Part 30
Die Musik verhallte, der letzte Pas war gemacht, und ich führte die Signora an ihren Platz zurück, wo sie Negroni in Empfang nahm. Bei dieser Soiree befand sich auch Madame Grenet sowie viele andere Offiziersdamen der Garnison, welche die Konversazioni der genuesischen Familien in der Regel nicht besuchten, hauptsächlich weil sie den Aufwand der Toiletten scheuten, sich auch durch die mit Brillanten reich geschmückten Genueserinnen zu sehr in den Schatten gestellt sahen. Wer sieht schärfer als die Eifersucht? -- Madame Grenet, die ich bis jetzt fast ganz vernachlässigt und nur einigemal besucht hatte, mit der ich des Anstandes halber aber doch ein paarmal tanzte, hatte recht wohl bemerkt, wie sehr ich der schönen Marchesa den Hof gemacht, und sich bei einigen anderen Damen, die sie nicht kannten, nach dem Namen und den Verhältnissen derselben genau erkundigt. Ich hatte ihr einige Galanterien gesagt, die sie kalt genug aufnahm, und als der Tanz mit ihr zu Ende war, ignorierte ich sie für den Rest des Abends. Am nächsten Tage eilte ich wieder zur bestimmten Zeit in meine Musikstunde, ließ die Gitarre holen und fand zwei Zeilen darin, die mich warnten: >ich möge ums Himmelswillen vorsichtig und behutsam sein und mich nicht verraten, sonst könne großes Unglück entstehen<. -- Ein Billettchen, das ich morgens schon geschrieben und mit Schwüren und Versicherungen ewiger Liebe und Treue vollgeschmiert hatte, ließ ich auf demselben Wege wieder zurückgehen. Dieser Briefwechsel fand noch ein paarmal statt, und die Billette der Marchesa wurden etwas länger, zärtlicher und weniger ängstlich. In dem letzten derselben, etwa vier Tage nach dem Fest beim General, schrieb sie mir, ich solle mich diesen Abend ja _a due ore di notte_ (zwei Stunden nach Sonnenuntergang) an der Kirche der Karmeliter einfinden, wo ich mich der so sehr gewünschten Zusammenkunft endlich erfreuen und sie verkleidet finden würde. Auffallend war es mir aber, daß ich die Marchesa während der ganzen Stunde sowie beim Weggehen nicht einen Augenblick am Fenster gesehen hatte, da sie mich doch bei Guercino wußte. Ich schrieb dies indessen ihrer Verschämtheit wegen des zugesagten Rendezvous zu, erkundigte mich nach der benannten Kirche und erfuhr, daß dieselbe in dem entlegensten und einsamsten Winkel der Stadt, an deren Mauern liege. Auch dies schien mir natürlich, da ihr alles daran gelegen sein mußte, von niemand gesehen oder erkannt zu werden. Indessen waren wir in Italien, und ich wußte, wessen man sich hier zu versehen habe, wenn man Intrigen mit Frauen anknüpfte; noch vor wenigen Tagen war ein Artillerieoffizier bei der Heimkehr aus dem Theater von mehreren Banditen angefallen und lebensgefährlich verwundet, ein anderer sogar von einer Frau, mit der er ein Verhältnis gehabt und die er nachher vernachlässigte, in seinem Zimmer erdolcht worden. Ich fand deshalb für nötig, nachdem ich noch bei Tage den Ort des Rendezvous rekognosziert hatte und zur Ausführung eines Banditenstreiches vollkommen gut gelegen fand, meinen Burschen Louis gehörig bewaffnet mitzunehmen. Als die dennoch von mir mit großer Sehnsucht herbeigewünschte Stunde schlug, denn irgendein Abenteuer mußte es ja absetzen, sei es ein verliebtes oder blutiges, beide mir recht, eilte ich in Begleitung meines Bedienten an den bezeichneten Ort, hieß diesen sich ruhig in einen Winkel postieren