehr bei den Einwohnern einquartiert, sondern das ganze Bataillon jedesmal in eine Kirche oder ein Kloster auf vierundzwanzig Stunden kaserniert, in denen man den Soldaten Strohlager bereitete. Dies geschah aus zweierlei Ursachen, erstens wollte man die ewigen Reibereien und Händel zwischen dem französischen Militär und den italienischen Bürgern und Bauern vermeiden, die zu beständigen Klagen und Strafen Veranlassung gaben und hauptsächlich dadurch entstanden, daß sich die Leute nicht miteinander verständigen konnten; sodann traute man dem Volk, dessen Stimmung den Franzosen höchst ungünstig war, nicht und fürchtete, daß bei dem Vereinzeln der Leute wohl einmal eine Metzelei, eine zweite sizilianische Vesper veranstaltet werden könnte. Die Kirchen und Klöster, wovon jedoch die Nonnenklöster dispensiert waren, mußten das Schiff, die Kreuz- und anderen Gänge gehörig mit Stroh belegen, und sobald die Soldaten abmarschiert waren, wurden sie wieder gereinigt und erstere als verunheiligt durch die Geistlichkeit jedesmal wieder von neuem eingeweiht und heilig gemacht, was allerdings notwendig war; denn man hatte an den heiligen Orten nicht nur gegessen, getrunken, gekocht, sondern auch gespielt, gesungen, geflucht und Gott weiß was sonst noch für Unfug getrieben. Es war aber nicht selten der Fall, daß die Pfaffen soeben die Einweihungszeremonien und das Räuchern beendigt hatten, als schon wieder neue Truppen ankamen und die kaum gereinigten Orte abermals verunreinigten, ja bisweilen mußte in einer Woche das heilige Werk drei- bis viermal vorgenommen werden. Die Offiziere wurden zwar meistens in den zunächstliegenden Privathäusern einquartiert, aber diese Quartiere waren in den armseligen Dörfern im Gebirge so elend, daß auch viele von ihnen das Stroh in den Kirchen vorzogen und sich ein Nachtlager auf erhöhten Orten oder in Tribünen, wenn deren da waren, bereiten ließen, denn die Stuben der Bauern oder Schenken in diesen Nestern waren ärger als deutsche Viehställe. Ich schlug in diesem Fall in der Regel mein Lager bei der Orgel auf, wenn sich eine in der Kirche befand, und spielte dann des Abends zur Belustigung des ganzen Bataillons allerlei deutsche und französische Soldatenlieder, Märsche und Tänze, wozu mir die Karabiniers mit Vergnügen die Balgen traten, die Leute unten oft sangen und tanzten und bei dem Klang der Orgeltöne dann einschliefen. Ebenso spielte ich beim Erwachen einige erheiternde Melodien, weckte sie so trotz des Tambours aus dem Schlaf, und sie machten sich fröhlich marschfertig. Indessen waren die Märsche in diesen Gebirgen und Wildnissen beschwerlich und nicht selten abscheulich. So kamen wir, die letzte Etappe vor Parma, an einen fast senkrecht zu erklimmenden Felsenberg, was für die mit Gepäck, Waffen und Patronen beladenen Soldaten sehr mühsam war. Düret ließ zuerst die Tambours und die Musik hinaufklettern, und als sie oben waren, den von mir komponierten Sturmmarsch spielen, die Truppen zu ermuntern. Unten, auf der linken Seite des Felsens, wand sich ein reißender Waldstrom; durch diesen wurden die Reitpferde der Offiziere sowie die, welche mit dem Bataillonsgepäck beladen waren, denn an Wagen war auf diesen Märschen nicht zu denken, geführt. Dieser steile Berg lag gerade an dem Ende einer wilden Waldgegend, aus der wir traten; er überraschte uns seltsam, da er gleich einer mächtigen Mauerwand sich unserem weiteren Vordringen entgegenzustemmen schien, und es war für die noch Zurückgebliebenen ein komischer Anblick, ihre Kameraden so auf allen Vieren diese Wand hinanklettern zu sehen. Aber oben angekommen, welche Aussicht! Man erblickte nun mit einem Male die unabsehbaren Ebenen dieser Gegend Italiens, endlos scheinend wie das Meer und aus den lachendsten Fluren und den fruchtbarsten Gefilden bestehend.
Als wir diese reichen Ebenen hinabstiegen, da fielen mir Hannibal und Napoleon ein, die beide durch diesen herrlichen Anblick ihre müden Truppen neu belebten und sie in eroberungslustigen Enthusiasmus versetzten. Nichts ist auch überraschender, als mit einem Male, aus fast grauenvollen Wildnissen hervortretend, wie durch einen Zauberschlag vor einem solchen Paradies zu stehen, das reichen Lohn für die überstandenen Mühseligkeiten verspricht, ihn aber nur selten gewährt.