und nur erst, wenn ich ihn beim Namen rufen würde, herbeizuspringen. Ich begab mich in die Kirche, in der ich keine Seele sah und nur hin und wieder düster brennende ewige Lampen erblickte. Ich setzte mich in einen Stuhl, die Ankunft meiner Madonna mit Ungeduld erwartend. Es mochte beinahe eine Stunde sein, daß ich da saß, und noch immer zeigte sich keine Marchesa, und auch sonst kein Mensch ließ sich sehen. Ich verlor die Geduld, ging vor die Kirche und wollte die Runde um dieselbe machen; aber noch hatte ich keine dreißig Schritte getan, als drei Kerls hinter einem hervorspringenden Mauerpfeiler auf mich stürzten, und einer von ihnen sagte: >_Eccolo, è costui!_< Schneller als der Blitz hatte ich jedoch meinen Degen aus der Scheide gezogen und mich _en garde_ gestellt; dies hinderte die Banditen nicht, mit ihren langen Stiletten bewaffnet auf mich einzudringen, und zwei derselben suchten mich im Rücken zu fassen, ich aber machte schnell eine Wendung, so daß ich mich mit dem Rücken an eine Mauer lehnen konnte, und hieb nun nach allen Seiten wie ein Rasender um mich, so daß keiner mir auf den Leib kam, zugleich rief ich: »_A moi Louis!_«, der nun auch mit gezücktem Säbel zusprang, und die drei vermummten Wichte ergriffen jetzt das Hasenpanier. Wir verfolgten sie zwar eine Strecke, verloren sie aber, nachdem sie um eine Straßenecke gebogen, aus dem Gesicht. Wahrscheinlich hatten sie sich in einen ihnen bekannten Schlupfwinkel oder in ein offenes Haus geflüchtet.
Dieser Streich brachte mich so sehr auf, daß ich auf der Stelle in die Wohnung des Marchese P... wollte, um dort Aufklärung über diesen Vorfall zu erhalten und Rechenschaft zu begehren; doch kühlte sich mein Blut mehr und mehr ab, während ich durch die engen Straßen der Stadt meinem Quartier zueilte, ich gab jetzt dies Vorhaben auf, faßte aber den festen Vorsatz, der Sache _à tout prix_ auf die Spur zu kommen, da ich die Stimme und Figur Negronis erkannt zu haben glaubte. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zutun und rannte fast mit Tagesanbruch in Guercinos Wohnung, um ihm den Vorfall mitzuteilen. Dieser aber empfing mich mit den Worten: »_Oh Signor mio che avete fatto, m'avete rese infelice son un uomo perduto._«
»Wieso, was ist Ihnen?« rief ich ganz erstaunt.
»Sie haben mich wider mein Wissen zum _Ruffiano_ gemacht, und der Marchese P... wird mich verderben.«
Ich suchte nun den alten Mann, dem die Tränen in den Augen standen, zu beruhigen, als auch seine Frau aus dem Nebenzimmer, und zwar nicht im reizendsten Negligé, heulend in die Klagen ihres Eheherrn einstimmend, trat und ihre Worte immer mit dem Refrain schloß: »Wir müssen so unschuldig leiden und haben gar nichts davon; ja, wenn wir noch etwas davon gehabt hätten!«
Ich gab mir alle Mühe, die beiden Alten möglichst zu beruhigen, indem ich ihnen versprach, daß ich alles wieder zu applanieren und gut zu machen wissen werde, und drückte der Frau einstweilen zwei Goldstücke in die Hand, ohne daß ich noch wußte, was hier eigentlich vorgefallen war. Der Zauber des Goldes hatte denn auch die Wirkung, daß beide Eheleute sogleich ruhiger wurden, ohne ein niederschlagendes Pulver zu nehmen, und jetzt imstande waren, meine Fragen vernünftig zu beantworten; ich erfuhr nach und nach den Zusammenhang der ganzen Geschichte, soweit sie solche betraf, woraus ich mir das übrige schon erklären konnte.