>Ihr habt nichts, und dort ist alles, was ihr bedürft!< lauteten Napoleons Worte, zu denen er aber noch hätte hinzufügen können: >das ihr aber nicht erhaltet<; denn was kam von all diesen Eroberungen an den gemeinen Mann und die untergeordneten Chargen? Nur einige Anführer raubten sich reich.
Den Umweg über Parma, Reggio, Modena und so weiter mußten wir machen, weil Toscana noch nicht französisch war und laut Konvention keine französischen Truppen durch dasselbe marschieren durften, obgleich es unter dem Namen des Königs von Etrurien, von der Königin Marie Louise, jedoch gänzlich unter französischem Einfluß, beherrscht wurde, und es tat uns leid, das schöne Land so auf der Seite liegen lassen zu müssen. In Parma hatten wir der vielen Maroden wegen zwei Rasttage, die ich benutzte, die Merkwürdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen.
Den vierten Tag nach unserer Ankunft zu Parma, wo ich in einem Franziskanerkloster einquartiert war, marschierten wir nach Reggio, das _Regium Lepidi_ der Römer.
Hier besuchte ich das Theater, in welchem die Oper >Ludovica< und ein großes fünfaktiges Ballett, >Alexander der Große< betitelt, aufgeführt wurde. Die Vorstellung dauerte bis nach drei Uhr morgens, so daß, als ich das Theater verließ, das Bataillon schon über eine Stunde abmarschiert war (wir marschierten nämlich von Parma aus, der schon eingetretenen großen Hitze wegen, immer bald nach Mitternacht ab, und später sogar zwei Stunden vor Mitternacht, um mit Tagesanbruch in den Quartieren anzukommen, wo man dann über die Mittagszeit schlief) und ich demselben über Hals und Kopf nacheilte, es jedoch erst auf dem halben Wege nach Modena, wo es Halt machte, wieder einholte, aber unterwegs gar manchen Nachzüglern begegnete. Dieses frühe und nächtliche Abmarschieren hatte den Nachteil, daß das Bataillon immer kaum mit einem Dritteil seiner Mannschaft in dem Etappenort ankam, da sich die Leute unterwegs rechts und links in die Felder schlafen legten, weil sie in dem zum Nachtquartier bestimmten Orte zu wenig Zeit zum Ruhen hatten. Denn kaum angekommen, mußten sie die Lebensmittel empfangen, oft lange auf dieselben warten, dann selbst in den Klöstern und Kirchen kochen; sie konnten erst spät essen, mußten sich dann wieder zum Appell einfinden, so daß die Momente der Ruhe gar knapp zugemessen waren. Die Soldaten marschierten ohnehin viel lieber einzeln als in der Kolonne, weil dies weit weniger ermüdend und bequemer ist, obgleich, wie sich von selbst versteht, die Kolonnen während dem Marsch nie geschlossen sind, sondern die Glieder und Rotten in gehöriger Distanz Mann vom Mann gehen.
Mehrere der Hauptleute und auch einige andere Offiziere, die bemittelt, waren beritten, ich aber mietete mir von Zeit zu Zeit ein Cavallo samt seinem Patron und schickte beide, an dem Etappenort angekommen, wieder zurück, mir jedoch vornehmend, bei erster Gelegenheit ein Pferd anzuschaffen, da dessen Unterhalt auf dem Marsch wenig oder nichts kostete, indem man den berittenen Offizieren immer solche Quartiere zuteilte, bei denen sich Ställe befanden, wo dann dem Pferd in der Regel Gastfreundschaft erwiesen und dasselbe freigehalten wurde. Aber erst in Neapel konnte ich zu einem eigenen Satteltier kommen.
Nach acht Uhr des Morgens kamen wir in Modena an; auch diese alte Stadt liegt in einer schönen Fläche zwischen der Secchia und dem Panaro. Sie ist wohlgebaut, freundlich und auch reinlich gehalten; die meisten Häuser haben hier sowie zum Teil schon in Parma und Reggio und in fast allen größeren Städten Arkaden oder auf Säulen ruhende Bogengänge, welche sowohl gegen die Sonnenhitze als gegen den Regen schützen, so daß man auch bei dem schlimmsten Wetter, ohne naß zu werden, von einem Ende der Stadt zum anderen gehen kann, wie dies namentlich in Bologna der Fall ist, wo ich mich nicht entsinne, ein einziges Haus ohne Säulenhallen gesehen zu haben. Häufig sind diese jedoch sehr niedrig und haben dann ein düsteres Aussehen.