Nachdem ich den Maestro den Tag vorher verlassen, trug er wie immer die geliehene Gitarre zurück, die ihm aber diesmal nicht wie bisher die Marchesa, die er gar nicht zu sehen bekam, sondern der Cavaliere servente Negroni abgenommen hatte, worauf er sich empfahl. Bald darauf hatte ihn aber der Marchese P... wieder rufen lassen, und als er in dessen Zimmer trat, mit den Worten angeschnauzt: »Alter Kuppler, habe ich dich, dies soll dir nicht so hingehen!« worauf ihn der sich gegenwärtig befindende Negroni noch weit ärger heruntergemacht, geschimpft und beinahe tätlich mißhandelt habe. Er, von gar nichts wissend und nichts ahnend, habe lange vergeblich gefragt, um was es sich denn handle, und noch vergeblicher seine völlige Unschuld beteuert. Nach langem Hin- und Herreden und beständigem Drohen und Schimpfen habe ihm sodann Negroni das Billett gezeigt, das ich an die Marchesa geschrieben und das die Herren schon das vorletzte Mal in der Gitarre gefunden hatten, in dem ich die Signora P... auf das dringendste um ein Rendezvous gebeten. Sodann habe man ihn in ein entlegenes Zimmer des Palastes geführt, daselbst eingeschlossen und seiner Frau sagen lassen, sie möge diesen Abend nicht auf ihn warten, da er bis spät in die Nacht Musikstücke mit der Marchesa durchgehen müsse. Endlich aber habe man ihn nach fünf Uhr (elf nach unserer Uhr) in der Nacht wieder freigelassen mit der Deutung, daß, wenn er im mindesten schuldig befunden würde, er sich auf das Schlimmste gefaßt machen könne.
Ich tröstete den armen Teufel, so gut ich konnte, versprach ihm meine Hilfe in jeder Hinsicht, um ihm die ausgestandene Angst und den Arrest reichlich zu vergüten, ging vorerst wieder heim und kehrte zur gewöhnlichen Unterrichtsstunde zu Guercino zurück, dessen Frau ich einstweilen eine genuesische Quadruppia auf Abschlag des versprochenen Schmerzensgeldes gab, was machte, daß die guten Leute, alle ausgestandene und noch bevorstehende Gefahr vergessend, von der besten Laune beseelt wurden und die Frau zu mir sagte: »Aber warum haben Sie sich nicht an mich gewendet, ich hätte Ihnen die sichersten Mittel und Wege gezeigt, wie Sie die Signora hätten sprechen und ihr schreiben können, ohne daß man dahinter gekommen wäre; einem so großmütigen Herrn diene ich gern. Ich habe Bekanntschaft in dem Palazzo, die alte Wärterin der Marchesa ist meine intime Freundin und gilt alles bei der Signora, hätten Sie sich nur mir anvertraut ... jetzt ist die Sache wohl ziemlich verpfuscht, wenigstens weit schwieriger einzuleiten, doch wir wollen sehen, was noch zu tun ist ...«
Da ich die Alte so sprechen hörte, dachte ich: >Holla, du bist, was ich brauche<, und bat sie, vorerst nur zu erforschen zu suchen, wie die Sachen drüben ständen und wie man die Marchesa behandle. Sie versprach mir, womöglich schon den andern Morgen Nachricht deshalb zu geben, indem sie noch diesen Abend ihre Freundin zu sprechen suchen würde.
Daß ich in der Abendstunde meuchlerisch war angefallen worden, war schnell publik, und schon den andern Tag fragten mich die Generale, Chefs und andere Offiziere wegen den näheren Umständen, die ich ihnen mitteilte, dabei aber weislich die mir nun wohl einleuchtende Ursache des Anfalls verschweigend, und schob ihn dem allgemein bekannten Haß des Volkes gegen die Franzosen oder auch der Raubsucht zu; Düret aber, der mich kannte, setzte, mit dem Finger drohend, hinzu: »Und dem Haß gegen die Verführer ihrer Frauen.« Indessen mehrte sich durch diesen und einige ähnliche Mordanfälle die schon bestehende Erbitterung zwischen der Garnison und den Einwohnern noch bedeutend und wurde bald zu einem unversöhnlichen Haß.
Meine Musikstunden setzte ich nach wie vor fort, als sei nichts vorgefallen, was wohl das Klügste unter so bewandten Umständen ist, war aber, besonders des Abends, auf meiner Hut, wenn ich allein aus dem Theater oder von andern Orten nach Hause ging und ließ mir niemand zu nahe auf den Leib rücken.
Die Alte hielt Wort und konnte mir schon den nächsten Tag das Nähere mitteilen; sie hatte, um allen Verdacht ferne zu halten, durch eine dritte Person die alte Wärterin wissen lassen, daß sie sie zu sprechen wünsche, und diese sagte ihr noch denselben Abend ein Stelldichein in einer Kirche zu. Hier erzählte sie nun, daß der Gatte Toninas, der Taufname der Marchesa, ein Billett erhalten, in welchem man ihn vor mir gewarnt und mitgeteilt habe, daß ich seiner Frau nachstelle; dies habe er dem Negroni gezeigt, der, ohnedies schon durch das ofte Leihen der Gitarre aufmerksam geworden, beschlossen hätte, die Gitarre das nächste Mal zu untersuchen, in der er auch ein Billett von mir gefunden, worauf ihre Gebieterin in strenges Verhör genommen worden sei; da aber in meinem Briefchen glücklicherweise durchaus nichts gestanden, wodurch man auf ein Einverständnis zwischen uns beiden hätte schließen können, sondern ich mich im Gegenteil beschwert habe, daß sie grausam sei und mich so lange um eine einzige Zusammenkunft betteln lasse, so sei es der Signora nicht schwer geworden, sich, ihre Unschuld beteuernd, auf meine Kosten von dem Verdacht der Teilnahme frei zu machen, indem sie nichts dazu könne, wenn man ihr gegen ihren Willen Briefe auf diese Art heimlich zukommen zu lassen suche, die sie weder gelesen noch gesehen habe. Um aber ihre Unschuld zu beweisen, habe sie jenes Billett, wodurch ich in die Kirche gelockt wurde und das man ihr in die Feder diktiert, schreiben müssen. Im übrigen stünde jetzt alles so ziemlich im Hause wieder wie früher, nur dürfe sie sich nicht am Fenster blicken lassen, solange man mich bei Guercinos wisse, worauf man genau acht gebe; die Marchesa sei aber über das Verfahren ihres Mannes und Cicisbeos so aufgebracht, daß sie jetzt ihr Köpfchen aufgesetzt und geschworen habe, den beiden Herren eine Nase zu drehen, es entstehe auch daraus, was da wolle, sie müsse nun die nähere Bekanntschaft des jungen Offiziers machen. -- Echt italienisch. -- Für diese Nachricht bekam die Alte wieder ein Goldstück, und außerdem kam ich jetzt nie in das Haus, ohne ihr einige Kleinigkeiten für sie und ihre Freundin mitzubringen, um beide in guter Laune und mir geneigt zu erhalten, und war so immer _au fait_ von dem, was in der Wohnung des Marchese P... vorging. Signora Guercino gab mir die beste Hoffnung, meine Madonna bald allein und ungestört sprechen zu können: »Denn der Karneval ist vor der Tür,« setzte sie hinzu, »darum _allegro Signor Uffiziale_!«
Indessen war jetzt, gerade wo ich es am nötigsten bedurfte, meine Kasse schlecht bestellt, und ich sah den leeren Boden derselben; denn außer diesen Extraausgaben hatte ich auch ziemlich viel Geld im Spiel, wo ich meistens unglücklich war, verloren. Bansa zahlte mir meine bestimmte Zulage aus, aber mehr wollte ich von ihm nicht fordern, eine abschlägige, mir sehr empfindliche Antwort befürchtend. Aus dieser Geldverlegenheit riß mich Dantrace, der unterdessen auch Offizier geworden war und immer eine wohlgefüllte Börse besaß, die er mir schon einigemal angeboten hatte; er war sehr vergnügt, mir fünfzig Louisdor leihen zu können.
Mit Hilfe der Guercino und ihrer alten Freundin war jetzt eine regelmäßige Korrespondenz zwischen der Marchesa und mir in Gang gekommen, der Karneval hatte begonnen und die Masken ließen sich bereits in den Straßen und auf den Promenaden blicken. Eines Morgens, nachdem ich den Abend vorher die P... in einer Gesellschaft gesehen, aber weder mit ihr gesprochen noch getanzt hatte, indem wir nur verstohlen Blicke wechselten, um den Argwohn der Männer nicht neuerdings rege zu machen, empfing mich meine Alte mit triumphierender Miene und reichte mir zwei Billettchen mit den Worten: »Nun, Signor, blüht Ihr Glück; morgen sprechen Sie die Geliebte, und hier das anonyme Briefchen, das Ihnen bald den Hals gebrochen hätte.« Hastig durchlas ich beide, das erste enthielt die Bestätigung dessen, was mir die Guercino gesagt, und das andere, in sehr fehlerhaftem und gebrochenem Italienisch geschrieben, warnte den Marchese vor mir. Trotz aller Mühe, die man sich gegeben, seine Handschrift zu verstellen, erkannte ich dennoch die Hand der Madame Grenet in derselben. »Warte, das sollst du mir büßen, kleiner Satan,« rief ich im ersten Zorn aus, der sich jedoch bald wieder legte, indem ich mir sagte, daß ich doch manches Unrecht gegen sie begangen, und bald dachte ich an nichts mehr als an den kommenden Tag, der mich beglücken sollte. In dem Billett der P... stand, daß mir die Alte mündlich sagen würde, wie endlich unsere beiderseitigen Wünsche in Erfüllung gehen sollten, und diese teilte mir jetzt mit, daß sich die Signora am nächsten Tage in den Nachmittagsstunden, als eine alte Sybilla maskiert, in einer Portantina zu einer vertrauten Freundin würde bringen lassen, die bereits in unser Geheimnis eingeweiht sei und gerne die Hand biete, die beiden Männer zu prellen. Sie selbst aber, die Guercino, würde sich schon früher zu der nämlichen Signora verfügen, um dort einen ganz gleichen Anzug wie den der Marchesa anzulegen, in welchem sie mit jener Freundin maskiert durch die Straßen und Promenaden Genuas bis zur Abenddämmerung wandern würde. Negroni, welcher der Dame in der Portantina bis zum Haus der Signora Maretti, so nannte sich die Freundin, folgen möchte, aber dasselbe nicht betreten dürfe, was bei solchen Gelegenheiten gegen die Sitte sei, würde dann wahrscheinlich auch sie beide, seine Marchesa unter der Verkleidung der Guercino wähnend, auf allen Gängen verfolgen, während ich nun mehrere Stunden mit der wirklichen P... ungestört zubringen könne, jedoch nicht in dem Haus der Signora Maretti, wo die Marchesa nicht bleiben werde, da ich ohne Aufsehen zu erregen nicht in dasselbe gehen könne, weshalb sie sich abermals umkleiden und einen Mesero (ein Schleier von Baumwollenzeug, mit dem sich die Frauen aus geringerem Stande Kopf und Brust bis beinahe an die Knie bedecken, so daß fast nur die Augen frei bleiben, man weder Taille noch Arme sieht und ziemlich unkennbar ist) umhängen, und sich dann so verkleidet in die Wohnung der Guercino begeben werde, wo ich sie erwarten solle; ich dürfe aber, um allen Verdacht fern zu halten, erst dann in dasselbe gehen, wenn ich, in einem nahen Kaffeehaus aufpassend, gesehen, daß die Portantina und Negroni den Palazzo P... verlassen haben würden. Dieser Plan schien mir gut und mit großer Schlauheit ersonnen, und es bewährte sich wieder, daß nichts über Pfaffentrug und Weiberlist geht, doch nicht ganz gefahrlos, da ich fürchtete, Negronis Scharfblick möchte dennoch die Metamorphosen am Ende entdecken; aber die Alte beruhigte mich deshalb, indem sie mich versicherte, daß der gewählte Anzug einer betagten Wahrsagerin die Umrisse des Körpers vollkommen verberge, da man krumm und gebückt gehen und sich obendrein noch einen Höcker machen werde, so vermummt und eingehüllt daher ein Erkennen unmöglich sei. Anreden dürfe er sie auch nicht, wenigstens keine andere Antwort als durch Zeichen und Kopfnicken erwarten, und so stehe sie für den Erfolg ein. -- Sie sprach dies mit solcher Zuversicht, daß ich alles Vertrauen in die Schlauheit dieser Weiber setzte und nun jeden Pulsschlag bis zur Stunde, die mich beglücken sollte, zwischen der noch eine lange Nacht lag, in welcher ich beinahe kein Auge schloß, zählte. Endlich brach der heißersehnte Tag an, an dem das Abenteuer bestanden werden sollte, das mich seiner Sonderbarkeit halber schon mehr wie jedes andere reizte, weil es mit so viel Schwierigkeiten und Gefahr verbunden war und ich schon oft gezweifelt hatte, diesmal zum ersehnten Ziel zu kommen. Gleich nach der Parade warf ich mich in Zivilkleider, begab mich sodann in das bestimmte Kaffeehaus, keinen Blick von der Porta des Palazzo P... verwendend, und harrte mit ängstlicher Erwartung, ein Sorbetto nach dem andern verschlingend, dem Erscheinen des ersehnten Gegenstandes; es waren sicher schon drei Stunden verflossen, als sich endlich die Tore öffneten und die Portantina, die alle meine Wünsche in sich faßte, so wohl verwahrt, daß kein Blick den Inhalt derselben gewahren konnte, herausgetragen wurde, der Negroni unmittelbar folgte.
Als ich beide aus dem Gesicht verloren, begab ich mich in Guercinos Wohnung, von der er mir den Schlüssel übergeben, sich selbst entfernend, damit ich ganz ungestört sein sollte. Hier harrte ich nun abermals über eine gute Stunde, hinter einer Gardine lauernd, und sah manche Frauengestalt, in einen Mesero gehüllt, dicht an dem Haus vorübergleiten, jedesmal die Heißersehnte darunter wähnend. Wer je in dem Fall war, auf ein solches Rendezvous zu warten, wird wissen, was dies heißt und in welcher Aufregung, Spannung und in welchen Befürchtungen der Vereitlung man sich dann befindet. Jedesmal stampfte ich mit dem Fuß, wenn ich durch das Vorbeigehen einer solchen Gestalt enttäuscht war. Endlich aber schwebte mit leichtem Elfentritt ein Wesen heran, das mir das Herz ungestümer pochen machte, und wenn gleich tief verhüllt, doch einen ätherischen Wuchs und unnennbare Grazie zu verraten schien. Wenn es diese nicht ist, so ist es keine, dachte ich bei mir selbst; aber sie war es, denn kaum hatte ich ausgedacht, so schlüpfte sie auch schon zur Pforte herein, leisen Trittes die Treppe hinauf, ich machte die Stubentüre auf, öffnete beide Arme, sie fest zu umschlingen, aber man sträubte sich, und als ich recht zusah, war es -- die alte Guercino, die ich so feurig umfaßt hielt. Dies war zu toll: »Was soll das heißen!« rief ich zornig aus. »Hat man mich zum besten?« Aber die Alte lachte und sprach: »Nur nicht so bös, mein ungestümer Herr, es ist freilich arg, wenn man einen jungen Engel zu umarmen wähnt und dafür ein altes Weib umschlingt, aber nur ein klein wenig Geduld, der Engel folgt mir auf dem Fuß nach, und ich bin nur der Sicherheit wegen, um eine Überrumpelung zu verhüten, gekommen; wir haben es überlegt, daß es besser sei, wenn ich Wache halte, und eine andere Freundin der Signora Maretti spielt einstweilen statt meiner die Rolle der Marchesa-Sybilla.« Sie sprach wahr, denn kaum hatte sie ausgeredet, so trat eine zweite, in einen Mesero gehüllte Gestalt ein, und diesmal war es die rechte. Endlich lag Tonina in meinen Armen, und in endlosen Küssen sog ich ihren Atem in vollen Zügen ein. Die Alte verließ uns, ihren Lauerposten antretend, ich entschleierte die reizende Nymphengestalt vollends und trug sie küssend in das anstoßende Schlafzimmer Guercinos, wo ich ein paar unvergeßliche Stunden im höchsten Entzücken zubrachte. So war denn meine Ausdauer und Beharrlichkeit endlich gekrönt und Negroni an der Nase herumgeführt: denn während wir im Hochgenusse schwelgten und ich die rechte Sybilla im Arm hatte, lief der Cicisbeo der untergeschobenen mehrere Stunden durch alle Gassen nach, sie auch nicht eine Minute aus den Augen lassend; die beiden Damen führten ihn absichtlich in die ödesten und entlegensten Orte der Stadt und kehrten erst mit einbrechender Nacht wieder heim. Negroni hatte deren tolles, planloses Rennen verflucht, das ihn, der eben nicht besonders gut auf den Beinen war, sehr ermüdete.
Als sich Tonina endlich aus meinen Armen wand, nachdem wir uns über alles, was wir bisher gelitten und ausgestanden, unterhalten und ausgesprochen hatten und sie sich zum Weggehen anschickte, hatte es schon zu dämmern begonnen; sie warf den Mesero über und schlüpfte nach hundert Abschiedsküssen zur Türe hinaus, während ich ihr so weit als möglich mit den Augen folgte, sowie die Guercino in einiger Entfernung zu ihrer Sicherheit; ich warf mich dann erschöpft auf das Bett, auf welchem noch vor wenig Augenblicken die Engelsgestalt geruht hatte. Vor Ermüdung war ich in dem immer finsterer werdenden Zimmer eingeschlummert, als die Guercino zurückkam, mich weckte und auf mein schlaftrunkenes >_Chi è?_< erwiderte: »Nun, sind Sie zufrieden, nicht wahr, dies waren Götterstunden?« Ich beantwortete die naseweise Frage, indem ich ihr meine ganze Börse, etwa fünfzig Lire enthaltend, in die Hand drückte. Sie berichtete mir, daß die Marchesa wieder glücklich in das Haus der Maretti gekommen sei, nun bald in ihr eigenes zurückkehren und dann die Oper mit ihrem Cicisbeo besuchen werde. Ich beschloß, ebendahin zu gehen, nahm einen Platz in einer Gitterloge dicht an der Bühne, von der aus ich sie ziemlich unbemerkt beobachten konnte und ihr bisweilen eine verstohlene Occhiata zuwarf.
Da wir nun einmal so weit waren, so wiederholten wir dasselbe Manöver mit einigen Variationen, so oft es sich tun ließ, ohne Verdacht zu erregen. Die Marchesa wählte dann jedesmal ein solches Kostüm zu ihrer Verkleidung, das die Formen jeden Wuchses unkenntlich machte und für alle Gestalten paßte. Da indessen dieser wunderliche Geschmack ihrem Eheherrn und dem Cicisbeo bald aufgefallen sein würde, so zeigte sie sich in der Zwischenzeit und an den Tagen, an denen wir nicht zusammenkamen, in andern und sehr eleganten Maskenanzügen, in Begleitung ihrer Freundin und immer von Negroni verfolgt, in den Straßen, wo ich ihr dann häufig begegnete, öfters aber auch andere, mich intrigierende Masken verfolgte, von denen mir einmal ein paar Dinge sagten, welche mich in Erstaunen und Unruhe versetzten, da sie mein Verhältnis zu der P... betrafen.